Evangelium Matth. t5.
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fleht, daß Gott deine Noth lindern möchte, und doch nahet Ernicht mit Seiner Hilfe!" Solche Schwachheit ist gewöhnlich inuns. Einige aber überwinden doch, und harren aus; und ob siegleich nicht ohne große Qual empfinden, welch eine schwere An-fechtung der Verzug der göttlichen Hilfe sei, so erwarten sic dochdie Zeit, die Ec bestimmt hat, und rufen unablässig Ihn an, wieChristus in jenem Gleichniß empfiehlt, daß man „allezeitbeten, und nicht laß werden soll" (Luk. 18,1. ff.), weildie Erhörung, wenn auch nicht sogleich, zuletzt dennoch erfolgenwird. Salomo spricht: „die Hoffnung, die verzieht,ängstigt das Herz" (Sprichw. 13, 12.), und das Sprich-wort sagt: „Schleunige Gabe ist doppelte Gabe;" und:
„Dem verzögerten Dienst raubt der Verzug seinen Werth." —Doch könnte man auch ebenfalls sprichwörtlich entgegnen:
„Harre, kleiner Verschub bringt oftmals größeren Borthcil."Oder:
„Langsam nahen die himmlischen Gaben; doch reichlich erstattetWird der kurze Verzug stets durch erhöhten Gewinn." —
— So besiegte das Weib die erste Anfechtung, weil sie sich durchdas Schweigen Christi, welches ihr nicht nur als ein Beweisvon Gleichgiltigkeit erscheinen, sondern auch wegen der Verzöge-rung der Rettung ihr drückend sein mußte, nicht abschrecken ließ,sondern anhielt mit Bitten, und immer lauter rief. Nun ver-wenden sich die Jünger für sie. Der Herr antwortet zwar, abermit einem Vorwurf gegen die Jünger, und wenn ihn das Weibvernahm, so mußte für sie diese Antwort weit harter noch, alsSein Schweigen sein. „Ich bin nicht gesandt," spricht Er,„denn nur zu den verlornen Schafen vom HauseIsrael."
Hier wird uns die Anfechtung in Ansehung der besondern Er-wählung (Gnadenwahl) vor Augen gestellt; denn jenem Weibewird eingewendet, daß sie nicht zu Israel gehöre. So denkenauch wir wohl: Gott hat ein bestimmtes Verzeichnis Auser-wählter; bin ich nicht in demselben ausgezeichnet, so bete ich ver-gebens. Oder: Gott hat Freiheit, zu erwählen, welche Er will.Ich kann aber nicht wissen, ob ich erwählt sei. Gegen dieseschwere, qualvolle Anfechtung sollst du wissen, daß du nicht darfstin dem geheimen Rathschluß der Gottheit erforschen wollen, obdu zu den Auserwählten gehörst oder nicht, sondern aus dem geof-fenbarten Worte, aus dem Evangelium, welches Erkenntnis dei-