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2 (1846) [Aus - Cal]
Entstehung
Seite
767
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Vürgertugend. 767

Briten. Freilich weiß Herr Vollgraff, freilich wissen die andern Gegner der Engländerin dem englischen Staatsleben viele Schattenseiten zu finden. Aber wo in der Welt, woin den herrlichsten Zeiten der Griechen und Römer finden sich diese nicht in menschlichenZuständen ; zumal wenn man den Blick nur auf die Cloaken der menschlichen Zuständerichten und nur rhetorisch übertriebene Klagen anhäufen will, wie Herr Vollgraff! Beiden Engländern vollends erscheinen die größten Mängel nicht als die Folgen und Beweisevon Gebrechen ihres sittlichen Volkscharakters, ihres politischen Gemeinstnns und der po-litischen Tüchtigkeit und Kraft ihrer Staatsverfassung. Sie sind vielmehr, so wie z. B.die große Ungleichheit des Grundbesitzes, wie die irländischen Verhältnisse, wie die durchjene Uebelstände und durch die Großartigkeit englischer Handels- und Fabrikverhältnisseveranlaßten theilweisen und zeitweisen Bedrängnisse der untersten Arbeiterklassen einestheilsFolgen des frühern Unglücks, daß England wiederholt von fremden Fürsten und Völkern,zuletzt von den Normannen erobert und das Land dabei jedesmal unter die Sieger vertheiltwurde, daß ferner das mit England unvermeidlich verbundene Irland, durch Verschieden-heit der Religion und des Volksstammes veranlaßt, bei der Unterstützung der freiheits-feindlichen Stuarts und der Verbindung mit den Franzosen, wiederholt der ganzenFreiheit und Selbstständigkeit der Engländer den gefährlichsten Krieg machte, und daß soauch in Irland unvermeidliche Kriegs- oder Eroberungs- und Unterdrückungsverhältnisseentstanden, und daß endlich so großartige Macht- und Handels- und Fabrik-und Reich-thumsverhältnisse wie die britischen unvermeidlich neben ihren großen Vortheilen, die sieallen Völkern zum Gegenstand der Bewunderung und des Neides machen, auch unvermeid-lich einzelne größere Schattenseiten mit sich führen, als dieselben bei ärmeren, schwächerenund kleinlicheren Verhältnissen eintreten.

Das aber fordert gerade doppelt zur Bewunderung des britischen Gemeingeistesund der britischen Freiheit und Verfassung auf, daß sie trotz dieser großen Hinder-nisse sich so kräftig und herrlich entwickeln und behaupten konnten, und daß jene Hinder-nisse und Mängel, statt als Ausflüsse und als Mängel der britischen Ver-fassung und Volksgesinnung betrachtet werden zu dürfen, vielmehrvermittelst derselben immer mehr gemildert, durch andere Güter undnamentlich durch die volle öffentliche Freiheit und den Gemeingeistunschädlich gemacht, ausgewogen oder beseitigt wurden.

Darf etwa der britische Arbeiter, gesichert vor persönlicher Mishandlung, vor will-kürlicher Polizei- und Strafgewalt, so oft er will, mit Stolz Antheil nehmend an den bri-tischen freien Affociations-, Volksversammlungs-, Petitions- und Preßfreiheitsrechten,verglichen werden mit rechtlosen griechischen und römischen Sklaven ? Ist er nicht auchals Armer in ungleich weniger erniedrigenden Verhältnissen und selbst besser versorgt, undim Fall der Auswanderung besser unterstützt und geschützt als die Armen aller übrigenVölker ? Darf man aber, wenn die englische Freiheit allen Menschen der bewohnten Erde,Armen wie Reichen, Bösen wie Guten, gestattet, ohne Paß und ohne Heimathsscheinund ohne Erlaubniß, ohne Möglichkeit einer polizeilichen Ausweisung England zu betreten,zu durchreisen, seine Städte zu bewohnen, in ihnen zu arbeiten und sich Geld zu verdienen,die englische Nation wegen ihrer Gestattung dieser unschätzbaren großartigen Freiheit, diemit allen Fremden auch die Bürger von unsäglichen polizeilichen Beschränkungen undMishandlungen befreit, verantwortlich machen, auch alle verarmten Ausländer gut zuernähren?

Wie sehr verschwinden überhaupt so manche seichte Deklamationen über einen vor-zugsweisen englischen Egoismus, ihres Egoismus besonders in ihrem Verhaltniß gegen Aus-wärtige, wenn man die Engländer mit Welt- und Geschichtskenntniß den übrigen Völkernder Erde vergleicht, selbst den besten in ihren besten Zeiten ! Wie oft sind diese Klagennur mitleidswerthe Unmuthsäußerungen über unsere eigene Kraftlosigkeit, über unserejammervolle und unpatriotische Politik, die uns nicht zur eigenen Erwerbung und Be-hauptung unserer Vortheile und Rechte kommen lassen. Freilich beeinträchtigt uns überallenglische Klugheit, Concurrenz und Ueberflügelung. Aber Ivo ist die Schuld ? Wo dierechte Hilfe? Als die guten Deutschen in jenen herrlichen Zeiten deutscher Städkefreiheit