328 Die zweite Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
freundschaftlichen Charakter angenommen, der zwischen Bismarck und Simson silange Jahre und bis zum Ende bestanden hatte. Schon der Ursprung Forcken-beck's aus der Fraktion Jung-Lithauen machte ihn in den Augen des Kanzlersverdächtig; und dabei dieser energische, schroffe Charakter mit dem Jupiterkopf!
Nach der Sitzung, in der Forckenbeck das Präsidium niedergelegt hatte, berietenalsbald die Fraktionen über die bevorstehende Präsidentenwahl. In der deutschenReichspartei riet der Abgeordnete Graf Wilhelm Bismarck, mit dem Centrumein Kompromiß eiuzugehen, welcher Antrag jedoch kurzsichtigerweise abgelehutwurde, da die Fraktion sich der Hoffnung hingab, den ihr angehörigeu Vize-Präsidenten als Präsidenten durchzubringen?). Diese Kombination scheiterte aber,und es wurde zum erstenmal seit dem Bestehen des Reichstags der Präsidentvon der konservativen Fraktion gestellt; Herr von Seydewitz war der Erwähltes.Derselbe war in geschäftlicher sowohl wie auch angenehmer persönlicher Beziehungzum damaligen Ministerpräsidenten von Bismarck schon als Landeshauptmannder Oberlausitz zu der Zeit getreten, als es sich darum handelte, die durch dieneue Grundsteuer-Gesetzgebung vom Jahre 1861 wesentlich berührten öffentlichenVerhältnisse der Oberlausitz ohne Schädigung derselben zu regulieren; das Ent-gegenkommen des Ministerpräsidenten führte zu einem erwünschten Abschluß undvon Seydewitz war ihm mit dem von ihm damals vertretenen Landesteil zu auf-richtigem Dank dafür verpflichtet. Seydewitz war von Haus aus Mitglied derkonservativen Fraktion, und viele Jahre zum Teil leitendes Mitglied im Vor-stände derselben. In näheren Verkehr trat derselbe jedoch mit dem Fürsten Bis-marck erst, als er zum ersten Präsidenten des Reichstags gewählt wordenwar. Er fand im Hause fast allseitige Unterstützung, und besonders erleichterteihm Fürst Bismarck die Erfüllung seiner Ausgabe. Natürlich war Seydewitznach der Wahl zum Präsidenten des Reichstags aus der Fraktion ausgeschieden,
y Im Jahre 1890, als der Präsident des Reichsgerichts Simson seine Versetzung in denRuhestand beantragte, schrieb die „National-Zeiiung": Es war bezeichnend für die feineEmpfindung, welche Fürst Bismarck allezeit für die politischen „Imponderabilien" gehabt hat, daßer 1879 Simson bewog, trotz seines Alters, auf welches dieser abwehrend hinwies, das Präsi-dium des Reichsgerichts zu übernehmen, obgleich gerade damals die Wege des Kanzlers undder nationälliberalen Partei, zu deren verehrtesten Mitgliedern Simson immer gehört hat, sichtrennten; Fürst Bismarck empfand die Notwendigkeit, an die Spitze des Reichsgerichts fürdessen erste Periode nicht bloß einen hervorragenden Juristen, sondern einen Mann zu stellen,der zugleich einen Namen von national-politischer Bedeutung trug.
2) Bei der Wahl des Vize-Präsidenten nach der Niederlegung der Vize-Prüsidentenstelleseitens des Freiherrn von Stauffenberg wurde demnächst am 24. Mai doch der Centrums-Kandidat Freiherr von Franckenstein gewählt.
3) von Seydewitz, Otto Theodor, Ober-Präsident der Provinz Schlesien, Kurator derUniversität Breslau, Besitzer von Reichenbach O.-L. und Diesig, wohnhaft zu Breslau. Geborenden ll. September 1818 zu Gr. Badegast (evangelisch-lutherisch). Landrat des Görlitzer Kreises,hierauf Landeshauptmann und. Landesältester der preußischen Oberlausitz, Vizelandtags-Marschallvon Schlesien, Vorsitzender des Schlesischen Provinzial-Ansschusses, Mitglied aller Reichstagevom konstituierenden an bis 1884.