TEMPELREINIGUNG
Eine mächtige Freitreppe schwingt sich in perspektivischer Kühnheit ohnegleichen zumTempel empor. Am Fuß dieser Treppe spielt sich eine Marktszene ab, die an Derb-heit nichts zu wünschen übrig läßt. Da handeln und keifen sie miteinander und lügen dasBlaue vom Himmel herunter. Profaneres Volk hat sich nie an heiliger Städte zusammen-gefunden. Aus den Gewölben unter der Treppe wird neue Ware hergeschleppt. Metzger-burschen zerren ein widerspenstig Oechslein herbei. Ein Junge benützt den Augenblick, dadie gestikulierende Alte ganz von ihrem Disput absorbiert ist, aus dem Korb einen Apfel zustehlen, zur wahrhaft diebischen Schadenfreude der rothaarigen Range auf dem Treppengeländer.Unterdessen bahnt sich zu den Häupten der Frevler das Strafgericht an. Die psycho-logische Einigung zwischen dem Frevel und dem Gericht vermittelt der Taubenkrämer,welcher, das Kommende ahnend, scheu über sich zu Jesu hinauf blickt, der, auf der halbenTreppe stehend, den Mantel abgeworfen hat und aus dem Strick von seinen Hüften eineGeißel flicht. Im höchsten Zorn steht er da, gewillt, die Ehre seines Vaterhauses zu rächen.Aus seinen Augen blitzt heiliges Feuer — im nächsten Augenblick wird den Kirchenschänderndas Handwerk gelegt sein. Die Christusgestalt voll Kraft und göttlichen Eifers ist ein ge-waltiges Zeugnis gegen die am Heiligtum verübte Schmach. Fürwahr: „Wo soll ich hin-fliehen vor deinem Angesicht?" ::Zu der wilden Marktszene einerseits und dem zürnenden Christus andererseits stehen diegelassen zuschauenden Jünger und die ruhig ihren Kirchweg gehenden Gläubigen in einemwohltuenden Gegensatz. Keiner Kreatur Gottes soll der Zugang zum Bethaus verwehrtsein, nicht dem Knaben mit seinem Spielzeug an Mutters Hand, nicht dem munter ihnenvoranspringenden Hunde, nur dem frechen Gesindel, das aus dem Bethaus eine Mörder-grube gemacht hat. ::