EINZUG IN JERUSALEM GETHSEMANE
Ueber eine schmale Brücke reitet der Herrauf einem Esel in seine Stadt ein. Be-schwingte Frühlingsboten umkreisen die alter-tümlichen Türme und Dächer. Er weint überdie Stadt, die nicht erkennen will, was zuihrem Frieden dient. Das Haupt auf die Brustgesenkt, verbirgt Jesus die rinnenden Tränenin den Falten seines Gewandes. Was ver-stehen diese Hosiannasänger von dem Grundseines tiefen Wehs? Sie rufen heute mit dem-selben Nachdruck: „Gelobtsei,der da kommt!"wie morgen: „Kreuzige ihn!" Jesus blickttiefer hinein in den Ernst der Lage und denktweiterhinausin die sich erfüllenden Geschicke,als das vom gegenwärtigen Augenblick be-geisterte Volk. Das versöhnende Bindegliedzwischen dem trauernden Herrn und der ihnumjubelnden Menge bilden die Kinder. EinKnabe klettert auf die Brustwehr der Brücke,um besser sehen und mittun zu können. Aussolchem Mund erklingt ein Gott wohlgefälligLob. Von unvergleichlicher Anmut ist dasMägdlein, welches das Geschwisterchen, frei-lich ungeschickt genug, in die Höhe hebt, umauch ihm den großen Kinderfreund zu zeigen.Die Inschrift über dem Bild ist das Gebet derharrenden Gemeinde: „Ja komm, Herrjesu!"
Jesus ist, mit wehem Herzen den Lobgesangsprechend, samt den Jüngern in die Nachthinaus getreten und hat ihrer drei in denGarten Gethsemane, zum Schauplatz seinesEntscheidungskampfes, mitgenommen. DerMond ist aufgegangen und läßt in ein paarflüchtig skizzierten Blütenbäumen am Hügel-hang den Frühling erkennen. Heller Scheinruht auf Jesu und auf den schlafenden Jüngern.„Könnet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?"ruft der Zitternde und Zagende ihnen zu —vergeblich. Wo bleibt ihr Wort, das sie ihmgegeben, mit ihm ins Gefängnis, ja in denTod gehen zu wollen? Doch wenn sie anihm untreu werden, er bleibt treu. Die Mah-nung „Wachet und betet!" ist das Vermächt-nis des Helden Gottes, der allein leidet undkämpft, an die, welche einst Teil am Leidenund am Reich haben werden, ob sie sichjetzt noch so weich und warm aneinanderbetten; ist es doch, als hörte man sieschnarchen. Das Seelenleiden Jesu wirdin seiner ganzen Tiefe offenbar an der Mühe,die es ihm bereitet, den Weg durchswirre Strauchwerk zu den Schläfern — zuihren Herzen, ihrem Verständnis sich zubahnen. ::