Wirklichkeit jemals um uns her anfsteigen? Könnt' ich, — o könnt'ich doch den kommende» Tagen, und Monden, oder Jahren dasGehcimniß ans der Brust reißen!"
Beide standen eben am Hag des Banmgartens. Schnell bücktesich Joscpha, nnd suchte nach den längsten Grashalmen umher.Seit der magische Ring jüngsthin Gottfrieds Erscheinen so be-stimmt angegeben hatte, war ihre Ueberzeugnng von der Untrüg-lichkeit dieses Orakels unzerstörbar geworden. Man darf es alsodem an Glaube, an Liebe und Hoffnung reichen Kinde kaum ver-argen , daß es seine Zustucht noch einmal zur erprobten Unfehl-barkeit des Trost- nnd Hülfsmittels nahm. Gottfried, obschon erin seinem philosophischen Unglauben dazu lächelte, war doch einFreund aller freien und nützlichen Künste. Er bot treulich Handzu dem großen Unternehme». 'Es ließ sich um so eher wagen,weil man vor spottlustigen Lachern rings umher sicher war, undnur ein kleines, armes Mädchen die breiten Gänge zwischen denBlume» nnd Gemüsebeeten vom hervorwncherndcn Unkraut, umTagelohn, säuberte.
„Denke, aber denke mit Ernst daran, Gottfried," sagte Jo-seph«, indem sie ihm die Halmen zu halten gab: „ob unser Edenbald aufblüht; ob wir uns wirklich einst ganz angehören werden?"Dan» band sie die Enden der grünen Stengel paarweis, aufgutes Glück hin, zusammen und lispelte dabei: „Es wird! —Es wird nicht!"
Aber, o weh! Als sie das Werk vollendet hatte, nnd erwar-tungsvoll das lockere Gesiecht auscinandcrschütteltc, ward sie lei-chenblaß, und die sonst heitcrblitzcndcn schwarzen Augen ver-finsterten sich unter den zusammengezogcnen Augenbraunen undWimpern. „Was ist das?" schrie sie fast überlaut vor Schrecken.Eigentlich eine überflüssige Frage. Denn Jedermann sah, daßstatt eines einzigen Halmcnkranzes zwei getrennte Kränze am Bo-Zsch. Nov. XlV. 3*