272
Beginn der Ouvertüre. Was Wien an Künstlern, Gelehrte», Schriftstellernaufzuwcise» hatte, was sich einigermaßen zur eleganten Welt zahlte, die schönstenSchwärmerinnen für Wagner'sche Mnsik und auch die schönste» Feindinnenderselben, alle waren sie, je nach Rang und Ncichthum in Logen, im Pargnetoder ans den Gallerien erschienen, um Zeuge dieses in der Mnsikgcschichte Wienseinzig dastehenden AbendeS zu sein.
Das dritte Glockenzeichen ertönt. Wie mit einem Schlage wird die lebhaftgeführte Convcrsation im gefüllten Hause sistirt. Herbeck tritt in den Saal.Bleichen Antlitzes aber festen Schrittes geht er durch's Orchester seinem Pnltczu. Er erhebt de» Taktstab. Jetzt hätte man eine Stecknadel zu Boden fallengehört. Er hält — wie immer — den Stab so lange mit gestrecktem Armein die Höhe, bis alle Musiker, vollkommen bereit, ihre Blicke unverwandt nachihm richten. Jetzt markirt er einen Aufstreich, im scharfen Falle saust der Takt-stab, kräftig geführt, nieder: Der breite, volle 6-äur-Accord der Ouvertürecrtöut: rckou gueta, ssb.
Das Vorspiel, unter dessen Schlußklängcn sich der Vorhang hebt, wurdemit stürmischem Jubel anfgcnommeu — nur vereinzelte Zischlaute waren ver-nehmbar. In Folge dessen ging die erste Hälfte des sich dem Vorspiele unmittel-bar anschließenden Chorales ungehört vorüber. Gleich günstig wurde der frische,aber ungemein schwierige Lehrbubenchor unmittelbar vor dem Auftreten Pogner'sund Bcckmesscr'S, sowie das Lied Walther's „Am stillen Herd" ausgenommen,so daß es fast den Anschein hatte, als würden die Oppositionellen nach denersten fruchtlosen Versuchen die Feindseligkeiten eingestellt habe». Allein die Feindehatten sich das energische Eingreifen ans die heikelste Stelle der ganzen Oper,das Ständchen Bcckmesser's, aufgespart. Schon nach dem schwierigen, originellenLiede Sachseu's, „O Jerum!", welches die größte Aufmerksamkeit des Sängerserfordert, machten sich einzelne Zisch- und Pfeiflante bemerkbar. Als aber derausgezeichnete Darsteller des Beckmesser, Campe, mit dem Stündchen „DenTag seh' ich erscheinen" begann, da steigerten sich die anfangs sporadischenfeindlichen Acußcrungcn zu einer wahre» Katzenmusik von Zischen, Pfeifen undunarticnlirtem Gebrüllc. Beck, der Darsteller des Hans Sachs, hatte die Fassungbeinahe verloren. Statt ihm sang Herbeck vom Dirigentenpulte ans mit kräftigerStimme ganze Stellen seiner Partie. Campe behielt aber seine Geistesgegenwartbei, nur so ward es möglich, daß trotz des wüthenden Kampfes zwischen Freundenund Gegner», welcher auch de» wunderbaren poetischen Actschlnß scincr Wirkungberaubte, der Act doch zu Ende gespielt werde» konnte.
Der Beifall, welche» das Werk bei dem größeren Theilc des Publicumserregte, fand nach Schluß des 2. Actes einen solch' mächtigen Ausdruck, daßdie Opposition nur mehr einige fruchtlose Versuche, das Werk unmöglich zumachen, unternah»!. Jetzt war auch der günstige Erfolg desselben entschieden.Der dritte, durch das herrliche Vorspiel cingelcitcte Act traf das Publicum inder weihevollste» Stimmung an. Von Minute zu Minute wuchs die Begeisterung