Grenze, der bis halb cilf Nhr blieb. Er hatte die „Stunden derAndacht" gelesen, und wollte nn» ihren Verfasser kenne» lernen.Diese Scene machte mir's ganz deutlich, wie endlich frommeSchwärmerei einen andern Sterblichen trotz seiner sündhaften Un-vollkommenheit zu einem höher» Wesen cmporsteigeru kann.
Des andern Morgens fuhr ich in der Equipage des Herrn v. M.bis Petschan, halben Wegs nach Maricnbad. Hier traf ichMittags ein (Gasthaus zur Stadt Weimar). Hahn war schon da,um mich zu bewillkommen und zu seiner gcmüthlichcn Frau abzu-holen. Er erkannte mich sogleich, ich ihn nur nach längerm An-schanen. Er flog au meine Brust. Sein schneeweißes Haar machteihn in meinen Augen schon. Ich wußte nicht, ob ich lachen oderweinen sollte. Nein, welche Verwandlung hatten fünfzig Jahregestiftet. Nur seine Sprache, seine Augen waren noch die ehe-maligen, und seine Schmarre an der rechten Wange. Es ist fürmich die merkwürdigste, fast möchte ich sagen, uaturgcschichtlich-merkwürdigste Erscheinung gewesen. Ich kam mir vor wie jenerägyptische Sultan, der auf Geheiß des Zauberers den Kopf in dieKufe Wassers steckte und, nun plötzlich in eine weltfremde Gegendversetzt, ein halbes Leben voll abcntencrlichcr Erfahrungen undEntbehrungen durchzukämpfen hatte, bis er einmal, beim Badenim Strom, den Kopf wieder ans dein Wasser zog, und nun wahr-nahm, daß er gar nie von der Kufe weggegangcn sei.
Lange konnten wir in der Ucbcrraschung des Augenblickes zukeinem geordneten Gespräche kommen. Indessen führte er michzu seiner Gemahlin. Ich wollte mich der gnädigen Frau mit Be-obachtung aller Formen seiner Lebensart nähern; allein sie sielmir weinend »m den Hals. — Genug, ich war ganz glücklich —aber nur für ein paar Stunden. Ich bin, ans Karlsbad nachMaricnbad, vom Regen in die Traufe gekommen. Hahn hatteohne Zweifel schon vorher vielen seiner Bekannten unter den Kur-