114
keinen Pöbel mehr, weder in Seiden- noch Zwilchgewand. Ichsehe noch Schwache nnd Starke, aber das Gesetz nnd das sittlicheGefühl über Alle. Selbst das Weib ist in der bürgerlichen Ge-sellschaft Genossin höher» Rechts geworden. Ich sehe noch Sün-der nnd Strafen; aber die Strafe ist nicht mehr Rache oder alleinSichcrheitsniaßrcgcl für andere, sondern Vcrbcsserungsmittel desIrrenden. Ich sehe-
Ach, meine Himmelsleiter nnd alle Gesichte verschwanden plötz-lich. Der Kapuziner läutete die Glocke des Wildkirchlcinö, mur-melte ein Ave Maria nnd bot mir nebenbei, aus der buchsbaumc-nen Dose, eine Prise.
4. Zwingli's Hütte bei Wildhaus.
Sie ruht still am Gebirg, zwischen nmzäumtcn Gärten, diedrcihnndertjährige Hütte Von Holzstämmen'), ihr Dach mit Stei-nen beschwert, daß es die Stürme nicht entführen. Blumen Vorden paar Fenstern vcrrathen das Gemach der Tochter vom Hanse;drunten fünf znsammengcrcihtc Fenster mit kleinen runden Schei-
*) ES mag vielleicht befremde», daß eine hölzerne Hütte ein Alter von3V0 und mehr Jahren erreichen könne. Aber in der Schweiz ist cSkeine große Seltenheit, solche Wohnungen a»S dem dreizehnten undvierzehnten Jahrhundert zu sehen. Man erkennt aus dem Acußcrnund Innern der Bauart daö Zeitalter ihrer Errichtung. Vom erstenHolz freilich mag wenig daran vorhanden sein; aber wie ein Balken,eine Sparrc, ein Brett verdorben ist, wird eS frisch ergänzt. Soerneuern und bewahren diese Hütten sich in der ursprünglichen Formund Art, wie der menschliche Leib, der die verdunstenden Stoffe immerwieder durch neue erseht, nicht ganz der ursprüngliche bleibt, unddoch der Gestalt und den Zügen nach der nämliche ist.