Druckschrift 
6 (1830)
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

Am Lage Johannes dcs Läufers.

dem unterscheiden lernen, was dem Menschen äußerlich begegnenkann. Das gläubige Vertrauen soll in allen wahrhaft Geheilig-ten gleich sein. Wir sollen glauben, daß wir um des Soh-nes willen Gott wohlgefällig, und jeder Einzelne Ihmangenehm ist. In diesem Glauben sollen wir zu Ihm beten,mögen wir nun reich oder gering begabt, möge unsere äußereLage günstig oder ungünstig sein. Auch wollen wir uns nichtdaran stoßen, daß Andere über uns stehen, daß Beruf undSchicksale ungleich vertheilt sind. Das wollen wir dem Nath-schlusse und dem Willen Gottes überlassen, wie es hier heißt:So Ich will, daß er bleibe." Wir wollen cs anerkennen,daß, wie der Beruf der Menschen verschieden ist, so auch derEine diese, der Andere andere Gaben besitzt, der Eine so, derAndere auf eine andere Weise angefochtcn wird. Seinen Berussoll ein Jeder aussüllen, zufrieden sein mit den ihm gewordenenGaben, und tragen sein Kreuz. Jeder soll Gott seinen Gehor-sam bewähren, sowohl in seinem Berufe, als in seinen Anfech-tungen, da beide nicht vom Zufall, sondern vom Willen Got-tes ihm kommen. Folge treu deiner Berufung, beherzige, welcheGaben dir verliehen worden, erwäge, welche Leiden Gott dichtreffen lassen will! Frage nicht zweiselsvoll, was Gott in Anse-hung Anderer beschlossen habe! Gott will, daß wir uns durchdas von Ihm uns gegebene Wort sollen leiten lassen; Er will,daß wir in dem Berufe, zu dem wir berufen sind, Ihm die-nen, nicht aber, daß wir wegen der ungleich vertheilten Gabenden Glauben wegwerfcn sollen.

Auf diese Weise müssen wir unsern Mangel an geduldigerErgebung und Vertrauen heilen.

Oft aber erzeugt in leidenschaftlichen Naturen die Ungleich-heit des Berufes, der Gaben und des Schicksals Neid und Ei-fersucht. Diese Ucbel herrschen in der Kirche nicht nur, sondernauch in andern geselligen Verhältnissen dcs Menschenlebens. Kainbeneidet seinen Bruder, und wird ein Brudermörder, und wirddadurch für sich, wie für seine Aeltern und Nachkommen, die Ur-sache großer Trübsale. Esau sieht voll Mißgunst den Bruder Ja-kob sich vorgezogcn. Dcßhalb stellt er ihm nach, und droht ihmselbst den Tod. Saul ergrimmt über Davids Ruhm. Er sieht,daß er vom Volke weit mehr gefeiert, von Gott mit den glän-zendsten Siegen beglückt wird, und sucht deshalb ihn zu vernich-ten. So sind auch in der Kirche aus Neid und Eifersucht oftStreitigkeiten erregt, neue Dogmen ausgestellt, falsche Meinun-