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Bürgertugend.
die Collisionen des Staatslebens mit der individuellen menschlichen Freiheit, Sittlichkeitund Bestimmung, mit den allgemein menschlichen völkerrechtlichen und mit den besondernkirchlichen Bestrebungen und Vereinen sowie mit allen untergeordneten Vereinen, also mitder Familie, der Gemeinde, Zunft u. s. w-, zu verhindern und zu schlichten. Darüberaber kann natürlich hier nicht gehandelt werden. (S. Staatsverfassung.) Aber klarist es schon nach dieser Natur und Aufgabe des Staates und seines Verhältnisses zu denübrigen Bestrebungen und Vereinen der Menschen, daß die jener wahren Staatsweisheitgemäß ausgefaßte sittliche muthvolle und Alles aufopfernde Bestrebung für das bürger-liche Gemeinwesen, oder daß Bürgertugend die höchste Tugend, daß die höchstePflicht die der Aufopferung und des Todes für das Vaterland ist. Klarist es, daß eine dem höchsten Wohl und Gesetz des Staates, daß eine der Bürgertugendwiderstrebende und verderbliche Bestrebung für untergeordnete individuelle oder Vereins-zwecke verkehrt, selbstsüchtig und unsittlich ist. So erkannten es stets die freien gesittetenVölker an. Ja, wenn man andere Pflichten, etwa die für religiös kirchliche Lebensauf-gaben oder die für die Familie, der Bürgertugend als höhere stärkere Pflichten entgegen-setzen wollte, so widersprächen dem die Gesetze und öffentlichen Anerkennungen aller civi-lisirten Völker und auch der Deutschen. Bezweifelt man es denn, daß es Pflicht für jedenBürger, für jeden Familienvater und jeden Familiensohn sei, bei der staatsgesehlich ein-tretenden Pflicht der Vaterlandsvertheidigung derselben Gesundheit und Leben und mitihnen alle anderweitigen Bestrebungen und Pflichterfüllungen unterzuordnen und auf-zuopfern? Bezweifelt man das Recht der Staatsgesetzgebung, in verfassungsmäßigenWegen alle Bestrebungen der Bürger, soweit sie dem Staatszweck und Gesetz widersprechen,zu verbieten und die ihm durch dieselben entstehenden Verletzungen nötigenfalls selbst mitdem Tod, also ebenfalls mit der Zerstörung jeder weiteren Bestrebung für andere Zweckezu bestrafen und zu verhindern ? Jeder würdige Mann und jede würdige Frau aus demVolke würde in der Gefahr des Vaterlandes selbst die Pflicht des Gatten, des Familien--vaters und Familiensohnes, des Versorgers der ganzen Familie anerkennen, wenn sie indem Heere der vaterländischen Krieger aus gefährlichem Posten stehen, denselben pflicht-mäßig zu vertheidigen, statt etwa durch feiges Ausreißen der bedrängten Familie einen ge-,unden Vater und Sohn, einen unentbehrlichen Versorger zu erhalten. Sie würden hierübereinstimmen mit den spartanischen Müttern und' den altdeutschen Frauen, die in derSchlacht ihre wankenden Gatten und Söhne zum todesgefahclichen Kampf ermuthigten,die feig fliehenden verachteten, die muthigen priesen.
Die aber im Kriege gilt, warum sollte dieselbe heilige Pflicht nicht auch in den oftnoch wichtigeren und schwereren Kämpfen im Frieden — die, welche in Beziehung auf diehöchsten Opfer und Gefahren der wichtigsten Güter gilt, warum sollte diese nicht bei Ge-ringerem gelten?
Aber freilich ganz im Widerspruche hiermit haben manche Völker, haben insbesonderewir unglücklichen Deutschen, es hat unser deutsches Spießbürgerthum in den verdorbenenZuständen priesterlicher, aristokratischer und absolutistischer Unterdrückung und des Zerfallsunseres deutschen Staatslebens durch sie, ganz entgegenstehenden Gesichtspunkten die Herr-schaft über sich eingeräumt.
Braucht man weitläufig auszuführen die fceiheits-, rechts- und vaterlandsseind-lichen Bestrebungen, die hochverrätherischen, die königs- und brudermörderischen Unter-nehmungen der durch aristokratischen Kastengeist und durch Pciestertrug und Religions-fanalismus Unterdrückten und Verleiteten, die unglückseligen, die Religion und Sittlichkeitschändenden, das Vaterland verderbenden Ketzerverfolgungen und Religionskriege, den schau-dervollen dreißigjährigen mit einbegriffen! Sie haben wahrhaft das Vaterland geschändet,um Wohlstand, Ehre, Freiheit und Sicherheit gebracht und vielfach überhaupt diesittliche und geistige Gesundheit des Volkes geschwächt und verdorben. Und auch die Ge-schichte vieler anderen Völker läßt uns über die wahren Quellen unserer Gesunkenheit undso tausendfachen Unglücks keinen Zweifel. Sehen wir nicht vor unseren Augen die einst sokräftige Nation der Polen, ein Volk von zwanzig Millionen Menschen, jammervollunterdrückt und zerrissen und immer nur in verzweifelten Rettungskämpfen sich verblutend,