Druckschrift 
2 (1842)
Entstehung
Seite
85
Einzelbild herunterladen
 

85

Jeder ächte Kritiker in der Kunst, von Aristotelesund Plinius, von Winkelmann und Vasart an, bis ansReynolds und Füßli, hat den Maler zu belehren gesucht,daß man die Natur nicht kopiren, sondern erhöhen müsse;daß die erhabenste Art der Kunst, welche nur die erhaben-ste» Gegenstände und Anschauungen wählt, das bestän-dige Ringen des Menschlichen ist, sich der Gottheit znnähern, Der große Maler zwar, wie der große Schrift-steller, verkörpert, was dem Menschen möglich, abernicht, was unter den Menschen das Gewähnlicheist, Wahrheit ist in Hamlet: ln Macbeth und seinen He-ren; in Desdcmona; in Othello; in Prosperv und inCaliban, Wahrheit ist in den Cartons von Raphael;Wahrheit im Apollo, im Antinous, im Laokoon, Aberman begegnet den Originallen der Dichtung, der Car-tons, der Statuen, nicht in Orford-Strcet oder St,James, Sic alle, um ans Raphael zurückzukommen, sinddie Geschöpfe der Idee im Geiste des Künstlers, DieseIdee ist nicht angeboren; sie ist einem tiefen Studiumentsprungen. Aber dieß Studium war das Studium desIdealen, welches vom Positiven und Wirklichen abgezogenund zum Großartigen und Schönen gesteigert werdenkann. Das gewöhnlichste Modell gibt Dem die herrlich-sten Anschauungen und Gedanken an die Hand, der dieseIdeen in sich trägt; eine Venus von Fleisch und Blutwürde gemein werden durch die Nachahmung Dessen, dersie nicht in sich hat.

Befragt, woher er seine Modelle habe, ries Guido