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Die Handschriften des Klosters Zwiefalten
Entstehung
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Schrift verrät sich allein darin, daß die ihr eigene Vorliebe für die Höheim Gegensatz zur alten Zeit, deren Formen mehr in die Breite gehen,dadurch zur Geltuns kommt, daß die außerordentlich kräftig geformtenMittelschäfte hoch gezeichnet und die Anhängsel, z. B. der Schwanz des rungewöhnlich klein gebildet werden, so daß sie ganz zurücktreten. Dasmit diesen Formen gefüllte, ganz gleichmäßige Zeilenband zwischen denMittellinien erscheint wie mit dem Lineal abgeschnitten, ein Eindruck, derdadurch verstärkt wird, daß vor allem der Querbalken des t nach beidenSeiten stark ausgedehnt und zwar sehr fein, aber wie liniert gezogenwird, und daß ähnliche Striche auch an andere Buchstaben, wo sie indieser Art sonst nicht üblich sind, z. B. am a, in gleicher Weise angesetztwerden, so daß ein Wortstück wie -itat oben mit einem einzigen, lang-gezogenen Strich abgegrenzt erscheint. Die ganze Schrift in ihrer kräf-tigen, gleichmäßigen, fast militärisch ausgerichteten Form bekommt sogewissermaßen einen kubischen Charakter, der sie ebenso kennzeichnet.wie besondere Einzelformen der Majuskeln, so z. B. das N, das man leichtfür ein K ansieht, das M, das entweder wie zwei ineinandergeschobeneRustica-A gebildet wird oder als Unzial-M mit der Gestalt der gotischenFischblase, einer Form, die auch bei anderen Buchstaben, z. B. D, er-scheint, Gestaltungen, wie sie natürlich in damaliger Zeit nicht allein beider Zwiefaltner Schreibschule sich finden. Die eigentümlich kubischeSchriftform, die schon aus Hirsau übernommen zu sein scheint, tritt unsvor allem in einer Anzahl von Handschriften entgegen, die liturgischenZwecken zu dienen hatten, in Evangcliaren und Lektionaren. Sie gehtHand in Hand mit einem ganz bestimmten Gepräge des Buchschmucks undläßt in ihrer unpersönlichen Art, die mehr gemalt als geschrieben aussieht,an Frauenhände denken, womit auch manche andere Eigentümlichkeitendieser Handschriften — kunstvoll gestickte Seidenhüllen der Deckel, feinvernähte Pergamentblätter — im Einklang stünden. Stammen sie aus demZwiefaltner Frauenkloster? Daß Frauenhände damals kostbare Büchergeschaffen hätten, wäre ja nicht unbekannt; es ist durch andere berühmteBeispiele bezeugt und stünde im Einklang mit der kulturgeschichtlichenEigenart der Zeit, in der die Frau den Mann an Bildung überragte, wasdann in der Dichtung, dem Minnesang, seinen Ausdruck fand.

Diese Uniformschrift mit dem besonderen Zug des Altertümlichenfindet sich in Zwiefalten fast durch das ganze 12. Jahrhundert hindurchund ist das Werk einer starken, treugepflegten Tradition. Daneben aberfinden wir ebenfalls in vielen Beispielen, auch eine hohe Schule in feinerAusführung bekennend, eine ausgesprochen individuelle Schrift, die eherwieder an Männerhände denken läßt. Sie geht in ihren gebrochenen For-men viel mehr mit der Zeit und verrät ausgeprägte Persönlichkeiten. Diebeiden Richtungen laufen oft in der merkwürdigsten Weise nebeneinanderher und schaffen so Bücher, die einheitlich entstanden sein müssen, inihren Teilen aber Menschenalter, fast Jahrhunderte auseinander zu liegenscheinen — als Beispiel s. Pergamenthandschrift 171.

Auch in der Buchmalerei hat Zwiefalten damals einen ganz eigenenStil. Nicht in Silber und Gold, wie bei vielen anderen, besonders früherenSchulen, glänzen die Handschriften des Klosters, sondern kunstvoll ge-pflegte Federzeichnung schmückt die Bücher mit Zierbuchstaben undBildern. Mit Vorliebe in Rot steuert die Initialornamentik ihre Buchstabenbei, meist gebildet aus Knollenranken, zu denen aber auch allerlei phan-tastische Tiere, sowie Menschengestalten treten. Alle Zwiefaltner Hand-schriften aus der Blütezeit des Klosters, die mit Initialen oder Miniaturenversehen sind, zeigen diese ausgesprochene Vorliebe für Federzeichnungin einer Strenge, fast Einseitigkeit, wie sie anderwärts kaum zu finden ist.In der ersten Zeit werden die Initialen gern noch hervorgehoben durchbunte Farbe, die den Grund bildet; auch bei der Federzeichnung der Ini-tiale selbst wird damals oft neben Rot noch eine andere Farbe verwendet.Später wird die einfachste Art der reinen Federzeichnung ohne Farb-beigabe immer schroffer durchgeführt, ein Ausfluß der verstandesmäßigen,strengen Richtung, die von Hirsau ausgegangen war, zugleich aber auch