4 I. Deutschlands Stellung.
irgend ein großes Bedürfnis, irgend ein tief gegründeter Zwie-spalt iin Innern eines Staates besteht, da werden jederzeitSdürmc von außen auch den inncrn Kampf erneuern; denn esist in der Natur des Menschen begründet, daß in Zeiten derRuhe das Bedeutende versäumt, und nur im Kampfe mit äu-ßeren auch der innere Feind besiegt wird.
Auch der gegenwärtige Augenblick ist dieser Art. Das alteReich zwar ist jenem inncrn Zwiespalte, in den cs versunkenwar, unterlegen; eine neue Gestaltung ist begonnen; aber über-all mangelhaft und unvollendet trägt auch sic in sich jene Kei-me des Mißtrauens und der Feindschaft. Auch jetzt mahnenlaute Stimmen zur Eintracht und tadeln jene Bestrebungennach Verbesserung oder Veränderung als verderblich für Machtund Ehre des Ganzen, ohne welche auch der Einzelne nicht be-stehen kann. Solche Stimmen verdienen Gehör, vor allem beidenen, deren Gedanken auf Acnderung des Bestehenden gerichtetsind; denn das darf keiner vergessen, daß für deutsche Volkerkeine Freiheit ist als in Deutschland, für deutsche Fürsten keineUnabhängigkeit als in Deutschland; für die Machthaber sogarkeine Macht als durch Deutschland, das heißt durch des deut-schen Volks Vertrauen und Liebe. —
An die Stelle eines alten Kaiserthums mit urkundlich be-stimmten , bestrittenen, beschrankten Rechten ist ein doppelterEinfluß der Uebcrmacht getreten; ein Einfluß, der um so ge-fährlicher ist, je weniger rechtlichen Grund er hat, je mehr erauf Macht beruht und also, wo er verderblich wirken mochte,nur durch Gewalt zu bekämpfen ist, wenn cs nicht dem Min-dermächtigen gelingt, bis zur unbehaglichen Empfindung desmächtigeren Gcwaltthätigcn sein Recht vorzustellen. — DiesUcbcrgcwicht der Macht im östlichen Deutschland, das sogar au-ßer dem Bunde noch Stützen gesucht und gefunden hat, scheintin allem, was bedeutendes geschehen ist, das eigentlich bewe-gende gewesen zu sepn. Macht aber ohne Recht ist gefährlich, sicerweckt Mißtrauen und ist der Keim alles Unfriedens; wir dürfenwohl fürchten, gegen diese Macht dicselbigen Waffen kämpfenzu sehen, die vormals gegen den Kaiser gebraucht wurden.