74
Briennius auf den Knien nach der Hand Eurer Tochter kroch,die Ihr ihm darreichtet, suchte er eher das Joch einer Herrinals die Freundschaft einer Hausfrau. Er hat seine Strafeverdient, ohne daß er sich durch Versuchung entschuldigenkönnte, wie geringere Verbrecher seiner Art; und wenn esder Wille meines Vaters ist, daß er sterbe, oder Verbannungoder Gefängniß für sein begangenes Verbrechen erleide, sowird Anna Comnena nichts dagegen einzuwenden haben: ichbin am meisten beleidigt von ihm, und habe das größte Rechtmich über seine Falschheit zu beklagen."
„Tochter," sagte die Kaiserin, „ich bin insofern mit direinverstanden, daß der Verrath des NicephoruS gegen deinenVater und mich ganz unverzeihlich ist, und Laß sein Lebennur aus Gnade geschont werden kann. Aber du stehst zu ihmin einem ganz anderen"Verhältniß als ich, und als ei» zärt-lich liebendes Weib wird dich der frühere vertraute Umgangoft an Las blulige Endendes Verbrechers erinnern. SeineGestalt und sein Gesicht, lebendig oder tvdt, sind der Art,daß Frauen sich leicht daran erinnern. Bedenke, was es dichkosten wird, wen» du erwägst, Laß der mürrische Scharfrichterseinen letzten Gruß empfing, — daß sein schöngeformter Halskeine bessere Stütze hatte, als den rauhen Block, — Laß dieZunge, deren Stimme du der sckönsten Musik vorzogst, nunim Staube schweigt!"
Anna, die für die Schönheit ihres Gemahls nicht unem-pfindlich war, ward durch diese kräftige Erinnerung sehr er-griffen. „Warum mich so betrübe», Mutter?" versetzte siein einem weinerlichen Tone. „Ich füblte das so gut als Ihr;aber dennoch würde ich Liesen schrecklicken Augenblick leichtertragen. Ich hätte bloß seine körpeilichen Eigenschaften mitdenen seines Geistes zu vergleichen, von denen jene durch