595
Türkei und Griechenland (!828)
Mächte zurück. Hierauf setzten die Griechen ihrerseits die Feindseligkeiten fort,und die türkisch-ägyptische Flotte lief (9. Sept,) in die Bai von Navarin ein. Dar-auf erschien am 13. ein britisches Geschwader, unter Admiral Codrington, vor derBai; mit ihr vereinigte sich am 22. ein französisches unter dem Admiral Rigny undein russisches unter dem Grafen Heyden. Sie verlangten von Ibrahim Paschakategorisch die Einstellung der Feindseligkeiten. Er versprach dies und lief miteinem Theile der Flott« aus, ward aber genöthigt, in die Bai zurückzukehren. Alser nun die Verwüstungen in Morea fortsctzte und auf die Beschwerden der Admiralekeine Antwort gab, so liefen die drei Geschwader in die Bai ein, wo die türkisch-ägyptische Flotte in Schlachtordnung stand. Von türkischer Seite sielen die erstenSchüsse, welche 2 Engländer tödteten. Dies war das Zeichen zu einer mörderi-schen Schlacht (20. Oct. 1827). Codrington vernichtete die osmanisch-ägyptischeArmada von ItO Schiffen; ein Theil ward verbrannt, ein Theilaufden Strandgejagt, die übrigen zum Fechten unbrauchbar gemacht. Keines strich die Flagge.Europa feierte den Sieg mit Hochgefühl. Nur der König von Großbritannien nannteihn im Parlamente (30. Jan. 1828) ein verhärignißvolles (untorvaril) Ercigniß. *)
Nun trat eine unfreiwillige Waffenruhe ein. Desto arger trieben die See-räuber ihr Unwesen. Darum erließen die Admirale der drei verbündeten Geschwadereine heftige Erklärung an den gesetzgebenden Rath der Hellenen, und nach blutigenStrafen gelang es endlich, durch gemeinschaftliche Maßregeln die Sicherheit derMeere herzustellen, besonders nachdem die Briten den Hauptsitz der Corsaren zuKarabusa auf Kandia (28. Febr. 1828) zerstört hatten. Die Hellenen gingenjetzt zum Angriffskriege gegen die Osmanen über; allein ihre Unternehmung aufScios, wo sie die Citadelle vergeblich belagerten (vom Nov. 1827 bis zum 13.März 1828), war ebenso zwecklos als für die Bewohner verderblich.
J,n dumpfen Zorn über de» Tag von Navarin legte die Pforte auf all«Schiffe der Franken in Konstantinopel Beschlag (2. bis zum 19. Nov.), und hob(8. Nov.) alle Verbindung mit den Gesandten der verbündeten Mächte auf, bisEntschädigung für die verlorene Flotte gegeben sei. Zugleich rüstete sie sich zumKriege. Überhaupt entfaltete der Sultan, seit der Aufhebung der Janitscharen(s. d.) im Juni 1826, eine außerordentliche Willens - und Thatkraft, um ein neuesHeer auf europäische Art einzurichtcn; er leitete persönlich die Übungen desselbenund feuerte durch alle Mittel, die ihm zu Gebote standen, den Muth der Moslemsan. Daher verließen am 4. Dcc. 1827 der ruff. Botschafter, Ribeaupierre, am 8.Der. der franz., Guillcminot, und der britische, Stratford-Canning, Konstan-tinopel. Während ihrer Abwesenheit war der niedcrländ. Gesandte, Baron vanZuylen, Vertreter des russischen, französischen und britischen Hofes. Nun botzwar die darüber betroffene Pforte in einer Note vom IS-, welche sie dem GrafenRibeaupierre, den widrige Winde im Bosporus zurückhiclten, nachschickte, zu ver-söhnenden Maßregeln die Hand; allein damit stimmte der zum Kriege auffodcrnde,Rußland vielfach beschuldigende Hattischeuf des Padischah an alle Paschas vom20. Dcc. nicht überein. In demselben sagte der Gcoßherr: „Die Pforte habe sichgestellt, als ob sie das glaube, was die Minister der drei Mächte ihr gesagt". — „Esmüsse den wahren Moslems einleuchten, daß die Pforte nur, um Zeit zu gewinnen,bisher freundschaftlich zuWcrkegegangensii". (S.„Polit. Journ.", 1828, St. 2.)Aus allen Theilen des Reichs wurden jetzt die Ayans — ein bisher ungewöhnlichesVerfahren — nach Jstambol berufen, wo man im Jan. 1828 mit ihnen die Vor-*) Über die diplomath. Ursachen der Schlacht bei Navarin sehe mau den Aufs.: „Diegriech. Revolut. und die europ. Diplomatie", im „kur. 0>mrt.I1ev.", 1829, N. 9. EinZusatz von der Hand des Großadmirals Herz. v. Clarence (seit dem 6. Juni 1830 KönigWilhelm IV ) zu der Depesche an den Admiral) hatte diesen eine Schiachtzu liefern er-mächtigt. Als Reste der ottom. Flotte aus der Schlacht von Navarin kehrten am Ende1329 1 Linienschiff, 4 Freg. und 7 Briggs von Alexandrien nach Konstantinopel zurück.
38 *