1871—1873
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dingt notwendig hatte ich die Selbständigkeit der einzelnen Staaten bczw. Pro-vinzen i» den inneren Angelegenheiten im Interesse der Freiheit nnd politischenKraft der Nation für geboten.
Berlin, den 26. Mai 1871.
Um keine Verschleppung der Geschäfte zn veranlassen, trug ich zu dem Be-schlüsse bei, gar keine Ferien zu machen. Allein die Herren Norddeutschen kehrtensich großenteils nicht daran und heute wurde das Haus ausgezählt, d. h. beimBeginn der Sitzung beantragte ein Mitglied den Namensausruf, der ergab, daßwir nicht vollzählig waren. Darauf vertagte der Präsident die Sitzung bisnächsten Mittwoch. Neuerdings höre ich. daß die Verteilung der 5 Milliardenuns nicht mehr beschäftigen wird. Es heißt, man wird uns nur für bestimmteZwecke (Entschädigung) einige Vorlagen machen. In diesem Falle könnten wirin drei Wochen mit unserem Arbeitspensum zn Ende sein.
Gestern gab cs eine Hetze mit Bismarck, von der die Zeitungen berichten werden.Er behauptete, man habe ihm ein Mißtrauensvotum gegeben, woran Niemanddachte, drohte mit seinem Rücktritt ft u. s. f. Es heißr, er sei sehr böse auf denReichstag, weil letzterer mehrere Male gegen seine Wünsche Beschlüsse faßte.Gestern handelte es sich um die künftige Verfassung von Elsaß-Lothringen, undich theilte hierbei im Grunde mehr seine Ansicht als die der Nationalliberalen.Die Sache wurde an die Kommission zurückverwiesen, wo Bismarck erschien undein Ausgleich stattfand, d. h. die Nationalliberalen gaben im Grunde nach, siebehaupten aber, sie hätten doch vieles erreicht! Ich sagte in der Reichstagssitznngzu Mehreren meiner Kollegen: „Wozu verweist Ihr die Sache an die Kommission?Ihr gebt schließlich doch nach," das ärgerte sie. — In der Kommission sagteBismarck unter Anderem, man wolle ihn eingrenzen, etwa wie die Rinderpest,der Reichstag sei aggressiv, wir sollen uns einen Anderen suchen, der die Geschäfteunter solchen Beschränkungen besorge, es würden sich schon Leute finden, er habeohnehin genug u- s. f. ft Bei dieser uns ungewohnten Art des Auftretens derMinister geht es aber doch nicht auf die Dauer, und diese Wahlperiode wirdnoch Konflikte erleben. Wegen der brutalen Versetzung von zwei Postsekretären,deren ganzes Verbrechen eine beabsichtigte Petition an den Reichstag um Ge-haltsaufbesserung war, haben Völk, Banks (von Hamburg) und ich, unterstütztvon etwa 75 weiteren Mitgliedern aus den 3 liberalen Parteien, heute einenAntrag eingereicht, der ihm auch nicht gefallen wird. Allein verfassungsmäßigeRechte können wir Bismarck zu Liebe nicht opfern. Ein Konflikt ist aber unserer-seits natürlich nicht beabsichtigt.
Mit Mittnacht stehe ich hier auf gutem Fuße, derselbe nimmt über wichtigeAngelegenheiten des Bundesrats, die Württemberg betreffen, häufig mit mirRücksprache.
Vergl. Horst Kohl „Bismarck-Reden", Bd. V, S. 87 ff.ft Über die Äußerungen Bismarcks in dieser Kommissions-Sitzung vergl. Kohl a. a. O.,S. 87 ff.