128
Philipp Mclanchthon
Anmaßung, zu welcher sein steigendes Ansehn ihn verleiten konnte,unveränderlich die größte Ehrerbietung und Liebe. Einem minderdemüthigcn und anspruchslosen Mitarbeiter, als Mclanchthonwar, der dabei an Gelehrsamkeit, Einsicht und Wirksamkeit L ri-ll, er'n wenigstens nicht nachstand, würde dessen Ueberlegenheitund entscheidender Einfluß bisweilen etwas beschwerlich gewesensein; der bescheidene Melanchthon ließ dieses Gefühl nie aus-kommen; aber es that ihm oft weh, wenn da, wo er gern Pal-liativmittel versucht hätte, von Luther die schärfste Lauge an-gewendct ward, die freilich alte und neue Wunden nicht alsbaldheilte, aber doch reinigte, die gesunkene Lebenskraft aufregte undso die Heilung begründete. Es ist in der That eben so verzeih-lich, als nach Melanchthon's Eigenthümlichkcit begreiflich,wenn er jetzt, mitten in seiner Trauer, Hoffnungen Raum gab,deren Erfüllung durch Lut her's übrigens aufrichtig beklagtenTod etwas wahrscheinlicher zu werden schien. Aber das hinderteihn nicht, die Größe seines Verlustes tief zu empfinden, und esspricht sich in seinen dieser Trauerzeit ungehörigen Briefen einSchmerz aus, dessen Aufrichtigkeit keinem Zweifel unterliegt. Nachachtundzwanzigjährigem gemeinsamen Wirken, in welchem unfried-liche und unduldsame Zwischenträger nur vorübergehende Mißver-ständnisse erwecken und das gewohnte Einverständniß nur augen-blicklich stören konnten, mußte der Aurückbleibendc den Freund,der ihm unzählige Beweise von Wohlwollen, Theilnahme, Ach-tung und Liebe gegeben hatte, der ihm stets eine feste Stützegewesen, den er selbst in ehrender Anerkennung seiner Meister-schaft nur den Doctor zu nennen gewohnt, und der ihm wahr-haft ehrwürdig und theuer war, schmerzlich vermissen.
Und das um so mehr, als die Zeitverhältnisse Muth undKraft, Weisheit und Rath dringend in Anspruch nahmen, undfür die Evangelischen immer drohender und gefahrvoller wurden.Wie an einem schwülen Sommcrtage dunkle Wolken, die amfernen Horizont aufsteigen, den nahenden Gewittersturm vorhcr-verkündigen und vocempsinden lasten, so zog Unheil weissagend,und schreckender, als in den vorangegangenen Tagen des Kampfes,das Wetter sich zusammen, welches über Deutschland sich ent-laden sollte. Des Kaisers Unmuth gegen die pcotestirenden Stande,seine Plane zu ihrer Demüthigung, die Maßregeln, welche erzu diesem Ende vorbereitete, konnten nicht langer verborgen blei-ben, und schienen jetzt mehr als je, des beabsichtigten Erfolgs ge-wiß zu sein. Denn gerade in dieser Zeit fand man die, deren