Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 445
tus und baten ihn, den Befehl zu ertheilen,, daß den Ge-kreuzigten die Gebeine zerschlagen würden, denn dieses thatman gewöhnlich, wen» man ihren Tod beschleunigen wollte,und die Leichname alsdann hinwegschaffcn zu lassen. Pilatusgewährte auch die Bitte, und auf seinen Befehl zerschlugendie Soldaten den beiden mit Jesu gekreuzigten Räubern die, Gebeine. Da sie aber Jesum schon verschieden sahen, so
A hielten sie jenes Verfahren bei ihm nicht für nöthig; um
' aber zu erkennen, ob Jesus wirklich todt sey, so fließ einer
derselben *) ihm eine Lanze in die Seite, worauf Blut mitWasser vermischt aus der Wunde floß, was man für einZeichen des Todes hielt.
Um dieselbe Zeit begab sich Joseph, ein Mitglied desHohenrathes und ein heimlicher Freund Jesu, aus Arimathiaoder Ramathajim-Zophim (s. S. 83.) gebürtig, zu Pilatus,und bat denselben, daß man ihm Jesu Leichnam überlassenmöchte. Jesu edle Selbstaufopferung hatte auch ihn ermu-l thigt, sich über Vorurtheilc und Furcht hinwegzusetzen und
^ keine Gefahr zu scheuen, um seinem edlen Freunde noch den
letzten Liebesdienst zu erweisen und ihm ein würdiges Be-gräbnis zu gewähren; denn sonst würde Jesu Leichnam ebenso wie die der andern Hingerichteten in irgend eine Schluchtgeworfen worden seyn. Uebrigens war es nicht ungewöhn-lich, daß Verwandte und Freunde die Obrigkeit ersuchten,ihnen die Leichname derer, welche eine Todesstrafe erlittenhatten, zu überlassen, was ihnen auch nicht leicht abgeschla-gen wurde. Pilatus wollte es kaum glauben, daß Jesusschon verschieden wäre; daher ließ er den Hauptmann, wel-cher bei der Kreuzigung die Aufsicht geführt hatte, zu sich^ kommen, und zog von diesem erst Erkundigung ein, ob Jesus> wirklich todt sey; und nachdem ihm dieses bestätigt worden
*) Man nennt diesen Soldaten Longinns oder LongiS. Manchehalten ihn für eine nnd dieselbe Person mit jenem Hauptmanne, der Jesumfür Gottes Sohn erklärte; die Römisch-katholische Kirche aber unterschei-det beide. Er soll Christ geworden seyn und in Kappadocien das Evange-lium gepredigt und den Märtyrertod erlitten haben. Einen Theil des Eisensvon der Lanze, mit welchem der Soldat Jesum verwundet haben soll, be-wahrt man in Rom auf, den andern zeigte man sonst i» dem Schatze zuSamt Denis bei Paris.