260 Die zweite Session der 111. Legislatur-Periode des Reichstags
sächlich aus dem Tabak schaffen, entweder durch Einführung der Fabrikatsteueroder durch das Monopol, welch letzteres sich am ineisten empfehlest.
Mit handelspolitischen Vorlagen wurde der Reichstag in dieser Session nochnicht besaßt; wir sind aber gleichwohl bereits bei dem Zeitpunkte angelangt, dadie Zolltarif-Reform die erste greifbare Gestalt annahm. Dabei ist cs bezeichnend,daß die beiden wichtigsten Vorarbeiten des neuen Zolltarifs das Licht der Weltnicht in den Ministerialbüreaus erblickten, vielmehr das Resultat der Privatarbeitvon Reichstagsabgeordneten waren. Ich habe hierbei im Auge den von demReichstagsabgeordneten vr. Hermann Grothe st gemeinschaftlich mit dem Re-giernngsrat Beutner ausgearbeiteten autonomen deutschen Zolltarif st und dem vondem Abgeordneten A. Lohrenst ausgearbeiteten „Entwurf eines Zolltarifs für land-wirtschaftliche Produkte st." Dieser letztere Entwurf wurde am 15. Februar 1878durch A. Niendorf im Kongresse der Steuer- und Wirtschastsreformer eingebracht.Lohren sollte denselben selbst dort verteidigen; er lehnte jedoch ab, dieser Ein-ladung zu entsprechen. Die Versammlung beschloß, den Entwurf ihrem Ausschüssezu überweisen, . und letzteren zu ermächtigen, durch Hinzuziehung von Fachleutensich zu verstärken st.
Am 5. März 1878 wurde der revidierte Zolltarif-Entwurf von dem Ausschußdes Vereins der Steuer- und Wirtschastsreformer dem Fürsten Bismarck und demReichstag übermittelt st.
st „Post"-Artikel deS Freiherrn von Varnbüler vom l. März 1878, Nr. 59. Vergl. auchdessen fernere Artikel in der „Post" vom 9. April 1878, Nr. 98: „Zur Einführung und Ver-waltung der Tabaksregie" (von Varnbüler empfahl hier für Deutschland die Einführungdes Tabakmonopols mit Regie durch das Reich) und vom 2. Mai 1878, Nr. 119, „Die vorgeblichenNachtseiten des Tabakmonopols" (Polemik Varnbüler's mit der Nr. 195 der „National-Zeitung")-st Grothe, Hermann, I)r. glnl, Ingenieur und General-Direktor in Berlin. Geborenden SO. März 1839 zu Salzwedel (evangelisch). Ingenieur für Fabrikbauten, Dozent dermechanischen Technologie (1868— 1873) und der Königlichen Gewerbeakademie zn Berlin, Ans-stellungskommissar und Berichterstatter (prim und offiz.), Redakteur der „Polyt. Zeitung". Ver-fasser mehrerer volkswirtschaftlicher Schriften (nat.-lib., in wirtschaftlichen Fragen gemätzigt-schutzzöllnerisch).
st Der volle Titel desselben (März 1878 im Drucke erschienen) lautet: Revidierter Ent-wurf eines autonomen Zolltarifs für das Deutsche Reich. Im Auftrag und auf Grund derBeratungen und Beschlüsse des Central-Verbnndes deutscher Industrieller ausgearbeitet vonllr. Hermann Grothe, Ingenieur und Reichstagsabgeordneter, und G. F. Beutner, Negiernngsrata. D. Berlin 1878. Druck von F. A. Günther Sohn, Berlin,st Vergl. oben S. 217.
' st Am 30. Dezember 1877 übersandte Lohren diesen Entwurf dem Fürsten Bismarck miteinem längeren Begleitschreiben, welches sich abgedrnckt findet in Lohren's Werke „Das Systemdes Schutzes nationaler Arbeit". Potsdam 1880, S. 80-89.
st Vergl. den Bericht über die Verhandlungen der General-Versammlung der Vereinigungder Steuer- und Wirtschaftsreformer zu Berlin am 14. und 15. Februar 1878. Berlin 1878.S. 40 und 45.
A. a. O. S. 85.