282 Die erste Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
waren, nur drei Sitze verloren, neun gerettet. Nach den Stichwahlen zähltendie Konservativen und Freikonservativen zusammen 115, die Nationalliberalenmit ihrem Anhang 107, der Fortschritt mit seinem Anhang 27, das Centrum94, die Welsen 10, Polen 15, Protestler 11, Sozialdemokraten 9, die Volks-partei 5 Abgeordnetest.
Ans nationallibcraler Seite wurde um diese Zeit vielfach die Parole aus-gegeben, der Kanzler habe sich neuerdings von den Nationalliberalen getrenntund sich der Reaktion zngewandt
„Ich habe," so sagte Bismarck im Januar 1881, als er mit Moritz Buschjene auch von Bamberger erhobenen Klagen und Vorwürfe besprach, „seitich Minister bin, niemals einer Partei angehört, weder der liberalen noch derkonservativen; der König war mein einziger Fraktionsgenosse, und meine einzigenZiele waren Verteidigung der monarchischen Gewalt gegen verfassungswidrigenParlamentarismus und Herstellung, Kräftigung und Weiterausbildung des Deut-schen Reichs. Die Konservativen waren, soweit sie Reaktion wollten, immergegen mich, weil ich keine wollte. Sie erinnern sich an die Stellung, welche die„Kreuzzeitung" 1872 und später, zur Zeit der großen Verleumdungen (durch JoachimGehlsen's „Reichsglocke" und die sie läutenden Junker) mir gegenüber einnahm.Da haben sie sich von mir losgesagt und mich mit allen möglichen Mitteln an-gegriffen, weil ich nicht mit ihnen gehen konnte. Ganz ähnlich aber war es1877 mit den Nationalliberalen. Als das Ministerium Bennigsen nicht zu ständekam, weil der Unmögliches verlangte und andrerseits der Kaiser ihn nicht wollteund weiteres Verhandeln mit ihm ausdrücklich verbot, ließen sie mich im Stiche,sagten sich von mir los und redeten mir allerhand Unwahrheiten nach. In derKammer aber haben sie mich von da an nur lau oder gar nicht unterstützt undbei meinen Kollegen, den Ministern, Anlehnung gesuchtst."
Bei den Neuwahlen zum Reichstag gab es zwei Abgeordnete, für derenWahl sich Fürst Bismarck interessierte. Der eine war der Amtsrat Dietze-Barbh st,der andre sein jüngster Sohn Graf Wilhelm Bismarck.
Am 10. August 1878 erließ der Landrat Stielow in Quedlinburg folgendeBekanntmachung: „Der Herr Reichskanzler Fürst Bismarck hat mich durch Tele-gramm vom heutigen Tage zu der öffentlichen Erklärung ermächtigt, daß er es
st Hans Blum „Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks", S. 273st Zu ähnlichem Sinne äußerte sich Fürst Bismarck am 1t. Zuli 1890 in Friedrichsruhdem Herausgeber des „Frankfurter Journals" Julius Ritterhaus gegenüber. „Mit den National-liberalen habe ich mich meist gut vertragen. Es ist mir das Wort in den Mund gelegtworden: ich hätte sie einmal an die Wand gedrückt, bis sie quietschten. Dieser Satz ist mirniemals in den Mund gekommen; nie habe ich einen derartigen Ausdruck gebraucht. Er istmir gar nicht geläufig; er entspricht so wenig meinem Fühlen und Denken, daß er mir un-sympathisch, ja geradezu ekelhaft ist. Dem Sinne nach aber haben die Nationalliberalen seinerZeit mit mir so verfahren wollen: mich wollten sie au die Wand drücken; mir wollten sie dieMacht ans den Händen winden."st Vergl. oben Seite 49.