Druckschrift 
6 (1830)
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136

Philipp Melanchthon

gastliche Aufnahme, tröstendes Mitgefühl, ermunternde Pflege undHilfe. Bald sammelte sich auch hier, wie an andern Orten, woer kürzere Zeit weilte, ein Kreis von lernbegierigen Zuhörern umihn; gern gewahrte er ihnen Belehrung, Rath und jede Unter-stützung, die er irgend sich abdarbcn konnte. Sein Glaube, die stilleBeschäftigung mit den Wissenschaften, die Beweise von Theilnahme,Achtung und Wohlwollen, die von nah' und fern, von Hohenund Niedern, von Freunden und selbst von Unbekannten ihm zuTheil wurden, erheiterten von Zeit zn Zeit seine tief bekümmerteSeele. Ec lebte wieder auf, er hoffte wieder, als er sich über-zeugte, daß der Kaiser nach dem Siege, da die Niederlage derBundeshäupter, welche die Stützen der Evangelischen gewesen,und das thcils schleunige, theils allmälige Zurücktcctcn der Bun-desgenossen vom Kampfplatz, ihm unbeschränkte Macht zur völli-gen Unterdrückung der kirchlichen Neuerungen einzuräumen schien,eine unerwartete, dem Papst höchst empfindliche, den Katholischenbedenkliche, überall unbegreifliche, den Evangelischen aber höchstwohlthätige Mäßigung bewies, und geraume Zeit fast nichts that,um den von Rom aus laut verkündeten Zweck des siegreich geen-deten Krieges zu erreichen, obwohl fast kein Hinderniß entgegenstand. Wurden auch an einigen Orten die Evangelischen bedrängtund verfolgt, mehrere ihrer ausgezeichnetsten Theologen, unterAndern, Johann Brenz in Schwäbisch hall, und ErhardSchnepf in Tübingen, abgesetzt, gefangen, oder vertrieben,mußten sie auch einige Kirchen an die Katholischen abtrctcn odersich entreißen lassen, so geschah dieß doch in den meisten Fällenohne Zuthun oder Genehmigung des Kaisers, welcher jetzt amwenigsten versolgungssüchtig sich bewies, ja den überwundenenFürsten und Städten in keiner Weise die Bedingung machte, zur >römischen Kirche zurück zu kehren. Noch immer durchschaute mannicht seine tiesvecborgcnen Absichten; man begann zwar schon zuargwöhnen, daß er sich der kirchlichen Parteiung nur bediene, ^theils den Papst zu schrecken und nach seinen Absichten zu len-ken, theils die Reichsstände gegen einander für seine hcrrschsüch-tigen Plane zu gebrauchen; aber am wenigsten konnte eine soarglose und einfältige Seele, wie Melanchthon, Karl V. Ver-fahren begreifen, und so war die gegenwärtige Schonung undMilde ein Trost für den Geängsteten.

In den letzten Tagen des Junius hatte der Kaiser mit sei-nem Heer Sachsen wieder verlassen; der neue Kurfürst Moritztrat in den Besitz der ihm zugetheilten Lande des unglücklichen