826 Die zweite Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstag?
gliedern anheimgegebenen, in dem Berichte selbst ihre abweichenden Ansichten zumAusdruck zu bringen.
Die Kommission hat es nicht als ihre Aufgabe betrachtet, darüber Unter-suchungen anzustellen, welche Folgen für die Finanzen des Reichs ihre Anträgevoraussichtlich haben würden. Ehe diese Anträge sich zu Beschlüssen gestaltethaben, hätte jede Zahlenangabe lediglich die Bedeutnug einer Vermutung gehabt;dabei wäre eine Ausstellung des voraussichtlichen Zollertrages bedingt gewesendurch eine mühsame, zeitraubende Erhebung vielfacher denselben bedingenden that-sächlichen Verhältnisse.
Die Kommission hat sich darauf beschränkt, die Fassung der einzelnen Posi-tionen des Tarifs zu redigieren und die Zollsätze vorzuschlagen; sie hat sich hier-bei selbstverständlich zur Aufgabe gemacht, den inneren Zusammenhang zu be-rücksichtigen, in welchem die einzelnen Teile des Tarifs zu einander stehen. Hier-bei mußte sie zwar die sich ergebenden zolltechnischen Fragen in Erwägung ziehenund berücksichtigen, sie hielt es aber für ihre Aufgabe nicht, über die Art An-träge zu stellen, sondern hat diese den Erwägungen an anderer Stelle anheim-geben zu sollen geglaubt."
Am 4. April 1879 legte Fürst Bismarck den von ihm betriebenen Zolltarif-Gesetz-Entwurf dem Reichstag vor. Am 16. April 1879 referierte Lohren überdiesen Entwurf im Verein für deutsche Volkswirtschaft und zwar speziell überdie Gruppe Landwirtschaft st, und er kam hier zu dem Ergebnis, daß dieLandwirtschaft noch eines höheren Zollschutzes bedürfe, als der vor-liegende Tarif vorgeschlagen hattest. „Soll Deutschland seine „Unab-hängigkeit" nicht verlieren, so muß der für seine Bevölkerung notwendige Bedarfan Rohstoffen zur Bekleidung, sowie an Getreide zur Ernährung im Lande selbsterzeugt werden, wie es Jahrhunderte lang gewesen ist. Diese Unabhängigkeitvom Auslande in der Brotversorgung ist die erste Bedingung stabiler Entwickelungdes Staats- und Volkslebens eines großen Reiches."
Lohren hatte wohl die geistige Kraft und die Energie, die Tarifreform nachseinen Gedanken zu formen, aber nicht die Gesundheit, auch noch in den Bureausund in der Presse für sein Werk zu agitieren. Den Verkehr zwischen ihm undBismarck vermittelte Ehrenfried Hessel, welcher beim Kanzler wiederholt verkehrteund dessen Entschließungen auf Lohren's Vorschläge entgegennahmst.
9 Abgedruckt ist das Referat in dem Lohren'schen Werke: „Das System des Schußesnationaler Arbeit", Potsdam 1880, S. 112; des. zu vergl. S. 128—134.
9 Sie hat ihn bekanntlich später auch erreicht.
9 Über die Haltung des Oberbürgermeisters I)r. Miguel in der Frage der Eisenzölle vergl.den Leitartikel der „Vossischen Zeitung" vom 11. Februar 1879, Nr. 44. Am 7. März 1879zog Bismarck den Reichstagsabgeordneten Or. von Schwarze ans Dresden mit einer Deputationans Sachsen zur Familientafel. Die gedachte Deputation hatte im Kanzlcrpalais vorher einemit 300000 Namen bedeckte Adresse aus dem Königreich Sachsen überreicht, alles Personendie Bismarck ihre Dankbarkeit für seine Reformpolitik ausdrücken wollten. Sowohl währendder Tafel als nach derselben sprach sich der Kanzler in ebenso freimütiger als eingehender Weiseüber die schwebenden Zoll- und Steuerfragen aus.