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12 (1830) W bis Z
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Wunderbar in ästhetischer Hinsicht

Tiefen der Natur zu schauen. Das Wunderbare scheint uns einen solchen Blick zueröffnen, daher lieben wir dasselbe, und die Kunst, ihrem inncrn Ursprünge nachms das Wunderbare deutend, bewegt sich gern in dessen Gebiete. Hieraus ent-steht das ästhetische Wunderbare, das ist Dasjenige, was durch den Schein desWunders gefallt. Dieses ist aber der Fall, wenn es, in sich lebendig, unsererPhantasie ein unbegrenztes Feld der Thätigkeit eröffnet, und uns durch seine Be-deutung über das Gewöhnliche und Alltägliche erhebt, woraus sich ergibt, eines-theils, wie sehr das Wunderbare mit dem Erhabenen verwandt ist, anderntheils,daß auch bas Seltsame den Schein des Wunderbaren verliert, sobald es uns ge-wöhnlich wird. Mit dem Erhabenen ist es aber insbesondere verwandt, weil wirin diesem die Wirkung einer ungewöhnlichen Kraft erblicken, die in uns das Gefühlder eignen freien Kraft erweckt und uns über die irdische Natur erhebt. Erscheintuns in dem Wunderbaren die Wirkung übermenschlicher Kraft, welche unserer Kraftsich drohend entgegcnstellt, dann ist das Wunderbare zugleich furchtbar; aber hierhängt viel von der größern oder geringem Ausbildung des Geistes ab. Indessenkann das Wunderbare auch in freundlicher, anmuthiger Gestalt erscheinen, wie z. B.in den Feenmärchen, inWieland'sOberon" rc. In welcher Form es abererscheine, so darf doch, wie wir in der obigen Bestimmung andeuteten, das ästhe-tische Wunderbare nie ohne Bedeutung sein und auf ein kindisches Gaukelspiel derPhantasie hinwirken. Denn die sinnlichen Formen, unter welchen die Kunst, dieDarstellerin des Schönen, wirkt, sind nicht schön ohne Belebung durch Ideen,deren Ausdruck sie enthalten sollen. Und so soll also auch das leichteste Märchen,als Eczeugniß der Dichtkunst, einen poetischen Sinn enthalten. Natürlich ist esabcr wol, daß da, wo das Wunderbare in der Kunst sich zeigt, derselbe Grad vonVerständlichkeit nicht stattsinden kann, dessen sie sonst wol fähig ist; denn es liegtin der Natur des Wunderbaren, daß dasselbe, indem cs uns Etwas gibt, noch weitMehres verbirgt. So ist auch das Wunderbare dem Wahrscheinlichen, nicht aberdem Wahren entgegengesetzt. Denn wahrscheinlich ist, was den Schein des wirklichGeschehenden und mithin zugleich des Gewöhnlichen hat; aber die Wahrheit derKunst erfodcrt nur innere Übereinstimmung des Dargestellten. Um dieser Wahrheitwillen mißfällt uns sogar jene geschmacklose Vermischung der gemeinen Wirklichkeitund des Wunderbaren in vielen Erzählungen, und man muß sogar das Romanhaftevon dem Romantischen wohl unterscheiden. Das Wunderbare wird aber durchdie Natur der besonder» Künste besonders modisicirt. Anders erscheint es in derPoesie, anders in den bildenden Künsten. Am größten und unbeschränktesten istsein Wirkungskreis in jener. Denn durch den ausgesprochenen Gedanken läßt sichdos Unbegreifliche und Ungewöhnliche am leichtesten vor die Phantasie führen, unddurch Schilderung übermenschlicher Thaten und Wesen andeuten und darstellen.Namentlich tritt das Wunderbare hervor im Gedichte (s. d.), welches seine erha-benen Gegenstände in die günstige Ferne der Vergangenheit stellt, und vorzüglichin der eigentlichen Epopöie, die als Urgedicht und Sage einer Nation auf die dunkleZeit ihres Ursprungs und ihrer ersten Kampfe deutet, aber auch in ihren spatemFormen das Wunderbare gern als seinen Bestandtheil aufnimmt, wie im Mär-chen. Beschränkter ist die Erscheinung des Wunderbaren im Drama. Denn hiertritt es in die Helle, sinnliche Gegenwart, und kann sehr leicht in Gaukelei der Sinneausarten. Am meisten ist cs einheimisch in der romantischen Oper, und die Musik,welche die Tiefen des Gefühls aufregt, ist in dieser Verbindung mit der Poesie amfähigsten, die Wirkung des Wunderbaren hervorzubringen. Die bildenden Künste,welche ihre Werke für das Auge sixiren und die Formen der Natur nachbilden, sinddazu weniger geeignet; am meisten jedoch unter ihnen die Malerei, welche sich derätherischen Scheingestalt bedient, und die Bewegung der Mimik in ihren Figurentäuschender nachbildet als die Plastik und Architektur, welche in dem Bestreben nach