1876
315
redung mit dem Reichstagsabgeordneten Freiherrn von und zu Franckenstein^.Es rührt darüber folgende Auszeichnung von der Hand des Freiherrn vonFranckenstein her:
Nachdem der Reichskanzler Fürst Bismarck sich entschuldigt hatte, mich amSonntag nicht haben empfangen zu können, da er nicht mehr schlafen könne,außer von 5 Uhr morgens bis 11 Uhr mittags, eine Folge der schlechten Ge-wohnheit, die er früher angenommen hat, die Nacht durch bis in den Morgenhinein zu arbeiten, sprach er mir die Befriedigung aus, daß eine Annäherungzwischen dem Centrnm und den Konservativen stattgefunden habe, und bemerkte,hierzu den Konservativen gegenüber das seinige beigetragen zu haben.
Hierauf begann er mit der Erklärung, kein Kulturkämpfer von Passion zusein, und behauptete, daß die Veranlassung des Kulturkampfes die Bildung einerkonfessionellen Partei im Reichstage, vornehmlichst aber das Zunehmen des pol-nischen Elements in Posen und Oberschlesien, gefördert durch den Klerus derDiözese Posen-Gnesen, gewesen sei. Er, der Reichskanzler, habe darüber mehr-fach mit dem seligen Bischof Ketteier in Mainz sich besprochen, und habe leiderdenselben nicht vermögen können, Erzbischof von Posen zu werden. Zn wahr-haft erschreckender Weise sei das deutsche Element zurückgedrängt worden, in vielenGemeinden, in welchen noch vor kurzer Zeit Deutsche gewesen seien, seien nun-mehr gar keine mehr, und dieses Zurückdrängen des Deutschtums sei namentlichvon der Kanzel und in der Schule durch die Geistlichkeit gefördert worden. Ersei gezwungen gewesen, um in der Schule die deutsche Sprache zu erhalten unddeutsche Gesinnung zu verbreiten, das Schulaufsichtsgesetz den preußischen Kammernvorzulegen. Da habe nun die konservative Partei, seine ehemaligen Freunde,den erbittertsten Kampf gegen ihn zu führen begonnen. Sein bester Freund habegeradezu republikanische Gesinnungen manifestiert; mit dem Bruder seinerSchwiegermutter, Herrn von Kleist-Retzow, der ihm so eng befreundet war, habeer brechen müssen. Auch die „Kreuzzeitung", sein früheres Organ, habe eineReihe von Schmähartikeln gegen ihn erscheinen lassen. Die Motive der ge-nannten Herren seien, was ich kaum verstehen würde, den Gefühlen des Neideszuzuschreiben, und zwar wegen der ihm gewordenen Dotationen. Er habe dieseHaltung des preußischen Adels, der seit vier Jahrhunderten durch dasselbeHerrscherhaus regiert worden sei und diesem Hause in den vielen Kämpfengegen Polen gedient habe, nicht begreifen können, so gut er begreife, daß dersüddeutsche Adel, der bis zum Beginn dieses Jahrhunderts unabhängig war,leicht geneigt sei, seinen jetzigen Souveränen oppositionell entgegen zu treten.Dieses Bekämpftwerden durch die konservative Partei habe ihn vermocht, bei der
h Freiherr von und zn Franckenstein, Georg Arbogast, l. Präsident der bayer.Kammer der Reichsräte, Grotzkanzler des bayer. Hausritterordens vom HI. Georg; UUstadt beiLangenfeld, Mittelfrankeu. Geb. 2. Znli 1825 zn Würzbnrg (röm.-kath.). Sind, auf der Uni-versität München. Mitglied der bayer. Reichsratskammer seit dem Jahre 1847, des Zoll-parlaments für den Wahlkreis Eichstätt, seit >872 des Reichstags für den Wahlkreis Lohr.Gestorben am 22. Januar 1890.