1. Zur Geschichte der Handschriftensammlung.
Die Gründung des Benediktinerklosters Zwiefalten fällt mitten in dieweltgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen Kaisertum und Papsttum,in die Zeit, da der Kampf zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. seineuHöhepunkt erreicht hatte. Die Stiftung war also nicht bloß durch die neueWelle von Frömmigkeit, die im ganzen 11. Jahrhundert eine Menge vonKlöstern neu erstehen ließ, getragen, sondern von Anfang an als Waffegedacht im Krieg der Geister, als Waffe der Hildebrandiner.
Als im Jahr 1089 die beiden Grafen von Achalm, Kuno und Liutold,ein Kloster gründeten im einsamen Albtal der Aach, eines Bächleins, dasnach kurzem Lauf in die Donau mündet, an der Stelle, wo schon einkleines Dorf stand, Zwiefalten genannt nach zwei kleinen Wasserläufen,die dort sich vereinigen — duplex aqua, Zwivultaha —, da war der Mann,der dabei die Hauptrolle spielte und der jungen Mönchsgemeinde seinenFeueratem einhauchte, der berühmte Abt Wilhelm von Hirsau, der Banner-träger der päpstlichen Partei in Deutschland, wohin er den Geist vonCluny verpflanzt hatte. Wilhelm führte in eigener Person feierlich einekleine Zahl von Hirsauer Mönchen als Kolonisten an die neue Stätte, legteden Grund des Klosters, das der Patronin der seitherigen Pfarrkirche, derMaria, geweiht wurde, und setzte als ersten Prior einen seiner HirsauerBegleiter, den Mönch Wezilo, ein. Diese unmittelbare Abhängigkeit vonHirsau wurde aber von der Gründung bald stufenweise gelöst, wenn auchHirsauer Geist in Zwiefalten immer gewahrt geblieben ist. Als 1091Wezilo zu neuen Aufgaben zurückberufen wurde, sandte Wilhelm für ihneinen andern Hirsauer Bruder, den Mönch Nogger, der wie auch Wezilonoch zu den ersten, von Einsicdeln gekommenen Hirsauer Klostergenossengehört hatte. Aber Nogger war nicht mehr Prior, sondern Abt von Zwie-falten. Und als Nogger nach wenigen Jahren, 1095, starb, war Hirsau nichtmehr die einzige Stelle, die den neuen Abt einsetzte, sondern außer demHirsauer Abt wirkte noch der von Blaubeuren und Weingarten mit. ZuNoggers Nachfolger wurde der junge Zwiefaltner Mönch Ulrich von Hirz-bühl bestimmt, der als der zweite Stifter des Klosters gepriesen wird undunter dem Zwiefalten seine erste große Blütezeit erlebte.
In den Anfangsjahren, unter Wezilo und Nogger, hatte die jungeKlosterschar in ziemlich dürftigen Verhältnissen gelebt. Als Klosterkirchemußte jahrelang die alte Pfarrkirche dienen und die Wohnräume für dieMönche waren ärmliche Bretterzellen um das Gotteshaus herum. Aberschnell erwarb das junge Stift wirtschaftliche Macht und stellte sich aufeigene Füße, wie einerseits die Loslösung von Hirsaus Oberleitung undanderseits die erste Blütezeit des Klosters beweist. Dieser rasche Aufstiegwar erfolgt, weil Zwiefalten in kurzer Zeit das Lieblingskloster des ober-schwäbischen Adels wurde. Besonders die Frauenwelt wandte ihm ihreGunst zu, so daß man bald ein eigenes Frauenstift in unmittelbarer Näheerrichten mußte, das unter Aufsicht des Abtes von einer Magistra geleitetwurde und Johannes den Täufer zum Patronus hatte. Im ersten halbenJahrhundert ihres Bestehens haben die beiden Klöster 3 Personen ausherzoglichem, 2 aus markgräflichem, 31 aus gräflichem und 35 aus frei-herrlichcm Haus in ihren Mauern aufgenommen. Unter diesen Gönnern ausdem Kreise des oberschwäbischen Adels stand an erster Stelle die Familieder Grafen von Berg, von der Heinrich II. selbst ins Kloster eintrat; seine3 Töchter waren mit den Herzögen von Polen und Böhmen und demMarkgrafen von Mähren verheiratet.