Der Besuch im Marienbade
Kannstadt, Juni 1842.
-Mir ist himmlisch Wohl, liebe Nanny. Nach nnnnter-
brochcner, drcißigstündigcr Fahrt, kann ich zum erstenmal wiedermein Frühstück behaglich cinnchmcn, hingclagcrt auf ein Sofa,lieber Blnincn nnd Baumwipfcln des „Frößnerschen Gartens"glänzt mir der schönste Junimorgen ins Zimmer. Durch die brei-ten Schattengänge des Gartens drunten wandeln einzelne Kur-gäste. Ich aber will mit dir plaudern nnd einige Tage ruhen. Dusollst in deinen Gedanken die ganze Reise mit mir machen. Vonwunderbaren Abenteuern Hab' ich dir freilich nicht zu erzählen.Auch bin ich eben nach dergleichen nicht lüstern.
Ich will ja nur, wie gewöhnlich auf meinen Sommcrfahrten,den Wintcrstaub von Leib und Seele abschütteln; mich unter großenZerstreuungen von den Schlingen häuslicher Gewohnheiten los-reißen, in denen man endlich fast erstarrt. Der Geist muß Frei-herr bleiben und der Leib ihm nicht zur Zwangsjacke werden.Mich freut sogar die Gelassenheit, mit der ich jetzt deine und un-serer Kinder Ferne ertragen kann. Werde mir wegen dieser Freudenicht böse. Selbst Freundschaft und Liebe sollen nicht unbeschränkteMeisterinnen über uns werden. Der Tod bringt ja einst uns Allenden Scheidebrief; nnd wie dann?