BERGPREDIGT I
Es ist Frühlingsabend, verklärt vom Purpurlicht der sinkenden Sonne. In den Zweigenknospt das erste Grün. Aber auch ein Geistesfrühling ist auf Erden erwacht. Am Fußdes Kiefernhanges steht Jesus im schlichten Gewand. Seinem Mund entquellen die Worteewiger Liebe. Die Hände hat er ausgebreitet, als ob er eben sagte: „Kommet her zu mir —lernet von mir!" Das ist der Mann, von dem dann die Hörer sagten: „Er predigt als einerder Vollmacht hat." Im Hintergrunde die Jünger. Sie hören nicht zum erstenmal die Froh-botschaft vom Himmelreich auf Erden: umso ernster arbeitet ihre Seele, sie zu verstehen.Im weiten Kreis umher die Gemeinde der Mühseligen und Beladenen, der Suchenden undFragenden. Seitab eine Gruppe von Kindern, mit Blumen beschäftigt. Sie allein hören nichtauf das Wort Jesu: ihrer ist das Himmelreich. Aber all die andern, vom Jüngling bis zumGreis, lauschen gespannt der Rede des Herrn, die einen jeden angeht als die ernste Fragenach dem Sinn und Zweck des Lebens. Doch wie verschieden die Brechung des einenStrahles durch die einzelnen Medien! Freudige Aneignung der Gabe beim einen, stille Ver-senkung in ihre Tiefe beim andern, gespannte Erwartung beim dritten. ::Und über der hörenden, durch einen zarten Wolkensaum getrennt, die triumphierendeGemeinde. Auf purpurnem Grund die Engel im Reigen, singend und spielend, von ent-zückender Holdseligkeit. Aus ihrer Schar lugt hervor im weißen Himmelskleid Doktor MartinLuther, mitsingend im seraphischen Chor, dazu Melanchthon, Calvin, Zwingli. Die einststreitbare Helden im Kampf der Geister waren, disputieren nicht mehr im neuen Leben,sondern jubilieren. Zu Luthers Seite seine treue Käte und Magdalenchen, sein Töchterlein,und seine Eltern. Was die Menschen auf Erden sich in mühsamem Kampf als Besitz desGlaubens erringen, das schauen sie hier oben im ewigen Licht, des freuen sie sich in jubelnderFreude. Alles hat seine Zeit, auch Jesu Lehramt; in der Ewigkeit ist „Lobpreisen unser Amt".