2. Vom Inhalt der Sammlung.
Die Handschriftensammlung von Zwiefalten ist nach ihrem inhalt-lichen Wert nicht so leicht mit kurzen Strichen zu umschreiben wie dievon Weinsarten, die ihre Bestände nach bestimmten Wissensgebieten glie-dert, und so die einzelnen Gruppen mit ihren Glanzstücken bequemernebeneinander stellen läßt. P. Haas hat seine ganze Sammlung nur indie zwei Hälften der Pergament- und Papierhandschriften getrennt, alsoein äußerliches Merkmal zum Scheidungsmittel genommen. Freilich ist auchdamit schon eine gewisse Sichtung gegeben, die nicht uninteressante Be-obachtungen machen läßt. Die Pergamenthandschriften sind in der Haupt-sache die älteren Stücke, diese Abteilung wird also die dem Alter nachwertvollere Hälfte enthalten. Aber eben an dieser zeitlichen Trennung istnicht ohne Reiz zu sehen, welche Stoffe und Schriftsteller im ersten,und welche im zweiten Teil des Mittelalters besonders beliebt gewesensind. So beruht es nicht auf Zufall, daß wir Augustinus mehr als dreißig-mal in Pergamenthandschriften finden und nur einmal in den Papierhand-schriften. Richten wir über diese Grundscheidung hinaus noch im Be-sonderen unser Augenmerk auf den einen oder andern einzelnen Schrift-steller, so mag z. B. auffallen, wie wenig von Albertus Magnus in Zwie-falten zu finden ist, wenn sein Vorkommen in der Weingartuer Bibliothekdagegen gehalten wird.
Innerhalb der zwei großen Gruppen von Pergament- und Papier-handschriften könnte es fast scheinen, als ob Haas keinen festen undklaren Ordnungs- und Einteilungsplan aufgestellt hätte. Doch schwebtzweifellos auch ihm die bestimmte Gliederung vor, die mit kleineren odergrößeren Abweichungen in den meisten alten Klosterbibliotheken durch-geführt ist; nur sieht es so aus, als ob sie in einzelnen Stücken durch-brochen wäre, ganz abgesehen davon, daß die damalige Systematik mitunseren heutigen wissenschaftlichen Systemen nicht durchweg überein-stimmt. Man könnte auch auf den Gedanken kommen, daß Haas nur eineschon festgelegte Ordnung beibehalten, und daß seine Arbeit bloß darinbestanden hätte, sie in einem Katalog zu verzeichnen, vielleicht noch dieeinzelnen Stücke mit ihren Nummern zu versehen; man beachte dazu dieBemerkung zu den beiden Pergamenthandschriften 10, die man allerdingsebensogut auch für die andere Auffassung geltend machen kann, daß ererst eine sachliche Gruppierung der Bestände habe vornehmen müssen.Daß früher eine andere Einteilung und Zeichnung bestanden hatte, er-sehen wir aus Angaben darüber, die in manchen Handschriften festgehaltensind.
Offenkundig ist, daß nach der Gliederung, in der Haas seine Samm-lung — und zwar natürlich in beiden Abteilungen — vorführt, die Bibelnvorangehen, wie es überall Brauch ist. Zunächst kommen die Gesamt-bibeln, dann das Neue Testament und dann die einzelnen Evangelien; hier-auf folgen die Bibelkommentare. Doch ist, wie schon angedeutet, auchhier die Ordnung nicht streng eingehalten. Ist auch so, bei der Pergament-abteilung bis 31 gehend, die erste Gruppe unzweideutig festgelegt, sokönnte der weitere Bestand zunächst fast aussehen, als wäre er eine un-gegliederte Masse. Es scheint zunächst die Gruppe der patristischen Ho-miletik zu folgen, was auch der sonst am meisten gefundenen Reihenfolgeentspräche, und dann die Theologie überhaupt. Aber bei Nummer 63 kom-men nochmals Bibelkommentare, an diese Stelle wahrscheinlich ihren Ver-fassern zulieb verschlagen, die in das Reich der Kirchenväter weisen. Von