190 Die II. Legislatur-Periode des deutschen Reichstags
u. a. der Abgeordnete von Pnttkamer, der Nochfolger Falk's im Kultns-Atinisterimnst.
Unter den ans Preußen in den Reichstag neu Eingetretenen nenne ich denGeheimen Jnstizrat und ordentlichen Professor der Rechte an der Universität BerlinVr. Georg Beselerst.
Obgleich die parlamentarische Thätigkeit Beseler's im Reichstag und impreußischen Herrenhause ihn vielfach in Berührung mit dem Fürsten Bismarckbrachte, hat diese doch zu näheren Beziehungen zwischen beiden nicht geführt.Beseler, der von Hause ans einer gemäßigt liberalen Richtung in den meistenFragen der inneren Politik huldigte, gehörte dem preußischen Abgeordnetenhausenur vorübergehend vor der Übernahme des Ministerpräsidiums durch Bismarckan, und blieb während der ganzen Konflikts zeit dem politischen Leben fern. Erhatte von vorn herein den Fehler, den die altliberale Partei mit ihrer ablehnendenStellung zur Armee-Reorganisation einnahm, klar durchschaut, uud hat in ver-trautem Kreise wiederholt erzählt, daß seine Bemühungen, Georg von Vinckezum Eintreten für den Reorganisationsplan König Wilhelms zu gewinnen, ver-geblich gewesen seien. Er gab der Haltung Vincke's in dieser Frage stets dieHauptschuld am Entstehen des beklagenswerten Versafsungskonflikts.
Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß während der Konflikts-zeit von der preußischen Regierung — ob von Bismarck selbst, will ich nichtbehaupten — der Versuch gemacht worden ist, Beseler zu einer juristischen Recht-fertigung der Haltung der Regierung in dem Konflikt zu veranlassen. Beselererklärte sich hierzu außer stände. Die politische Berechtigung des Standpunktesder Regierung erkannte er rückhaltlos an, ihre Schritte, ihre Haltung der Landes-vertretnng gegenüber aber glaubte er rechtlich nicht begründen zu können.
Diese ablehnende Haltung Beseler's war durchaus charakteristisch für dieHandlungsweise seines ganzen politischen Lebens; seine strenge, vielleichtzuweilenschroffe Wahrung des Rechtsstandpnnktes auch bei allen politischen Fragen machtees ihm nicht immer möglich, allen Schritten einer Opportunitäts- oder Partei-Politik zu folgen. Hierin lag der Grund, daß er sich, bei allem Einverständnismit den letzten Zielen, hin und wieder ebensowenig den Wegen der ihm sonstgesinnungsverwandten Politiker, wie denen der Regierung, oder genauer desFürsten Bismarck anzuschließen vermochte. Hier ist auch die Ursache für seinwiederholtes heftiges Zusammengeraten mit dem Kanzler während seiner späteren
st von Puttkamer, Robert Viktor, geboren den 5. Mat 1828. 1867 bis 1871 VortragenderRat im Bundeskanzler-Amt, 1871 Regierungspräsident in Gumbinnen, 1874 bis 1877 Regierungs-präsident von Lothringen, demnächst Oberpräfident von Schlesien, Kultusminister, Minister desInnern und z. Zt. Oberprüfldent in Stettin.
2) Beseler, Dr. Georg, geboren den 2. November 1809 zu Rödemiß bei Husum in Schleswig(evang.). 1848 für Greifswald in die deutsche Nationalversammlung gewühlt, Mitglied desrechten Centrums, Mitglied der Kaiserdeputation, 1849 Mitglied der preußischen II. Kammer, ander Verfassungsrevision beteiligt. Seit Ostern 1859 Professor in Berlin (deutsches Recht undStaatsrecht); 1861— 62 Mitglied des Abgeordnetenhauses (vermittelnd bei der Militürorganisation).Nat.-liberal. Vergl. auch S. 8.