Druckschrift 
Die Tlinkit-Indianer : Ergebnisse einer Reise nach der Nordwestküste von Amerika und der Beringstraße ausgeführt im Auftrage der Bremer Geografischen Gesellschaft in den Jahren 1880-1881 durch die Doctoren Arthur und Aurel Krause
Entstehung
Seite
166
Einzelbild herunterladen
 

5. Kapitel.

- " 166

die mitgetcilten Berichte älterer Autoren vergleicht, so ist einFortschritt in dieser Beziehung nicht zu verkennen. Mehr undmehr gewöhnt man sich an den Gebrauch der Seife, die denfrüher ihre Stelle vertretenden Urin entbehrlich macht. Indem Hause des Tschilkat-Häuptlings Tschartritsch wuschen sichjeden Morgen die Familienglieder, wenn auch nur oberflächlich,Gesicht und Hände, und der gedielte Fußboden wurde sogar vonden Sklaven rein gefegt. Aber doch auch vor der Bekannt-schaft mit den Europäern war das Bedürfnis nach einer gründ-lichen Körperreinigung den Tlinkit nicht ganz fremd; man sorgtedafür in sehr vollständiger Weise durch Dampfbäder, welche auchheute noch, wie wir gesehen haben, überall im Gebrauch sind.Statt der beschriebenen Baderäume im Innern des Hauses werdenim Sommer auch sehr primitive Vorrichtungen benutzt, welcheman im Freien, vor jedem Lagerplatze Herstellen kann. Durchein Stangengerüst wird ein kleiner zeltartiger Raum abgegrenzt,in welchem eine Person hockend Platz nimmt. Nachdem mau mmdurch wollene Decken diesen Raum vollständig abgeschlossen hat,wird derselbe mit Dampf erfüllt, indem man eine Anzahl vorhererhitzter Steine innerhalb desselben mit Wasser begießt. Nacheinem solchen Schwitzbade pflegt sich der Tlinkit, selbst mittenim strengsten Winter, direkt in die Meereswogen zu stürzen.

Diese Dampfbäder werden mitunter von mehreren Personengemeinsam und mit Beobachtung besonderer Ceremonien genommen.So sah Erman im Monat November über dem gewöhnlichenFeuerplatz eines Tlinkit-Hauses einen durch Vorhänge abgeschlos-senen Raum, in welchem etwa 10 Männer ein Dampfbad, cRuZd,nahmen, während sie abwechselnd einzeln und im Chore sangenoder mit hölzernen Klappern rasselten. Darauf traten sie nackt,schweißtriefend und mit dunkelroter Haut hervor und stürztensich, wieder schreiend und singend, in das nahe eiskalte Meer-wasser, woselbst sie eine zeitlang sprangen und tanzten, sich einzelngegen den Strand und wieder meerwärts bewegten, bis sie endlichalle zusammen in das Haus zurückliefen ^).

Kalte See- oder Flußbäder allein pflegen von Erwachsenennicht genommen zu werden, wiewohl sie alle ausdauernde Schwim-

0 Erman, Ztschr. f. Ethn. II, 321.