198 Die II. Legislatur-Periode des deutschen Reichstags
daß seine Angabe, sich längere Zeit in Magdeburg aufgehalten zu haben,richtig sei. —
Zu den wenigen preußischen Ministern, welche unter Bismarck das Porte-feuille ihrer parlamentarischen Thätigkeit verdanken, zählt der bereits oben ge-nannte I)r. Friedenthalft, welcher im Herbst 1874 zum Staatsminister undMinister für die landwirtschaftlichen Angelegenheiten ernannt wurde.
Über seine Wirksamkeit in dieser Stellung schreibt Friedenthal in einer mirvon seiner Wittwe zur Verfügung gestellten Autobiographie:
„Einige Zeit nach der Übernahme des durch die Überweisung der Ober-aufsicht über die Grundkredit-Jnstitute und andre Materien verstärkten Ministeriumshatte ich Gelegenheit, bei einer in Gießmannsdors stattgehabten Versammlungdes oberschlesischen landwirtschaftlichen Vereins meinen Bernfsgenossen dieRichtung zu bezeichnen, in welcher ich mir vorsetzte, das mir anvertrante Ressort,zu verwalten. Die Zeitungen brachten damals meine als Programm bezeichnetebezügliche Rede.
Unter Anerkennung der Thatsache, daß die Landwirtschaft, das wichtigsteund bedeutungsvollste Gewerbe unsres Staates, bisher weder in der Gesetzgebungdie ihr zukommende Berücksichtigung, noch in dem Organismus der Verwaltungs-behörden, von den obersten bis zu den untersten Instanzen, die gebührende Stellegefunden habe, erklärte ich es als meine Ausgabe, in beiden BeziehungenBesserung anzustreben und meine Kräfte namentlich auch dafür einzusetzen, daßin den wirtschaftlichen Einrichtungen des Staates die legitimen Interessen derLandwirtschaft in erheblich höherem Maße als bisher gepflegt würden. DasHeil der Landwirtschaft könne ich nicht darin suchen, daß man sie als sozusagen„politische Institution", als „Grundbesitz-Interesse", von der Gesamtwirtschaftdes Staates, von der Gesamtarbeit des Volkes ausscheide und dergestalt isoliere,sondern darin, daß man ihr als integrierendes Glied in dem staatlichen, gesell-schaftlichen und wirtschaftlichen Organismus die gebührende Stelle erringe unddurch Gesetze und Einrichtungen ihre Kraft entwickele. Preußen sei dazu be-stimmt, weder ein Handels- und Industrie-Staat, aber auch kein bloßer Ackerbau-Staat zu sein. Zwischen dem Streit der Interessen den Frieden mit starker Handzu wahren, aber auch gleichzeitig durch positive Schöpfungen die Form und dasZiel konzentrischen Wirkens der Volkskraft Elemente zu schaffen, sei die Missionunsrer Monarchie, und in diesem Sinne wolle ich dem Landesherrn und der Land-wirtschaft dienen.
Die landwirtschaftliche Verwaltung, welcher im Frühjahr die bisher demFinanz-Ministerium zugeteilte Verwaltung der Domänen nnd Forsten hinzutrat,habe ich bis zum Sommer 1879 geführt.
Als im Herbst 1877 der Minister Graf F. En len bürg um seine Ent-lassung bat und von Sr. Majestät dem Kaiser nnd König zunächst nur einen
>) Vergl. oben S. 79.