Druckschrift 
6 (1830)
Entstehung
Seite
61
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Evangelium Matth. 15.

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Sünde ist immer vor mir." (Ps. 51, 5.) Der Hinblickauf unsere Sünde schreckt uns zurück, das; wir uns nicht ge-trauen vor Ihn zu kommen; oder wenn wir auch dieses nochwagen, so raubt uns doch das Bewußtsein unserer Sünden al-len Muth, Hilfe zu hoffen, zu erflehen, zu erwarten, betreffecs nun leibliche oder geistliche Angelegenheiten, weil ja jeder Artvon Bitte, auch der um leibliche Güter, der Gedanke an dieSündenvergebung, Begnadigung, Versöhnung und Rechtfertigungvoraus gehen muß. So liegen wir nun tiefgebeugt vor Gott,und bringen unsere Noth, unfern Kummer, unsere Schmerzenvor Ihn, wie der Psalm (130, 1.) spricht:Aus der Tieferufe ich, Herr, zu Dir!"Straf mich nicht inDeinem Zorn!" (Ps. 6, 2. 38, 2.) Aber wir habeneinen heißen Kampf mit dem peinigenden Gedanken zu kämpfen:Du bist ein Unwürdiger, darum wirst du nicht erhört werden;du hast Strafe verdient, trage sie also. So zagen wir allesammtals vielfach befleckte Sünder vor Ihm; wir seufzen und flehenum Abwendung, oder Linderung unserer Noth. Aber unser Ge-wissen klagt uns an und verdammt uns, und cs muß Jederbekennen, daß er unwürdig sei, nach den Worten des Psalm:Ich will dem Herrn meine Uebertrctung beken-nen!" (Ps. 32, 5.)

Doch dieser Anfechtung muß man die Stimme des Evange-lium von der Rechtfertigung aus Gnaden, ohne eige-nes Verdienst entgegen stellen, und die Zeugnisse sich verge-genwärtigen, welche erklären, daß auch die Unwürdigen, Unge-rechten begnadigt werden.Wir werden ohne Verdienstgerecht allein durch den Glauben!" (Rom. 3, 24u. 28.) d. h., um des Mittlers willen, ohne einiges unser Ver-dienst wird die Sünde uns vergeben.

Gott hat gewollt, daß Seiner Gerechtigkeit genug gethanwürde. In ein wunderbares Wechselvcrhältniß tritt mit SeinerGerechtigkeit Seine Barmherzigkeit zur Erlösung des Menschen.Gott erbarmt Sich des Menschengeschlechts nach dem Falle, undfordert jedoch, weil Ec gerecht ist, Bezahlung des Lösegeldcs;Ec fordert cs aber im Sohne. Die Ursachen dieses wunderba-ren Rathschluffes werden wir einst, in der Ewigkeit, kennen ler-nen. In dem gegenwärtigen Dunkel aber sollen wir, wenn wirauch denselben nicht zu fassen vermögen, unser Gemüth wenig-stens auf das Nachdenken über denselben richten, und nicht dierohe Gleichgiltigkeit Derer theilcn, die gar nicht darüber nachdem