52
Am ^Sonntage Rcminisccrc.
der Absicht cingepflanztc natürliche Wohlwollen, damit cs vonder Liebe Gottes gegen den Sohn und gegen uns zeuge,gleich wie der ewige Vater vom Himmel herab ruft: „Dießist Mein lieber Sohn, an Dem Ich Wohlgefallenhabe!" (Matth. 3, 17.) Es drückt aber der deutsche Ausdruck„an Dem Ich Wohlgefallen habe," das griechische Wortnicht genug aus, und nur die Verbindung zweier anderer Worteentspricht dem griechischen Ausdrucke vollkommen: „An Dem IchWonne und Freude habe," oder: „zu Dem Ich herzliche Liebeund Freude habe." Gefühllose Menschen von starrem kalten Ge-müth verstehen das nicht. Auf solche deuten die Verse hin:
Die Liebe kenn' ich nicht, ich selber liebe nicht;
Ich ward noch nie geliebt, und nimmer wcrd' ich lieben. —
Wenn sie nach stoischen Grundsätzen Gott die Liebe absprechen,weil sie in jeder Liebe Thorheit finden, so entgegne ich, das dieLiebe, wenn sie eine geregelte, vernünftige Liebe ist, mit NichtenThorheit ist, obgleich sich ihr in der verderbten Menschennaturleicht etwas Thörichtes bcimischen mag; denn sie ist an sich et-was von Gott Geordnetes, mithin ein Gut. In Gott und inden Seligen ist die Liebe ohne Thorheit. —- Eben so unrichtigist die Behauptung der Stoiker, daß alle Empfindungen ihremWesen und ihrer Natur nach etwas Schlechtes, Fehlerhaftes seien.Gott hat auch in Seinem Gesetze Liebe gegen Gott und denNächsten geboten, und der menschlichen Natur die Empfindungender Liebe eingeschossen. Irrig ist cs endlich, wenn die Stoikerträumten, die Liebe sei nur eine Einbildung, durch die man be-stimmt werde, um eines Andern willen sich großen Mühen zu unter-ziehen. Aber die Liebe ist von der Einbildung wesentlich verschieden;jene bildet sich im Gehirn, diese hat ihren Sitz im Herzen. —
Da nun die Liebe der Aeltern gegen ihre Kinder so stark,ja viel größer ist, als die der Kinder gegen die Aeltern, so wol-len wir fleißig bedenken, daß noch weit größer die Liebe Got-tes gegen uns ist. Die Liebe Gottes gegen uns konnte nichtgrößer dargestellt werden, als wenn der Sohn Gottes Ihn bit-tet, daß der ewige Vater mit derselben Liebe uns umfassen wolle,mit der Er den Sohn umfaßt: „Daß Du sic liebest, gleichwie Du Mich liebest!" (Joh. 17, 23.) In derselben Be-ziehung sagt Paulus: „Er hat uns angenehm gemachtin dem Geliebten;" (Eph. 1,6.) und der Täufer: „Undvon Seiner Fülle haben wir Alle genommen Gnad.eum Gnade." (Zoh. 1, 16.)