1870-1873
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Retzow und seinem ebenfalls verstorbenen Vetter Moritz von Blanckenbmg er-gangen ist').
Bereits in der zweiten Auflage des ersten Bandes meines Werkes „FürstBismarck und die Parlamentarier" S. 57 habe ich in gedrängten Zügen eineUnterredung erwähnt, welche Fürst Bismarck auf der parlamentarischen Soireeam 20. April 1872 mit dem Abgeordneten I)r. August Reichensperger^) hatte.Der letztere hat mir darüber auf Grund seiner Tagebuchaufzeichnungen noch nach-folgende Mitteilungen gemacht:
Die erste zur Soiree geladene, durchweg aus Parlamentariern bestehendeSerie der Gäste hatte sich eben verabschiedet; aus Anlaß eines Gesprächs mitdem Vizekanzler Delbrück war ich, meines Emmerns das einzige zur Soireegeladen gewesene Centrumsmitglied, zurückgeblieben. Für die zweite Serie wurdeder langgestreckte Bnffettisch wieder zurechtgemacht. Ich wollte mich dann auchbei dem Fürsten verabschieden, derselbe führte mich aber in eine Fensternische desanstoßenden Salons und begann ein Gespräch mit mir. Alsbald veranlaßte ihnaber das Vorüberziehen der weiteren aus Damen und Herren bestehenden Gästenach dem Speisesaal hin. mich in ein benachbartes Zimmer zu führen. Dortredete er mich wie folgt an: „Sie und Ihren Bruder halte ich trotz IhresUltramontanismus für loyale Deutsche; darum will ich Ihnen offen sagen, wasich von Ihrer Centrumspartei halte und wie ich mich zu derselben zu stellen denke."Die dazu gehörenden Welfen, fuhr der Fürst fort, seien für ihn der Hanptsteindes Anstoßes; mit ihnen sei ein friedliches Zusammengehen nicht möglich. „Undwie kommen Sie dazu, diese Fraktion zu gründen; was wollen Sie damit?" Ansdiese Frage erwidernd, bezog ich mich zunächst aus die Absetzung des Armee-bischoss Namezanowski, weil derselbe zufolge päpstlichen Erlasses nicht gestattethabe, daß in der Kölner Garnisonkirche zu St. Pantaleon zugleich römisch-katholischer und altkatholischer Gottesdienst abgehalten werde; es zeige dies klar,
0 Am 22. Mai 1871 wurde Bismarck auf der Rückreise vou Frankfurt a. M. in Naum-burg von Herrn vou Rabenau, einem alten Bekannten aus dem Herrenhause, begrüßt. DerKanzler bat den greisen alten Herrn, sein Haupt'zu bedecken. Herr von Rabenau entgegneteaber: das Glück, Seine Durchlaucht sehen zu können, erwärme ihn wie Sonnenschein.
2) Reichensperger, August, I)r. ironor. causa, Apell.-Ger.-Rat a. D. in Köln. Geb. 1808in Koblenz. Besuchte die Gymnasien in Boppard, Köln und Bonn, studierte 1827—30 inBonn, Heidelberg und Berlin Jurisprudenz, Auskultator bei dem OberlandeSgericht in Münster,Referendar und Assessor bei dem Landgerichte in Koblenz, Assessor bei dem Apell.-Gerichtshöfein Köln, Landgerichtsrat in Trier und endlich erst Landgerichts-Kammerpräsident und dannApell.-Gerichtsrat in Köln; seit August 1875 pensioniert. Veröffentlichte zahlreiche Schriften überPolitik und christliche Baukunst. Im Jahre 1848 gewählt in das Parlament zu Frankfurt undin die II. Kammer in Berlin, spater Mitglied des Parlaments zu Erfurt. Von 1850—1803Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. 1855 erster Vizepräsident unter dem Präsidiumdes Grafen Schwerin. 1867 Wahl zum norddeutschen Reichstag (Landkreis Aachen) abgelehnt,1870 dreimal, für Münster, Aachen und Koblenz, für das Abgeordnetenhaus gewählt, nahm erfür Koblenz-St. Goar an. Mitglied des Reichstags von 1871—1884.