220 Die II. Legislatur-Periode des deutschen Reichstags
Reichstagsabgeordnete fanden, welche sich entschlossen, mit Bismarck über diekünftige Organisation ihres Landes in Benehmen zu treten. Ehe wir ans dieseVerhandlungen näher eingehen, soll zuvor erörtert werden, welche Versuche schonbisher gemacht worden waren, um das staatsrechtliche Verhältnis der Reichslandezu ordnen; denn lange Zeit nach der Annektierung von Elsaß-Lothringen bliebes zweifelhaft, was daraus werden sollte: ob Reichsland oder ein richtigerBundesstaat, oder ob es als preußische Provinz, oder unter mehrere Bundes-staaten verteilt, als selbständiges Ganzes vollständig verschwinden sollte.
Schon bald nach dem Kriege hatten sich zu verschiedenen Malen Deputationenvon Elsässern nach Berlin begeben, Vertreter der Handelskammern und nament-lich zwei von den Notabelnversammlungen von Kolmar und Straßburg im Jahre1871 an den Reichskanzler delegierte Abordnungen'). Auch waren namhaftePersönlichkeiten aus dem Elsaß aus eigenem Antriebe und in eigenem Namenverschiedentlich dem Reichskanzler näher getreten, um auf Grund persönlicher Be-ziehungen oder Empfehlungen mit dem Fürsten die Lage zu besprechen.
Diesen Versuchen einer Anbahnung voll persönlichen Beziehungen zur deut-schen Regierung und zum Reichskanzler stand die öffentliche Meinung in Elsaß-Lothringen im Anfänge nicht, wie dies später der Fall ward, feindlich oder übel-wollend gegenüber; man hatte allgemein das Gefühl, daß dieselben nötig seien,wollte man sich eben nicht auf den verderbenbringendeil Standpunkt des „inUnterjochung seufzenden eroberten Landes" stellen. Man erinnerte sich daran,daß schon der Chef der Exekutivgewalt in Frankreich, Thiers, als die elsässischenDeputierten der Nationalversammlung in Bordeaux mit der Bitte an ihn herau-traten, bei den Verhandlungen des Friedensvertrages gewisse Zugeständnisse fürdie abgetretenen Provinzen zu verlangen, denselben geantwortet hatte, sie möchtensich nichl an ihn, sondern an den Fürsten Bismarck, bei welchem allein fürderhindie elsaß-lothringischen Interessen zu verhandeln seien, wenden.
Unter den von den Notabelnversammlungen von Kolmar und Straßburgnach Berlin abgesandten Abordnungen befanden sich auch zwei ehemalige De-putierte, welche in der Nationalversammlung von Bordeaux den Protest gegendie Annexion mit unterzeichnet hatten, und welche nun, nach vollendeter That-
nichts übrig, als diese Landesstriche mit ihren starken Festungen vollständig in deutsche Gewaltzu bringen." Den Bewohnern dieses deutschen Festnngsgebietes aber wurde zu gleicher Zeit dieVersicherung zuteil: „Wir sind im stände, ihnen einen viel höheren Grad von kommunaler undindividueller Freiheit zu bewilligen, als die französischen Einrichtungen und Traditionen diesje vermochten." Dein letzteren Satze fügte der Reichskanzler dann noch die erläuternde Wen-dung hinzu: „Wir müssen dem Ziele znstreben, den Spielraum, welcher der Bevölkerung ansdem Gebiet der Selbstverwaltung gelassen ist, allmählich zn erweitern, daß er dem Ideal nahekommt, daß jedes Individuum, jeder engere, kleinere Kreis dasjenige Maß der Freiheit besitzt,welches überhaupt mit der Ordnung des GesamtstaatswesenS verträglich ist."
') Die folgenden und die sich daran im nächsten Abschnitt anreihenden Ausführungenüber die elsaß-lothringische Vcrfassungsfrage beruhen ans den Mitteilungen, welche Herr General-konsul Schnecgans mir anzuvertranen die Güte hatte, und wofür ihm die Geschichte gewiß zuDank verbunden sein wird.