Druckschrift 
6 (1830)
Entstehung
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Philipp Melanchthon

in seinen später« Lebensjahren.

D

ie Nachricht von dem nicht unerwarteten, gleichwohl schmerz-lich überraschenden Tode Luthcr's war für seine Freunde undVerehrer ein harter Schlag, und verbreitete sich ticferschütternddurch alle evangelische Lander. Aber kaum konnte irgend Jemandtiefer und unmittelbarer davon ergriffen, mit innigerer Trauer,mit bangeren Besorgnissen erfüllt werden, als Melanchthon.Klar erkannte ec das Bedenkliche und Schwierige der Stellung,in welche er nun versetzt war, und welche weder seinen Neigun-gen, noch seiner sonstigen Eigenthümlichkeit entsprach. So be-deutend sein Einfluß auf den Gang der Reformation seit seinemEintritt in Wittenberg, und so gewiß er lange schon Einer derwirksamsten Anführer der streitenden Kirche gewesen war, so hatteer doch stets seinem Luther, als dem Oberfeldherrn und kühne-ren Führer, freiwillig sich untergeordnet, in zweifelhaften Fallenund in den Tagen der Entscheidung durch dessen Rath sich lei-ten lassen, und in gemeinsamen Geschäften mehr dessen Ansich-ten und Anordnungen ausgeführt, als sich selbst die Bahn vor-gezeichnet. In seiner Ueberzeugung, in seiner Forschung undgelehrten Thätigkeit unabhängig und selbstständig, ließ er fast alleseine Einwirkung auf die kirchlichen Angelegenheiten durch Lu-ther's Meinung bestimmen, und bei den innern und äußernKämpfen, in welche er verwickelt ward, gereichte es ihm zumTrost, daß Er nicht allein zu entscheiden und die Verantwor-tung zu tragen habe. In vieljähriger gemeinsamer Wirksamkeitwar es ihm eben so sehr zur Gewohnheit geworden, sich überallnur als Gehilfen, kaum als den Zweiten in dem großen Tage-werk zu betrachten, wie zum Bedürfniß, bei jedem wichtigenSchritt das Gutachten des entschlosseneren Freundes zu verneh-men. Nun sähe er nicht nur sich plötzlich allein an die Spitzeder Streitenden gestellt, sondern er sollte auch Haupt und Füh-