Zweites Kapitel: Spezielleres zur Ästhetik einfacher Formen. 247
bestimmten Linie die Frage, ob solche Unterordnung mir ohneRest gelingt, ob mir die Formen aus den in ihnen selbst ge-gebenen Kräften oder Tätigkeiten nach mechanischer Gesetz-mäfsigkeit begreiflich werden. Gesetzt, dies ist der Fall, dannerst sind die Formen in Wahrheit in sich selbst mechanischgesetzmäfsig. Und dann sind sie frei. Und diese Freiheit istihre Schönheit.
Bei diesem Begriff der Freiheit müssen wir aber einenAugenblick verweilen. Ich fühle mich selbst frei, wenn in mirder Grund meines Tuns liegt, wenn in meinem Tun das, was inmir ist, durch nichts Fremdes gehemmt sich auswirkt. So istauch die räumliche Form frei, in welcher das, was in ihr liegt,ungehemmt sich auswirkt. Dies heifst aber, dafs die in ihrselbst liegenden Kräfte ihrer eigenen Gesetzmäfsigkeit gemäfssich auswirken.
Diese Kräfte sind, sofern sie der Form als Einheit zu-kommen, nicht einem Stück derselben, Lebensmöglichkeitenund Lebensbetätigungen eines Individuums, eines einzigenvon mir eingefühlten Ich. Es ist also die Freiheit der Formdie von mir in die Form eingefühlte Freiheit eines Individuums,und im letzten Grunde Freiheit des Individuums, das ich „michselbst“ nenne.
Dabei ist doch Eines immer festzuhalten: Das erste Funda-ment der Einfühlung ist dies, dafs ich überhaupt betrachtendin der Form bin. Und ich bin, wenn die Einfühlung eine voll-kommene ist, betrachtend ganz darin. Ich bin also in derEinfühlung nicht dies reale Ich, sondern bin von dieseminnerlich losgelöst, d. h. ich bin losgelöst von allem dem, wasich aufser der Betrachtung der Form bin. Ich bin nur diesideelle, d. h. dies betrachtende Ich. Als solches also fühle ichin der Form mich frei, und lebe in ihr frei mich aus.
Und soweit nun diese Einfühlung besteht, sind Formenschön. Die Schönheit räumlicher Formen ist dies mein „ideelles“freies Sichausleben in ihnen. Dagegen ist die Form häfslich,wenn ich dies nicht vermag, wenn ich mich in der Form oderin ihrer Betrachtung innerlich unfrei, gehemmt, einem Zwangeunterliegend fühle.