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6 (1830)
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Evangelium Matth. 15.

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Je vortrefflicher und edler ein Wesen ist, desto starker istin ihm die Empfindung der Liebe. Es wird aber die Machtder Liebe und des natürlichen Wohlwollens mehr im Unglück alsim Glück erkannt, weßhalb ich oft sage, nächst der Empfindungder göttlichen Ungnade sei der höchste Schmerz der, welchen 'Lei-tern bei der Noth und dem Leiden ihrer Kinder empfinden.Dieser Schmerz ist viel großer, als der, den eigenes Leiden ver-ursacht. Die Legpptiec hatten ein Gesetz, daß der Vater, wenner sein Kind umgebracht hatte, nicht ebenfalls umgebracht wer-den sollte, sondern er mußte drei Tage lang bei der Leiche desKindes sitzen, weil sie cs für die furchtbarste Qual hielten, wennLeitern neben der Leiche des von ihnen umgebrachten Kindessitzen, und das traurigste Schauspiel vor Lugen haben mußten.In der That ein unaussprechlicher Schmerz!

Bedenke wohl, daß du ein Mensch geboren, und zwar vonehrbaren Leitern geboren bist! Beherzige es, mit welcher Ge-sinnung sie dich umfassen, und welche Gesinnung du hinwie-derum ihnen bezeigen sollst! Die menschliche Natur soll nichtder des wilden Thicres gleiche»; wiewohl auch die Thiere em-pfinden, bis zu der Zeit, wo sie erwachsen, eine gewisse natür-liche Liebe. Die Kuh hat ihre Brüste am Bauche; aber dieMuttcrbrust ruht über dem Herzen, weil die menschliche Mutterdie Liebe, oder die ihr Herz belebenden Gefühle, dem Kinde cin-flößt, damit gegenseitig die Liebe sei, und damit die Mutter er-innert werde, daß sie nicht nur ihre Liebe auf ihr Kleines über-tragen, sondern ihm auch Belehrung crtheilen solle, was dieThiere nicht thun, da sie ihren Jungen nur Nahrung mitthcile».

Das soll die Jugend wohl bedenken, und jene stoischen Phan-tasieen verachten; wie cs denn gar Viele für eine besondereWeisheit halten, wenn sic abgeschmackte und den Widerspruchherausfordernde Meinungen vertheidigen. Wir sollen lernen, waswahr und gut ist, und die Werke Gottes in der Natur fleißigbetrachten! So wollen wir denn auch in dieser Erzählung ausjenes tieft Leid, auf jene mächtige Bewegung in der mütterlichenBrust achten, welche diesem Weibe den Ausruf abdringt:Er-barme Dich meiner; meine Tochter wird vom Teu-fel übel geplagt!" Es sieht diese Mutter das furchtbareElend ihrer Tochter, sie fühlt den unaussprechlichen Schmerz der-selben, und leidet in ihrer Sele nicht weniger, als die Tochterkörperlich. Der traurigste Anblick mochte wohl der eines sol-chen besessenen Unglücklichen sein, der vom Satan aus die furcht-