Druckschrift 
1 (1893) Die Sympetalen
Entstehung
Seite
76
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

76

Die Blüthen sind zwittrig, stehen einzeln und hängen. Der Kelch ist 1,01,4 cm lang und fastbis auf den Grund in fünf aufsteigend deckende Zipfel getheilt; der oberste ist meist kleiner als dieanderen und schmäler, lanzettlich und zugespitzt, die mittleren und unteren sind breitelliptisch undstumpflich, fünfnervig; innen ist er kahl, aussen unter der Lupe fein behaart. Die Blumenkrone ist3,54 cm lang und an der Mündung quer gemessen bis 1,5 cm breit, sie ist rachenförmig, aussenpurpurroth, innen etwas heller und auf der Unterlippe mit dunkelrothen Flecken bestreut, die von einemweissen Hofe umsäumt werden und aussen durchschimmern; sie ist am Grunde röhrenförmig, erweitertsich aber noch in Kelchhöhe glockenförmig, dabei ist sie schwach s-förmig gekrümmt und von oben heretwas zusammengedrückt; der Saum ist schief, er ist am ganzen Rande von einem feinen Flaume um-säumt; der auch auf die Aussenseite der Blumenkrone, besonders auf den Mittelzipfel der Unterlippeübergeht, auf der Innenseite ist der letztere ausserdem mit Wimperhaaren besetzt; die Oberlippe ist sehrkurz und ganz seicht ausgerandet; die Unterlippe ist etwa 4mal länger und misst 68 mm, sie ist drei-lappig, der längste Mittellappen ist vorgezogen, die Knospendeckung der Blumenkrone ist absteigend.Die Staubgefässe sind 810 mm hoch über der Basis in der Röhre angeheftet; die vorderen oder unterensind die längeren, sie sind tiefer angeheftet und messen 3 cm; die oberen oder hinteren sitzen höher undsind nur 2 cm lang; die Staubfäden sind über dem Grunde gekniet und neigen zusammen, die derlängeren Staubgefässe sind fadenförmig, die der kürzeren bandartig zusammengedrückt; die Staubbeutelsind 2,53 mm lang, ihre beiden Fächer stehen zuerst parallel und senkrecht, später spreizen sie aus-einander und stellen sich endlich übereinander; sie springen in Längsspalten auf, die zuletzt vollkommenzusammenfliessen; die Pollenkörner sind bleich-gelb, schmal-ellipsoidisch, und werden von drei meridionalenLängsfurchen durchlaufen, sie sind sehr fein gekörnt. Der Stempel sitzt auf einem fast kreisförmigenPolster; der Fruchtknoten ist 89 mm lang, er ist schief-kegelförmig und zweifächrig, das untere Fachist etwas grösser als das obere, er ist drüsig, weichhaarig; die oo Samenanlagen sitzen auf einer dicken,halbcylindrischen Samenleiste, die der Scheidewand angeheftet ist, der Griffel ist 2 cm lang, er steigtder Oberseite der Blumenkrone angepresst auf und ist bogenförmig nach unten gekrümmt, er ist, dieBasis ausgenommen, kahl; die Narbe ist zweilappig, etwa 1 mm lang, der untere Lappen ist einwenig länger.

Die Kapsel misst 1,21,5 cm; sie ist eikegelförmig, etwas von der Seite zusammengedrückt undhier von einer Furche durchzogen, sie ist behaart und wird von dem abstehenden Kelche umfasst; siespringt wandspaltig zweiklappig auf; die Klappen haben eingebogene Ränder und lösen sich von denfrei stehenbleibenden Samenträgern; die untere springt nicht selten nochmals von unten her mehr oderweniger weit auf.

Die Samen sind hellbraun, etwa 1 mm lang und haben einen Durchmesser von 0,5 mm; sie sindabgestumpft kegelförmig und mit Längsreihen grubiger Punkte bedeckt, die fadenförmige Rhaphe istdeutlich.

Anmerkung-, Bei der Verfolgung der Blüthenentwicklung kann ausnahmslos die Anlage eines fünften Staubgefässesbeobachtet werden, das seine Stelle zwischen den beiden oberen Blumenkronenabschnitten findet. Bei gewissen abnormen,zur Regelmässigkeit neigenden Formen der Blüthe (Pelorien) wird dieses, sonst nicht sinnlich wahrnehmbare, rudimentäreOrgan zu derselben Grösse herangebildet, wie die übrigen Staubgefässe.

Der purpurrothe Fingerhut findet sich in Gebirgswäldern mit Vorliebe auf kieselhaltigem Boden,zuweilen (in Westphalenj auch in der Ebene; er ist in West-Europa, Portugal, Spanien, Frankreich biszur Auvergne häufig, ferner findet er sich in England, Schottland und an der Westküste von Skandinavien,wo er bei Trondjem unter 64° die Nordgrenze erreicht; in West-Deutschland ist er weit verbreitet, dochüberschreitet er nirgends die Elbe; er fehlt in der Schweiz und dem gesammten Österreich, in Italienwird er nur auf Sardinien und Corsica gefunden; er wird wegen der schönen Blüthen vielfach in Gärtencultivirt und ist von hier aus verwildert, wie z. B. in Mittel- und Süd-Russland und Britisch Columbien.

Die Laubblätter der wildwachsenden Pflanze werden zur Blüthezeit gesammelt und als Folia Digitalismedicinisch verwendet. Die Blätter cultivirter Pflanzen sollen weniger wirksam sein.