Druckschrift 
4,2 (1923) Dicotyledones : (II. Teil)
Entstehung
Seite
501
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

501

aus sehr langen, schmalen Zellen (Fig. 892 e, f, p), die mit den Halskranzzellen in Verbindung stehen, und dienach Fenn er die Aufgabe haben, das nötige Wasserzur Vermehrung des dickflüssigeren, von derSekretionsscheibe abgesonderten Sekretes" zu liefern.Infolge dieser Einrichtung kann durdi Verdunstungverloren gegangenes Wasser leicht wieder ersetzt werden". Der Kern des Tentakelkopfes wird schliesslich durchden aus langgestreckten Zellen zusammengesetzten Trachei'denkomplex gebildet, der eine kopfförmige Fortsetzungder Stieltrachei'de darstellt (Fig. 892 f, g).

Ausser den Tentakeln besitzt Drosera noch eine zweite Art von Drüsen rein epithelialen Ursprungs,die wahllos über die ganze Blattfläche und einen Teil der Tentakelstiele verteilt sind, diesitzenden oder sessilen"Drüsen (Fig. S91 g, h, i), die aus 2 Basal», 2 (4) Stiel» und 2 (4) Köpfdienzellen bestehen und deren Aufgabe es ist,das von den Tentakeln herabrinnende Sekret zu absorbieren, um die Blattfläche für die Atmung rein zuerhalten.Für die Sekretion bezw. die Digestion (Verdauung) kommen sie nicht in Betracht, so dass also den Tentakelndiese doppelte Aufgabe zufällt.

Der Tierfang verläuft folgendermassen: Kommt ein Tier mit einer oder mehreren der äusseren Ten»takeln in Berührung, so klebt es an dem ausgeschiedenen Leimtropfen fest. Nach kurzer Zeit biegt sich derTentakel an seiner Basis ab gegen die Blattmitte zu. Der durch das Tier ausgeübte Reiz pflanzt sich zuerstzu den nächststehenden, dann zu den entferntesten Tentakeln fort, die alle die gleiche Bewegung gegen dieBlattmitte ausführen und so das Tier überdecken und gegen die kurzen zentralen Tentakeln pressen. Wird hurdas Zentrum gereizt, so krümmen sich die peripheren Tentakel gleichfalls ein und legen sich über das Tier,ja im Notfalle beteiligt sich sogar die Blattspreite an der Einrollung, um eine völlige Umsdiliessung des Tiereszu bewirken. Es handelt sich hier um eine vollkommene Reizleitung von gereizten zu ungereizten Partien,wie sie uns aus dem Tierreich geläufig ist. Dass es sich jedoch nicht um ein Reagieren auf einen mechanischen,sondern besonders auch um einen chemischen Reiz handelt, geht daraus hervor, dass diese Krümmungserscheinungenbei einer Berührung mitunverdaulichen" Körpern (z. B. Glas, Knochen, Sternchen) nicht eintreten. Es wirddies darauf zurückgeführt, dass die gleichzeitig mit dem Schleim ausgeschiedene Ameisensäure Spuren von tierischemEiweiss zu lösen vermag und dass diese Lösung den chemischen Reiz ausübt (nach Darwin wirken auch Phos»phate, ätherische Oele, Ammoniaksalze). Dadurch wird aber die Drüse gleichzeitig zur Produktion des Ver»dauungssaftes, eines stickstofflösenden zähflüssigen Fermentes, das mit dem tierischen Magensaft Aehnlichkeithat, angeregt. Die Aufsaugung der gelösten Eiweisskörper, ohne die von einer echten Carnivorie nicht ge»sprochen werden kann, geschieht wiederum durch die gleichen Drüsen und ist in 1 bis mehreren Tagen beendet.Darnach krümmen sich die Tentakeln wieder in ihre alte Lage zurück; die unverdauten Teile werden weg»geweht und die Schleimsekretion setzt von neuem ein.

Bereits Darwin war es bekannt, dass Drosera»Tentakeln in warmem Wasser Krümmungen ausführenkönnen. W. Benecke (Ueber thermonastische Krümmungender Drosera=Tentakel. Zeitschrift für Botanik I, 2, [1909] pag. 107bis 121) kommt im Gegensatz zu Correns wieder zur Darwin»sehen Ansicht, dass diese Krümmungen als thermonastische undnicht als hydronastische Bewegungen aufzufassen sind und zwargehen diese bei einer Wassertemperatur von 35 bis 53° vor sich,eine Analogie zu den von Correns beobachteten thermonastischenKrümmungen von Ranken.

Was den Vorteil der Aufnahme tierischer Stoffe durch diePflanze anlangt, so lag der Gedanke der Stickstoffgewinnung amnächsten und wurde allgemein anerkannt. Günther Schmidt (Flora 1912, Neue Folge, Bd. IV, 335) weist nunnach, dass die Pflanze vor allem aus der Gewinnung von Nährsalzen aus dem tierischen Körper, besonders Kalium»und Phosphorsalzen, die ihr der Boden nur in geringer Menge liefert, grossen Vorteil zieht, weil dadurch dieAssimilation und die Verarbeitung der Kohlehydrate viel intensiver und rascher vor sich geht. Die meisten überdie Notwendigkeit der Insektennahrung angestellten Versuche ergaben, dass zum normalen Gedeihen dieselbenicht notwendig ist, besonders, dass sie die Nitrataufnahme durch die Wurzeln nicht ersetzen kann; hingegen zeigtendie mit Insekten gefütterten Pflanzen eine üppigere vegetative Entwicklung sowie eine erhöhte Samenproduktion.

Die cymösen Blütenstände sind in der Jugend schneckenförmig eingerollt, was auf einem stark epinastischenWachstum beruht. Die Fruchtstände strecken sich gerade (näheres hierüber bei K. v. Goebel. Die Eni»faltungsbewegungen der Pflanzen. Jena 1920, pag. 122/125). Bei unsern Arten ist Selbstbestäubung die Regel.Die kleinen Blüten öffnen sich meist erst am späten Vormittag, gewöhnlich nur eine oder zwei pro Blütenstand.Die Anthese dauert nur wenige Stunden. Neben normaler Autogamie kommt z. B. bei D. rotundifolia wieauch bei Aldrovanda Kleistogarme vor, d. h. die Antheren entleeren den Pollen schon in der geschlossenenBlüte auf die Narbe. Die Samen der Drosera=Arten sind durchwegs sehr klein und leicht (bei D. rotundifolianach Büsgen ± 0,02 gr schwer). Gewöhnlich (z. B. bei D. intermedia) liegt die Testa dem Samenkern direkt

Fig. 893. Drosera rotundifolia L.Tierfangendes Blatt in drei verschiedenen Stadien.