583
Türkei und Griechenland (1824)
Regierung mit den europäischen Mächten in ein feindliches Verhältmß versehtDer griech. Staatsfecretair Rhodios lehnte in einem Schreiben an Canuing duVorschläge zu einer Vermittelung mit der Pforte ab. *) Dagegen erzwang Eng-land durch seinen Lord-Obercommissair der ionischen Inseln, Sir Frederi'c Adameam 15. Sept. die Zurücknahme der von der griech. Regierung am 7. Juni erlasse-nen Kundmachung, in deren Folge sie die europäischen an den Feind veriniethele»Transportschiffe nicht als neutral, sondern als feindliche Schiffe behandelte. Alsjedoch die griech. Regierung ein Manifest erließ, in welchem sie sich über die schänd-liche Gewinnsucht der christlichen Kaufleuts, welche das Gesetz der Neutralität zuGunsten der Türken so offenbar verletzten, nachdrücklich beschwerte, so erkannte dieengl. Regierung daö von der griech. Negierung in der gehörigen Form ausgeübteBlockaderccht an, und der östreichische Jnternuncius erließ an die Eonsuln seinesStaats den Befehl, jedes neutralwidrige Schiffmiethen zu verhindern. Dessen-ungeachtet überließen einzelne christliche Capitaine, vorzüglich französische, ausschändlichem Eigennutz ihre Schiffe den Ägyptern und führten christliche Gefangeneaus Griechenland in die Sklaverei nach Afrika: ein empörendes Verfahren, wel-ches in der franz. Pairskammer 1826 durch Chateaubriand gerügt und hierauf ge-setzlich verboten wurde.
Während dies geschah, hatten sich am 4. Sept. die ägyptische und die türk.Flotte in dem Golf von Budrun vereinigt, und nun entspannen sich einzelne Ge-fechte mit der griech. Flotte; am 10. Sept. dauerte der Kampf b-i Naxos den gan-zen Tag: vielleicht das erste Scetreffen, das diesen Namen verdient. Der uner-schrockene Kanaris sprengte mit seinem Brander eine ägyptische Fregatte von 44Kanonen und eine Brigg in die Luft; die Griechen verloren 10 kleine Schiffe;endlich brach die ottomanische Flotte das Gefecht ab und zog sich mit dem Verlustevon mehren Transportschiffen am 21. Sept. nach Mitykcne. Khosrew kehrte hier-auf mit 15 Segeln nach Konstantinopcl, und Ibrahim Pascha mit der übrig.»Flotte in den Golf von Budrun zurück. Er versah aufs Neue die Inseln, beson-ders Kandia, welches sein Vater bereits als einen Bestandtheil seines Vicekönig-reicbs ansah, mit Truppen und Lebensmitteln. Bald nachher griff ihn Miaulisam 25. Nov. auf der Höhe von Kandia an. Ibrahim verlor eine Fregatte, 10kleine Kriegs- und 15 Transportschiffe; auch durch die Pest geschwächt, welche amBord der Schiffe ausgebrochen war, zog er sich in die Häfen von Rhodos, wo»seinen in Europa wohl bekannten Admiral Ismail Gibraltar durch den Tod verlor.Sein Plan, Morca anzuqreisen, war für dieses Jahr vereitelt.
Nach so ruhmvollen Anstrengungen der griech. Flotte störte die trotzige Ehr-sucht der Militairsaction abermals die Eintracht auf der Halbinsel. Als die Wah-len zu der dritten Regierungsperiode im Oct. ihren Anfang nahmen, bestand dergesetzgebende Rath zu Nauplia aus 63 Mitgliedern. Maurokordatos legte seineStelle als Präsident des Senats nieder, die Panuzzo Notaras erhielt; Kolokotrc-nis und dessen Anhänger sielen bei der Wahl des Vollzichungsrathes durch. Dievorigen Mitglieder wurden bestätigt. Allein unglückliche Ereignisse hemmte» dieThätigkeit der Regierung. In Nauplia entstand ein pestartiges Nervensicbec, a»welchem der Vicepräsident Botassis und Manuel Tumbasis starben; der PräsidentKonduriotis begab sich deßwegen nach Hydra. Zu gleicher Zeit brach im Nov. 1824ein Bürgerkrieg aus. Kolokotronis hatte der erneuerten Wahl des Vollziehungs-raths öffentlich widersprochen und die Tcuppenbefchlshabec auf seine Seite gezo-gen. Sofort verließen die Generale Kanellas, Papaganvpulos, 'Andreas Londosund Notarapulos die ihnen aufgetragene Belagerung von Patras; ihre Truppen
*) S. das Schreiben d.'s Secrctalrs Rhodios vom 1L./Z4. Aug. 1824 an Can-,'ing. und Camnng's Antwort vom 1. Dec. 1824, i„ der „Allgem. Zeitung", 1825,Nr. SS