Türkei und Griechenland (!826) 583
konischen Heldenmuth zum 5. Male befteit. Allein nun wandte Ibrahim seine An-griffe auf die Außenwerke Missolunghis von der Seeseite. Er drang mit Kanonier-schaluppen und schwimmenden Batterien in die Lagunen ein, erstürmte am 9. März1826 die kleine, auch des Fischfangs wegen wichtige, Insel Wassiladi, wo dieBesatzung von 110 Mann den Heldentod starb. Eine in die Pulverkammer desForts gefallene Bombe, wodurch die Munition in Brand gerieth, hatte den Falldieses Punktes entschieden. Hierauf nahm Zbrabim am 13. Marz 1826 die un-weit Missolunghi gelegene, befestigte Insel Anatoliko mit Capitulation, nachdemer ein befestigtes Kloster auf der Landseite, Namens Kundro, welches jene Inselschützte, erstürmt hatte, wo die Besatzung von 400 Mann nicdergehauen wurde.Nach diesen Unfällen konnte Missolunghi nur durch die Ankunft der gricch. Flotte,welche sich in Hydra mit Lebensmitteln versorgen mußte, und durch das Vordrin-gen des Tcuppencorps unter Gouras und Fabvier von Salona her gerettet werden.Allein Reschid Pascha hielt Kouras's Scharen auf, und Misso lungh i (s. d.)—der Vorwall des Pcloponnesos — siel glorreich d. 22. April 1826.
Jetzt schien die Gründung eines ägyptisch - afrikanischen Militairstaals in Eu-ropa entschieden. Denn Ibrahim hatte den Kapudan Pascha, den Jussuf Paschaund den Reschid Pascha entfernt; er war im Besitz von Modon, Koron, Navarinound Patras. Kam nun auch Nauplia in seine Gewalt, so machte er sich bald zumHerrn der Inseln des Archipels. Der Pforte war es dann nicht möglich, diesenmächtigen Satrapen in der Unterwerfung zu erhalten; und alles dies hatte der Vi-cekönig von Ägypten fcanz. Artillcrieofsicieren verdankt!
Allein eben diese Gefahr bestimmte die Cabinette zum Handeln. Dazu kamdie Begeisterung der Völker. Das Schicksal Missolunghis, unter dessen Trüm-mern, nachdem 1800 Hellenen unttr Noto Botsaris und Kitzos Tsavellas nachSalona und Athen hin sich durchgeschlagen hatten, die Zurückgebliebenen freiwil-lig sich begruben, erregte in ganz Europa die lebhafteste Theilnahme; aber nur inFrankreich durfte diese zuerst laut und thatig sich beweisen. Hier zählte die zu Pa-ris im I. 1825 gebildete 8ooiöto plrilnntiiropiguo en kaveur (los Oreo« dieangesehensten Männer (Chateaubriand, Choiseul, Dalberg, Matth. Dumas, Fitz-James, Lasilte, Laino, Alex. v. Lameth, Larochefoucault-Liancourt, Eas. Per-rier, Sebastian!, Ternaup, Villemain und viele Andre) zu Mitgliedern. Sie hatteim Febr. aufs Neue 60,000 Franken für die Versorgung Missolunghis mit Lebens-mitteln verwendet; sie erhielt zu demselben Zweck von Amsterdam 30,000 Fr. DerGenfer Eynard wies 12,000 Fr. an. Der Herzog von Orleans Unterzeichnetemehrmals beträchtliche Summen; 40 Frauen aus den höhern Ständen sammeltenpersönlich Beiträge, und fast in allen Salons zu Paris war es Sitte, daß dieHausfrau eine Sammlung für die Griechen veranstaltete. Darauf folgte Deutsch-land. Hier unterzeichnet« ein König — Ludwig von Baicrn — Beiträge, und er-laubte seinen Kriegern— an ihrer Spitze stand der Oberst von Heidegger*) — fürGriechenlands Sache zu kämpfen. Es erhob sich die Stimme der Dichter; es bil-deten sich neue Griechenvereine, z. B. in Sachsen; alle traten mit dem edeln Ey-nard (s. d.) in Verbindung. Griechische Waisen wurden in Deutschland, in derSchweiz und in Frankreich erzogen.
So nahte endlich, als der Jammer des Landes aufs höchste gestiegen war,den Griechen langsam die Rettung. Es hatte nämlich Wellington auf Canning'sGeheiß in Petersburg das Protokoll vom 4. 'April 1826 unterzeichnet, welches dasEinschreiten der 3 Hauptmächte zu Gunsten Griechenlands vorbereitete. Aber erstwollte der Kaiser von Rußland (s. d.) seine Irrungen mit der Pforte schlichten.Dies geschah durch den Vertrag von Ak.rman am 6. Oct. 1826. Darauf schloß
*) Dieser allgemein geachtete Officier, der Hanptmann Schnitzlein und der bairischArzt l). Zuccarini kehrten 1829 zurück.
Conv.-Lex. Siebente Ausl. .Bd. XIlf
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