Druckschrift 
Die Tlinkit-Indianer : Ergebnisse einer Reise nach der Nordwestküste von Amerika und der Beringstraße ausgeführt im Auftrage der Bremer Geografischen Gesellschaft in den Jahren 1880-1881 durch die Doctoren Arthur und Aurel Krause
Entstehung
Seite
141
Einzelbild herunterladen
 

Dörfer, Häuser und Bewohner.

141

Vaneouver bemerkte wiederholt, daß Frauen, welche dasLippcnornament besaßen, dessen Länge er auf 2^ bis 4 Zollangiebt, das größte Ansehen besaßen und die Canoes steuerten.„In der Jugend," sagt er weiter, „wird ein schmaler Einschnittgemacht, und ein Messing- oder Kupferdraht dnrchgesteckt. Diesererweitert, indem er das Fleisch zerfrißt, die gemachte Oeffnung,bis sie groß genug ist, daß ein Holzpflock hindurchgesteckt wer-den kann'").

Nach Langsdorfs wird, wenn das junge Mädchen das 13.oder 14. Jahr erreicht, eine kleine Oeffnung unmittelbar in derMitte dicht unter der Unterlippe gemacht, und anfänglich eindicker Draht, dann ein hölzerner Doppelknopf oder ein kleiner,auf beiden Seiten etwas verdickter Cylinder in dieselbe gebracht.Diese einmal gemachte Oeffnung wird nun allmählich nach mehrerenMonaten und Jahren immer größer geschlitzt und die untereLippe durch ein in sie gebrachtes ovales oder elliptisches Brettchenoder Schüsselchen immer weiter ausgedehnt, wodurch jede Fraudas Ansehen gewinnt, als wenn ein großer, flacher, hölzernerSuppenlöffel in das Fleisch der Unterlippe eingewachsen wäre.Der äußere Rand dieses Tellerchens ist mit einer Rinne versehen,damit die beträchtlich ausgedehnte Unterlippe desto fester um die-selbe anliegt. Alle Weiber ohne Unterschied haben einen solchenLöffel, in dessen Umfang ein besonderes Vorrecht entweder desAlters oder des Standes zu bestehen scheint. Derselbe ist 2 bis3 Zoll breit und höchstens stz Zoll dick. Die Weiber der Ober-häupter aber haben ihn im allgemeinen um vieles länger undbreiter. Langsdorfs selbst sah ein solches Lippenoval bei einer sehrvornehmen Dame, das völlig 5 Zoll lang und 3 Zoll breit war.Das Küssen wird, wie er hinznfügt, durch diesen Schmuck unmöglich ?).

Eine ähnliche Beschreibung dieser Gewohnheit giebt Holm-berg. „ Wenn zum ersten Mal beim Mädchen sich Spurender Mannbarkeit zeigen, wird ihre Unterlippe durchstochenund in diese Oeffnung eine Knochenspitze, gegenwärtig dochhäufiger ein Silberstift, gelegt. Solange sie unverheiratet ist,trägt sie diesen; erhält sie aber einen Mann, so preßt man

i) Vancouvor II, 408.Langsdorfs II, 98 bis 00.