Druckschrift 
1 (1854)
Entstehung
Seite
151
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Sechster Gesang.

Doch mehr noch als ihr Leben ist ihr thcuer— Das macht ihr bang — der Unschuld reines Blühn;So stürmen ihr in dem bewegten SinneZwei Feinde mächtig kämpfend: Ehre, Minne.

71 .

Die Eine spricht: o Jungfrau, keusche Maid,

Du hast so treu, was ich gebot, gehalten!

Ich gab dir unter Feinden das Geleit,

Rein haltend Seel' und Leib mit treuem Walten.

Und willst du von dir werfen, nun, befreit,

Was im Gefängniß du so rein behalten?

Was weckt in zarter Brust dir solchen Sinn,

Was hoffst du Mädchen, weh! wo denkst du hin?

72.

So wenig achtest du den Preis der Ehre,

Und strebst dem Namen keusch so wenig nach.

Daß du dich wagen willst zum FeindesheereAls nächt'ge Buhlin, wo du erntest Schmach?

Damit der Sieger stolz sich von dir kehre.

Weil mit dem Thron dein Königssinn zerbrach;Unwürd'ge flieh', und werde nun für LeuteGemeinen Schlages eine leichte Beute!

7S.

Die Andre locket sie mit Schmeichelzungcn,

Und trügrisch sie für ihren Rath gewinnt:

Du bist nicht rauhem, kaltem Fels entsprungen.Es zeugte dich kein Bär, o zartes Kind,

Daß du, von Amors Kluthcn nicht durchdrungen.Winkt dir die Lust, entfliehen solltest blind;

Dein Herz ist nicht von Demant, noch metallen.Und liebst du, bist du drum noch nicht gefallen.