DAMM. crvMl^ rrno r<)c yrrocvrur^ MIDL^GK-W.M «iixl ^e>««?n I» e>x »I, ^ «L» E>x»xr s-x-x-^ Hil«irt«i-nn^ ,^k,' Ilt»i1is«n ^>c In v<>t xi>j^Ii<^I> clss » ^1« 5 Itt>» I!, II^ , LÄ,r -s^> xxx/^x> .^^xxx«^ xx/^x/ «rx^^ /NXX^X^XSX-^XS x4x^/ /-x:,-x^- xxxx^, <»^x- x-?x«xx!x-^xxx xx^xx-> ^Äxx^x'- § Äoh. ^^c>-Krredv. O>cl)nndt, 1^ Kitn»lL i l> im«! eiix k- ivni'l c. 5^ -x »s-r- ,5^xxx^ Seinem verehrten Vater Zoh. Daniel Balttzasar Schmidt, Pfarrer zu Lehnstedt und Hammerstedt bei Weimar, und Adjnnkte der Snperintendentnr und Schnlaufsicht in der Diöces Mcllingen, aus kindlicher Liebe und Hochachtung gewidmet von dem Verfasser. Vorwort. I^icht ohne eine gewisse Bedenklichkeit sende ich die vorliegende Schrift in das Publikum hinaus; da mir nicht unbekannt ist, welche Schwierigkeiten es hat, die Reisen Jesu in einer angemessenen und völlig genügenden Reihenfolge aufzustellen; weil die Evangelien die Wanderungen und Thaten unsers Herrn und Meisters nicht chronologisch genau, und nicht ganz vollständig enthalten; und weil daher in der Anordnung der Schicksale und Handlungen Jesu Vieles nur auf Muthmaßungen und Voraussetzungen beruhen muß, die leicht irrig seyn können. Auch verkannte ich bei der Bearbeitung dieses Buches eine Menge anderer Schwierigkeiten nicht, die eine solche Schrift, wie die vorliegende, nicht leicht ohne Mängcl hervorgehn lasten. Denn die weite Entfernung unserer Zeit von dem Zeitalter Jesu; unsere, von der in dem Morgenlande üblichen, ganz abweichende Lebensweise; die schwerere Zugänglichkeit der Gegenden, in welchen unser göttlicher Lehrer ehemals wandelte; die unvollständigen, oft wenig begründeten Ueberlieferungen der Kirchcnvätcr und ^ ill««««««»«»«ji 6 SsSSSii i IN«ik vr Vorwort. anderer alten Schriftsteller; die abweichenden und oft einander widersprechenden Nachrichten der Reisenden, welche in neuerer Zeit Palästina besuchten; die verschiedenen Erklärungen der Schriftauslegcr, und die entgegengesetzten Ansichten der Rationalisten und Supernaturalistcn: alles dieses führt Schwierigkeiten herbei, welche die scharfsinnigsten und gelehrtesten Männer oft fruchtlos zu überwinden suchten. Und doch schien mir der Versuch nicht unnütz, oder überflüssig, für Solche, welche nicht Gelehrte, besonders nicht Theologen von Profession sind, eine Beschreibung des gelobten Landes, und eine Schilderung der Jüdischen Sitten und Gebräuche in Verbindung mit dem Leben Jesu zu geben; weil hier der wißbegierige Bibelleser, der nicht blos mit dem Buchstaben sich begnügt, sogleich an Ort und Stelle so manche wünschenswerthe oder nöthige Erläuterung zu finden vermag. An Schriften, welche eine Beschreibung des Jüdischen Landes enthalten, fehlt es nicht, unter denen die des Herrn Dr. Röhr für gebildete Leser überhaupt, und das Handbuch der biblischen Altcrthumskunde des Herrn Dr. Rose nmüller für Theologen insbesondere, ohnstreitig die ersten Stellen einnehmen. Schriften jedoch, welche die Sitten und Gebräuche der Juden zu Jesu Zeiten den wißbegierigen Bi- Lellesern überhaupt darstellen, sind weniger vorhanden. In keiner Schrift aber, so viel mir bekannt ist, fand man bisher Beides mit Jesu Leben vereint, durch welche Vereinigung Beides ein desto größeres Interesse gewinnen muß. Man hat in den neuesten Zeiten für die Verbreitung der Bibel, besonders des Neuen Testamentes, sehr viel ge- ,»«»>«««»»« «», Vorwort. VI r than, damit jeder Christ genügende Kenntniß und sichere Gewißheit seines Glaubens und seines sittlichen Verhaltens erlange. Aber die heiligen Schriften verständlich zu machen ist eben so nothwendig als ihre Verbreitung, weil die Leser sonst leicht ihre Meinungen und Dorurtheile in sie hineintragen und dieselben alsdann darin bestätigt zu finden wähnen, oder bei Uukenntniß irrige Ansichten sich schaffen, welche kein ächt christliches Leben begünstigen. Das richtige Verständniß der heiligen Schriften beruht aber vorzüglich mit auf der deutlichen Darlegung der Lokal- und Zcitverhältnifse, unter denen Jesus lebte, und auf der Bekanntschaft mit den damals herrschenden Sitten und Gebräuchen. Hierzu beizutragen und jene Verhältnisse, Sitten und Gebräuche anschaulich in ihrer Gesammtheit und im Einzelnen darzulegen, war das Ziel meiner Arbeit. Schon als ich in den Jahren 1826 und 1827 das Sonntagsblatt: „Gott und der Mensch", und: „der Mensch vor Gott" herausgab, ging mein Streben vorzüglich mit dahin, ein richtigeres Verständniß der heiligen Schriften zu befördern; und da dieses beifällig aufgenommen wurde *), jenes Sonntagsblatt aber wegen äußerer ungünstiger Verhältnisse zu erscheinen aufhörte, so übernahm ich die Bearbeitung der vorliegenden Schrift um so williger. Die nächste Veranlassung dazu gab eine französische Schrift, welche im Jahre 1831 in Paris unter dem Titel: vo^ugss äs llesu-Llarist" erschien. Der Herr Verleger *) Siehe z. -D. des Herrn Oi> Röhr krit. -Predigerbibtiothek. 1827, VUI. 3. . --0l r- V^I Vorwort. war nämlich nebst mir der Meinung, daß eine ähnliche Schrift auch in Deutschland nützlich werden könnte; sollte dieses aber wirklich statt finden, so mußte sie nach meiner Ansicht in ihrer gcsammten Tendenz und auch in ihren Einzelnheiten eine andere seyn, als jene französische, welche ganz in einem fremdartigen Geiste verfaßt ist; auch oft sehr mangelhafte Beschreibungen der Oertlichkcitcn gibt und von den Sitten und Gebrauchen der Juden Nichts enthalt. Da eine solche Schrift, wie die unternommene ist, nicht ohne Hülfsmittel verschiedener Art verfaßt werden kann, so suchte ich mir die vorzüglichsten dahin einschlagenden Schriften zur Benutzung zu verschaffen. Ich schlug die betreffenden Stellen im Josephus nach; las die oben angeführten Schriften, welche eine Beschreibung Palästinas enthalten, so wie auch Manne rts alte Geographie und einige andere, kleinere Schriften derselben Art; benutzte die Schriften über Jüdische Alterthümer von Lund, Spencer und Hartmann; verglich die Kommentare über die Evangelien von Paulus, Kuinöl, Henneberg und Tholu.ck, auch No- senmüllers Schollen zum Alten Testamente; sammelte Nachrichten aus dem „Auslande" und aus den Rcisebeschrei- bungen von Burckhardt, Scholz, Sieber und vorzüglich aus der neuern von Iahn, der die Angaben früherer Reisenden zu berichtigen sucht; und achtete auf die Darstellungen des Lebens Jesu von Paulus, Hase und Jakobi. Vorzüglich schlug ich jede der in vorliegender Schrift angeführten Bibelstellcn sorgsam nach, um keine irrige anzugeben, was mir um so nothwendiger schien, da in einigen andern W» 1 1 »»>»» 1 1 »«I >»»»»»« "»«» Vorwort. IX Schriften, hauptsächlich in des Herrn Dr. Nosenmüllers biblischer Alterthumskunde, die Stellen der heiligen Schrift zuweilen unrichtig, wahrscheinlich durch Druckfehler, angegeben sind. Uebrigens hoffe ich, soll man finden, daß ich auch meine Gedanken und eignen Ansichten mitgetheilt habe. Mein Bestreben ging dahin, Jesum in dem Verhältnisse würdig darzustellen, in welchem er uns am nächsten steht und worin er vorzüglich uns zum Vorbilde dienen kann, nämlich in demjenigen, in welchem er als Mensch unter den Menschen sich offenbarte; und ich habe die Ueberzeugung, daß, je reiner und vollendeter wir ihn in seiner Menschheit auffassen, es uns auch desto leichter werden wird, ihn um so mehr göttlich groß, um so näher verwandt mit seinem himmlischen Vater und um so mehr als dessen innigst geliebten Sohn zu erkennen, auch desto stärker uns zur Nacheiferung entflammt zu fühlen; weil wir nun, obschon wir ihn unendlich weit an geistiger und sittlicher Vollendung über uns erblicken, doch die Möglichkeit für uns sehn, bei ernstem, heiligen Streben mehr und mehr ihm nahe zu kommen und seines Friedens und seiner Herrlichkeit theilhaftig zu werden. Zu dieser Ueberzeugung suchte mich mein würdiger Vater schon frühzeitig zu führen, deshalb habe ich auch ihm die vorliegende Schrift aus Dankbarkeit gewidmet. Zu jener Ansicht möchte ich aber auch meine Leser führen; damit sie manchen Vor- urtheilen entnommen, weniger den dunkeln Gefühlen nur sich überlassen, die ein blinder Glaube erzeugt; und damit sie alsdann Jesu mit wahrem Glauben, der durch die Liebe X V o r w o r t. thätig ist, huldigen und dazu gelangen, Gott im Geiste und in der Wahrheit zu verehren, worauf Jesu Streben und Wirken einzig und allein gerichtet war. Daher möchte ich meine Schrift den jungen Christen in die Hände gegeben wissen, die zur Cousirmation die volle Reife haben, oder schon consirmirt worden sind. Ueberhaupt aber ist sie für jeden wißbegierigen Bibellescr bestimmt, der weitere Belehrung und Aufklärung sucht, die ihm aus der Darstellung der.Orts- und Zeitverhältnisse und der Sitten und Gebrauche der Juden, wie sie zu Jesu Zeit waren, werden kann. Was die Anordnung der einzelnen Reisen Jesu betrifft, so könnte sie vielleicht nach manchen beachtungswerthcn Gründen, die von mehreren Gelehrten aufgestellt worden sind, in einigen Fällen eine andere seyn; allein ich wollte mich nicht zu sehr von der Folge der Begebenheiten, wie sie die Evangelien habe», entfernen; um den Bibcllcser nicht zu nöthigen, oft hin und her die Stellen aufzuschlagen, was ihn leicht in einige Verwirrung versetzen könnte. Uebrigens habe ich hie und da angedeutet, in welcher Reihenfolge die Begebenheit nach Anderer Meinung stehn sollte. Endlich noch ein Wort von den Traditionen oder Sagen, welche ich mit aufzunehmen und an schicklichen Orten einzuweben anfangs Bedenken trug, hernach aber aus guten Gründen sie der Erwähnung nicht unwerth fand. Sie sind alte Bekannte in der Christenheit; zumal für solche Bekennen des Christenthums, denen sie von Jugend auf ehrwürdig gewesen sind, und die ihre Erwähnung und Einreihung in den Vorwort. XI Erzählungen von Jesu ungern vermissen würden; überhaupt aber für Jeden, welcher einige Kenntniß von den Erzählungen der Reisenden hat, die denselben in Palästina als wis- senswürdige Nachrichten sehr angelegentlich mitgetheilt worden sind. Besonders sind sie kein unbedeutender Theil der Geschichte des Christenthums; den» aus ihnen erkennt man, wie in den frühern Zeiten Alles, was Jesum und sein Schicksal betraf, mit einer heiligen Ehrfurcht behandelt, und eines gläubigen Aufbcwahrens würdig geachtet wurde. Der unpar- theiische Forscher wird zwar keine Bürgschaft für ihre Glaubwürdigkeit leisten wollen, und wer sie unbefangen mit den Erzählungen der Evangelisten vergleicht, wird leicht bemerken und fühlen, daß diese mit einer unläugbareren Kraft der schlichten Wahrheit sprechen, als jene Sagen: aber um so mehr wird man das Wort der Evangelisten und Apostel ehren und dasselbe desto williger als sichern Grund des ächten christlichen Glaubens anerkennen. Inzwischen bleibt es der individuellen Denkart eines jeden Lesers überlassen, welchen Werth er den Sagen oder Traditionen zugestehn will» Obschon das Manuscript in einzelnen Bogen, so wie diese unter der Feder hervorgingen, in die Druckerei wandern mußte, weil der Herr Verleger die baldige Erscheinung der vorliegenden Schrift wünschte: so habe ich doch keinen Fleiß gespart, um meine Arbeit so brauchbar zu machen, als sie nach ihrem Zwecke zum Unterrichte und vielleicht auch zur Erbauung werden soll. Da nun auch der Herr Verleger ihr eine freundliche äußere Ausstattung gegeben hat, so hoffe ich, soll sie nicht ganz unwillkommen seyn. XII Vorwort. Gott, den ich bei der Bearbeitung dieser Schrift um seinen Beistand bat, gebe ihr nun seinen Segen und helfe, daß sie ihren Lesern nützlich werde, und dazu beitrage, daß Jesus auf eine würdige Weise in seinem Wesen und Wirken erkannt und Gott im Geiste und in der Wahrheit verehrt werde. Ilmenau, den 16. März 1833. I. A. F. Schmidt. I»«I« »»»»»«» »«W» Znhaltsverzeichniß. Erstes Buch. Einleitung. Seite I. Der Reisende, Zweck und Beschaffenheit der Reisen Jesu . 3 II. Schauplatz der Reise» Jesu. Allgemeine Uebersicht des gelobten Landes oder Palästinas ...... 7 in. Einwohner von Palästina. Wesen und Lebensweise der Juden 20 IV. Politische Verhältnisse der Juden zur Zeit Jesu . . . 26 V. Religiöser und sittlicher Zustand der Juden zur Zeit Jesu . 30 Zweites Buch. Reisen der Eltern Jesu kurz vor der Geburt ihres Sohnes und in dessen Kindheit. >. Reise der Maria zu ihrer Freundin Elisabeth in das Judäische Gebirge. Luk. 1, 39 —56. 38 II. Reise der Eltern Jesu von Nazareth nach Bethlehem zur Schätzung. Luk. 2, 1—20. . . . . . 52 III. Reise der Eltern Jesu mit dem neugebornen Kinde von Bethlehem nach Jerusalem zur Darstellung im Tempel. Luk. 2, 21 — 38.59 IV. Rückkehr der Eltern Jesu mit ihrem Sohne von Jerusalem nach Bethlehem ....... 77 V. Reise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne nach Aegypten. Matth. 2, 13 —15. .80 VI. Rückreise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne aus Aeghptcn nach Nazareth. Matth. 2, 19 — 23. . . . .102 vil. Reise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne nach Jerusalem zum Osterfeste. Luk. 2, 41. u. 42. . . . . . 115 VIII. Rückreise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne von Jerusalem nach Nazareth. Luk. 2, 43 —52. . . . . 124 Drittes Buch. Reisen Jesu in der ersten Periode seines Lehramtes, von seiner Taufe bis zum ersten Osterfeste. IX. Reise Jesu von Nazareth an den Jordan zu Johannes dem Täufer. Matth. 3,13 -17. Mark. 1,9-11. Luk. 3, 21 - 23. 129 XIV Inhaltsverzeichnis Seite X. Jesus gebt vom Jordan in die Wüste Quarantania. Matth. 4, 1 — 11. Mark. 1, 12. u. 13. Luk. 4, 1 — 13. . . 134 XI. Jesus begibt sich aus der Wüste Quarantania nach -Dethabara s am Jordaii. Joh. 1, 28 — 51. . . . . 138 ' XII. Jesus wandert von Bethabara nach Kann in Galilaa. Jvh. 2, r 1—11.142 XIII. Jesus reist von Kana nach Kapernaum. Joh. 2, 12. . 147 ' XIV. Reise Jesu von Kapernaum nach Jerusalem zum Osterfeste. Joh. 2, 13 — 25. ...... 150 < Viertes Buch. « ^ Reisen Jesu in der zweiten Periode seines Lehramtes, von dein ersten bis z"m zweiten Osterfeste. XV. Jesus begibt sich von Jerusalem an den Jordan. Joh. 3, 22 — 24. ........ 16Z X 'I. Jesus reist von dem Jordan nach Sichern. Joh. 4, 1 — 42. 165 XVII. Jesus begibt sich von Sichern nach Kana. Joh.4, 43—54. 176 XVIII. Jesus geht nach Nazareth. Luk. 4, 14 — 30. . . 179 XIX. Jesus begibt sich von Nazareth nach Kapernaum. Matth. 4, 13 25. Mark. 1, 16-45. Luk. 4, 31-44. . . 183 XX. Jesus fährt über den See Gcnesareth und geht in die Gegend von Gadara. Matlh.8, 23 — 34. Mark. 4, 35 — 41. u. 5, 1 — 20. Luk. 8, 22-39.. 188 XXI. Jesus begibt sich von Gadara nach Kapernaum zurück. Matth. 9. Mark. 2. u. 5. 22 — 43. Luk. 5, 17 — 39. 8, 41 — 56. . 193 XXII. Jesus geht von Kapernaum auf den Berg der sieben Seligkeiten. Luk.6,12-49. 7, 1 — 10. Mark.3, 13-'l9. Matth. 10, 1— 4. 197 XXIII. Jesus begibt sich nach Nain. Luk. 7, 11 — 50. . . 202 XXIV. Jesus geht von Nain »ach Kapernaum zurück. Luk.8,1—21. 208 XXV. Jesus reist von Kapernaum nach Jerusalem zum Osterfeste. Joh. 5, 1 — 16. . . . . . . .211 Fünftes Buch. Reisen Jesu in der dritten Periode seines Lehramtes, von dem zweiten bis zum dritten Osterfeste. XXVI. Jesus begibt sich von Jerusalem an den See Gcnesareth zurück. Matth. 12, 1 — 21. Mark. 2, 23 — 28. u. 3, 1 — 12. Luk. 6, 1 — 11. . . . . . . 215 XXVII. Jesus wandert in Galilaa umher und sendet seine Jünger aus. Matth. 10, 5 —42. 11, 1. Mark. 6, 6 — 13 Luk. 9, 1 — 6. 222 XXVIII. Jesus wandert in Galilaa umher und begibt sich nach Ka- vernaum. Matth. II, 1. ..... 226 XXIX. Jesus begibt sich nach Bcthsaida Julias. Matth. 14, 1 — 21. Mark. 6, 14 — 44. Luk.. 9, 7-17. Jvh. 6, 1 — 14. . 227 XXX. Jesus geht von Bcthsaida Julias nach Kavcruaum. Matth. 14, 22 — 36. Mark. 6, 45 — 56. Joh. 6, 15 — 71. . 231 XXXI. Jesus reist von Kapernaum in die Nähe von Lnrus. Matth. 15,21. Mark. 7,21 .' . . 233 XXXII. Jesus geht in die Gegend von Sibon. Matth. 15, 21 — 28. Mark. 7, 24 — 30. . . . . . . 244 XXXIII. Jesus Lehrt aus Syrophönicien an den See. Gcnesar zurück. Matth. 15, 29 —38. Mark. 7, 31—37. 8, 1 — 9. 26o Jnhaltsverzcichnip XV XXXIV. Jesus begibt sich nach Dalmanutha. Matth. 15, 39. 16, 1 — 4. Mark. 8, 10 —12. XXXV. Jesus reist von Dalmanutha nach Bethsaida. Matth. 16, 5 — 12. Mark. 8, 13 — 26. XXXVI. Jesus geht von Bethsaida nach Cäsarca Philippi. Matth. 16. 13-28.' Mark. 8 , 27 — 38. 9, 1. Luk. 9, 18 —27. . XXXVtt. Jesus begibt sich von Ciisarea Philippi auf den Werg der Verklarung. Matth.17,1 —13. Mark. 9,2—13. Luk.9,28—36. XXXVIII. Jesus reist nach Kavernaum zurück. Matth. 17,14—27. 18, 1-35. Mark. 9, 14 — 50. Luk. 9, 37-50. . XXXIX. Jesus macht sich auf den Weg, um durch Samaria nach Jerusalem zu gehn. Luk. 9, 51—62. XXXX. Jesus wandert aus Galiläa nach Indira und zurück an den See Gcnesareth. Luk. 10, 1—42. 11, 1 — 13 XXXXI. Jesus geht nach Jerusalem zum Laubhüttenfeste. Joh. 7 — 10, 1—21. . . .... XXXXl!. Jesus geht von Jerusalem über den Jordan nach Perüa in die Gegend von Wcthabara. Matth. 19, 1 —12. Mark. 10, 1 —12. . . . XXXXIII Jesus begibt sich vom Jordan nach Jerusalem zum Feste der Lempelweihe. Luk. 13 — 18, 1 —14. Joh. 10, 22 — 39. XXXXIV. Jesus geht von Jerusalem nach Bethabara an den Jordan. Joh. 10, 40 —42. Matth. 19, 13 —30. Mark. 10, 13 - 31. Luk. 18. 15 — 30. ...... XXXXV. Jesus begibt sich aus Peräa nach Bethanien. Joh. 11, 1 — 53. ........ XXXXVl.-Jesus begibt sich von Bethanien nach Ephrem. Ich. 11, 54 — 57. . . . XXXXVU. Jesus reist von Ephrem nach Jericho. Matth. 20, 17-28. Mark. 10, 32 —46. Luk. 18, 31—43. 19,1-10. XXXXVIII. Jesus begibt sich von Jericho nach Bethanien. Matth. 20,29 — 34. Mark. 10, 46 - 52. Luk. 19, 11-28. Joh. 12, 1-11 .. . . XXXXIX. Jesu feierlicher Einzug in Jerusalem. Matth. 21. 1—16. Mark. 11, 1-11. Luk. 19, 29-48. Joh. 12, 12-50. . Seite 264 272 274 289 293 298 302 307 320 328 335 345 351 353 360 364 Sechstes Buch. Wanderungen Jesu wahrend seiner Leiden. L. Jesus begibt sich von Jerusalem nach Bethanien. Matth. 21, 17. Mark. 11, 11. . . . . ' . . . IX. Jesus geht von Bethanien nach Jerusalem und kehrt von da nach Bethanien zurück. Matth. 2l, 18. 19. Mark. 1l, 12 — 19. 131- Jesus geht von Bethanien nach Jerusalem und kehrt von da nach Bethanien zurück. Matth. 21, 20 -46. 22 — 26, 1 — 5. ..„D^rk. 11, 20-33. 12-14, 1. 2. Luk. 20-22, 1-6. . 12I>. ^e,us begibt sich nach Jerusalem, um das Paffahlamm zu essen. Matth. 26, 17-29. Mark. 14, 12-28. Luk. 22, 7-30. Joh. 13, 1—30. ..... Jerusalem »ach Kethsemane. Matth. 2si 30—56. Ma>1^ 14, 26-52. Luk. 22, 31 -53. Joh. 13, 31- 38. 14-18. I.V. Jesus wird nach Jerusalem vor den Hohenrath geführt. Matth 26. 2/. 1- Mark. 14, 53-72. 15, l/ Luk. 22, 54-7l! 37( 413 »-r-'H.t. i.L LL. XVI Znhaltsverzeichniß. LVI. Jesus wird vor den Römischen Landpfleger gebracht. 2 — 14. Mark. 15, 1 — 5. Luk. 23, 1 —5. Joh. 18, 28 —38. I.VII. Jesus wird zu dem Könige Herodes und von da zurück vor Pilatus geführt. Matth. 27, 15 — 30. Mark. 15, 6 —19. Lur. 23, 6 — 25. Joh. 18, 39. 40. 19, 1 — 16. 1.VII>. Jesus wird zur Kreuzigung abgeführt, gekreuzigt und begraben. Matth. 27, 31 —66. Mark. 15, 20 —47. Luk.23, 26 —56. Joh. 19, 16-42. . . . . Siebentes Buch. Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. I.IX. Jesus, der Auferstandene, erscheint seine» Freundinnen. Mattb. 28, 1-15. Mark. 16, 1 — 11. Luk. 24, 1 — 12. Joh. 20, 1 — 18.. I.X. Jesus, der Auferstandene, begibt sich nach EmmauS. Mark. 16, 12 13. Luk. 24, 13 — 35. ..... I7XI. Jesus, der Auferstandene, besucht seine Jünger in Jerusalem. Mark. 16, 14. Luk 24, 36 — 49. Joh. 20, 19 — 29. I.XII. Jesus kommt zu seinen Junger» am See Gcnesareth. Joh. 21. 1.XIII. Jesus versammelt seine Jünger auf einem Berge in Galilaa. Matth. 28, 16-20. Mark. 16, 15 — 18. 1.X IV. Jesus begibt sich mit seinen Jüngern auf den Oclberg und verschwindet daselbst. Mark, 16, l9, 20, Luk, 24, 50— 53. Apostelgesch. 1, 1 — 11. . . 467 470 I l Nl I.-W! G' Xb Ii. II- XX Ui'l XX p! XX XX XX XX XX .«LS« ii »sssss-s-iis« r »«« S S« « «s»s D i e eisen Jesu. Malt!,. 8, 19. Meister, ich will dir folgen, wo d„ hingehest. 1 Erstes Buch. Einleitung. i. Der Reisende. Zweck und Beschaffenheit der Reisen Jesu. ^^er Reisende, den wir auf seinen Wanderungen hier im Geiste begleiten wollen, ist Jesus Christus, der Held des neuen Testamentes, der ein Sohn des Höchsten heißt und dieses auch in einer höhern Bedeutung ist, als die Menschen überhaupt Kinder des himmlischen Vaters genannt werden. Denn ausgezeichnet trat er nicht allein unter seinen Zeitgenossen hervor, sondern höchst bewundernswürdig steht er auch da unter den Menschen aller Zeiten und Völker, durch die hohe Weisheit und helle Einsicht, die er im reichsten Maße besaß; durch die edle und heilige Gesinnung, die sein bleibendes Eigenthum war; durch den heißen Eifer für Wahrheit und Recht, der ihm das größte Opfer bringen ließ; durch das liebevolle, menschenfreundliche und sanfte Gemüth, mit welchem er Allen sich zuneigte, selbst Widersachern und Feinden großmüthig verzieh, und Aller Heil und ewiges Glück fest begründen wollte; durch die Kraft seiner Rede, die Aller Herzen bewegte; durch die wundervolle Wirksamkeit, die überall Staunen und Bewunderung erregte; und durch die merkwürdigen Schicksale, die ihn in seinem Erdenleben trafen. Daher war er aber auch im Stande, den mächtigen Einfluß auf das geistige Leben seiner Brüder und Schwestern auszuüben und Jahrtausende hindurch zu behaupten, den er sogleich nach seinem Auftritte unter ihnen auf sie gewann und auch fort und fort behaupten wird; und deshalb vermochte er die große Veränderung in der Menschenwelt zu bewirken, bei welcher die einzel- 1 * 4 Erstes Buch. neu Glieder derselben auf eine Höhere Stufe der geistigen Bildung erhoben und Gott selbst und ihrem wahren Heile näher geführt wurden. Darum nennen wir ihn auch mit Recht unsern Erlöser und unsern Seligmacher, weil wir ihm Alles verdanken, was unsre Seelen in Wahrheit selig machen kann; und um so mehr muß er nun für uns ein Gegenstand hoher Verehrung seyn, und um so beachtungswcrthcr muß uns auch Alles werden, was mit ihm in näherer Beziehung steht und was uns sein Leben und Wirken Heller aufklären kann. Sein Leben war nicht ein ruhiges, eingezogenes, wie das der meisten Menschen, die in ihrer stillen. Behausung und in deren nächster Umgebung ihre Berufsgeschäfte vollbringen; sondern als Gesandter Gottes zu den Menschen mußte er diese aufsuchen, wo sie zu finden waren. Daher-sehn wir ihn fast beständig umherwandern und kleinere, oder auch größere Reisen unternehmen. Schon in seiner frühesten Jugend finden wir ihn mit seinen Eltern auf Reise», welche die Verhältnisse nöthig machten. Ob er von seinem zwölften bis zu seinem dreißigsten Jahre nur in stiller Zurückgczogenhcit gelebt habe, darüber wird uns Nichts berichtet; doch läßt sich vermuthen, daß er nicht unterließ, die hohen Feste der Juden mit seinen Glaubensgenossen nach der Vorschrift des Gesetzes zu Jerusalem zu feiern, und also von Nazareth aus, wo er jedenfalls mit seinen Eltern lebte, zuweilen nach der-Hauptstadt zu reisen. Nachdem er aber öffentlich als Lehrer unter dem Volke aufgetreten war, konnte er mit voller Wahrheit von sich sagen (Matth. 8, 20.): „des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege"; weil er, so lange er als Lehrer wirkte, fast ununterbrochen umherwanderte und keinen festen Aufenthaltsort hatte, wo er bleibend wohnte. Denn obschon Naza- rcth, eigentlich als seine Hcimath angeschn werden muß, so weilte er doch während seiner ganzen Lehrcrzeit nur wenig daselbst, weil man ihm dort nicht auf das freundlichste begegnet war (Luk. 4, 28. 29); weshalb er auch sagte (Matth. 13, 67. Luk. 4, 24. Joh. 4, 44.): „Ein Prophet gilt nirgend weniger, denn in seinem Vaterlande und in seinem Hause." Mehr hielt er sich in Kapernaum auf (Matth. 4, ^ UM 1 1 II»»» 1 1 W« «»»»»»»»»»«>-- Einleitung. 6 13. Mark. 9, 33.), einem freundlichen Städtchen am See Gencsareth, in dessen Nähe die meisten Jünger Jesu ihre Heimach hatten, in welchem Petrus wahrscheinlich ein eignes Haus besaß (Match. 17, 24- 25.) und wo Jesus überhaupt mehrere Freunde sich erworben hatte. Von hier aus wanderte er in die verschiedenen Gegenden seines Landes, und hierher zog er sich öfter zurück, um sich von seinen vielfachen Anstrengungen zu erholen. Es ist schon angedeutet worden, daß Jesus bei seinen Reisen nicht den Zweck hatte, welcher gewöhnlich die Menschen antreibt, ihre Heimath zu verlassen und entferntere Gegenden und Lander aufzusuchen; denn er reiste nicht um Handelsgeschäfte zu treiben und Handelsverbindungen anzuknüpfen; nicht um fremde Gegenden zu sehn und die verschiedenen Sitten und Gebräuche der Menschen kennen zu lernen; auch nicht um sich zu zerstreuen und zu vergnügen; sondern er wanderte umher, um sich selbst seinem Volke näher bekannt zu machen und in den Herzen seiner Mitbürger Vertrauen gegen sich zu erwecken. Sein Auftrag ging ja dahin und sein Beruf war es, das Gottesreich, ein Reich der Wahrheit, der Tugend und Glückseligkeit zu gründen; daher mußte er es sich angelegen seyn lassen, die Menschen zu belehren, Kenntniß von ihren wichtigsten Angelegenheiten ihnen mitzutheilen und sie zur Heiligung ihrer Gesinnung und ihres Wandels zu ermähnen und zu führen. Nicht Einzelne allein wollte er zu Bürgern des Gottesreichs bilden; sondern auf Viele wollte er einwirken und vorerst seinem ganzen Volke das Heil, das nahe war, bekannt machen. Daher konnte er nicht an einem Orte allein seinen Aufenthalt nehmen, und deshalb wählte er die Lebensweise eines jüdischen Landrabbinen und wanderte von Ort zu Ort: lehrte bald zu Jerusalem in den Vorhallen des Tempels, bald in andern Städten in den daselbst befindlichen Synagogen, am meisten aber in der freien Natur, in diesem großen und herrlichen Tempel Gottes, wo des Schöpfers Macht, Weisheit und Güte in seinen Werken auf das deutlichste sich kund gibt und des aufmerksamen Beschauers Herz auf das stärkste ergreift und aus das innigste rührt. Hier sprach er bald von der Höhe eines Hügels, bald aus einem 6 Erstes Buch. Schiffe, das auf einem Landsee schwebte, zu dem versammelten Volke, und suchte seine Zuhörer für Den zu begeistern und Dem ganz zuzuwenden, der die Lilie auf dem Felde kleidet und den Sperling schützt und nährt, und der seine Sonne aufgehn läßt über Böse und Gute und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Außerdem war er auch ein sorgsamer Beobachter des Mosaischen Gesetzes und säumte daher nicht, sich auf den Weg zu machen, wenn die Feier eines hohen Festes der Juden ihn nach Jerusalem rief. Endlich wurde er zuweilen genöthigt, seinen Aufenthalt zu verändern, um den Nachstellungen und Verfolgungen seiner Widersacher und Feinde zu entgehn, so lange die Zeit noch nicht herbeigekommen war, wo er auch sein Leben zum Heil der Menschen opfern sollte. Dieses waren die Veranlassungen der Reisen, welche Jesus unternahm, wozu zuweilen noch ein Besuch bei guten Freunden kam, bei welchem er jedoch stets den hohen Zweck seiner Sendung im Auge hatte und behielt. Auf allen diesen Reisen war Jesus höchst selten ganz allein; meistentheils begleiteten ihn jene zwölf Männer, die er zu seinen vertrauten Schülern ausgewählt hatte und die er vorzüglich in die Geheimnisse des Gottesreichs einzuweihen suchte, damit sie dereinst an seiner Stelle für dasselbe wirken sollten; und wenn auch nicht immer alle zwölfe um ihn waren, so gingen doch wenigstens einige mit ihm, selbst dann, wenn er in der Einsamkeit auf der Höhe eines Berges durch Gebet zu neuer Wirksamkeit sich stärken wollte. Gewöhnlich aber sammelten sich auf seinen Wanderungen viele Menschen um ihn und zogen auch wohl einige Zeit mit ihm, um seine Reden zu vernehmen und seine Thaten zu schauen. Auch begleiteten ihn auf manchen seiner Reisen, vorzüglich auf den weiteren, wie es bei den Rabbinen Sitte war, einige Frauen, welche für die nothwendigsten Bedürfnisse Sorge trugen (Luk. 8, 1—3.). Wenn Jesus auf seinep Reisen ausruhen und sich erholen wollte, so kehrte er entweder bei Gastfrcunden ein, die er an manchen Orten gewonnen hatte; oder er bat sich auch wohl selbst zu Gaste bei solchen Leuten, die ihm noch nicht 7 Einleitung. ^. befreundet waren, auf die er aber durch Belehrung und Er- s mahnung wirken wollte (Luk. 19, 5.), ja zuweilen nahm er sogar die Einladung derer an, die er als seine Widersacher und Feinde kannte (Luk. 11, 67.), um zu zeigen, daß er keinen Menschen scheue, und um so eher Gelegenheit zu einer näheren Bekanntschaft mit ihm zu geben. Auf Wanderungen durch die Wüste, wo keine Herberge zu finden war, hatte man sich im Voraus schon mit den nöthigen Lebensrnitteln versehn (Matth. 16, 34.). Dasselbe war der Fall bei Reisen durch Samaria und über die Grenzen des jüdischen Landes, weil kein Jude weder bei den Samaritern noch bei den Heiden einkehrte; oder man kaufte sich alsdann auch die nöthigen Bedürfnisse (Joh. 4, 8.) aus einer gemeinschaftlichen Kasse, welche durch die Spenden vermögender Freunde (Joh. 12, 6.), auch wohl durch den Erwerb der Jünger und vielleicht auch ihres Meisters unterhalten wurde. Uebrigens waren die Reisen Jesu nur von geringer Ausdehnung, da sie sich meistcntheils nur innerhalb der Grenzen von Palästina erstreckten. Selten überschritt er das jüdische Land; höchstens nur dann, wenn er sich vor den Verfolgungen seiner Feinde sicher stellen wollte. In diesem Falle suchte er Zuflucht in dem angränzcnden Syrophönicien, in welchem die Städte Tyrns und Sidon lagen (Matth. 16, 21.). Er betrachtete sich als gesandt vorzüglich zu den Verlornen Schaa- fen von dem Hause Israel (Matth. 15, 24.), und wollte zunächst und vor Allen sein Volk mit Gottes Willen näher bekannt machen und vorzüglich seine Glaubensgenossen zu Bürgern des Gottesreichs bilden; erst seine Jünger sollten ausgehn in alle Welt und seine Lehre allen Völkern verkündigen. II. Schauplatz der Reisen Jesu. Allgemeine Uebersicht des gelobten Landes oder Palastina's. Das Land, in welchem Jesus Christus auftrat und um- herwandelte, lehrte und wirkte, war von geringem Umfange und lag an der Westküste Asiens, da wo dieser Erdtheil mit Afrika einen Winkel bildet. Es ist jetzt vorzüglich unter dem 66 Erstes Buch. anfangs stillschweigend bei einander; den Sabbath feierten sie W sehr streng; denn sie zündeten an diesem Tage kein Feuer an, > rückten keine Sache von ihrem Orte auf eine andere Stelle W und enthielten sich sogar der natürlichen Verrichtungen. Thie- , rische Opfer brachten sie nicht dar, denn sie schonten die le- f benden Geschöpfe, sondern sie schickten anstatt der blutigen ^ Opfer nur zuweilen gewisse Geschenke an den Tempel zu Jerusalem. Alle, die in ihre Gesellschaft eintreten wollten, mußten zwei Jahre hindurch eine ernste Prüfung aushalten und mehrere strenge Gelübde ablegen, z. B. das Gelübde der Gerechtigkeit, der Dienstfertigkeit und der Mäßigkeit. Daher kam es aber auch, daß ihre Anzahl nicht so groß war, als die der beiden vorher genannten Sekten. Ein Theil der Essäer nannten sich Therapeuten. Diese beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Studium dessen, was der Seele und dem Körper nützt; auch pflegten sie, vorzüglich zweimal an jedem Tage, Morgens und Abends, zu beten: am Morgen daß die aufgehende Sonne mir dem himmlischen Lichte ihre Gedanken durchdringe, am Abende, daß die untergehende Sonne ihre Seele von der Bürde der Sinne entfessele, damit dieselbe in sich selbst zurückgezogen, dem Dienste der Wahrheit ungestört sich weihe. Das Gebet wurde überhaupt von den Es- - säern heilig gehalten und öfter von ihnen in Anwendung gebracht, besonders vor dem Genusse der Mahlzeit. Als eine vierte Sekte betrachten Manche die Hero- diancr, welche in der heiligen Schrift Herodisdiener (Mark. 12, 13.) genannt werden, und die auch Galiläer (Luk. 13, 1.) heißen. Diese scheinen aber mehr eine politische Parthei, als eine religiöse Sekte gewesen zu seyn. Sie waren jüngern Ursprungs als die andern Sekten, wahrscheinlich Anhänger und Schüler von Judas dem Gauloniten, der in der Apostelgeschichte (6, 37.) auch der Galiläer heißt. Sie waren meistentheils aus Galiläa und nannten sich wahrscheinlich nach dem Tetrarchen Herodes Antipas, dessen Unterthanen sie waren. Sie scheinen immer mit den -Pharisäern eng verbunden gewesen zu seyn, und unterschieden sich von diesen nur durch eine größere Liebe zur Freiheit; denn sie ließen als Grundsatz gelten, daß man nur Gott gehorchen Einleitung. S7 müsse und Niemanden außer ihm als Herrn lind König anerkennen dürfe. Daher wollten sie auch die Oberherrschaft der Römer nicht gelten lassen, und deshalb wurden wahrscheinlich Mehrere von ihnen auf Befehl des Landpflegcrs Pilatus hingerichtet (Luk. 13, 1.). Durch alle diese nach und nach entstandenen Partheien, unter denen wieder eine mehrfache Zerspaltung statt fand, ging aber unter den Juden die heilsame Einheit verloren; durch die sich widerstreitenden Meinungen und Grundsätze konnte nur Verwirrung in dem religiösen Leben derselben cinrcißen, und Zwietracht und Anfeindungen mußten unter ihnen einheimisch werden. Wie konnte also ihr Zustand ein glücklicher seyn? wie die Sittlichkeit, die schönste Blüthe und herrlichste Frucht der wahren Religion, unter ihnen wachsen? Auch die Juden sielen, wie die Heiden der damaligen Zeit, der Herrschaft ihrer Lüste und Begierden anheim, und die Sünde gewann mächtige Gewalt, die unter dem Drucke der römischen Oberherrschaft noch bedeutend gesteigert wurde, weil der Druck fortwährend zu Widersetzlichkeiten reizte. Daher erwachte nun unter ihnen das heiße Sehnen nach Verbesserung ihres Zustandes, und mit Inbrunst gaben sie sich der Hoffnung hin, welche schon in frühern Zeiten durch die Propheten ihnen erweckt worden war, daß ein Messias, ein Retter und Beglücker seines Volks kommen werde. Jetzt, wo ihre Lage die elendeste war, jetzt müsse diese Hoffnung in Erfüllung gehn; bald werde ihr Retter erscheinen; diesem Glauben gaben sie sich ganz anheim. Und sie täuschten sich nicht, freilich nur, in so fern wirklich der Heiland der Menschheit geboren wurde, obschon er ein anderer war, als sie ihn erwarteten , da sie in ihm einen irdischen König zu gewinnen hofften. Die Zeit war nun erfüllt, welche Gott auscrschn hatte, das verirrte Menschengeschlecht zurückzuführen auf den Weg des Heils. Er sendete Jesum, damit dieser die beglückende Freiheit bringen sollte, die Geistesfreiheit, bei welcher der Mensch allein nur das Höchste gewinnen kann. In jener ereignisreichen Zeit, in welcher der römische Kaiser Augustus herrschte, der mit gewaltiger Macht die Völker der Erde unter seinem Scepter gebeugt und eine neue Ordnung in die bür- 38 Zweites Buch. gerlichen Verhältnisse der Staaten gebracht hatte: in dieser Zeit erschien Jesus, um eine neue Ordnung der Dinge auch in religiöser und sittlicher Hinsicht zu begründen; in jener Zeit, in welcher Augustus auf den Trümmern zusammengestürzter Staaten ein gewaltiges Weltreich errichtete, da sollte Christus auf den Trümmern der religiösen und sittlichen Welt das neue Gottesreich stiften, durch welches allem Elende gewehrt, und in welchem alle Menschen selig werden sollten. Und Gottes Nathschluß ward vollführt. Zweites Buch. Reisen der Eltern Jesu kurz vor der Geburt ihres Sohnes und in dessen Kindheit. i. Reise der Maria zu ihrer Freundin Elisabeth in das Judäische Gebirge. (Luk. 1. W-56.> Nazareth ist der Ort, aus welchem Jesus, der Netter und Beglücker der Menschen hervorging, und nach welchem er der Nazarener und der Prophet aus Nazareth genannt wird. Nazareth aber war ein Städtchen in Nie- dergaliläa. Galiläa, welcher Name Kreis, Landesbezirk, nach Einigen auch Grenzland bedeutet, war die nördlichste Provinz von Palästina diesseit des Jordans. Es war kleiner als Judäa, aber größer als Samaria; seine Länge betrug ohngefähr 10 geographische Meilen und seine Breite hatte 6 bis 8 Meilen. Obergaliläa war ziemlich gebirgig und größtentheils von Heiden bewohnt, nämlich von Syrern, Griechen, Phöniciern und Aegyptern, daher wurde es auch Ga- liläa der Heiden genannt; Niedergaliläa aber war weniger bergig, da die Ebene Esdrelon den größten Theil desselben ausmachte, und seine Bewohner waren meistentheils Juden. Reisen der Eltern Jesu. 39 Die ganze Provinz zeichnete sich durch große Fruchtbarkeit aus, und hatte viele Annehmlichkeiten, da sie einem blühenden Garten verglichen werden konnte. Josephus macht eine sehr gefällige Beschreibung von ihr. Er sagt: „Galiläa ist überall ergiebig und fruchtbar und mit allerlei trefflichen Bäumen besetzt, so daß es selbst solche Leute anzieht, die weniger Freunde des Feldbaues sind. Es wird von den Einwohnern wohl bebaut und keine Stelle darin liegt öde und leer. Ueberall hat es Städte, Dörfer und Marktflecken, und diese sind der Fruchtbarkeit wegen sehr volkreich *). Obschon es kleiner ist, als das Land jenseit des Jordans, so ist es doch weit vorzüglicher, weil es in allen seinen Theilen angebaut ist und edle Früchte trägt, während jenes rauh sich zeigt und keine edlen Früchte erzeugen kann. Der Boden ist mild und fett und die Felder sind vorzüglich mit Oclbäumcn, Weinreben und Palmengärten besetzt, die von Bergwafsern und Quellen beständig befeuchtet werden." Bei einer so ausgezeichneten Fruchtbarkeit konnte es nicht fehlen, daß es sehr bevölkert war; und wenn auch die Angaben des Josephus in dieser Hinsicht etwas zu groß sind, so bürgt doch für die große Einwohnerzahl dieser Provinz der Umstand, daß Josephus zur Zeit des letzten jüdischen Krieges in kurzer Zeit daselbst ein Heer von 100,000 Freiwilligen gegen die Römer zusammenbringen konnte. Die Einwohner beschäftigten sich theils mit dem Ackerbaue, theils trieben sie einen ansehnlichen Handel und gaben sich auch mit den dazu gehörigen Künsten und Wissenschaften ab, theils waren es arme Fischer, vorzüglich diejenigen, welche am, See Genesa- reth lebten. Im Allgemeinen waren sie aufgeklärt und freisinnig; Josephus nennt sie streitbar und kriegerisch; sie besaßen viele natürliche Gutmüthigkeit und zeigten Empfänglichkeit für eine höhere Ausbildung« Daher wählte Jesus seine Jünger aus jener Gegend und hielt sich überhaupt am liebsten in Galiläa auf. Auch konnte es nicht fehlen, daß sein Geist in einer schönen Natur und unter freisinnigen Menschen an *) Josephs sagt: der kleinste Marktflecken habe über 12000 Einwohner gehabt. 40 Zweites Buch. sich schon eine höhere Richtung bekommen mußte, da 'er in ^ Galiläa aufwuchs und erzogen wurde. Mit großem Unrechte P wurden daher die Einwohner von Galiläa, auch die darin ! wohnenden Juden, von den andern Juden verachtet und ver- > spottet; denn die Juden sagten (Joh. 7, 52.): „Aus Galiläa steht kein Prophet auf", und Nathanael konnte den Phi- lippus fragen (Joh. 1, 46.): „Was kann von Nazareth Gutes kommen?" Diese Geringschätzung und Verachtung, welche die galiläischen Juden bei ihren übrigen Glaubensgenossen erfuhren, wird man sich aber leicht erklären können, wenn man bedenkt, daß den ächten Juden alles Fremde und jede Abweichung von dem Herkommen verhaßt war, die gali- läischcn Juden aber vielen Umgang mit den Heiden hatton und nicht so streng jüdisch gesinnt waren. Jetzt macht Galiläa unter dem Namen Saphet einen Theil der Statthalterschaft Damaskus in Syrien aus. Es ist bei weitem nicht mehr so bevölkert als früher und auch weniger angebaut. Beduinen und andere Räuberhorden durchziehen seine verödeten Thäler. In dieser Provinz und zwar in Niedergaliläa, in dem ehemaligen Stamme Sebulon lag Nazareth, eine kleine Stadt, ohngefähr 11 geographische Meilen nordwärts von Jerusalem, und 1 Meile nordwestlich von dem Berge Tha- bor entfernt, zwischen dem mittelländischen Meere und dem See Genesareth. Ihr Name bezeichnet ihre Lage, denn dieser bedeutet die Blühende, oder auch die Kranz - oder Kronenstadt. Sie umgab nämlich den Gipfel eines ansehnlichen Hügels (Luk. 4, 29.), von welchem man eine sehr schöne Aussicht auf die Umgegend genoß, und erstreckte sich nach einem Thale zu, das von mehreren Hügeln gebildet wird. Die Umgegend hatte ein blühendes Ansetzn und war sehr schön und anmuthig. Noch im sechsten Jahrhunderte fand Antonius Martyr die Gegend an Getreide eben so fruchtbar als Aegyp- ten, auch reich an Wein, Oel und Honig. Noch jetzt ist sie angenehm und fruchtbar. Jetzt liegt freilich das alte Nazareth in Trümmern; aber ein wenig abwärts befindet sich ein kleines Dorf'Namens Nasrat, das wenigstens zum Theil seine Stelle einnimmt, und das gegen 600 Einwohner hat, Reisen der Eltern Jesu 41 !i-s die aus Arabern, Türken, Griechen, Maronitcn und Juden ' ' bestehn. Der Ort hat keine geraden Straßen und die Häu- . scr sind größtentheils aus Erde zusammengeklebt. Jedes HauS besitzt ein unterirdisches Gemach, das in den Berg gegraben ist, an dessen Abhänge der Ort liegt, eine Einrichtung, welche auch die Häuser des alten Nazareth gehabt haben. In Nas- rat findet man ein Franziskanerklostcr, welches das reichste und reinlichste unter allen Klöstern in Palästina ist, vier christliche Kirchen und eine Moschee *). Hier wohnte die Jungfrau Maria, die Gesegnete unter den Weibern, welche zur Mutter des göttlichen Gesandten, der sein Volk erlösen und selig machen sollte, auserkoren worden war. Die Evangelien nennen uns die Eltern der Maria nicht sie berichten nur, daß die Mutter Jesu aus dem Ge- *) In Nasrat zeigen die dort wohnenden Christen den Reifenden noch jetzt: 1) die Ruine einer Kapelle, die auf der Stelle stehn soll, wo Josephs Werkstätte sich befand; 2) eine Ruine von der ehemaligen Synagoge, in welcher Jesus den Propheten Jesaias las; 3) eine Ruine von der Schule, die Jesus besuchte; 4) eine ansehnliche Ruine vom Palaste des ehemaligen Erzbischofs von Nazareth. Ferner zeigt man in der Umgegend: 1) den Felsen, von dem die Nazarener Jesum herabstürzen wollten; '2) eine Höhle, in welche er geflohen seyn soll, um sich zu verbergen; 3) die Stätte, wo Maria in Ohnmacht gefallen seyn soll, als sie vernommen habe, daß ihr Sohn vom Felsen herabgestürzt würde; 4) die Stätte, wo sie auf die Kniee gefallen sey und Gott für die Errettung ihres Sohnes gedankt habe, auch zeigt man in dem Steine noch die Spuren ihrer Kniee; 5) der Marienbrun- ncn, aus welchem Jesus seiner -Mutter einstmals, als er den Krug zerbrochen hatte, sogar in seinem Schurztuche Wasser geholt haben soll; 6) den Apostelbrunnen, aus welchem die Apostel tranken; 7) den Pctrusbrunnen, aus dem Petrus auf Jesu Befehl Wasser geholt haben soll; 8) einen großen Stein, auf welchem Jesus mit seinen Jüngern gespeißt haben soll, weshalb man denselben den Aposteltisch nennt; ö) die Stätte, wo Jesus seinen Aposteln Belehrungen ertheilte. Ueber die meisten dieser Stätten waren früher Kapellen erbaut worden, die aber jetzt mehr ober weniger zerfallen sind. (Siehe Jahns Reise nach Egyptcn, Jerusalem rc.) **) Die Tradition oder Sage ertheilt hierüber genauere Nachrichten, die freilich der Zuverlässigkeit ermangeln. Der Maria Vater soll Joachim und ihre Mutter Anna geheißen haben. Beide wurden unter die Heiligen erhoben. Anna soll lange kinderlos geblieben seyn, aber sich sehnlichst ein Kind gewünscht haben; und daher dem Herrn gelobt haben, wenn er sie noch in ihren spätern Tagen mit einem beglücken würde, dieses ihm zu weihn. Daher sey auch Maria in ihren: vierten Lebensjahre in den Tempel gebracht und der Leitung und dem Unterrichte der Priester anvertraut -werde,». Maria wohnte, der Sage nach, in dem Hause ihrer Eltern, welches aus einer großen Stube und aus einer Kammer bestand, die zugleich vls Vorplatz diente, worin sich ein Schornstein und ein Fenster befand. Es war 30 Fuß lang, 15 breit und 18 hoch, und lag an dem Abhänge eines -ocrges, an einer Höhle, die 15 Fuß lang, 8 breit und gegen 10 hoch » 42 Zweites Buch. schlechte Davids abstammte. Damals war freilich der frühere äußere Glanz dieses Geschlechts verschwunden und daher entbehrte auch Maria das, was die Großen der Erde auszeichnet; sie lebte immer in den beschränkteren Verhältnissen der niedern Volksklasse; scheint jedoch nicht ohne Vermögen gewesen zu seyn, da sie deshalb nach Bethlehem eine Reise unternehmen mußte (Luk. 2, 5.); zeichnete sich aber vorzüglich durch Bescheidenheit und Demuth, gefühlvolle Güte und Rechtlichkeit und frommen gottergebenen Sinn und Wandel aus, und hatte allem Anschein nach eine bessere Erziehung bekommen, als dieses bei den gemeinen Jüdinnen damals der Fall war. Sie hatte sich mit einem Zimmermanne, Joseph, ebenfalls einem Nachkommen Davids verlobt, der wahrscheinlich ein Wittwer war und aus seiner frühern Ehe Kinder hatte, aber doch wohl noch nicht ein so bejahrter Mann war, als man sich ihn gewöhnlich denkt *). Auch er war redlich, mild, fromm und treu. ist. Stube, Kammer und Höhle machten zusammen die Wohnung aus, in welcher Jesus erzogen wurde. Nach dessen Auferstehung sollen die Apostel aus der Stube und Kammer zwei Kapellen gebildet haben, von denen die eine die Kapelle der Empfängniß, die andere die Kapelle der Auferziehung hieß. Das Haus selbst aber blieb unverändert. Die Kaiserin Helena ließ in die Nähe desselben ein Kloster bauen und dab-i eine Kirche errichte», welche das Haus völlig in sich schloß, ohne es zu berühren. Als aber die Christen sittenlos daselbst lebten und der Sultan Seraph die Kirchen zerstörte, so sollen die Engel auf Marias und Josephs Befehl das Haus im Jahre 1291 aus Nazaret'h nach Tersati in Dalmatien getragen haben, und da es hier von den Einwohnern nicht beachtet wurde, schafften sie es 1294 nach Italien in die Nähe von Recinati, und von da endlich 1295 nach Lo- retto, wo es noch jetzt mit vielem Schmucke ausgeziert zu sehn ist und von vielen Pilgern und Reisenden besucht wird. Nachdem wieder ruhigere Zeiten eingetreten waren, baueten die Christen eine neue, aber nicht so große Kirche, als die erste gewesen war, auf dieselbe Stelle. Sie heißt die Kirche der Verkündigung, ist schön geziert und liegt vier Stufen hoch. In ihr befinden sich ein Haupt- uud ein Ncbenaltar, wovon der eine dem heilige» Joachim, der andere der heiligen Anna geweiht ist. Aus ihr steigt ma» auf ciuer Marmortreppe in eine natürliche, aber schön geschmückte Grotte hinab, worin sich mehrere beleuchtete Altäre und Säule» befinden; nämlich 1) eine granitne Säule, welche die Stätte bezeichnet, wo Maria ihr Gebet verrichtete, als der Engel Gabriel sie begrüßte; 2) eine Säule, zwei Fuß von der ersten, welche die Stelle bezeichnet, wo der Engel stand, als er die Maria anredete; 3) der Altar der Verkündigung und 4) der Altar des heiligen Josephs. Die Säulen haben ohngefähr 3 Ellen im Umfange, die erste aber ist sehr beschädigt und scheint nur noch an dem Gewölbe zu hängen, das sie eigentlich tragen soll. *) Maria soll bei ihrer Verlobung erst 15 Jahre äst gewesen seyn- Reisen der Eltern Jesu. 43 Harrend, wie alle Juden der damaligen Zeit, sehnsuchtsvoll auf den verheißnen Messias, war ihr auf außerordentliche Weise die zuverlässige Hoffnung geworden, daß sie selbst den Ersehnten und längst Erwarteten gebären werde. Diese Hoffnung wünschte sie einer vertrauten, gleichgestimmten Seele mitzutheilen, die sie in der Freundin und Verwandtin Elisabeth, der Gattin des Priesters Zacharias hatte, welche ebenfalls, wie der Maria kund geworden war, erfreuliche Mutterhoffnungen in einem Alter, wo sich es kaum noch erwarten ließ, hegte. Zu dieser trieb sie das Verlangen ihres Herzens; auch wollte sie der Freundin ihre Glückwünsche darbringen zu den nahe bevorstehenden Mutterfreuden, nach denen Elisabeth sich bis dahin vergeblich gesehnt hatte; und überdieß wünschte sie wohl zugleich auch von der erfahrenern Freundin Rath einzuholen über ihr Verhältniß zu ihrem Verlobten Joseph. Zacharias und Elisabeth wohnten auf dem Judäischen Gebirge. Denn den Priestern waren 13 Städte (Jos. 21, 19.) in der Nähe von Jerusalem, in den Stämmen Juda, Benjamin und Simeon zur Wohnung angewiesen worden, von denen auch einige in dem Judäischen Gebirge lagen. Die Priester brauchten nämlich nicht immer in Jerusalem anwesend zu seyn, sondern sie begaben sich nur alsdann dahin, wenn die Reihe des Tempeldienstes sie traf. Denn durch den König David war das Priestergeschlecht in 24 Klaffen eingetheilt worden (1. Chronik. 25. (24.), 4>), welche wöchentlich im Dienste abwechselten; eine Einrichtung, die nach dem Zeugnisse des Josephus, noch zu seiner und also auch noch zu Jesu Zeit bestand. Nach dem Judäischen Gebirge machte sich daher Maria auf den Weg und unternahm so eine nicht unbedeutende Reise, da der Weg, den sie zu gehen hatte, wenigstens 13 bis 14 deutsche Meilen betrug und also drei Tage erforderte, um ihn zu vollenden. Man hatte damals verschiedene Wege, um aus Galiläa nach Judäa zu reisen. Entweder ging man von Na- zareth aus über Nain und Endor nach Scythopolis am Jordan, und von da durch Samaria über Sichern und Bethe! nach Jerusalem; oder wenn man Samaria umgehn wollte, so setzte man bei Scythopolis über den Jordan nach Peräa, 44 Zweites Buch. wanderte dann am linken Ufer des Flusses , bis in die Gegend von Jericho hinab, ging hier wieder über den Jordan und nun durch Jericho nach Jerusalem. Diesen Weg schlugen die l Juden gewöhnlich ein, wenn sie aus Galiläa zu den Festen ^ nach Jerusalem wanderten, er war aber etwas weiter als ^ der erstere. Ein dritter, aber noch weiterer Weg, ging aus l Galiläa nach Dor an der Küste des mittelländischen Meeres, von da über Cäsarea, Antipatris, Diospolis oder Lydda durch den südlichen Theil des Gebirges Ephraim nach Jerusalem. Dieser Weg wurde jedoch am seltensten gewählt. Welchen von diesen Wegen Maria einschlug, wissen wir nicht; auch wird uns nicht gemeldet,.ob sie die Reise allein unternahm, oder Jemand zur Begleitung bei sich hatte. Sie hatte Eile, und langte daher wohl ohne sich irgend wo aufzuhalten, in Judäa an. Diese Provinz war die südlichste von Palästina dicsseit des Jordans, und in Verbindung mit Jdumäa größer als Galiläa und Samaria zusammengenommen. Sie erstreckte sich gegen 20 deutsche Meilen in die Länge und hatte gegen 11 Meilen in der Breite. Sie befand aus zwei Haupttheilen, aus dem eigentlichen Judäa und aus Jdumäa, das unterhalb Hebron seinen Anfang nahm. Uebrigens war sie in mehrere kleinere Bezirke eingetheilt, die nach den in ihnen liegenden vorzüglichen Städten benannt wurden, oder von andern Verhältnissen ihre Namen hatten. Sie war sehr gebirgig; denn in dem obern Theile befand sich das Gebirge E.phraim, und in dem untern breitete sich das Gebirge Juder aus. Daher war sie auch nicht so fruchtbar als Galiläa; doch fehlte es nicht an Gegenden in ihr, die an Fruchtbarkeit jener Provinz nicht nachstanden, besonders da die Einwohner großen Fleiß auf den Ackerbau wendeten. Vorzüglich zeichnete sich in ihr durch Fruchtbarkeit die Ebene Saron aus. Ihren Namen Judäa führte diese Provinz von dem Stamme Juda, dessen Gebiet einen großen Theil derselben ausmachte. Auch betrachteten sich die in ihr wohnenden Juden als die ächten Nachkommen Abrahams und als reine Juden, was .sie den Galiläern und Samarita- nern nicht zugestanden. Dadurch geschah es aber auch, daß ein unleidlicher Stolz sie beherrschte, weshalb Jesus nicht 45 Reisen der Eltern Jesu. gern unter ihnen weilte und seinen Aufenthalt in Judäa stets abkürzte. Die Stadt, in welcher Zacharias und Elisabeth wohnten, wird nicht namentlich angeführt. Wäre es Jerusalem gewesen, so würde dieses wohl genannt worden seyn, auch lag Jerusalem nicht in dem Judäischen Gebirge. Dieses begann unterhalb Jerusalems, stand aber mit dem Gebirge Ephraim in Verbindung und zog sich auf der einen Seite nach dem todten Meere zu und auf der andern in das Gebiet des Stammes Simeon. Nur in der Nahe des todten Meeres bestand es aus nackten Felsen; in seinen übrigen Theilen gewährte es einen sehr angenehmen Anblick; denn die Berge und Anhöhen waren von dem Fuße bis zum Gipfel terrassenförmig angebaut; es enthielt viele Städte, auch viele Höhlen und war sehr bevölkert. Die Jsraeliten hatten mit großer Mühe die Felsen in Terrassen umgestaltet und Erde aus den Thälern auf sie hinausgeschafft, um wüste Berge fruchtbar zu machen, die nöthigen Lebensmittcl daselbst zu erbauen und so für die starke Bevölkerung zu sorgen. Noch jetzt sieht man die Spuren von jenen Terrassen und muß den Fleiß bewundern, mit welchem Menschen die Berge zu fruchtbaren Feldern umgestalteten, ohne dabei den Anbau der Thäler zu vernachlässigen, die ihnen nicht hinlänglichen Lebensunterhalt gewährten. In dem Gebirge Juda war es auch, wo David hin und her zog, um sich vor Saulö Nachstellungen zu sichern, wobei ihm die daselbst befindlichen Höhlen treffliche Dienste leisteten. Drei Städte in diesem Gebirge sind es, in deren Hinsicht man noch nicht recht einig ist, welche von ihnen der Ort war, wo Zacharias und Elisabeth wohnten, und wohin also auch Maria sich begab. Da Lukas erzählt (1, 29.), Maria sey auf das Gebirge in die Stadt Juda gegangen, so nimmt man an, er habe damit die Stadt Jutta gemeint, welche in dem Judäischen Gebirge lag (Jos. 15, 55.) und eine Priesterstadt war (Jos. 21, 16.). Sie war nicht weit von Hebron südöstlich nach dem todten Meere zu in der Nähe des dort befindlichen Berges Karmcl. Diese Stadt scheint aber in den ersten Zeiten der christlichen Kirche nicht als der Aufenthalts- 46 Zweites Buch. ort des Zacharias und der Elisabeth betrachtet worden zu k seyn, weil man daselbst keine Denkmale findet, durch welcheI man damals die merkwürdigen Orte des gelobten Landes zu t verherrlichen und im Andenken zu erhalten suchte., f Dieses ist dagegen mit einem Orte geschehn, welchen die! christliche Sage als den Wohnort des Priesters Zacharias und seiner Gattin nennt, und wo jetzt das Dorf St. Jo-^ hannes der Täufer liegt. Einige meinen, daß hier früher die Stadt Ain, eine Priesterstadt (Jos. 21, 16) auf dem Gebirge Juda in dem Gebiete des Stammes Simeon, gelegen habe; jedoch wird diese auf den Karten gewöhnlich weit südlicher, über sieben Stunden von Jerusalem angegeben, da hingegen das Dorf St. Johannes der Täufer, nach dem Berichte der Reisenden, ohngefähr nur zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt ist. Dieses Dorf liegt in einer mit Oel- bäumen bepflanzten Gegend, am Fuße eines Berges, von welchem man ein liebliches Thal überschaut. Die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantin des Großen, welche das gelobte Land durchreiste, erbaute da, wo die Wohnung des Zacharias gestanden haben soll, eine Kirche; auch findet man unter den Trümmern des alten Ortes noch eine Kirche von mittelmäßiger Größe und der Gestalt eines Kreuzes mit einer Kuppel. Dabei haben die Franziskaner ein Kloster erbaut, das ziemlich hübsch ist. Nicht weit, ohngefähr 200 Schritte von dem Dorfe soll Zacharias ein Landhaus besessen haben, in welchem er wahrend der schönern Jahreszeit seinen Aufenthalt genommen und in welchem sich Elisabeth die ersten fünf Monate ihrer Schwangerschaft hindurch verborgen gehalten habe (Luk. 1, 25.). Hier, glaubt man, habe Maria ihre Freundin aufgesucht und mit ihr sich aufgehalten, so lange sie derselben ihre Gegenwart schenkte. Die Stelle, wo dieses Landhaus gestanden haben sott, befindet sich in einem angenehmen, fruchtbaren Thale, welches jetzt die Gärten von dem Dorfe St. Johannes des Täufers einschließt; aber es sind nur noch einige Trümmer von der Kirche vorhanden, die an jener Stelle erbaut worden war und welche die Kirche der Heimsuchung hieß. Drei- bis vierhundert Schritte von der Kirche der Heim- Reisen der Eltern Jesu. 47 suchung befindet sich ein Brunnen, bei welchem man ein Kloster errichtet hat. Dieser Brunnen ist mit gehauenen Steinen eingefaßt und gibt eine so große Menge Wasser, daß er das ganze Thal bewässert und fruchtbar macht. Man nennt ihn den Brunnen der heiligen Jungfrau, weil man annimmt, daß Maria wahrend ihres Aufenthaltes bei ihrer Freundin sich seines Wassers bedient habe. Die Araber nennen ihn Ain Karem und schätzen ihn sehr, weil er den Bewohnern jener Gegend großen Nutzen bringt. l In die Nähe des Dorfes St. Johannes der Täufer ^ versetzt die christliche Sage auch die Wüste, in welcher der l Vorläufer Jesu seine Jugendzeit bis zu seinem dreißigsten Jahre ^ zugebracht haben soll. Als solche bezeichnet man eine Weideebene, ohngefähr eine Stunde von dem Dorfe, in einem angenehmen Thale, das von Bergen eingeschlossen ist, die von kleinen Thälern durchschnitten werden. Als Aufenthaltsort des Täufers in jener Zeit zeigt man eine Grotte in einem Felsen, zu welcher man nur mit Mühe emporsteigen kann. Da, wo in derselben sein Lager gewesen seyn soll, hatte man einen Altar errichtet, an welchem Messe gelesen wurde. Am Fuße der Grotte sprudelt aus Felsenspalten eine Quelle hervor, welche sich in das Thal ergießt. Hie und da bemerkt man in den Felsen Löcher, wo die wilden Bienen ihr Honig absetzen; auch findet man daselbst einen ansehnlichen Johannisbrodbaum, welcher Baum überhaupt in dem gelobten Lande und vorzüglich in dem Jndäi- schcn Gebirge sehr häufig vorkommt, von den Einwohnern Chernubi genannt wird und markige Schoten trägt, die einen süßen Säst enthalten, gegessen werden können, gewöhnlich aber zur Viehmast benutzt werden. Während der Nacht erzeugt sich dort auch eine Art von Manna, das sich an die Blätter ansetzt. Zu gewissen Zeiten kommen große Heuschrecken dahin, die von den Hirten auf Kohlen geröstet gegessen werden. Ueber dem Felsen, in welchem jene Grotte ist, hatte man ein Kloster erbaut, das dem heiligen Johannes dem Täufer gewidmet war, das aber bald verlassen wurde*). *) Der gewöhnliche» Sage nach verbarg Elisabeth ihren Sohn Johannes in jene Grotte, um ihn vor den Nachstellungen des KvnigS Herodes zu 48 Zweites Buch. Die dritte Stadt, welche von Einigen als der Wohn- ' ort des Zacharias und der Elisabeth angesehn wird, ist He- H bron oder CHebron, die alte Hauptstadt des Judäischm ^ Volksstammes. Sie lag nicht weit von Ain ostwärts, von i Jerusalem ohngefahr 7 bis 8 Stunden südlich, und war eben- l falls eine Priesterstadt, aber in dem Stamme Juda. In den i ältesten Zeiten hieß sie Kirjath - Arba, die Stadt des Arba, ^ (Jos. 14, 15.). Dieser Arba war ein Großer unter den Enakiten, einem der Urvölker Palästinas. Noch zu Josuas Zeiten wohnten in Hebron Enakiten, welche der König Hoham beherrschte und die durch Körpergröße sich auszeichneten*). Hebron wird als eine der ältesten Städte in Palästina genannt, denn sie soll sieben Jahre früher als Zoan oder Tanis in Aegypten erbaut worden seyn (4. Mos. 13, 23.), und JosephuS sagt, daß sie zu seiner Zeit schon 2300 Jahre gestanden habe. Manche meinen, Abraham habe ihr den Namen Hebron gegeben, weil dieser Verbindung bedeute, um das Andenken an jenen Vertrag zu erhalten, den er mit Ephron schloß, als er diesem den Acker mit der Begräbniß- höle für 400 Silberseckel abkaufte (1. Mos. 23, 15. u. 16.). Nachdem Abraham sich von Loth getrennt hatte, nahm er nämlich seinen gewöhnlichen Aufenthalt in der Nähe von Hebron am Haine und in dem Lhale Mambre. Hier starb Sara, da brachte Jsaak den größten Theil seines Lebens zu, und Jakob lebte ebenfalls einige Zeit in jener Gegend. Nach der Eroberung Kanaans durch die Jsraeliten, als das Land vertheilt wurde, bekam Caleb die Stadt Hebron als Eigenthum, welcher die Enakiten aus ihr vertrieb. Hierauf wurde sie zu einer Priesterstadt bestimmt und zugleich eine von den sechs Frcistädten, in welcher sich diejenigen, die einen unvorsätzlichen Mord begangen hatten, vor den Verfolgungen des Bluträ- sichern, als dieser die Kinder zu Bethlehem umbringen ließ. Vierzig Lage habe die zärtliche Mutter hier bei ihrem Sohne verweilt und dann habe ein Engel für das Kind Sorge getragen bis es selbst für sich sorgen konnte. Nach einer andern Meinung begab sich Johannes dahin, weil er frühzeitig seine Eltern durch den Tod verlor. *> Josephus erzählt, daß man noch zu seiner Zeit Knochen von ihnen gefunden habe, die eine außerordentliche Größe hatten. chers sichern konnte (Jos. 20, 7. u. 4. Mos. 35, 11u. 12.). In der Folge wählte David nach dem Tode Sauls Hebron »zu seiner Residenz und wohnte sieben Jahre daselbst, so lange Aer nur über die beiden Stämme Juda und Benjamin herrschte. Hebron ist noch jetzt als ein ansehnlicher Ort vorhan- ^ .den, der dem heutigen Jerusalem nicht viel nachsteht. Die ^Araber nennen es El-Khalil (Freund) oder Abrahams Stadt, weil sie den Abraham als einen Freund Gottes betrachten. Es hat keine Mauern, liegt zum Theil auf dem Abhänge eines Hügels und zum Theil auf der Ebene. Auf dem Gipfel des Hügels findet man noch einige verfallene Mauern und darunter die unförmlichen Ueberreste eines alten Schlosses. Der Ort ist von Hügeln umgeben, welche aber nicht so hoch als die in der Nähe von Jerusalem sind, und die von Bäumen bewachsen eine angenehme Ansicht gewähren *). Die Umgegend ist schön und fruchtbar, vorzüglich an Wein und Baumwolle. Hier befindet sich eine sehr alte Glashütte, die einzige jetzt in Syrien. Die Bevölkerung ist ansehnlich; denn der Ort stellt allein acht bis neunhundert Mann, welche Waffen tragen und beständig mit den Einwohnern von Bethlehem Krieg führen, wodurch die Umgegend sehr unsicher wird. Die Einwohner sind Mohamedaner, die weder Christen noch Juden unter sich dulden wollen. An dem Abhänge des Hügels, an welchem Hebron liegt, befand sich auch die Höhle Machpelah oder die Doppel- Höhle (1. Mos. 23, 9.), welche Abraham von Ephron, dem Hethiter, zum Bcgräbniß seiner Familie kaufte. Noch jetzt zeigt man daselbst eine Grotte, welche man für jene Be- gräbnißhöhle hält. Die Kaiserin Helena hatte dort eine prächtige Kirche erbauen lassen, an deren Eingänge drei Kapellen waren, unter denen sich die Gräber von Abraham und Sara, - *) Won dem alten Hebron aus sieht man gegen Nordwest Jerusalem zwischen den Bergen liegen. Sonst mußte» die Priester zu Jerusalem, ehe bei Sonnenaufgang das Opfer gebracht wurde, auf den Tempel steigen und dort den Anbruch des Tags erwarten. Sobald es nun hell wurde, riefen Ue hinunter: „Licht! Licht!" Hierauf fragten die Untenstehenden, ob eS schon so hell sey, daß man die Priesterstadt Hebron sehn konnte. Wenn dieses von den Priestern auf dem Tempel bejaht wurde, so kam alsdann das Volk zum Opfer zusammen. 4 so Zweites Buch. von Jsaak und Rcbckka und von Jakob und Lea befanden. Die Türken haben diese Kirche später in eine Moschee umge-1 wandelt, die sie sehr in Ehren halten und zu der sie keinem? Christen den Zutritt gestatten. Dabei steht ein türkisches Klo- ^ ster, dessen Bewohner täglich Linsensuppe in Bereitschaft halten, um sie den einsprechenden Reisenden umsonst darzureichen > und zwar zum Andenken an jene Begebenheit, da Esiiu dass Recht seiner Erstgeburt für ein Linsengericht an Jakob abtrat. ' Das Thal Mambre, welches eine kleine Viertelstunde von Hebron entfernt liegt, ist beinahe eine halbe Stunde breit und fast eben so lang. Die Früchte, die in diesem Theile wachsen, zeichnen sich durch ihre Größe aus; denn man findet Weintrauben daselbst, welche gegen 12 Pfund schwer sind. Man nennt dieses Thal auch das Terebinthenthal, weil sonst viele dergleichen Bäume darin wuchsen. Die Terebinthe ist ein starker Baum mit nicht hohem, aber dickem Stamme und dicken Aesten, die immer grüne Blätter tragen. Seine Blüthen gleichen denen des Weinstockes, und seine Beeren steh» in Trauben und sind harzig, wie der ganze Baum, aus dem man den Terpentin gewinnt. Die Terebinthe erreicht ein hohes Alter. Am untern Ende des Thales Mambre, wo ei» Bach stießt, stand zur Zeit des Josephus eine Terebinthe vo» außerordentlicher Dicke und Höhe, von welcher die Bewohn» der dortigen Gegend behaupteten, sie sey so alt als die Erde. Sie wurde noch zur Zeit des heiligen Hieronymus sehr in Ehren gehalten, weil man behauptete, daß unter diesem Baum Abraham den Besuch der drei Männer bekommen habe (1. Mos 18.), die ihm die Geburt eines Sohnes und den Untergang Sodoms und der andern Städte verkündigten. Der Stamm > dieser Terebinthe soll in einer Kirche noch jetzt gezeigt werden*). *) Nach einer alten Sage sollen in Hebron die Gebeine Adams, d>'S Stammvaters der Menschen rnhn. Deshalb halte» es sich die Jsracliü» so angelegen seyn lassen, nachdem sie über den Jordan gesetzt waren, dir Stadt Hebron zu erobern. Andere aber schenken der Meinung mehr Gilben, daß Adam auf dem Calvarieuberge bei Jerusalem begraben sey. Bades hat jedoch so wenig für sich, als die Sage, daß Adam Hebron erbaut habe Auch verlegt die Sage in die Nähe von Hebron das Feld, wo Gott de» ersten Menschen Adam erschaffen habe. Es soll 700 Schritte südlich ve» der Stadt liegen. Man zeigt daselbst eine ziemlich breite, viereckige Gr»de Reisen der Eltern Jesu. 61 iH In einer dieser drei Städte, am wahrscheinlichsten in W Jutta, kam Maria mit ihrer Freundin Elisabeth zusammen, '' und wurde von dieser auf das freudigste und freundlichste em- i ' pfangen und aufgenommen. Nun sprachen sie gegen einander ^ die innersten Gefühle ihrer Herzen aus, theilten ihre Hoffnungen sich mit und prießen darum beide sich glücklich, mit dem wärmsten Danke gegen Gott erfüllt, der Alles wohl macht. Drei Monate hindurch weilten die Freundinnen bei einander; alsdann kehrte Maria in ihre Heimath und zu ihrem Verlobten zurück. Diesem blieb jetzt die Schwangerschaft seiner Verlobten nicht verborgen, was ihn in keine geringe Verlegenheit versetzte. Sollte er die Maria noch als seine Gattin zu sich nehmen, oder sie verstoßen? das war es, worüber ein Streit in seinem Innern sich erhob. Leicht wäre es ihm gewesen, sie zu verstoßen, da es bei den Juden keiner gerichtlichen Scheidung bedurfte. Selbst die Ehe konnte ohne weitere Umstände von dem Manne aufgelöst werden; er fertigte nur eine schriftliche Erklärung aus, daß er seine Gattin von sich laste, und es stand ganz in seinem Belieben, ob er zur Beschimpfung seiner Frau einen Grund der Scheidung beifügen, oder gar keinen Grund anführen wollte. Anfangs dachte Joseph darauf, die Maria von sich zu lasten, ohne sie der Verachtung auszusetzen (Matth. 1, 19.), denn er war ein milder und gutgesinnter Mann; doch bald ward er auf andere Gedanken gebracht und nahm die Maria als seine Gattin in sein Haus (Matth. 1, 24.). in röthlicher, thoniger Erde, die alle Morgenländer in Ehren halten und von welcher sie Etwas mit sich nehmen, weil sie glauben, daß Adam auS dieser Erde gebildet worden sey, bevor ihn mit der Eva Gott in das Paradies setzte. Eine halbe Stunde südwärts davon zeigt man eine ziemlich geräumige Grotte, in welcher die ersten Menschen gewohnt haben sollen, nachdem sie aus dem Paradiese vertrieben worden waren. Nach einer andern Sage aber befindet sich ihr Zufluchtsort in der Umgegend von Damaskus. Eine halbe Stunde von jener Grotte, unterhalb des Thales Mam- bre ostwärts wird endlich auch der Ort gezeigt, wo Kai» seinen Bruder Abel erschlagen haben soll. 4 , * 62 Zweites Buch. II. Reise der Eltern Jesu von Nazarcth nach Bethlehem zur Schätzung. '- -- 7? 2 Reisen der Eltern Jesu. 53 überhaupt nicht, und Caravanserais, wo der Reisende blos Obdach unentgeldlich findet, waren damals wohl noch nicht vorhanden, oder sie waren auch schon überfüllt. Sie mußten daher außerhalb der Stadt in einer Höhle ihre Zuflucht suchen, die den Hecrden und Hirten zum Aufenthalte diente, die aber eben leer stand; denn in dem Gebirge Juda hielt man die Hcerdcn selbst im Winter so lange als möglich im Freien. In dieser Höhle gebar Maria ihren Sohn Jesus, und bettete ihn in eine daselbst befindliche Krippe *). Bethlehem, welcher Name Haus des Brodes bedeutet, hieß früher Ephrata, die Fruchtbare (Micha, 5, 1.), um diese Stadt von einer andern in dem Stamme Sebulon zu unterscheiden, die ebenfalls Bethlehem**) hieß (Jos. 19, 15.). Das Bethlehem in dem Gebiete des Stammes Juda war eine Stadt von geringer Größe, aber sehr alt, da es schon zu den Zeiten der Stammväter der Juden bestand. Berühmt wurde es erst durch den König David, der darin geboren war, weshalb es auch die Stadt Davids genannt wurde; eine noch größere Berühmtheit bekam es aber bei den Christen durch den Umstand, daß Jesus dort das Licht der Welt erblickte. Jetzt ist es ein großes Dorf von 150 Häusern, mit 600 Einwohnern, die meistens Christen sind, aber verschiedenen Kirchen angehören und daher sehr uneinig unter *) Die Zeit der Geburt Jesu läßt sich nicht genau bestimmen. Gewöhnlich setzt man sie um das Jahr 4000 nach der Schöpfung der Welt, und Manche nehmen sie drei bis vier Jahre vor unserer Zeitrechnung au, die erst im sechsten Jahrhunderte von dem römischen Abte Dionysius eingeführt wurde, aber wohl die wahrscheinlichste ist. Den Geburtstag Jesu setzen die griechischen Kirchenvater auf den 6. Januar. Klein cns von Alex and rie», der gegen das Ende des zweiten, oder zu Anfange des dritten Jahrhunderts schrieb, berichtet, daß Einige nach angestellten Untersuchungen den Geburtstag Jesu auf den 20. Mai, Andere aber auf den 19. oder 20. April gesetzt hätten. Der römische Bischof I uli u s, der im vierten Jahrhunderte lebte, verordnete aber, daß der 25. December als der Geburtstag Jesu gefeiert werden sollte. Diese Bestimmung fand seit dem fünften Jahrhunderte allgemeine Gültigkeit, und so feiern wir auch jetzt noch Weihnachten an diesem Tage. ") Dieses Bethlehem halten Einige mit Bethulien für eine und dieselbe Stadt, welche durch die Judith berühmt wurde. Der Name Ephrata, den Bethlehem i» Juda früher hatte, scheint der Gegend um diese Stadt eigenthümlich geblieben zu seyn, so daß Bethlehem Ephrata (Micha, 5, 1.) eigentlich so viel bedeutet, als Bethlehem in Ephrata. 64 Zweites Blich. einander leben. Es liegt zwei Stunden südlich von Jerusalem an dem Abhänge eines röthlichen Berges von mäßiger Höhe, der sich von Osten nach Westen erstreckt, und wird von einigen Hügeln umgeben. Seine Lage ist schön. Von dem höchsten Theile des Berges, aus dem es liegt, hat man eine schöne Aussicht auf die Gegend von Jericho, auf das todte Meer und auf die arabischen Gebirge. Nach Norden eröffnet sich ein weites Thal, das fruchtbar an Getreide und reich an Viehweiden ist, und in welchem auch Weinpflanzungen, Oel- bäume, Feigenbäume und Granatapfelbäume sich finden. Leider bauen die Bewohner die Gegend nicht fleißig genug an und beschäftigen sich mehr mit der Verfertigung von Rosenkränzen und Kreuzen aus Perlmutter und Asphalt. Der Ort, wo Jesus geboren worden seyn soll, liegt südöstlich von Bethlehem, ohngefähr 200 Schritte von ihm entfernt. Schon die ersten Christen hatten dort eine Kapelle erbaut; allein der Kaiser Hadrian ließ sie zerstören und einen Tempel des Adonis daselbst errichten, um dadurch die Verehrung jener den Christen heiligen Stätte zu vernichten und Heiden dahin zu ziehn. Doch dieser Tempel zerfiel noch vor der Regierung des Kaisers Konstantin in Trümmer, und die Kaiserin Helena ließ im Jahre 320 eine schöne Kirche daselbst erbauen, welcher in der Folge von verschiedenen christlichen Fürsten noch Manches zugefügt wurde. Diese Kirche, die St. Marienkirche genannt, ist von behauenen Steinen kreuzförmig im griechischen Style erbaut. Sie ist im Ganzen 76 Schritte lang, im Kreuz aber 46 und im Schiffe 30 Schritte breit. Das lange Schiff der Kirche oder gleichsam der Stamm des Kreuzes, das sie bildet, hat an jeder Seite einen Flügel und enthält 48 Säulen, die in vier Reihen stehn. Jede Säule ist 18 Fuß hoch und hat am Grunde etwas über 7 Fuß im Umfange« Fuß und Schaft der Säulen bestehn aus Einem Stücke von blaßrothem geschliffenem Marmor, und sind nach jonischer Ordnung gearbeitet; die Kapitäler aber bestehn aus weißem Marmor, tragen noch Spuren von ehemaliger Vergoldung und sind nach korinthischer Ordnung gebildet. Das Schiff hat weder Gewölbe noch Decke, sondern auf den Ka- pitälern der Säulen liegen hölzerne Balken, über denen sich Reisen der Eltern Jesu. 6 >5 ein hölzernes Zimmerwerk dachförmig erhebt, das mit Bietern belegt und darauf mit Blei gedeckt ist. Die Mauern des langen Schiffes enthalten große Fenster; früher waren sie mit Mosaik-Gemälden und mit Stellen aus der heiligen Schrift in griechischer und lateinischer Sprache geziert, wovon man noch Spuren hie und da bemerkt. Die Ueberreste der Mosaik- Gemälde, die man hie und da bemerkt, so wie auch einige Gemälde auf Holz, die sich vorfinden, sind nicht unwichtig für die Geschichte der Kunst. Die Figuren sind meistens von der Vorderseite dargestellt und stehn ganz gerade, steif und ohne Schatten da; übrigens sind sie von edlem und ernstem Charakter und machen einen tiefen Eindruck. In dem Seitenflügel gegen Norden steht der Altar der heiligen drei Könige, welcher die Stelle bezeichnen soll, wo die Magier ihre Kameele stehn ließen, als sie Jesum aufsuchten und diesem ihre Verehrung darbrachten; in dem Flügel aber gegen Süden befindet sich der Altar der Beschneidung, denn auf dieser Stelle soll Jesus beschnitten worden seyn. Der obere Theil des Kreuzes, welches die Kirche bildet, oder der Chor derselben liegt gegen Morgen und ist fünf Stufen höher als das Schiff, von welchem es durch eine Mauer geschieden wird, weil der Chor den Griechen, das Schiff aber den Armeniern gehört. In dem Chöre befinden sich drei Altäre. Vor dem Hauptaltare, der 6 Stufen hat, ist ein Stern von Marmor in den Boden eingelegt, der die Stelle bezeichnen soll, über welcher der Stern stille stand, durch den die Magier herbeigeführt wurden; und jener Stern soll sich gerade über der Stelle befinden, wo Jesus geboren wurde. Diese Stelle zeigt man in einer Grotte, die unter dem Chöre der Kirche ist und zu der zwei Wendeltreppen von 1Z Stufen aus dem Chöre hinabführen. Die Grotte ist in den Felsen gehauen; sie hat eine Länge von 40 Fuß, ist am Eingänge 12 Fuß breit, verengt sich aber immer mehr nach hinten zu, und hat eine Höhe von 9 Fuß. Drei porphyrne Säulen unterstützen die Decke, die wie die Wände hie und da mit Gemälden und Vorhängen verziert ist. Der Boden ist mit schönen Steinplatten belegt. Im Hintergründe dieser Grotte befindet sich in dem Boden eine Vertiefung, welche aus schönem mit Jaspis aus- 56 Zweites Buch. » gelegtem, jedoch etwas beschädigtem weißen Marmor gebildet ! ist, und welche die GebuNsstatte Jesu bezeichnen soll. Diese l Vertiefung wird von einem silbernen aus Strahlen gebildeten Kreise umgeben, auf welchem die Inschrift zu lesen ist: „liie llö virgirie Murin .Is8N8 Llari^rrs Nii1u8 68b" („Hier ist von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren worden."). Hinten bei dieser Vertiefung ist an der Wand eine Marmor- platte in Gestalt eines Altars, an welchem Messe gelesen wird und über welchem drei schöne Lampen vor einem Gemälde, das Jesu Geburt darstellt, hangen. Uebcrhaupt sind in der Grotte 68 Lampen angebracht, die immerwährend brennen und dieselbe erhellen, da sie gänzlich des Tagslichtes ermangelt. Am Eingänge der Grotte zeigt man eine in den Felsen gehauene Höhlung als die Krippe *) und daneben einen Stein von der Gestalt einer Wiege als die Stelle, wo Jesus auf dem Stroh lag ** ***) ). An der Geburtsgrotte befinden sich noch einige Nebenhöhlen, die eben so viele Kapellen ausmachen. Da ist die Kapelle des heiligen Joseph, des Gatten der Maria; die Kapelle der unschuldigen Kinder, eine Höhle, in welcher die besorgten Mütter vergeblich ihre Kinder vor den Nachstellungen des Königs Hcrodcs verborgen haben sollen, und in welcher sie ihre Lieblinge gemordet sahen; die Kapelle und das Grab des heiligen Hieronymus; die Kapelle der heiligen Paula und ihrer Tochter, der heiligen Eusto- chium und noch einige andere Kapellen und Grabmäler. *) Die eigentliche Krippe, i» welcher Jesus als neugcbornes Kind gelegen haben soll, zeigt man in Rom vor. Diese Grotte ist wohl nicht diejenige Höhle, in welcher Jesus ge- ^ boren wurde; wenigstens weist man, dast sie der Kaiser Justinianns erbauen j ließ. Auch ist sie um das Jahr 1670 erneuert worden durch einen reichen i Fleischer zu Konstantinopel, der eine Summe von fast 100,000 Thalern s darauf verwendete; von welcher Summe freilich ei» großer Theil aufging, > um nur die Erlaubniß zur Reparatur der Grotte vom türkischen Hose zu bewirken. Manche halten die später beschriebene Säughöhle für die Geburtsgrotte. ***) Hieronymus, einer der gelehrtesten lateinischen Kirchenvater, der sich vorzüglich durch seine UebcrseHung der Bibel in die lateinische Sprache verdient gemacht hat, welche UeberseHung der Bulgata zum Grunde liegt, begab sich 386 nach Palästina und lebte daselbst bei Bethlehem bis an seinen Tod 420. Ihm folgte nach Palästina Paula, eine Römerin aus vornehmem Geschlechte. Diese wurde von der Geburtsstätte Jesu so angezogen, daß sie daselbst den Rest ihres Lebens zubrachte, und dort ihre Ruhestätte wählte, welche auch die ihre» frommen Tochter wurde. Sie baute von ih- > Reisen der Eltern Jesu. 57 Mit der St. Marienkirche in Verbindung steht das Fran- ziskancrkloster, das ebenfalls von der Kaiserin Helena erbaut worden seyn soll. Dieses Kloster besteht aus mehreren unregelmäßigen Gebäuden von Stein, die sämmtlich von hohen und dicken Mauern umgeben sind, so daß das Ganze mehr einer Festung als einem Kloster ähnlich sieht. Der Eingang in dasselbe ist unfreundlich, denn er besteht in einer niedrigen Pforte mit hoher Schwelle; desto freundlicher aber ist die Aufnahme des Reisenden in dem Innern. Die Kirche der Franziskaner ist die St. Katharinenkirche, welche an der Nordseite der St. Marienkirche steht und 32 Schritte lang und 12 breit ist. Die Griechen und Armenier haben ebenfalls Klöster in Bethlehem. Ohngefähr eine Viertelstunde von Bethlehem gegen Osten liegt in einer anmuthigen Ebene ein kleines Dörfchen, das die Araber Dta-el-Natur, das Dorf der Hirten nennen. Nicht weit davon wird das Feld gezeigt, wo die Hirten in jener Nacht, in welcher Jesus geboren wurde, ihre Heerdcn weideten, wo sie plötzlich von einem hellen Schein sich um- leuchtet sahn*) und wo sie die Kunde empfingen, daß der Messias in ihrer Nähe geboren worden sey. Die Kaiserin Helena hatte auch auf diesem Felde, das zwei bis drei Acker hält und mit Mauern umgeben ist, zum Andenken an jene Begebenheit eine Kirche erbauen lassen, in welcher ein der Königin der Engel geweihter Altar war; allein jetzt sind nur noch Trümmer von dieser Kirche vorhanden, so wie auch von rcm Vermögen daselbst ein Mönchskloster und 3 Nonnenklöster, in deren eins sie sich selbst zurückzog. Man findet noch jetzt einige Trümmer von Liesen Klöstern in der Nahe von Bethlehem. ') In jener Gegend sind besondere Lichterscheinungen des Nachts nicht selten. Shaw erzählt in seinen Reisen: „Als ich Anfangs April bei Nacht durch das Thal Ephraim reiste, wurden wir über eine Stunde lang von einer Lichterscheinung begleitet, die sich auf mannichfaltige Art veränderte. Zuweilen zeigte sich das Licht kegelförmig, zuweilen zugespitzt, wie die Flamme einer Kerze; zuweilen breitete es sich aus und umgab unsere ganze Gesellschaft mit seinem blassen unschädlichen Scheine. Auf einmal zog es sich zusammen und verschwand plötzlich; aber in weniger als einer Minute zeigte es sich wieder wie vorher und lief sehr geschwind von einem Orte zum andern, wie es bei einem angezündeten Strich Schießpulver der Fall ist. Zuweilen breitete es sich aber mehr als zwei bis drei Morgen Landes auf den benachbarten Bergen aus, und ließ uns alle Sträucher und Büsche, die darauf standen, sehn." 58 Zweites Buch. einem Kloster, das früher in ihrer Nahe gestanden hat. An diesen Ort soll sich Jakob nach dem Tode der Rahel zurückgezogen und daselbst seine Heerden geweidet haben. Auch sagt man, daß er dort einen Thurm erbaut habe, den Thurm Ader, oder den Thurm der He erde, um von ihm aus bessere Aufsicht über die Hirten führen zu können. Von diesem Thurme sind ebenfalls nur noch Trümmer vorhanden. Endlich zeigt man in der Nahe dieser Gegend noch den Ort, wo Rahel begraben liegt. Jakob errichtete über dem Grabe seiner Rahel ein Denkmal (1. Mos. 35, 19. 20.), das noch zu Josuas Zeiten stand und das unter dem Namen Rahels Grab bekannt war, als die Jsraeliten das gelobte Land in Besitz nahmen. Das Denkmal, welches jetzt dort steht und Rahels Grab heißt, ist von den Türken auf den Trümmern des alten erbaut worden. Es besteht aus vier Säulen, die eine kleine Kuppel tragen und die eine Art von Altar einschließen. Das Ganze ist einfaches Mauerwcrk ohne alle Verzierung und wird von einer niedrigen Mauer umgeben, innerhalb welcher sich noch zwei Gräber befinden. Noch ist die Cisterne des Königs David zu erwähnen, die man nordwestlich von Bethlehem in einem Thale zeigt und bei welcher früher das Thor der Stadt gewesen seyn soll, weil man sie für den Brunnen hält, aus welchem einst David Wasser zu haben wünschte, als er im heißen Sommer gegen die Philistäer zu Felde lag (2. Samuel. 23,15—17.), und aus welchem ihm auch drei seiner tapfersten Krieger, indem sie durch das Lager der Feinde drangen, wirklich Wasser holten, das David aber nicht trank, sondern als Trankopfer dem Herrn ausgoß. Diese Cisterne ist wohl bedeckt und hat drei Mündungen; allein man zweifelt mit Recht, daß sie jener von David erwähnte Brunnen sey, weil dieser höchst wahrscheinlich eine lebendige Quelle war, die Cisterne aber nur gesammeltes Regenwasser enthält. t Reisen der Eltern Jesu. 59 III. Reise der Eltern Jesu mit dem ncugcborncn Kinde von Bethlehem nach Jerusalem zur Darstellung im Tempel. und erlegte die gesetzlichen 5 Silberseckel, welche nach unserem Gelde ohngefähr 2-^- Thaler betragen, da der Silberseckel ohngefähr einem halben Thaler gleichkommt. Hier war es, wo der alte Simeon *) begeistert seine Freude über den Anblick des Kindes kund that, in welchem er den künftigen Messias ahnte, und zwar nicht blos einen irdischen, wie die meisten Juden ihn erwarteten; zugleich aber wohl auch warnend zur Maria sprach, damit sie ihre Messiashossnungen nicht überall bekannt machen und ihren Sohn den Verfolgungen des Königs Hcrodes nicht aussetzen sollte. Hier war es auch, wo die alte fromme Anna, welche von dem Volke als ! eine Prophetin verehrt wurde, ebenfalls den Höchsten pries, daß der längst erwartete Messias nun geboren war. *) Die heilige Schrift sagt nicht näher, wer dieser Simeon war, son- j der» sie bezeichnet ihn nur als einen frommen Mann, der sehnsuchtsvoll > auf die Ankunft des Messias hoffte. Cclsns berichtet, Simeon sey blind I gewesen und als er Jesum auf den Arm genommen, sey er wieder sehend ! geworden. Andere halten ihn für einen Priester, der vermöge seines Amtes ! Jesum habe auf den Arm nehmen müssen, um ihn hierauf, nach erfolgte«: Lösung durch das gesetzliche Geld, der Mutter zurückzugeben. Lightfoot aber und Andere halten ihn für eine und dieselbe Person mit Radban Samea oder Samai, dem Sohne Hillels und Mater Gamaliels, der später Bors sttzer des Synedrinms wurde. 62 Zweites Buch. Jerusalem, die Hauptstadt des ganzen jüdischen Landes, wird als eine der vorzüglichsten und ältesten Städte der Erde genannt und angesehn, weil sie schon zu den Zeiten Abrahams vorhanden war. Ihr frühester Name war Salem, Friede, und Manche halten sie daher für die Stadt, in welcher Melchisedcch herrschte (1. Mos. 14, 18.); später kam sie in den Besitz der Jebusiter, wurde deren Hauptstadt und hieß nun Jcbus. Hierauf wurde sie, man weiß nicht wann, Jerusalem, d. i. Erscheinung oder Wohnung des Friedens genannt. Manche nennen sie Ariel, den Löwen Gottes, und Andere Ahaliba, mein Gezelt in ihr, weil Gott seine Wohnung gleichsam in ihr aufgeschlagen hatte. Außerdem findet man von ihr auch die Namen Svlyma und Hicrosolyma; und der Kaiser Hadrian nannte die Stadt, welche er auf die Stelle des alten Jerusalems bauen ließ und die noch jetzt steht, Aelia Capitolina, wofür jedoch später der Name Jerusalem wieder eingeführt wurde. Von den Arabern und Türken wird sie jetzt El Kods oder auch Bait-el-Mokeddes, d. i. das Heiligthum oder die heilige Stadt genannt. Bei der Eroberung des gelobten Landes durch die Jsrae- liten wurde von dem Stamme Juda und Benjamin nur die untere Stadt eingenommen; den obern Theil der Stadt aber, der auf dem Berge Zion lag, behielten die Jebusiter, die sich daselbst noch mehrere Jahrhunderte hindurch bis zu den Zeiten des Königs David behaupteten. Dieser tapfere Streiter aber verherrlichte seine Erhebung auf den jüdischen Thron durch die völlige Einnahme der wohlbefcstigten Oberstadt, wählte hierauf Jerusalem zu seiner Residenz und machte sie zur Hauptstadt seines Reichs. Zu jener Zeit begriff die Stadt Jerusalem nur die beiden Berge Zion und Akra in sich. Der Haupttheil der Stadt, oder die obere Stadt, auch die Burg genannt, befand sich auf dem Berge Zion, woher ganz Jerusalem auch Zion genannt wurde und die Frauen Jerusalems in der heiligen Schrift zuweilen Töchter Zions heißen. Der Berg Zion aber wird oft der Berg des Herrn genannt, weil David die Bundeslade dahin bringen ließ, die alsdann bis zur Erbauung des Tempels daselbst blieb. David befestigte die auf Reisen der Eltern Jesu. 63 diesem Berge liegende Burg noch mehr, und ließ sich daselbst einen Palast erbauen. Dasselbe that Salomo, der auch die ^ ganze Stadt etwas vergrößern und den Tempel auf dem rBlU'gc Moriah erbauen ließ. Jerusalem war schon vermöge seiner Lage ziemlich fest; denn es lag und liegt noch jetzt auf einem hügeligen Kalkge- . biege, das den höchsten Theil von Judäa ausmacht, etwas Oedes und Düstres hat und nirgends einen bequemen Zugang gestattet. Die Jebusiter hatten es mit einer sehr hohen Mauer von ansehnlicher Dicke umgeben; David verstärkte die Befestigungswerke bedeutend und machte vorzüglich aus der obern Stadt auf dem Berge Zion eine nicht leicht zu erobernde Festung, die in der heiligen Schrift zuweilen die Stadt Davids heißt. Daher hielt sich Jerusalem auch so lange gegen feindliche Angriffe, und nur erst durch die gewaltige Uebermacht des babylonischen Königs Nebukadnezars konnte sie erobert und zerstört werden. Nach der Rückkehr der Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft wurde Jerusalem von Serubabel, Esra und Nehemia wieder aufgebaut, aber auf vier Bergen, nämlich auf dem Berge Zion gegen Mittag, auf dem Berge Akra in der Mitte gegen Abend, auf dem Berge Moriah in der Mitte gegen Morgen, und auf dem Berge Bezetha gegen Mitternacht. Ohngeachtet hierauf die Stadt manchen Schaden durch feindliche Angriffe erlitt, so wurde sie doch stets wieder hergestellt und fortwährend verschönert, so daß sie zu Jesu Zeiten in vieler Hinsicht sich auszeichnete, bis sie im Jahre 70 nach Christus von den Römern unter Titus völlig zerstört wurde. Eigentlich war es nur der Berg Zion, der noch jetzt Sion genannt wird, an dessen nordöstlichem Abhänge die Stadt Jerusalem lag; allein er bildete hier keine Ebene, sondern zeigte vier verschiedene Erhöhungen, welche als besondere Berge angesehen wurden und jene vier Abtheilungen der Stadt ausmachten. Der Berg Zion im engern Sinne, welcher die Oberstadt enthielt, war der höchste unter den vier Bergen lief gegen Morgen, Mittag und Abend ziemlich steil abwärts, am steilsten gegen Mittag, wo er von dem Thale Ge- oder Ben-Hinnon begrenzt wurde, das ihn von dem Berge 64 Zweites Buch. Hinnon schied. Gegen Westen lief er in das Thal Gihon >' hinab und wurde durch dieses von dem Berge Gihon getrennt, s. Gegen Morgen aber befand sich das Thal Kidron oder Jo- ^ saphat zwischen ihm und dem weit höheren Oelberge. An ^ dieser Seite, etwas südlich kam aus ihm die Quelle Silo ah l hervor, die sich in den Bach Kidron ergoß. Auf der Mit- ' ternachtsseite trennt ihn ein tiefes schmales Thal, Tyropöon, oder das Käsemacherthal von dem Berge Akra, in welches David Häuser hatte bauen lassen, das aber später durch ! Schutt und Trümmer ziemlich ausgefüllt worden war. Ge- s gen den Berg Moriah aber lief der Berg Zion ziemlich sanft! abwärts, so daß sich zwischen beiden eine flache Niederung,! Ophel genannt, bildete, in welcher sich ein breiter Graben befand, über den eine Brücke führte. Von der untern Stadt führten 780 Stufen, deren eine jede einen Fuß hoch war, in die Oberstadt. Diese enthielt: die Burg, welche gegen Mitternacht durch eine Schanze Namens Millo beschützt wurde, den Palast Davids und den Palast Salomos, der auch das Haus des Waldes Libanon genannt wurde, weil er aus Cedern von jenem Gebirge erbaut worden war, das Haus der Helden oder die große Hauptwache, den Thurm Siloah und das Arsenal. Der Berg Akra, welcher die untere Stadt enthielt, war etwas niedriger als der Berg Zion. Er senkte sich auf der Abcndseite ebenfalls in das Thal Gihon hinab; auf der Mittagsseite aber begrenzte ihn das Käsemachcrthal und gegen Morgen wurde er durch einen Graben von dem Berge Moriah getrennt. Nach Mitternacht zu bildete er einen sanften Abhang. Seinen Namen hatte er von einer Burg bekommen, die der Syrische König Antiochus Epiphancs auf ihm hatte erbauen lassen, um dadurch den Tempel beherrschen zu können. Diese Burg ließ Simon der Makkabäer zerstören; auch ließ er den ganzen Berg Akra etwas abtragen und mit dem Schütte ein Thal ausfüllen, das denselben von einer an- ! dern kleinern Erhöhung trennte, die nun mit ihm verbunden wurde. Dieses geschah, damit der Berg Akra nicht dem Berge ' Moriah an Höhe gleich kommen sollte. Auf ihm befand sich das Amphitheater, das Staatsgefängniß, der Reisen der Eltern Jesu. 65 8 ! Palast des Hohenpriesters Kajaphas, die Paläste des Königs Agrippa und der Adiabenischen Königin Helena, das Archiv und das Rathhaus; auch hatte die Unterstadt einen großen Marktplatz, aus welchem zuweilen bedeutende Schlachten vorfielen. Der Berg Moriah senkte sich auf der Morgenseite steil in das Thal Kidron hinab; gegen Mittag trennte ihn ein Graben, über den eine Brücke führte von dem Berge Zion; gegen Abend schied ibn ebenfalls ein Graben von der Unterstadt, und gegen Mitternacht wurde er durch einen Garten von Bezetha getrennt. Er trug die Burg Antonia und das Tempelgebäude. Dieses nahm ziemlich die ganze Morgenseite des Berges ein und wurde von der übrigen Stadt, wie von einem Amphitheater umgeben. Der vierte Berg Bezetha, welcher die Neustadt enthielt, lief gegen Morgen ebenfalls in das Thal Kidron hinab, wurde gegen Mittag durch einen Garten von dem Berge Moriah geschieden und verflachte sich gegen Mitternacht und Abend in eine offene Ebene. Er war früher blos mit Häusern bebaut, ohne von einer Ringmauer umgeben zu seyn. Erst der König Agrippa I. ließ ihn mit einer Mauer umschließen und dadurch mit der übrigen Stadt vereinigen. Auf ihm traf man den Palast des Königs Her ödes, den Fisch markt, den untern Fischteich und den Teich Bethesda. Jerusalem war von trefflichen, starken Mauern umgeben, die 10 Ellen *) dick und 20 Ellen hoch waren, und die oben 3 Ellen hohe Brustwehren und 2 Ellen hohe Zinnen hatten. Die Steine, aus denen diese Mauern aufgeführt waren, hatten eine außerordentliche Größe. Josephus unterscheidet drei verschiedene Mauern der Stadt. Die erste und älteste derselben, welche David und Salomo zum Theil erbaut, zum Theil doch wenigstens mehr befestigt hatten, ging nicht allein über den Berg Zion im engern Sinne und umschloß die Außenseiten der Oberstadt gegen Morgen, Mittag und Abend, sondern sie schied diese auch von der untern Stadt auf dem Berge *) Die Elle der Juden war beinahe »m ein Wiertheil kürzer als die unsrige, und in dieser Beschreibung ist von jüdischen Ellen die Rede. 6 Akra und umschloß das Tempelgebäude auf dem Berge Moriah. Sie war an jenen Außenseiten der Oberstadt sehr schroff und unersteiglich und so fest, daß Titus bei der Eroberung Jerusalems die lebhafteste Bewunderung derselben äußerte. Die zweite Mauer, welche der König Hiskia erbaut haben soll, begann bei einem Thore in der ersten Mauer, da wo diese die Oberstadt von der Unterstadt trennt, lief quer über den Berg Akra, umschloß die Mitternachtsscite der Unterstadt und endigte an der Burg Antonia auf Moriah. Die dritte Mauer, welche den Umkreis Jerusalems vollends schloß, begann eben-j 'alls von der ersten aus, lief gerade nach Norden, umgab! den übrigen Theil der Unterstadt, wurde von dem Könige! Herodes Agrippa I. um Bezetha vollends herumgeführt und schloß sich auf dem Berge Moriah an die erste Mauer an^ Durch diese Mauern gewann Jerusalem eine ungewöhnliche Festigkeit, und daher läßt es sich begreifen, warum es eine so lange Belagerung, als die der Römer war, aushalten konnte. ^ Diese Festigkeit wurde noch durch die Thürme vermehrt, die in Zwischenräumen von 200 Ellen auf den drei Maum standen und zu ihrer Beschützung dienten. Diese Thürme waren viereckig und überragten die Mauern 20 Ellen hoch. Jeder hatte ein plattes Dach, auf das man vermittelst einer! Wendeltreppe stieg; auch waren auf jedem Cisternen angebracht^ in denen sich das Regenwaffer sammelte. Man zählte 164> Thürme auf den drei Mauern, nämlich: 60 auf der ersteig 14 auf der zweiten und 90 auf der dritten. Unter diesen! Thürmen gab es einige, die sich von den andern durch ihre Gestalt und Größe auszeichneten und gleichsam Festungen für! sich bildeten. Dergleichen waren die Thürme des Hippikus,l des Phasael und der Mariamne, und die Burgen! Psephina und Antonia. ! Der Thurm des Hippikus hatte seinen Namen von! Herodes zu Ehren eines Freundes desselben bekommen. Er! stand an der nordwestlichen Ecke der Oberstadt, der Abend-^ feite des Tempels gegenüber. Er war viereckig, 25 Ellen! lang und breit, SO Ellen hoch und bis auf eine in ihm befindliche Cisterne, durchaus massiv. Auf diesem massiven Grund- r Reisen der Eltern Jesu. 67 stocke aber stand ein anderes Gebäude von zwei Stockwerken mit schönen Zimmern, das 55 Ellen hoch war, so daß der ganze Thurm eine Höhe von 85 Ellen hatte. Oestlich vom Thurme des Hippikus stand der Thurm des Phasael, den Herodes nach seinem Bruder Phasael benannt hatte. Dieser Thurm war ebenfalls viereckig und 40 Ellen lang, breit und hoch. Auch er war massiv, und auf ihm befand sich eine Art von Gallerie, deren Brustwehr mit Thürmchen verziert war, und die ein anderes hohes Gebäude umgab, das sich in ihrer Mitte 50 Ellen hoch erhob und viele Gemächer, auch Bäder. enthielt. Josephus sagt: daß dieser Thurm nach dem Vorbilde des Pharus bei Alexandrien erbaut worden sey. Noch weiter östlich, aber in derselben Linie mit den vorigen beiden Thürmen, befand sich ein dritter, den Herodes nach seiner unglücklichen Gemahlin Maria mne genannt hatte. Dieser war 20 Ellen lang und breit und 55 Ellen hoch, war weniger fest als die andern, aber reicher und schöner verziert. Bei der Zerstörung Jerusalems durch die Römer suchte Titus diese drei festen Thürme zu erhalten, damit sie noch bei der späten Nachwelt zum Zeugnisse seines Sieges dienen sollten; allein der Kaiser Hadrian ließ auch sie zerstören, vielleicht um die Absicht des Titus zu vereiteln. Die Burg Psephina stand auf der nordwestlichen Ecke der dritten Mauer, war achteckig und 70 Ellen hoch. Sie war stark befestigt und ihre Höhe war so bedeutend, daß man von derselben bei heiterem Himmel beinahe das ganze Palästina überschauen, auf der Abendseite das 14 Stunden entfernte mittelländische Meer und auf der Morgenseite Arabien sehn konnte. Auf ihrem Grunde soll während der Kreuzzüge das Kastel der Pisaner erbaut worden seyn, das noch jetzt als ein festes Schloß vorhanden ist. Als Titus die Belagerung Jerusalems begann, nahm er sein Quartier vor der Burg Psephina und drang von da in die Neustadt ein. An der nordwestlichen Ecke des Tempelberges stand die berühmte Burg Antonia, die von dem Makkabäer Hyr- kanus erbaut worden war, anfangs Baris hieß und von dem Könige Herodes, der viele Verschönerungen an ihr an- 5 * 68 Zweites Buch. druckte, nach seinem Gönner Antonius benannt wurde. Sie erhob sich auf einem 60 Ellen hohen Felsen, der von allen Seiten unzugänglich war. Um Pracht mit Festigkeit zu vereinigen, hatte Heroves diesen Felsen vom Grunde an bis zum Gipfel mit Marmorplatten belegen lassen, so daß die Burg bei gehöriger Vertheidigung unüberwindlich war. Auch nahmen sie die Römer nur durch einen Ueberfall bei Nacht ein, während die Besatzung schlief. Die Burg Antonia war vier- ^ eckig und bestand aus einer starken hohen Mauer, die auf ^ jeder ihrer vier Ecken einen Thurm hatte. Drei dieser Thürme ^ waren 60 Ellen hoch, der vierte aber, an der südöstlichen Ecke, ^ dem Tempel gegenüber, hatte eine Höhe von 70 Ellen, so ! daß man von ihm den ganzen Tempel übersetzn konnte. In- ! ncrhack der Mauer befand sich ein prächtiger Palast mit vie- ^ lcn schönen Zimmern, Sälen und Bädern. Diese Burg stand ! mit dem Tempel durch eine Treppe und einen bedeckten Gang > in Verbindung. Während der Oberherrschaft der Römer hatte ' sie eine römische Besatzung, die besonders auf das Volk, das sich in den Vorhäfen des Tempels versammelte, streng Acht geben mußte. Der königliche Palast, in welchem Herodes seinen ^ Hof hielt, lag nordwestlich vom Tempel in der Neustadt und ! übertraf an Pracht, nach der Versicherung des Josephus, jede ! Beschreibung. Er wurde von einer 30 Ellen hohen Ringmauer umgeben, auf welcher sich schön erbaute Thürme in ^ gleich weiter Entfernung von einander befanden. Die darin ^ besinvlichen Zimmer waren äußerst prächtige Man traf Säle ! in ihm an, in denen hundert Speisetische bei Gastgelagen zu- ! bereitet werden konnten. Nicht ohne Staunen betrachtete man ! die ungeheuer dicken Balken, welche das Dach dieses prächti- > gen Gebäudes unterstützten und trugen. Gold und Silber ^ strahlte überall in den Verzierungen der Wände und in dem ^ reichen Schmucke der Meubeln dem Beschauer entgegen, Mar-- ^ mor von den mannichfaltigsten Farben und seltensten Arten fand l man überall angewendet. Eine vorzügliche Zierde des Pala- > stes waren Säulenhallen, die in einem Kreise umher liefen ! und schöne Marmorsäulen hatten.. Auch gab es offne Plätze, die mit verschiedenem Gesträuche bepflanzt waren und zu.Spa- ^ Reisen der Eltern Jesu. 69 ziergängen dienten. Hier fand man Springbrunnen und andere Brunnen, wo das Wasser aus ehernen Figuren sich in prächtige Becken ergoß, und um die Brunnen waren Vogelhäuser angebracht. Man glaubt, daß dieser Palast schon von den Mak- kabäcrn, wenigstens zum Theil, erbaut worden war; Herodes aber that sehr viel zu dessen Verschönerung. Leider aber wurde er noch vor der Zerstörung Jerusalems, während der Belagerung der Stadt, durch einheimische Aufrührer in Asche gelegt. Außer den bisher angeführten gab es noch viele andere merkwürdige Gebäude in der Stadt Jerusalem, welche nach dem Zeugnisse des Plinius die schönste und vorzüglichste Stadt des Morgenlandes zur Zeit Jesu war. Unter allen aber zeichnete sich am meisten der Tempel aus, der auf dem Bergs Moriah stand. Dieses Gebäude verdankte seinen ersten Ursprung dem Könige Salomo, und bestand aus mehreren Haupt- theilen: aus dem eigentlichen Tempel und einigen großen Vorhäfen, die mit Gebäuden umgeben waren und verschiedene Terrassen bildeten. Da der Gipfel des Berges Moriah nur ohngefähr ZOOEllen ins Gevierte hatte und daher nicht alle Gebäude des Tempels fassen konnte: so ließ Salomo eine gegen 200 Ellen hohe starke Mauer aus dem Thale Kidron aufführen und den Zwischen- raum mit Erde ausfüllen. Diese Mauer, so wie die Gebäude des Tempels bestanden aus ungeheuer großen Werkstücken, um den Stürmen der Zeit gehörig Trotz bieten zu können. Das ganze Tempelgebäude bildete ein längliches Viereck, dessen größere Ausdehnung von Mitternacht nach Mittag ging. Der äußerste Vorhof war von bedeckten Säulenhallen umschlossen, und durfte von Jedermann betreten werden. Der mittlere Theil des Tempels war durch einige Gebäude, die viele Zimmer enthielten, in mehrere Räume getrennt, die abgesonderte Vorhöfe bildeten, welche einen verschiedenen Abstand von dem eigentlichen Tempel hatten und von denen der eine immer höher als der andere lag. Der äußerste und unterste war der Vorhof der Weiber, hierauf folgte der Vorhof der Jsraeliten und endlich kam der Vorhof der Priester. In diesem wurden die Opfer unter freiem Himmel aus dem Brandopferaltare dargebracht. Der Eingang 70 Zweites Buch. zu ihm wurde mit einem Thore verschlossen, das mit Kupferblech überzogen war. Der eigentliche oder inner eTempel hatte 60 Ellen Lange, 20 Ellen Breite und 30 Ellen Höhe und war wie die Stiftshütte in zwei Abtheilungen getheilt. Die eine Abtheilung, das Heilige, war 40 Ellen lang, und die andere, das Aller heiligste, 20 Ellen. In dieses durfte nur der Hohepriester des Jahres einmal am großen Versöhnungsfeste eintreten. Hier stand die Bundcslade unter zwei Cherubinen, deren ausgespreizte Flügel die ganze Breite des Tempels ausfüllten. Das Heilige wurde von dem Allerhei- ligsten durch eine Breterwand von Cedernholz geschieden, die 20 Ellen hoch war und in der sich ein.Thor befand, dessen Flügel mit Goldblech überzogen waren. Vor demselben hing ein Vorhang von Leinwand, der mit purpurfarbenen, schar- lachrothen und himmelblauen Blumen verziert war, und der bei der Eröffnung des Thores verhindern sollte, daß Niemand in das Allerheiligste blickte. Ueber der Wand befand sich ein goldenes Gitterwerk. Die Mauern inwendig in dem Aller- heiligsten waren mit Täfelweck von Cedernholz, Schnitzwerk, Simsen, Geflechten, Cherubinen, Blumen und Säulen, deren Kapitäler Palmenblätter trugen, ausgeschmückt. Auf ähnliche Weise war das Heilige ausgeziert. Ueberall waren Goldbleche mit goldenen Nägeln befestigt; selbst der Fußboden war mit Goldblechen belegt; und es fand sich überhaupt kein Gemach in dem ganzen Tempel, das nicht Gold enthalten hätte. Auch war überall der köstlichste Marmor verwendet; ja der ganze Tempel war aus Steinen von weißem Marmor aufgeführt, die so genau mit einander verbunden waren, daß man keine Fugen entdecken konnte. Am Eingänge hatte der innere Tempel ein thurmähnli- ches Vorhaus mit einem platten Dache; und unten um den Tempel herum lief eine Art von Vorhalle, in welcher die dienstthuenden Priester und Leviten ihre Wohnungen hatten. Vor dem Eingänge standen zwei eherne schöne Säulen, von denen die eine, zur Rechten Jach in, Weisheit, die andere, zur Linken aber Boas, Stärke hieß, um zu bezeichnen, daß Reisen der Eltern Jesu. 71 Gottes Weisheit den Tempel errichtet habe, und daß seine Macht ihn schützen werde. In dem ganzen Tempel war ein ungeheurer Reichthum verwendet, da die Geräthe und Gefäße, die sich in dem Heiligen befanden, z. B. der große Tisch, aufweichen die Schaubrode gelegt wurden, mehrere andere Tische, Leuchter, Rauchfässer und dergleichen mehr, entweder von massivem Golde, oder doch mit Gold verziert waren. Man zählte gegen 10000 Leuchter im Tempel, und 2000 goldene und 4000 silberne Töpfe. Dazu kommen noch 40000 musikalische Instrumente, die mit Gold und Silber verziert waren *). Dieses große Gebäude wurde in kurzer Zeit, nämlich in sieben Jahren vollendet; aber Salomo wendete freilich auch große Mittel an; denn während 30000 ausgewählte Jsrae- liten beschäftigt waren, auf dem Libanon die erforderlichen Ccdern zu hauen, arbeiteten 80000 Steinhauer und Mauerer und 70000 Handarbeiter, geleitet von 3300 Baumeistern und Aufsehern, nebst vielen andern Künstlern und Handwerkern an diesem Baue. Nach der Vollendung des Tempels stellte Salomo das Fest der Einweihung desselben an, das vierzehn Tage dauerte und mit aller möglichen Pracht gefeiert wurde. Dieses Prachtgebäude, welches freilich, was den guten Geschmack und die wahre Kunst betrifft, nicht den Bauwerken der Griechen und Römer gleich gestellt werden kann, wurde bei der Eroberung Jerusalems durch- Nebukadnezar mit der ganzen Stadt völlig zerstört. Doch als die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrten, ließen sie es ihre erste Sorge seyn, mit ihrer Hauptstadt auch zugleich den Tempel wieder herzustellen. Die Leitung dieses neuen Baues führten Serubabel, Esra und Nehemia, die ihn nach dem Vor- ' bilde des Salomonischen Tempels und auf demselben Platze, wo dieser gestanden hatte, unternahmen, ihn aber freilich weit unansehnlicher und auch etwas langsamer vollendeten. Denn ohngeachtet ihnen der Persische König Cyrus manche Erleichterung gewährte, indem er ihnen die nöthigen Cedern und an- *) Außer 24000 Priestern und 38000 Leviten, welche den Tempel bedienten, gab es noch 40000 Musiker. 72 Zweites Buch. dere Baumittel lieferte, auch ihnen manche von den Geräthen und Gefäßen, die Nebukadnezar aus dem Salomonischen Tem- pel mit hinweggenommen hatte, zurückgab: so wurden sie doch! oft in ihrer Arbeit gestört, vorzüglich durch den Neid und die Eifersucht der Nachbarvölker, insbesondere der Samariter; und so kam es, daß sie den Bau erst in dem sechsten Jahre des persischen Königs Darius vollendeten und den neuen Tempe einweihen konnten, nachdem sie ohngefähr 20 Jahre daran gearbeitet hatten. Dieser zweite Tempel wurde zu verschiedenen Zeiten verschönert und bereichert, im Ganzen aber war er weit ärmlicher als der erste; daher weinten auch bei seiner Einweihung so Manche, die den ersten noch gekannt hatten. Das war! auch der Grund, warum der König Herodes der Große eine! Umgestaltung des Tempels vornahm, wodurch er zugleich die ^ Gunst der Juden sich zu erwerben hoffte. Er ließ ihn theil-! weis nach und nach umbauen und zwar weit größer und herrlicher als der vorhandene war, so daß der neue Tempel selbst ! die Bewunderung der Römer auf sich zog. Herodes stellte 18000 Arbeiter an, durch welche der eigentliche Tempel in anderthalb Jahren vollendet wurde; da aber mit manchen Un-> terbrechungen gebaut wurde, so erreichte das ganze Tempelgebäude erst unter dem Könige Agrippa II. seine Vollendung kurz vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Um für das ganze Gebäude mehr Raum zu gewinnen, ^ wurden von dem Fuße des Berges Moriah neue hohe Mauern aufgeführt, die aus den größten Quadersteinen bestanden. In der Mitte der äußern Mauer stieg man auf zahlreichen Stufen empor auf den Tempelberg und trat durch das schöne Thor, das auch das Thor Susan genannt wurde, in den äußersten Worhof, welcher der Vorhof der Heiden hieß, weil nur hierher die Proselyten des Thores zugelassen wurden und kein ! Nichtjude ihn überschreiten durfte. Rings um ihn liefen zwei, ! 30 Fuß breite, mit Steinen gepflasterte Hallen, die mit ei- ! nem Dache von Cedernholze überwölbt waren, das auf 25 ^ Ellen hohen Marmorsäulen ruhte. Auf der Morgenseite befand sich noch eine dritte Halle. Eine der Hallen hieß die ! Reisen der Eltern Jesu. 73 Halle Salomos; man weiß aber nicht zuverlässig, wo diese sich befand, ob auf der Morgen- oder Mittagsseite. Erst innerhalb dieses äußersten Vorhofs begann der heilige Raum, welcher terrassenförmig höher und höher emporstieg; weshalb in der heiligen Schrift mit Recht von einem Hinaufgehn in den Tempel die Rede seyn kann. Dieser Raum war von einer, nur 3 Ellen hohen, gitterartig durchbrochenen Mauer umschlossen. Hier las man an mehreren Säulen, die in gewissen Zwischenräumen an der Mauer standen, Inschriften in griechischer und lateinischer Sprache, welche jeden Nicht- judcn warnten, weiter vorzuschreiten. Hinter dieser Mauer befand sich eine höher liegende, 10 Ellen breite Fläche, zu der man auf 14 Stufen emporstieg und die mit einer 15 Ellen hohen Mauer unterbaut war. Diese Fläche führte zu einer 25 Ellen hohen Mauer, in welcher auf jeder Seite gegen Mitternacht und Mittag vier Thore, auf der Seite gegen Morgen aber nur zwei Thore waren. Auf der Seite gegen Abend hatte die Mauer kein Thor, wahrscheinlich weil der Tempel auf dieser Seite vermöge seiner Lage am wenigsten geschützt war, da hier der Berg Moriah nicht steil hinab lief. Jedes jener Thore hatte eine Höhe von 30 Ellen und eine Breite von 15 Ellen; die beiden Flügel eines jeden derselben hingen an Säulen von 12 Ellen Umfang und glänzten von Gold und Silber. Ueber den Thoren befanden sich Altane, die 30 Ellen lang und breit und 40 Ellen hoch waren. Das eine der beiden Thore auf der Morgenseite führte in den Vor- hof der Weiber, der auch durch ein Thor auf der Mitternachtsseite und durch eins auf der Mittagsseite betreten werden konnte. Er mußte sich also längs der ganzen Morgenseite des Tempels erstrecken. Seine Lange gibt man zu 135 Ellen an. Eine Mauer schied ihn von dem Vor Hofe der Jsraeliten, zu welchem man auf 15 Stufen durch das Thor -Nikanors aus dem Weibervorhofe emporstieg. Der Vorhof der Jsraeliten hatte ebenfalls eine Länge von 135 Ellen und war 15 Ellen breit. Ueber ihm befand sich der Vorhof der Priester und Leviten, der an Größe dem Vorhofe der Jsraeliten gleich kam. In ihm stand der große Brandopferaltar, der 50 Ellen ins Gevierte hatte und 15 Ellen hoch war. An seiner 74 Zweites Buch. Sekte stand sonst in dem Salomonischen Tempel das eherne Meer, welches Nebukadnezar harte zerschlagen lassen, und das nicht wieder hergestellt worden war. Auch war daselbst eine Wasserleitung angebracht, durch welche das Blut von den geschlachteten Opferthiercn aus dem Tempel hinweggespühlt und in den Bach Kidron geführt wurde. An den Seiten dieser Vorhöfe befanden sich Säulenhallen, auch waren hie und da Gebäude von drei Stockwerken errichtet, zu denen Eingänge von den Thoren her führten, und in denen die dienstthuenden Priester und Leviten ihre Wohnungen hatten. Mehrere dieser, Wohnungen scheinen jedoch nicht freigestanden zu haben, son- ! dern unter den Vorhäfen in den Berg hinein gearbeitet gewc- j sen zu seyn. Auch andere Gebäude noch gab es innerhalb der Vorhöfe des Tempels, z. B. eine Synagoge und andere Wersammlungssälc. Auf dem obersten Gipfel des Berges Moriah, 12 Stufen höher als der Vorhof der Priester, stand der eigentliche Tempel, der an der Morgenseite 100 Ellen hoch und breit war, an der Rückseite aber nur 60 Ellen maß; denn ^ an der Vorderseite befanden sich rechts und links Flügel, deren jeder 20 Ellen weit sich erstreckte. Das ganze Gebäude war von weißem Marmor aufgeführt, den man aber nur in Streifen zwischen Reihen von Goldplatten hervorschimmern sah; i daher gewährte dasselbe, wenn es von den Sonnenstrahlen er- ! leuchtet wurde, einen unbeschreiblichen glanzvollen Anblick. ! Das Dach war von derselben Beschaffenheit, aber noch mit ^ goldnen Spitzen versehn, damit kein Vogel sich darauf setzen und den Tempel verunreinigen sollte. Das Innere des Tempels war in das Heilige und Aller!) eiligste geschieden. Das Letztere maß an der Abend- > feite 60 Ellen und an der Mitternachts- und Mittagsseite 30 Ellen. Das Heilige hatte eine Tiefe von 40 Ellen. An der Vorderseite des Heiligen befand sich ein vergoldetes völlig offenes Portal von 70 Ellen Höhe und 25 Ellen Breite. ^ Zwanzig Ellen tiefer hinein war ein großes Thor von 55 Ellen ^ Höhe und 11 Ellen Breite, über welches zum Theil ein kostbarer Vorhang herabhing, der die Blicke der Außenstehenden ^ nicht in das Heiligthum eindringen ließ. Es gewährte jedoch Reisen der Eltern Jesu. 75 ^ schon der Vordergrund mit seinen vergoldeten Verzierungen, nter denen ein goldner Weinstock mit Trauben von Mannesgröße sich auszeichnete, und das Thor selbst einen herrlichen Anblick. Das Heilige war in seinem Innern 90 Ellen hoch, 50 Ellen breit und 20 Ellen tief. In ihm befanden sich blos ein goldener Leuchter mit sieben Lampen auf der Seite gegen Mittag, der Rauchaltar in der Mitte und der goldne Tisch mit zwölf Schaubroden auf der Seite gegen Mitternacht. Ein großer, dichter, 4 Finger dicker und 30 Ellen langer Vorhang schied das Heilige von dem Aller- ! heiligsten. Dieses enthielt in dem neuen Tempel gar nichts; j denn bei der Zerstörung Jerusalems durch Ncbukadnezar war ! die Bundeslade abhanden gekommen. Aber auch zu Jesu Zeiten durste nur der Hohepriester einmal im Jahre das Aller- ^ heiligste betreten *). In das Heilige ging nur der Priester, ^ dem durch das Loos das Geschäft zu Theil geworden war, die Lampen zu besorge», oder die Schaubrode aufzulegen, oder das Räucherwerk darzubringen. Das letzte geschah während s des Gebetes. Alsdann trug der Priester glühende Kohlen von ! dem Brandopferaltare -.hinein, legte sie auf den Rauchaltar und streute ein köstliches Räucherwerk darauf. Das Räuchern ^ galt als das vorzüglichste Geschäft der Priester. ! Da der Tempel ziemlich hoch lag, so konnte man von ihm aus die ganze Stadt übersehn. Ihn selbst aber sah man ! in seiner ganzen Herrlichkeit vom Oelberge aus. Bei seiner hohen Lage, mit verschiedenen Mauern umgeben und mit festen Thoren versehn, bildete der Tempel eine Art von Festung und wurde als solche auch in dem letzten Kriege gegen die Römer benutzt. Gern hätte Titus bei der Eroberung Jeru- ^ salems ihn erhalten gesehn, auch hatte er deshalb Befehle an , seine Soldaten ertheilt; allein auch dieses große und präch- *) Das Geheimnißvolle bei dem Gottesdienste der Juden, bei denen nicht einmal den Priestern gestattet war, in das Allerheiligste des Tempels zu gehn, erregte bei den andern Völkern manchen iideln Verdacht, und die Römer glaubten durchaus, daß die Juden ebenfalls irgend ein Götzenbild in ihrem Tempel verborgen hätten und verehrten. Von dieser Meinung brachte sie aber Pempejus ab, der bei seiner Einnahme Jerusalems in das Allechciligste vordrang; und nun berichtet der römische Geschichtschreiber Lacitus: die Juden verehren nur Einen Gott, von dem sie kein Bild haben. 76 Zweites Buch. tige Gebäude siel der Zerstörung anheim, so daß nur wenig Spuren von ihm zurückblicken. In der heiligen Schrift werden zehn Thore genannt, durch welche man in die Stadt Jerusalem eingehn konnte. Sie befanden sich blos auf drei Seiten der Stadt; denn a» der Mittagsseite war der Berg Zion so steil, daß man nicht leicht einen Weg hinauf führen konnte. Aus der Morgenseite gab es fünf Thore, nämlich 1) das Wasserthor (Nehem. 3, 26.) in der Oberstadt, das bei Jeremias auch das Töpfer- thor oder das Ziegelthor (Jerem. 19, 2.) heißt, und das seinen Namen von dem Bache Kidron hatte, der.in seiner Nähe floß. 2) Das Roßthor (Nehem. 3, 28.), welches sich in der Nahe des Tempels befinden mußte, da die Priester in der Gegend desselben wohnten. 3) Das Viehoder Schaafthor (Nehem. 3, 1.) in der Nahe des Tempels, über der Nordseite desselben, nicht weit von dem Teiche Bethesda, welches seinen Namen dem Umstände zu verdanke» hatte, daß durch dasselbe die zum Opfer bestimmten Thiere eingeführt wurden. 4) Das Fischthor (Nehem. 3, 3.) in der Nähe des Fischmarktes in der Neustadt. 3) Das alte Thor, das nördlichste an der Morgenseite, welches, wie das vorige, aus dem Thale Kidron in die Neustadt führte. An der Mitternachtsscite befanden sich nur zwei Thore, das Ephraims- oder Benjaminsthor (Nehem. 12, 39. Jerem. 37, 13.) und das Eckthor (Jerem. 31,38.): jenes östlich, dieses westlich. Beide führten in die Neustadt. Die Abcndseite endlich enthielt drei Thore: 1) Das Thalthor (Stehem. 3, 13.), welches aus dem Thale Gihon in die Unterstadt führte; 2) das Mistthor (Nehem. 3, 14.), auch das Essäerthor von Josephus genannt, durch welches der Unrath aus der Stadt geschafft wurde, den man vor demselben aufschüttete; 3) das Brunnenthor (Nehem. 2, 14.), vor welchem sich ein Teich befand und das wie das vorige in die Oberstadt führte. Außerdem werden noch einige andere Thore in der heiligen Schrift genannt, die aber wohl nicht eigentliche Stadtthore, sondern wahrscheinlich Thore des Tempels waren. Da die Stadt auf vier Hügeln lag, so kann man sich l l Reisen der Eltern Jesu. 77 icicht verstellen, daß die Straßen derselben nicht alle eben seyn pnntcn, sondern daß manche auf- und abwärts gehen mußten. Ihre Namen hatten sie meistentheils von den Handwerkern, die in ihnen ihre Werkstätten hielten: denn man findet eine Bäckcrstraße, eine Fleischergasse und eine Woll- kämmergasfe erwähnt. Der ganze Umfang der Stadt Jerusalem, nach ihrer äußersten Ringmauer, betrug ohngefähr zwei Stunden. Die -Zahl der Einwohner mochte sich etwa auf 120000 belaufen, konnte aber zur Zeit des Osterfestes auch wohl auf eine Million steigen. IV. Rückkehr der Eltern Jesu mit ihrem Sohne von Jerusalem nach ^ ' Bethlehem. ! ' Nachdem Maria zu Jerusalem Alles, was das Gesetz einer Wöchnerin vorschrieb, vollbracht hatte, und nachdem sie von dem Priester für rein erklärt worden war und daher wieder in den gewöhnlichen Gesellschaftskreis berufsthätig eintreten konnte, kehrte sie mit ihrem Gatten und Sohne wahrscheinlich nach Bethlehem zurück. Zwar hat es nach Lukas L, 39. den Anschein, als wenn die Eltern Jesu sich sogleich nach Nazareth zurückbegeben hätten; allein wenn dieses jetzt -schon geschehn wäre, so würde man die Begebenheiten, welche Matthäus im, 2. Kapitel seines Evangeliums erzählt, nicht Wohl in Jesu Jugendgeschichte einzureihen wissen, weil die Magier nicht- wohl vor der Darstellung Jesu im Tempel anlangen konnten, und diese Jesum doch in Bethlehem fanden. Aus diesem Grunde muß man eine alte Sage als wahr gelten lassen, und annehmen, daß Maria mit den Ihrigen aus einer uns unbekannten Ursache von Jerusalem sich wieder nach Bethlehem begab. ^ Der Weg dahin ging damals wahrscheinlich durch das Thalthor, da er jetzt durch das Bethlehemer Thor geht, und hierauf, wie schon früher erwähnt wurde, durch das Niesen- thal, daß sich südlich von Jerusalem hinzieht. Nicht weit davon, wo man in dasselbe eingetreten ist, trifft man jetzt auf 78 Zweites Buch. das Kloster zum heiligen Kreuz, in welchem sich griechische Mönche befinden. Es ist schön und hat eine angenehme Lage in einem Cypressenhaine. Die nächste Umgebung ist fruchtbar und reich an Oelbäumen. In der Kirche desselben, welche von mittlerer Größe ist und durch die Kaiserin Helena erbaut wurde, zeigt man die Stelle, wo der Bauni gestanden haben soll, von der das Kreuz Jesu verfertigt wurde*). Diese Stelle ist durch einen Marmorstein bezeichnet auf dein Grunde einer kleinen Nische, die sich unter dem Hochaltar« befindet und von einer immerwährend brennenden Lampe erleuchtet wird. Weiter nach Bethlehem zu ist jetzt das Riesenthal ein« öde Ebene von ungleichem und dürrem Boden, auf welchem nur hie und da ein Oelbaum steht. Ohngefähr drei Viertelstunden von Jerusalem bemerkt man auf einem kleinen Hügel im Thale die Trümmer eines Gebäudes, das man das HauS Simeons nennt. Man glaubt nämlich, daß hier der alte Simcon, der sich über die Erscheinung des längst erwartete»! Messias freute, seine Wohnung gehabt Haber Hierauf kömmt man zu der Cisterne der heili» gen drei Könige, oder des Sternes, einem Brünne»,! der an der Heerstraße sich befindet, und wo die Magier aus ihrer Reise nach Jerusalem den Stern, der sie leitete, aus de» Augen verloren und erst als sie von Jerusalem nach Bethlehem reisten, wieder erblickt haben sollen: Früher stand dabei eine kleine Kapelle, von welcher jetzt aber nur noch einige Steine vorhanden sind. Vor ohngefähr hundert Jahren soll nicht weit von dem Brunnen in der Mitte zwischen Jerusalem und Bethlehem noch eine Terebinthe gestanden habe», die selbst von den Türken in Ehren gehalten worden sey, weil Maria auf ihrer Reise nach Jerusalem unter derselben mit *) Won jeher gab es verschiedene Meinungen über das Holz, aus welchem das Kreuz Jesu verfertigt worden seyn soll. Wiele nehmen an, daß es von einem Oelbaume genommen worden sey. Dagegen behaupten Manche, man habe zu dem Kreuze nur Holz von Bäumen verwendet, die keine eßbaren Früchte tragen, und daher will man Jesu Kreuz aus Cypressenholz be- stehn lassen. Beda glaubt, es sey aus Cypressen-, Cedern-, Fichten - und Buchsbanmholz zusammengesetzt gewesen; Chrysostomus aber will es wie aus den drei ersten Holzarten bestehn lassen. Nach der Meinung Neuer« bestand es aus Holz von der Stecheiche. ! l Reisen der Eltern Jesu. 79 ihrem Kinde geruht habe. Jetzt zeigt man nur noch die Stelle, wo sie gestanden; denn die Araber sollen sie vernichtet haben. Wenn man in dem Riesenthale, nach Bethlehem zu, so weit vorgeschritten ist, daß dieser Ort dem Auge sich bietet, so beginnt das Thal wieder angenehmer und fruchtbarer zu werden, und nun kommt man zu dem Kloster des heiligen Elias, das ebenfalls durch die Kaiserin Helena erbaut wurde. Es hat eine ansehnliche Größe; seine Pforte wird aber nur bei außerordentlichen Fällen geöffnet, und die Rei- ! senden und wer sonst in dasselbe hinein will, werden daher in .! einem großen Korbe, den man aus einem Fenster herabläßt, gegen 50 Fuß hoch hinauf gezogen. Dem Kloster gegenüber zeigt man in einem Steinfelsen eine Vertiefung, welche der Gestalt eines der Länge nach ausgestreckten ruhenden Menschen ähnlich ist. Diese Vertiefung läßt die Sage weder als ein Naturspiel, noch als durch Menschenhände verfertigt gelten, sondern sie macht daraus einen Eindruck, den der Prophet Elias zurückließ, als er bei seinen Wanderungen durch Judäa auf diesem Steine ruhte. Auch behaupten die Mönche des Klosters, daß ihre Kirche auf der Stelle stehe, wo der Prophet Elias geboren worden sey. Wahrscheinlich nahmen Jesu Eltern bei ihrer Rückkehr ! nach Bethlehem ihren Aufenthalt nicht wieder in der Geburtshöhle. Diese hatten sie wohl bald nach der Geburt Jesu verlassen, um eine bequemere Wohnung sich zu schaffen, in welche ^ sie auch jetzt zurückkehrten und in welcher sie alsdann von den Magiern aufgesucht wurden, da Matthäus (2, 11.) ausdrücklich sagt, daß diese in ein Haus zu dem Kinde gegangen seyen*). Auch zeigt man jetzt, ohngefähr ein Viertelstünd- .*) Magier wurden damals die Gelehrten des Morgenlandes genannt, vorzüglich solche, die in geheimen Wissenschaften erfahren seyn sollten und sich mit Sterndeuterei beschäftigten. Man kennt die wahre Heimath der Magier nicht, welche Jesum besuchten, daher halten sie Einige für Chal- daer. Andere für Araber, und noch Andere für Perser, weil es unter diese» Völkern Magier gab. Die Bibel gibt ihre Zahl nicht an, die Sage aber nennt ihrer drei und ertheilt ihnen die Namen: Kaspar, Melchior nnd Dalthasar. Auch berichtet die Sage, der heilige Thomas habe sie getauft und sie hierauf zur Verbreitung des Christenthums in Indien gebraucht, wo sie den Märtyrertod erlitten hätten. Mailand und Köln am 80 Zweites Buch. chen von Bethlehem ein Dörfchen, in welchem Joseph und Maria ihren Aufenthalt damals genommen haben sollen, und das man sogar für Josephs Geburtsort hält. Wie dem aber auch seyn mag, die Kaiserin Helena ließ dort eine Kirche erbauen, die dem heiligen Joseph geweiht ist. V. Reise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne nach Aegypten. iMattt,. L, 13-15., Jene Hoffnung, welche damals in so Manchen unter den Juden lebendig hervortrat, daß in Jesus der längst erwartete Messias geboren sey, wurde wahrscheinlich nicht ganz verschwiegen; und es mochte nun wohl eine Sage umgehn, die dem argwöhnischen König Hcwdcs nicht gleichgültig seyn konnte, der bei der ihm bekannten ungünstigen Gesinnung des jüdischen Volkes gegen ihn in dem erscheinenden Messias einen geheimen Plan vermuthen mochte, und bei seiner Härte und Grausamkeit beständig in Furcht vor einer Empörung gegen ihn lebte. Diese Sage wurde um so wichtiger und mußte, ihn um so mehr in Furcht setzen, als die Magier aus de»i> Morgenlande in Jerusalem erschienen (Matth. 2, 1 u. folgH und nach dem neugebornen Könige der Juden fragten, und! als die Schriftgelehrten aus Stellen der Propheten Bethle-s Hem als den Geburtsort desselben bezeichneten. Gern hätte ^ Herodes daher nähere Kunde von dem Kinde gehabt, dessen! Daseyn er fürchtete, und deshalb ertheilte er den Magiern den Auftrag, genau nachzuforschen und ihm Bericht über das Ergebniß ihres Forschens zu erstatten. Die Magier begaben sich hierauf nach Bethlehem und kamen zu dem neugebornen Je-! suskinde, dem sie nach morgenlandischer Sitte ihre Verehrung bezeigten, indem sie sich vor ihm auf die Kniee warfen und mit der Stirn die Erde berührten, und indem sie ihm Geschenke darreichten, Gold und Spczereien, die namentlich in Weihrauch, einem wohlriechenden Baumharze, das aus Arabien Rhein rühmen sich in dem Besitze ihrer Reliquien zu seyn. Gemeiniglich werden die drei Magier ohne allen Grund die heiligen drei Könige genannt. Reisen der Eltern Jesu. 81 > kam, und in Myrrhen, einem wohlriechenden Gummi, das ebenfalls ein Baum im Morgenlande liefert und das zugleich als Arznei gebraucht wird, bestanden. Allein sie kehrten nicht nieder nach Jerusalem zurück, weil ihnen das böse Vorhaben oes Königs Herodes nicht verborgen geblieben war, der darauf chachte, jenes Kind aus der Zahl der Lebendigen zu entfernen; auch wohl ihnen selbst Gefahr drohte, daß sie in Geheim umgebracht werden könnten, damit auch niemand von dem wirklich gefundenen Messias etwas erfahren solle. Auch Joseph bekam von diesem Vorhaben Kunde, und da er nun das Kind in Judäa nicht sicher wußte, so mußte er auf Rettung desselben denken, die er nur in Flucht aus seinem Vaterlande finden konnte. Ein Traum wieß ihn nach Aegypten, das damals eine römische Provinz war und von Bethlehem nur ohngefahr 20 deutsche Meilen entfernt lag. Dorr hatten schon viele Juden sich angesiedelt, unter denen auch dem Joseph befreundete Familien seyn konnten, die den Eltern Jesu Unterkommen und Sicherheit vielleicht zu gewähren vermochten. Uebrigens besaßen die Eltern Jesu in den Geschenken der Magier Mittel, welche ihnen die Reise erleichtern und ihnen wohl auch, wenigstens anfangs, an ihrem Zufluchtsorte den nöthigen Unterhalt darreichen konnten. Für die Folge konnte alsdann Joseph durch sein Handwerk das Nöthige erwerben. Der Evangelist nennt nicht den Ort in Aegypten, welchen Joseph und Maria mit ihrem Sohne zu ihrem Aufenthalte wählten; daher war es wohl nur ein kleiner unbedeutender Ort, nicht weit von der Grenze des jüdischen Landes. Die Sage aber läßt Jesu Eltern bis Heliopolis, ja noch weiter fliehen und ihre Wohnung nahe bei dieser Stadt in dem Dorfe Matarea nehmen. Hätte die Sage Recht, so wären diese und die Rückreise aus Aegypten nach Naza- rcth die größten Reisen, die Jesus jemals gemacht hat, denn die erste betrug gegen 50 und die andere über 50 Meilen *)» *) Das »mächte Evangelium der Kindheit Jesu erzählt eine Menge von außerordentlichen und wundervollen Begebenheiten, welche sich bei der Reise ,^e>u nach Aegypten zugetragen haben sollen. Unter andern sollen bei Jesu Ankunft in Aegypten alle Götzenbilder daselbst umgefallen seyn. 6 82 Zweites Buch. Nach der Sage befanden sich Jesu Eltern schon auf der Rück. ^ reise von Bethlehem nach Nazareth und waren bis Anathoth ) gekommen, als Joseph, durch den Traum gewarnt, nach ß Acgnptcn zu fliehen sich entschloß. ß Anathoth war eine alte Stadt in dem Gebiete des Stammes Benjamin, ohngcfahr 5) Stunden nordwestlich von! Bethlehem und Z Stunden von Jerusalem. Sie gehörte zn - den Priesterstädten (Jos. 21, 18.) und war die Geburtsstadch des Propheten Jercmias (Jercm. 1, 1.). Zur Zeit des Kirchenvaters Hieronymus stand die Burg von Anathoth noch; ' jetzt aber findet man auf der Stelle der alten Stadt nur cin^ unbedeutendes Dorf, St. Jeremias genannt, wo man viel verfallenes Gemäuer und die Trümmer einer schönen Kirche sieht, welche die Kaiserin Helena nebst einem Kloster, das verödet und zerstört ist, hatte erbauen lassen. i Ohngcfähr 2 Stunden westlich von Anathoth, am Wege nach Joppe bemerkt man auf einem Hügel Trümmer, welch! man für die Ucberreste eines Gebäudes hält, das der Thurm des guten Räubers genannt wird. Die Stelle ist auch ' wirklich für die Wohnung eines Straßenräubers sehr günstig, weil man von da aus die Reisenden schon von weitem erspähen kann. Dabei befindet sich ein Dorf, das noch Latvoiui. heißt, welchen Namen die Araber wahrscheinlich aus dem La-i teinischen entlehnt haben. Auch sieht man daselbst noch die! Ueberreste einer schönen Kirche, welche dem guten Räuber geweiht war*). ! In jener Gegend erblickt man auch auf dem Gipfel eines! ansehnlichen Berges die schönen Ruinen der Stadt Modi»,- der Vaterstadt der berühmten Makkabäer (1. Makk. 2, 1 u.; 15.). In ihr wohnte der Priester Matathias, der zur Ver-! thcidigung des mosaischen Gesetzes Krieg gegen den Syrischen; König Antiochus begann und die Fortsetzung desselben seinen! ^ Dieser Räuber soll Dimak, nach Andern Dionai geheißen haben. Die Sage erzählt, Jesu Eltern seyen auf ihrer Reise bei Nacht in die Hände dieses Räubers gefallen, hätten aber die freundlichste Aufnahme und! beste Herberge bei ihm gefundn und wären am andern Morgen ungefährdet wieder von ihm entlassen worden. Es soll Derselbe gewesen seyn, der mit Jesu gekreuzigt wurde und zu dem der edle Dulder sagte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese seyn." Reisen der Eltern Jesu. 83 fünf Söhnen übertrug. Simon Makkabäus, der seine vier Brüder überlebte, ließ ihnen ein prächtiges Grabmal von Marmor daselbst errichten und dabei sieben Pyramiden aufbauen; zwei für seinen Vater und seine Mutter, vier für seine Brüder und eine für sich. Ringsum standen Säulen von einer solchen Höhe, daß man sie sehn konnte, wenn man auf dem 12 Stunden entfernten mittelländischen Meere schiffte (1. Makk. 13, 29.). Zur Zeit des heiligen Hieronymus waren diese Denkmäler noch vollständig vorhanden. Wenn man von Anathoth nach Jerusalem geht, so liegt seitwärts, etwas westlich, zwei Stunden von Jerusalem, die Stadt Rama oder Ramatha, die ihren Namen, die Hohe, von ihrer Lage hat, da sie sich auf dem Rücken eines Berges in dem Gebirge Ephraim befindet. Man darf sie nicht mit Rama auf dem Wege von Jerusalem nach Joppe verwech- l sein. Sie gehörte dem Stamme Benjamin und wurde auch Namathajim - Zophim (1. Sam. 1, 1.) genannt. Wahrscheinlich war sie auch die Stadt, welche Joh. 19, 38. Ari- mathia heißt, da sie nahe bei Jerusalem lag. Sie war die ^ Geburtsstadt und der Wohnort des Richters Samuel; in ihr > wurde Saul zum Könige gesalbt, und in ihr gab es Prophe- ; tenschulen. Schon zur Zeit des heiligen Hieronymus war die alte Stadt Rama verschwunden und an ihrer Stelle befand sich ein Dorf. Auch jetzt erblickt man daselbst nur ein kleines elendes arabisches Dorf, das unter den Trümmern der alten Stadt liegt und Samuele genannt wird. Von hier aus sieht man Jerusalem, wohin ein rauher und steiniger Weg führt. Wenn Jesu Eltern wirklich von Anathoth aus ihre Reise ! nach Aegypten antraten, so gingen sie ohnstreitig wieder durch Bethlehem. Hier sollen sie aber weder die Geburtsgrotte, noch die Wohnung, wo die Magier zu ihnen kamen, aufgesucht, sondern, sey es aus Furcht oder aus einem andern Grunde, eine andere Grotte zu ihrem einstweiligen Aufent- ^ halte gewählt haben, die sich außerhalb des Städtchens, ge- i gen Morgen, ohngefähr 200 Schritte von der großen, der s,heiligen Jungfrau geweihten Kirche befindet, und die Matz * 84 Zweites Buch. rien- oder Säughöhle genannt wird*). Es ist eine öde unterirdische Grotte mit einem niedrigen offenen Eingänge, zu welcher man auf acht Stufen hinabsteigt. Sie hält 50 Schritte ins Gevierte, ist mit Pfeilern unterstützt und besteht aus kalk- artigem Gestein. Ehemals befand sich ein Altar in ihr, von welchem man noch Spuren bemerkt, an dem Messe gelesen wurde. Ueber ihr stand sonst die Kirche St. Nicolai nebst einem Kloster, von denen nur noch Ruinen vorhanden sind. Von der Säughöhle aus führt d.r Weg durch manche Krümmungen, welche die Gebirge verursachen, südöstlich zu dem versiegelten oder verschlossenen Brunnen, (Hohes Lied 4, 12.), einem alten Denkmale aus Salomos Zeiten, anderthalb Stunden von Bethlehem, den die Araber Ras-el-Ain, das heißt: Haupt der Quelle, nennen. Dieser Brunnen befindet sich in einer Höhle, die 15 Fuß tief unter der Erde liegt und aus zwei mit gehauenen Steinen ausgewölbten Grotten besteht, von denen die eine 12, die andere aber 5 Schritte ins Gevierte hält. In beiden findet man noch Spuren einer frühern reichen Verzierung, hauptsächlich durch Mosaik. Der Eingang zu diesen Grotten ist sehr enge und zum Theil verfallen, so daß man nur mit großer Muhe und selbst nicht ohne Gefahr in dieselben gelange» kann. Die'Quelle entspringt in der kleinern Grotte, ergießt sich aus dieser in die größere und läuft alsdann durch den Felsen in die Teiche Salomos, die ohngefähr 200 Schritte davon entfernt sind. Die. Teiche Salomos, deren drei sind, liegen an dem Ende eines anmuthigen Thales, an dem Abhänge eines Berges, hintereinander, jedoch der eine höher als der andere, *) Während Maria in dieser Grotte weilte, soll sie ihr Kind gesäugt habe», und da sollen einige Kröpfen Milch aus' den Boden gefallen sey» und diesem eine weiße Farbe ertheilt haben. Noch jetzt hält man daher die Erde in dieser Grotte für eine heilige. Man pulvert sie und bereitet aus ihr kleine rundliche, einen halben poll dicke Kuchen, die Mit einem Kreuz bezeichnet und unter dem Namen: versiegelte Erde verkauft werden. In Wässer aufgelöst soll diese. Erde ein heilsames Mittel gegen Fieberkrank, heite» seyn und vorzüglich stillenden Muttern die Milch vermehren, oder die Verlorne ersetzen» Daher wird ein nicht unbedeutender Handel mit ihr getrieben. Ehe sie aber in das Ausland geht, wird sie erst in der Kirche zu'm heiligen Grabe in Zerusalem geweiht. Reisen der Eltern Jesu. 85 so daß das Wasser aus dem obersten in den mittleren und aus diesem in den untersten stießt, wenn es in Ueberfluß vorhanden ist. Sie sind viereckig und mit großer Mühe und Kunst in den Felsen gehauen. Der erste Teich ist 170 Schritte lang und 98 breit; der zweite, tiefer liegende ist 190 Schritte lang und 115 breit, und der dritte, noch tiefer liegende, hat eine Länge von 218 und eine Breite von 94 Schritten. Die Tiefe eines jeden beträgt ohngefähr 80 Fuß. Aus dem untersten Teiche stießt ein Theil des Wassers vermittelst einer Wasserleitung, die halb zerfallen ist, nach Jerusalem, und der andere Theil des Wassers vertheilt sich in kleine Gräben, um das Thal zu bewässern. Die Wasserleitung besteht aus großen gebrannten irdnen Röhren, die in einem Kanale von gehauenen Steinen liegen, der oben mit steinernen Platten bedeckt ist. Sonst führte diese Wasserleitung das bei den Opfern ! nöthige Wasser in den Tempel zu Jerusalem, jetzt aber kommt ! es nicht bis dahin, weil die Röhren hie und da zerbrochen und mit Erde und Steinen verstopft sind. Von dem versiegelten Brunnen und den Teichen Salo- ! mos gelangt man, ohngefähr ein halbes Stündchen weiter ostwärts, zu dem verschlossenen Garten des Königs Salomo (Hohes Lied 4, 12.), der in demselben Thale liegt, in welchem sich die Teiche befinden, und ohngefähr 500 Schritte l lang und über 200 Schritte breit ist. Gegen Mitternacht, Abend und Mittag wird er von Bergen eingeschlossen, von denen die gegen Mitternacht und Mittag sehr hoch, und stu- fenweis sehr steil sind, so daß sie gleichsam natürliche Mauern ! bilden und dadurch dem Garten seinen Namen gegeben haben. Der Grund wird theils vom Wasser aus dem versiegelten ! Brunnen, theils von einer Quelle gewässert, die in dem Thale ^ selbst hervorsprudelt und reichliches Wasser gibt. Diese Stelle hatte Salomo durch Kunst in einen reizenden und bezaubernden Aufenthaltsort umschaffen lassen. Hier gab es die edelsten Fruchtbäume aller Arten, die in dem Morgenlande vorkommen. Hier blühten Narden, Safran und die schönsten und wohlriechendsten Blumen und Kräuter, und hier fand man Bäume, von denen die köstlichsten und wohlriechendsten Harze i und Oele kommen. Jetzt aber sucht man die ehemalige Herr- 86 Zweites Buch. lichkckt vergeblich daselbst, obschon der Boden noch fruchtbar ist und eine schöne, frischgrüne Fläche dem Auge darbietet. In dem Thals trifft man nur noch einzelne Granatäpfelbäume und Rasenstücke an, und an den Bergen wachsen Thymian, Rosmarin, Lavendel, Salbey und andere gewürzhafte Kräuter. Am Abhänge der Berge, welche gegen Mitternacht den Garten einschließen, befindet sich ein armseliges Dörfchen, welches das Dorf Salomos genannt wird. Wahrscheinlich hatte Salomo daselbst die Wohnungen seiner Gartenarbeiter erbauen lassen. Jetzt wird es von armen Bauern bewohnt, welche das Thal nothdürftig anbauen. Auch trifft man daselbst noch schöne Ruinen von einem Gebäude, welches das Lust Haus von Salomos Gespielinnen genannt wird. In der Nähe jener Gegend befand sich in den alten Zeiten die Stadt Bezech im Gebiete des Stammes Juda, an deren Stelle man jetzt nur ein Dorf antrifft, das eine sehr anmuthige und fruchtbare Umgebung hat. Man erntet daselbst Oliven, Wein und Feigen in ansehnlicher Menge, und trifft in den dort befindlichen Gärten alle Gewächse des südlichen Europas an. Die Einwohner des Dorfes sind griechische Christen, die sich wohl befinden*). Bei Bezech beginnt das Thal Sorek, das über 12 Stunden lang ist. Die Berge, welche dasselbe einschließen, sind angebaut und mit Wein bepflanzt. Hier sollen die Abgeordneten, welche Moses ausgesendet hatte, das Land zu erkunden, jene große Weintraube gefunden haben (4. Mos. 13, 24.), durch deren Anblick die Jsraeliten um so stärker angetrieben wurden, jenes Land zu erobern. Noch im Jahre 1632 soll in jenem Thale eine Traube gebrochen worden seyn, deren Gewicht gegen 24 Pfund betrug. Der Bach, welcher einen Theil des Thals bewässert, heißt daher auch Eschkol, der Trauben dach, und hier mag wohl das Thal Eschkol seyn, das 4. Mos. 13, 24. erwähnt wird. Anderthalb Stunden von Bezech lag sonst die Bergstadt Beth zur im Gebiete des Stammes Juda, die (1. Makk. *) Einer sonderbare» Sage nach sollen in jener Gegend keine Türken auSdauern können; sondern wenn sich welche dort niederlassen, sollen sie bald krank werden und sterben. Daher sollen sie diesen fruchtbaren Ort fliehen. Reisen der Eltern Jesu. 87 4, 61.) zu den Zeiten der Makkabäer eine Grenzfestung gegen Jdumäa bildete. Sie lag etwas über eine Stunde nördlich von Hebron. Zu den Zeiten des Kirchenvaters Hieronymus war sie ein Flecken, der Betsoron hieß, und jetzt ist 'wahrscheinlich das Dorf Betur ein Ueberrest der alten Stadt. Rechts von diesem Dorfe entspringt am Fuße eines Berges eine Quelle, welche der Brunnen des heiligen Phili- pus genannt wird. Es soll nämlich die Quelle seyn, in welcher der Apostel Philippus den Schatzmeister der Königin Can- dace taufte (Apostclgesch. 8, 26 — 40')*). Diese Quelle, die reichliches und treffliches Wasser gibt, ist mit Steinen überwölbt und mit zwei korinthischen Säulen verziert. Dabei befinden sich die beträchtlichen Ruinen einer Kirche und eines Klosters, welche beide die Kaiserin Helena hatte erbauen lassen. Zwei Stunden südöstlich von Bethlehem traf man sonst in einer vortheilhaften Lage die Stadt Thckoa, welche durch Rehabeam zu einer Festung im Gebiete des Stammes Juda umgcschassen worden war (Jerem. 6, 1.). Ihre Ruinen zeigen noch, daß sie einst beträchtlich gewesen seyn muß. Hier war der Prophet Amos geboren und begraben worden. Sein Grab wurde noch zu den Zeiten des heiligen HieronymuS daselbst gezeigt. Jetzt erblickt man dort nur noch die Ruinen einer schönen Kirche, die dem heiligen Nicolaus geweiht war. Bei Thekoa begann die große Wüste Juda, die sich nach dem lobten Meere hin erstreckte und daselbst oberhalb mit der Wüste Engeddi zusammenhing, in der Mitte an die Wüste Ziph stieß und sich unten an die Wüste Maon anschloß. Sie war ziemlich unfreundlich und rauh, aber es gab auch hie und da Weideland in ihr, daher wurde sie von wandernden Hirten durchzogen, zu denen auch der Prophet Amos gehörte (Amos 1,1.). Nordöstlich von Lhekoa lag das feste Schloß Hero- *) Die Sage berichtet, daß dieser neue Christ nach seiner Rückkehr in Acthiopien das Christenthum predigte und die Königin Candace dazu bekehrte, welche die Aethiopier Judith nennen, da Candace ei» allgemeiner Name der Königinnen jenes Landes gewesen seyn soll. Auch soll jener gelauste Schatzmeister dem Apostel Thomas in der Bekehrung der Aethioxier und der Einwohner des glücklichen Arabiens und der Insel Taprobana bei- gcstanden und endlich den Märtyrcrtod erlitten haben. 88 Zweites Buch. dium, das Herodes der Große hatte erbauen und nach sich benennen lassen, und in welchem er auch begraben worden ist. In der Umgegend desselben befindet sich ein hoher steiler Berg, der ohngefähr 1000 Schritte im Umfange hat und der Frankenberg genannt wird. Auf dessen rundem Gipfel bemerkt man die Trümmer einer Burg, welche zur Zeit der Kreuzzüge von den Franken erbaut worden seyn soll, um den Saracenen desto bessern Widerstand leisten zu können. Vierzig Jahre lang sollen sich die Franken darin gehalten haben; aber als sie sich von den andern Kreuzfahrern verlassen sahen und ihre Zahl sich verminderte, soll sich der Rest derselben nach dem Gebirge Libanon zurückgezogen habend). Nicht unerwähnt kann hier eine alte Stadt, Bethza- chara bleiben, die in der Nachbarschaft von Thekoa lag und durch eine Schlacht berühmt wurde (1. Makkab. 6, 32—46.), in welcher der hochherzige Eleasar, der Sohn des Saura, sich mitten unter die Feinde stürzte, und sich unter den Bauch eines Elephanten drängte, um denselben zu todten. Der Elephant trug nämlich einen prächtigen Thurm, in welchem Elea, sar den König der Syrer vermuthete; und durch dessen Tod meinte Eleasar, dem Kriege ein Ende zu machen und seinem Volke, wenn auch mit Aufopferung seines Lebens, Freiheit und Frieden zu verschaffen. Nordöstlich von Thekoa in einer der ödesten Gegenden der Wüste Juda, in einer tiefen und unfreundliche» Schlucht, nicht weit vom todten Meere liegt das Kloster St. Saba, das im vierten Jahrhunderte von dem Abte Sabas gestiftet wurde. Durch die Schlucht fließt der Bach Kidron, der vhngefähr zwei Stunden von dem Kloster sich in das todte Meer ergießt, aber nur im Winter Wasser enthält. An dem Abhänge eines langen, rauhen Berges sind eine große Menge Ccllcn in den Felsen gehauen, deren Zahl sich auf 6000 belaufen soll. Beinahe alle diese Zellen sollen früher von Mönchen bewohnt gewesen seyn, die nach der Regel des heiligen Sabas lebten» Unterhalb des Klosters, in einer Entfernung *y Daß von ihnen die am Libanon wohnenden Drusen abstammte», sst eine Fabel. Reisen der Eltern Jesu. 89 von etwa 200 bis 300 Schritten, springt aus dem Felsen eine Quelle hervor, welche das Kloster mit dem nöthigen Wasser versorgt. Das Kloster selbst, das dem Ansetzn nach einem Kastell gleicht, ist ebenfalls an dem Abhänge des Berges erbaut und hat eine solche Einrichtung, daß es gegen die Angriffe der Araber hinlänglich geschützt ist, die jene Gegend sehr unsicher machen. Es hat eine kleine, verfallene, mit einer Kuppel versehene Kirche, aber auch noch eine größere, deren Schiff 45 Schritte lang und 14 breit ist. In der Umgebung des Klosters gibt es mehrere Kapellen, von denen eine dem heiligen Laurentius, eine andere dem heiligen Vincentius und noch eine andere dem heiligen Johannes von Damaskus geweiht ist. Die letzte liegt am höchsten auf dem Berge. Johannes von Damaskus wurde nämlich in dem Kloster St. Saba Mönch und schrieb hier seine gelehrten und frommen Werke in einer so zierlichen und eindringlichen Sprache, daß man ihm den Beinamen Chrysorrhoas, Goldfluß, gab. Eine andere Kapelle, am Fuße des Berges, ist dem heiligen Johannes Chrysostomus gewidmet, der sich einige Zeit hindurch hierher zurückgezogen haben soll. Bei der Klosterkirche befindet sich die Kapelle der 40 Märtyrer, eine schauerliche Grotte, in welcher viele Todtenköpfe pyramidenförmig aufgeschichtet sind. Diese Todtenschädel sollen Mönchen gehört haben, die von den Saracenen ermordet wurden. Ohngefähr 300 Schritte von der Kirche steht ein 100 Fuß hoher Thurm, der durch eine sehr tiefe Felscnspalte von dem Kloster getrennt ist. Dieser hat in einer Höhe von 20 Fuß ein Fenster, in welchem ein Mann bequem aufrecht stehn kann, und zu dem man vermittelst eines Seiles hinaufgezogen wird. Aus diesem Fenster hat man eine schöne Aussicht auf die umliegende Gegend. Auf dem Thurme wohnt beständig ein Mönch, der nur dreimal im Jahre herunter kommt. Die Lebensrnittel empfängt derselbe mit Hülfe eines Seiles, das von dem Thurme über die Schlucht bis zum Kloster ausgespannt ist, und an welchem ein Korb hin und her gezogen werden kann. Dieser Mönch muß oben Wache halten, um die Araber, oder die wilden Thiere, die dem Kloster nahn, auszuspähen und den Bewohnern desselben anzuzeigen. An dem Ausgange des Klosters so Zweites Buch. wird das Grab des heiligen Sabas gezeigt, das mit Zierra- then überladen ist und von einer hübschen Kuppel bedeckt wird. Auch zeigt man die Wohnung des heiligen Sabas daselbst, die er sich in dem Gebirge erwählt hatte. Diese besteht in drei Grotten, von denen die eine ihm zur Kapelle diente, in welcher man, daher immerwährend eine Lampe brennen laßt. Auch jetzt wohnt ein Mönch daselbst, der das strenge Leben des heiligen Sabas nachzuahmen sucht und Rosenkränze verfertigt *). Die Mönche des Klosters sind jetzt Griechen, die nach der Regel des heiligen Basilius leben und einen Abt haben, der von dem Patriarchen zu Jerusalem abhängig ist. Sonst soll sich die Zahl der Mönche im Kloster auf 2000 belaufen haben, jetzt aber traf man ihrer nur 23 darin an. Nordöstlich von Thekoa soll auch Mizpah oder Mas- pha, eine Stadt in dem Gebiete des Stammes Benjamin, gelegen haben, von welcher jetzt gar keine Spuren mehr vorhanden sind. Sie diente zu einem Versammlungsorte der Jaden; denn Samuel opferte daselbst, nachdem die Bundeslade zurückgebracht worden war (1. Sam. 7, 5 u. folg.) und führte von da aus die Jsraclitcn zum Kampfe gegen die Philistäer. Gedalja, den Nebukadnezar zum Statthalter in Judäa eingesetzt hatte, residirte zu Mizpah und wurde daselbst ermordet (Jerem. 41, 1—6.). Judas, der Makkabäer, entriß diese Stadt den Syrern, machte einen Waffcnplatz aus ihr und ließ in ihr einen Bettag halten (1. Makkab. Z, 46.), da Jerusalem von den Feinden besetzt und der Tempel daselbst von den Syrern entweiht worden war. Dieses Mizpah darf nicht mit einer andern Stadt desselben Namens im Stamme Gad verwechselt werden, in welcher der Richter Jcphtah wohnte (Nicht. 11, 11.). Südwärts von Thekoa zieht sich nach dem todten *) Die Rosenkränze der griechischen Christen sind von denen der römisch- katholischen verschieden; denn die Griechen beten nicht, indem sie die Kiigel- chen fallen lassen, das Vaterunser und das Ave Maria, sondern nur das Kyrieeleison. Die Rosenkränze der griechischen Christen haben zuweilen lOO Kiigelchen, zuweilen auch eine geringere Zahl, und sind nicht wie die der römischkatholischen Christen von zehn zu zehn Kiigelchen abgetheilt, sondern durch ein Kreuz und drei größere Kiigelchen geschieden, bei denen man daS Griechische: „Heiliger Gott, starker Gott, ewiger Gott, erbarme dich unser!" betet. Reisen der Eltern Jesu. S1 Meere zu das Gebirge Karmel, welches auch, um es von m Gebirge Karmel am mittelländischen Meere zu unterscheiden, der südliche Karmel genannt wird. Es ist ein Kalkgebirge und war ziemlich fruchtbar, was auch sein Name andeutet, da dieser zu deutsch Fruchtgefilde heißt. In diesem Gebirge nahm David seinen Aufenthalt, während er von dem Könige Saul verfolgt wurde. An diesem Gebirge lag auch eine Stadt Karmel (Jos. 15, 55.), in welcher Saul ein Siegesdenkmal errichten ließ (1. Sam. 15, 12.), und deren Stelle jetzt das Dorf El Kirmel einnimmt. Zwischen dem südlichen Karmel und dem todten Meere befand sich sonst die in der Bibel öfter erwähnte Stadt En- geddi (Jos. 15, 62.), die früher Chazazon - Thamar, d. i. Abschneiden des Palmbaums, hieß. Der Name Engeddi wird von Einigen durch Quelle der Versuchung, und von Andern durch Bocksquelle erklärt. Sie lag in der Wüste Engeddi, die eigentlich einen Theil der Wüste Juda ausmachte, und eine gebirgige Gegend ist, in welcher viele schroffe, oft überhangende Klippen, deren Herabstürzen man befürchtet, sich befinden. Südwärts schließt sich die Wüste Engeddi an die Wüste Ziph an, die voller Berge nnd Höhlen ist, in welcher manche wilde Thiere Hausen und die südlich an die Wüste Maon grenzt. In der Stadt Engeddi gab es eine Burg (1. Sam. 24, 1.), die wahrscheinlich nur aus einem befestigten Felsen bestand. Die Umgegend zeichnete sich durch Palmenhaine und Weinpflanzungen aus, wozu jene Gegend vorzüglich geeignet war, weil man die Weinreben an die Abhänge der Berge und in die zwischen ihnen befindlichen Thäler pflanzte. Auch wuchs daselbst ein Strauch, der einen trefflichen Balsam lieferte, jetzt aber nicht mehr dort gefunden wird. Man zog diesen Strauch in Gärten und machte in der Zeit der Hundstage Einschnitte in die Rinde desselben, die aber nicht in das Holz gehn durften; alsdann trat der wohlriechende Saft heraus, den man in ein Gefäß strich. Dieser Balsam ward bei den Römern so hoch geschätzt, daß Pom- pejus den Strauch mit im Triumphe aufführte *). Zur Zeit *) Der Balsam, welcher in der Gegend von Engeddi gewonnen wurde, soll der beste auf der ganzen Erde gewesen seyn; denn es gibt auch noch 92 Zweites Buch. des heiligen Hieronymus war Engeddi nur ein Flecken, der von Juden bewohnt wurde; jetzt aber findet man keine Spur mehr davon, sondern man trifft in jener Gegend nur einen kleinen Bach an, der sich in das todte Meer ergießt und den Namen der alten Stadt führt, welcher in der Aussprache der Araber Ain-Dschiddi heißt. Nordwestlich von Engeddi befindet sich der Berg Adul- lam, der eine bedeutende Höhe hat und ziemlich abgerundet ist. An demselben, in der Nähe seines Gipfels, zeigt man unter mehrern Grotten die Höhle, in welcher sich David mit! 400 seiner Anhänger versteckt haben soll (1. Sam. 22, 1. u. 2>), als er von Saul verfolgt wurde. Sie ist niedriH und dunkel, hat eine Länge von 25 und eine Breite von 15 Schritten und dient jetzt den Hirten zur Zuflucht. Während der Kreuzzüge, im Jahre 1138 flüchteten sich in diese Höhle die christlichen Einwohner von Thekoa, um sich und ihre Habe vor den Saracenen zu sichern. In der Nähe derselben bemerkt man auch die Ueberreste eines Gebäudes. Mit diesem Berge darf man nicht die Stadt Adullam verwechseln (Jos. 12, 15.), die eine der ältesten Städte des Landes war und in dem Gebiete des Stammes Juda, zwischen Jerusalem und Hebron lag. Sie wird auch Odollam genannt (2. Mak- kab. 12, 38.) und war noch zu den Zeiten der Makkabäer eine ansehnliche Stadt. In jene Gegend, zwei Stunden östlich von Hebron, setzt man auch ein Dorf, das man das Dorf der heiligen Jungfrau nennt, weil nach der Sage Maria auf der Flucht nach Acgypten daselbst eingekehrt seyn soll. Eine Quelle dabei nennt man nach Abrahams Gattin: Sara. Hier ist der Ort, wo das todte Meer nicht unerwähnt bleiben kann, da Engeddi nicht weit von demselben lag, und die fliehende Familie auf ihrem Wege nach Aegypten nahe vorbei kommen mußte. Da, wo dieser merkwürdige und ansehnliche Landsee jetzt andere Pflanzen, die Balsam liefern. Man nannte ihn den Balsam von Zudäa. Iosephus berichtet, den Strauch, der diesen Balsam lieferte, habe die Königin von Saba an Salomo geschickt, und dieser habe ihn sorg' fällig pflegen und vervielfältigen lassen. jsich ^streckt, war ehemals das fruchtbare und anmuthige Thal l Siddim oder das Acazicnthal, das Loth zu seinem Aufenthalte wählte und in welchem die fünf Städte: Sodom, Go- morra, Zeboim, Adama und Segor oder.Zoar lagen, ^ von denen die vier ersten durch ein vulkanisches Ereigniß oder durch einen Erdbrand ihren Untergang fanden (1. Mos. 19, > 24.). Ein Erdbrand konnte um so eher statt finden, da jenes >' Thal Erdharz enthielt; es durften also nur Blitze dieses entzünden, so konnte leicht ein allgemeiner Brand entstehn, der die Städte um so mehr mit verzehren mußte, wenn diese vielleicht aus Steinen, die Erdharz in sich enthielten, erbaut waren. Nur ' Zoar blieb unversehrt und diente dem aus Sodom entwl- > chenen Loth zur Zuflucht. Diese Stadt lag am südwestlichen ° Ende des todten Meeres und war in den ersten Zeiten des Christenthums der Sitz eines Bischofs. , Durch einen Erdbrand ist die schrecklichste Umgestaltung ! der Gegend vor sich gegangen; denn das Thal ist zum See geworden, dessen Umgegend die schauerlichste Oede, die man sich denken kann, darbietet. Der See hat eine länglich ovale ^ Gestalt, ist ohngefähr 22 Stunden lang und 7 bis 8 Stun- l den breit, und sein Umfang beträgt 6 Tagereisen. Er heißt ^ der Asphalt see, weil er Asphalt oder Erdpech, auch Juden pech genannt, enthält, ein festes, schwarzes Harz, l das die Araber Chommar nennen, und das in ziemlich gro- > ßen Schollen auf seiner Oberfläche schwimmt und auch air > seinen Ufern sich findet. Das Salzmeer wird er ebenfalls mit vollem Rechte genannt, weil sein Wasser viel Salz enthält und bei Ueberschwemmungen viel davon absetzt; denn ! die nächsten Umgebungen sind mit einem dichten Ueberzuge von Salze bedeckt, welcher der Gegend das Ansehn eines Schnee- ) gesildes ertheilt. Vorzüglich erzeugt es sich am östlichen Ufer ! in reichem Maße; denn da findet man Salzschollen, die oft > einen Fuß dick sind und das. ganze Land mit dem nöthigen ^ Salze versehn. Am südwestlichen Ende aber liegt ein großer Salzberg, von welchem der See wahrscheinlich seinen Salzgehalt empfängt; und daselbst ist auch ein Thal, das einige Stunden lang und ganz mit Salz überzogen ist, weshalb es ! auch das Salzthal heißt. Todtes Meer endlich ist nicht 94 Zweites Buch. minder ein sehr passender Name für jenen Landsee; denn in! seiner Umgebung herrscht größtentheils eine Todtenstille, und! selten zeigt sich dort ein lebendes Wesen; seine Ufer sind öde und mit keinem Grün bekleidet; seine Gewässer scheinen unbeweglich und gleichen da, wo sie nicht mit einer grauen Haut überzogen sind, der Fläche eines Spiegels; ein leichter Wind kann sie nicht zu Wellen erheben und von starken Winden werden sie nicht heimgesucht, weil der See ringsum von hohen Bergen eingeschlossen ist. Blos da, wo der Jordan hineinfällt, ist das Wasser auf eine kleine Strecke etwas unruhig. Auch lebt kein Fisch in seinen Fluthcn und keine Pflanze wächst darin; kein Schiff befährt seine Gewässer, sondern nur zuwei-^ len schiffen arme arabische Bauern auf kleinen hölzernen Flö-f ßen auf ihm herum, um Asphalt zu sammeln, mit dem fiej Handel treiben. Das Wasser des todten Meeres ist von salzigem und> bitterem Geschmacke und hat einen häßlichen Geruch. Es ist weit salziger als das gewöhnliche Meerwasser und brennt auf den Lippen wie Alaun. Was man in dasselbe hineinthut wird mit einer Salzrinde überzogen. Menschen, die in das Wasser sich begaben, empfanden an solchen Stellen ihres Körpers, m die Haut etwas verletzt war, die größten Schmerzen. Uebri-! gens bildete sich an ihrem ganzen Körper ein öligter Ueber-! zug, den sie nicht so bald durch Waschen wieder los werden f konnten; auch schälte sich bei Manchen die Haut theilweis ab.! Obgleich das Wasser hell und durchsichtig ist, so hat es doch eine bedeutende Schwere, weil es mit verschiedenen Stoffen! vermischt ist. Das ganze Meer zeigt eine dunkle Bleifarbe; > daher bildet das blaßgelbe Wasser des hineinströmenden Ior-! dans mit dem Wasser des Meeres einen großen Contrast. Die f Fische, die hineinkommen, stehen sogleich ab; deshalb Haltes sich auch die im Jordan befindlichen Fische einige Stunden ^ von dem todten Meere entfernt. Der Grund des Sees ist ^ schlammig, und der schwarze Schlamm stinkend. Auf der Ost- und Westseite ist das todte Meer von zwei Gebirgsketten eingeschlossen, die eigentlich von Norden nach Süden durch ganz Palästina laufen. Die östliche ist die Höchste; und diese sieht aus der Ferne wie eine ungeheure,! Reisen der Eltern Jesu. 95 ^ senkrechte Mauer aus; denn man bemerkt an ihr nicht einen ' einzelnen hervorragenden Gipfel und nicht die kleinste Spitze. Die westliche, die zum Gebirge Juda gehört, ist weniger hoch und mehr ungleich. Sie besteht aus Massen von Kalkstein und Sand, deren Formen, wie man sagt, Aehnlichkeit mit Waffentrophäen, wehenden Standarten, oder den Zelten eines in einer Ebene aufgeschlagenen Lagers haben. Die östliche, die arabische Gebirgswand, besteht nur aus schwarzen steilen Felsen, welche ihre langen Schatten auf den Spiegel des Sees werfen; nirgends sieht man auch nur Ein Hälmchen Gras. ! An dem Fuße der Berge findet man hie und da Salz, Schwe- k fel und Asphalt in Menge, womit die dort wohnenden Ara- l der Handel treiben. Am südlichen Ende des Sees gibt es ! fruchtbare Stellen, die von armen Arabern bewohnt werden. ! Diese errichten sich unter den dort befindlichen Bäumen Bin- senhütten und bauen Tabak und Dhurra. Sie werden Gho- warene genannt und zählen ohngefähr ZOO Familien. Bei - ihrer großen Armuth haben sie auch noch viel Ungemach von - den umherziehenden Beduinen zu leiden. Ihr Dorf Ghor ! Szahye soll ziemlich die Stelle einnehmen, wo ehemals Zoar stand. : Einige Stunden oberhalb seines südlichen Endes hat der -'See eine seichte Stelle, auf welcher man denselben im Som- s wer binnen viertehalb Stunden durchwaten kann, ohne daß - Las Wasser höher als bis herauf an die Kniee reicht. Ob- schon der See keinen sichtbaren Abfluß hat, so wächst sein l Wasser doch nie bedeutend an, ohngeachtet der Jordan, der Acnon, Zared und mehrere andere Flüßchen oder Bäche sich hinein ergießen; daher glaubte man, daß er einen untcrirrdi- k scheu Abfluß habe und mit dem mittelländischen Meere, das ^ ohngefähr nur 10 Stunden entfernt ist, oder mit dem arabischen Meerbusen in Verbindung stehe. Allein dieses ist nicht nothwendig, weil, wie schon erwähnt wurde, er eine hinläng« ' liche Masse Wasser täglich durch Ausdunsten verlieren kann. Manche frühere, etwas wundervolle Sagen, die von diesem See umgingen, haben sich in den neuern Zeiten nicht als wahr bestätigt. So ist es nicht wahr, daß die über den See ! hin fliegenden Vögel hinein fallen, von den aufsteigenden Dün- 66 Zweites Buch. sten betäubt. Es steigen wohl nachtheilige Dünste aus dem See auf, die jenem in der Nähe desselben wohnenden arme» Arabern Krankheiten verursachen; aber so giftig sind sie nicht, daß sie jene Wirkung hervorbringen könnten. Auch ist es nicht wahr, daß ein Mensch auf dem Wasser des todten Meeres wie Kork schwimme. Man weiß jetzt, daß Körper nach dem Verhältnisse ihrer specifischen Schwere auf ihm schwimmen, oder in ihm untersinken; nur wird man von dem Wasser dieses Sees mehr in die Höhe gehoben und getragen, als von anderem Wasser. Endlich hat auch kein neuerer Reisende Ruinen von den untergegangenen Städten darin erblickt*). Neuere Reisende haben das Vorhandenseyn der sogenannten Sodomsäpfel, von denen mancherlei erzählt wurde, noch nicht zur völligen Gewißheit erhoben. Der Baum, der sie trägt und den ein griechischer Geistlicher Ascheyr nannte, soll in der Nähe des todten Meeres wachsen und zwar vorzüglich in der Gegend, wo der Jordan sich in den See ergießt. Er soll einem Feigenbäume ähnlich seyn, seine Blätter sollen denen des Nußbaumes gleichen, und seine Früchte faß^ wie Pomeranzen aussehn. Diese sollen sich zwischen den Fin- i gern wie ein Schwamm zusammendrücken lassen, aber unter! der schönen Schale nichts als einen schwärzlichen Staub enthalten. Seetzen hält sie für die Früchte eines Wollsame»- *) Da die heilige Schrift (1. Mos. 19, 26.) erzählt, daß Loths Weib auf ihrer Flucht von Sovom zur Salzsäule geworden sey, oder wie Manche es erklären. umkam und mit einer Salzrinde überzogen wurde, so erzählt man, daß diese Salzsäule in der Nähe des todten Meeres noch vorhanden sey, obgleich kein Reisender sie selbst gesehn hat. Es soll ein Stein von 5 Fuß Länge und 6 Faß Umfang seyn und aus einem durchsichtigen Salze besteh«, das hart und dem Alaun ähnlich ist. Die Araber zeigen diesen Stein Niemandem, sonder» sie schlagen, ihrer Angabe nach, Stücke davon ab und bringen sie den Mönchen zu Jerusalem. Die Araber versichern, der Stein ergänze sich stets wieder, wenn man nicht viel auf einmal davon hinwegnehme. Diese Er-j scheinung wollen Manche durch die Annahme erklären, daß die aus dem See aufsteigenden Dünste die Lücken ausfüllten, indem sie sich in Salz verwandelten. Allein wahrscheinlich ist das Ganze ein eitles Vorgeben der Araber, und die Stucke Salz bringen sie von dem oben genannten Salzberge, der in jener Gegend sich befindet. Denn ihrer Angabe »ach soll dieser Salzstein südöstlich von den Bergen Engeddis, eine halbe Stunde vo» dem westlichen Ufer des todten Meeres liegen. Vielleicht beruht die ganze Sage auf einer unrichtigen Ueberfetzung jener Stelle; denn diese kann. heißen: sie fiel in das Salz, oder in den salzigen Boden, in eine durch» gebrannte Grube, uad blieb hängen, oder kam nicht weiter. Reisen der Eltern Jesu. 97 k- -baumes, die eine unbrauchbare Baumwolle enthalten, und (Burkhardt spricht von ihnen, als von Früchten des unächten Granatbaumes. Die Höhle, in welcher Loth seinen Aufenthalt nahm (1. Mos. 19, 60.) will man in einem der Berge am todten ^ Meere, nordwestlich von Zoar finden. - Südwestlich von Engeddi lag die Stadt Debir in dem Gebiete des Stammes Juda, die früher die Residenz eines ^ Kanaanitischen Königs gewesen war, den Josua besiegte (Jos. 10, 69.). Sie gehörte zu dem Landestheile, den Kaleb bekam, wurde aber spater eine Levitenstadt. Früher hieß diese Stadt Kirjath - Sepher, das heißt: Stadt der Schriften (Jos. 15, 15.); und die Juden nannten sie auch Kirjath Sannah, Stadt des Unterrichts (Jos. 15, 49.). Von Debir südlich befand sich Libnah, ebenfalls eine alte Königsstadt der Kanaaniter, deren König von Josua besiegt wurde (Jos. 12, 15.), die dann dem Stamme Juda zufiel. Unter dem Könige Joram empörten sich die Einwohner dieser Stadt, und unter dem Könige Hiskias wurde sie von den Assyrern belagert und erobert (2. König. 19, 8.). Arad, noch südlicher als Libnah, war auch eine von jenen Königsstädten, die Josua eroberte (Jos. 12, 14.), und die hierauf an den Stamm Juda kam. Sie lag an der nördlichen Grenze der Wüste Kadesch-Barnea, und bestand noch zu den Zeiten des heiligen Hieronymus unter dem Namen Marathis. Maundrell fand unter den Ruinen der Stadt noch Ueberreste eines Tempels des Herkules. Außerhalb der jüdischen Grenze, nordwestlich von Petra und südlich von Zoar, erhebt sich aus dem Thale El-Araba, an der ehemaligen Grenze der Edomiter, zu steiler Höhe das Gebirge Hör, wo Aaron starb (4. Mos. 63, 68.) und begraben wurde. Zur Zeit des Kirchenvaters Hieronymus zeigte man noch daselbst den Felsen, an welchem Moses eben so, wie an dem Berge Horeb, eine Quelle geöffnet haben soll. An der Südgrenze Palästinas lag auch die Stadt Ka- dcs-Barnea oder Kadesch, an welche die Wüste gleiches Namens stieß. Früher hieß sie En-Mischpath (1. Mos. 14, 7.). Hier hielten sich die Jsraeliten eine Zeitlang auf, 7 98 Zweites Buch. um die Rückkehr der Kundschafter abzuwarten, die sie nach Kanaan gesendet hatten (4. Mos. 13, 27.), und von hier aus unterhandelte Moses mit dem Könige der Edomiter (4. Mos. 20, 14.). Zu Hieronymus Zeiten zeigte man daselbst noch das Grab der Mirjam (Maria), der Schwester des Moses, die dort starb. Westlich davon befand sich die südlichste Stadt des Stammes Juda und des ganzen jüdischen Landes, nämlich Berseba. Sie lag ohngefähr 7 Stunden südlich von Hebron und zwar in der Wüste Berseba, in welcher Hagar lange umherirrte (1. Mos. 21, 14.). Abraham grub daselbst einen Brunnen und pflanzte Bäume darum. An diesem Brunnen schloß Abraham mit dem Könige Abimelech ein Bündniß; davon wurde derselbe der Brunnen des Eides genannt. Unter dem Könige Usia war Berseba der Hauptsitz des Götzen, dienstes (Amos 5, Z.). Zu Hieronymus Zeiten war es noch ein großer Flecken, in welchem eine römische Besatzung lag; jetzt ist es aber nur ein Dorf Namens Giebelin, zwei Stunden von dem Gebirge Seir, das die südliche Grenze von Palästina macht. Dieses Gebirge, dessen Name das Rauhe bedeutet, schließt sich an das Gebirge Juda an und ist eins der unfruchtbarsten und ödesten Gebirge der Erde. In den frühesten Zeiten wurde es von den Choritern, d. i. Höhlenbewohnern, bewohnt. Jetzt heißt es Dschebal, d. i. Gebirge. Westlich von Berseba lag die Stadt Gerar, ebenfalls eine südliche Grenzstadt des jüdischen Landes und des Stammes Juda, die früher den Philistäern gehörte. In ihr hielt sich Abraham eine Zeitlang auf. Bei ihr befand sich das Thal Gcrar, in welchem Jsaak einige Zeit wohnte (1. Mos. 26, 17.). Durch dieses floß ein Regenbach, an welchem Konstantin der Große ein Mönchskloster erbauen ließ. Etwas südlich von dieser Gegend befand sich der Brunnen der Hagar, den diese noch zur rechten Zeit gefunden hatte, um ihren Sohn Jsmael vom Verschmachten zu retten. Mit dem Einteilte in Nieder ägypten gewinnt das Land ein ganz anderes Ansetzn als es in Palästina hat. Die Berge hören auf und es bietet sich dem Reisenden eine weite Reisen der Eltern Jesu. 99 einförmige Ebene dar, auf welcher das Auge bald ermüdet, weil weder eine natürliche Erhöhung noch Vertiefung sich zeigt. Nach den verschiedenen Jahreszeiten, in welchen man dort eintrifft und verweilt, ist auch der Anblick der Landschaft verschieden. Nach der Ernte erblickt man einen grauen staubigen Boden, der überall von der Hitze geborsten ist; zur Zeit der Herbstnachtgleiche findet man das Land mit einem gelblichen Wasser überschwemmt, aus welchem hie und da Dattelpalmen, Dörfer, Städte und Dämme hervorragen; hierauf zeigt sich einige Wochen hindurch ein schwarzer, schlammiger Boden; endlich mit dem Beginne des Winters überzieht sich die Erde mit einem schönen frischen Grün, die Pflanzen gewinnen Blüthen und die Saaten schießen empor und reifen, so daß nun das ganze Land einem großen herrlichen Garten gleicht, bis die Ernte die Felder leert und die große Hitze Alles versengt. Dabei ist der Himmel gewöhnlich rein, von weißlicher Farbe und hat einen solchen Glanz, daß ihn das Auge kaum zu ertragen vermag, besonders da man nur an wenig Stellen etwas Schatten findet. Dieses war das Land, welches Jesu Eltern mit ihrem Sohne aufsuchten, deren Reise also mit manchen Beschwerden verbunden war, vorzüglich wenn sie bis Heliopo- lis wanderten; denn alsdann mußten sie durch bedeutende Wüsten, in welchen der glühende und bewegliche Sand das Reisen sehr erschwert. Wenn Heliopolis das Ziel ihrer Wanderung war, so kamen sie wahrscheinlich auch nach Heroopolis, einer Stadt in Niederägypten, bei welcher Joseph seinem Vater Jakob entgegen gekommen seyn soll. Manche halten sie mit Pithom für eine und dieselbe Stadt. Jetzt findet man keine Spur mehr von ihr; daher läßt sich ihre Lage nicht ganz zuverlässig bestimmen. Wahrscheinlich lag sie in der Nähe des heutigen Suez und an der Grenze des Landes Gosen. Heliopolis, Sonnenstadt, wurde von den Juden On, d. i. Sonne (1. Mos. 41, 45.) genannt. Bei Jeremias (43, 13.) heißt sie Beth-Schein es, Haus der Sonne, und die Araber nennen sie noch jetzt Ain-Schäms, Sonnenhelle. Noch jetzt sieht man den Damm, auf welchem jene ansehnliche Stadt erbaut war, und bemerkt die Ringmauer 7 -* 100 Zweites Buch. ! deutlich, die sie umgab und die aus großen rothen Backsteinen besteht« Diese Mauer ist ohngefähr 60 Fuß dick und 12 bis 16 Fuß hoch und hat beinahe eine Stunde im Umfange. Innerhalb derselben liegt eine Menge Schutt; auch trifft man viele Mauer-reste daselbst an. Sonst stand in Heliopolis ein berühmter und prächtiger Sonnentempcl, von welchem nur noch wenige Bruchstücke übrig sind. Man bemerkt einen großen prächtigen Obelisk, der aus einem einzigen Gra- rütstücke besteht, ohngefähr 60 Fuß hoch ist und an seinem Grunde 12 Fuß ins Gevierte hat. Er steht einige Fuß tief in der Erde und hat Hieroglyphen. Auch findet man noch einen, aber ziemlich verstümmelten Sphinx daselbst von gelbem Marmor und ricsenmäßiger Größe; denn er ist gegen 30 Fuß lang. Er ist ebenfalls mit Hieroglyphen bedeckt. Josephs Gattin Asnath war aus Heliopolis, die Tochter des Sonnenpriesters Pothiphera. Kaum eine Viertelstunde weit von Heliopolis, am Wege nach Kairo, liegt das Dorf Matarea, in welchem Jesu Eltern wenigstens einige Tage, wenn nicht die ganze Zeit ihres Aufenthaltes in Aegypten, verweilt haben sollen. Die meisten Gebäude dieses Dorfes sind Ruinen, werden aber von den Christen aller Confessionen, ja selbst von den Türken und Arabern in Ehren gehalten. Nahe bei dem Dorfe befindet sich ein reichhaltiger und trefflicher Brunnen, der 10 bis 12 Fuß tief ist, und dessen Wasser durch besondere Vorrichtung herausgehoben wird, worauf es sich in ein Becken ergießt, das von einem Gebäude umgeben ist. Dieser Brunnen ist fast der einzige in jener Gegend, der trinkbares Wasser enthält. Sonst lag dabei ein Garten, den man den Balsamgarten nannte, weil man den Balsamstrauch oxodalsaMurri. darin zog, der einige Aehnlichkeit mit dem Granatbaume hat, dessen Blätter aber denen der Raute gleichen und dessen Holz röthlich ist. Seine Blüthen sind klein, weiß und wohlriechend. Er liefert den sogenannten Balsam von Mekka. Dieser Garten wurde durch jenen Brunnen gewässert; er ist aber schon seit zweihundert Jahren eingegangen. Noch jetzt zeigt man in der Nähe von Matarea einen alten Maulbeerfeigenbaum, den die Franken den Mut- 101 Reisen der Eltern Jesu. tergottesbaum nennen, weil er der Maria und den Ihrigen auf ihrer Flucht Schutz gegen ihre Verfolger verliehen haben soll. Er besteht nur noch aus einem Stamme von 26 Fuß Umfang und 9 Fuß Höhe, mit noch einigen grünen Zweigen. Südlich von Matarea soll die ehemalige Hauptstadt Acgyptenö, Memphis gelegen haben, an dessen Stelle nach der Meinung einiger Reisenden jetzt Alt - Ka iro liegt. Dieses ist von Neu-Kairo nur durch eine Reihe verfallener Mauern und elender Hütten, die sich ohngesähr eine Viertelstunde weit hinziehen, getrennt. Hier wohnte einst der König, der die Jsraeliten so hart bedrückte. Jetzt besteht Alt-Kairo nur aus armseligen, unreinlichen Hütten, in denen Türken, Griechen, Armenier und Kopten wohnen. Nur wenige große Gebäude befinden sich darunter, die das Eigenthum einiger Einwohner von Neu-Kairo sind. Ein in Trümmer zerfallenes altes Schloß dient den armen Christen zum Aufenthalte, die auch darin eine Kapelle für ihren Gottesdienst haben. Diesem Schlosse gegenüber soll der Platz seyn, wo Moses aus dem Wasser gezogen wurde. Einer Sage nach sollen die Eltern Jesu, nachdem sie sich eine Zeitlang in Matarea aufgehalten hatten, sich nach Memphis begeben haben und daselbst bis zum Tode des Königs Herodes geblieben seyn. Manche behaupten auch, sie hätten ihren Aufenthalt in einem Kastelle Namens Babylon, genommen, das nicht weit von Mem- phis lag und jetzt nur ein beträchtlicher Haufe Trümmer ist, die ein kleines Dorf umgeben, welches von Christen bewohnt wird. Hier sind fünf Koptische Mönchsklöster, unter denen eins dem heiligen Georg geweiht ist. In einem derselben zeigt man eine Grotte, zu welcher man auf 12 Stufen hinabsteigt, die den Eltern Jesu zur Wohnung gedient haben soll, und die auch eine gute Wasserquclle enthält. In Alt-Kairo werden einige Uebcrreste großer und weiter Magazine die Korn- häuser Josephs genannt. Auch heißt ein Brunnen daselbst der Josephsbrunnen. Dieser ist in einen Felsen gehauen, hält 20 Fuß ins Gevierte und hat 269 Fuß Tiefe. Das Wasser desselben wird von zwei Ochsen vermittelst eines Drehrades, über welches ein Seil geht, an das hundert Krüge befestigt sind, emporgewunden. 102 Zweites Buch. Hier darf der jüdische Tempel nicht unerwähnt bleibe», der nördlich von Heliopolis lag und auf der Stelle des alten Leontovolis erbaut worden seyn soll. Omas, der Sohn des Hohenpriesters Simon, war nämlich aus Jerusalem, während der Verfolgungen der Juden unter dem Syrischen Könige Antiochus Eupator geflohn und hatte sich nach Aloxandrien begeben. Hier nahm ihn der König -Ptolemäus Philometor gut auf, und in Hoffnung, durch ihn noch mehrere Juden nach Aegypten zu ziehn, überließ er ihm ein bedeutendes Stück Land, und ertheilte ihm die Erlaubniß, dem Gotte der Juden einen Tempel zu bauen. Dieses geschah ohngefähr 150 Jahre vor Christus. Dieser Tempel glich einem Kastell, daher er auch die Burg der Juden genannt wurde, und bestand aus einem 60 Fuß hohen Thurme, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen umgeben war, in welcher sich steinerne Thore befanden. Er glich also keineswegs dem Tempel zu Jerusalem, war aber doch auf ähnliche Weise ausgeschmückt. Die Stelle des großen Leuchters aber vertrat eine goldne Lampe, die a» einer polirten Kette hing. Er stand ohngefahr 300 Jahre; denn als nach der Zerstörung Jerusalems mehrere Juden sich nach Aegypten begeben hatten, dort aber die Herrschaft der Römer nicht anerkennen wollten, so ließ während der Regierung des Kaisers Vcspasianus der römische Statthalter zu Alexandrien, Lupus, den Tempel verschließen und sein Nachfolger Paulinus nahm aus demselben allen Schmuck und Reichthum hinweg, worauf der Tempel nach und nach zerfiel. VI. Rückreise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne aus Aegypten noch Nazareth. «Match. 2. 14-23.) Während der argwöhnische und grausame Herodes vielen Eltern in Bethlehem und der nächsten Umgebung durch die Ermordung ihrer Kinder*) (Matth. 2, 16—18.) de» *) Die Griechen in ihren Märtyrerverzeichnisscn, und die Aethiopier l» ihrer Liturgie bestimmen die Anzahl der in Bethlehem und der umliegende» Gegend auf den Befehl des Königs Herodes ermordeten Kinder auf 14000. Reisen der Eltern Jesu. 103 herbsten Schmerz bereitete, sahen Jesu Eltern ihren Sohn, in welchem die Erfüllung großer Hoffnungen heranreifte, durch ihren verborgenen Aufenthalt in Aegypten vor den Nachstellungen jenes blutdürstigen Königs gesichert, und konnten sich - rngestört seines Gedeihens und seiner Entwickelung freuen. Der Evangelist sagt nicht, wie lange sich Jesu Eltern mit ihrem Sohne in Aegypten aufhielten; gar lange aber kann ihr Aufenthalt daselbst nicht gedauert haben, weil Heiodes höchstens nur einige Jahre noch nach Jesu Geburt lebte. Sobald der Tod dieses gefurchtsten Königs erfolgt war, und Joseph davon Kunde bekommen hatte, verließ er seinen bisherigen Zufluchtsort und wanderte mit den Seinen nach der Heimat!) zurück. Da er aber hörte, daß Archälaus in Judaa herrschte, der seinem Bater an Härte und Grausamkeit ziemlich ähnlich war, so trug er Bedenken, nach Bethlehem zu gehn, und kehrte lieber nach Nazareth zurück, wo Maria einiges Bcsitzthum hatte. Der kürzeste Weg aus Aegypten dahin ging der Küste des mittelländischen Meeres entlang, den daher Jesu Eltern wahrscheinlich auch einschlugen. In diesem Falle kamen sie von Heliopolis über Heroo- polis nach Pelusium, das die Hebräer Sin und die Aegypter Feromi nannten, alles Namen, welche von der Lage der Stadt hergenommen sind, da sie Schlamm und Sumpf bedeuten, und die Stadt auch wirklich von Sümpfen umgeben war; denn sie lag an dem östlichen Nielarme nicht weit von der Meeresküste, die dort ziemlich sumpfig ist. Pelusium ist eine sehr alte Stadt, denn sie wird schon in den Schriften des alten Testamentes erwähnt (Ezech. 30, 15.). Sie war eine Festung und wurde als der Schlüssel Aegyptens auf der Nordostseite des Landes angesehn. In ihr war der berühmte Astronom Ptolemäus, der in dem zweiten Jahrhunderte nach Christus in Alexandricn lebte, geboren. Jetzt sind von ihr nur noch Trümmer vorhanden. Allein dieses ist eine so ungeheuere Zahl, daß die Unrichtigkeit derselben ei, »em Jeden, der die Verhältnisse gehörig erwägt, bald einleuchten muß. Denn da -Bethlehem in der heiligen Schrift selbst eine kleine Stadt genannt wird und da jedenfalls nur die Knaben von zwei Jahren und darunter ermordet wurden, so kann sich die Zahl der getödteten Kinder nicht einmal auf LS belaufen. 104 Zweites Buch. Westlich von Pe'ustum gab es in Niederägypten, n ' l bei dem See Syrbon, eine Gegend, die von den Gen , nern bewohnt wurde. Hier war die Grenze des Gebiete l über welches der König Antiochus Eupator den Judas Mak kabäus setzte (2. Makkab. 13, 24.). i Von Pelusium führte der Weg nach Palästina über Ca - , sium, welches ebenfalls eine in der Nähe des Meeres gelc> ^ ! gcne Stadt war. In der Umgegend derselben befand siq ein Berg, auf welchem ein Tempel des Jupiters stand. Se war der Sitz eines Bischofs und nahe bei ihr zeigte man eiie Grotte, in welcher der heilige Athanasius sein Glaubenslc- kcnntniß verfertigt haben soll. Weiter morgenwärts lag Ostracine an der Meeresküste nicht weit von der Grenze des gelobten Landes. Jetzt ist es nur noch ein Dorf. Die eigentliche Grenze zwischen Aegyptea und Palästina machte der sogenannte Bach Aegyptens m der Gegend, wo früher Rhinokorura, und später El- Arisch lag, von welcher Stadt ebenfalls nur noch Ruine,> vorhanden sind. Die Grenzstadt Palästinas auf dieser Seite war Ra- phia, die früher Raphidim (2. Mos. 17, 1.) hieß, jetzt aber Refha genannt wird. Sie war nicht weit vom Meere entfernt, und durch die Schlacht berühmt, welche der Syrische König Antiochus der Große gegen den König von Aegypten, Ptolemäus Philopator, 200 Jahre vor Christus, in ihre: Nahe verlor. In der Folge, 90 Jahre vor Ch., wurde sie von Alexander Jannäus erobert und zerstört, und von Gabi- niuS wieder aufgebaut. Nach der Verbreitung des Christenthums wohnte in ihr, so wie auch in Anthedon ein Bischof. Nordwärts über Raphia lag Gaza, d. i. die Starke, eine sehr alte Stadt (1. Mos. 10, 19.) im Lande der Phi- listäer, an der Meeresküste, ohnwcit der Mündung des Bache» Bczor. Sie war ehemals die Hauptstadt der Philistaer und durch ihre starke Befestigung, so wie durch ihren Handel berühmt. Später kam sie an den Stamm Simeon, nachdem David sie erobert hatte. In dieser Stadt war es, wo Sim- son mehrere Beweise seiner außerordentlichen Stärke gab, da er hier die Flügel des Stadthores aushob und forttrug und Reisen der Eltern Jesu. 105 den Tempel des Göhen Dagon einstürzte. Der Persische König Darms Codomannus hatte einen Theil seiner Schätze in Gaza aufbewahrt; daher belagerte Alexander der Große diese Stadt, und da sie sich ihm nicht sogleich übergab, zerstörte er sie auf das schrecklichste. Zur Zeit des Makkabäcrs Simon war sie wieder aufgebaut worden, und dieser wackere Vertheidiger des jüdischen Glaubens wüthete, als er Gaza erobert hatte, gerührt von den Thränen der Einwohner, nicht mit Feuer und Schwerdt darin, sondern reinigte die Stadt nur von den Greulen des Götzendienstes und stellte darin die Verehrung des einen wahren Gottes wieder her. Später kam diese Stadt abwechselnd in den Besitz der Könige von Aegyp- ten und Syrien; hierauf regierte sie sich selbst unter dem Schutze der Römer bis zu den Zeiten des Kaisers Augustus, der sie an den König Herodes den Großen gab. Nach dessen Tode kam sie zur Provinz Syrien. Zur Zeit der Geburt des Kaisers Theodosius befand sich in Gaza ein Tempel, in welchem man einen Götzen, Namens Marna, anbetete; daher ließ ihn die Kaiserin Eudoxia auf Verlangen des Bischofs Porphyrius und des Kirchenvaters Chrysostomus zerstören. Auf den Trümmern desselben ließ sie hierauf eine christliche Kirche bauen. Doch behaupten Andere, daß dieses der Kaiser Ar» kadius gethan habe. Balduin III-, König von Jerusalem, fand sie zerstört und verlassen, und baute sie von neuem auf. In Gaza und der Umgegend predigte einst der Apostel Phi- lippus das Christenthum (Apostelg. 8, 26. u. 40.). Das heutige Gaza liegt in einer etwas unebenen, aber sehr fruchtbaren Gegend, die einem Garten gleicht, da überall ein reicher Pflanzenwuchs dem Auge sich bietet, Oliven, Feigen, Apfelsinen, süße Zitronen und Mandeln daselbst reifen und Palmen in Menge vorhanden sind. Die Stadt liegt ohngc- fähr eine Viertelstunde nur vom Meere entfernt und besteht aus zwei Haupttheilen, die gleichsam zwei verschiedene Städte bilden. Die alte Stadt liegt auf einem Hügel und wird Ma- juma genannt. Sie enthalt ein Schloß auf der Stelle, wo einst der Tempel des Dagon gestanden haben soll. Außer den Mohamedancrn wohnen auch Christen und Juden daselbst. Die griechischen und armenischen Christen haben zwei Kirchen, 106 Zweites Buch. jede Parthei eine. Die der Griechen ist die größte und schönste; in ihr zeigt man das Grab des Bischofs Porphyri'us, auch sagt man, daß sie auf der Stelle stehe, wo die Eltern Jesu auf ihrer Reise aus Aegypten drei Tage verweilt hätten. Die Griechen haben einen Bischof in Gaza. Ein halb verfallenes Barfüßcrkloster dient jetzt nur den Mönchen zum Aufenthalte, die von Jerusalem nach Aegypten reifen. Die neue Stadt, die in einiger Entfernung von der alten liegt, wurde nach der Schwester des Kaisers Konstantin des Großen Konstan- tia genannt; gewöhnlich aber heißt sie Neu-Gaza. J„ ihr befinden sich mehrere Moscheen. Sie hat keine Mauern und Thore, sondern ist nur mit einem Erdwalle gegen die Einfälle der Araber versehn. Die Straßen sind ziemlich breit, aber etwas uneben. Die Häuser sind zum Theil aus gehauenen Steinen, aus Trümmern früherer Gebäude, zum Theil aus Ziegelsteinen erbaut, größtentheils nur ein Stockwerk hoch und mit einem platten Dache, das aus Erde besteht, versehn. Es befinden sich mehrere Brunnen in der Stadt, die sehr tief sind und allein das erforderliche Wasser liefern. Man zählt in ihr gegen 8000 Einwohner, und ihr Umfang beträgt ohngefähr eine Stunde. Sie ist sehr belebt wegen des Handels, der zwischen Syrien und Aegypten statt findet, für welchen Gaza der Mittelpunkt ist. Den Berg, auf welchen Sim- son die Stadtthore getragen haben soll, und den man Hebron nennt, zeigt man ohngefähr 800 Schritte von dem Orte entfernt, wo der Sage nach das Thor stand, und der durch zwei Marmorsäulen bezeichnet ist. Nächst Gaza, etwas nordöstlich, trifft man Gath oder Geth, bei Josephus auch Gitta genannt, eine alte Stadt der Philistäer, aus welcher der Riese Goliath gebürtig war (1. Sani» 17, 4.) und nach welcher die Philistäer auch Ga- thitcr genannt wurden. Später kam sie an den Stamm Dan. Rehabeam ließ sie befestigen, Usia aber ließ ihre Mauern wieder schleifen, weil die Einwohner der Stadt ihm den Gehorsam versagten. Jetzt ist Gath ein Dorf in einer mit Palmen und Feigenbäumen bepflanzten Gegend. Noch weiter nordostwärts lag Ziklag oder Sikeleg, 6 Stunden von Gaza, am Bache Sorek, eine Stadt der Reisen der Eltern Jesu. 107 Phi'li'stäer, welche von dem Philistäerkönkge AchiS dem Könige David als Eigenthum desselben abgetreten wurde (1. Sam. 27, 6.). In dieser Stadt lebte David drei Jahre lang bis zum Tode Sauls. Jetzt ist Ziklag ein armes Dorf, von Arabern bewohnt. Gerade nordwärts über Gaza lag Askalon, eine alte Stadt der Philistäer, fast eben so beträchtlich als Gaza, von welcher sie 4 bis 5 Stunden entfernt war, in einer fruchtbaren Gegend, an der Meeresküste, ohnweit der Mündung des Baches Sorck. In dieser Stadt befand sich ein Tempel der Venus, die bei den Syrern unter dem Namen Astarte verehrt wurde, und bei den Philistaern Dercetto hieß. Askalon wurde von Judas Makkabäus erobert und befestigt. Herodcs der Große war daselbst geboren und wurde daher, um ihn von seinen Nachfolgern, die ebenfalls den Namen Herodcs führten, zu unterscheiden, der Askalonitcr genannt. Jetzt ist Askalon ein halbwüstes Dorf, dessen Einwohner sich mit dem Anbau der Baumwollenstaude beschäftigen. Es liegt in einem kleinen Kessel und wird von der noch zum Theil erhaltenen alten Ringmauer umgeben, in welcher auch noch einige Thürme vorhanden sind.- Ringsum liegen die schönsten und prächtigsten Ruinen, unter denen sich einige Granitsäulen von dem Palaste Herodcs des Großen vorzüglich auszeichnen; denn Herodes hatte sehr viel zur Verschönerung der Stadt gethan. Auch trifft man die traurigen Ueberreste einer christlichen Kirche daselbst an. Merkwürdig ist noch ein tiefer Brunnen, in welchem man, sogar zu Pferde, bis auf den Grund auf einem ringsum gehenden Pfade gelangen kann, und aus welchem man das Wasser mit Maulthieren holt. Die halb verfallenen Stadtmauern bilden einen halben Mond, dessen Hörner nach dem Meere zu gerichtet sind. Sonst hatte Askalon einen Hafen, der jetzt zerstört ist. Auch war sonst ein Bischof daselbst. Im zwölften Jahrhunderte wurde diese Stadt von Balduin III. und Balduin IV. erobert. In einiger Entfernung von Askalon gegen Morgen lag Kiriath - Jearim, das heißt: die Waldstadt, weil sie sich mitten im Walde befand, die auch Kiriath - Baal genannt wurde, nach dem Götzen, den man daselbst verehrte (Jos. 15, 108 Zweites Buch. 9. u. 60.). Diese Stadt gehörte spater zu dem Stamme Juda. In ihr wurde die Bundeslade, nachdem dieselbe von den Philistäern weggeführt worden war, eine Zeitlang aufbewahrt (1. Sam. 7, 1. u. 2.). Nordwärts über Askulon gelangte man nach Azot, einer der Residenzen der fünf Philistäerfürsten (Jos. 13, 3.), welche von den Juden Asdod genannt wurde und die spater zu dem Stamme Juda gehörte. Hierher brachten die Phi- listäer die den Juden abgenommene Bundcslade (1. Sam. 5, 1 — 5.), die sie in dem Tempel ihres Götzen Dagon aufstellten, aber bald wieder fortschaffen ließen, weil sie ihr die Unfälle beimaßcn, welche dem Götzenbilde widerfahren waren. Azot war 10 Stunden von Gaza entfernt und war so stark befestigt, daß der Aegyptische König Psammetichus sie nur nach einer Belagerung von 29 Jahren erobern konnte. In der Folge wurde sie mchreremale erobert und wieder erobert. Der Makkabäer Judas entfernte den Götzendienst aus ihr, und Jonathas zerstörte den Tempel des Dagon. Diese Stadt hatte eine vortheilhafte Lage in einer fruchtbaren Gegend. Zu ! Hieronymus Zeiten war Azot noch eine ansehnliche Stadt und der Wohnsitz eines Bischofs; jetzt aber findet man an ihrer Stelle nur ein Dorf, das die Araber Esdud nennen. Unter den verfallenen Mauern bemerkt man auch die Ueberreste einer christlichen Kirche. Das Christenthum wurde daselbst durch den Apostel Philippus verbreitet (Apostelg. 8, 40.). Noch weiter nördlich lag Ekron oder Akkaron (Jos. 15, 45.), ebenfalls eine der Fürstenstädte der Philistäer, welche die Juden später eroberten. Hierher brachte man die Bundcslade von Asdod; allein die Einwohner der,Stadt wollten sie nicht in ihrer Mitte behalten, und so beschloß man, sie den Jsraeliten zurückzugeben (1. Sam. 5, 7 —10.). In Ekron befand sich ein Tempel des Baalsebub und ein Orakel dieses Götzen, an welches sich der König Achasjah, als er einen gefährlichen Fall gethan hatte, wendete (2. König. 1, 2.)*). Alexander Balas, König von Syrien, der mit *) B a alsebub oder Beelzebub heißt: der Flicgengott, weil man diesen Götzen zur Wcrtreibung der Fliegen anrief. Die Juden, die diesen Götzen fürchteten, nannte» den obersten der Teufel Beelzebub (Luk. 11, 15.). Reisen der Eltern Jesu. 109 dem Makkabäer Jonathas ein Bündniß geschlossen hatte, machte diesem in der Folge ein Geschenk mit Ekron, das noch zu der Zeit des heiligen Hieronymus ein ansehnlicher Ort war. Jetzt aber trifft man unter diesem Namen nur ei» elendes Dorf an. Auf der fernern Reise längs der Meeresküste hinauf kam man von Ekron nach Jabneel oder Jabneh (Jos. 15, 11.), eine Stadt an der nördlichen Grenze des Landes der Phili- stäcr mit einem Hafen, die von den Römern und Griechen Jamnia (1. Makkab. 6, 58.) genannt wurde. Der König Ufias hatte ihre Festungswerke zerstören lassen; der Kaiser Au- gustus gab sie an den König Herodes, und in den frühern Zeiten des Christenthums war sie der Wohnsitz eines Bischofs. Nach der Zerstörung Jerusalems wohnten viele Juden in ihr, die daselbst auch Schulen hatten. Jetzt ist sie nur ein Dorf Namens Jabne, in welchem mau einen künstlichen Hügel antrifft, dessen Zweck man nicht zuverlässig kennt. Einen ähnlichen Hügel findet man in dem von Jabne nicht weit entfernten Dorfe Hesi, das von Beduinen bewohnt wird. Dieser Hügel hat eine Höhe von 70 Fuß und ist 150 Fuß breit und 200 Fuß lang. Uebecall ist er mit Steinen ausgelegt und auf seiner Spitze findet man noch einige Ueberreste von einer ehemaligen Burg. Von Jamnia führte der Weg weiter nordwärts nach Joppe, einer Stadt, welche für eine der ältesten auf der Erde gehalten wird, da sie, nach der Aussage des Hieronymus, von Japhct gegründet seyn soll. Von den Hebräern wurde sie Japho (Jos. 19, 46.), d. i. Schönheit genannt, welchen Namen ihre Lage rechtfertigt; denn sie befand sich auf einer Anhöhe, von welcher man die schönste Aussicht auf das Meer und auf das umliegende Land hat. Man behauptet auch, daß bei Joppe der Ort gewesen sey, wo Andromeda von dem Perseus befreit wurde, und zeigt noch jetzt den Felsen, an welchem sie angekettet gewesen seyn soll. Joppe war auch eine der berühmtesten Städte in Palästina, da bei ihr ein wichtiger Hafen sich befand, der einzige, den die Juden an dem mittelländischen Meere besaßen. Von ihm aus trieben sie einen nicht unbedeutenden Sechandel und zur Zeit des Pompejus sogar Seeräubcrei. Da der Hasen von Felsen ein- 110 Zweites Buch. geschlossen ist und den Nordwinden offen steht, so wird er leider für die Schiffe öfter gefährlich, weil diese von den Winden an die Klippen geschleudert werden. In diesem Hafen langte das Holz an, welches der König Hiram dem Könige Salomo zum Tempelbaue sendete (2. Chron. 2, 16.), und welches die Sidonier und Tyrer später, nach der Babylonischen Gefangenschaft, dem Scrubabel für gleichen Zweck lieferten. Hier schiffte sich der Prophet Jonas ein (Ion. 1, 3.), um sich nach Tartcssus in Spanien zu begeben, und nicht weit von dem Hafen wurde derselbe in das Meer geworfen. Die Stadt Joppe wurde mehreremale belagert und erobert. Jo- nathas Makkabäus nahm sie ein (1. Makkab. 10, 74—76.) und der Makkabäer Simon that dasselbe, befestigte sie aber auch und ließ den Hafen von dem darin befindlichen Schlamme reinigen (1. Makk. 14, 5. u. 34.). Vespasianus ließ Joppe der Erde gleich machen und auf der Stelle der Stadt eine Burg erbauen. Plinius spricht von einem Tempel, der sich in Joppe befand und welcher der Göttin Dercctto geweiht war. Diese Stadt hatte das Glück, daß in ihr das Christenthum am frühesten verkündigt wurde; denn der Apostel Petrus hielt sich daselbst auf und wurde dort von seinem Vor- urtheile befreit, daß das Christenthum nur für die Juden, aber nicht für die Heiden bestimmt sey (Apostelg. 10.); auch rief er daselbst ein Weib, Namens Tabea, in das Leben zurück (Apostelg. 9, 36 — 42.). Er wohnte in dem Hause eines Gerbers Simon (Apostelg. 9, 43. u. 10, 6.), das nicht weit vom Meere entfernt war. Auf der Stelle dieses Hauses soll das Kloster Terra Santa erbaut worden seyn, das dem Kloster St. Salvator in Jerusalem gehört und zur Aufnahme der Fremden, die Palästina besuchen, eingerichtet ist. Später bekam die Stadt den Namen Jaffa, den sie noch jetzt hat. Unter diesem Namen wurde sie zur Zeit der Kreuzzüge wichtig; denn in ihrem Hafen langten die Kreuzfahrer an, und der König Balduin I. hatte viel zu ihrer Befestigung und Verschönerung gethan, so daß sie zu seiner Zeit die ansehnlichste und blühendste Stadt in Palästina war. Allein sie blieb dieses nicht lange; denn 1188 kam sie wieder in die Hände der Saracenen und 1517 ging sie an die Türken über. Reisen der Eltern Jesu. 111 Noch jetzt schiffen sich die Pilger, welche Jerusalem besuchen wollen, das 12 Stunden von Jaffa entfernt ist, in dieser Stadt aus; aber das jetzige Jaffa hat ein etwas ärmliches ' Ansetzn. Zwar gewährt die Stadt vom Meere aus gesehn eine gefällige Ansicht, da sie sich von dem steilen Ufer aus an dem Abhänge eines Berges erhebt, und die Häuser, Mo- l scheen und Thürme zierlich über einander hervorragen; allein die Stadt ist klein, die Gassen darin sind winkelig und uneben und die Häuser klein und plump, da sie aus großen Quadersteinen bestehn. Der Hafen wird von Klippen gebildet, die in einem Halbmonde herum liegen; er ist klein und sticht, so daß die großen Schiffe eine halbe Stunde vom Ufer mitten im Meere die Anker auswerfen müssen; und hat eine gefährliche Brandung, bei welcher die Wogen haushohen Schaum bilden. In dem Hafen erblickt man die Ruinen eines ehemaligen Kastells. Das obengenannte lateinische Kloster Terra Santa hat eine schöne Lage am Hafen, aber keinen gefälligen Eingang, da derselbe durch den Stall führt. Die Kirche des Klosters ist eine in den Felsen gehauene feuchte Grotte, 14 Schritte lang und breit und ohngefähr 12 Fuß hoch, in welche das Licht von oben herein fällt. In dem Kloster wohnen Franziskaner, deren Zahl in den neuesten Zeiten nur 13 war. Die Einwohner der Stadt sollen sich auf 3600 belaufen, unter denen gegen 700 Christen sind. Juden halten sich nicht daselbst auf. Um Jaffa befinden sich sehr fruchtbare Gärten, welche durch Schöpfräder fortwährend bewässert werden. Diese Gärten liefern äußerst wohlschmeckende Feigen und Orangen von lieblicher Süße. Wassermelonen werden zu ganzen Schiffsladungen von Jaffa nach Alexandrien und Kairo l verführt, und das trefflichste Gemüse wird ebenfalls in Menge gebaut. Von Gaza bis Joppe erstreckt sich eine Ebene, welche die Juden vorzugsweise die Ebene, Sephela, nannten, und welche jetzt Falestin heißt und eine Breite von 2 bis 3 deutschen Meilen hat. Sie ist an vielen Stellen sehr fruchtbar und gleicht daselbst einem Garten mit vielen Fruchtbäumen und schön blühenden Gewächsen und mit trefflichen Melonen und Gurken. 112 Zweites Buch. Nördlich über Jaffa beginnt die Ebene Saron, d. i. Eichenhain, die sich in der Lange bis an das Gebirge Kar- mel über Cäsarea erstreckt und in der Breite von Jaffa bis Ramatha geht. Sie ist noch schöner und fruchtbarer als die Niederung zwischen Jaffa und Gaza, und wurde daher von dem Propheten Jesaias sehr gerühmt (Jes. 35, 2.). Sie enthält treffliche Viehweiden; in ihr wird die beste Baumwolle des ganzen Morgenlandes gebaut, und ist sehr reich an Gurken. Sie würde noch weit fruchtbarer seyn, wenn sie besser angebaut würde; allein sie liegt größtenthcils öde. In dieser Ebene befand sich zu den Zeiten Josuas eine ansehnliche Stadt Namens Sarvna, auch La saron (Jos. 12, 18.), in welcher ein König wohnte, und die auch in der Apostelgeschichte erwähnt wird (9, 35,). Jetzt nimmt ihre Stelle ein elendes Dorf ein, das noch Saron heißt und auf einer Anhöhe nicht weit von Jaffa, nordöstlich von dieser Stadt liegt. Von Joppe führte der Weg weiter nördlich nach An- tipatris, einer Stadt, welche Hcrodes der Große erbaut und nach seinem Vater Antipater benannt hatte. Sie lag auf einer Stelle, die früher Kapharsaba hieß, in einer Gegend, welche durch ihre Haine und Quellen einen sehr angenehmen Aufenthalt gewährte. Auf der einen Seite der Stadt floß ein ansehnlicher Bach, und auf der andern befand sich ein Wald, dessen Bäume sich durch ihre Größe auszeichneten. In diese Stadt kam Paulus (Apostelg. 23, 31.), als Claudius Lysias ihn zum Statthalter Felix nach Cäsarea, das 7 Stunden von Antipatris entfernt ist, bringen ließ. Schon zu Hieronymus Zeiten war Antipatris halb zerstört, aber doch ein Bischofssitz; jetzt ist es ein mit Trümmern angefülltes Dorf. Die Stadt Cäsarea Palästina hat diesen Beinamen zum Unterschiede von Cäsarea Philipp! am Fuße des Libanon in Pcräa, und wird von Josephus auch Cäsarea am Meere genannt. In den alten Zeiten der Kanaaniter hatte ein König Pirgos seinen Wohnsitz daselbst. In der Folge hieß der'Ort die Stratonsburg, wahrscheinlich nach einem Hauptmanne des Königs Darius, welcher dort eine Burg hatte erbauen lassen, um welche sich nach und nach ein Städtchen Reisen der Eltern Jesu. 113 , bildete, das ziemlich unbedeutend war. Als dieses aber der Kaiser Augustus dem Könige Herodes dem Großen übergeben hatte, so verwandelte es dieser baulustige Fürst in seine große und prächtige Stadt. Er umgab sie mit einer < Mauer, ließ eine Wasserleitung errichten, erbaute einen prächtigen königlichen Palast aus weißem Marmor und ein großes /Amphitheater, auch einen Tempel, in welchem er eine Bildsäule des Kaisers Augustus aufstellte und der dem Kaiser gewidmet war, und nannte sie zu Ehren des Augustus Cäsa- rea, die Kaiserstadt. Dabei ließ er mit großem Kostenauf- wande und vieler Kunst einen trefflichen Hafen herstellen, der sehr bequem, sicher und geräumig war. Dieser wurde von einer steinern Mauer umschlossen, aus welcher mehrere Thürme standen und die mit bedeckten Gängen versehn war. Erst war der Ort nur von Syrern und Griechen bewohnt gewesen, jetzt aber siedelten sich auch Juden daselbst an, die jedoch mit den frühern Einwohnern fortwährend in Unfrieden lebten und daher endlich alle von jenen ermordet wurden. Durch ihre Bevölkerung und die Pracht ihrer Gebäude war Cäsarea eine der blühendsten Städte in ganz Syrien. Der Kaiser Vespasia- rius nannte sie eine römische Colonie und gab ihr den Namen Flavia, der aber nicht allgemein wurde. In Cäsarea befand sich der römische Hauptmann Cornelius, der zum Christenthums übertrat (Apostelg. 10.); denn es lag eine römische Besatzung von fünf Cohorten, ohngefähr 2000 Mann, in der Stadt. Hieronymus versichert, daß zu seiner Zeit das Haus, in welchem der Hauptmann Cornelius gewohnt habe, noch vorhanden gewesen, aber in eine Kirche verwandelt worden sey. Der zweijährige Aufenthalt des Apostels Paulus in dieser Stadt trug viel dazu bei, daß das Christenthum daselbst verbreitet wurde, obschon Paulus als Gefangener dort war. Daher wurde sie auch bald der Sitz eines Bischofs. Nach der Zerstörung der Stadt Jerusalem ward Cäsarea die Hauptstadt von ganz Palästina, bis der Kaiser Justinianus in Jerusalem das Patriarchat errichtete. Während der Krcuzzüge wurde die Stadt von Balduin II. mit Hülfe der Pisaner und Genueser im Jahre 1101 erobert und zum Wohnsitz eines brzbischofs gemacht, was sie bis zur Eroberung durch die 8 114 Zweites Buch. Saracenen verblieb. Jetzt ist diese ehemals so herrliche Stadi gänzlich in Trümmer zerfallen; aber man findet nur schöne Ruinen, Ueberrcstc von kostbaren Marmorsäulen und prächtigen Gebäuden, auch mit Gräben umgebene Mauern, unter denen hie und da elende Fischerhütten stehn. Der Hafen ist gänzlich verfallen. Noch führt der Trümmerhaufen den alte» Namen, denn die Araber nennen ihn Kaisarie. Die Stadt lag auf einem Vorgebirge, das eine Halbinsel bildet, ohnge- fähr 30 Stunden nördlich von Jerusalem. Ohngefähr 5 Stunden nordwärts von Cäsarea trifft man an dem Meere die Ruinen von Dor an, einer alten Stadt, die zu Josuas Zeiten einen König hatte (Jos. 12, 23.), u») welche später eine der südlichsten Städte in Galiläa war. Der Stamm Manaffe, der sie zu seinem Antheile bekommen hatt?, verbannte die Einwohner nicht daraus, sondern ließ sich von ihnen nur Tribut entrichten. Zur Zeit der Makkabäec war Dor eine bedeutende Festung, in welcher Tryphon von dm Könige Antiochus Soter eine geraume Zeit belagert würd?, ehe dieser mit seinem starken Heere sie erobern konnte. Hicro- nymus aber schreibt, daß sie zu seiner Zeit verwüstet gewesen sey. Hingegen während der Krcuzzüge war sie wieder ansehnlich und der Sitz eines Bischofs. Jetzt ist wenig mch von ihr vorhanden und an ihrer Stelle befindet sich nahe an> Meere vor einem Vorgebirge ein Dorf, das Tartura heißt und eine fruchtbare Umgegend hat, die treffliches und reich!, Getreide liefert, mit welchem die dort wohnenden Araber Handel treiben. Nahe dabei liegt das Pilgerkastell, welches von dk« Christen und zwar, wie man sagt, auf Veranstaltung dks Grafen Raimund von Toulouse am Meere erbaut wurde, im den nach Jerusalem reisenden Pilgern Sicherheit zu gewähre»! denn diese wurden hier aufgenommen und bekamen von da eine Bedeckung mit bis nach Jerusalem. Es ist in einer schönen Gegend, auf einem Berge erbaut, der gleich einer Eckzunge hinaus ins Meer ragt und an dem die Brandung dis Meeres öfter so stark ist, daß man ihr Tosen in weiter Fe« vernimmt. Jetzt ist es etwas verfallen; denn man find" Ueberreste von Gewölben und von einem großen Gebäude, das Reisen der Eltern Jesu. 115 wie der Chor einer Kirche aussieht; auch stehn drei halbverfallene Thürme dabei, die außerordentliche dicke Mauern von großen gehauenen Steinen haben, und die unten vom Meere bespühlt werden. Sonst befand sich auch eine Kapelle daselbst und ein Palast des Großmeisters der Tempelherrn, die einen starken Thurm nahe dabei hatten erbauen lassen, um von demselben über die Sicherheit der Wege zu wachen. Bei diesem Kastell ist ein leidlicher Hafen und eine fruchtbare Umgegend. In den neuern Zeiten lag eine türkische Besatzung darin. Nachdem die Eltern Jesu in Dor angekommen waren, hatten sie nicht mehr weit bis Nazareth. Hier langten sie nach langer Abwesenheit mit ihrem Sohne glücklich an und lebten nun in stiller Zurückgezogenheit ungestört daselbst, wahrscheinlich in dem Hause Josephs, das die Kaiserin Helena in eine Kirche umgestalten ließ, aus welcher aber die Mohame- daner eine Moschee gemacht haben, obgleich ihnen viel geboten wurde, wenn sie dieselbe als Kirche den Christen überlassen wollten. Zweihundert Schritte von dieser Moschee befindet sich eine treffliche Quelle, welche man die Quelle der Maria nennt, weil man behauptet, daß Maria daraus das Wasser für die häuslichen Bedürfnisse geholt habe. Die Kaiserin Helena hatte an derselben schöne Becken und Behälter anbringen lassen, von denen noch Ueberreste vorhanden sind. VII. Reise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne nach Jerusalem zum Osterfeste. iLukas S, L1. u. L2-> Jesu Eltern pflegten alljährig nach Jerusalem zu reisen, »m das Passahfest dort zu feiern und so dem Gesetze Gehorsam zu leisten, das alle männlichen Nachkommen Abrahams verpflichtete, wo möglich dreimal des Jahres, nämlich am Paffah- oder Osterfeste, am Psingstfeste und am Laubhütten- siste an dem Orte zu erscheinen, wo dem Herrn, ihrem Gott die gebührenden Opfer dargebracht wurden. Als fromme Verehrer des Mosaischen Gesetzes ging ihr Bestreben dahin, auch ihren Sohn an die gewissenhafte Beobachtung desselben früh- 8 * 116 Zweites Buch. zeitig zu gewöhnen; daher säumten sie nicht, ihn nun, als er in ein Alter getreten war, wo er nicht allein die weite Reise eher auszuhalten vermochte, sondern wo auch der Verstand sich mehr zu entwickeln beginnt, mit sich nach Jerusalem zur Feier des Passahfestes zu nehmen. Dieses geschah, als Jesus zwölf Jahre alt war, in einem Alter, wo er die Bedeutung jenes Festes wohl kannte und dessen Wichtigkeit gewiß hinlänglich fühlte. Denn es läßt sich zuverlässig annehmen, daß seine Eltern es ihm nicht an dem nöthigen Unterrichte hatten fehlen lassen, wenn auch die Evangelien davon nichts berichten. Das Mosaische Gesetz (2. Mos. 12, 26. u. 27 u. 5. Mos. 6, 20. u. 21.) macht es ja den Eltern zur Pflicht, frühzeitig für den religiösen Unterricht ihrer Kinder Sorge zu tragen. Sobald daher der Sohn zu sprechen begann, belehrte ihn der Vater in kurzen Sätzen über Gott und dessen Gebote *). Konnte das der Vater nicht selbst thun, so schickte er seinen Sohn zu einem Lehrer; denn in jedem Orte, der 120 Familien zählte, wurde ein Lehrer angestellt, der ein frommer und rechtlicher Mann seyn mußte, der fertig lesen konnte und auch eine gute Unterrichtsweise hatte. Mit dem dritten Jahre wurde den Knaben die Kenntniß der Buchstaben beigebracht, so daß sie mit dem fünften Jahre zum Lesen der heiligen Schriften angehalten werden konnten. Der Anfang hierin wurde gewöhnlich mit dem dritten Buche Mosis gemacht. Daß das Lesen der heiligen Schriften schon frühzeitig getrieben wurde, ergibt sich aus 2. Limoth. Z, 15. Zugleich wurden auch Stellen derselben auswendig gelernt, um das Gedächtniß zu üben. Dieser Elementarunterricht dauerte bis zum zehnten Jahre der Knaben, worauf man den höher« Unterricht mit ihnen begann, und worauf sie auch mit umso größerem Nutzen dem Vorlesen der heiligen Schriften in de« Synagogen beiwohnen konnten. *) Das hier über den Unterricht der Judenkinder Gesagte ergibt sich aus der -Mischn a, weiche ein Theil des Talmuds ist. Der Talmul aber ist eine erst nach Christus verfertigte Schrift der Juden, die gleichsam ihr ganzes Civil- und Kirchenrecht enthält und eigentlich eine Erweiterung und'-Vervollständigung des Mosaischen Gesetzes ist. Er besteht aus zwn Theilen, aus der Misch na und Gemara. Die Mischna heißt auch da- zwcite Gesetz und enthalt die mündlichen Ueberlieferungen der Wätcri die Gemara aber gibt die Auslegungen und Erklärungen der Rabbinern Reisen der Eltern Jesu. 117 Daß Jesus auf ähnliche Weise unterrichtet worden seyn und die Synagoge zu Nazareth fleißig besucht haben mußte, zeigte sein Benehmen im Tempel unter den Lehrern. Da er mit Hähern Geistesgaben ausgerüstet war und eine große Wißbegierde besaß, so mußte jener Unterricht einen um so bessern Erfolg bei ihm haben und er um so mehr- voller Weisheit werden, wie der Evangelist es von ihm rühmt (Luk. 2, 40.). Dazu kam noch, daß der Mutter frommer Sinn und feines Pflegevaters Rechtlichkeit nicht ohne günstigen Einfluß auf ihn bleiben konnten und ihn desto mehr dem Heiligen zuwenden mußten, dessen Beförderung unter den Menschen er bald als seinen Beruf erkannte. Nicht unwahrscheinlich ist es auch, daß er Manches von den Hoffnungen, die seine Mutter von ihm hegte, von den Erwartungen, zu denen die besondern Umstände seiner Geburt und seiner frühesten Kindheit berechtigten, vernommen hatte, so daß er um so mehr veranlaßt wurde, in sich selbst den künftigen Messias seines Volkes zu sehn, vorzüglich da bei ihm so Manches zusammentraf, z. B. seine Abstammung aus dem Davidischen Geschlechte und seine Geburt zu Bethlehem, was die Propheten als dem kommenden Messias eigenthümlich bezeichnet hatten. Und da ihm das heiße Sehnen und Verlangen seines Volkes nach dem verheißenen Messias nicht verborgen bleiben konnte, so mußte in seinem empfänglichen Gemüthe der Wunsch um so stärker erwachen, als der Heißersehnte dereinst aufzutreten; und dadurch mußte er desto mehr sich angetrieben fühlen, Alles zu thun, was jene hohe Würde ihm gewähren und sichern konnte. Daher war das Anhören und eigne Lesen der heiligen Schriften gewiß seine vorzüglichste Beschäftigung schon in seiner frühen Jugend/um durch das Eindringen in den Sinn und Geist derselben den Beruf und die Wirksamkeit des Messias sich deutlicher darzulegen. In solcher Verfassung seines Geistes und Gemüths' trat Jesus im zwölften Jahre seines Alters mit seinen Eltern die Reise nach Jerusalem an, voll hoher Erwartung dessen, was er dort, gleichsam in der Nähe Gottes, erfahren und für seinen Beruf gewinnen würde. Von Nazareth aus konnten die Reisenden ihren Weg über den Fluß Cison nach Endor nehmen. Der Fluß Cison, 118 Zweites Buch. oder Ki schon, im Sommer nur ein kleiner Bach, wird von den jetzigen Bewohnern Palästinas Mokatta genannt und soll am Berge Thabor entspringen und sich alsdann in zwei Arme theilen, von denen der eine in das galiläische, der andere aber in das mittelländische Meer sich ergießt. Endor war eine alte Stadt, die dem Stamme Manasse gehörte. Saul, der die Zauberer in seinem Reiche hatte umbringen lassen, suchte hier, verkleidet am Vorabende der Schlacht, in welcher er sein Leben endigte, eine Wahrsagerin auf (1. Sam. 28, 7. u. ff.). Zu Hieronymus Zeiten war Endor noch ein Flecken, der im Thale Jesreel lag; jetzt aber sind davon nur Trümmer vorhanden, unter denen man noch die Grotte jener Wahrsagerin zeigt. Nach Hieronymus befand sich in der Nähe von Endor ein Mönchskloster an dem kleinen Hermon, einem Berge, der in jener Gegend liegt. Jetzt liegt in der Nähe der ehemaligen Stadt ein Dorf, Denuni, das 2^ Stunde von Nazareth entfernt ist. Das Thal Jesreel, in welchem Endor lag, heißt auch die Ebene Jesreel oder Esdrelon, und die große Ebene, jetzt Merdsch-Jbn-Amer, d. i. die Wiese oder Aue des Sohnes Amer. Sie beginnt unterhalb Nazareth und dem Berge Thabor und erstreckt sich südlich bis zu dem Gebirge Ephraim; von Abend nach Morgen aber geht sie von dem Gebirge Karmel quer durch Galiläa bis an den Jordan, wo sie sich mit einer kleinern Ebene Namens Saron verbindet, die nicht mit der früher erwähnten an der Küste des mittelländischen Meeres verwechselt werden darf. Sonst hatte diese Ebene großen Ueberfluß an den vorzüglichsten Früchten » Palästinas; jetzt aber, obschon nicht minder fruchtbar als sonst, liegt sie größtenteils öde, weil es an Menschen fehlt, die sie bebauen, und wird nur von den umherziehenden Arabern als Weideland benutzt. Zu verschiedenen Zeiten war sie der Schauplatz merkwürdiger Schlachten; denn auf ihr focht der König Saul gegen die Philistäer, auf ihr kämpften im Mittelalter die Kreuzfahrer gegen die Saracenen und dort lieferten in der neueren Zeit die Franzosen den Türken eine Schlacht. Ferner konnten die Reisenden auf ihrem Wege nach Jerusalem nach Bethet ziehn, das zwar in dem neuen Testa- Reisen der Eltern Jesu. 119 mente nicht genannt wird, aber doch zu Jesu Zeiten noch vorhanden war. Diese Stadt hieß früher Lus, von der großen Anzahl Mandelbäume, die in ihrer Umgegend wuchsen; später aber wurde dieser Name mit dem Namen Bethel, d. i. Gotteshaus vertauscht, weil Jakob in jener Gegend den Traum wn der Gottesleiter hatte und alsdann dort Gott einen Altar aifrichtete (1. Mos. 28.). Sie lag auf dem Gebirge Ephraim md hatte zur Zeit der Kanaaniter mit der nahe dabei besind- kcheu Stadt A i einen König (Jos. l 2, 9.). Nachdem sie von H'osua erobert worden war, kam sie an den Stamm Benja- nin und diente eine Zeitlang der Bundeslade zum Aufenthalte. Zur Zeit der Richter wurden in ihr die jährlichen allgemeinen Gerichtstage gehalten, und zur Zeit der Propheten Ellas und stlisa war sie ein Hauptwohnsitz der Propheten und ihrer Familien. Bei der Trennung des jüdischen Reichs kam sie an las Reich Israel und war eine der südlichsten Städte defsel- b'n. Als der König Jerobeam ein goldncs Kalb zu Bethel abgestellt hatte, um das Volk dem Götzendienste zuzuwenden und es dadurch von den Reisen nach Jerusalem abzuhalten (1. Tönig. 12, 28. u. 29.), nannten diejenigen Juden, welche dem Hause David treu geblieben waren, Bethel Bethaven, d. l. das Haus der Nichtswürdigkeit oder Ungerechtigkeit (Ho'ea 10, 5.). Diesen Namen gab man aber auch der wüsten und rauhen Gegend zwischen Bethel und Jericho (Jos 18 , l2.) und wahrscheinlich hieß auch früher eine Stadt in der Rahe von Bethel also (Jos. 7, 2.). Erst durch den König Fosias wurde der Götzendienst zu Bethel abgeschafft (2. König. !Z, 15.). Diese Stadt, die sonst eine der angesehensten in Samaria war, ist jetzt so gänzlich verschwunden, daß man mr nach wenig Trümmern ihre Lage bestimmt, die ohngefähr ä Stunden von Jerusalem und 7 Stunden von Sichem zwi- shen beiden Städten angenommen wird. Ein nahe dabei befindlicher, ziemlich hoher Berg, soll die Stelle enthalten, auf welcher Jakob ruhte und seinen Traum hatte. An dem Abfange dieses Berges bemerkt man ausgezeichnete Ueberreste ei- !m schönen Kirche und wahrscheinlich auch eines Klosters, welche beide von der Kaiserin Helena erbaut worden seyn sollen. Auch findet man außerdem noch Trümmer einer Kapelle, 120 Zweites Buch. die bei jener Kirche gestanden hat. Endlich sieht man an dem Fuße des Berges noch ein steinernes Denkmal, welches das Grab der Dcbora, der Amme der Rebecka bezeichnen soll (1. Mos. 35, 8.). Das Gebirge Ephraim oder Israel, in welchem Bethe! liegt, erstreckt sich von der Ebene Esdrelon bis Hera! nach Jerusalem. Es war im Ganzen fruchtbar und ist noy s jetzt ergiebig, da wo die Thäler angebaut werden; die Berge waren größtentheils mit Holze bewachsen; nur der in der Näh! des Jordans befindliche Theil desselben ist kahl, wild und rauh voller Schluchten und Höhlen, weshalb er auch den Rauben einen bequemen Aufenthalt bietet. Einige einzelne Berge, z. B. der Berg Garizim, zeichnen sich darin aus, weshalb ach später noch besonders ven ihnen die Rede seyn wird. In der Nähe von Bethet an einer Schlucht lag wahrscheinlich die Levitenstadt Bethoron oder Bethchoroi (Jos. 21, 22.), die eigentlich aus zwei nicht weit von cinau der liegenden Städten bestand, aus Ober- und Nieder-Bey- oron, und die durch einen Sieg berühmt wurde, den Judas Makkabäus in ihrer Nähe über Nikanor erfocht (1. Nakk. 7, 39.). Jetzt ist keine Spur mehr von ihr Vorhände.". Auf dem Wege von Bethe! nach Jerusalem kam. man nach Gibeon oder Gabaon, eine alte ansehnliche Stadh die in den frühesten Zeiten eine republikanische Verfassung hatte. Als Jofua das gelobte Land eroberte, brachten es die Einwohner derselben durch Betrug dahin, daß der jüdische HeerfülM ^ ein Bündniß mit ihnen schloß (Jos. 9.); dafür machte sie abe: ^ Jofua auch nach entdecktem Betrüge zu Tempelsklavcn, welch , die niedrigsten Dienste in der Stiftshütte verrichten mußte!. . Als jedoch hierauf fünf Kanaanitische Könige Gibeon belage- t-en (Jos. 10.), so nahm sich Jofua der Stadt an, trieb de Feinde bis inS Thai Ajalon und schlug sie noch vor Sonne>- unteigang daselbst völlig. Als die Philistäer die Bundesla)! zurücksendeten; wurde sie in Gibeon so lange aufbewahrt, bi> David sie nach Jerusalem bringen ließ. In der Nähe diese Stadt bei einem Teiche trug Joab einen vollständigen Sie; über Jsboseths Heer davon, das Abner befehligte (2. Sam 2, 13.). In Gibeon errichtete Salomo einen Altar un> Reisen der Eltern Jesu. 121 brachte daselbst dem Herrn eine Menge Brandopfer dar (1. König. 3, 4.). Hier lebte auch der falsche Prophet Hananja, der seine Erdichtungen den Weissagungen des Propheten Je- rcmias entgegenstellte (Jerem. 28, 1.). Gibeon war eine Le- vitenstadt geworden und lag in dem Gebiete des Stammes Benjamin; so ansehnlich aber diese Stadt auch war, so erblickt man doch jetzt keine Spur mehr von ihr. Einige Reisende setzen ein Dorf Geb auf ihre Stelle. Nahe bei Gibeon befand sich Ajalon oder Ahialon, eine Lcvitenstadt (Jos. 21, 24.), welche Rehabeam befestigte (2. Chron. 11, 10.), die aber später doch von den Phili- stäern eingenommen wurde (2. Chron. 28, 18.). Auch sie ist gänzlich von der Erde verschwunden. Sie lag in dem Thale oder auf der Ebene, wo Josua die fünf Kanaanitischen Könige schlug, welche gegen Gibeon herangezogen waren (Jos. 10, 12.). Diese Ebene soll ohngefähr 2 Stunden breit und 3 Stunden lang seyn; sie ist fruchtbar und von freundlichen Hügeln umkränzt. Näher an Jerusalem lag Gibea oder Gabaa, eine Stadt in dem Gebiete des Stammes Benjamin, die durch eine Schandthat ihrer Einwohner berüchtigt wurde (Richt. 19.) und dadurch beinahe die gänzliche Vertilgung des Stammes Benjamin herbeiführte. In ihr war der König Saul geboren, der sich auch darin einen Palast bauen ließ und dort wohnte (1. Sam. 10, 26,). In dem Kriege, den Sank gegen die Philistäer führte, war sie den letztem in die Hände gefallen, allein Jonathan nahm sie ihnen bald wieder ab (1. Sam. 13, Z.). Auch sie hat das Schicksal der vorgenannten Städte gehabt, denn es findet sich keine Spur mehr von ihr. Alle die genannten Orte lagen entweder auf dem Wege, den Jesu Eltern nach Jerusalem wählen konnten, oder doch in der Nähe desselben. Zur Zeit des Passahfestes waren alle Wege nach Jerusalem sehr belebt; denn in Schaaren zogen alsdann die Juden nach der Hauptstadt, indem sie Psalmen sangen und laut jubelten. Und nicht allein Männer zogen einher; sondern auch die Frauen, obgleich sie eigentlich nicht dazu 122 Zweites Buch. verpflichtet waren, nahmen gern Antheil an den Fcstreisen, wie wir es bei der Maria sehn. Das Passahfest, das auch das Fest der unge- ^ säuerten Brode und das Osterfest genannt wird, war zum Andenken an die Befreiung der Jsraelitcn aus der Aegyptischcn Knechtschaft angeordnet worden, sollte aber auch - vorzüglich zur allgemeinen Vereinigung der Juden dienen. ES ' begann des Nachmittags am 14. des Monats Nisan, welcher k der erste Monat in dem Kirchenjahre und der siebente deS k bürgerlichen Jahres war, und der um die Frühlings-Tag- und Nachtgleiche siel. Die Dauer des Festes betrug sieben Tage, an welchen blos ungesäuertes Brod gegessen werde» durste. Der 14. des Nisan hieß der Rüst tag, weil an ihm die Zubereitungen zum Feste getrosten wurden. An diesem Tage badeten und reinigten sich die Juden, ließen sich die Haare abschneiden, und entfernten allen Sauerteig auS dem Hause. An ihm wurde das Fest eingeblasen durch Hörner und Trompeten, und in den Vorhäfen des Tempels bc- hing man die Mauern mit Teppichen. Am Abende deffelbe» Tages wurde in jeder Familie oder in jeder Versammlung von 10 bis 15 Personen ein gebratenes jähriges Lamm oder ein jähriger Ziegcnbock mit bittern Kräutern gegessen (3. Mof 23, 5.). Der folgende Tag, der 15. des Nisan war der Hauptfesttag, ein völliger Ruhetag und blos der Andacht geweiht. Gleich nach Mitternacht wurden die Thore des Tempels geöffnet und nun zogen die Juden auf das schönste geputzt in Schaaren hinauf in den Tempel, so daß mit Anbrach des Morgens der Vorhof der Jsraeliten schon ganz angefüllt war mit denen, welche die gesetzlichen Brand- und Dankopfer darbringen wollten. Jeder mußte die dazu erforderlichen Thiere vom Hause mit sich bringen, oder wenigstens mit Geld versehn seyn, um sie sich zu kaufen. Bei den Opfern waren dir Priester aller Ordnungen anwesend und thätig; daher ging Alles sehr schnell von Statten, ohngeachtet eine ungeheure Menge von Menschen ankamen. Diese gingen in gewissen Abtheilungen durch das Opferthor auf der Mittagsseite in den innern Vorhof, und nach beendigtem Opfer zogen sie durch deS Opferthor auf der Mitternachtsseite wieder hinaus; daher konnt! Reisen der Eltern Jesu. 123 nicht leicht Unordnung oder ein hinderndes Gedränge entsteh». Während des Opferns sang die ganze Versammlung unter Anleitung der Vorsänger Psalmen und zwar hauptsächlich die Psalmen 113, 114, 115, 116, 117, 118 und 119; zuletzt wurde der Segen gesprochen. Wer keinen Raum im Tempel fand ging einstweilen in eine der Synagogen, deren es mehrere Hunderte in Jerusalem gab; und wer seine Opfer dargebracht hatte, that dasselbe, um das Gesetz vorlesen und erklären zu hören. Sobald die Sonne untergegangen war, wurde von bestimmten Abgeordneten die sogenannte Webegarbe der ersten Gerste abgeschnitten, um sie den folgenden Tag, am 16. des Nisan, mit den gesetzlichen Feierlichkeiten im Tempel darzubringen; denn die Ernte durfte vor dieser Feierlichkeit nicht begonnen werden; hierauf aber nahm sie sogleich nach dem Passahfeste ihren Ansang. Auch am 16. des Nisan wurden die Thore des Tempels, bald nach Mitternacht geöffnet, worauf sich das Volk abermals in dem Tempel versammelte und, nachdem die erste Gerstengarbe dargebracht worden war, die gewöhnlichen Opfer brachte. Die folgenden Tage wurden auf ähnliche Weise gefeiert. Der siebente Tag des Festes wurde eben so heilig gehalten als der erste, und an ihm durfte ebenfalls durchaus nicht gearbeitet.werden; an den übrigen Festtagen aber konnte man Geschäfte verrichten, ausgenommen am Sabbathe nicht, der zwischen diesen Tagen fiel. Allen Juden war bei-Strafe der Vertilgung aus dem Volke anbefohlen, das Fest mit allen Umstanden und Gebräuchen zu feiern. Wenn Privatpersonen dieses nicht den 14. des Nisan thun konnten, weil sie entweder unrein, oder auf Reisen befindlich waren, so mußten sie das Versäumte den 14. des folgenden Monats nachholen. Unreine, die das Fest zur rechten Zeit zu Jerusalem feiern wollten, gingen gewöhnlich einige Tage früher dahin, um sich erst für rein erklären zu lassen (Joh. 11, 55.), weil kein Unreiner Antheil an dem Feste nehmen durfte. Die. Zahl der am Passahfeste in Jerusalem versammelten Menschen war ungeheuer groß. Josephus berichtet, daß 255600 Osterlammer geschlachtet und gegessen wurden. Wenn nun etwa von jedem Lamme zehn Menschen aßen, so gibt dieses eine Summe von 2,556000 Menschen, wobei diejenigen 124 Zweites Buch. nicht gerechnet sind, die aus irgend einer Ursache keinen Theil am Passah nehmen konnten. VIII. Rückreise der Eltern Jesu mit ihrem Sohne von Jerusalem nach Nazarelh. ' iLukas 2, 43 —S2>. Nachdem Maria und Joseph Alles vollbracht hatten, was die gesetzliche Feier des Festes von ihnen erheischte, so traten sie ihre Rückreise nach Nazarcth an, ohne daß sie ihren Sohn bei sich unter-ihren Augen hatten. Sie beunruhigten sich auch anfangs über seine Abwesenheit nicht; den» wahrscheinlich war er während des Festes mchreremalc nicht in ihrer Nähe gewesen, wie es bei der großen Menschenmenge und dem dadurch entstandenen Gedränge leicht geschehn konnte, hatte sich aber alsdann wohl bei Bekannten befunden und war zur rechten Zeit wieder zu seinen Eltern gekommen. Daher glaubten diese auch jetzt, er befinde sich in der Gesellschaft der Bekannten, die mit ihnen von Nazareth in Jerusalem angekommen waren und jetzt auch wieder mit ihnen zurückreisten und entweder vor oder hinter ihnen wanderten. Als aber die ganze Caravans am Abende in der Herberge sich versammelte und sie ihren Sohn nirgends sahen und auch keine Nachricht von ihm empfingen, und als am andern Morgen ihre Nachforschungen nicht glücklicher waren, da wurden sie sehr für ihn besorgt, und nun eilten sie nach Jerusalem zurück. Keines von den ihnen Begegnenden konnte ihnen die gewünschte Auskunft geben; selbst in Jerusalem war ihr Suchen, wie leicht begreiflich, lange fruchtlos, und erst am folgenden Tage, nachdem sie wieder dort angekommen waren, fanden sie ihn in der Synagoge, die auf der Morgenseite des Tempelgcbäu- des, da wo die drei Hallen standen, sich befand, mitten unter den Lehrern, denen er aufmerksam zuhörte, die er wißbegierig fragte und welchen er auf ihre Fragen sehr verständig antwortete, so daß Alle, die ihn hörten, sich höchlich über ihn verwunderten. Denn diese Synagoge war nicht eine gewöhnliche, wo Stellen der heiligen Schriften blos vorgelesen und Reisen der Eltern Jesu. 12Z erklärt wurden, sondern in ihr belehrten die Rabbinen durch Fragen.und Fragenlassen ihre Schüler, die unter ihnen auf der Erde saßen. Hierher hatte sein Verlangen nach weiterer Belehrung und Hellern Aufschlüssen ihn getrieben, und hier fand er das Bedürfniß seines Geistes befriedigt; und da er von dieser Seite seinen Eltern schon bekannt seyn mußte, so sprach er auch zu den Verwunderten, als sie ihm sanfte Vorwürfe machten: „Wisset ihr nicht, daß ich seyn muß in dem, was meines Vaters ist?" womit er gleichsam sagen wollte: Hier hättet ihr mich suchen sollen, da es euch nicht unbekannt seyn kann, daß hier der rechte Aufenthalt für mich ist. So sehr er nun aber auch wohl wünschen mochte, hier länger zu verweilen, so leistete er doch seinen Eltern den gebührenden Gehorsam und ging mit ihnen nach Nazareth. Einer Sage zu Folge kehrten Maria und Joseph nicht auf dem Wege zurück, auf welchem wir sie nach Jerusalem begleitet haben; sondern sie wendeten sich bei ihrer Rückreise weiter westlich. Sie gingen durch das Thalthor oder das nachherige Joppethor und schlugen den Weg nach Emmaus ein, einer Stadt, die man nicht mit dem Flecken verwechseln darf, nach welchem Jesus, der Auferstandene, zwei seiner Jünger begleitete. Die Stadt Emmaus, welcher Name Bad bedeutet, die auch Ammao (1. Makk. 3, 40. u. Z7.) genannt wird, lag in der Ebene Judäa und in dem Gebiete des Stammes Juda, westlich von Jerusalem. Nach den von ihr noch vorhandenen Ueberresten zu urtheilen, muß sie von ansehnlicher Größe gewesen seyn. Sie war befestigt und theilte alle Kriegsschicksale, welche Jerusalem in den frühern und spätern Kriegen hatte. Nach der Verbreitung des Christenthums wurde sie der Wohnsitz eines Bischofs und bekam den Namen Ni- kopolis, Sicgesstadt, zum Andenken an den Sieg, den die Römer in ihrer Nähe unter dem Kaiser Heliogabalus davon getragen hatten. Jetzt liegt sie in Trümmern, welchen die Araber den Namen Kubebi geben. Weiter abendwärts von Jerusalem liegt Rama, eine Stadt, die Manche für das alte Arimathia halten, aus welchem Joseph, der Jesu Begräbniß besorgte, gebürtig war, ri»d woher auch Nikodemus seyn sollte. Allein Arimathia 126 Zweites Buch. war wohl eins mit jenem Rama, das näher bei Jerusalem, nordwärts von demselben lag, und von welchem schon früher " die Rede gewesen ist. Dieses Rama liegt auf dem Wege zwischen Jerusalem und Jaffa, und ist erst um das Jahr 718 nach Christus von dem Khalifen Suleiman Ben Abdolmelek erbaut worden. Der Weg von Jerusalem nach dieser Stadc ist sehr wüst und öde, äußerst beschwerlich, da er durch rauhe ; Felsenthäler und über Berge geht, und auch gefahrvoll, da > die Gegend für den Aufenthalt von Räubern sehr geeignet ist. Erst in der Nähe von Rama gestaltet er sich freundlicher; . denn dieser Ort, der auch Ramleh genannt wird, liegt in einer fruchtbaren Ebene, 4 Stunden vom Meere, und ist von Gärten umgeben, die Oel-, Feigen- und Granatbäume enthalten. Auch gibt es viele Palmen in seiner Nähe. Der Ort ist ohne Mauern, sehr reinlich und mit weißgetünchten Gebäuden versehn. Die Bevölkerung war sonst ansehnlich und es fand viel Verkehr daselbst statt; durch den Einfall der Franzosen aber unter Napoleon hat Rama sehr gelitten. In neuerer Zeit befand sich nur ein einziger Mönch noch in dem Hospitium der Väter vom gelobten Lande, welches ein großes und schönes Kloster ist und zur Herberge der Pilger dient; alle übrigen Christen der lateinischen Kirche haben durch jenen Einfall der Franzosen ihre Besitzungen verloren und sich nach Jerusalem, Gaza und Acre zurückgezogen. Auch von den Armeniern war nur ein Mönch noch da; die griechische Gemeinde aber ist ohngefähr 600 Seelen stark und hat eine dem ! heiligen Georg geweihte Kirche. Westlich von Rama sieht man die Ruinen eines großen Gebäudes, das jetzt Dschamea Elabidh genannt wird, sonst aber die Kirche der vierzig Märtyrer hieß. Dieses Gebäude, das 600 Schritte lang und breit ist, haben die Tempelritter in den Zeiten der Kreuzzüge erbaut. Man erblickt noch die obere und untere Kirche mit zwei Schiffen, unterirdische Wohnungen, Magazine und (Zisternen, und die mit Hallen versehenen äußern Mauern. Aus einer über der Thür eines Thurmes befindlichen arabischen Inschrift ergibt sich, daß die Araber in späterer Zeit drei Moscheen und zwei Kapellen für Heilige in diesem Gebäude hatten. Seit 200 Jahren ist es aber schon zerstört und nur Reisen der Eltern Jesu. 127 : ein Minareth steht noch vollständig, auf das 125 Stufen führen. Auf jenem Wege, den jetzt die Eltern Jesu eingeschlagen hatten, soll auch die Stadt Michmas oder Machmas gelegen haben, und zwar eine Tagereise von Jerusalem; also nicht weit von dem heutigen Rama, Michmas war eine alte Stadt in dem Gebiete des Stammes Ephraim, in der Nähe eines Fclsenpaffes, der in militärischer Hinsicht wichtig war und wo Jonathan die Philistäer schlug (1. Sam. 14, 4. > u. 5.). Zur Zeit des Kirchenhistorikers Eusebius war sie noch ansehnlich; jetzt aber findet man keine Spur von ihr. Zwar wollen manche Reisende das Dörfchen Elbir auf ihre Stelle sehen; allein Elbir kann nicht wohl das alte Michmas seyn, weil dieses in einer fruchtbaren Gegend gelegen haben soll, jenes Dörfchen aber in einer dürren Landschaft sich befindet, die voll nackter Berge ist. Die Sage nennt Michmas als den Ort, wo Jesu Eltern auf ihrer Rückreise erst bemerkten, daß ihr Sohn zurückgeblieben war. Nach Andern soll dieses in Beer (Richt. 9, 21.) geschehn seyn, einer Stadt, die Manche auf den Weg von Jerusalem nach Sichem versetzen, und die ebenfalls eine Tagereise von der Hauptstadt entfernt gewesen seyn soll. Die Stelle dieser Stadt nimmt wahrscheinlich das jetzige Elbir ein. Dieses ist ein kleines armes Dörfchen, das auf einem Hügel liegt und von wenigen Arabern bewohnt wird. An dem Fuße des Hügels befindet sich eine Quelle, die reichliches und treffliches Wasser gibt, und auf dem Hügel sieht man mehrere Ruinen, unter denen sich die einer Kirche auszeichnen, welche die Kaiserin Helena auf der Stelle, wo Jesu Eltern ihren Sohn vermißten, erbaut haben soll. Ferner konnten Jesu Eltern auf ihrer Rückreise.Lydda besuchen, eine alte Stadt im Stamme Ephraim, auf der Ebene Saron. Sie wurde von dem Syrischen Könige Demetrius Soter von Samaria getrennt und an den Makkabäer Jona- thas gegeben, worauf sie zu Judaa gehörte (1. Makkab. 11, 34.). In Lydda heilte -Petrus den gichtbrüchigen Aeneas, der acht Jahre lang darniedergelegen hatte (Apostelgesch. 9, 32—35.), bei welcher Gelegenheit viele Einwohner der Stadt 128 Zweites Buch. Reisen der Eltern Jesu. und der Umgegend zum Christenthum sich bekehrten. In dem Kriege mit den Römern wurde Lydda vom Cestius zerstört. Nachdem die Stadt wieder erbaut worden war, hieß sie Dios- polis, Stadt des Jupiters, weil man diesem wahrscheinlich einen Tempel daselbst erbaut hatte. In der Folge wurde sie der Wohnsitz eines Bischofs. Jetzt ist Lydda ein Dorf, in welchem die Griechen eine Kirche haben, die der König Richard von England, als er in Palästina war, erbauen ließ und dem heiligen Georg weihte, der dort den Märtyrertod erlitten haben soll. Früher befand sich eine Kirche dort, die der Kaiser Justinianus hatte erbauen und reich ausschmücken lasten, die aber schon vor der Ankunft Gottfrieds von Bouillon in Palästina von den Arabern zerstört worden war. Auch zeigt man daselbst noch eine Marmorsäule als Ueberrcst einer Kapelle, welche die Kaiserin Helena auf der Stelle des Hauses, in welchem der gichtbrüchige Acneas wohnte, erbaut haben soll. Von Lydda konnten die Eltern Jesu nach Antipatris gehn und nun in ihre Heimath auf demselben Wege vollends zurückkehren, den wir bei ihrer Rückkehr aus Aegypten kenne» gelernt haben. Dieses ist die letzte uns bekannte Reise, die Jesus i» Gesellschaft seiner Eltern machte. Hinfort sehen wir ihn selbst- ständig auftreten, aber freilich erst in seinem dreißigsten Jahre. Von der Zwischenzeit schweigt die evangelische Geschichte. Nur das wird berichtet, daß er als guter Sohn seinen Eltern folgsam war und fortwährend an Einsicht und Kenntnissen zunahm, wodurch er Gott und Menschen wohlgefällig wurde. Drittes Buch. . Reisen Jesu in der ersten Periode seines Lehramtes, von seiner Taufe bis zum ersten Dsterfeste. ix. Reift Jesu von Nazareth an den Jordan zu Johannes dem Täufer. iMatth. 3, 13 — 17. Mark. I, 9-11. Luk. 8, 2I-23.> Bereichert mit neuen Kenntnissen war Jesus in seinem zwölften Jahre von Jerusalem zurückgekehrt, Heller hatte er seine Bestimmung erkannt, und dem stillen Leben in Nazareth wiedergegeben, ließ er es während des langen Zeitraums, der zwischen seinem zwölften Jahre und seinem öffentlichen Auftritte als Lehrer lag, gewiß an Nichts fehlen, was seiner Bestimmung ihn naher bringen konnte. Ein ernstes, thätiges Leben mußte er in dieser Zeit geführt haben, das lehrte seine folgende Wirksamkeit. Ohne Zweifel half er seinem Pflegevater in der Zimmerarbeit, da er Mark. 6, 3. der Zimmermann genannt wird; auch war es bei den Juden damals gar nichts Ungewöhnliches, daß die Lehrer derselben, neben ihrer ! gelehrten Beschäftigung noch irgend ein Handwerk, und zwar k meistentheils das des Vaters, trieben, um dadurch sich den i nöthigen Lebensunterhalt zu erwerben, weil ihr Lehrergeschäft k ihnen Wenig oder Nichts einbrachte. Dabei ließ Jesus die 8 Synagogen nicht unbesucht, und gewiß versäumte er auch nicht k die Hauptfcste in Jerusalem zu feiern, wo der Umgang mit d den aus allen Gegenden zusammenkommenden Juden ebenfalls r bildend auf ihn wirken konnte und ihn vorzüglich mit dem be- s konnt machen mußte, was damals wirklich Weltbedürfniß war. So sehr er aber nun auch wünschen mochte, je eher je lieber M Befriedigung dieses Bedürfnisses zu wirken, so konnte er doch nicht vor seinem dreißigsten Lebensjahre als Lehrer auftreten, weil dieses Alter durch das Mosaische Gesetz für den Antritt der öffentlichen Amtswirksamkeit festgesetzt war ! (4. Mos. 4, Z.). 130 Drittes Buch. Eigentlich konnte nur Derjenige als öffentlicher Lehrer oder Rabbi auftreten und diesen Namen mit Recht führen, welcher durch den Fürsten des Synedriums, oder durch einen Abgeordneten desselben dazu ernannt war, und zwar durch Handauflegen und Hersagen der Formel: „ich bestätige dich!" Ein solcher Rabbine trug alsdann besondere Kleidung, er saß in den Synagogen und wurde von den Aufsehern derselben zum Sprechen aufgefordert. Ob Jesus jene Ernennung zu», Rabbinen empfangen hatte, oder nicht, berichten uns die Evangelien nicht; aber das Volk nannte ihn Rabbi; er lehrte i„ den Synagogen und trug auch eine besondere Kleidung (Joh. 10, 23.). Den eigentlich gelehrten Unterricht eines Rabbine» hatte Jesus wohl nicht genossen, wenigstens scheint dieses aus Joh. 7, 15. u. 16. hecvorzugchn; aber in den Synagoge« war er doch mit der herrschenden Auslegungsweise der jüdischen Gelehrten bekannt geworden und konnte also auch von derselben in den Gesprächen mit den Schristgelehrten Gebrauch machen. Ausgerüstet mit Hellem Geiste und tiefem Gefühle, voll heiligen Eifers für Wahrheit und Recht, und mit mensche»- frcundlichem Sinne begabt, trat Jesus mit dem Beginne seines dreißigsten Jahres aus seinem stillen zurückgezogenen Lebn, hervor, um nun dem Berufe sich zu weihen, für welchen n sich bestimmt fühlte. Aber je reiner und edler sein Wille >M, desto mehr wollte er denselben auch in seiner Reinheit bewahren und nun bei seiner großen Demuth nicht versäumen, dmih! den Empfang einer äußern heiligen Weihe eine starke ?lm>v gung dazu sich zu sichern. Diese Weihe konnte ihm aber!»: ernste und strenge Johannes, welcher der Täufer ge nannt wurde, geben. Dieser Mann, wenig älter als Jesus selbst, der Sch des Priesters Zacharias und der Elisabeth, zu welcher Maq Jesu Mutter eilte, als eine schöne Hoffnung sie belebte, « vor Kurzem als strenger Sittenrichter seines Volkes ausgeixten, indem er gegen sich selbst die größte Strenge übte. N Wüste Juda war sein Aufenthalt von früher Jugend an jp Wesen; eine rauhe Kleidung umhüllte seinen Körper, und d» geringste Kost: Heuschrecken und wilder Honig, oder Reisen Jesu der ersten Periode rc. 131 Manna, welches einige Pflanzen in jener Gegend ausschwitzten, war seine Nahrung. Er glich also in Allem jenen Nasi- räern oder Abgesonderten, welche zuweilen unter den Juden hervorgegangen waren, die ein zurückgezogenes, Gott und ernsten Betrachtungen geweihtes Leben führten, sich aller starken Getränke enthielten (4. Mos. 6.), überhaupt äußerst mäßig lebten, grobe und rauhe Kleidung trugen und das Haar wachsen ließen. Wahrscheinlich war er mit den Essäern bekannt geworden und hatte nach ihnen sich gebildet, da sie sich hauptsächlich in der Nähe des todten Meeres aufhielten. Ungehalten über die Entartung seines Volkes forderte er Alle ernstlich zur Buße, zur Sinnesänderung und Besserung ihres Wandels auf; sagte, daß sie nur nach erfolgter Besserung besteh» würden bei der Ankunft des Messias, der bald auftreten werde; lud Alle, die Antheil an dessen Reiche nehmen wollten, ein, sich von ihm taufen zu lassen; und taufte nun Viele im Jordan, die durch seine herzerschütternden Reden bewegt wurden. An sich war diese sinnbildliche Handlung nichts Neues; denn die Essäer pflegten Diejenigen zu taufen, welche sie unter ihre Sekte aufnahmen, und die jüdischen Proselyten empfingen ebenfalls die Taufe; aber Johannes taufte in einer andern Beziehung, er taufte die Juden, die sich schon durch ihre Abstammung von Abraham für rein hielten; um dadurch anzudeuten, daß sie als neue Menschen ihrem innern Wesen nach hervorgeht, sollten. Da nun die Juden ein solches Taufen nur dem Messias zugesteht, wollten, so schickte das Syne- drium Abgeordnete an Johannes, um zu fragen, aus welcher Machtvollkommenheit er taufe (Joh. 1, 25.); auf welche Frage Johannes erwiederte, seine Taufe sey nur eine vorbereitende auf die nahe Ankunft des Messias, der weit über ihm an 2 Würde stehe und eine weit kräftigere Taufe vornehmen werde. Durch Johannes den Täufer wollte Jesus jene äußere D heilige Weihe, die zu um so heiligeren Streben ihn verpflichten mußte, sich geben lassen. Konnte er doch dabei zugleich auch des Berufs, den er für den seinen hielt, um so gewisser werden; denn da Johannes die Ankunft des Messias als noch bevorstehend verkündigte, so mußte es sich ergeben, ob der Täufer ihn, wann er demselben nahete, auch für den erwar- 9 * 132 Drittes Buch. teten und verkündigten Messias erklären würde, und dann konnte er um so zuversichtlicher an seinen Beruf gehn und um so kräftiger demselben sich weihn; weil, wenn Andere das ebenfalls anerkennen, was wir uns selbst bcimessen, wir um so größeres Vertrauen zu uns gewinnen und zu desto starker» Eifer entflammt werden, um jenes Anerkenntnis zu rechtfertigen. Johannes lehrte am Jordan nicht weit von Jericho, in einer Gegend, wo mehrere Hauptstraßen zusammentrafen, und wo also auch viele Menschen sich cinfanden und seine Mahnungen vernehmen konnten. Jesus mußte also von Nazarcth sich westwärts wenden, um an den Jordan zu gelangen. Dieser Fluß ist für uns einer der merkwürdigsten auf der Erde, nicht etwa wegen seiner Größe oder sonstigen physischen Beschaffenheit, sondern wegen der Erinnerungen, die an ihn sich knüpfen; auch stimmen alle Reisende, die ihn besuchten, darin überein, daß besondere Gefühle bei dem Anblicke dieses Flusses in ihnen rege wurden, weil er ihre Gedanken auf merkwürdige Begebenheiten einer alten Zeit hinrichtete. Denn durch ihn zogen einst die Israelitin unter Josua in das Land Kanaan ein, bei welchem Durchzuge zwölf Männer, jeder einen Stein aus dem Jordan an das Ufer tragen mußten (Jos. 4.), wofür zwölf andere Steine in den Fluß gebracht wurden, um die Stelle zu bezeichnen, wo sie den Jordan durchschritten hatten. Aus den zwölf aus dem Flusse herausgeschafften Steinen erbaute Josua einen Altar, auf dem er Dankopfer darbrachte *). Beda erzählt, daß dieser Altar zu seiner Zeit noch vorhanden gewesen sey, und daß jeder der Steine einen ansehnlichen Umfang gehabt habe. Dieses Denkmal soll sich eine halbe Stunde von Gilgal entfernt befunden haben. Durch den Jordan gingen die Propheten Eliag und Elifa (2. König. 2, 8. u. 14.); und durch das Baden in ihm erfolgte die Heilung des Naeman vom Aussähe (2. Kön. 5, 14.). Was aber das wichtigste ist, in ihm wurde Jesus und die ersten Christen getauft. Die Stelle, wo Jesu Taufe erfolgte, war *) Manche halten dafür, Johannes Habs diese Steine gemeint, als er sagte, Gott könne dem Abraham Nachkommen ans diesen Steinen erwecken (buk. Ä, 8>). Reisen Jesu der ersten Periode rc. 136 wahrscheinlich ohngefähr eine Stunde oberhalb der Mündung des Jordans. In jener Gegend findet man wenigstens die Ucberreste eines schönen Klosters, das durch die Kaiserin Helena erbaut worden und Johannes dem Täufer geweiht war. Es lag ohngefähr eine Viertelstunde vom Flusse, auf einem kleinen Hügel, wo es von den Ueberschwemmungen weniger litt. Vorzüglich sind es noch Ruinen der Kirche des Klosters, in deren Mitte sich ein Altar befindet, auf welchem die Barfüßer alle Jahre am Ostermontage Messe lesen in Gegenwart einer Menge Menschen: Männer, Weiber und Kinder, die hierauf alle sich Hände und Füße in dem Jordan waschen, oder sich auch wohl ganz darin baden. Selbst die Mohamedaner beweisen dem Jordan ihre Verehrung und baden oder waschen sich darin, wenn sie ihm nahe kommen. Vom See Tiberias bis zum todten Meere macht der Jordan mehrere Windungen. Bei seinem Ausflusse ist er 60 bis 80 Schritte breit, und in dem Sommer nur 4 Fuß tief, ja zuweilen soll er so seicht seyn, daß man fast trocknen Fußes durch ihn hindurch gehn kann; daher wird er auch nicht beschißst. Im Monate März und April aber, wenn der Schnee auf dem Libanon zu schmelzen beginnt, schwillt er an, so daß er bisweilen über seine Ufer tritt, was jedoch jetzt weniger der Fall ist, weil er sein Bett tiefer gegraben hat. Sein Master ist trübe und lehmig, vorzüglich wenn er angeschwollen ist; wenn man es aber ruhig stehn läßt, so klärt es sich völlig ab*); auch gewährt es einen gesunden Trunk. Seine Ufer sind sandig und von hohen Gebüschen und Rohr bewachsen. Aus dem Rohre verfertigt man die Schreibfedern für das ganze umliegende Land; denn die Türken bedienen sich keiner Federkiele zum Schreiben. Auch ist der Jordan sehr fischreich, weil wenig Menschen an seinem Ufer wohnen und daher auch wenig gefischt wird. Er nimmt in seinem Lause mehrere kleine Flüsse oder *) Eine Sage behauptet, das Wasser des Jordans sey durch die Be.- uihnnig Jesu bei seiner Laufe unverderblich geworden. Wenigstens versichern die Reisenden, daß es nicht leicht faniig werde. Forbin-Jansc», der jetzige -Bischof von Nancy und Loul, erzählt, er habe 1820 ein Fläsch- che» mit Wasser aus dem Jordan hingestellt, da sey dieses fortwährend völlig durchsichtig und gut geblieben. 134 Drittes Buch. Bäche auf. Gleich unterhalb des Sees Gcnesareth ergießt sich auf seinem linken Ufer das Flüßchen Hieromax in ihn, das von dem Gebirge Gilead kommt und den Bach Rcgaba aufnimmt. Etwas südlicher nimmt er den Bach Jabok auf, der bei Rabbath, der Hauptstadt der Ammoniter, entspringt. Auf seinem rechten Ufer aber fällt der Bach Aenon in ihn, der von dem Gebirge Ephraim herabfließt *). In der Nähe der Gegend, wo Jesus sich taufen ließ, lagen die Städte Lod und Ono an dem Ufer des Jordan, in dem Gebiete des Stammes Benjamin, welche beide nach der babylonischen Gefangenschaft am frühesten mit wieder erbaut wurden (Nehem. 11, 35.). Als Jesus bei Johannes angekommen war, empfing er volle Gewißheit über seinen Beruf; denn Johannes erklärte ihn mit bescheidner Selbstverläugnung für den Messias, dessen Diener zu seyn er kaum würdig wäre, und als Jesus in dem Flusse untergetaucht worden war und also die Taufe empfangen hatte, fand ein ungewöhnliches Naturereigniß statt und eine Stimme erklärte ihn für den Sohn des Höchsten, an welchem dieser Wohlgefallen hatte. Jesus geht vom Jordan in die Wüste Quarantania. iMatth. 4, 1-11. Mark. 1. 12. 13. Lukas 4. 1-13.) Jetzt hatte Jesus die polle Ueberzeugung gewonnen, daß er zum Messias bestimmt und berufen sey, aber nun trat auch die ganze Größe und Wichtigkeit dieses hohen Berufs vor seine Seele, und obschon er von früher Jugend an für denselben sich gebildet und vorbereitet hatte, so empfand er doch jetzt, als er zu voller Gewißheit gelangt war, die Nothwendigkeit, noch einmal in stiller Einsamkeit Alles gehörig zu erwägen, was er nun zu thun hatte, und wie er dem erhabenen Berufe Genüge leisten könnte. Daher trieb ihn sein Geist in eine einsame Gegend, in welcher er nach dem Beispiele Moses (2. Mos. 24, 18. u. 34, 28.) 40 Tage und 40 *) Man vergleiche über den Jordan Seite 1l. Reisen Jesu der ersten Periode rc. 135 Nächte verweilte. Während dieser Zeit aß er äußerst wenig «nd begnügte sich mit der kärglichsten Speise, wie sie die Wüste bot, z. B. mit Pflanzenwurzeln, Heuschrecken und wildem Honig, wovon Johannes lebte. Hier trat auch der Versucher *) zu ihm, der oft aus dem Menschen selbst hervortritt und gemeiniglich die Vielvermögenden mehr heimsucht, als die Niedrigen und Geringen, um ihn von dem heiligen Pfade abzuziehen und eine falsche Richtung ihm zu geben. Allein Jesus widerstand jeder Versuchung, denn er räumte weder der Sinnlichkeit Macht über sich ein, noch fröhnte er der Eitelkeit und dem Ehrgeize, noch ließ er Habsucht und Herrschsucht in sich hervortreten; er richtete seine Gedanken hin auf seinen himmlischen Vater, hielt dessen heiligen Willen sich vor und bedachte, daß Gott jedem eiteln Bestreben und Unterfangen seinen Beistand versagen muß, und so hatte der Versucher keine Macht über ihn, sondern mußte von ihm weichen. Die Evangelisten berichten nicht, wo die Wüste lag, in welche Jesus sich zurückzog; daher nimmt man allgemein an, daß es die wüste und rauhe Gegend war, die, nicht weit vom Jordan, von Jerusalem nordöstlich gegen Jericho sich hinzieht, und welche die Reisenden nicht wild und traurig genug schildern können. Sie ist voll kahler, steinigter Berge und unfruchtbarer Thäler, in denen wilde Thiere und Räuber Hausen, weshalb auch der Weg, der durch sie von Jericho nach Jerusalem geht, der blutige Weg heißt. Der höchste unter den Bergen dieser Wüste, der auf der Mitternachtsseite derselben steil emporsteigt, wird Quarantania, der Berg des vierzigtägigen Fastens, auch wohl der Teu- fclsberg oder der Berg der Versuchung genannt. Er besteht aus einem weißem, zerklüfteten Kalksteine und gewährt einen grausenvollen Anblick, da er völlig kahl ist und sich an ihn eine Reihe von zackigen Felsen anschließt, die von Abend *) Ohne Zweifel hatte Jesus seine Wersuchungsgeschichte seinen Jüngern selbst erzählt, und es war von ihm unbestimmt gelassen worden, wer dieser Versucher gewesen, und durch welche Veranlassung oder aufweiche Weise die Versuchung entstanden sey. Daher kommen die verschiedenen Vermuthungen, durch welche man die Sache zu erklären sucht. Uebrigens kann man mit Match. 4, 10. die Stelle Mark. 8, 33. vergleichen, wo Jesus seinen Jünger Petrus auch einen Satan nennt» 1Z6 Drittes Buch. nach Mitternacht läuft, hie und da von tiefen Schluchten durchzogen wird und Höhlen von verschiedener Gestalt und Größe enthält. Man gelangt von dem Fuße des Berges bis zu dem vierten Theile seiner Höhe nur durch mühsames Emporklimmen an einer ziemlich steilen Felsenwand, die mit vielen kleinen Steinen bedeckt ist, welche unter den Füßen des Emporsteigenden fortrollen und ihn leicht ausglciten lassen können. Sobald man den vierten Theil der Höhe des Berges erstiegen hat, gelangt man auf einen engen Fußsteig, der zu einer schmalen Treppe von 30 Stufen führt, die an einem schauerlichen Abgrunde hinaufgeht, an dessen Rande man mit der größten Lebensgefahr weiter klimmen muß. Denn es befinden sich daselbst nur einzelne hervorragende Steine, auf welche man die Füße setzen, und an denen man sich mit den Händen anhalten kann. Man muß also auf allen Vieren hier cmpor- klettern; wenn aber ein solcher Stein wankte oder losriß, so würde man rettungslos in den Abgrund hinabstürzen. Viele der Reisenden steigen daher auch nur bis zu dem vierten Theile der Höhe des Berges, und danken alsdann Gott, wenn sie von da wieder wohlbehalten hinabgekommen sind, weil das Herunterklettern noch weit gefahrvoller ist, als das Hinaufsteigen. Vielleicht war in frühern Zeiten der Zugang zur Höhe bequemer und weniger gefährlich, und wurde erst durch Regengüsse, Erschütterungen, oder menschliche Zerstörung erschwert. Hat man aber jene gefährliche Stelle zurückgelegt, so gelangt man zu zwei natürlichen Felscngrottcn, in denen Jesus seinen Aufenthalt während der 40 Tage genommen haben soll, und von denen die eine das Vorgemach der andern bildet. Die letztere ist kleiner und sehr dunkel. In dem Hintergründe derselben zeigt man eine Nische, in welcher Jesus sein Gebet verrichtet haben soll. Nach Andern hat er das in einer höher gelegenen Grotte gethan, zu welcher man nicht minder gefahrvoll, als zu den vorigen durch Felsen emporklcttern muß. Diese Grotte ist beinahe vollkommen viereckig und hat fünf Schritte im Durchmesser. In der einen ihrer Wände ist eine Nische angebracht, als hätte man eine Bildsäule hineinstellen wollen; vor derselben befindet sich eine Art von Altar und in der ganzen Höhle bemerkt man alte fast völlig verwischte Bil- Reisen Jesu der ersten Periode rc. 137 der von Engeln und Heiligen. Eine große Mauer schließt diese Grotte auf der Seite des Abgrundes ein, so daß das Ganze eine Kapelle bildet, die durch ein Fenster Licht bekommt. Durch das Fenster blickt man nicht ohne Schauder in eine gräßliche Tiefe hinab. Zur Seite der Grotte ist eine Cisterne angebracht, in der sich das von dem Berge zur Regenzeit herabfließcnde Wasser sammelt. Von hier aus gelangt man auf einem schmalen, nicht minder gefahrvollen Fußsteige auf den Gipfel des Berges. Um auf diesen zu kommen, braucht man von dem Fuße des Berges ohngefähr anderthalb Stunden Zeit; er wird aber nur selten erstiegen, weil die vielen Beschwerden und Gefahren die Reisenden davon zurückschrecken; und wer nicht frei von Schwindel ist, thut auch wohl, wenn er unten bleibt. Auf den Gipfel dieses Berges soll Jesus von dem Versucher geführt worden seyn, und von da aus soll derselbe ihm die umliegende Gegend gezeigt und die Herrschaft über dieselbe versprochen haben, wenn er seinem Dienste sich weihte. Die Aussicht von dieser Höhe ist noch jetzt herrlich; denn man überblickt die Hälfte des todten Meeres, den Jordan in einer Länge von 10 Stunden, Jericho und viele Berge und Thäler mit zahlreichen Ortschaften. Auf dem Gipfel des Berges hatte die Kaiserin Helena eine Kapelle erbauen lassen, von welcher jetzt nur einzelne Ueberreste noch bemerkt werden. In den frühern Zeiten des Christenthums hatten sich, um Jesu nachzuahmen, mehrere Eremiten in den zahlreichen, an diesem Berge befindlichen Höhlen angesiedelt, und darin ihr Leben zugebracht, obgleich der Berg so dürr und wüst ist und von der Sonne so versengt wird, daß weder ein Baum, noch Strauch, noch Kraut daran wachsen kann, und der Blick nur auf nackte Felsen trifft. Was aber noch mehr in Erstaunen und Verwunderung setzt, ist, daß man nicht einmal Fußsteige nach den Höhlen bemerkt; daher vermuthet man, daß die Bewohner derselben auf hölzernen oder Strick-Leitern dahin gelangten und durch Brücken sich unter einander in Verbindung brachten, da sie alle Sonntage in der oben beschriebenen Kapelle sich versammelt und daselbst Gottesdienst gehalten haben sollen. Uebrigens wallfahrten auch jetzt noch viele Christen aus Judäa zu manchen Zeiten nach diesem Berge. 138 Drittes Buch. Ohngefähr eine halbe Stunde von dem Fuße des Berges Quarantania, nach Jericho zu, befindet sich die Quelle des Elisa, die ihren Namen davon hat, weil der Prophet ihr Wasser erst trinkbar machte (2. König. 2, 19—22.), was es vorher nicht war; denn es soll erst nachtheilig für die Gewächse und auch schädlich für die Menschen gewesen seyn. Bei dieser Quelle steht ein großer Feigenbaum, der einen solchen Umfang hat, daß er sie völlig überschattet und dadurch nicht allein das Wasser frisch erhält, sondern auch den Pilgern in seinem Schatten Erguickung gewährt. Das Wasser der Quelle sammelt sich in einem großen dreiseitigen Becken von gehauenen Steinen. In der einen Seite desselben, die höher ist, als die beiden andern, befinden sich zwei Nische» und ein Loch, durch welches das Wasser so reichlich hcraus- stießt, daß es einen kleinen Bach bildet, der eine Mühle treiben kann. Dieser Bach fließt in verschiedenen Windungen zwischen Bäumen nach Jericho und von da in den Jordan. Ohngefähr 600 Schritte von der Quelle entfernt bemerkt man die Ucberreste einer Kirche und eines Klosters, welches durch die Quelle hinreichend mit Wasser versorgt wurde. XI. Jesus begibt sich aus der Wüste Quarantania nach Bethabara am Jordan. ,ZoI>. 1,W-Sl.> Nachdem Jesus alle Versuchungen bekämpft und unerschütterlich fest beschlossen hatte, nur nach Gottes Willen seinem hohen Berufe sich zu widmen und nur den Absichten seines himmlischen Vaters gemäß zu wirken, verließ er den , einsamen Aufenthalt in der Wüste, um nun unter den Menschen als Lehrer und Führer derselben aufzutreten. Er wendete sich nach dem Jordan, wo Johannes lehrte und taufte, wo er gewiß war, Menschen zu treffen, denen der Täufer ihn sogleich als den längst verheißenen und nun erschienenen Messias vorstellen und empfehlen konnte. Auch hatte er die Absicht, gleich andern Lehrern, Männer sich näher zu verbinden . und inniger mit sich zu befreunden, in deren Seelen er den - Reisen Jesu der ersten Periode rc. 139 ^ Plan des Gottesrcichs niederlegen, und die er nach seinem Scheiden aus dem Erdenleben als seine Nachfolger hinterlassen konnte; denn die Ahnung eines frühen Scheidens füllte bald seine Seele. Er begab sich nach Bethabara jenseit des Jordans. Um dahin zu gelangen, konnte er über Zareda oder Sa- ' reda, eine Stadt im Gebiete des Stammes Benjamin, gehn, die noch diesseit des Jordans, aber nicht weit von ihm lag und die Geburtsstadt des Königs Jerobeam war (1. König. 11, 26.). Wahrscheinlich ist diese Stadt eine und dieselbe mit Zarthan (Jos. 3, 16.) und mit Zeredata (2. Chronik. 4, 17.). Bethabara in Peräa, da wo der Bach Jazer in den Jordan fällt, wird auch Bethania genannt, und darf daher nicht mit dem Bethanien in der Nähe von Jerusalem verwechselt werden. Beide Namen sind auch in ihrer Bedeutung verwandt; denn der erstere heißt: Ort des Ueberganges, Fährort, und der andere Schiffort. Es läßt sich übrigens nicht bestimmen, ob Bethabara eine Stadt, oder ein Dorf war, oder auch nur aus einzelnen Häusern bestand, in denen die Leute wohnten, welche die Reisenden über den Jordan sehten; denn hier ließen sich Die überfahren, welche aus Pe- raa nach Judäa, oder aus diesem in jenes gingen. Manche halten Bethabara auch für einen und denselben Ort mit Beth- bara (Richt. 7, 24.); Andere hingegen wollen dieses eine andere Stadt in dem Stamme Rüben seyn lassen. Da man jeht keine Spuren mehr von diesen Ortschaften findet, so hält es sehr schwer, hierin eine Entscheidung zu treffen. In der Nähe von Bethabara befand sich jetzt auch Jo- ^ hannes der Täufer; denn nachdem er Jesum getauft hatte, war er am Flusse höher hinaufgegangen, und lehrte und taufte ^ nun bei Bethabara. Hier war es, wo die Gesandtschaft des Sanhedrins zu ihm kam, um sich zu erkundigen, mit welchem Rechte er lehre und taufe, und ihn deshalb fragte, ob er Christus oder einer der Propheten sey, weil man glaubte, daß vor der Ankunft des Messias einer der alten Propheten wieder erscheinen werde. Das Sanhedrin oder Synedrium, auch der hohe 140 Drittes Buch. Rath zu Jerusalem genannt, war das höchste geistliche und weltliche Gericht der Juden, das seinen Ursprung von dem Kollegium der sicbenzig Aeltesten, das Moses einst in der Wüste angeordnet hatte (4. Mos. 11, 16.), und von Johannes Hyrkanus, 135 Jahre vor Christus gebildet worden war. Es bestand aus 70 Mitgliedern, denen der Hohepriester als Oberhaupt vorgesetzt war, und zu welchen theils die Vorsteher der 24 Priesterklassen, die auch Hohepriester genannt wurden, theils Schristgclehrte und theils die angesehensten Fami- lienhäupter des Volkes gewählt wurden. Das Oberhaupt des Sanhedrins hieß Nasi, Fürst oder Präsident; der Nächste nach ihm, der zuweilen des Präsidenten Stelle versah, wurde Ab beth bin, der Vater des Gerichtshofes genannt und der Dritte hatte den Namen Chacam, d. i. der Weise. Die übrigen Mitglieder hießen Aeltcste oder Rathsherrn. Der Versammlungsort des hohen Rathes war ein großer Saal, der an die große Tempelpforte grenzte, welche aus dem Vor- hofe der Weiber in die inneren Vorhöfe führte. In demselben saßen die Rathsherren in einem Halbmonde; der Nasi in der Mitte, neben ihm zur Rechten der Vater des Gerichtshofes und zu seiner Linken der Chacam; hierauf folgten die Uebcigen in einer bestimmten Ordnung. Vor ihnen standen zwei Schreiber, der eine zur Rechten, der andere zur Linke», welche die Verdammungsurthcile und Freisprechungen aufschrieben. Dieser Gerichtshof hatte die letzte Entscheidung in allen geistlichen und weltlichen Streitigkeiten, die von den Untergerichten vor ihn gebracht wurden; von ihm wurden die allgemeinen Angelegenheiten des Volkes berathschlagt und er allein hatte das Recht, zum Tode zu verurthcilen. Auch kam es ihm zu, die auftretenden Volkslehrer zu prüfen und über das, was gelehrt wurde, zu wachen; daher konnte er auch mit vollem Rechte den Täufer Johannes zur Rechenschaft ziehn, so wie er es auch später mit Jesus that (Matth. 21, 23.). Johannes erwiederte den Abgeordneten des hohen Rathes seiner Wahrheitsliebe und Demuth gemäß, daß er weder Christus, noch Elias, noch irgend ein anderer der alten Propheten sey; sondern er sey nur ei» Prediger in der Wüste, ein von Gott vorausgesandter Ankündige» seiner nun beginnende» Reisen Jesu der ersten Periode rc. 141 Heils- oder Rettungsanstalt, ein göttlicher Böthe, der auf den kommenden Messias vorbereiten solle. Den kommenden Tag darauf erschien Jesus am Jordan in der Nähe von Bethabara, und kaum hatte Johannes der Täufer ihn erblickt, so sprach er freudig zu dem versammelten Wolke und zu seinen Jüngern: „Hier kommt das Lamm Gottes, welches die Sünden der Menschen hinwegnimmt. Das ist Derjenige, welchen ich meinte, als ich sagte, es kommt ein Mann nach mir, der vor mir gewesen ist, und der von Gott selbst als sein geliebter Sohn erklärt wurde." Dasselbe wiederholte Johannes der Täufer am folgenden Tage, als Jesus abermals bei ihm erschien, und nun konnte es nicht fehlen, daß das Volk auf ihn aufmerksam werden mußte. Ja durch den Ausspruch des Täufers wurden sogar zwei seiner eignen Schüler bewogen, Jesu nachzufolgen. Dieses waren Andreas und Johannes, den Jesus in der Folge vorzüglich lieb gewann. Beide gingen mit ihm und blieben bis zum Abende bei ihm; dann entließ sie Jesus, damit sie frei erwägen könnten, ob sie ferner mit ihm wandern und seine Belehrung genießen wollten. Noch an demselben Abende traf Andreas seinen Bruder Simon an und verkündigte ihm: „Wir haben den Messias gefunden!" Hierauf führte er ihn zu Jesu, und dieser, der Jeden mit scharfem Blicke sogleich durchschaute und durch seine eindringlichen und anziehenden Reden für sich zu gewinnen und an sich zu fesseln wußte, sprach zu ihm: „Du bist Simon, Jonas Sohn; du sollst Kephas oder Petrus, d. i. Fels heißen;" und folgt hier einer Sitte der Morgenländer, die es lieben, sich und Andern von gewissen Ereignissen Beinamen beizulegen, daher auch die Rabbinen ihren Schülern gewisse Beinamen nach ihren Eigenschaften zu geben pflegten. Als den Tag darauf Jesus sich anschickte, nach Galiläa ' zu gehn, traf er auf Philippus und forderte ihn auf, ihm nachzufolgen. Philippus, der aus Bcthsaida gebürtig war, woher auch Andreas und Simon Petrus waren, that die- : ses nicht allein, sondern als er dein Nathanael begeg- ' netc, der wahrscheinlich mit Bartholomäus (Matth. 10, 142 Drittes Buch. Z.)*) eine und dieselbe Person ist, so forderte er ihn auf, ebenfalls zu Jesu, dem Sohne Josephs von Nazareth sich zu wenden, den sie als den Messias erkannt hätten. Und als Nathanael das Sprichwort vorbrachte: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?" erwiederte Philippus: „Komm und siehe selbst." Hierauf ging Nathanael mit zu Jesu, welch,: auch jetzt seinen Scharfblick bewährte, als er zu den Umstehenden von Nathanael sagte: „Sehet da einen rechten Israelitin, in welchem kein Falsch ist!" Durch diese Worte wurde Nathanael, der sich eines aufrichtigen Forschens und Suchend nach Wahrheit bewußt war, überrascht, und fragte nun: „Woher kennst du mich?" Als nun Jesus darauf ihm die ebenfalls nicht erwartete Auskunft gab, daß er ihn unter eine,» Baume sitzen gesehn und beobachtet habe, so erkannte auch er ihn als den Messias an. XII. Jesus wandert von Bcthabara nach Kana in Galilaa. !Lol). 2, I-11.I In der Nähe von Bcthabara hatte also Jesus schon fünf Schüler gewonnen, die wenn sie auch anfangs nicht fortwährend bei ihm blieben, sondern wieder an ihre Geschäfte gingen, doch von Zeit zu Zeit zu ihm zurückkehrten und auf seine Belehrungen achteten. Von ihnen begleitet begab er sich jetzt nach Kana in Galiläa, wohin er zu einer Hochzeitfcier eingeladen worden war, die wahrscheinlich von Verwandte» angestellt wurde und bei welcher auch seine Mutter sich befand, die für die Bewirthung der Gäste mit thätig zu seyn schien. Da von seinem Pflegevater Joseph hinfort nicht mehr d>! Rede ist, so war dieser ohne Zweifel schon gestorben. *) Dafür sprechen mehrere Gründe. Nämlich in den Evangelien nirgends von der Berufung des Bartholomäus die Rede, wenn nicht eb>» Nathanael eins mit ihm ist; die übrigen Evangelisten, welche den Bart!» lomäus unter den Aposteln nennen, schweigen vom Nathanael, und hanncs, der den Narhauaet anführt, spricht nicht vom Bartholomäus; t" Name Bartholomäus bedeutet eigentlich: Sohn des Ptolemäus, daher koiutk jener Jünger recht wohl auch noch den Namen Nathanael haben. Reisen Jesu der ersten Periode rc. 143 Die Reise von Bethabara nach Kana betrug gegen 30 Stunden; und da sie Jesus in drei Tagen vollendete, so hatte er sie wohl auf dem kürzesten Wege dahin gemacht. Die Richtung desselben ging gegen Mitternacht von Bethabara aus, und zwar anfänglich längs dem westlichen Ufer des Jordans hinauf. Hier kam er wohl nach Bethsitta (Richt. 7, 22.), einer Stadt im Gebiete des Stammes Manasse, nahe am Jordan, bis zu welcher einst Gideon die Midianitcr verfolgte, von der aber jetzt keine Spur mehr zu finden ist. Ueber Bethsitta lag Scythopolis, das früher Beth- sean, Haus der Ruhe, hieß (Jos. 17, 11.). Es gehörte dem Stamme Manasse, befand sich aber in dem Gebiete des Stammes Jssaschar. Später war es die südliche Grenzstadt von Galiläa; doch nennt es Josephus auch eine der ansehnlichsten Städte in Dekapolis. Die Lage am Jordan war für die Stadt sehr Vortheilhaft. Den Namen Scythopolis, Scy- thcnstadt, soll sie von den Scythen bekommen haben, die den Metrischen König Cyaxares besiegt hatten und auf ihrem Zuge nach Aegypten, 633 vor Christus, aus dieser Stadt eine Festung machten und in ihr eine Kolonie zurückließen. Auch war die Stadt größtentheils von Heiden bewohnt. Manche behaupten jedoch, sie habe eigentlich Succothopolis, Hüt- tenstadt, geheißen, weil früher Nomaden in der dort befindlichen fetten Weidegegend ihre Zelte oder Hütten aufgeschlagen hätten, und aus diesem Namen sey jener: Scythopolis, durch Zusammenziehung entstanden. Auch nehmen Einige an, die Stadt habe auf beiden Seiten des Jordans gelegen und zwar das alte Bethsean an dem westlichen, die neue Stadt aber an dem östlichen Ufer, und diese habe zu den zehn Städten gehört. In der Folge wurde sie die Hauptstadt von kalas- «rinn sscuncla, und später ein Bischofssitz. Jetzt findet man auf ihrer Stelle am westlichen Ufer des Jordans ein Dorf Namens Bysan, das gegen 80 Häuser zählt, und bei welchem die Ruinen der alten Stadt liegen, die einen bedeutenden Umfang haben, aber nur in großen Haufen behauener Steine und einigen Bruchstücken von Säulen bestehn. An den Trümmern fließt ein Bach hin, der jetzt Mojet Bysan heißt. Die Einwohner des Dorfes sind den Räubereien der Drittes Buch. M 144 . 4 ' i Beduinen, die im Jordanthale umherschwärmen, sehr ausge, setzt und daher übel dran. Von hier aus mußten die Reisenden sich nordwestlich wenden, um nach Kana zu gelangen. Dieses war eine kleine Stadt oder ein Flecken in Nieder-Galiläa, im Gebiete des Stammes Sebulon, ohngefähr 2Z- Stunde nordöstlich von Nazareth. Seinen Namen, der Rohr bedeutet, hatte dieser Flecken von dem Schilfrohre, das häufig in seiner Umgegend wuchs. Er lag am Abhänge eines Hügels und war auf der Mittags- und Abendseite von Bergen eingeschlossen, auf der Mitternachtsseite aber eröffnete sich ein fruchtbares Thal. Dieses Kana darf nicht mit einer andern Stadt gleiches Namens verwechselt werden, die im Gebiete des Stammes Ässer, in Galiläa der Heiden, zwischen Tyrus und Sidon, in der Nähe von Sarepta lag, zu Syrophönieien gehörte und zum Unterschiede Kana die Große hieß. Aus dieser Stadt soll die Kananäische Frau gewesen seyn, welche von Jesu die Heilung ihrer Tochter erflehte. In Kana in Galiläa, aus welchem Nathanael war, verrichtete Jesus die erste außerordentliche Handlung seines öffentlichen Lebens, welche vorzüglich die Bewunderung seiner Jünger erregte. Dazu gab ihm die Feier der Hochzeit Veranlassung, bei welcher er als Gast gegenwärtig war. Bei der Verheirathung suchten die Juden gemeiniglich Frauen aus ihrer weiter,, Verwandtschaft aus, um ihr Geschlecht rein zu erhalten. Mit Frauen aus fremden Völkern verbanden sie sich selten, und aus einigen Völkern durften sie durchaus keine Weiber Wahlen. Uebrigens wurde bei der Verheirathung wenig auf den Unterschied des Standes und anderer ähnlicher Verhältnisse gesehn, weil bei den Juden kein großer Unterschied der Stände stattfand; nur die Priester waren in ihrer Wahl etwas beschränkt. In den frühern Zeiten wurde die Frau eigentlich gekauft; wenigstens gab der Bräutigam nicht allein seiner Braut die sogenannte Morgengabe, sondern auch ihren Eltern und Brüden, Geschenke (1. Mos. 24, 23.); daher konnten Eltern, die viele Töchter hatten, reiche Leute werden. Der Vater der Braut gab, wenn er bemittelt war, seiner Tochter eine oder etliche Sklavinnen zur Reisen Jesu der ersten Periode rc. 145 l Ausstattung mit (1. Most 24,59.); zuweilen aber auch etwas Vermögen (Tob. 10, 11.). Gewöhnlich suchte der junge Mann nicht selbst sich eine Gattin aus; sondern seine Eltern thaten dies für ihn, und sie schloffen auch die Eheverbindung ihres Sohnes mit den Eltern der Braut ab, so daß die jungen Leute sich oft noch gar nicht gesehn hatten. Der Sohn blieb gemeiniglich nach seiner Verheirathung in dem Hause seiner Eltern; die Braut aber verließ das elterliche Haus. Eine besondere Vermählungsfeierlichkeit fand nicht statt; sondern die Eltern und andere Verwandte sprachen blos einen Segenswunsch über das junge Ehepaar aus. Meistentheils wurde die Hochzeit sogleich nach der Verlobung, oder einige Lage darauf vollzogen. An dem Vermählungstage erschien der Bräutigam, von seinen jungen Freunden begleitet, in dem Hause der Braut, um diese abzuholen; und sie folgte nun verschleiert mit ihren ebenfalls verschleierten Freundinnen dem Bräutigame nach dessen Wohnung unter Musik und Gesang. Zu Jesu Zeiten wurden vor dem Zuge brennende Lampen auf hohen Stäben einhergetragen. Die Braut durfte ihr Angesicht ihrem Bräutigame nicht eher entschleiert zeigen, als bis die Ehe wirklich vollzogen war. Nach der Ankunft im Hause erfolgte die Mahlzeit, was gewöhnlich am Abende geschah. Den Aufwand bei der Hochzeitsfeier hatte der Bräutigam zu bestreiten, und ihm lag auch die Veranstaltung derselben ob, wobei er jedoch gewöhnlich sogenannte Brautführer zu Gehülfen hatte (Joh. 3, 29.), die er sich auswählte. Bei Reichen und Vornehmen währte die Hochzeitsfeier sieben Tage und man schmaußte mit großem Aufwands und bis in die späte Nacht (Luk. 12, 35. u. 36.). Dabei wurden der Bräutigam und dessen Freunde und Gäste mit kostbaren Oelen gesalbt, und Hochzeitslieder zu Ehren der Brautleute gesungen. Die Brautleute, bei deren Hochzeit in Kana Jesus zugegen war *), scheinen nicht zu den Reichen gehört zu haben, *) Manche halten den Bräutigam für den nachherigen Jünger Jesu Elinon, welcher der Eiferer genannt wurde und aus Kana war. Dieser l Simon soll der Sohn des Kleophas, des -Bruders von Jesu Pflegevater > und daher auch ein Neffe der Maria, und nun auch der Wetter ! ^jesu, oder »ach der Redeweise der Juden, Jesu -Bruder gewesen seyn. 10 146 Drittes Buch. da es bei dem Mahle bald an Weine fehlte, wahrscheinlich weil man nicht auf die fünf Jünger gerechnet hatte, die Jesus mit sich brachte. Maria machte ihren Sohn daher auf diesen Mangel aufmerksam, weil sie durch ihn Abhülfe hoffte; und Jesus bat sie, deshalb völlig unbesorgt zu seyn. In der Nähe standen sechs steinerne Wasserkrüge, die nach der Sitte der Juden Wasser enthielten, um vor und nach der Mahlzeit die gewöhnliche Reinigung der Hände vornehmen zu können, und die von einer solchen Größe waren, daß jeder 7 bis 10 unserer Maße fasten mochte. Diese Krüge ließ Jesus mit Wasser füllen und überlieferte sie hierauf dem Speiscmeister voll Wein, ohne daß wir misten, auf welche Weise dieses geschehn konnte ^). Die Kaiserin Helena ließ auf der Stelle des Hauses, in welchem jene Hochzeit gefeiert worden war, eine Kirche erbauen, die noch steht, aber von den Türken als eine Moschee benutzt wird. Diese Kirche, die eine ansehnliche Größe hat, gleicht einem Saale von 40 Schritten Länge und 20 Schritten Breite. Die Kuppel in der Mitte desselben wird von Säulen oder Pfeilern getragen, durch welche die Kirche gleichsam in zwei Schiffe ohne Seitenflügel getheilt wird. Unterhalb derselben ist eine Kapelle, die sich an dem Orte befinden soll, wo die Krüge standen und wo Jesus das Wasser in Wein verwandelte. Am Portale der Kirche sind drei Krüge in halb erhabener Arbeit abgebildet, die an Gestalt den Blu- menvasen gleichen, mit denen man bei uns die Altäre zu schmücken pflegt, nur daß ihr Bauch nicht so rund, sondern etwas viereckig ist. Der mittlere ist auch etwas größer als die beiden andern. Von Kana sind jetzt noch Trümmer vorhanden, unter denen Hütten stehn, die ein Dorf bilden, das von ohngcfähc 100 Arabischen Familien bewohnt und Kcfer Kann« genannt wird. Die Umgegend ist fruchtbar und reich an Oel- baumpflanzungcn und Obstbäumen. *) Johannes, welcher die Begebenheit erzählt, hatte wahrscheinlich keine Kenntniß von dem Verfahren; Andere mochten eben so wenig davon wisse», da, weil das Hochzeitsmahl bei Nacht gehalten wurde, die Dunkelheit ihnen keine Beobachtung dessen, was geschah, gestattete. Reisen Jesu der ersten Periode rc. 147 Einige hundert Schritte von dem Dorfe zeigt man noch eine Quelle, aus welchem das Wasser geschöpft worden seyn soll, das Jesus in Wein verwandelte. Sie ist schön und gibt so reichliches Wasser, daß sie einen Bach bildet, der längs durch das Dorf fließt und dessen Gärten bewässert. Man steigt zu der Quelle, die mit gehauenen Steinen umgeben ist, auf zwei Treppen ziemlich tief hinab; daher ist aber auch das Wasser frisch und sehr erquickend. Sonst war eine Kapelle dabei, die aber von den Türken verwüstet worden ist. XIII. Jesus reist von Kana nach Kapernaum. ,- tonia und der Palast des Königs Herodes stand, gibt es mehrere leere Plätze. Die Häuser sind plump, niedrig und mit flachen Dächern versehn, auf denen sich Terrassen oder Kuppeln erheben; sie haben schmale Fenster und zwar nach der Straße zu nur wenige, die noch obendrein mit starken eisernen Gittern verwahrt sind. Daher gleichen die Häuser Gräber», oder Gefängnissen. Die Einförmigkeit der Stadt wird nm in etwas durch die Kirchthürmc, durch die Minarets der Mo-1 scheen und durch einige hohe Cypressen unterbrochen. Da von einem Hause zum andern öfter Leinwanddecken ausgespannt sind, so werden die Straßen dadurch um so düsterer. Die Stadt hat sieben Thore, wovon jedoch nur fünf gangbar sind. Es sind folgende: 1) Das Bethlehemer- thor oder das Jaffathor, das auf der Abendseite sich befindet und die gangbarste Straße hat; es heißt auch das Thor der Pilger, weil diese durch dasselbe vorzüglich einziehn; 2) da§ Zions-Thor, das an der Südseite ist und auf den Berg Zion oder Sion führt und auch das Thor des Propheten David genannt wird. 3) Das Mistthor, ebenfalls auf der Südseite, durch welches der Unrath vor die Stadt geschafft wird, und das auch das Thor der Barbaresken heißt, weil sonst in seiner Nähe Barbaresken wohnten. Es führt zur Quelle Siloah, ist aber oft gesperrt. 4) Das goldne Thor, das sich auf der Morgenscite befindet und auf de» Platz führt, wo sonst der Tempel stand und wo jetzt die grch Moschee steht. Daher ist es zugemauert, damit kein Chriß oder Jude der Moschee sich nähern kann. Auch soll unter den Türken die Sage umgchn, daß durch dieses Thor einst die Christen eindringen würden, um die Stadt einzunehmen. Wenn man es jetzt öffnen wollte, so könnte es wenig nützen, weil außerhalb desselben das Erdreich sich sehr gesenkt hat, und erst der Boden bedeutend erhöht werden müßte, um einen gangbaren Weg herzustellen. Durch dieses Thor soll JesnS seinen feierlichen Einzug kurz vor seinen Leiden gehalten habe». I Reisen Jesu der ersten Periode rc. 155 6) Das St. Stephansthor, ebenfalls auf der Morgen- seite in der Nähe des ehemaligen Tempels und auf der Stelle, wo früher daS Viehthor war. Stephansthor heißt es, weil Stcphanus vor ihm gesteinigt worden seyn soll. Es heißt auch das Thor der Jungfrau Maria, weil es zu dem Grabmale der Maria führt. 6) Das Ephraim- oder Hero- des-Thor, das auf der Mitternachtsseite steht, und nebst dem Mistthore das kleinste ist. Es ist dem Publikum nicht geöffnet, sondern führt in den Garten eines Privatmannes. 7) Das Damaskusthor, ebenfalls auf der Mitternachtsseite, durch welches sonst die Pilger einzogen. Durch dasselbe geht der Weg nach Akka und nach Damaskus. Unter den Straßen Jerusalems sind: die Straße des Säulenthors, die von Nord nach Süd durch die Stadt läuft; die Straße des großen Bazar, welche von West nach Ost sich erstreckt, und die Schmerzensstraße, die von dem Stephansthore bis zum Calvarienberge geht, die vorzüglichsten. Außerdem gibt es noch: die Türkengasse; die Chri- stengasse, welche von der Grabeskirche bis zu dem Franziskanerkloster geht; die Armeniergasse von dem Schlosse der Pi- saner morgenwarts; die Judengasse, in welcher sich die Fleischbänke befinden; die Gasse bei dem Tempel; die Gasse der Morgenröthe und die Gasse der Barbaresken oder Abendländer. Die Zahl der Einwohner von Jerusalem soll nach neuern Nachrichten bei weitem nicht so hoch steigen, als man gewöhnlich angibt, sondern nur gegen 10,000 betragen. Sie bestehn in Arabern, Syrern, Türken, Griechen, Juden, Armeniern und Kopten. Römischkatholische Christen befinden sich gegen 200 Familien daselbst. Die Türken und Araber haben Bc- zetha und den ganzen östlichen Theil der Stadt inne, wohnen aber auch zerstreut in den übrigen Stadtvierteln. Die Juden haben in Jerusalem das traurigste Loos; denn sie müssen sich in dem Theile der Stadt zusammendrängen, der zwischen den Bergen Zion und Moriah liegt. Hier haben sie drei Synagogen, aber unter der Erde, und ein Hospital und Pilger- haus» Sie sind beständig Gelderpressungen und den ärgsten Mißhandlungen ausgesetzt; daher schleichen sie gebückt und armselig einher. Die übrigen Einwohner kümmern sich wenig 156 Drittes Buch. um sie und behandeln sie verächtlich. Sie müssen zur Auszeichnung, so wie auch die Christen, einen blauen Turban tragen. Sie haben sieben Vorgesetzte, welche Prokuratoren oder Bevollmächtigte heißen und von ihnen selbst ernannt werden. Ihre Todten begraben sie heimlich bei Nacht in dem Thale Josaphat. Viele Juden kommen erst in ihrem späten Alter nach Jerusalem, um in diesem Thale begraben zu werde»; auch glauben sie gewisser Strafen nach dem Tode überhoben zu seyn, wenn sie in Palästina ihr Leben beschließen. Uebri- gens hoffen sie noch immer auf die Erscheinung des Messias. Die Christen trieben sonst einen einträglichen Handel mit Reliquien, Heiligenbildern und heiligen Geräthschasten, als Crucifixen, Rosenkränzen und dergleichen mehr, und gewannen dadurch den ziemlich hohen Tribut, den sie entrichten müssen. Jetzt aber geht jener Handel nicht mehr so gut, und deshalb sind sie übler daran. Viel bringen die Pilger ein, welche hauptsächlich zum Osterfeste in Jerusalem eintreffen, wo sich ihre Zahl auf 4000 beläuft. Die meisten davon sind Gcle- l chen und Armenier; aus den andern Landern Europas kom- < men vorzüglich Spanier und Portugiesen; Franzosen und Deutsche sind seltener, und die Jtaliäner am seltensten. Unter l den Pilgern sind freilich auch eine Menge Bettler, die Nichts ^ ' einbringen. ! r ^ An Lebensmitteln ist in Jerusalem kein Mangel; denn ^ - Früchte und Küchengewächse sind hinlänglich zu haben, vorzüglich Datteln, Feigen, Granatäpfel, Limonien, Pflaumen, > Weintrauben, Pomeranzen, Citronen, Melonen und Olive», ' ^ auch Kohl, Blumenkohl, Spinat, Lattig, Endivien, Rüben, - Rettige, Gurken und Zwiebeln, wovon jedoch das Meiste aus Rama, Jaffa und Gaza kommt. Die Hauptnahrung der Einwohner Jerusalems besteht hauptsächlich in Linsen und großen ; Bohnen und in Pilau. An Fleisch hat man vorzüglich Schöpsen- z, und Ziegenfleisch, Wildpret, Hühner und Tauben; Rind-und > Kalbfleisch aber und Gänse und Enten sind seltner. Der Wein, s besonders der von Bethlehem, ist gut. ! Oberherr der Stadt war bisher der Pascha von Da-! maskus, der einen Aga als Stellvertreter darin hatte, zuweilen aber selbst hinein kam, um die Steuern einzutreiben, wo- Reisen Jesu der ersten Periode rc. 157 durch er die Einwohner jedesmal in Schrecken setzte, weil er sehr hart war. Ob aber jetzt diese Einrichtung bleiben wird, ist die Frage, da der Pascha von Aegypten ganz Palästina und Damaskus erobert hat. Unter den heiligen Oertern und merkwürdigen Gebäuden des heutigen Jerusalems ist die Grabeskirche für die Christen das wichtigste, die später beschrieben werden soll. Ohngefähr 200 Schritte von dieser Kirche erblickt man ' die Ruinen des Hospitiums der Johanniter-Ritter, die später die Rhodiser- und Maltheserritter hießen. Sie nehmen einen Raum von 500 Schritten ins Gevierte ein und zeigen, daß das ehemalige Hospitium eine Art von Festung , gewesen ist. Der Platz steht fast ganz öde, und nur auf der östlichen und westlichen Seite desselben sind kleine Häuser angebaut. Hier war jener geistliche Ritterorden entstanden, der sich zur Beschützung der Pilger bildete, noch vor der christlichen Herrschaft, und von dem Khalifcn in Aegypten die Erlaubniß erhielt, in Jerusalem ein Haus zu bauen. Unter der christlichen Herrschaft wurde dieser Orden sehr begünstigt. Das lateinische Kloster St. Salvator oder das Franziskanerkloster liegt zwischen dem Bethlchemer- und Damaskus-Thore und bildet die nordwestliche Ecke der Stadt. Es ist das vornehmste Kloster in Jerusalem und besteht aus mehreren mit einander verbundenen Gebäuden. Es hat einen düstern Eingang, einige unregelmäßige Klostergänge, an denen sich die ziemlich düstern Pilgerkammern befinden, drei Höfe und zwei kleine Gärten. Auch besitzt es eine schöne Kirche. In diesem Kloster findet jeder Christ, zu welchem Bekenntniß er auch gehören mag, eine freundliche Aufnahme. Jeder bekommt ein kleines Gemach und Mittags und Abends jedesmal drei Gerichte mit einer Flasche guten Wein. Man kann einen, auch zwek Monate darin bleiben und bekommt keine Kostenrechnung; sondern die vermögenden Pilger geben bei ihrer Abreise dem Procurator des Klosters ein ihren Mitteln angemessenes Geschenk, mit dem Bemerken, dafür Messen lesen zu lassen. Sonst bekam das Kloster reichliche Almosen aus allen christlichen Staaten zugeschickt, jetzt geschieht dieses aber nur noch von Spanien, Portugal und Italien. Auch hatte es 158 Drittes Buch. sonst ein bedeutendes Grundeigenthum, das es aber nach und nach fast ganz verloren hat. Dieser Verlust und die Bedrückungen und Mißhandlungen der Türken haben es ziemlich in Verfall gebracht. Dem Franziskanerkloster kommt das Armenische Kloster an Größe gleich, das 1000 Zellen für die Pilger enthält und das reichste im Morgenlande seyn soll. Es liegt auf der Abendseite der Stadt, nahe an der Ringmauer, etwa 30 Schritte von dem Zionsthore. Die Kirche dieses Klosters ist von besonderer, eben nicht geschmackvoller Bauart; sie hat ^ eine etwas niedrige Kuppel, durch welche das Licht einfällt; s ist aber im Innern sehr ausgeschmückt. Der Fußboden besteht ^ aus schöner Mosaik, die Wände sind acht Fuß hoch vom Boden an mit Platten von blauem und weißem Porzclan belegt und mit schönen Gemälden behängt und die Thüren sind mit Perlmutter und Schildkrot verziert. Sie soll auf der Stelle stehn, wo der Apostel Jakobus, der Acltere, hingerichtet wurde*). In einer besondern Kapelle dieser Kirche zeigt man am Altare einen Stein, der ohngefahr zwei Zoll in den Fußboden eingesenkt ist, welcher mit dem Blute des Apostels bei dessen Hinrichtung benetzt worden seyn soll. Nicht weit von diesem Kloster ist ein Armenisches Nonnenkloster. Auch haben die Armenier auf dem Berge Sion ein Kloster zum Gefängnisse Christi, welches in der Kirche desselben gezeigt wird. Dich Kirche soll auf der Stelle stehn, worauf sich ehemals daS Haus des Hohenpriesters Hannas befand. Die Griechen haben gegen 20 Klöster und Kirchen i» Jerusalem. Das größte und schönste Kloster darunter ist das, welches an die Kirche des heiligen Grabes angrenzt und worin der griechische Patriarch wohnt. In ihm befindet sich die Kirche des heiligen Konstantinus und der heiligen Helena. Diese Kirche ist mit Gemälden überladen. Unter den übrige» *) Die Sage berichtet, Jakobus, welcher der Aeltere genannt wird, sey an demselben Tage und in derselben Stunde, wo Jesus 12 Jahre zuvor gekreuzigt wurde, hingerichtet worden. Clemens von Alcxandrien erzählt- derjenige, welcher den Apostel vor Gericht geführt habe, sey so von der Standhaftigkeit und treuen Anhänglichkeit des Apostels an Jesus ergriffen worden, daß er ebenfalls sich als Christ bekannt habe und mit dem Apostel zur Hinrichtung durchs Schwerst verurtheilt worden sey. 159 Reisen Jesu der ersten Periode rc. Klöstern zeichnen sich folgende aus: das Kloster des heiligen Dcmetri'us, des heiligen Nikolaus, in welchem sich die Schule für die Kinder der Griechen befindet, des heiligen Georg, des heiligen Michael, des heiligen Basilius und der heiligen Katharina, beides Nonnenklöster, der heiligen Jungfrau, des heiligen Euthymius, ein Nonnenkloster, das Johannes des Täufers, des Abraham auf dem Calvarienberge, der heiligen Maria auS Aegypten und die Kirche der 40 Märtyrer, welche mit dem großen Kloster in Verbindung steht. Ferner sind als heilige Oertcr merkwürdig: das Gefängniß des Apostel Petrus, als welches man einen alten verfallenen viereckigen Thurm außerhalb der Mauern in der Nähe des Calvaricnberges zeigt; und das Haus der Maria, der Mutter des Johannes Markus, in welchem der Apostel Petrus nach seiner Befreiung aus dem Gefängnisse Zuflucht suchte und fand, und das in eine Kirche verwandelt worden ist, in welcher syrische Priester wohnen. Das Haus des Zebedäus soll ebenfalls in eine Mhe verwandelt worden seyn, die dem Apostel Johannes geweiht ist. Sie liegt ziemlich mitten in der Stadt, und hat ein schönes Aeußere, das Innere aber ist nicht ausgezeichnet. Nicht weit von dieser Kirche befindet sich die des heiligen ^Markus, eine kleine finstere Kirche, die den Griechen gehört, und auf der Stelle stehn soll, wo die Apostel versammelt waren, als Petrus aus dem Gefängniß zu ihnen kam. Auf dem Berge Zion, nicht weit vom Zionsthore wird das Haus der drei Marien gezeigt, das die Stelle einnehmen soll, wo Jesus nach seiner Auferstehung der Maria Magdalena, der Maria der Mutter des Jakobus, und der Maria Salome erschien. Nicht weit davon steht dieKirche des heiligenTho- n>as, an deren Stelle früher das Wohnhaus dieses Apostels gewesen seyn soll. Dieser Kirche haben sich die Türken bemächtigt, welche sie verschlossen halten und von Niemand betreten lassen. Das Haus des Pharisäers Simon, in welchem, >vie man sagt, Maria Magdalena ihre Vergchungen Jesu bekannte, soll ebenfalls in eine Kirche umgestaltet worden seyn, 160 Drittes Buch. welche ihr geweiht war, von welcher aber nur noch Ruinen vorhanden sind, die sich im östlichen Theile der Stadt befinden. In der Nähe trifft man die Kirche der heiligen Anna mit einem kleinen Kloster, den Griechen gehörig, die von der Kaiserin Helena erbaut worden seyn soll, und zwar auf der Stelle, wo die Eltern der Jungfrau Maria ein Haus gehabt haben sollen, in welchem Anna, die Mutter der Maria gestorben sey. Diese Kirche ist von mittelmäßiger Größe und ganz aus Quadersteinen aufgebaut. Unter der Kirche zeigt man die Grotte der unbefleckten Empfängniß der Maria, in welcher nämlich die Anna ihre Tochter Maria empfangen und geboren haben soll. Diese Grotte ist zu einer Kapelle umgestaltet, in welcher am Tage der Geburt Marias Messe gelesen wird. Noch ist das Hospital zu bemerken, welches die Kaiserin Helena erbauen ließ und das die Mohamedaner bisher erhalten haben. Sonst wurden in demselben reichliche Almosen den Armen ertheilt, und es befanden sich sechs oder sieben Kessel von außerordentlicher Größe darin, in welchen Speisen für die Armen zubereitet wurden. Die Mohamedaner haben aber jetzt nur noch einen im Gebrauche. An jedem Tage ertheilen sie den Dürftigen, die dahin kommen, ohngcfähr ein Pfund Brod und einen Teller voll Suppe, die vorzüglich aus Fett und Hülsenfrüchten, oder irgend einer Getreideart, z. B. aus Reis, der nach Landessitte mit Honig vermischt wird, besteht. Die Türken, weil sie wissen, daß diese Anstalt von einer christlichen Frau gegründet wurde, reichen dieses Almosen auch christlichen Armen; allein diese kommen selten in jenes , Hospital. ' Aus dem Berge Moriah, auf der Stelle, wo einst der , Tempel stand, steht jetzt die große Moschee, welche der , Khalife Omar I. im Jahre 640 nach Christus, nachdem er Palästina erobert hatte, erbauen ließ, und die Gameadel Sakhra, die Moschee des Steins genannt wird, weil sich >n , ihr der Stein befinden soll, auf welchem Jakob mit dem i Haupte ruhte, als er den Traum von der Himmelsleiter hatte. ^ Um sie herum befindet sich ein Vorhof, der 500 Schritte > lang und 400 breit ist und auf seiner Abendseite eine schöne j Reisen Jesu der ersten Periode rc. 16t Säulenhalle hat, die auf ihrer Mitte eine gewölbte Moschee für die Weiber trägt. Unter der Säulenhalle sollen viele kleine Springbrunnen zum Reinigen seyn und sehr viele Lampen hängen, die aber nur Freitags angezündet werden. In der Mitte des Vorhofs, mitten auf einer 4 Fuß hohen Terrasse, die ohngefähr 130 Schritte im Quadrat hat, erhebt sich die eigentliche Moschee, welche die schönste im ganzen Morgenlande seyn soll. Sie ist achteckig, trägt eine ebenfalls achteckige, mit einem gewölbten Dache, das mit Blei gedeckt ist, versehene Kuppel, in welcher sich acht Fenster mit runden, gelben Glasscheiben befinden, und soll gegen 300 Schritte im Umfange und 120 Fuß Höhe haben. Man kann sie nicht wohl in der Nähe betrachten, weil die Mohamedaner keinen Christen, oder Juden den Zutritt zu dem Bezirk derselben, noch weniger in sie hinein gestatten *). Wer aber auf dem Oel- bcrge steht, überblickt sie in ihrer ganzen äußern Herrlichkeit und genießt vorzüglich bei Untergang der Sonne, eines schönen Schauspiels, weil dann die Sonnenstrahlen in den gelben Glas- fenstern der Kuppel sich spiegeln und eine solche Täuschung be- i wirken, daß man glaubt, innerhalb stände Alles in Flammen. ^ Ihre Wände sind von außen mit kleinen buntfarbigen Platten belegt, auf welchen man allerlei Arabesken und Sprüche aus ,, dem Koran mit goldenen Buchstaben angebracht hat. Nach ' Aussage der Türken soll das Innere der Moschee ganz weist ' seyn, ausgenommen einige Stellen, worauf der Name Gottes geschrieben stehe. Ferner befänden sich 32 Säulen von grauem ^ Marmor darin, wovon 16 das erste Gewölbe, und die 18 s andern die Kuppel trügen. An diesen Säulen wären sehr , schöne Leuchter angebracht, auf welchen 7000 Lampen ständen, i Ä der Mitte der Moschee soll ein kleiner Thurm aus Marmor stehn, auf den man vermittelst 18 Stufen, die außen , *) Daran soll eine Sage Schuld seyn, welche die Türken in Furcht setzt. ! sollen nämlich glauben, wenn ein Christ in den Worhof der Moschee « keine und daselbst betete, um was er wolle, so würde ihn Gott erhören, ! auch wenn er bitten würde, daß Gott Jerusalem in die Hände der Christen > geben möchte. Wer von den Nichtnwhamedanern der Moschee zu nahe .kommt, läuft Gefahr, lebendig verbrannt zu werden; oder will er dem s^oao entgehn, so muß er auf der Stelle die mohamedanische Religion an- 162 Drittes Buch. Reisen Jesu d. erst. Perioderc. an ihn angebracht sind, steigt, und von welchem der Kadi alle Freitage die wichtigsten Stellen des Korans erklärt. Als die Kreuzfahrer Jerusalem einnahmen und inne hatten, machten sie aus dieser Moschee eine christliche Kirche; allein als.Saladin die heilige Stadt wieder eroberte, bekam sie auch ihre alte Bestimmung wieder. Sie wird auch von den Mohamedanern eben so in Ehren gehalten, als die Moscheen in Mekka und Medina und die Pilger besuchen sie gewöhnlich auf ihrer Rückreise van Mekka. Ehe sie in dieselbe eintreten, waschen und baden sie sich, und gehen hierauf nur barfuß in sie hinein. Freitags Nachmittags begeben sich die Juden auf einen Platz, der außerhalb der Mauern von Omars Moschee liegt, um über die Zerstörung ihres Tempels zu weinen. Für die Erlaubniß aber, jenen Platz betreten zu dürfen, müssen sieden Türken alljährlich einen gewissen Tribut entrichten. Auf diesem Platze begehn sie auch das Osterfest mit großer Feierlichkeit. Ohngefähr 120 Schritte von Omars Moschee gegen Mittag liegt noch eine Kirche, welche die schönste in Syrien seyn und ihre Entstehung ebenfalls der Kaiserin Helena zu verdanken haben soll. Manche nennen sie die Kirche von Maria Reinigung, Andere aber von Maria Darstellung, weil sie anf der Stelle stehn soll, wo Maria in dem dritten Jahre ihres Alters dem Herrn von ihren Eltern dargebracht wurde, und wo sie bis zu ihrer Verlobung blieb. Sie bildet ein längliches Viereck, hat drei mit Blei gedeckte Kuppeln und soll zwei Reihen Marmorsäulen enthalten. Sie ist zur Moschee für die türkischen Weiber umgestaltet worden, daher darf auch ihr kein Christ oder Jude nahe kommen. Viertes Buch. Reisen Jesu in der zweiten Periode seines Lehramtes, von dem ersten bis zum zweiten Osterfeste. xv. Jesus begibt sich von Jerusalem an den Jordan. kIoh. 3. 22 — 24.) Nach dem Passahfeste verließ Jesus Jerusalem; denn in der Hauptstadt konnte er wohl wegen des daselbst herrschenden -Priestergeistes und des großen Einflusses, den die Pharisäer und Schriftgelehrten dort hatten, nur wenig für seine Wirksamkeit hoffen; auch hatte er deren Haß und Feindschaft zu fürchten; aber er begab sich auch nicht sogleich nach Galiläa zurück, sondern blieb in Judäa und wendete sich in die Gegend am Jordan, wo er auf zahlreiche Zuhörer rechnen konnte, weil dort eine Hauptstraße war und Johannes der Täufer ebenfalls daselbst noch lehrte und taufte. In der Gegend, die er nun durchwanderte, befanden sich folgende Oerter, die eine Erwähnung verdienen. Wenn man von Jerusalem morgenwärts sich wendet, so kommt man nicht weit von der Stadt zu dem Brunnen Regel, d. i. dem Wäscher- oder Walkerbrunnen (Jos. 15, 7. u. 18, 16.), der in der jüdischen Geschichte mehreremale genannt wird. In seiner Nahe befand sich ein Felsen, auf welchem Adonia, als er nach seines Vaters David Tode um die Königskrone sich bemühte, ein Gastgelag gab (1. König.-I, 9.). Der Bach, den diese Quelle bildet, ergießt sich nicht weit unterhalb Jerusalems in den Bach Kidron. Manche verwechseln diesen Brunnen mit der Quelle Siloah, die aber weiter südlich liegt. Wahrscheinlich ist er aber ein und derselbe mit dem sogenannten Marienbrunnen, dessen einige Reisende erwähnen. Hinter Bethanien, an der Straße nach Jericho kommt wair in einem tiefen Thale, nahe bei einer engen Schlucht, zu 11 * 164 Viertes Buch. einer schönen Quelle, die mit Marmorstcincn umgeben ist, und welche der Apostelbrunncn genannt wird, weil Jesu Junger daran öfter verweilt und sich daraus erfrischt haben sollen. In jener Gegend lag sonst die alte Stadt Bahurim, morgenwärts von Jerusalem in dem Gebiete des Stammes Benjamin. In dieser Stadt verbarg eine Frau den Jonathan und Ahimaaz (2. Samuel. 17, 17. u. 18.), welche Absalom todten lassen wollte; und bei dieser Stadt lief David, als er ^ vor Absalom floh, Gefahr, von Simei gesteinigt zu werden - (2. Sam. 16, 6. u. 6.). Man halt sie für eine und dieselbe Stadt mit Bachor, von welcher Josephus spricht, und s die auf dem Wege von Jerusalem nach dem Jordan gelegen ; haben soll. ^ NoboderNobe, auch Nebo, eine alte Stadt, 3 Stun- ' den nordöstlich von Jerusalem, lag im Gebiete des Stammes l Benjamin und war eine Priesterstadt. Saul ließ sie zerstö- ^ rcn (1. Samuel. 22, 19.), weil der Priester Achimelech dem flüchtenden David Brod gereicht hatte. Bethbessen, eine Stadt in Judäa, östlich von Jerusalem, an dem westlichen Ufer des Jordans, da wo dieser Fluß sich in das todte Meer ergießt, wird auch die Stadt der Wüste genannt. Jenseit des Jordans in Peräa lag 3 Stunden von dein todten Meere die Festung Machärus oder Machäron, in welcher, wie Josephus berichtet, Johannes der Täufer aus des Königs Herodes Antipas Befehl gefangen gesetzt und hieraus auch getödtet wurde. Sie war von dem Makkabäcr Alexander erbaut worden; Gabinius hatte sie zerstört, Herodes der Große aber wieder aufgebaut und stark befestigt. Sie lag auf einem hohen steilen Berge voller Klippen und war ringsum von tiefen Thälern umgeben; daher machte sie schon ihre Lage beinahe unbezwingbar. An dem Fuße des Berges wurde in der Folge eine beträchtliche Stadt angelegt, die mit Mauern umgeben und mit starken Thürmen versehn war. In ihr hatte Herodes der Große einen prachtvollen Palast erbauen lasten. Noch jetzt findet man ein Kastell, Namens Mkaur daselbst und dabei einige Ruinen. Zu derselben Zeit, als Jesus jetzt an den Jordan kam» Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 166 hatte Johannes der Täufer sich höher hinauf an dem Flusse - begeben und taufte zu Acnon oder Enon, welches Manche für eine unbedeutende Stadt in Samaria, drei Stunden unter- ' halb Scythopolis am westlichen Ufer des Jordans halten, bei welcher sich ein Bach gleiches Namens in den Jordan ergoß. Andere aber meinen, Aenon sey blos eine Quelle und ein Bach gewesen, und diese Meinung scheint die richtigere zu seyn, be- ' sonders da der Name eine starke oder wasserreiche Quelle > bezeichnet. Nahe bei Acnon in der Jordan-Ebene lag Salem oder Salim, das ohne Zweifel der Ort war, in welchem Melchi- ! sedcch wohnte (1. Mos. 14, 18.). Zu Hieronymus Zeiten war es ein Flecken, den man Salumias nannte. Es sol- ! len sich noch Ruinen davon vorfinden, die von einem hohen Alterthume zeugen. ' In der Nähe dieser Gegend lehrte jetzt auch Jesus und ließ durch seine Jünger Diejenigen taufen, die seine Lehre annahmen und sich zu Bürgern des Gottesreichs weihen wollten. Da nun eine große Menge Menschen zu Jesu kamen, und Johannes der Täufer deshalb weniger Zulauf hatte, so erregte dieses den Unwillen der Schüler des Letzteren, die Demjenigen, der sich selbst erst von Johannes hatte taufen lassen, das -Recht nicht zugestehen wollten, eben so wie ihr Lehrer die Laufe zu verrichten (Joh. 3, 26 — 36.). Daher brachten sie auch darüber eine Klage vor ihren Meister; dieser aber, der Jesu göttlichen Beruf erkannt hatte, erklärte mit großer Bescheidenheit Jesum abermals für den Messias, der immer herrlicher hervortreten müsse, während er selbst mehr und mehr zurücktreten werde, weil er seinen Beruf erfüllt und auf den kommenden Messias die Menschen vorbereitet habe. XVI. Jesus reist von dem Jordan nach Sichern. iÄoh. L, 1-42>> Den ganzen Sommer hindurch mochte Jesus in Judäa, >n der Nähe des Jordans verweilt und daselbst gelehrt haben; aber im Herbste verließ er diese Gegenden, um nach Galiläa zu wandern, wozu ihn wahrscheinlich mehrere Gründe veranlaßten. Um jene Zeit war nämlich Johannes der Täufer auf des Königs Hcrodes Antipas Befehl ins Gefängniß gelegt worden, weil er auch zu diesem als strenger Sittenrichter gesprochen hatte, denn bei ihm galt kein Ansetzn der Person*). Dieses Ereigniß mochte wohl Einfluß auf Jesu Entschluß haben und ihn um so mehr bewegen, jene Gegend zu verlassen, wo man seinen Freund aufgegriffen hatte. Dazu kam, daß die Pharisäer auf ihn aufmerksam geworden waren und erbitterter gegen ihn als gegen Johannes sich zeigten, weil er noch stärker als jener ihre Heuchelei aufdeckte, sich weniger als Johannes an die äußern menschlichen Satzungen der Schriftgelehrten band, und einen größer» Einfluß als jener auf das Volk gewann, auch mehrere Schüler um sich sammelte. Da. her begannen sie schon jetzt Jesu nachzustellen, und deshalb hielt es dieser für besser, ihnen aus dem Wege zu gehn. Der kürzeste Weg von Jesu damaligem Aufenthaltorte nach Galiläa ging durch Samaria, den die Juden aber nicht gern wählten, welchen jedoch Jesus jetzt einschlug, weil er nicht am Jordan Hinaufreisen, sondern die Nähe des Tetrarchen He- rodes Antipas vermeiden und bald nach Galiläa kommen wollte. Denn bei seiner vorurtheilsfreien und menschenfreundlichen Denkart, fern von Sektengeiste und vom blinden Religionshaffe, ver- *) Herodes Antipas kehrte auf einer Reise nach Rom bei seinem Stiefbruder Herodes Philipp us, der als Privatmann lebte, ein, lernte da die Herodias, des Philippus Gemahlin kennen und verliebte sich in sie. Er entdeckte ihr seine Liebe, und da er sich ebenfalls von ihr geliebt sah, so versprach er ihr, sich mit ihr zu vermählen, wenn er seine Reise vollendet haben würde. Sie gab ihre Zustimmung dazu, doch unter der Wedingung, daß er seine bisherige Gemahlin, eine Tochter des Königs Arc- tas von Arabien, verstoßen sollte. Dieses versprach Herodes Antipas »üb setzte seine Reise fort. Unterdessen hatte seine Gemahlin von seinem Vorhaben Nachricht bekommen. Als er daher auf seiner Rückreise begriffen wer, so bat sie ihn, daß er sie nach Machärus bringen lassen sollte. Diese Bitte erfüllte ihr Gemahl. Allein kaum war sie dort angelangt, so eilte sie zu ihrem Bater nach Arabien und klagte demselben ihres Gemahls Untreue. Herodes Antipas aber nahm nichts desto weniger die Herodias zu sich »nd lebte mit ihr. Eine solche Handlung verursachte nun ein großes Aergerniß im ganzen Lande, empörte aber vorzüglich den rechtlichen Johannes, der m seinem Eifer für Wahrheit und Recht zum Tetrarchen sagte: ,,Es ist nicht Recht, Laß du deines Bruders Weib hast (Matth. 14, 4. Mark. 6, 17-4 Diese Freimüthigkeit nahm Herodes so übel auf, daß er den edlen Johanne- in das Gefängniß zu Machärus setzen ließ. Reisen Jesu der zweiten Periode rc, 167 mied Jesus nicht den Umgang mit den Samaritern. Dadurch . lernte er so manche gute Seite an ihnen kennen, und gewann sie wegen der Rechtlichkeit ihrer Denkart und ihres Betragens endlich so lieb, daß er sie in manchen Dingen den Juden vorzog und sie in sein Reich mit aufzunehmen beschloß; wie er selbst dieses Joh. 10, 16. verständlich genug zu erkennen gab. Sa maria war die kleinste unter den drei Provinzen, in welche zu Jesu Zeiten Palästina dieffeit des Jordans getheilt war, und lag zwischen Galiläa und Judäa. Nach Mor- ! gen grenzte es an den Jordan, nach Abend zu hatte es aber ^ nicht mehr das mittelländische Meer zur Grenze, sondern der i Syrische König Demetrius Soter hatte den Küstenstrich davon losgerissen und zu Judäa geschlagen, so daß Samaria gar keine Seestädte besaß. Ihren Namen hatte diese Provinz von dem Berge Schomron oder Samaria, der nach seinem Besitzer Schemer oder Semer benannt worden war (1. König. 16, 24.). An Fruchtbarkeit stand Samaria der Provinz Galiläa nicht nach. Zwar ist es voller Berge, aber es schließt auch den südlichen Theil der Ebene Esdrelon ein und enthält den besten Theil der schönen Jordan-Ebene; und die Gebirge waren ebenfalls angebaut und fruchtbar. Die Thäler werden von Bächen bewässert, wodurch die Fruchtbarkeit nur vermehrt wird. Vorzüglich gab es viele Oelbäume daselbst; es fehlte aber auch nicht an Obst. Wild war dort nicht selten. Die dortigen Kühe werden von Josephus als vorzüglich milchreich gerühmt. Nur an Einwohnerzahl stand es in Verhältniß seiner Größe Galiläa nach. Die jetzigen Einwohner bestehn in Türken, Mauren und Arabern. Die meisten Einwohner dieser Provinz zu Jesu Zeit konnten nicht von Abraham ihre Abstammung herleiten, wenigstens war ihre Abkunft nicht völlig rein. Denn als die Assyrer das Israelitische Reich erobert hatten, waren die vornehmsten Js- racliten hinweggeführt worden und dagegen hatte Esar Hadden Chaldäische Völker, als: Cuthäer, Aväcr, Dinaer, Chama- thäer, Sepharviten und Babylonier nach Samaria gesendet, die sich nun mit den zurückgebliebenen ärmern Jsracliten vermischten und ihre Landesgötter auch in Samaria verehrten, jedoch auch dahin gebracht wurden, dem Gott der Juden ihre 168 Viertes Buch. Anbetung zu weihen, und durch die unter ihnen wohnenden Jsraelitcn mehr und mehr sich von. ihren Götzen hinweg und dem Einen Gott zuwenden ließen. Der König Hiskias in Juda wünschte diese Samariter mit seinem Reiche zu vereinigen und sie dahin zu bringen, daß sie den Tempel in Jerusalem besuchten; allein dieses gelang nicht; und als die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren und ihren Tempel zu Jerusalem wieder aufbauten, waren sie viel zu engherzig, und gegen die Samariter, wegen deren Vermischung mit Heiden, viel zu erbittert, als daß sie dieselben hatten Theil daran nehmen lassen sollen, so sehr es die Samariter auch wünschten. Eine Zeitlang suchten nun diese den Tempel- bau der Juden zu verhindern, um sich wegen der ihnen ge- wordncn Verweigerung und Verachtung zu rächen. Daraus ging aber eine um so größere gegenseitige Erbitterung hervor. Diese wurde von Seiten der Juden um so stärker, als die Samariter einen eignen Tempel sich baueten, wozu ein sonderbares Ereigniß die Veranlassung gab. Nichts war nämlich den Juden ein größerer Greuel, als die ehelige Verbindung eines, ihrer Glaubensgenossen mit einer Ausländerin. Nun hatte Manasse, der Bruder des Hohenpriesters Jaddu, zu jener Zeit als der König Alexander von Macedonien siegreich gegen den Persischen König Darius kämpfte, die Tochter Saneballats, des Persischen Statthalters in Samaricn geheirathct und dadurch ein großes Aergerniß gegeben. Die Juden verlangten daher von ihm, daß er seine Gattin verstoßen sollte, und als rr dazu sich nicht geneigt zeigte, auch nach dem Mosaische» Gesetze sich nicht dazu verpflichtet hielt, weil Moses wirklich es nicht so streng gemeint hatte, als die Schriftgelehrten der damaligen Zeit es nahmen, so drohte man, ihm die Priester- würde zu entziehn. Deshalb floh er nach Samaria, und sein Schwiegervater verschaffte ihm daselbst das Oberpriesterthm und wußte von dem Könige Alexander die Erlaubniß auszuwirken, daß die Samariter einen Tempel auf dem Berge Gare izim erbauen durften. Durch Manasse hatten sie zugleich auch das geschriebene Gesetzbuch Mosis bekommen, und da dieses nun öffentlich vorgelesen wurde, so verschwand der Götzendienst unter den Samaritern gänzlich und sie wurden eifrige Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 169 Verehrer des Einen wahren Gottes; ja sie gewannen sogar hellere Einsichten als die Juden selbst, weil bei ihnen weder Pharisäer noch Schrifftgelehrte durch ihre Satzungen das Ge- ' sitz verunstalteten und den Geist in Fesseln legten, und erwarteten in dem verheißenen Messias weniger einen irdischen König, als vielmehr einen geistigen Retter, einen Lehrer und Führer der Menschen zu höherer Erkenntniß und würdiger Verehrung Gottes. Jetzt hatten also die Juden eigentlich weniger Grund zur Feindschaft gegen die Samariter; allein gerade die Erbauung eines eignen Tempels, den die Samariter dem Tempel zu Jerusalem entgegensetzten, und der Umstand, daß sie nur die fünf Bücher Mosis annahmen und befolgten, das brachte die Juden um so mehr gegen ihre Nachbarn auf und erbitterte sie so, daß der Name Samariter bei ihnen ein Schimpfwort wurde (Joh. 8, 48.), daß man Samarien zu betreten sorgsam vermied und daß man unter einem Fluche alle Gemeinschaft der Juden mit den Samaritern verbot, und ernstlich untersagte, irgend eine Frucht ihres Landes zu genießen, ja daß man nicht einmal die Samariter, gleich den Heiden, als jüdische Proselyten annehmen wollte. Die Samariter, obschon ungehalten gegen die Juden, vergalten doch nicht Gleiches mit Gleichem; und Jesus, der sie von der bessern Seite hatte kennen gelernt, stellt sie daher auch zuweilen den Juden als Muster vor (Luk. 10, 33—36. u. 17, 16. u. 18.). Uebrigens theilten die Samariter die Schicksale der Juden. Beiden war derselbe römische Landpfleger vorgesetzt; beide litten bei der Zerstörung Jerusalems, und beide haben ihre Selbstständigkeit verloren. Nachdem die Apostel mit der Kraft des göttlichen Gei- ^ stes ausgerüstet worden waren, predigte Philippus das Christenthum unter den Samaritern (Apostclg. 8, 5.) und Petrus und Johannes vollendeten die Gründung einer christlichen Gemeinde daselbst (Apostelg. 8, 14—17.). Früher glaubte man, daß die Samariter nur bis zu den Zeiten Gregorius des Großen gedauert hatten und hierauf , gänzlich verschwunden waren; allein ein französischer Gelehrter, Sylvester d.e Sacy, ertheilte 1822 genauere Nachrichten 170 Viertes Buch. über die noch vorhandenen Samariter. Ihm haben wir folgende Kunde von ihnen zu verdanken. Die Samariter haben sich unter allen Stürmen und Umgestaltungen, welche Palästina erfahren hat, bis zum heutigen Lage, freilich nur in geringer Anzahl, erhalten. Sie besitzen noch ihre Religion, ihre Sprache, ihre heiligen Bücher und den Hauptort ihres Gottesdienstes. Man trifft sie nur noch in Naplusa, dem alten Sichem, und in Jaffa, obgleich sie selbst meinen, daß sie noch Glaubensgenossen in Aegypten und in Frankreich hätten. Sonst soll es auch Samariter in Damaskus, Gaza, Askalon und Cä'area in Palästina gegeben haben, die nach der Behauptung der noch Vorhandenen vor ! 600 Jahren nach Frankreich geführt worden wären, wovon ' aber die Geschichte nichts weiß. Vor ungefähr 100 Jahren ' verschwanden die in Aegypten befindlichen. Die Zahl der setz! i in Naplusa und Jaffa noch vorhandenen Samariter beläust ^ sich^ Männer, Weiber und Kinder zusammengerechnet, auf l 200 Personen, die 30 Familien ausmachen. ^ In ihrer Kleidung zeichnen sie sich durch einen weißen ^ Turban aus, den sie an den Sabbathen und Festtagen aufsetzen. Wenn sie ihre Synagoge besuchen, so tragen sie weiße ' Kleider, und beobachten überhaupt Alles, was das Mosaische ! Gesetz ausdrücklich vorschreibt, auf das Genaueste; verwerfen ' aber den Talmud und alle rabbinischcn Zusätze. Uebrigens ' haben sie die Verehrung des einen wahren Gottes, die Be- ^ schneidung, die Reinigungen und die Feste, außer dem Lein- ' pelwcihfeste, mit den Juden gemein. Auch glauben sie an ^ Engel, an die Auferstehung und eine Vergeltung nach dein ^ Tode, und hoffen auf einen Messias. Sie halten sich abgk- i sondert von den Türken, Juden und Christen, und verhcira- i then sich nur unter einander. Sie bewohnen in Naplusa einen besondern Theil der Stadt, der Bhadexa heißt und Jakobs Eigenthum gewesen seyn soll. Ihre Häuser stehn unter einander in Verbindung. In einem derselben, in dessen ersten Stockwerke ist ihre Synagoge. Diese besteht aus drei Andachtszimmern, von denen das mittelste das Allerheiligste ausmacht. Hier liegen auf einem Altare die fünf Bücher Mosis, die mit einem Vorhänge verhüllt sind, den nur der Hohepriester, Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 171 Kakham genannt, wegziehn darf. Am ersten Tage des Pas- - sahfestes schlachten und braten die Samariter ein Lamm und verzehren es um Mitternacht in ihrer Synagoge; beim Gebet richten sie sich mit ihrem Angesichts gegen den Berg Garizim. Sie sind nicht vermögend und leben von einem unbedeutenden Handel und von Handarbeiten; auch gibt es Wechsler unter ihnen. In Samaria verweilte Jesus bei und in Sichern oder Sychar, einer alten Stadt, die jetzt Naplusa, Naplosa, Na blos oder Naplus genannt wird. Der Name Sichern bedeutet Schulter, und diesen Namen bekam die Stadt wahrscheinlich von ihrer Gestalt. Manche meinen hingegen, der Fürst Chamor habe sie erbaut und nach seinem Sohne Si- chem genannt. Sychar aber erklärt man durch Lüge oder durch Sitz der Trunkenheit, und dieser Name wurde jener Stadt von den Juden aus Spott gegeben und war alsdann bei ihnen der gebräuchlichste Name Sichems geworden. Diese Stadt lag 7 Meilen nordwärts von Jerusalem und 2 Stunden südlich von Samaria. Ohngeachtet der Verwüstung, welche Palästina in verschiedenen Zeiten, vorzüglich durch die Türken .erlitten hat, zeichnet sich das heutige Sichern doch noch vor- theilhaft unter andern Städten des gelobten Landes aus und ist nicht viel kleiner als Jerusalem. Die Stadt liegt zum Theil an dem Abhänge eines Hügels, zum Theil breitet sie sich in der Ebene oder vielmehr in einem Thalgrunde aus, der gegen Mittag von dem Berge Garizim, und gegen Mitternacht von dem Berge Ebal eingeschlossen wird und nicht eine volle Viertelstunde breit ist. Die Häuser der Stadt sind niedrig, aber hübsch gebaut und zwar von einer Steinart, die ihnen fortwährend ein neues Ansetzn gibt, wovon sie wahrscheinlich auch den Namen Neapolis, Neustadt, bekam, aus welchem durch Abkürzung Naplus gemacht wurde. In der Stadt findet man einen schönen Brunnen, in welchen man auf 12 Stufen hinabsteigt und der aus einer Art von Grotte besteht, die 45 Fuß ins Gevierte mißt und in deren Mitte sich die Quelle befindet, die einen Umfang von 4 Fuß hat. Von ihm gehn Wasserleitungen aus, die das Wasser in alle Theile der Stadt führen. Die Reisenden sind entzückt von 172 Viertes Buch. dem Anblicke, welchen Naplusa von den umliegenden Anhöhen gewährt. Wenn man von den Hügeln herab nach der Stadt zu geht, so sieht man sie von reizenden und Wohlgerüche duftenden Gebüschen umgeben und zwischen blühenden Gärten und unter Baumgruppen halb versteckt. Das Thal, in welchen, sie liegt, ist fruchtbar und quellenreich und enthält noch jetzt Maulbeerpflanzungen, Oclbäume, Mandel- und Feigenbäume. Die Einwohner werden als etwas unruhig geschildert, sind aber betriebsam, treiben Handel und beschäftigen sich vorzüglich mit Seifensieden. Diese Stadt war die Hauptstadt in dem Gebiete des Stammes Ephraim und eine der ältesten und berühmtesten Städte Palästinas nächst Jerusalem und Hebron, ja sie wurde als der Mittelpunkt des heiligen Landes betrachtet. Als Abraham aus Mesopotamien nach Kanaan kam, traf er bei ihr einen ansehnlichen Terebinthenham Namens Moreh (1. Mos. 12, 6.) und hielt sich eine Zeitlang daselbst auf. IM schlug nach seiner Rückkehr aus Mesopotamien mit seiner Familie ebenfalls bet Sichern seine Wohnung auf (1. Mos. N, 18.), und seine Söhne brachten die Fürsten Sichem und Cha- mor nebst den männlichen Bewohnern der Stadt um (1. Mos. 34.). Als Josua dem Tode nahe war, versammelte er die Familienhäupter des jüdischen Volkes zu Sichem, wo er nach Beendigung des Kriegs seinen Aufenthalt genommen hatte, und ermähnte sie ernstlich, treu dem Gott ihrer Väter fortwährend zu dienen; auch ließ er in der Nähe der Stadt, unter einer Eiche ein steinernes Denkmal errichten, auf welchem das Gesetz aufgezeichnet worden war (Jos. 24.). Allein demohnge- achtet erbauten die Einwohner von Sichem dem Phönicischcn Gott Baal-Berith einen Tempel, aus dessen Schatze sie dem Abimelech, der sich unter ihnen zum Richter erhob, 70 Seckel schenkten (Nicht. 9.). Als sie sich hierauf aber gegen Abimelech empörten, so wurde von diesem die Stadt der Erde gleich gemacht. Bald jedoch mußte sie wieder aufgebaut worden seyn, denn nach Salomos Tode versammelten sich die Familienhäupter des Volkes zu Sichem, um Rehabeam unter gewissen Bedingungen als König anzuerkennen, und ernannten, da Rehabeam die vorgeschlagenen Bedingungen nicht eingehen Reisen Jesu der zweiten Periode w. 173 wollte, Jcrobeam zu ihrem Könige, der nun als Herrscher der zehn Stämme oder des Reichs Israel auf einige Zeit seine Residenz daselbst nahm und die Stadt verschönerte und befestigte (1. König. 12.). Unter der römischen Herrschaft bekam Sichern den Namen Klavier zu Ehren des Kaisers Vespasianus, wurde aber gewöhnlich nur Neapolis genannt. Als das Christenthum herrschend wurde, ward sie der Sitz eines Bischofs, und in ihr war der Philosoph und Märtyrer Justinus geboren, der 163 nach Christus in Rom hingerichtet wurde, weil er nicht von dem Christenthums lassen wollte. Bei der Stadt befindet sich das sogenannte Jakobsoder Josephsfeld, das Jakob von den Kindern Chamors gekauft (1. Mos. 33, 19.) und seinem Sohne Joseph gegeben hatte (1. Mos. 48, 22.). Es beginnt an dem Fuße der Berge Garizim und Ebal, ist ohngefähr eine Stunde lang und etwa eine Viertelstunde breit. Es wird von einem klaren Bache bewässert, ist ringsum von fruchtbaren Hügeln umgeben und selbst fruchtbar und sehr unmuthig. Man findet auf diesem Felde noch die Ueberreste eines alten Gebäudes, das ' eine kleine Kuppel getragn hat und das man für das Grab Josephs halt, dessen Gebeine daselbst bestattet worden waren (Jos. 24, 32.). Dieses Grabmal wird von Türken, Arabern, Juden und Christen gleich in Ehren gehalten. Auf diesem Felde, ohngefähr eine Viertelstunde von der Stadt, befindet sich der Jakobsbrunnen, den Jakob gegraben haben soll. Durch eine enge Oessnung gelangt man i>i eine Art von Gewölbe, in welchem ein Altar errichtet ist, auf dem Messe gelesen werden kann. Unter dem ersten Eingänge ist ein Loch, durch welches ein Eimer in den Brunnen herabgelassen wird. Der Brunnen selbst ist 103 Fuß tief, von guter Bauart, oben enger, unten weiter, weshalb er sehr frisches Wasser enthält, das 6 Fuß hoch in ihm steht. Die Kaiserin Helena hatte eine Kapelle über ihm erbauen lassen, von welcher man noch jetzt Ueberreste sieht. Dieser Brunnen stand bei den Samaritern in großem Ansehn und wird auch seht noch von Juden und Christen in Ehren gehalten. Der Berg Garizim odcr Grisim, Schnitterberg, weil 174 Viertes Buch. dort viel Getreide gebaut wurde, befindet sich auf der Südseite von Sichern, ist ziemlich hoch und auf seinem südlichen Abhänge mit frischem Grün bekleidet und mit terrassenförmigen Gärten bedeckt. Auf der Mitternachtsseite von Sichern dagegen erhebt sich der steinige Ebal, der an Gestalt und Höhe dem Berge Garizim ziemlich gleich kommt, aber weniger fruchtbar ist. Die steilen Seiten beider Berge sind gegen dir Stadt gewendet, gleichsam als wollten sie derselben zu Schutzmauern dienen. Auf dem Berge Garizim hatten die Samariter ihren Tempel erbaut, den sie dem Tempel der Juden zu Jerusalem entgegen setzten; der aber schon 129 Jahre vor Christus durch Johannes Hyrkanus zerstört wurde, weil untrr der Oberherrschaft des Syrischen Königs Antiochus Epiphaiies darin dem Jupiter Genius Opfer dargebracht worden waren. Hierauf aber errichteten die Samariter einen Altar auf dem Berge Garizim und brachten auf demselben fortwährend ihre Opfer dar. Sie schrieben diesem Berge deshalb eine besondere Heiligkeit zu, weil sie behaupteten, daß die heiligen Gefäste der Stiftshütte, die man in dem Salomonischen Tempel zn Jerusalem aufbewahrt hatte, bei der Zerstörung dieses Tempels auf dem Garizim verborgen worden seyen, und daß Moses (Z. Mos. 27, 4 — 8.) befohlen habe, auf diesem Berge einen Altar von Steinen zu errichten und darauf Dankopfer darzubringen. Dieses aber befahl Moses in Bezug auf den Ebal; allein die Samariter behaupten, die Juden hätten alle betreffenden Stellen verfälscht und anstatt Garizim Ebal in denselben geschrieben, was jedoch keineswegs wahrscheinlich ist. Beide Berge sind auch dadurch merkwürdig, daß Moses befahl (5. Mos. 11, 29.), von dem Berge Garizim den treuen Beobachtern des Gesetzes den Segen zu verkündigen, von dem Ebal aber über die Uebertreter der göttlichen Gebote den Fluch auszusprechen, was auch wirklich geschah (Jos. 8, 33.). Um die Mittagszeit langte Jesus auf seiner Wanderung an dem Jakobsbrunnen an und setzte sich bei demselben nieder/ um sich einige Erholung zu gönnen. Er schickte seine Jünger in die Stadt, um daselbst die nöthige Speise zum Mittagsmahle zu holen, was gegen die Gewohnheit der Juden war/ über deren Vorurtheile aber Jesus sich hinwegsetzte. Während Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 175 der Abwesenheit seiner Jünger kam eine Samariterin, um Wasser aus diesem Brunnen zu holen, das von den Samaritern vorzüglich geschätzt wurde. Mit dieser knüpfte Jesus ein Gespräch an, ebenfalls gegen die Sitte der Rabbinen, die das weibliche Geschlecht gewöhnlich geringschätzten *), das Jesus hingegen erheben und in seine natürlichen Rechte einsetzen 8 und der ganzen Achtung des Mannes würdig machen wollte. » Der Samariterin aber fiel es auf, daß ein Jude, als wel- I chcn sie Jesum an seiner Kleidung erkennen mußte, mit ihr k in ein Gespräch sich einließ und noch dazu eine Dienstleistung von ihr forderte, da Jesus sie um einen Trunk Wasser bat; auch gab sie ihre Verwunderung darüber in Worten zu erkennen. Doch Jesus wußte bald, vorzüglich auch dadurch, daß er ihr eben nicht sittliches Leben und Verhalten zur Sprache brachte, ihre Aufmerksamkeit ganz zu fesseln und auf sich zu wenden, und dadurch sich den Weg zu bahnen, daß sie um so achtsamer wurde, als er den höchsten Grundsatz seiner Lehre aussprach, daß nur eine geistige Verehrung Gottes durch ein frommes tugendhaftes Leben, des Höchsten würdig und ihm wohlgefällig sey. Ja er bewirkte durch seine eindringliche und ergreifende Rede, daß sie in ihm den verheißenen Messias erkannte, und eiligst in die Stadt lief und ihre Mitbürger her- . beiholte, um diese mit dem Messias ebenfalls bekannt zu ma- ^ chcn**). Worauf Jesus sich nach Sichern begab und einige Tage daselbst blieb, indem er während dieser Zeit Manche ' für das Gottesreich gewann. *) In dem Talmud findet man die Aussprache: „Ein Weib grüßt man garnicht;" und: „wer seine Tochter im Gesetz unterrichtet, ist wie Einer, der Starrheit treibt." . Die griechischen Kirchenschrisistellcr nennen diese Samariterin Pho- tuie und erzählen, daß dieselbe, nachdem sie die christliche Lehre angenommen hatte, ihre ganze Familie bekehrt habe. Hierauf habe sie sich nach Afrika begeben und dort die Einwohner der Stadt Karthago zum christlichen Glauben geführt. Auch die Ihrigen sollen zur Verbreitung des Christenthums gewirkt haben. Endlich habe der Kaiser Nero sie und ihre ganze Lannlie nach Rom bringen lassen und versucht, sie durch Martern von ihrem Glauben abwendig zu machen. Allein Alles sey vergeblich gewesen und Nichts hätte die Photine und die Ihrige» irre mache» können. Darüber sey endlich der Kaiser so erbittert worden, daß er sie nach den größten Qua- «u, die sie erleiden mußten, habe erwürgen lassen. 176 Viertes Buch. XVII. Jesus begibt sich von Sichem nach Kana. . 4, L3 —5j,> Nachdem Jesus zwei Tage in Sichem verweilt und nun seinen Ruhm nicht allein in Judäa, sondern auch in Sama- ria begründet hatte, setzte er seine Reise nach Galiläa fort, wo er nun ebenfalls und zwar um so mehr Ansetzn zu gewinnen hoffen konnte, da sein Ruhm ihm vorausgegangen seyn mußte. Auf seiner Weiterreise konnte er nach Samaria kommen. Sa maria oder Schomron war die Hauptstadt der ! Provinz, welche von ihr den Namen hatte, und lag in dem ehemaligen westlichen Gebiete des Stammes Manaffe. Sie hatte nicht ein so hohes Alter als Sichem, denn sie wurde erst von Amri, dem sechsten Könige des Reichs Israel, erbaut (1. König. 16, 24.), der von einem gewissen Schemer oder Scmer den Berg kaufte, auf welchem er die Stadt gründete. Sie gewann bald eine ansehnliche Größe, denn sie hatte eine Stunde im Umfange, war schön gebaut und stark befestigt, und bekam eine beträchtliche Einwohnerzahl. Bei dem Untergänge des Israelitischen Reichs wurde sie durch den Assyrischen König Salmanassar zerstört, nachdem sie eine mehrjährige Belagerung ausgehalten hatte (2. König. 18, 9. u. 10.). Die aus Assyrien nach Samaria verpflanzten Kolonisten bauten sie jedoch bald wieder auf, aber freilich weit ärmlicher als sie früher gewesen war. Zur Zeit der Makkabäer wurde sie nach einer langen Belagerung von Johannes Hyrkamis abermals zerstört, und zwar völlig dem Erdboden gleich gemacht. Unter der Oberherrschaft der Römer ließ sie Gabi- mus, der Römische Statthalter in Syrien, wieder aufbauen und nach sich Gabinia nennen; allein auch jetzt hatte sie! noch ein geringes Ansetzn. Erst Herodcs der Große gab ihr 25 Jahre vor Christus den ehemaligen Glanz wieder; denn er vergrößerte und verschönerte sie und ließ sie mit einer starken Mauer umgeben. Er nannte sie zu Ehren des Römischen Kaisers Augustus Sebaste oder Augusta, die Hehre, und ließ darin auch einen demselben Kaiser geweihten prächtigen s Tempel erbauen. Hinfort war bis auf die neuesten Zeiten ^ Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 177 Sebaste ihr gewöhnlicher Name. Ihre Lage war sehr vor- theilhast; denn sie stand auf einem langen eiförmigen Hügel, war von einem fruchtbaren Thal umgeben, welches anmuthige Hügel ringsum einschließen, und lag 8 Meilen nördlich von Jerusalem entfernt. Nach Jesu Tode wurde in ihr eine der ersten christlichen Gemeinden gegründet (Apostelg. 8.); auch befand sich in der Folge der Sitz eines Bischofs daselbst. Bon dieser einst schönen Stadt trifft man jetzt nur wenige Ruinen an. Man sieht auf ihrer Stelle mehrere Marmorsäulen, die zum Theil noch stehn, zum Theil aber darnieder liegen, die Trümmer einer Wasserleitung und einzelne Mauer- überreste; aber anstatt der prächtigen Paläste und schönen Häuser, die sonst hier dem Blicke sich boten, sieht man jetzt nur erbärmliche Höhlen, in denen arme Araber wohnen. In Sebaste soll Johannes der Täufer von seinen Schülern begraben worden seyn; wenigstens hatte die Kaiserin Helena eine dem edlen Vorläufer Jesu geweihte Kirche daselbst erbauen lassen, die jetzt zum Theil verfallen ist und aus deren einem Theile die Türken eine Moschee gemacht haben. Das Grab des Täufers Johannes zeigt man daselbst in einer unterirdischen Kapelle, in die man auf 23 Stufen hinabsteigt, zwischen den Gräbern der Propheten Elisa und Obadja. Vier Stunden nordöstlich von Samaria lag die alte Stadt Zesreel, auch Esdraela und Stradela genannt, auf einem Hügel in der Ebene gleiches Namens und in dem Gebiete des Stammes Jssaschar. Es war eine ansehnliche Stadt i» der Provinz Samaria. In ihr hatte der König Achab einen Palast, aus dessen Fenster die Königin Jsebel, Achabs Gemahlin, herabgestürzt wurde (2. König. 9, 33.). Zur Zeit der Kreuzzüge soll auf der Stelle dieser Stadt ein Flecken Namens Klein-Gerin gelegen haben. Nordwestlich von Jesreel lag Sunem, eine Stadt im Gebiete des Stammes Jssaschar (Jos. 19, 18.), südlich vom Berge Thabor, bei welcher die Philistäer sich lagerten, als sie gegen Saul zu Felde zogen und jene Schlacht lieferten, »ach welcher Saul sein Leben durch Selbstmord endigte (1. Sam. 28, 4.). Aus dieser Stadt war die schöne Abisag gebürtig, die oer König David in seinem hohen Alter noch heirathete 12 178 Viertes Buch. (1. König. 1, 3.). Auch pflegte in dieser Stadt der Prophet Elisa auf seinen Reisen öfter bei einer Frau einzukehren, der er bedeutende Dienste leistete (2. König. 4.). Unterhalb Kana lag im Gebiete des Stammes Sebulon Gath-Chever oder Gethpher, westlich vom See Gene- sareth, die Geburtsstadt des Propheten Jonas (2. König. 14, 25.). Jetzt ist sie völlig verschwunden; man zeigt aber auf ihrer Stelle ein Gebäude, welches das Grab des Propheten Jonas enthalten soll, weshalb auch daran der Fisch in Stein ausgehauen zu sehn ist, der den Propheten verschlungen hatte. Dieses Gebäude war früher wahrscheinlich eine Kapelle, ist aber jetzt von den Türken in eine Moschee verwandelt worden. Nahe dabei befindet sich eine Quelle, die man den Jonasbrunnen nennt. Manche behaupten, das Grab des! Propheten Jonas befinde sich in Lydda. I Nachdem Jesus in Galiläa angekommen war, verließen! ihn wahrscheinlich seine Jünger auf einige Zeit, um ihre Hei- j math und die Ihrigen aufzusuchen und daselbst so manches i Nöthige zu besorgen. Jesus fand in Galiläa, vorzüglich in ^ Kana, eine freundliche Aufnahme und Begegnung, weil die Galiläer am Paffahfeste Augenzeugen dessen gewesen waren, was er zu Jerusalem vollbracht hatte, und nun auch Außerordentliches für sie von ihm erwarteten. Der Ruf, daß er in Galiläa angekommen sey, verbreitete sich schnell; denn als er in Kana war, kam einer von den Hofleuten des Königs Herodes Antipas zu Jesu und bat ihn, sich nach Kapernauni zu begeben und seinen kranken Sohn vom Tode zu retten. Jesus, der stets zu Hilfeleistungen bereit war, versagte auch hier seine Dienste nicht; nur wollte er wissen, ob der Hülfe» suchende wirklich mit vollem Vertrauen zu seiner Wirksamkeit, oder aus bloßer Wundersucht zu ihm gekommen sey. Den» er, der bei den Samaritern Eingang, Beifall und Zutrauen gefunden hatte, ohne sich erst durch eine besondere wundervoll befundene That den Weg zu ihren Herzen zu bahnen, hatte ^ die Erfahrung gemacht, daß es ihm in Galiläa schwerer werde, Zutrauen und Gehör zu erlangen. Daher sprach Jesus seine Unzufriedenheit mit den Juden unverholen in den Worten aus: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubet B Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 179 nicht;" womit er zugleich zu erkennen gab, daß sein Thun bei dieser Art von Leuten wenig wirke, und er seine höhere Absicht nicht nach Wunsche erreiche. Das anhaltende Bitten des Mannes vermochte Jesum inzwischen doch zu der Versicherung, daß sein Sohn am Leben bleiben und wieder gesund werden würde. Der Mann glaubte auch erst hernach völlig, als er die wirkliche Genesung erfuhr; vorher aber ließ er sich nur in Hoffnung an der Versicherung genügen; so daß er nicht weiter auf das persönliche Kommen drang. In dieser Hoffnung kehrte er nach Kapernaum zurück und vernahm bei seiner Ankunft daselbst, daß am vorigen Tage, um die siebente Stunde, das ist Nachmittags um Ein Uhr, wo er bei Jesu sich befunden hatte, es mit seinem Sohne wirklich besser gewor- ' den war. Die Juden theilten nämlich zu Jesu Zeit den Tag vott dem Erscheinen der Morgenröthe bis zum Einteilte der Abenddämmerung in 12 Stunden, so daß von 6 bis 7 Uhr deS Morgens die erste, von 7 bis 8 Uhr die zweite Stunde u. s. w. war (Matth. 20, 3 — 6.). XVIII. Jesus geht nach Nazareth. Nachdem Jesus an mehreren Orten in Galiläa in den Synagogen mit großem Beifalle gelehrt hatte, begab er sich »ach Nazareth und trat daselbst am nächsten Sabbathe ebenfalls lehrend in der Synagoge auf. Eine Synagoge war ein öffentliches Gebäude, in welchem die Juden ihre religiösen Versammlungen hielten, wie wir dieses in der Kirche thun. Sie befand sich entweder innerhalb oder außerhalb der Stadt, gemeiniglich an einem erhabenen Orte; denn sie mußte über alle anderen Häuser der Stadt hervorragen und wurde daher thurmartig aufgebaut, wenn ihr Standort nicht die gehörige Höhe ertheilte. Sie war mit einem Dache bedeckt, was bei den Proseuchen »>cht statt fand, die aber auch eine andere Bestimmung hatte». Die Proscuchen waren nämlich nur Bethäuser und be- 12 * 180 Viertes Buch. fanden sich da, wo keine Synagogen seyn konnten, meisten- 1 theils an dem Meere, an Flüssen und Bächen, wo die Juden i zuvor die nöthige Reinigung vorzunehmen vermochten, ehe sie ? sich in die Proseuchcn zum Gebet begaben. Wo zehn Israeli- f ten an einem Orte zusammen lebten, da mußte eine Synagoge ! errichtet werden; auch mußten in ihr wenigstens zehn Personen f versammelt seyn; daher wurden gewöhnlich zehn Menschen dazn r besoldet, daß sie die Ersten und Letzten bei den Versammln»- l gen in den Synagogen waren. Diese nannte man Geschafts- lose, weil sie nicht wohl irgend ein Geschäft treiben konnte», s Hinten an der Wand gegen Morgen, der Thür gerade gegen- l! über, die vorzüglich an der Abendseitc angebracht wurde, be- ) fand sich ein Schrank, in welchem die heiligen Schriften, in kostbare gestickte Tücher eingewickelt, verschlossen lagen. Vor ; dem Schranke war eine Erhöhung angebracht, mit einer Art ! von Pulte versehn, auf welche Derjenige sich zu stellen pflegte, ! der einen Vortrag halten wollte. Die Zuhörer ordneten sich ! vor dieser Erhöhung ihrem Range gemäß, so daß die W- ! risäer gewöhnlich die Vordersten waren (Matth. 23, 6.). Die Weiber hatten einen von den Männern abgesonderten, etwas , erhabenen Standort, der mit Gittern verwahrt war, so deß sie Alles sehn und hören konnten, ohne daß sie selbst gesehn wurden. Jede Synagoge hatte einen oder mehrere Vorsteher und Diener. Unter den Vorstehern war einer der Ober- vorsteher, der auch der Fürst der Synagoge, oder ?lrchi-l synagogus hieß (Mark. Z, 36. Luk. 8, 49.). Dieser ersuchte Diejenigen in der Synagoge, aufzutreten und z» reden, die er dazu für tüchtig hielt, befahl dem Diener, die Schriftrolle herbeizuholen und sie dem einzuhändigen, der eine Stelle der heiligen Schrift vorlesen wollte, und las selbst M, wenn kein Anderer da war, der es thun konnte. Gewöhnlich kam es ihm auch zu, das Gesetz selbst vorzulesen, und »»c ll aus den Propheten durfte er dieses von Andern thun lasst». Auch hatte er bei den gerichtlichen Untersuchungen den Vorsitz, f die bisweilen in den Synagogen über Diejenigen angestellt ) wurden, die irgend ein Aergerniß gegeben, oder sonst auf ei»!» grobe Art gegen das Gesetz gefehlt hatten. Wurde der geklagte schuldig befunden, so sprach der Obervorsteher das s Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 181 Strafurtheil aus, in welchem dem Schuldigen gemeiniglich 39 Geißclhiebe zuerkannt wurden. Wenn ausser dem Obersten der Synagoge noch andere Vorsteher angestellt waren, so hießen diese Ael teste, welche auf die gehörige Ordnung sehn mußten. Die Diener oder Aufwar ter der Synagogen hatten die Schlüssel in Verwahrung und nahmen die heiligen Bücher aus dem Schranke heraus und bewahrten sie darin wieder auf. Die Bücher bestanden damals nicht wie die mistigen aus einzelnen zusammengehefteten Blattern, sondern aus langen Streifen Papier, Leinwand oder Pergament, die auf der einen Seite beschrieben waren und um einen hölzernen Stab zusammengerollt wurden. Die Schrift mußte also beim Lesen aufgerollt werden. Außerdem befand sich noch ein Vorsänger in der Synagoge, der die Gesänge anstimmte und die Gebete begann. Denn es wurden nicht allein Stellen aus den mosaischen und prophetischen Schriften in den Synagogen vorgelesen und erklärt, sondern auch erbauliche Vortrage gehalten, Gebete gesprochen und Lobgesänge angestimmt. Die Versammlungen fanden an drei Lagen der Woche statt: am Montage, Donnerstage und Sabbathe, die Festtage ungerechnet. An jedem dieser Tage gingen die Juden dreimal in die Synagoge, des Morgens, Mittags und Abends, um ihr Geber daselbst zu verrichten. An den übrigen Tagen beteten sie ebenfalls dreimal, aber zu Hause für sich allein. Die Versammlung wurde mit dem Grusse: „der Herr," oder: „Friede sey mit Euch!" eröffnet; hierauf sang man ein Loblied auf Gott; dann erfolgten die Vorlesungen und Vortrüge. Ein Gebet beschloß die Versammlung, wobei das Volk „Amen" sagte. Zuletzt pflegte man noch Almosen für die Armen einzusammeln. Die Stellen, welche aus den heiligen Schriften vorgelesen wurden, dursten nicht unter 21 Verse betragen, wenn man keine Erklärung derselben gab, oder keinen Vortrag über sie hielt; in diesem Falle aber konnte man auch Weniger vorlesen. Uebri'gens konnte Jeder, der sich tüchtig dazu fühlte, einen Vortrag in der Synagoge halten. Dieses that denn auch Jesus, als er jetzt die Synagoge in Nazareth besuchte. Nachdem er anfangs zugehört hatte, stieg er auf, um einen Vortrag zu halten. Man reichte ihm 182 Viertes Buch. die Schriften des Propheten Jesaias, und nachdem er sie ausgerollt hatte, las er aus denselben eine Stelle vor, die er auf sich selbst anwenden konnte. Das that er nun mit so hinreißender Beredsamkeit, daß Alle in Staunen und Verwunderung gcriethen. Als jedoch die erste Aufregung vorüber war, und die Nazqrener bedachten, daß Josephs Sohn, der Zimmermann, einer aus ihrer Stadt, zu ihnen gesprochen hatte: ha wurden sie kälter gegen ihn, ja Manche meinten, daß er eigentlich gegen sie gefehlt habe, weil er nicht zuerst unter ihnen in seiner Messiaswürde aufgetreten sey. Und als nun Jesus an dem Beispiele der Propheten Elias und Elisa zeigte, daß Fremde oft empfänglicher als die Einheimischen für die Wohlthaten der Propheten gewesen wären, und daß der Lehrer oft mehr Ansetzn und Einfluß unter Auswärtigen als unter seinen Mitbürgern gewinnen könnte; so wurden sie über ihn so aufgebracht, daß sie ihn aus der Synagoge und aus der Stadt hinaus stießen und ihn auf den Gipfel des Berges, an dessen Abhänge ihre Stadt lag, schleppten, um ihn dort von einem jähen Felsen hinabzustürzen. Doch Jesus wußte sich bei ihnen noch in solches Ansetzn zu setzen, daß er ungehindert durch sie hindurch gehn konnte. Noch jetzt zeigt man in Nazareth ein altes steinernes, mit einem Dache versehenes Gebäude, das 25 bis 30 Fuß lang und 12 bis 15 Fuß breit ist, als jene Synagoge, in welcher Jesus damals gelehrt haben soll. Auch findet man auf dem Gipfel des Berges, an welchem Nazareth liegt, am Rande desselben einen vorspringenden Felsen, von welchem man in einen tiefen Abgrund hinab blickt. Der Felsen geht schroff und gerade, wie eine Mauer, in die Schlucht hinab, die hier zwischen zwei Felsenwänden gebildet ist und in welcher Steine umherliegen, die von Zeit zu Zeit von den Wänden herabgestürzt sind und durch das Regenwasser, das im Winter durch die Schlucht stürzt, abgeschliffen wurden. Oben auf dem Felsen bildet ein hervorragendes Felsenstück, das ohngcfähr 9 Fuß lang, 5 Fuß hoch rmd 1^ Fuß dick ist, eine Art von Brustwehr, so daß man ohne Gefahr in die Schlucht hinabblicken kann. Nahe bei hersesben befindet sich in dem Felsen eine Grotte, die 5 bis Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 183 6 Fuß weit ist, aber eine geringe Tiefe hat. In dieser soll sich Jesus einstweilen verborgen gehalten haben, bis die aufgebrachte Menge sich verlaufen hatte. In der Folge diente sie zum Betzimmer eines Klosters, das nebst einer Kapelle die Kaiserin Helena dort hatte erbauen lassen. Noch jetzt sieht man einige Uebcrreste der Treppe, die angebracht worden war, um in die Grotte zu gelangen. Auch befindet sich noch ein Altar darin, an welchem Messe gelesen werden kann. Wenn man von dem Abgrunde nach Nazareth zurückkehrt, so kommt man zu den Trümmern eines alten Nonnenklosters, das der angstvollen Maria geweiht war. Es soll nämlich auf einer Stelle erbaut seyn, wo Maria aus Angst und Erschöpfung niedersank, als sie auf die Nachricht, daß man ihren Sohn von dem Felsen hinabstürzen wollte, nach der Stelle, wo dieses geschehn sollte, zulief; und wo sie hernach, als sie vernahm, daß Jesus unbeschädigt davon gegangen war, Gott auf den Knieen für die Rettung ihres Sohnes gedankt haben soll. In der Nähe von Nazareth, ohngefähr 15 Schritte von der Stadt nach Abend zu, zeigt man an dem Abhänge des Berges einen großen, runden, sehr dicken Stein, an welchem Jesus mehreremale mit semen Jüngern gegessen haben soll, weshalb er der Tisch des Messias oder der Aposteltisch genannt wird. Früher soll er auf dem Gipfel des Berges gelegen haben, und erst durch ein Erdbeben herabgestürzt worden seyn. Einige Schritte davon höher am Berge hinauf will man früher auch eine Quelle gesehn haben, die der Apostelbrunnen genannt wurde, weil sich Jesus mit seinen Jüngern aus ihr erquickte und labt?; allein durch ein Erdbeben soll sie im 17. Jahrhunderte verschüttet worden seyn. XIX. Jesus begibt sich von Nazareth nach Kapernaum. r> gigcn Schweizerlandes, die oft auch plötzlich von harten Stürmen z. B. M» wilden Fön, heimgesucht werden. Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 189 sahen jetzt in ihrem Meister einen Gebieter über Sturm ,md Meer. Hierauf schifften sie vollends über den See hinüber und langten an dem jenseitigen Ufer in Pcräa in der Nähe von Gadara an. Peräa wird in der heiligen Schrift gewöhnlich das Land jenseit des Jordans (Match. 4, 25.) genannt, was auch sein Name bezeichnet. Diese Provinz Palästinas, die nicht viel kleiner war, als die drei Provinzen dieffcit des Jordans zusammen genommen, begann am Jordan und ging morgcnwärts bis zu dem Gebirge Gilcad und dem wüsten Arabien, und erstreckte sich von dem Antilibanon im Norden längs dem Jordan hinab bis zum Fluß Arnon und dem Lande der Moabitcr. Zu Jesu Zeiten bestand sie aus zwei Hanpttheilen: aus dem Gebiete deö Tetrarchen Philip- pus, das den nördlichen größer» Theil der Provinz ausmachte, und aus dem eigentlichen Peräa im engern Sinne, das den südlichen kleinern Theil derselben umfaßte nnd dem Tetrarchen von Galiläa, dem Hcrodes Antipas, gehörte. Diese Provinz stand an Fruchtbarkeit im allgemeinen den drei Provinzen dies- seit des Jordans nach, weil sie einen sehr gebirgigen und sandigen Boden hatte; aber man traf in ihr auch einzelne fruchtbare Gegenden an; sie hatte mehrere angenehme Wald- und Bcrglandschaften und gewährte auf ihren Höhen schöne Aussichten. Auch enthielt sie treffliche Weideplätze für das Vieh, vorzüglich in dem Gebirge Gilead. Die Einwohner dieser Provinz waren meistenthcils Heiden, nämlich: Griechen, Syrer und Araber; Juden gab es nur wenige darunter, weil die meisten derselben sich nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft dieffeit des Jordans niedergelassen hatten. Die Juden, welche in Peräa lebten, wurden von ihren Glaubensgenossen in Judäa wenig geachtet, besaßen aber in Wahrheit mehr Werth als diese, weil sie unter den andern Völkern ihren Stolz verloren hatten und gebildeter geworden waren, indem sie sich mehr mit den Künsten und Wissenschaften befreundeten als die Juden in Judäa, welche sich von allen Fremden abgeschlossen hielten. Die Einwohner von Peräa beschäftigten sich vorzüglich mit Viehzucht, weil dazu ihr Land am meisten sich eignete, und trieben auch einigen Handel. Jesus betrat 190 Viertes Buch. dieses Land nur selten, nur dann, wenn er aus irgend einer Ursache sich zurückzog, oder einer Gefahr entwich, und alsdann verweilte er nicht lange daselbst. Kaum war Jesus jetzt in der Nahe von Gadara an das Land gestiegen, so lief ein Rasender *) auf ihn zu, welcher aus einer Höhle kam, deren es dort mehrere gab und die zu Gräbern benutzt wurden. Man ließ nämlich die Wahnsinnigen gewöhnlich in das Freie hinaus, in wüste oder einsame Gegenden, wo sie ihren Aufenthalt in Höhlen zu nehmen pflegten. Dieser Rasende war einer der schlimmsten Art, und deshalb mit Ketten gefesselt. Wahrscheinlich hatte er von der Ankunft Jesu, als des Messias gehört und fürchtete nun Nachtheil von ihm für sich. Daher bat er Jesum auch vor Allem, ihn nicht in die Hölle zu verstoßen, sondern ihm zu erlauben, daß er sich unter die in der Nähe befindliche Hcerde Schweine stürzen dürfe. Der göttliche Menschenfreund gab seinem Wunsche nach und gewann dadurch Einfluß auf ihn, so daß er ihn von seiner Raserei heilen konnte. Leider aber stürzten dabei die Schweine, unter welche der Rasende fuhr und unter denen er sich austobte, in den See und ertranken. Durch dieses Ereigniß erschreckt, eilten die Einwohner von Gadara herbei und baten Jesum, sich aus ihrer Gegend zn entfernen, weil sie, einzig nur für das Irdische besorgt, noch mehr Nachtheil für sich von seiner Anwesenheit fürchteten; und der menschenfreundliche Gottgesandte zögerte auch nicht, ihren Wunsch zu erfüllen. Der von ihm Geheilte aber wollte ihn begleiten; allein Jesus erlaubte ihm das nicht, sondern forderte ihn vielmehr auf, die ihm widerfahrene Wohlthat den Seinen bekannt zu machen; was er auch that. Da in dem Evangelium des Matthäus bei dieser Begebenheit von Gergesencrn die Rede ist, so nahm man sonst an dem See Genesareth in Peräa eine Stadt Gergesa an; allein jetzt weiß man zuverlässig, daß es dort nie einen Ärt dieses Namens gab, und daß anstatt Gergesener Gadarenec *) Matthäus spricht zwar von zwei Besessenen, allein dieses geschieht wahrscheinlich aus einem Irrthum, der daher rühren konnte, weil der Besessene in der Mehrzahl von sich sprach, 'da er viele böse Geister in sich i" haben wähnte. Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 191 gelesen werden muß, wie man es auch richtig bei Lukas und Markus findet. Die Stadt Gadara, die zu den zehn Städten gehörte und die Hauptstadt von Peräa und befestigt war, Nag an dem Flusse Hieromax, der jetzt Scheriat-Ma- - nadhre genannt wird. Sie war um einen Hügel gebaut, i der die größte Höhe in jener Gegend ausmacht, und bildete / beinahe ein Viereck, das sich eine halbe Stunde in die Länge erstreckte und etwas weniger in der Breite hatte. Nach Jo- sephus war diese Stadt durch Pompejus ausgebaut, vergrößert und verschönert worden. Jetzt liegt das DorfOmkeis ^ auf der Stelle des alten Gadara, in dessen Nähe man noch viele Höhlen in dem dort befindlichen Kalkfelsen antrifft, die früher als Begräbnißgewölbe benutzt wurden, jetzt aber theils zu Wohnungen eingerichtet sind, theils leer stehn und noch Bruchstücke von Sarkophagen, oder auch noch vollständige steinerne Särge enthalten. Von der alten Stadt trifft man noch ansehnliche Ruinen an. Man findet Trümmer von trefflichen Bildhauer-arbeiten aus Basalt, eine Menge von Säu- lenschästen, auch Spuren von zwei Theatern und sogar stel- lenweis noch das Steinpflaster der Hauptstraße der alten Stadt daselbst. Die Einwohner von Gadara waren Juden, Griechen und Syrer; von denen die beiden letztern starke Viehzucht trieben und besonders auch viele Schweine hielten. Eine Stunde nördlich von Gadara befinden sich heiße Schwefelquellen, welche die Römer sehr schätzten und allen ! andern Heilquellen, die Bäder von Bajä ausgenommen, vor- s zogen. Die eine dieser Quellen, welche jetzt Hhammam- s el-Scheikh, die Herren-Quelle, genannt wird, befindet sich ! in einem engen Thale und sprudelt in einem Becken hervor, >s einen Umfang von 40 Fuß hat, 5 Fuß tief ist und von ; den Ueberresten alter Mauern und Gebäude umringt wird. Diese Quelle enthält so heißes Wasser, daß man kaum die H6,d darin halten kann. Sie bildet einen kleinen Bach, der , an seinem Rande eine dicke, gelbe, schwefelhaltige Rinde abseht und sich bald in den Fluß Hieromax ergießt. Ueber dem Becken der Quelle steht ein offenes gewölbtes Gebäude mit dem Bruchstücke einer Säule, an welches sich hinten noch mehrere gewölbte Gebäude anschließen. Noch jetzt wird diese Quelle 192 Viertes Buch. im Monate April häufig von Kranken, hauptsächlich aus I Naplusa und Nasrat, besucht. Einige hundert Schritte wci- I tcr hinauf kommt man zu einer zweiten Schwefelquelle, die I aber bei weitem nicht so heißes Wasser enthält, als die er- I stere. Wandert man noch weiter am Flusse aufwärts, so sin- I det man nach und nach noch acht ähnliche Quellen. D Sonst verwechselte man Gadara häufig mit der Stadt v Gerasa, oder nahm beide Städte als nahe bei einander lie- s> gend an, ja setzte Gerasa wohl sogar nördlicher als Gadara; k allein in der neuern Zeit haben Reisende gefunden, daß Ge- i rasa südöstlich von Gadara in der Nähe von Pclla gelegen hat. Auch Gerasa war eine der zehn Städte und muß, nach ^ den von ihr noch vorhandenen Ruinen sehr ansehnlich gewesen seyn; denn wenn man um ihre Ringmauern herumgeht, von denen noch hie und da einzelne Bruchstücke stehn, so braucht ^ man fünf Viertelstunden, um die Wanderung zu vollenden. l Die Mauern waren von großen, gehauenen Quadersteinen aus Marmor, die 8 Fuß dick sind, aufgeführt. Jetzt heißt der i Ort Dschcrasch oder Kerasch. Die Gegend um die Stadt l ist ziemlich eben und fruchtbar und muß ebenfalls sehr schön i gewesen seyn. Mitten durch die Stadt fließt ein schöner Bach, > zu dessen beiden Seiten sich Ueberrcste ansehnlicher Gebäude i von schöner Bauart befinden. Man trifft zwei prächtigerm- i phitheater dort an, die aus Marmor aufgeführt, mit Säulen - i und Nischen versehn und noch ziemlich wohl erhalten sind. ' Ferner gibt es drei Tempel daselbst, von denen der eine mit - : einer Halle von zwölf großen und starken Säulen nach könn- i! thischcr Ordnung versehn war, in welcher aber nur noch 11 ch Säulen stehn. In einem andern liegt eine umgestürzte po- : lirte Säule vom schönsten Aegyptischen Granit. Ausgezeichnet u ist ein gut erhaltenes Stadtthor, das aus drei Bogen besteht. ^ i Am schönsten aber unter allen muß sich ohnstreitig eine lange:/ Kreuzstraße ausgenommen haben, zu deren beiden Seiten ^ hen von Marmorsäulen standen und von welcher das eine Ende i sich in einen halbkreisrundcn Platz endigte, der mit 60 Sau-, ! len nach Ionischer Ordnung umgeben war. Außerdem trist > man viele andere Säulen an, welche zum Theil noch ihr Gc- ' bälke tragen, größtentheils aber umgestürzt sind. Nachdem^ Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 193 as Christenthum herrschend geworden war, befand sich in erasa ein Bischof. Ueber Gadara befand sich Jair oder auch Chavvoth Iair (5. Mos. 3, 14.), ein Landstrich, der einen Theil von Lem Lande Gilead ausmachte und sich von dem Jordan bis zum Gebirge Gilead erstreckte. Es gab 30 Städte in ihm. Zair, der 22 Jahre hindurch Richter in Israel war (Richt. 10, 3. u. 4.), hatte 30 Söhne, welche Fürsten eben so vieler Städte wurden, die anfangs zwar nur aus Hütten bestanden hatten, aber später zu Srädten angewachsen waren. Sie gehörten in das östliche Gebiet des Stammes Manasse. XXI. Jesus begibt sich von Gadara nach Kapcrnaum zurück. iMatth. 9. Mark. 2. u. 5. 22 — 43. Uuk. 5. 17—W. 8. 41-53.) Nachdem Jesus nur einige Tage entfernt gewesen war, kehrte er nach Kapernaum zurück. Kaum hatte man seine Ankunft daselbst vernommen, so eilte auch wieder eine große Menge Menschen aus den Ortschaften in Galiläa, aus Judäa und Jerusalem herbei, um Jesum zu hören und Kranke von ihm heilen zu lassen. Unter den Angekommenen befanden sich auch Pharisäer und Schriftgelchrte, die jedenfalls nähere Kunde über den Lehrer einziehn wollten, dessen Ruf sich weit verbreitete und der die allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich zog. Als Jesus nun einstmals vor seiner Wohnung lehrte, hatte ihn eine so zahlreiche Menschenmenge dicht umschlossen, daß mehrere Leute, die einen Gichtkranken zu ihm tragen wollten, durch die Volksmasse nicht hindurch kommen konnten; daher stiegen sie auf das Dach des Hauses und lieft» von da den Kranken an Seilen auf die Stelle, wo Jesus stand, hernieder. Dieses konnte um so leichter geschehn, d» die Häuser, wie auch jetzt es noch im Morgcnlandc der Fall ist, platte Dächer hatten, von denen oft Treppen geradezu auf die Gasse herab gingen; und da die Häuser gewöhnlich von gleicher Höhe waren, so daß man oft ganze Straßen entlang über die Dächer hingehn konnte. Jene Leute durften also nur auf einer Treppe, die von der Straße auf 13 194 Viertes Buch. das Dach führte, oder durch ein anderes Haus den Kranken hinausschaffen, hernach ein Stück von dem Geländer abbrechen, mit welchem jedes Dach umgeben seyn mußte (Z. Mos. 22, 8.), und das entweder aus Holz, oder aus aufeinanderge- mauerten Ziegelsteinen bestand, so konnten sie den Kranken, der auf einem Polster lag, recht wohl hinab auf die Straße lassen. Dieses Verfahren überzeugte Jesum von dem großen Vertrauen, das man zu ihm hegte, und daher säumte er auch nicht, der an ihn ergehenden Bitte zu willfahren. Unter den Juden herrschte die Meinung, daß Krankheiten göttliche Strafen für begangene Sünden seyen (3. Mos. 26, 16.); in dich Hinsicht sprach daher Jesus zu dem Kranken: „Sey getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" und meinie also damit, daß dessen Krankheit, die man für Folge seim Sünden hielt, gehoben sey. Allein seine Worte sielen den anwesenden Schriftgelehrten auf, die Jesu Ausspruch für ein! ungebührliche Anmaßung von seiner Seite hielten. DochA- sus, der ihre Gedanken durchschaute, legte den Sinn seines Ausspruchs ihnen deutlicher dar und zeigte ihnen durch die Thai, was er vermochte, indem er den Kranken geheilt entließ. Bald darauf begab sich Jesus hinaus vor die Skadi und kam daselbst in das Zollhaus, das zwischen dem See Genesareth und der Stadt lag, und in welchem sich die Zolleinnehmer befanden, um die von den ankommenden Waam zu entrichtenden Abgaben in Empfang zu nehmen. Dieß« war eine Einrichtung, welche die Römer getroffen hatten, und daher den Juden sehr verhaßt. Der Römische Kaiserstaai verpachtete die Zölle ganzer Provinzen an vornehme Röiim, welche hierauf Unterpächter in den einzelnen Städten einsetzt!», die oft wieder ihre Leute hielten. Da nun diese öfter die Handelsleute sehr vervortheilten und mehr nahmen, als ihm eigentlich zukam, so wurden sie von den Juden auf das ä»> ßerste verabscheut, vorzüglich wenn sie geborne Juden wam,! und Zöllner und Sünder galten bei denselben als gleichbedeutend. Jesus aber, der sich über die Vorurthcile senm! Glaubensgenossen hinwegsetzte und vorzüglich die Verirrten zu-l rechtweisen und die Sünder zur Besserung bewegen woA',j trug auch kein Bedenken, die Zöllner zu belehren und über- Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 195 Haupt denselben naher zu treten, um ihnen Gelegenheit zur Besserung zu verschaffen. Ja als er jetzt den Zöllner Levi, der auch Matthäus heißt*), fand, so forderte er ihn auf, sein Jünger zu werden. Die Zolleinnehmer gaben nämlich schon damals mit Buchstaben beschriebene Papierstückchen denen, die den Zoll gebührend entrichtet hatten; sie mußten also des Schreibens kundig seyn; und so konnte Jesus schon jetzt bei der Wahl des Matthäus zu seinem Jünger, der übrigens auch ein rechtlicher und verständiger Mann war, darauf Rücksicht nehmen, daß dieser einst geschriebene Nachrichten von seinem Leben und Wirken der Nachwelt hinterlassen sollte. Matthäus säumte auch nicht, der Einladung Jesu Folge zu leisten, und wurde dessen treuer Schüler. Kurze Zeit darauf stellte Matthäus Jesu zu Ehren ein Gastmahl an, bei welchem der göttliche Lehrer mit seinen Jüngern erschien und an welchem mehrere Zöllner Theil nahmen. Daher tadelten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil er in Gesellschaft der Zöllner speiste. Allein Jesus kehrte sich nicht an ihren unbefugten Tadel, und erklärte offen, daß gerade die fehlerhaften Menschen der Belehrung und Zurechtweisung bedürften, und daß er eben zur Veredelung der Sünder wirken solle. Doch seine Gegner hatten schon einen andern Tadel in Bereitschaft, und fragten ihn, warum er seine Jünger nicht fasten lasse? worauf die Pharisäer streng hielten und was selbst Johannes der Täufer von seinen Jüngern verlangte. Aber auch jetzt blieb er ihnen die Antwort nicht schuldig, und erklärte, daß das Fasten, wie die Pharisäer es übten, nicht nothwendig sey und mit seinen Ansichten von der wahren Verehrung Gottes nicht übereinstimme. „ *) Matthäus war ein geborner Jude, der Sohn eines gewissen Al- Anls, den man aber nicht mit dem Mater des Jakobus verwechseln darf. Man findet, daß Markus und Lukas den Zöllner Levi nennen, und keinen Matthaus anführen; daher glaubte Hieronymus, daß Matthäus derjenige Name sey, unter welchem der Jünger vorzüglich als Zöllner bekannt war, und daß die genannte» beiden Evangelisten deshalb diesen Namen nicht erwähnt hätten, um weniger bei den Juden anzustoßen. Dagegen meinen Andere, Matthäus sey ein Zunahme gewesen, den Levi erst als Jünger ^esu bekommen habe, so wie Simon als Jesu Jünger Petrus genannt wurde. Manche wollen auch den Matthäus und Levi als zwei verschiedene Personen gelten lassen, was weniger wahrscheinlich ist. 13 * 196 Viertes Buch. Während er noch seine Gegner abzufertigen suchte, kam Jairus, der Obcrvorstehcr einer Synagoge, und bat ihn inständig, sich zu seiner Tochter zu begeben und diese von, Tode zu retten. Jesus, der gern dem Vertrauen zu entsprechen suchte, das man ihm schenkte, stieg sogleich auf und folgte dem Bittenden. Aber kaum war er aus dem Hause getreten, so umringte ihn auch eine große Menge Menschen, die mir ihm zogen. Unter diesen befand sich eine Frau, welche seit langer Zeit öfteren Blutverlust erlitt, ohne daß ihr die zn Rathe gezogenen Aerzte Hülfe schaffen konnten, obgleich sie ihr ganzes Vermögen daran verwendet hatte. Diese hegte zn Jesu das Vertrauen, daß sie blos durch die Berührung seines Gewandes Genesung gewinnen würde; daher drängte sie sich zu ihm und faßte den Saum seines Kleides an; und was sie gehofft, erfolgte wirklich; sie sah sich geheilt. So unbemerkt sie dieses aber auch gethan zu haben meinte, so wußte Jesus doch, was vorgegangen war. Als er daher fragte, wer ihn berührt habe? so bekannte sie furchtsam ihr Unterfangen. Jesus aber, erfreut über ihr Vertrauen zu seiner Kraft, lobte sie und bekräftigte ihre Heilung. Dieses Ereigniß hatte ihn auf seinem Wege nach des Jairus Behausung etwas aufgehalten. Als er hernach weiter ging, kamen Leute des Synagogenvorstchers und brachten diesem die Nachricht, daß seine Tochter gestorben sey. Da sie meinten, daß er Jesum nun vergeblich in sein Haus bemühe, so suchte dieser den betrübten Vater zu beruhigen und eilte, nur von demselben und seinen vertrautesten Jüngern begleitet, vorwärts. Als er in der Wohnung des Jairus anlangte, hörte er schon Trauermusik und Klaggeschrei. Denn die Juden pflegten, sobald Jemand von den Ihrigen gestorben war, Musiker und Klageweiber zu miethen, damit jene bei der Leiche Trauermusik machten, und diese weinten und wehlklagtc», weil man viel Werth darauf legte, bei seinem Tode recht beklagt zu werden. Der dadurch entstandne Lärm gefiel Jesu nicht, „Was soll das?" rief er; „das Mädchen ist ja nicht j todt, sondern sie schläft nur." Und während er so sprach, ^ trieb er Alle aus dem Gemache hinaus und rief nun in Ge- - gemvart seiner Jünger und der Eltern des Mädchens die leb- Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 197 los Daliegende in das Leben zurück. Hierauf ließ er ihr Speise reichen, und bat die Eltern, seine Handlung nicht bekannt werden zu lassen; allein diese konnten in der Freude ihres Herzens das Geschehene nicht verschweigen; und so geschahe es, daß immer Mehrere Hülfe bei ihm suchten. Indem er nach seiner Behausung zurück ging, riefen ihn zwei Blinde an, sich ihrer zu erbarmen, und ließen nicht von ihm ab, obschon Jesus mit seiner Hülfeleistung zögerte, um ihr Vertrauen zu ihm zu prüfen. Als er davon hinlänglich überzeugt war, rührte er ihre Augen an und gab ihnen das Gesicht wieder. Kaum waren diese von ihm weggegangen, so brachte man einen Stummen, den Jesus ebenfalls heilte. Durch diese Thaten vermehrte er seinen Ruhm bedeutend; die Pharisäer aber suchten ihm denselben zu schmälern, und sagten von ihm, er vollbringe seine Thaten mit Hülfe des Teufels. Jesus kehrte sich jedoch daran nicht, sondern fuhr fort, in der Gegend von Kapernaum umher zu wandern, die Synagogen in mehreren Städten und Dörfern Galilaas zu besuchen und daselbst zu lehren und vom Reiche Gottes zu predigen; kehrte aber stets nach Kapernaum zurück. XXII. Jesus geht von Kapernaum auf den Berg der sieben Seligkeiten. lLuk. 6, 12-49. 7, 1-10. Mark. L, 13 — 19. Match. 10, 1-4.1 Nicht weit von dem westlichen User des Sees Genesa- reth, zwischen Tiberias und Kapernaum, befindet sich eine beträchtliche Anhöhe, welche von den Christen der Berg der sieben Seligkeiten oder der Berg Christi und der Apostel genannt wird. Es ist ein länglich viereckiger Hügel, der ziemlich einzeln steht und sich aus einer Ebene erhebt. Auf seinem platten Gipfel befinden sich an seinen beiden Enden zwei hervorragende Spitzen; daher nennen ihn die Araber Korun al Hottein, die Hörner von Hottein. Hottein ist nämlich ein Dorf, das jetzt an seinem Fuße liegt. Von seiner Höhe hat man in allen Richtungen eine angenehme Aussicht. Auf diesen Berg soll Jesus sich begeben und eine ganze 198 Viertes Buch. Nacht mit Gebet dort zugebracht haben. Freilich gestaltete sich auch sein Leben immer ernster; der Anfeindungen wurden mehrere; und er bedurfte nun auch um so mehr der Kräftigung von oben. Sobald der Tag angebrochen war, rief er seine Jünger zu sich und wählte zwölfe unter ihnen aus, die er seine Apostel, seine Gesandten, nannte, weil er sie aussenden wollte, damit sie an seiner Stelle die Menschen belehren und Kranke heilen sollten. Die zwölf Auserwähltcn waren: Simon, dem Jesus schon früher den Beinamen Petrus gegeben hatte; Andreas, des Petrus Bruder; Jakobus und Johannes, die beiden Söhne des Zebedäus, welche Jesus Donnerskinder nannte, wegen ihres für ihn bewiesenen Eifers; Phi- lippus, einer der Ersten, die Jesu nachfolgten; Bartholo- mäus, der auch Nathanael hieß; Matthäus, der Zöllner, der auch Levi genannt wurde; Thomas mit dem Beinamen Didymus der Zwilling; Jakobus der Jüngere, der Sohn des Alphäns; Judas oder Thaddäus, auch Lcb- bäus genannt, der Bruder des jüngern Jakobus; Simon von Kana, welcher den Beinamen Zelot es, der Eiferer, hatte, und endlich Judas, den man zum Unterschiede von dem andern Judas, Jscharioth nannte, weil er aus dem unbedeutenden Flecken Karioth im Gebiete des Stammes Ephraim gebürtig war. Alle gehörten dem geringeren Stande an, dessen Glieder durch die Arbeit ihrer Hände sich nähren mußten. Aber gerade Leute aus dem Volke waren am geeignetesten, auf das Volk zu wirken; auch würden Männer aus den Hähern Ständen und von Vermögen nicht leicht zu dem mühseligen Apostelbcrufe sich verstanden haben. Gelehrsamkeit war zur einfachen Verkündigung des Evangeliums nicht nöthig; dazu gehörte hauptsächlich gesunder Menschenverstand, ein guter Wille und Beharrlichkeit, und das fehlte bei ihnen nicht; denn selbst Judas, der Verräther, war nicht ganz schlecht, sondern nur leichtsinnig und leidenschaftlich. Nachdem Jesus diese Auswahl getroffen hatte, ging er mit seinen Jüngern von der Anhöhe herab; da traf er eine große Menge Menschen aus Judäa und Jerusalem, ja sogar aus Tyrus und Sidon versammelt an, die theils ihn höreu, Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 199 theils aber auch Kranke von ihm heilen lassen wollten. Sogleich begann der edle Menschenfreund, den Wünschen der Versammelten nachzukommen, heilte die Gebrechlichen und befreite auch die sogenannten Besessenen von ihrem Uebel. Aber er wollte auch auf ihren Geist wirken, und so begab er sich wieder auf die Anhöhe und hielt nun an die versammelte Menge jene ausgezeichnete Rede, welche die Bergpredigt genannt wird (Matth. 5 — 7), und von welcher eben jene Höhe der Berg der sieben Seligkeiten genannt wurde, weil Jesus im Anfange seiner Rede mehreremale „Selig sind u. s. w." sagte. In dieser Rede sprach er die allgemeinen Grundsätze seiner Lehre aus; erklärte er, in welchem Sinne und in welcher Beziehung die Gebote, die durch Moses gegeben worden waren, von dem Bürger des Gottesreichs beobachtet werden müßten; warnte er vor Heuchelei und suchte er überhaupt zur ächten Menschenliebe, zum würdigen Gottvertrauen und zur wahren Gottergebenheit zu bewegen. Auch ertheilte er mehrere Belehrungen, die seine Jünger insbesondre angingen und lehrte sie beten. Alles dieses that er auf eine so ergreifende Weise, daß seine Zuhörer abermals bekannten, sie hätten noch keinen Lehrer also sprechen gehört. Man kann zwar nicht mit Gewißheit behaupten, daß der sogenannte Berg der sieben Seligkeiten auch wirklich derselbe sey, auf welchem Jesus jene Rede hielt; aber neuere Reisende versichern, daß er zu jenem Vorgänge am besten gepaßt habe, weil er einen abgeplatteten Gipfel hat und seine Seiten sehr sanft abwärts laufen, so daß die Menschen recht gut an ihm herum stehn konnten. Die Stelle, wo Jesus damals, während er die Rede hielt, gestanden haben soll, nennt man die Steine der Christen, weil sich einige Felsenstücke dort befinden. An diese soll sich Jesus während seines Vortrags angelehnt haben. Noch jetzt sieht man an jenem Orte auf der Morgenseite des Berges, die Ueberreste einer Kapelle, welche zum Andenken an Jesu Verweilen aus diesem Berge daselbst erbaut worden war. Nahe dabei befindet sich eine Cisterne. Sonst soll dort auch ein Kloster gestanden haben, wovon jedoch gar keine Spuren mehr vorhanden sind. Der Berg ist größtenteils steinig und rauh; aber da, wo 200 Viertes Buch. die Kapelle gestanden hat, ist er eben und mit Gras bewachsen. Nach Beendigung seiner Rede kehrte Jesus, von dem größten Theile seiner Zuhörer begleitet, nach Kapernaum zurück. Als er nicht mehr weit von dieser Stadt war, warf sich ihm ein Aussätziger zu Füßen (Match. 8, 1—4. Mark. 1, 40—45. Luk. 5, 12—15.) und bat flehentlich, daß Jesus ihn heilen möchte. Der Aussatz, eine der übelsten und langwierigsten Krankheiten, war bei den Juden sehr gemein und stellte sich gewöhnlich ein, wenn der Körper nicht sehr sorgfältig reinlich gehalten wurde. Er war sehr ansteckend und daher wurden schon von Moses sehr strenge Maßregeln ergriffen, um seine weitere Verbreitung zu verhüten. Die Priester mußten die Kranken besichtigen, und fanden sie, daß die Krankheit wirklich der Aussatz war, so wurden die Kranken aus aller Gemeinschaft mit andern Menschen ausgeschlossen. Wenn der Aussatz sich einstellte, so zeigten sich kleine Flecken auf der Haut, die ein wenig vertieft waren. Die Haut wurde dabei schuppig und runzlich, auch sprang sie hie und da auf und bedeckte sich an verschiedenen Stellen de§ Körpers mit einem gewissen Schorfe. Wenn die Krankheit nicht geheilt wurde, so griff sie die innern Theile an und verzehrte das Fleisch, ja sogar auch die Knochen, so daß die Gliedmaßcn am Ende abfielen. Dabei wurde der Kranke von großer Schwermuth beherrscht. Er wurde aber auch von allen Menschen geflohn und durste keinem nahen; daher wer derjenige, der zu Jesu trat, wohl schon in seiner Heilung begriffen. Er durfte sich nicht in den Städten und Dörfern aufhalten, sondern mußte fern von den menschlichen Wohnungen weilen. Damit man einen Aussätzigen sogleich von wei- , tem erkennen konnte, mußte er seine Kleidung an der Seite aufreißen, sein Haar wachsen lassen und seinen Mund verhüllen, um nicht durch seinen Athem den Nahenden gefährlich zu werden. Kam ihm Jemand zu nahe, so mußte er rufen: „Ich bin unrein!" Jesus berührte den Kranken, der zu ih"> getreten war, und vollendete an ihm die Heilung. Hierauf forderte er ihn auf, sich dem Priester zu zeigen und das gesetzliche Opfer darzubringen. Denn nur die Priester konnte» weisen Jesu der zweiten Periode rc. 201 den Aussätzigen für rein erklären und ihm den Zutritt unter Menschen wieder gestatten. Wenn daher ein Aussätziger gesund geworden war, so fand er sich an dem Stadtthore ein; hierher kam alsdann der Priester und unte ''lchte, ob er wirklich geheilt wäre. Wurde der Genesene für rein erklärt, so begab er sich in den Tempel, nahm zwei reine Vogel, machte einen Büschel von Cedern und Jsvp und band diesen mit einem wollenen scharlachrothen Bande zusammen. Hierauf füllte man ein irdnes Gefäß mit Wasser an und band einen von den beiden lebenden Vögeln an jenen Büschel. Der andere Vogel aber wurde von dem Genesenen getödtet, der das Blut desselben in das mit Wasser angefüllte Gefäß laufen ließ. Alsdann nahm der Priester den Büschel mit dem lebenden Vogel, tauchte beides in das mit dem Blute vermischte Wasser und besprengte den vom Aussatze Befreiten damit. War das geschehn, so ließ man den Vogel fliegen, und der Genesene durfte nun wieder unter die Menschen gehn und Theil an den gottesdienstlichen Gebräuchen nehmen. Als Jesus wieder in Kapernaum angekommen war (Matth. 8, 5 —13.), schickte ein römischer Hauptmann, der wahrscheinlich jüdischer Proselyt war, einige jüdische Aelteste zu Jesu, um ihn zu ersuchen, daß er doch zu ihm kommen und seinen gichtkranken Knecht heilen möchte. Dir Abgeordneten ertheilten dem Hauptmanne große Lobsprüche, damit Jesus um so mehr bewogen werden sollte, dessen Bitte zu erfüllen. Jesus war auch sogleich zur Hülfelcistung bereit und ging nach dem Hause des Kranken zu. Als er nicht mehr weit davon entfernt war, traten einige von des Hauptmanns Freunden zu ihm und eröffneten ihm in dessen Namen, er brauche sich nicht in das Haus zu bemühen, weil der Hauptmann einer solchen Ehre sich nicht für würdig halte und überzeugt wäre, daß nach Jesu Ausspruch: „sey geheilt!" der Knecht gewiß seine Gesundheit wieder erlangen würde, weil Jesu Wille nicht unerfüllt bleiben könnte. Ein solches Vertrauen von einem Manne, der kein Jude war, rührte den göttlichen Lehrer innig, und er konnte sich nicht enthalten, dasselbe öffentlich zu rühmen und zugleich zu bemerken, daß wohl mehr Fremde als Juden Eintritt in das Gottesreich erlangen würden« Hierauf erklärte i l r r 202 Viertes Buch. er dem Hauptmanne, der unterdessen selbst herbeigekommen . war, daß sein Knecht von seinem Uebel frei werden würde. Als der Hauptmann hierauf nach Hause kam, fand er seine» Knecht wirklich genesen. XXIII. Jesus begibt sich nach Nain. iLuk. 7 . 11-50.) Begleitet von seinen Jüngern und von vielen Anderen begab sich Jesus von Kapernaum nach Nain, einem Städtchen in Galiläa, nicht weit von der Grenze Samarias. Auf dieser Reise kam er an den Bach Ki schon oder Cison, der auch das Wasser von Megiddo genannt wird, weil diese Stadt an seinem Ufer lag (Richt. 6, 19.). Er soll am Fuße des Berges Thabor entspringen und sich bald nach seinem Ursprünge in zwei Bäche theilen. Der eine derselben läuft mor- genwärts, an dem Fuße des kleinen Hermon vorbei und ergießt sich in den See Genesareth. Der andere aber nimmt seinen Lauf nach Abend zu, fließt durch die Ebene Esdrelon, schlängelt sich in verschiedenen Krümmungen durch mehrere Thäler, geht nördlich an dem Gebirge Karmel vorbei und ergießt sich bei Kaipha in das mittelländische Meer und zwar in den Meerbusen von St. Jean d'Acre. Dieser nach Abend zu fließende Bach ist sehr wasserreich, weil er viele Quellen und Bäche, die von dem Gebirge Ephraim und aus andern Gegenden kommen, in sich aufnimmt, und führt vorzüglich den Namen Ki schon. Seine Ufer sind schön und fruchtbar. An seiner Mündung wird er im Sommer oft durch den Wind mit Sand verstopft, so daß er alsdann über seine Ufer tritt und an einer niedrigen Stelle innen im Lande sogar einen See bildet. Im Winter ist er gewöhnlich sehr angeschwollen und reißend, und alsdann ist es gefährlich, durch ihn hindurch zu reiten. Brücken über ihn findet man aber auch nicht. Dieses ist der Bach, an dessen Ufer der Prophet Elias 450 Baalspriester tödtcn ließ (1. König. 18, 40.). In der Nähe von Nain befindet sich der kleine Hcr- mon und das Gebirge Gilboa, die durch ein Thal gc- Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 203 schieden werden, das 3 Stunden lang und L Stunden breit ist, sich südöstlich hinzieht und in der Jordansebene endigt. Das Gebirge Gilboa liegt an dem südöstlichen Ende der Ebene Esdrclon und macht den nördlichsten Theil des Gebirges Ephraim aus. Es ist durch die Niederlage berühmt, welche Saul dort erlitt (1. Sam. 31, 1>), und nach welcher er sich selbst entleibte. Das Gebirge Gilboa ist ziemlich dürr und unfruchtbar, während die benachbarten Berge Bäume und Sträucher tragen und mit Gras bekleidet sind. Als Jesus bei Nain ankam trug man eben einen Todten zu dem Stadtthore heraus, einen Jüngling, den einzigen Sohn einer Wittwe. Bei den Juden waren die Leichenbegängnisse ziemlich feierlich. Zu Jesu Zeiten erfolgte die Bestattung der Leiche gewöhnlich sehr bald, oft schon 3 Stunden nach dem Tode (Apostelgesch. Z, 6.), was in frühern Zeiten nicht der Fall gewesen war (1. Mos. 25.). Allein seit der babylonischen Gefangenschaft hegte man den Glauben, daß die den Körper noch umschwebende Seele nicht eher zur Ruhe kommen könne, als bis der Leichnam bestattet worden sey. Auch mochte wohl das warme Klima Palästinas ein schnelleres Beerdigen nöthig machen, da die Leichname schon nach 8 Stunden in Verwesung überzugehn anfingen. Wenn die nächsten Verwandten oder Freunde dem Verstorbenen die Augen zugedrückt hatten und während die Musiker die Trauermusik machten und die Klageweiber ihr Geheul anstimmten, wurde der Leichnam mit lauwarmem Wasser gewaschen (Apostelg. 9, 37.); alsdann mit wohlriechenden Salben eingerieben oder begossen, oder auch mit gewürzhasten Kräutern belegt und hierauf mit leinenen Tüchern und Binden umwickelt. Um den Leib wurde ein großes Tuch geschlagen, der Kopf mit dem sogenannten Schweißtuche umgeben und alsdann der Leichnam von oben bis unten mit Binden umwunden, auch wohl die Füße besonders umwickelt. Alles dieses besorgten die nächsten Verwandte, oder die besten Freunde des Verstorbenen. Wenn die Leiche nicht sogleich bestattet wurde, so brachte man sie erst in ein oberes Gemach. Bei der Bestattung wurde sie in einem offenen Sarge, oder blos auf einer Bahre fortgeschafft, die von einigen Verwandten zur Grabstätte getragen wurde. Die Leidtragenden folgten der Bahre mit großem Klaggeschrci, auch mietheten sie Klageweiber, die ebenfalls unter Schluchzen, Aechzen und Heulen die Leiche begleiteten. Verwandte und Freunde des Verstorbenen zerrissen ihre Kleider oder ritzten sich auch wohl in die Haut (Jerem. 16, 6. 41, S>). Die Trauernden gingen barfuß und mit entblößtem Haupte einher, verhüllten den untern Theil ihres Gesichts mit dem Oberkleide (Ezech. 24, 17.), rauften sich das Haupthaar und den Bart aus, schoren auch wohl beide ganz ab, streueten Asche, oder Sand, oder Erde auf den Kopf, rangen die Hände über demselben (2. Sam. 13, 19.), stampften mit den Füßen, schlugen unter lautem Wehklagen Brust und Hüften mit den Händen und walzten sich auch wohl auf der Erde im Staube herum. Acht Lage lang währte die tiefe Trauer; um sehr geliebte oder angesehene Verstorbene aber trauerte man auch länger. Während dieser Zeit trug man besondre Trauer- kleider, welche Sack genannt wurden, und die von geringem Zeuge und wahrscheinlich von schwarzer Farbe waren. Außer den Verwandten und guten Freunden folgten auch andere Einwohner der Stadt der Leiche, ebenfalls in Trauerklcider gekleidet. Wer dem Lcichenzuge begegnete, trat in die Reihe der Begleiter und stimmte in das Klaggeschrci mit ein, löste auch wohl einen Träger der Bahre ab. Bei Vornehmen und bei Andern, die sich allgemeine Achtung und Liebe erworben hatten, war die Begleitung sehr zahlreich, denn man sah diese als einen vorzüglichen Liebesbeweis an. Da die Begräbnißplahe und Gräber bei den Juden für unrein galten, so legte man sie vor den Städten und Dörfern an. Die Gräber bestanden in Grotten oder Höhlen, die entweder schon von Natur vorhanden waren, oder in Felsen cingehauen wurden. Der Eingang der Grabhöhle wurde mit einer Thür, oder mit einem großen Steine verschlossen, damit kein Naubthier zu dem Leichname kommen konnte; denn man hielt es für sehr schimpflich, nach dem Tode von wilden Thieren gefressen zu werden. Man überstrich aber alljahrig den Eingang des Grabes mit frischem Kalke (Match. 23, 27.) und setzte auch wohl Grabmäler, um die Begräbnißplatze schon aus der Ferne bemcrklich zu mache», damit die Reisenden sie vermeiden konnten und sich durch das Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 205 Betreten derselben nicht verunreinigten. Vorzüglich dursten die Priester keiner Leiche nahen, außer der eines sehr nahen Verwandten; der Hohepriester aber mußte sich von jeder fern halten. Bald nach der Leichenbestattung wurde eine Mahlzeit gehalten, welche gewöhnlich die Freunde der Leidtragenden an- f stellten, um diese etwas zu zerstreuen. Die Frauen pflegten mehrere Lage hindurch nach dem Begräbnisse geliebter Personen, deren Gräber zu besuchen und dort zu weinen (Joh. , ll, lU.). i Eine große Anzahl der Einwohner Nains begleitete die i Leiche des Jünglings, weil das traurige Schicksal der Mutter ^ allgemeine Theilnahme erregte. Auch Jesus wurde von dem Anblicke der trauernden Wittwe, die ihre einzige Stütze zu Grabe tragen sah, auf das innigste gerührt, wobei wohl der Gedanke an seine eigne Mutter sein Mitleid um so mehr er- > wecken mochte. Menschenfreundlich, wie immer, trat er nun zu der Trauernden und suchte sie zu trösten; und alsdann ging er zu der Bahre, rührte den Todten an und rief: „Jüngling stehe auf!" Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so richtete ^ sich der Jüngling auf, sing an zu reden und wurde von Jesu f der freudig überraschten und staunenden Mutter zugeführt. Mit ! großer Ehrfurcht sahen Alle, die zugegen waren, auf Jesum, k der den Todten in das Leben zurückgerufen hatte und erklärten > ihn für einen großen Propheten. Dieses Ercigniß wurde überall ^ verkündigt und Jesu Ruhm verbreitete sich von neuem nah und , fern. Er selbst aber hielt sich wahrscheinlich einige Zeit in ^ Nain auf. Nain war ein hübsches Städtchen in der Ebene Esdre- lon in einer angenehmen Gegend, worauf auch dessen Name, der die Freundliche bedeutet, hinweist. Es lag 2^ Stunde südöstlich von Nazareth und ohngefähr 7 Stunden südwestlich von f Kapcrnaum, am Fuße des kleinen Hermon. Das Städtchen ! war nie von großer Bedeutung. Jetzt ist Nain ein kleines Dorf, bei welchem sich noch einige Ueberreste alter Gebäude ! befinden. Die Einwohner desselben, die aus Christen, Moha- k niedanern und Juden bestehn, bebauen nothdürftig das umlie- ! gknde Feld, das sehr fruchtbar ist. Währschcinlich war es in Nain, wo die beiden Jünger 206 Viertes Buch. Johannes des Täufers zu Jesu kamen, von ihrem Meister dahin abgesendet, der noch immer in Machärus gefangen saß, und die entweder gewisse Nachricht einholen sollten, ob Jesus sich öffentlich als Messias erklärt hab., oder durch welche er Jesum mahnen lassen wollte, nicht länger zu zögern, sondern bald als den erwarteten Messias sich bekannt zu machen, da er jetzt überall großen Ruhm erworben hatte (Match. 1l, 2—19.). Jesus erklärte sich aber gegen die Jünger seines Freundes nicht geradezu, sondern wiest auf seine Thaten hin und auf seine ganze Wirksamkeit, weil er nicht ein irdisches Reich gründen, sondern ein Gottesreich in den Herzen der Menschen errichten wollte. Als die Jünger sich entfernt hatten, sprach Jesus zu dem versammelten Volke über Johannes den Täufer und würdigte dessen Verdienst mit voller Gerechtigkeit; unterließ aber auch nicht, die Verstocktheit der Pharisäer und Schriftgelehrten zu rügen, die weder den strengen Johannes, noch auch ihn selbst, der auf eine weit mildere Weise die Sünder zur Buße auffordere, hören wollten. Da das folgende Ereigniß sogleich nach dem Vorhergehenden von Lukas erzählt wird, so kann man leicht annehmen, wie es auch Manche wollen, daß es in Nain vorgefallen sey. Dagegen wollen Andere es in Bethanien geschehn seyn lassen; allein Simon der Aussätzige (Matth. 26, 6. Mark. 14, Z.), kann nicht wohl eine und dieselbe Person mit dem Pharisäer Simon seyn, von welchem Lukas spricht. Auch nehmen Einige an, daß dieses Ereigniß während der Anwesenheit Jesu bei der Feier des Passahfestes zu Jerusalem sich zugetragen habe, wo man noch die Stätte zeigt, auf welcher das Haus des Pharisäers Simon (Siehe Seite 159.) gestanden haben soll. Wie dem aber auch sey, das Ereigniß selbst war folgendes. Ein Pharisäer Namens Simon, hatte Jesum zu sich zur Mahlzeit geladen, und dieser war auch bei ihm erschienen, weil er nicht leicht eine Gelegenheit vorbeigehn ließ, wo er Belehrungen mittheilen und Gutes wirken konnte. Während Jesus nun zu Tische saß, kam ein Weib, wahrscheinlich Maria Magdalena, die man nicht mit Maria, der Schwester ^ des Lazarus verwechseln darf, und bewies Jesu, nach morgen- Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 207 ländischer Sitte, ihre Dankbarkeit. Sie hatte nämlich früher kein sittlich reines Leben geführt und wahrscheinlich dadurch eine Krankheit sich zugezogen, von welcher sie durch Jesum geheilt worden war. Zugleich war aber mit ihrer Heilung auch das Sehnen nach einem reinern Leben in ihr erwacht, und i durch Jesu Belehrungen und Ermunterungen war sie der Tugend wieder zugeführt worden. Daher fühlte sie sich nun ihrem edlen Wohlthäter doppelt verpflichtet, und deshalb eilte sie, als sie von dessen Anwesenheit Kunde bekommen hatte, hin mit einem Gefäß voll wohlriechender Salbe, die bei den Juden sehr beliebt war und zu der man verschiedene gewürz- hafte Kräuter und Pflanzentheile/als Narben, Safran, Zimmt, Aloe, Myrrhen verwendete, trat hinten zu seinen Füßen, benetzte diese mit ihren Thränen, die Reue und Dankbarkeit ihr auspreßten, trocknete sie mit ihren Haaren ab; bedeckte sie mit Küssen und salbte sie hierauf mit der herbeigebrachten Salbe. Dieses konnte sie um so leichter, weil die bei der Mahlzeit auf dem Polster Sitzenden sich auf den linken Arm stützten, die rechte Hand hingegen zum Essen frei behielten, und die Füße im Knie zurückgebogen hinter sich hinausstreckten, um dem Nachbar desto mehr Raum zu gewähren, der nun mit seinem Kopfe in die Nähe der Brust seines Vormannes kam. Auch pflegte man die Sandalen abzulegen, ehe man sich zu Tische setzte. Da die Pharisäer die Nähe übel berüchtigter Personen sorgsam vermieden und dieselbe für verunreinigend hielten, so fiel es iem Pharisäer Simon auf, daß Jesus das Verfahren der Frau sich so ruhig gefallen ließ und meinte spöttisch: der scheint mir der rechte Prophet, da er nicht einmal weiß, was das für eine Frauensperson ist. Jesus aber beeilte sich, des» sen Urtheil zu berichtigen, und erklärte, daß sie aus Dankbarkeit ihm das erzeige, was jener als Wirth ihm nicht erwiesen habe. Denn es war gewöhnlich, daß der Hauswirth seinen Gästen nach ihrem Eintritte in das Haus, durch einen Diener die Füße waschen, auch wohl salben ließ, und daß er seine Freunde küßte. Simon hatte jenes wahrscheinlich nicht gethan, weil er sich als einen Vornehmer» betrachtete und als ein solcher meinte, daß die Geringern, die zu ihm kamen, sich 208 Viertes Buch. schon die Füße aus Ehrerbietung gegen ihn vorher gewaschen haben würden. Indem also Jesus ihm jenen Vorwurf machte, deutete er auch zugleich auf den Stolz desselben hin, und zwar um so mehr, da Jesus in seinen übrigen Reden zu erkennen gab, daß Simon sich nur für einen geringen Sünder halte, weil er ihm weniger Liebe erweise, als sie, die sich als große Sünderin erkannt habe, und darum auch um so mehr fühle, wie viel Dank sie ihm schuldig sey, da er sie zur Besserung ihres Lebens geführt. Deshalb aber könne ihr auch Vergebung ihrer Sünden zugesichert werden. XXIV. Jesus geht von Nain nach Kapernaum zurück. (Luk. 8, 1 — Wenn es in Nain war, wo der Pharisäer Simon Jesum bewirthete, so war es auch jetzt, wo Jesus nicht allein von seinen Jüngern, sondern auch von einigen Frauen begleitet wurde; wenn aber Jesus zu Jerusalem bei dem Pharisäer Simon speiste, so trat er seine Rückreise aus der Hauptstadt in Begleitung jener Frauen an. Diese konnten aber eben so wohl die Hinreise nach Jerusalem, als auch die Rückreise von da an den See Genesareth in der Gesellschaft des göttlichen Lehrers machen. Die Frauen waren: Maria Magdalena, die Jesus von einer schweren Krankheit geheilt hatte, Johanna, die Gattin des Chusa, der ein Hausverwalter des Königs Herodes gewesen war, Susanna und mehrere andere. Alle folgten ihm aus Ergebenheit und Dankbarkeit und sorgten auf der Reise für die nöthigen Nahrungsmittel, und verrichteten andere Dienstleistungen. Denn es war damals bei den Juden gebräuchlich, daß fromme, weniger gebundene ^ Frauen von gesetztem Alter, vorzüglich Wittwen, sich zu den Rabbinen hielten und sie auf ihren Reisen begleiteten, um ihres Unterrichts zu genießen, wobei sie denselben manche nothwendige Dienste erwiesen und, wenn sie vermögend waren, ihnen aus ihren Mitteln das Nöthige gewährten. ' Die Reise ging durch mehrere Oerter Galiläas, in denen Je- ^ sus lehrte. Hauptsächlich mußte die Ebene Esdrelon der Schau- ' Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 209 E platz ihrer Wanderungen seyn. In dieser lag die Stadt M a- geddo oder Megiddo. Zwar ist von einer Ebene Megiddo ldie Rede (Sachar. 12, 11.); allein diese ist die nächste Um- ' gebung der genannten Stadt und ein Theil der Ebene Esdrelon. i Als Iosua in das Land einrückte, war Megiddo die Residenz > eines Kanaanitischen Königs, der durch den tapfern Heerführer ? der Jsraeliten besiegt wurde (Jos. 12, 21.). Bei der Thei^ ! lung des Landes kam die Stadt an den Stamm Manasse (Jos. 17,11.). Salomo hatte einen seiner zwölf Nentmeister da- ! selbst (1. König. 4, 12.). und ließ Megiddo befestigen (1. Kö- - nig. 9, 15.). Bei dieser Stadt verloren zwei jüdische Könige - ihr Leben: Achasja, der von Jehu (2. König. 9, 27.), und Zosias, der von dem ägyptischen Könige Necho geschlagen und getödtet wurde. Zwischen Kapernaum und Tiberias erblickt man auf ei- I nem kleinen Hügel nicht weit vom See Genesareth die Ueber- ' reste eines Thurmes und einiger anderer Gebäude, die daran stoßen, wobei ein unbedeutendes Dorf El-Madschdcl liegt, i Hier soll sich einst Magdala oder Magdalon befunden haben, ein kleines Städtchen mit einem festen Kastelle, von welchem jene Maria den Beinamen Magdalena hatte; doch ' scheint es noch mehrere Orte dieses Namens in Palästina gegeben zu haben. Als Jesus mit seiner Begleitung in Kapernaum, als in seiner Behausung angekommen war (Mark. 3, 20. u. 21), sc> sammelte sich sogleich eine solche Menge Menschen um ihn, l daß er mit seinen Jüngern nicht einmal zu essen vermochte. Demohngeachtet aber unterließ er nicht, das Volk zu beleh- - ren, auch wohl Kranke zu heilen. Als dieses die Deinigen - vernahmen, eilten sie zu ihm, um ihm Einhalt zu thun, damit er nicht etwa aus allzugroßer Anstrengung eine Ohnmacht - sich zuzöge. Damals war es auch, wo er einen sehr kranken Men- - scheu heilte, der zugleich blind und stumm war (Matth. 12, s L2—37.), und dem er das Gesicht und die Sprache wieder (Hab. Diese Hellung erregte das Staunen des Volkes auf eine -solche Weise, daß die Leute ausrieft«: „Sollte dieser nicht ' Messias seyn?" Allein die Pharisäers Re schon damals 14 210 Viertes Buch. Jesum umlauerten, stimmten nicht mit ein und suchten vielmehr die Verwunderung des Volkes zu stillen, indem sie erklärten, daß Jesus mit Hülfe des Teufels seine ausgezeichneten Thaten verrichte. Als Jesus das vernahm, machte er zuerst auf das Lächerliche ihrer Behauptung aufmerksam. „Wie kann wohl, sagte er, der Teufel sich dazu hergeben, den Teufel zu vertreiben, und also wider sich selbst seyn?" Alsdann aber führte er ihnen auch das Sündliche ihres Verfahrens Gemüthe und sprach: „Wer mich nicht als den Messias anerkennen will, weil ich nicht in irdischem Glänze erscheine, dein kann dieser Irrthum noch verziehen werden; wer aber die durch mich wirkende Gotteskraft nicht anerkennen will, sondern meine Thaten für Teufelswerk ausgibt, der begeht eine Todsünde, ein unverzeihliches Verbrechen (Mark. 3, 22 — 30.)." Hierauf verlangten die Pharisäer von ihm ein Wunder, das seine Messiaswürde verbürgen könnte (Matth. 12, 38—45), Allein Jesus erklärte, daß Gott schon dereinst durch ein Wunder als seinen Gesandten ihn beglaubigen werde; denn wie Za- nas drei Tage in dem Bauche des Fisches zugebracht habe, so werde er auch nicht längere Zeit in der Erde ruhn, sonder»» von Gott aus dem Grabe auferweckt werden. Alsdann fährt» er fort, ihren Unglauben zu rügen und sagt: „Die Einwohner! von Ninive werden dereinst gegen euch zeugen; denn sie hörten auf die Ermahnungen des Propheten Jonas und bekehrte» sich; ihr aber achtet nicht auf mich, obschon ich weit hoher stehe, als der Prophet Jonas. Auch die Königin aus Tuba wird euch das Verdammungsurtheil sprechen; denn sie kam aus weiter Ferne, um Belehrung bei dem Könige Salomo zu su- ^ chen; ihr aber könnt eine weit höhere Weisheit, als die des Königs Salomo war, vernehmen, und wollt sie nicht hö»i Was wird aber die Folge von dem Allen seyn? Es mirdt immer schlimmer mit euch werden, und ihr werdet alsdach' um so verdammlicher seyn." Während er.'so sprach, war seine Mutter mit eicht» , Verwandten herbeigekommen (Matth. 12, 46—60. Mark. Z, ^ 31—36.). Als man ihm aber deren Anwesenheit meldete^ erklärte er, daß er alle Menschen als seine Verwandten liebt, vorzüglich aber diejenigen, welche seine Ermahnungen befolgte» Reisen Jesu der zweiten Periode rc. und dem Willen Gottes gemäß lebten, als seine nächsten Ver wandten ansähe. Er ließ sich also durch keine irdischen Rücksichten in der Erfüllung seines Berufes stören. Da er hieraus durch die versammelte Menge des Volkes zu sehr sich beengt fühlte, so bestieg er ein Fischerboot auf dem See Genesareth und trug aus diesem seinen Zuhörern mehrere wichtige Gleichnisse vor (Matth. 13,1—52. Mark. 4,1—34.). XXV. Jesus reist von Kapernaum nach Jerusalem zum Osterfeste. S, 1-16.) Abermals war das Passahfest herbeigekommen, das zweite seitdem Jesus öffentlich lehrte; daher machte sich der göttliche Lehrer auf den Weg nach Jerusalem, um die Feier des Festes daselbst abzuwarten. Seine Reise dahin konnte er längs dem Jordan hinab vornehmen, durch das Jordanthal an dem westlichen Ufer des Flusses, das theils zu Galiläa, theils zu Samarien und theils zu Judäa gehörte und sich durch seine Fruchtbarkeit und Anmuth auszeichnete, das jetzt hingegen nur an einzelnen Stellen noch mit frischem Grün bekleidet ist und bebaut wird, größtentheils aber als eine dürre Wüste dem Wanderer sich bietet. Wir wenden uns jedoch etwas mehr westlich von dem Flusse, um einige noch nicht erwähnte Gegenden und Städte näher kennen zu lernen. Ein Theil des Gebirges Ephraim, im Gebiete des Stammes Manasse, nicht weit vom westlichen Ufer des Jordans ffvll nach Obadja, einem Hofmeister des Königs Achab, genannt worden seyn, weil derselbe zu der Zeit, als die Königin Uebel die Propheten verfolgte, hundert dieser heiligen Männer in den Höhlen jenes Gebirges versteckte und mit Speise Zersorgte (1. König. 18, 4.). Zu den Zeiten Jesu hausten * Räuber daselbst, welche von dem Könige Herodes vertrieben wurden. Etwas südlicher lag die Stadt Abel-Mecholah oder Abcl - Mchula, in dem westlichen Gebiete des Stammes l Manasse, die Geburtsstadt des Propheten Elisa (1. König. 19, 16.). Bis zu dieser Stadt verfolgte Gideon die von ihm in 14 * 212 Viertes Buch. die Flucht geschlagenen Midianitcr (Richt. 7, 22.); und hin hatte der König Salomo einen von seinen zwölf Rcntmeistm, (1. König. 4, 12.). In der Nähe lag Thirza oder The.rsa, ebenfalls in dem westlichen Gebiete des Stammes Manasse, das früher eine der Königsstädte des alten Kanaans gewesen war (Jos. 12, 24.). Bei der Theilung des jüdischen Staates in zwei Reiche wurde es die Residenz der Könige Israels (1. König. 15, 2l. u. 33.); als aber der König Simri sich mit dem königliche» Palaste in Thirza verbrannt hatte (1. König. 16, 17. u. 18h, bauete Amri die Stadt Samaria und verlegte die Rcside»; dahin. Thirza lag auf einer Anhöhe, wird als eine schone Stadt gerühmt (Hohes Lied 6, 3.), und hatte auch eine liebliche Umgegend, so daß sie ihren Namen, der Anmuth bedeutet, mit Recht führte. Nachdem aber Samaria die Haupi- stadt des Königreichs Israel geworden war, verlor Thirza mehr und mehr seine Schönheit und Anmuth, und jetzt ist keine Spur mehr davon zu finden. Südlicher traf man eine Stadt Gilgal an, die im» nicht mit der gleiches Namens in der Nähe von Jericho wechseln darf. Sie lag in der kleinen Ebene Saron in da Nähe des Hains Moreh (5. Mos. 11, 30.). Sie geholte dem Stamme Manasse und hatte zur Zeit des Propheten Ho- sea (Hos. 4, 15.) einen Götzentempel. Noch weiter südlich befand sich die Stadt Schilf oder Silo, deren Name Ruhe bezeichnet. Hier war die zweite Lagerstätte der Jsraeliten, als sie in Kanaan eingerückt waren; und nachdem sie das ganze Land erobert her brachten sie die Stiftshütte hierher (Jos. 18, 1.), wellig Ort ziemlich in der Mitte des Landes dicsseit des Jordans und auch eine schöne Umgegend hatte, und nun bildete eigentlich erst die Stadt, die in dem Gebiete des Stamms Ephraim lag. Hier nahm Josua auch die weitere Vctthei- lung des Landes vor (Jos. 18.). Silo war der Ort, der öffentliche Gottesdienst der Juden gehalten wurde, und ge-j langte unter den Richtern zu hohem Glänze und Ansetzn. H wurde Samuel unter den Augen des Hohenpriesters Eli erzogen. Später, man weiß nicht wann, wurde die StistslM Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 213 von hier nach Gilgal versetzt (1. Sam. 10, 8.), und seit >der Zeit verlor Silo seine Wichtigkeit, nachdem es fast 300 Jahre hindurch, von Josua bis Eli, der Sitz der Bundeslade, !,md ein Hauptversammlungsort der Juden gewesen war. Zur Zeit des Königs Jerobeam lebte der -Prophet Achia daselbst (1. König. 14, 2. u. 4.). Zur Zeit Jesu aber war die ' Stadt schon zerstört und jetzt sieht man kaum noch eine Spur ^ von ihr. Einen Steinhaufen, der auf ihrer Stelle sich befinden soll, hält man für die Trümmer einer christlichen Kirche, die, wie man sagt, an dem Orte, wo die Stiftshütte stand, hcrbaut wurde. Nahe bei der Stadt Silo befand sich einer der höchsten j Berge Palästinas, der ebenfalls Silo hieß und ein und der- -s selbe mit dem Berge Zalmon seyn soll (Richt. 9, 48.), welschen Namen er von den schattigen Waldungen bekam, die er ^ sonst auf seinem Rücken trug, von denen aber freilich jetzt -wenig zu finden ist. Er enthält jedoch noch jetzt treffliche Weideplätze. In Jerusalem befand sich ein Teich, Namens Bethesda, s d. i. Ort der Wohlthat, in welchen eine Mineralquelle sich ergoß. Dieser war mit fünf Gebäuden umgeben, in denen H sich Zellen befanden, um die Kranken, welche in großer Anzahl dorthin gebracht wurden, aufzunehmen und gegen den Übeln Einfluß der Witterung zu sichern; denn man behielt die , Kranken so lange daselbst, bis der Zeitpunkt eintrat, wo man das Wasser des Teiches für vorzüglich geeignet zur Heilung hielt. Dieses war alsdann der Fall, wenn das Wasser in dem Teiche aufwallete oder in eine starke Bewegung gerieth, was in Heilquellen bisweilen durch die Wirkung eines unterirdischen Feuers, oder auch durch den Regen erfolgt. Wahrscheinlich entwickelte sich alsdann entweder ein heilsames Gas in dem Wasser, oder es verband sich sonst ein heilsamer Stoff in reicherem Maße mit demselben, so daß das Wasser zur Zeit jener s Bewegung eine desto größere Wirkung auf die Kranken hervorbrachte. Hernach aber konnte daS Gas verdunsten, oder der heilsame Stoff schlug sich nieder, oder das Wasser wurde durch das hinzukommende Regenwasser verdünnt und dadurch in seiner Heilkraft geschwächt. Ohne Zweifel jedoch würde 214 Viertes Buch. das Wasser auch hernach den Kranken noch Nutzen gebracht haben, wenn man es anhaltend gebraucht hatte. Da die Juden die Ursache jener Bewegung des Wassers nicht kannten, so schrieben sie dieselbe einer göttlichen Einwirkung oder der Thätigkeit eines Engels zu. Dieser Teich lag in dem nördlichen Theile der Stadt, auf dem Berge Bezetha nicht weit von dem Tempel. Noch jetzt wird er ohnwcit der nordöstlichen Ecke der großen Moschee gezeigt, enthält aber kein Wasser mehr. Von den Gebäuden, die sich sonst um ihn herum befanden, sieht man aber nur wenige Spuren noch. Er bildet ein Viereck von 120 Fuß Länge und 40 Fuß Breite. Seine Liefe beträgt 8 Fuß. An der nördlichen Seite dringt noch jetzt etwas Wasser hervor, das sich aber bald in den Rissen des Bodens verliert. An seinem Rande wächst hie und da Gesträuch. Er wird von den Türken in Ehren gehalten und sie betreten ihn nur mit entblößten Füßen. Während der Dauer des Passahfestes, an dem in die Festzeit fallenden Sabbathe, kam Jesus in die Nähe des Tei- ' chcs, wahrscheinlich nicht von seinen Jüngern begleitet. Hirr traf er einen Kranken an, der schon 38 Jahre hindurch in , dem an dem Teiche befindlichen Krankenhause zugebracht hatte, ^ ohne daß er zum Gebrauche des Wassers gelangt war, weil er, wie er selbst sagte, wegen seiner Lähmung die günstige Zeit ^ nicht benutzen konnte. Vielleicht aber hatte er auch eben keinen großen Trieb gezeigt, zur Genesung zu gelangen, weil! er in seinem Aufenthalte sich hinlänglich versorgt sah. Zu diesem wendete sich Jesus und befahl ihm, aufzustchn und mit ° seinem Polster, auf welchem er gelegen hatte, davon zu geh», was der Kranke auch that. Da es Sabbath war, so siel es den Juden auf, daß ! dieser Mensch mit seinem Polster umherging und also eine Laß ^ trug; und daher verwiesen sie es ihm und sagten ihm, daß i er am Sabbathe nichts tragen dürfe. Allein er kehrte sich daran nicht, sondern erklärte, daß derjenige, der ihm von seiner Krankheit befreit hatte, ihm auch sein Polster davon zu tragen geheißen habe. Dieses erregte die Neugier der Menge und man wollte nun gern den Arzt kennen, der ihm geholfen Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 21Z hatte. Da aber Jesus nicht mehr zugegen war und der Geheilte seinen Wohlthäter nicht naher kannte, so konnte er keine genügende Antwort ertheilen. Doch nicht lange darauf traf er Jesum im Tempel und nun berichtete er der Menge, ohne zu wissen, welchen Nachtheil er dadurch seinem Wohlthäter zufügte, daß Jesus es sey, der ihn geheilt habe. Von jetzt an wurden Mehrere, vorzüglich die Pharisäer und Schriftge- lchrten, gegen Jesum sehr feindlich gesinnt, weil sie ihn für einen Menschen hielten, der den Sabbath nicht ehrte; und deshalb suchte man ihn sogar zu todten; vorzüglich als er noch dazu erklärte, daß Gott sein Vater sey und daß er mit demselben in der innigsten Verbindung stehe. Auch half ihm die ausführliche Darlegung seines Verhältnisses zu Gott nichts. Es herrschte einmal in Vielen eine feindliche Gesinnung gegen ihn, die eher zu- als abnahm, und die er nicht zu beschwichtigen vermochte, weil er nicht von dem Pfade der Wahrheit und des Rechtes abweichen und nicht irdischen Rücksichten dienen wollte. Das war aber auch der Grund, warum er sich nicht lange in Jerusalem aufhielt. i FünftesBuch. z Reisen Jesu in der dritten Periode seines Lehramtes, von dem zweiten bis zum dritten Osterfeste. XXVI. Jesus begibt sich von Jerusalem an den See Genesareth zurück. > «Match. 12. 1-21. Mark. 2 , 23 - 28. u. 3, 1-12. Luk. 6, 1—11.) Nachdem die Feier des Passahfestes ihr Ende erreicht hatte, verließ Jesus Jerusalem, wo er sich nicht sicher sah, da die Pharisäer und Schriftgelehrten schon jetzt ihm feindlich nachstellten, und ging nach Galiläa an den See Genesareth zurück. Seine Jünger begleiteten ihn ebenfalls auf dieser Reise; aber es scheinen auch Pharisäer ihm nachgegangen zu seyn, die ihn beobachten wollten in seinem ferneren Thun, und die ihn daher umlauerten. L16 Fünftes Buch. Als er auf dieser Reise am ersten Sabbathe nach dem ^ Osterfeste in Gäli'läa durch ein Getreidefeld ging, da pflückten! seine Jünger, weil sie Hunger hatten, Aehren ab, rieben die Körner aus ihnen heraus und aßen diese; denn das Getreide, vorzüglich die Gerste, vie am meisten gebaut wurde, war zu jener Zeit reif, da nach dem Passahfeste die Ernte begann; ) auch war es nach dem Mosaischen Gesetze (Z. Mos. 23, 25.) j erlaubt, im Vorbeigehn von einem fremden Felde Achren ab- ! zurupfen. In dieser Hinsicht konnten also die Jünger nicht s getadelt werden; allein es war Sabbath, und das Ausreiben der Körner war nach den Begriffen der Pharisäer schon eine Arbeit, daher verlangten diese von Jesus, daß er seine Jünger wegen der Entweihung des Sabbathes ausschelten sollte. Jesus aber nahm sich seiner Jünger an und suchte durch Beispiele zu beweisen, daß in Nothfallen wohl eine Ausnahme statt finden könne und daß alsdann der Sabbath nicht entweiht werde. Er führte den König David an, der zur Zeit des Hühenpriesters Achimelech (1. Sam. 21.) *) in einer bedrängten Lage nach Nob kam und zu essen begehrte, als aber nichts weiter vorhanden war, von den Schaubroden aß. Diese wurden am Sabbathe auf den goldnen Tisch gelegt, der im Heiligen stand. Sie waren viereckig oder hatten, wie die Rabbinen sagen, vier Gesichter, wurden mit Goldblättern be- - legt, und waren ziemlich groß. Sie blieben die ganze Woche hindurch im Heiligen liegen und wurden erst am folgenden Sabbathe abgenommen, worauf man sie durch frische ersetzte. Die abgenommenen dursten nach dem Gesetze nur die Priester essen. Als daher David davon aß, handelte er gegen das Gesetz und zwar um so mehr, da er dieses ohne Zweifel an einem Sabbathe that, weil nur an diesem die Schaubrode abgenommen wurden. Durch diesen Fall will also Jesus seine Jünger rechtfertigen. Auch berief er sich noch auf das Bei- . spiel der Priester, die am Sabbathe Arbeiten verrichteten, da — st) Markus nennt in der oben angegebenen Stelle den Hohenpriester Abjathar. Dieses widerspricht aber der Stelle 1. Sam. 21. nicht; dem» aus 2, Sam. 8, 17. und 1. Chron. 19 (18), 16. geht hervor, daß Achiwe- lech anch den Namen Abjathar führte und daß dessen Sohn, der unter Davids und Salomos Regierung zugleich mit Aadok Hohcrpriester war, nicht allein Abjathar, sondern auch Achimelech hieß. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 217 sie an demselben im Tempelgebäude Feuer zu den Opfern anzündeten und die Opfcrthicre schlachteten, ohne sich deshalb eines Verbrechens schuldig zu machen. Und endlich sagt Jesus den Pharisäern frei heraus, daß der Sabbath zum Beßten der Menschen, aber nicht ihnen zum Nachtheil angeordnet worden sey, und daß er selbst, als Messias, wohl das Recht habe, in Hinsicht des Sabbathes andere Bestimmungen zu treffen, besonders , da Gott weniger Gefallen an der Beobachtung äußerer Gebräuche, als vielmehr an edlen Thaten und menschenfreundlichen Handlungen habe. Noch jetzt zeigt man in der Nähe von Kana, ohngefähe eine halbe Stunde von der Stadt ein Feld, das jenes Aehren- feld gewesen seyn soll, von welchem Jesu Jünger damals die Achren abrupften, das aber jetzt nicht angebaut ist. Auch zeigt man eine Terebinthe, die auf der Stelle stehn soll, wo Jesus seine Jünger gegen die Anklage der Pharisäer vertheidigte. An einem der folgenden Sabbathe ging Jesus in die Synagoge, wahrscheinlich zu Kapernaum, oder in einer andern Stadt am See Genesareth, denn die Evangelisten nennen den Namen der Stadt nicht. Hier befand sich ein Mensch, der eine vertrocknete Hand hatte und der ohne Zweifel von Jesu geheilt zu seyn wünschte. Die Pharisäer, die täglich feindlicher gegen Jesum gesinnt wurden, lauerten begierig darauf, was derselbe thun würde. Denn wenn er den Kranken am Sabbathe heilte, so glaubten sie hinlänglichen Grund zu haben, ihn als einen Uebertrcter des göttlichen Gesetzes bei dem hohen Rathe zu Jerusalem zu verklagen, oder ihn doch in dew Augen des Volkes herabsetzen und ihn verdächtig machen zu können. Jesus aber merkte ihre Absicht. Er rief daher den Kranken zu sich und ließ ihn in die Mitte treten. Hierauf fragte er seine Widersacher: „Was soll man am Sabbathe thun? Gutes, oder Böses? Das Leben erhalten, oder tödten?" Diese Frage war eine höchst verfängliche für sie; denn jede Antwort auf dieselbe würde gegen sie gesprochen haben; daher schwiegen sie lieber still. Unwillig und tief bewegt blickte Jesus nun die Verstockten an, die absichtlich das Gute nicht anerkennen und der Wahrheit nicht die Ehre geben wollten, und vollzog die Heilung an dem Kranken» 218 Fünftes Buch. Der Sabbath hatte freilich durch das Mosaische Gesetz eine große Heiligkeit bekommen, und wer ihn vorsätzlich entheiligte und an ihm eine der gewöhnlichen Arbeiten ohne die höchste Noth verrichtete, sollte mit dem Tode bestraft werden. Der siebente Tag der Woche, unser Sonnabend, war zur Ruhe bestimmt worden (2. Mos. 20, 10. u. 11. u. 23, 12.), weil es hieß, daß Gott bei der Schöpfung am sicbenkeii Tage geruht oder aufgehört habe, Neues zu schaffen. All! Juden mußten an diesem Tage die gewöhnlichen Arbeiten Unterlasten, auch durften sie ihre Sklaven und Sklavinnen, ja selbst die Hausthiere zu keiner Arbeit anhalten am Sabbathe, und sogar die Fremden, die sich in ihren Städten befanden, mußten ruhen. Keine Jahreszeit machte hierbei eine Ausnahme und in der Erntezeit galt dieses eben so wohl, als in andern Zeiten. An dem Sabbathe durfte kein Holz herbeigeschafft oder gespalten werden; man durfte kein Feuer anzünden, um Speise zu bereiten, keinen Handel treiben, keine Lasten tragen, keine Leichen beerdigen und dergl. m. Nur bei den Priestern fand eine Ausnahme statt, da diese am Sabbathe eben so wohl als an andern Tagen Opfer darbrachten und nur an demselben die Schaubrode auflegten und die alten Hinwegnahmen. Bald aber gab man jenen Gesetzen noch eine weitere Ausdehnung und bezog sie auf die geringsten Kleinigkeiten, ja sogar auf Fälle der Nothwendigkeit. Dieses thaten vorzüglich die Pharisäer. Zur Zeit der Makkabäcr ließe» sich die Juden ruhig ermorden, weil sie sich am Sabbathe nicht vertheidigen und wehren wollten (I.Makk. 2, 31—41. 2. Mail. 6, 11.); daher beschloß Matathias für die Zukunft, auch ani Sabbathe in Nothfällen die Waffen zu führen. Man pflückte nicht das Geringste am Sabbathe ab, schrieb nicht zwei Buchstaben und säuberte auch seine Kleider nicht. Jede starke Bewegung außerhalb der Wohnung, jede Reise galt am Sabba- ^ the für ein Verbrechen. Deshalb sagt auch Jesus (Matth. 24, 20.): „Bittet, daß eure Flucht nicht geschehe am Sabbathe," Man vergönnte jedoch, eine Strecke am Sabbathe zu gehn, nur nicht außerhalb des Umkreises, den das Gebiet eines jeden Ortes bildete. Diesen hatte man nach allen Richtungen von dem Aufenthaltsorte aus auf 2000 Ellen bestimmt. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 219 Ueberschritt man diese Weite nicht, so hatte man auch nicht gegen das Gcseh gefehlt; und deshalb nannte man eine Entfernung von 2000 Ellen einen Sabbath erweg (Apojtclg. 1, 12.). Krankenheilungen wollten die Pharisäer am Sabbathe nur in lebensgefährlichen Fällen gestatten. Dagegen überließen sich die Juden am Sabbathe ganz dem Genusse der Freude, indem sie sich auf 5. Mos. 16, 11. beriefen. Sie hielten drei Mahlzeiten im Verlaufe desselben, bei denen sie Alles herbei zu schaffen suchten, was den Gaumen vorzüglich kitzeln konnte. Die Zubereitungen dazu wurden freilich den Tag vorher getroffen, weshalb der Freitag auch der Rüst tag hieß. Der eigentliche Sabbath begann am Freitage Abends mit Untergang der Sonne, und sein Eintritt wurde durch Blasen mit Hörnern kund gethan. Am Freitage, Nachmittags 3 Uhr, wurde das erstemal geblasen und jetzt eilte man von den Feldern nach Hause und begann die Zubereitungen für den Sabbath. Um 4 Uhr ertönten die Hörner zum zweitenmale; nun wurden die Kaufläden geschlossen; man sing an, sich zu reinigen und zog die Feierkleider an. Kurz vor Untergang der Sonne wurde zum drittenmale geblasen; jetzt nahm man die Töpfe mit den Speisen vom Feuer, bewahrte sie in heißer Asche auf und zündete zwei Lichter an. Mit dem Eintritte des Sabbaths setzte man sich zur Mahlzeit nieder, wobei der Hausvater ein Gebet sprach. Hierauf begab man sich zur Ruhe. Am Morgen des Sonnabends besuchte man den Tempel, um Opfer darzubringen und dort zu beten, und ging alsdann in eine Synagoge. Wer in diese nicht gehn konnte, mußte am Vormittage zu Hause zwei Betstunden halten. Mittags um 12 Uhr wurde gespeist. Nachmittags gingen die Juden abermals in die Synagogen. Mit Untergang der Sonne war der Sabbath zu Ende, was wieder durch Blasen mit Hörnern angezeigt wurde; und alsdann hielten die Juden die dritte Sabbathsmahlzeit. Durch die Beschämung, welche den Pharisäern von Jesu geworden war, wurden sie noch erbitterter gegen den göttlichen Lehrer und dachten nun um so ernstlicher darauf, ihm den Tod zu bereiten. Jesus aber entfernte sich und ging an den See Genesarcth, von einer großen Menge Menschen be- 220 Fünftes Buch. gleitet, die aus Galiläa, Judäa, Jerusalem, Jdumäa, Peräa und sogar aus der Gegend von Tyrus und Sidon zusammen gekommen waren. Da nun der Zusammenfluß der Menschen zu groß war, so fühlte sich Jesus beengt und stieg deshalb in ein Fischerboot, das am Ufer des Sees sich befand. Wahrscheinlich geschahe das in der Nähe von Liberias. Liberias, wovon der See Genesareth auch der See Liberias genannt wird, war eine Stadt im Gebiete des Stammes Sebulon, am westlichen Ufer des Sees, nicht weit von dessen südlichem Ende, die der Tetrarch von Galiläa, Herodes Antipas, gegründet und nach dem Römischen Kaiser Liberius benannt hatte. Sie lag auf einer schmalen Ebene, welche gegen Abend von einem ziemlich steilen Berge eingeschlossen wurde; daher dehnte sich die Stadt vorzüglich in die Lange, wahrend sie nur eine geringe Breite hatte; denn ihre Länge soll 1000 und ihre Breite nur 200 Schritte betragen haben. Die Gegend, in welcher sie lag, wird als eine der fruchtbarsten und schönsten in Galiläa gerühmt. Herodes Antipas bevölkerte die neue Stadt zum Theil mit Einwohnern aus Galiläa, von denen manche genöthigt wurden, hier ihre Wohnung zu nehmen, zum Theil auch mit Ausländern, die er herbei zu ziehn suchte, indem er ihnen große Vorrechte und Freiheiten einräumte, und ihnen sogar Landereicn und Häuser zum Geschenke machte. Juden schlugen anfangs sehr ungern ihre Wohnung daselbst auf, weil bei dem Baue der Stadt viele Gräber aufgerissen worden seyn sollten, und weil sie nun die Stadt als verunreinigt ansahen. Liberias war eine Zeitlang die Hauptstadt in Galiläa und die Residenz des Königs Herodes Antipas, der einen Palast darin hatte. Dieser war in seinem Innern mit Lhicrbildern verziert, woran die Juden großes Aergerniß nahmen; er wurde aber in der Folge bei einem Aufruhre von den Bewohnern der Stadt verbrannt. Jesus scheint nie in der Stadt Liberias gewesen zu seyn, weil die Evangelisten nichts davon erwähnen; aber in ihrer Umgegend weilte er öfter. Wahrscheinlich scheucte er die Nahe des Hofes und fürchtete auch wohl Gefahr für sich selbst von dem Mörder seines Freundes, Johannes des Täufers. In dem letzten Kriege der Juden gegen die Römer unterwarf sich Liberias diesen sogleich Reisen Jesu der dritten Periodew. 221 freiwillig, als Vcspasianus aus Syrien in Galiläa einrückte; und nach der Zerstörung Jerusalems wurde es der Hauptsitz der jüdischen Obrigkeit und der Rabbinen. Es bildete sich dort eine jüdische Akademie, durch welche die Schriften des alten Testamentes und die Sprache der Juden erhalten wurde, und die bis zu der Zeit dauerte, wo die Araber unter dem Khalifen Omar Syrien eroberten. Im 4. Jahrhunderte nach Christus war Liberias der Sitz eines Bischofs geworden; aber auch das blieb es nicht mehr, als die Araber 636 unter Omar sich zu Herren von Palästina machten. Erst zu den Zeiten der Kreuzzüge wurde es wieder ein Bischofssitz, jedoch auch nur auf kurze Zeit. Jetzt heißt die Stadt Tabaria, liegt aber nicht auf der Stelle der alten, sondern nördlich außerhalb der Ringmauern des alten Liberias und ist auch etwas kleiner. Von der alten Stadt findet man noch bedeutende Ueberrcste, die noch Zeugniß von ihrem ehemaligen Glänze ablegen. Das heutige Labaria ist von drei Seiten mit einer Mauer aus Basaltsteinen umgeben, die sich mit ihren beiden Enden an den See anschließt, der die vierte Seite der Stadt begrenzt. Auf der Mauer befinden sich in ungleichen Zwischenräumen zwanzig Thürme, so daß auf diese Weise die Stadt'als Festung gelten kann. In der Stadt befindet sich eine noch ziemlich gut erhaltene christliche Kirche, die dem Apostel Petrus geweiht ist und die auf der Stelle erbaut worden seyn soll, wo Petrus sein Netz auswarf, als Jesus zu ihm kam und ihn aufforderte, mit ihm zu gehn (Matth. 4, 18.). Sie ist 20 Schritte lang und 9 Schritte breit und gehört der Brüderschaft von Terra santa. Am Pcterstage wird sie jährlich vor! den fränkischen Missionären in Nasrat besucht, die eine Messe darin halten. Die Häuser der Stadt sind größtentheils nur elende Hütten. Die Zahl der Einwohner beträgt gegen 4000, von denen der vierte Theil Juden ist, die ihre Wohnungen in der Mitte der Stadt nach dem Ufer des Sees zu haben. Die übrigen Einwohner sind Türken und griechische Christen. Die meisten Einwohner beschäftigen sich mit Feldbau, wozu die Gegend sehr günstig liegt, der aber noch besser und vortheilhaftcr getrieben werden könnte. Das Klima ist 222 Fünftes Buch. dort sehr heiß und ziemlich ungesund, weil das Gebirge, welches auf der Abendseite die Stadt begrenzt, den Zutritt der Westwinde hindert, die im Sommer in Syrien herrschend sind. Daher ist die Luft voller Dünste und erregt Fieber, an denen die Einwohner der Stadt im Sommer häufig leiden. Eine halbe Stunde von Liberias südostwärts am Fuße eines Berges, ohngefähr 30 bis 40 Schritte von dem Ufer des Sees, befinden sich heiße Schwefelquellen, die schon im Alterthume berühmt waren. Man zählt jetzt noch vier solcher Quellen, die nahe bei einander sich befinden. Das Wasser der südlichsten Quelle ist so heiß, daß man die Hand nicht in dieselbe halten kann; daher bekommt auch das Wasser des Sees, da wo die Quellen in ihn hineinfließen, eine ziemlich erhöhte Temperatur, was wahrscheinlich dazu beiträgt, daß in dem südlichen Theile des Sees die Fische nicht so zahlreich sind als in seiner nördlichen Hälfte. Das Wasser der Quellen enthält Eisen und Schwefel; daher setzt es auch auf sei- ^ nem Wege nach dem See zu an den Steinen eine Kruste ab, deren Farbe bei einigen Quellen weißlich, bei den andern aber röthlich gelb ist. Das Wasser hat keinen angenehmen Geschmack und Geruch, leistet aber vorzüglich bei rheumatischen Beschwerden und bei Schwäche treffliche Dienste. Daher werden diese Quellen auch noch jetzt, vorzüglich im Julius, von . vielen Bewohnern Syriens besucht. Ueber der Hauptqucllc ist ein Gebäude errichtet, das einige Gemächer enthält, und das zu Anfang dieses Jahrhunderts der damalige Pascha von St. Jean d'Acre, Dje;zar, hat aufbauen lassen. Nahe bei diesen Quellen lag sonst die Stadt Ammaus, oder Emmaus, welcher Name Bad bedeutet, nach der jene Quellen auch benannt wurden, von welcher man aber wenig ! Nachrichten hat. XXVII. Jesus wandert in Galilaa umher und sendet seine Jünger aus. iMat«,. 10, 5 —L2> 11, 1. Mark. 8, 6 — 13. Luk. S, 1-6.» Als Jesus bei näherer Bekanntschaft mit dem Volke, das sich auf seinen Wanderungen um ihn sammelte, das all- Reisen Jesu der dritten Periode rc. 223 gemeine Elend der Juden, die er zerstreuten Schaafen ohne Hirten verglich (Match. 9, 35—36.), näher kennen lernte, beschloß er, seine Apostel, und zwar je zwei und zwei, in die Städte umher zu senden, um durch diese sowohl den geistigen als auch körperlichen Gebrechen der Menschen abhelfen zu lassen. Dadurch hoffte er vielleicht auch zu verhindern, daß das Volk in so großer Menge, wie bisher, um ihn sich sammelte, was großes Aufsehn erregen und ihm noch mehr Feinde erwecken mußte. Ueberhaupt aber war es ihm darum zu thun, für die Verbreitung seiner Lehre so viel als möglich zu wir- i ken, so lange er noch auf der Erde wandelte, und zugleich auch seine Jünger an Selbststandigkeit zu gewöhnen, damit sie nach seinem Scheiden seine Stelle besser ausfüllen könnten. Vor ihrer Aussendung aber rüstete er sie mit den nöthigen ! Erfordernissen zu ihrer Wirksamkeit aus, lehrte sie die Kran- ^ kcn heilen und gab ihnen auch heilsames Del mit. Er be- i fahl ihnen, mit eben der Uneigennützigkeit den Menschen wohl zu thun, wie er sie selbst gegen sie geübt habe. Er verbot ihnen, Geld, Waffen, Lebensmittel und viele Kleidungsstücke mit sich zu nehmen, weil man zu jener Zeit leicht sein Unterkommen fand. Er gebot ihnen, nur zu den Juden, hauptsächlich in Galiläa, zu gehn, und nicht Samaria oder heid- . nische Länder zu betreten, weil er sie in seiner Nähe zu behalten wünschte, und auch bewirken wollte, daß sie weniger Anstoß bei den ächten Juden fanden. Zugleich sagte er ihnen im Voraus, daß sie bei der Verkündigung des Evangeliums manchen Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt seyn würden, und ermähnte sie daher, klug und vorsichtig zu seyn bei aller Aufrichtigkeit und Wahrheit. Er ermunterte sie, nicht von Furcht vor Menschen sich erfassen und beherrschen zu lassen; auch nicht darüber bekümmert zu seyn, was sie vor der Obrig- A keit, vor welche man sie bringen würde, zu ihrer Verantwor- f tung sagen sollten; denn in diesem Falle würde ein höherer Geist aus ihnen sprechen. Endlich forderte er sie auf, alles Leid geduldig zu ertragen und sich stets bereitwillig zu zeigen, ihr Leben der Wahrheit und der guten Sache zum Opfer zu bringen. Nachdem ihnen Jesus diese Belehrungen und Ermahnungen mitgetheilt hatte, reisten sie in die umliegende 224 Fünftes Buch. Gegend ab, verkündigten die Nähe des Gottesreichs, forderten ! zur Besserung des Sinnes und Wandels auf und heilten Kranke j und Gebrechliche. Jesus selbst aber war wahrend der Zeit l! auch nicht müssig, sondern wanderte ebenfalls umher und lehrte , > und heilte in Galiläa. H Auf diesen Wanderungen konnte er unter andern Städten s' Galiläas auch Sephoris berühren, eine alte Stadt in dem Gebiete des Stammes Scbulon und in der Ebene Sebulon, s 2 Stunden nordwärts von Nazareth, 3 Stunden südlich von l . Kana und 7 Stunden ohngefähr von Akko entfernt. Sie liegt ! > auf einem Hügel, der sich mitten in der Ebene erhebt und soll ! die Geburtsstadt von den Eltern der Maria, der Mutter Jesu, ! > seyn. Joscphus schildert sie als eine von Natur und Kunst ^ , sehr befestigte Stadt, die sich vorzüglich in Galiläa auszeich- § ncte. Ehe Liberias erbaut wurde, war sie die Hauptstadt l, dieser Provinz. Herodes Antipas wendete viel Geld auf, um ^ sie zu befestigen und zu verschönern, und nannte sie aus niedriger Schmeichelei gegen den Kaiser Tiberius Diocäsarea, die Stadt des göttlichen Kaisers. Zur Zeit des Kaisers Nero ^ wurde sie auch wieder die Hauptstadt der Provinz Galiläa. . Als Vespasianus in Palastina einrückte, begaben sich die Ein- ^ wohner von Sephoris, die sich früher dem Cestius unterwor- ! . fen hatten, nach Ptolomais, um diesem neuen Feldherrn ihre ^ ' Ergebenheit zu versichern. Die 7000 Mann aber, welche ^ Vespasianus ihnen hierauf zusendete, brachten ihnen keinen Vor- ; theil, sondern verwüsteten das Land. Einige Zeit hindurch war sie der Sitz eines christlichen Bischofs. Als aber im Jahre 355 nach Christus die Juden, welche in Diocäsarea s wohnten, zu den Waffen griffen und die römische Besatzung ' umbrachten, schickte Gallus ein Heer dahin, welches furchtbar l, in der Stadt wüthete, die Einwohner größtentheils tödtete, sogar die Kinder in der Wiege nicht verschonte und die Stadt in Asche legte. ^ Jetzt ist das ehemalige Sephoris nur noch ein großes ' Dorf von ohngefähr 600 Häusern und heißt Safuri. Die si Einwohner desselben sind theils Juden, theils Christen. Dießt Umgegend hat Weingärten und Oelbaumpflanzungen. In dem »i Dorfe trifft man Baumwollenfabriken an. Es befinden stch z« Reisen Jesu der dritten Periode rc. 22Z »och viele ansehnliche Ueberreste der alten Stadt daselbst. Säumen von Granit, Mauerwerk und Marmorstücke liegen dort umher. Es sind noch die Ruinen einer großen und schönen -Kirche vorhanden, welche die Kaiserin Helena soll haben erbauen und dem heiligen Joachim und der heiligen Anna haben l weihen lassen, weil sie auf der Stelle stehn soll, wo sich die Wohnung von den Eltern der Maria befand. Die Ebene Sebulon, in welcher Sephoris lag, dehnt sich ohngefahr eine Stunde von Norden nach Süden in die Länge und ist etwa drei Viertelstunden breit. Sie war für den Stamm Sebulon ein reicher Schatz, weil sie durch große Fruchtbarkeit sich auszeichnete. Noch jetzt besitzt sie einen reichen Graswuchs, so daß sie das beste Weideland in Palästina bildet. Man bewundert auch die Lilien und Tulpen, die dort wild wachsen und von allerlei Farben und den mannigfaltig- ^ sten Arten sind. Zwischen Sephoris und Sebulon befindet sich ein Flecken, den die Araber Sesambre nennen, der sonst ebenfalls eine Stadt im Gebiete des Stammes Sebulon ausgemacht haben soll, aus welcher nach der Behauptung der Griechen und Juden des Landes, die sieben Brüder gebürtig waren, welche ^ der König Antiochus Epiphanes nebst ihrer Mutter hinrichten l ließ, weil sie dem Mosaischen Gesetze nicht untreu werden wollten (2. Makk. 7.). Auf der Stelle, wo die Wohnung dieser Märtyrer gestanden haben soll, hatte die Kaiserin Helena eine Kirche erbauen lassen, die von den Türken in eine Moschee umgewandelt worden ist. Die Griechen haben aber auch noch eine Kirche daselbst. Der Flecken liegt auf einem Hügel in einer anmuthigen und fruchtreichen Gegend, in welcher sich -Weingärten und Äelbaumpflanzungen befinden. Sebulon oder Zabulon, d. i. Wohnung, eine alte Stadt (Richt. 12, 11. u. 12.), die ihren Namen von dem Stamme hatte, in dessen Gebiete sie lag, befand sich nicht ! weit von Ptolemais und war auf einem Hügel erbaut, der §00 Schritte hoch ist. Sie war sonst schon durch ihre Lage ziemlich fest, wurde aber bei der Einnahme von Ptolemais zerstört. Dieser Ort, der einstmals der Wohnsitz eines Bi- 15 228 Fünftes Buch. ertheilten. Als er nun mit ihnen an dem westlichen Ufer des i Sees Genesarcth umherwandelte, bekam er Kunde, das; der - Letrarch Herodes AntipaS auf ihn aufmerksam geworden war und ihn näher kennen zu lernen wünschte. Diese Kunde »er.- , setzte ihn in Besorgnis;, da er von dem Tetrarchen eben das ! i Benehmen gegen sich fürchtete, das derselbe gegen Johannes 1 den Täufer bewiesen hatte. ^ Dieser edle Kämpfer für Wahrheit und Recht war »am- ^ sich in seinem Gefängnisse endlich ein Opfer der Rache eines ^ gegen ihn erbitterten Weibes geworden. Noch immer hatte eine gewisse heilige Scheu vor der edlen Würde Johannes des Täufers den Tetrarchen abgehalten, das Aeußerste zu thun und denselben todten zu lassen; allein Herodias hatte einen glühenden Haß auf Johannes geworfen; sie wollte dessen Tod, ; und wußte eine günstige Gelegenheit zu ergreifen, um ihre ' Nachtust zu sättigen. Ihre Tochter mußte das Werkzeug werden, die Bedenklichkeiten des Tetrarchen zu beseitigen, der in seiner Verblendung durch ein übereilt gegebenes Versprechen sich verpflichtet glaubte, eine ungerechte Forderung befriedigen , zu müssen. Johannes mußte nun bluten als ein Opfer des ^ Eifers für die gute Sache, und sein Haupt wurde eine Beute ^ schändlicher Rachsucht» Sein Leichnam aber wurde von seinen treuen Schülern zur stillen Grabesruhe gebracht, die alsdann , auch Jesu von dem Schicksale ihres Lehrers und seines Freun- ; des Kunde gaben. Was konnte nun Jesus wohl von einem ° solchen Manne, der einen Schuldlosen dem Tode überliefert - hatte, für sich erwarten? Er hielt sich in dessen Nähe nicht ^ für sicher; seine Stunde aber war noch nicht gekommen, das s wußte er, und so beschloß er, die Gegend um Tiberias zu verlassen. Zugleich wünschte er, sich selbst und seinen Jüngern ^ einige Ruhe zu gönne», die sie am westlichen Ufer des Sees ' Genesareth jetzt nicht haben konnten, weil das von dem Pas- l sahfeste zurückkehrende Volk sie fort und fort umlagerte. Er z schiffte also über den See hinüber und begab sich in das Gc- f biet des Tetrarchen Philippus. f Hier hielt er sich in der Nähe von Bethsaida Zu- f lias auf, einer Stadt, die in dem östlichen Gebiete des Stam- x meö Manaffe lag und zu Jesu Zeit zu der Landschaft Gau- s° ! Reisen Jesu der dritten Periode rc. 229 lonitis gehörte, welche sich von dem südlichen Fuße des Hermen bis an den Fluß Hieromax erstreckte, größtenteils, einige hügelige Stellen ausgenommen, ziemlich eben war und jetzt Dscholan heißt. Die Stadt Bethsaida befand sich am nordöstlichen Ufer des Sees Genesareth, nicht weit von der Stelle, wo sich der Jordan in denselben ergießt. Früher war sie nur ein ansehnliches Fischerdorf gewesen, was auch ihr Name anzeigt; der Tctrarch Philippus aber hatte dasselbe beträchtlich erweitert und verschönert, mehrere Einwohner dahin gezogen und es zu einer Stadt erhoben, welcher er zu Ehren der Tochter des Kaisers Augustus, Julia, den Beinamen Julias gab, durch welchen sie sich auch von Bethsaida in Galiläa, am westlichen Ufer des Sees, unterschied. Wahrscheinlich »ahm Philippus selbst in ihr seinen Aufenthalt. Jetzt soll ein ärmliches Dorf Telia nihje auf ihrer Stelle liegen. Nahe dabei befindet sich eine Gegend, die zum Theil eben, zum Theil wild und hügelig ist und die zu Jesu Zeiten die Wüste von Bethsaida genannt wurde. Damals war der ebene Theil gutes Weideland (Joh. 6, 10.), jetzt aber ist er größten- theils wüste und unangebaut. In jener Gegend lag wahrscheinlich auch eine kleine Stadt, welche Chorazin hieß (Matth. 11, 21. Luk. 10, 13.), die jedoch Einige an das westliche Ufer des Sees Genesareth setzen wollen, nicht weit von Kapernaum, etwas südlich von dieser Stadt. Manche hingegen wollen Chorazin gar keine Stadt seyn lassen, sondern darunter nur die gebirgige Weidegegend »erflehn, die sich von Kapernaum bis Tiberias an dem westlichen Ufer des Sees herab erstreckt. Welches die richtige Annahme unter diesen sey, läßt sich jetzt nicht entscheiden. So viel ist gewiß, daß es ein Ort gewesen seyn muß, wo Jesus viel sich aufhielt, wo er häufig gelehrt und Thaten verrichtet hatte, weil er es nebst Bethsaida in den oben angeführten Stellen, von Schmerz ergriffen, ernstlich tadelt, da dessen Bewohner auf seine Lehren und Thaten nicht geachtet und seine Messiaswürde nicht anerkannt hatten. Aber auch in jener Gegend konnte Jesus die gewünschte Ruhe und Erholung nicht finden. Denn als das Volk vernommen hatte, daß er sich in die Gegend von Bethsaida Julias 230 Fünftes Buch. begeben, eilte es um den See und über den Jordan eben dahin, weil es von neuem Jesu außerordentliche Thaten sehn wollte, die er an den Kranken zu verrichten pflegte. Obschon also das Volk nicht von dem rechten Triebe zu Jesus geführt wurde, von welchem der göttliche Lehrer die Menschen beseelt um sich versammelt zu sehn wünschte, da er wollte, daß sie nach richtiger Erkenntniß und höherer Einsicht, nach einem reineren und heiligeren Leben verlangen sollten: so wurde doch sein liebevolles Herz von Mitleid ergriffen, als er die Menge um sich versammelt sahe, und nun unterließ er nicht, die Kranken, die sich darunter befanden, zu heilen, und Worte der Belehrung, der Ermunterung und des Trostes zu Allen zu sprechen. Darüber ging die Zeit hin und der Abend nahte, ohne daß die versammelten Menschen Speise zu sich genommen hatten. Darauf machten seine Jünger Jesum aufmerksam und riethen ihm, das Volk fortzuschicken, damit es für die Befriedigung seines Bedürfnisses in den umliegenden Städten noch sorgen könnte. Allein Jesus erwiederte, das sey nicht nöthig und sie selbst sollten für Speise Sorge tragen. Dieser Auftrag erschien ihnen sonderbar, weil sie nicht wußten, woher sie hinreichende Speise nehmen sollten; und Philippus, der wahrscheinlich für die Nahrungsmittel zu sorgen hatte, wie Judas Jscharioth die Kasse führte, erklärte, daß 200 Denare *), oder 30 bis 40 Thaler nach unserem Gelde, da ei» ^ Denar ohngefähr 4 Groschen beträgt, kaum hinreichen würden, um hinlängliches Brod anzuschaffen; und Andreas sagte, daß nur fünf Gerstenbrode und zwei Fische vorhanden wäre», die ohnmöglich für die große Menge ausreichen könnten. W Jesus das vernommen hatte, befahl er seinen Jüngern, die Anordnung zu treffen, daß sich das Volk in gewissen Abtheilungen auf das Gras lagere. Dieses geschah, und da ergab sich, daß gegen 3000 Menschen bei einander waren. Hieraus nahm Jesus die fünf Brode und die beiden Fische, sprach ei" Gebet, wie jeder Hausvater der Juden beim Beginne den Mahlzeit es zu thun pflegte und ließ nun die Speise, nach-; dem er die Brode zerbrochen und die Fische getheilt hatte,p *) Luther hat Denare durch Pfennige überseht. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 2ZL durch seine Jünger den Leuten darreichen. Alle aßen und wurden gesättigt; ja es blieben auch noch so viele Brocken übrig, daß zwölf Körbe, wie man sie damals auf Reisen mit sich zu führen pflegte, damit angefüllt werden konnten. Dieses Ereigniß, dessen genauen Hergang Jesu Jünger nicht kannten, und das auch wir uns nicht hinlänglich zu erklären vermögen, erregte bei Allen die größte Verwunderung, und sie meinten, daß der, welcher sie jetzt gespeist hatte, der verheißene Messias seyn müßte, in welchem die Menge mehr einen irdischen König als einen geistigen Retter und Beglücker erwartete. Wie aber die weise und gütige Vorsehung Gottes die Jsraeliten in der Wüste durch Manna speiste, so konnte sie auch hier einen Umstand eintreten lassen, der weniger bemerkt wurde, aber die Sättigung des Volkes herbeiführte. XXX. Jesus geht von Bcthsaida Julias nach Kapernaum. !Mattt>. 14, L2-Z8. Mark. L, 45-Sö. Loh. 6, 15-71., Das Volk, durch die wundervolle Speisung für Jesum eingenommen und begeistert, wollte ihn als König der Juden ausrufen; allein dieses wünschte Jesus nicht, weil er kein irdischer König, wie ihn das Volk verlangte, seyn mochte. Daher befahl er seinen Jüngern, einstweilen in dem Fischerboote voraus zu fahren, weil er alsdann desto ungehinderter und unbemerkter dem Volke sich entzieh» konnte; und begab sich nun auf eine Anhöhe in der Nähe des Sees, wo er einen großen Theil der Nacht in Gebet zubrachte, während seine Jünger auf dem See, aber doch nahe am Ufer, hinschifften. Ihre Fahrt ging nicht schnell von statten, weil ein Sturm sich erhob und ihnen hinderlich ward. Während sie noch mit dem Sturme kämpften und von dem Orte ihrer Abfahrt etwa anderthalb Stunden weit gekommen waren, meinten sie auf dem Meere ein Gespenst zu sehn und erschrocken heftig. Dieses geschah um die vierte Nachtwache, oder nach unserer Art, die Stunden des Tages zu zahlen, früh um 3 Uhr. Denn Jesu Zeiten theilten die Juden, nach dem Gebrauche der Nönm, die Nacht in vier Wachen, von denen die erste von 252 Fünftes Buch. 6 bis 9, die zweite von 9 bis 12, die dritte von 12 bis 3 und die vierte von 3 bis 6 Uhr dauerte. Allein die Jünger waren vor ihrem Meister erschrocken, der ihnen nachgefolgt war, sie eingeholt hatte und jetzt wahrscheinlich ihnen gegenüber am Ufer stand. Da derselbe ihre Furcht bemerkte, rief er ihnen zu: „Fürchtet euch nicht; ich bins!" Als Petrus seines Lehrers Stimme hörte, stieg er aus dem Fahrzeuge, um zu Jesu hinzuschwimmen; allein bei dem tobenden Sturme sing er an zu sinken und rief: „Herr hilf mir!" Jesus ergriff ihn, tadelte seine Furchtsamkeit und brachte ihn an das Land, worauf das Schiff ebenfalls landete, um Jesum aufzunehmen. Nachdem der göttliche Lehrer das Fahrzeug bestiegen hatte, schwieg der Sturm, und Alle die darin waren, langten wohlbehalten in der Gegend von Kapernaum an. Kaum hatte man Jesu Ankunft erfahren, so eilten auch von neuem Viele herbei und brachten Kranke zu ihm, die durch ihn geheilt wurden. Und als das Volk, welches durch ihn gesättigt worden war, Jesum nicht mehr in der Gegend von Bethsaida Julias fand, so begab es sich ebenfalls, auf Schiffen, die sich eingefunden hatten, herüber nach Kapernaum, wo es den großen Wunderthäter in der Synagoge fand. Jetzt aber erklärte Jesus den Ankommenden unverholen, daß sie ihn aus keiner andern Absicht aufsuchten, als nur deshalb, um irdische Vortheile durch ihn zu gewinnen; und ermähnte sie, nicht blos auf irdische Speise bedacht zu seyn, sondern vielmehr Nahrung für ihren Geist zu suchen, die er in reichem Maße ihnen bieten könne. Hierauf vergleicht er sich und seine Lehre mit dem Himmelsbrode, das vollkommene Sättigung gewähre und die edelsten Bedürfnisse befriedige. In Bildern spricht er, seine Belehrungen sollten sie annehmen und befolgen, wenn sie in engere Verbindung mit ihm treten und dauernd beglückt werden wollten. Zugleich deutet er in den Bildern, die er in seiner Rede gebrauchte, auch darauf hin, daß er, wenn seine Wirksamkeit Frucht bringen sollte, er sich selbst der guten Sache opfern müsse. Das aber vermochten seine Zuhörer nicht zu fassen, und daher erklärten sie es für eine harte Rede. Ja Mehrere, die bisher zu ihm sich gehalten hatten und ihm nachgefolgt waren, wurden durch diese Reisen Jesu der dritten Periode rc. 233 Rede bewogen, daß sie ihn verließen. Dieses betrübte den edlen Menschenfreund nicht wenig, und tief bewegt fragte er seine zwölf Apostel, ob auch sie etwa ihn verlassen wollten. Darauf erklärte ihm aber Petrus in seinem gewöhnlichen Eifer: „Herr, zu welchem bessern Lehrer könnten wir uns wohl wenden? Deine Lehre ist die wahrhaft und ewig beglückende. Und wir glauben fest, daß du der verheißene Messias, der Sohn Gottes bist; als welchen wir dich erkannt haben." Dieser Ausspruch gewährte Jesu Freude und Trost bei jener traurigen Erfahrung, die er so eben gemacht hatte. Nur wurde seine Freude noch durch den Gedanken getrübt, daß einer unter den Zwölfen, den er ganz durchschaute, an ihm zum Verrä- j ther werden würde. XXXI. Jesus reist von Kapernaum in die Nähe von Tyrus. Match. 13, ri> Mark. 7, 24-> Nachdem Jesus sich einige Tage in Kapernaum ausgehalten hatte, begab er sich mit seinen Jüngern nach Syro- phönicien, wohin er noch nicht gekommen war, um daselbst einige Zeit in größerer Ruhe und Sicherheit zu leben und sich ungestörter der Ausbildung seiner Jünger widmen zu können. Syrophönicien wurde zu Jesu Zeiten das alte P hö- ! »icien, d. i. Palmenland, genannt, weil es von den Syrischen Königen erobert und zu ihrem Reiche gefügt worden war und weil es unter der Herrschaft der Römer mit zu der Provinz Syrien gehörte. Es begriff den schmalen Küstenstrich in sich, der oberhalb des Flusses Eleutherus begann und sich längs dem Libanon und Galiläa bis in die Gegend von Ptolemais herab erstreckte, und war ohngefähr 25 Meilen lang und nicht über 3 Meilen breit. Bon den Juden wurde es gewöhnlich Zidon oder Sidon, nach der alten Hauptstadt des Landes genannt. Das ganze Land ist gebirgig und hat nur wenige schmale Ebenen, die an der Meeresküste hie und da zwischen den Bergen sich hinziehn. Es wird von zahlreichen Flüssen und Bächen bewässert, die von dem Libanon Herabkommen. Als ein merkwürdiger Fluß wurde 234 Fünftes Buch. schon im Alterthume der Adonisfluß genannt, der jetzt Nähr - Ibrahim, d. i. der Abrahamsfluß heißt, und sich dadurch auszeichnet, daß er zu manchen Zeiten rothes Wasser führt. Er fließt nämlich am Libanon durch eine Gegend, die rothe Erde enthält. Wenn diese nun zur Regenzeit aufgelöst und in den Fluß geschwemmt wird, so theilt sie demselben die rothe Farbe mit. Syrophönicien war von jeher ein fruchtbares Land, dessen Fruchtbarkeit in der hinlänglichen Bewässerung und dem gemäßigten Klima seinen Grund hat. Der Winter ist daselbst so mild, daß Pomeranzen, Datteln und andere Pflanzen, welche die Kälte nicht vertragen können, während dieser Jahreszeit im Freien fortwachsen, blühen und ihre volle Frische behalten. Man baut treffliches Getreide in so reichem Maße, daß es ausgeführt wird; es gedeihen die seinen Obstsorten der südlichen Länder Europas daselbst, und man gewinnt dort trefflichen Wein. Auch wird ansehnlicher Seidenbau getrieben. Im Alterthume lieferte das Land Erze und Zimmerholz vom Libanon, und blühte durch seinen ausgezeichneten Handel. Es besaß mehrere treffliche Häfen und hatte eine zahlreiche Bevölkerung, welche durch Fleiß und Betriebsamkeit einen bedeutenden Wohlstand errang und sogar großen Reichthum erwarb. Seine Schiffahrt war die vorzüglichste der alten Zeit. Vermittelst derselben holte es die Erzeugnisse der fernsten Länder nach Asien, und durch Kara- vanen schaffte es die Schätze des innern Asiens und Afrikas herbei und führte sie auf den Schiffen in andere Gegenden. Daher enthielt «s auch große und prächtige Städte, von denen jetzt freilich nur wenige Spuren noch vorhanden sind. Der große Reichthum der Einwohner stürzte sie aber leider auch in ein großes Sittenverderben, das von den Propheten ernstlich gerügt wird (Jesa. 23.). Als Jesus nach Syrophönicien sich begab, konnte er in die Nähe von Ptolemais kommen, einer berühmten Stadt des Alterthums, die auch jetzt noch einen bedeutenden Namen hat. Die Juden nannten sie Akko und die Griechen Ake, von der Landspitze, auf welcher sie erbaut war. Sie lag an einer Bucht, welche einen Theil des großen Meerbusens ausmacht, welcher nach ihr der Meerbusen von Ptolemais heißt, Reisen Jesu der dritten Periode rc. 235 auf einer Art von Halbinsel, die nördlich über dem Meerbusen sich in den See erstreckt und eine Ebene bildet, welche gegen Norden von den Syrischen Bergen begrenzt wird, auf der Morgenseite ebenfalls von einem Gebirge umgeben ist, und gegen Mittag das Vorgebirge Karmel hat. Die Stadt war dem Stamme Ässer zugetheilt worden, allein dieser nahm sie nicht in Besitz (Richt. 1, 31.). Den Namen Ptolem-ais bekam sie entweder von dem Aegyptischen Könige Ptolemäus Lagi, der vielleicht etwas zu ihrer Verschönerung beitrug, oder von Ptolemäus Lathurus, der sie um das Jahr 106 vor Christus, als er mit dem Makkabäcr Alexander Jannäus Krieg führte, nach einer langwierigen Belagerung eroberte. Zur Zeit der Kreuzzüge wurde sie Akra genannt, und den Namen St. Jean d'Acre, den sie noch jetzt führt, bekam sie von den Jo- hanniter- oder Malthcser-Rittern, die sie lange Zeit besaßen. In den frühern Zeiten wurde sie von den Phöniciern zum Seehandcl benutzt; später aber wurde sie von dem Syrischen Könige Demetrius Soter zu Judäa, gefügt (1. Makkab. 10, 89.). Zur Zeit der Makkabäcr war sie sehr bedeutend (1. Makkab. 5, 15.). In ihr besuchte der Makkabäcr Jonathas den König Demetrius (1. Makk. 11,24.); in ihr erfuhr er aber auch die Treulosigkeit des grausamen Tryphon (1. Makk. 12, 48.). Bon dem Kaiser Claudius wurde die Stadt Ptolemais zu einer römischen Kolonie gemacht und ihre Einwohner mit dem römischen Bürgerrechte beschenkt. Das Christenthum fand daselbst bald Eingang; denn der Apostel Paulus kehrte auf einer Reise in Ptolomais ein und verweilte einen Tag dort (Apo- stelg. 21, 7.). Hierauf wurde sie der Sitz eines Bischofs, der unter dem Patriarchen von Antiochien stand. Im Jahre 636 nach Christus kam Ptolemais mit ganz Palästina in die Hände der Mohamedaner. Zur Zeit der Kreuzzüge war diese Stadt von großer Wichtigkeit für die christlichen Heere, weil sie den besten Landungsplatz gewährte und auch sehr gelegen war, um die Kreuzfahrer mit den erforderlichen Bedürfnissen zu versorgen und sie in der nöthigen Verbindung mit Europa zu erhalten. Daher kämpften die Christen und Saracenen auch fortwährend um ihren Besitz. Im Jahre 1104 wurde sie von Balduin I. nach einer Belagerung, die 20 Tage ge- 236 Fünftes Buch. dauert hatte, erobert; 1187 aber ging sie wieder in die Hände des Sultans Saladin über. Nicht lange darauf, nämlich 1191, nahmen sie die beiden Könige, Philipp II. von Frankreich und Richard von England wieder ein. Zu jener Zeit blühete Ptolemais durch einen ansehnlichen weit verbreiteten Handel und war sehr stark bevölkert. Die Zohanniter-Ritter, die den heiligen Johannes zum Schutzheiligen der Stadt machten, und Veranlassung gaben, daß sie von nun an St. Jean d'Acre genannt wurde, nahmen in ihr 1192 ihre» Sitz. Jetzt bekam sie auch wieder einen Bischof, der unter dem Erzbischofe von Tyrus stand. Als die Saracenen in der andern Hälfte des 13. Jahrhunderts von neuem mächtiger wurden und Jerusalem wieder erobert hatten, zogen sich die Christen nebst dem Könige von Jerusalem nach Ptolemais zurück, welches ihnen endlich allein noch von Palastina übrig blieb. Im Jahre 1250 kam der König von Frankreich, Ludwig IX., welcher der Heilige genannt wird, dahin, nach seiner Befreiung aus der Gefangenschaft, in welche er bei der Einnahme von Damiette gerathen war, und wurde daselbst von den Christen mit großer Freude empfangen. Er that viel zur Befestigung der Stadt. Allein da die Besatzung derselben aus Menschen von allen Nationen aus Europa bestand und viele Befehlshaber da waren, von denen ein jeder ein besonderes Quartier der Stadt inne hatte, und jeder herrschen wollte, so entstand Zwiespalt unter den Christen, der ihnen Nachtheil bringen mußte. Und als die Soldaten, weil sie keinen Sold mehr bekamen, durch Plünderung der Umgegend sich den nöthigen Unterhalt zu schaffen suchten; so rückte der Sultan El-Melik-el-Asehraf mit 160000 Mann vor Ptolemais, um diesem Unfuge ein Ende zu machen, und eroberte die Stadt am 4. Mai 1291 mit Sturm, nachdem er vier Wochen hindurch sie belagert hatte. Gegen 60000 Christen fanden dabei ihren Tod, und die Stadt wurde gänzlich zerstört. Man bauete sie zwar in der Folge zum Theil wieder auf, allein sie hat nie wieder den Glanz erreicht, in welchem sie früher blühte, und von welchem noch die vorhandenen großen und schönen Ruinen zeugen. Die jetzige Stadt, die St. Jean d'Acre, auch Akka Reisen Jesu der dritten Periode w. 237 undAkri genannt wird, ist mit hohen Mauern und tiefen i Gräben umgeben und durch den berüchtigten und grausamen ! Pascha Djezzar (Dschessar) sehr befestigt worden, der auch in ihr eine der schönsten Moscheen Syriens erbauen ließ; allein ' in ihrem Innern ist sie voller Trümmer, zwischen denen hie „nd da Palmen sich erheben. Die Gassen sind krumm, eng, dunkel und schmutzig und die Häuser zwar aus Steinen erbaut, aber niedrig und geschmacklos. Sie hat wie Jaffa nur ein einziges Thor, an welchem die Reisenden warten müssen, bis sie vom Pascha Erlaubniß zum Eintritts bekommen. Man findet noch die Ueberreste der berühmten St. Andreas-Kirche auf einem Hügel am Meere. Es steht von ihr noch das hohe Portal, das terrassenförmig sich erhebt; der Chor aber ist gänzlich zerstört. Den Spuren nach ist sie 50 Schritte lang und 28 breit gewesen. Mitten in der Stadt befand sich der Palast des Großmeisters der Johannitcr, von welchem aber nur ein Theil noch steht. Auch bemerkt man noch Ueberreste von ^ der Kirche des heiligen Johannes, welche die Kapelle des Großmeisters ausmachte, und von noch zehn bis zwölf andern Kirchen, unter denen eine Johannes dem Täufer geweiht war. In dem Franziskanerkloster finden die Europäer eine freundliche Aufnahme. Der sonst so treffliche Hafen ist jetzt sehr schadhaft, zum Theil verschlemmt und mit Trümmern angefüllt, .welche dem Einlaufen der Schiffe gefährlich und hinderlich werden; auch ist er klein und kann nur eine geringe Anzahl kleiner Schiffe fassen; daher müssen die größern bei Kaipha vor Anker gehn. i Nahe bei seinem Eingänge steht am Ufer ein großer viereckiger Thurm, der als Wartthurm dient. An denselben stößt ein sehr altes Gebäude, das man für das ehemalige Kloster der heiligen Klara hält, dessen Nonnen bei der Einnahme der Stadt durch die Saracenen schrecklich gemartert worden seyn sollen. Der Hafen hat auch einen Leuchtthurm. Außerhalb der Stadt, am Eingänge des Hafens erblickt man auf einem Felsen die Ueberreste eines Tempels, in welchem, wie man sogt, der Beelzebub verehrt wurde. Die Anzahl der Einwohner soll jetzt nicht über 6000 sich belaufen, die aus Christen, Juden und Türken bestehn. L38 Fünftes Buch. Noch jetzt wird ein ansehnlicher Handel in Ptolemais mit Baumwolle, Büffelleder, Getreide, Sennesblattern und andern Waaren der Levante, getrieben, welcher die Einwohner in ei. nen gewissen Wohlstand versetzt. Die Gegend um die Stadt ist eine acht Stunden lange und drei Stunden breite Ebene, die ziemlich fruchtbar sich zeigt, aber wenig angebaut wird. Auch in den neuern und neuesten Zeiten ist St. Jean d'Acre durch Belagerungen merkwürdig geworden; denn Napoleon belagerte die Stadt 1799 sechzig Tage lang vergeblich, that ihr aber durch ein starkes Bombardement bedeutenden Schaden; und 1832 wurde sie nach einer langen Belagerung von Ibrahim Pascha, dem Sohne des Bicekönigs von Aegypten, Mehemed Ali, erobert. Josephus spricht von dem kleinen Flusse Belus, an dessen Ufer das Glas zufällig erfunden worden seyn soll, und der nicht weit von Ptolemais in das mittelländische Meer fällt, und erzählt, daß zu seiner Zeit an dem Ufer desselben das Grabmal des Memnon noch gestanden habe, das durch seine Bauart und Größe die allgemeine Bewunderung erregte. Jetzt bemerkt man nur die Stelle noch, wo es sich befand. Zwischen dem weißen Vorgebirge und Tyrus, über eine Stunde von der Küste, befand sich sonst ein Dorf Giskala, welches wahrscheinlich ein und derselbe Ort mit der festen Stadt Giskala ist, die nach Josephus in Galiläa lag und in welcher in dem letzten Kriege der Juden gegen die Römer ein gewisser Johannes einen Aufruhr erregte, die sich aber, nachdem Johannes nach Jerusalem geflohen war, freiwillig an Litus ergab. Wenn man sich Tyrus bis auf eine Stunde genähert hat, so kommt man südlich von der Stadt zu einem merkwürdigen Brunnen, der ohngefähr 200 Schritte von dem Meere entfernt ist und den man den Brunnen Salomos nennt, weil man ihn für denjenigen hält, welchen Salomo in dem hohen Liede (4, 12.) erwähnt. Die Araber nennen ihn Raset Ain, Haupt der Quelle. Er soll mit Wasser angefüllt! werden, das durch unterirdische Kanäle vom Libanon kommt Er ist deshalb merkwürdig, weil man, wenn man Wasser aus ihm schöpfen will, nicht wie bei andern Brunnen in dieNefi! Reisen Jesu der dritten Periode rc. 239 hinab, sondern in die Höhe steigen muß. Er besteht in einem großen viereckigen Thurme, der auf der Südseite gegen ZO Fuß hoch ist, und auf den man vermittelst einer bequemen Treppe emporsteigen kann. Von dem Grunde dieses Thurmes erhebt sich das Wasser bis zum Gipfel, so daß man es oben mit der Hand zu schöpfen vermag. Es füllt oben ein achteckiges Becken, das 60 Fuß im Durchmesser hat und dessen flacher Rand 7 bis 8 Fuß breit ist, so daß man auf ihm um das Becken herumgehn kann. Das Ganze ist mit einem Mörtel aus kleinen Steinen so trefflich zusammengefügt, daß kein Tropfen Wasser durchzudringcn vermag und daß es eine unverwüstliche Dauer hat. Denn in dieser Gestalt, wie man den Brunnen jetzt sieht, ist er schon vor 600 Jahren beschrieben worden. Die Quelle, welche das Wasser gibt, ist so reichhaltig, daß sie fortwährend den ganzen Brunnen bis oben zum Rande anfüllt. Das Wasser ist völlig rein und hell und gewährt einen höchst erquickenden Trunk. Obgleich es in dem Brunnen selbst völlig ruhig erscheint, so fließt es doch aus diesem durch eine breite Oeffnung, die in einer seiner Seiten angebracht ist, mit reißender Schnelle und in solcher Menge heraus, daß es eine Mühle treibt. Das Herausfließende Wasser bildet mehrere Büchlein, welche die umliegende Gegend, wo sonst die Gärten von Tyrus waren, bewässern und fruchtbar machen und sich hernach in einen Bach vereinigen, der sich ohngefähr eine Viertelstunde von dem Brunnen in das Meer ergießt. In einiger Entfernung von diesem großen Brunnen befinden sich zwei kleinere, die das Wasser aus jenem durch einen Kanal empfangen, und zwar dergestalt, daß es aus dem einen in den andern fließt. Unterhalb dieser Brunnen bemerkt man die Ueberreste einer Wasserleitung, durch welche sonst das Wasser nach Tyrus geführt wurde, und die durch den berühmten Damm ging, den man bei der Belagerung der Stadt durch Alexander den Großen aufgeworfen hatte. Der Grund, warum wan jenen großen Wasserbehälter so hoch anlegte, ist kein anderer, als weil man den hinlänglichen Fall gewinnen ^ wollte, um das Wasser nach allen Theilen der Stadt be- : ßuem zu leiten. Es geht eine Sage, daß Jesus auf seiner 240 Fünftes Buch. Reise in die Nähe von Tyrus an jenem Brunnen sich erquickt habe. Wenn man an der Meeresküste von Ptolemais aus nordwärts nach Tyrus zu geht, so gelangt man nach 3 Stunden Weges an einen ziemlich hohen Berg, welcher das weiße Vorgebirge genannt wird, weil er auf der Seite nach dem Meere zu weiß erscheint. Ein Weg, welchen Alexander bei der Belagerung der Stadt Tyrus anlegen ließ, befindet sich ohngefähr eine Stunde davon. Er ist in ein zackiges und klippenreiches Gebirge eingehauen und hat die Gestalt eines Kanals. Seine Länge beträgt eine halbe Stunde und seine Breite 7 Fuß. Da sich die Wogen des Meeres mit großer Gewalt daran brechen, so würde die Wanderung auf diesem Wege gefährlich seyn; wenn nicht ein 3 bis 4 Fuß hoher Wall dem anschlagenden Wasser wehrte. Die Stadt Tyrus, welche auch Zor und Tor, Fels, heißt, weil sie sehr fest war, und die von den alten Römern Sarra genannt wurde, ist in der biblischen Geschichte eben so berühmt wie in der allgemeinen Weltgeschichte. Sie lag ohngefähr 23 Meilen nördlich von Jerusalem und wird als eine der ältesten Städte der Erde genannt (Jes. 23, 7.). Nach einer Sage soll Alt-Tyrus von Tyras, dem siebenten Sohne Japhets gegründet worden seyn. Wahrscheinlich aber ist sie jüngeren Ursprunges als Sidon; denn nach einer andern Sage sollen einige Einwohner von Sidon, die zu Folge eines Streites ihre Vaterstadt verlassen hatten, Tyrus 240 Jahre vor Errichtung des Salomonischen Tempels erbaut haben, und daher soll diese Stadt eine Tochter Sidons genannt worden seyn. Schon zu Josuas Zeiten war sie eine feste Stadt (Jos. 19, 29.), welche dem Stamme Ässer zugetheilt wurde, der sie aber nie in Besitz nahm. Sie lag auf dem festen Lande, nicht weit von dem Meere und hatte zu Salo- mos Zeiten einen eignen König. Bald gewann sie einen so blühenden Zustand, daß sie Sidon weit übertraf. In ihr erreichte der Handel der alten Welt seine größte Höhe, so ^ daß Jesaias (23, 8.) ihre Kaufleute Fürsten und ihre Krämer die Herrlichsten im Lande nennt, und Ezechicl (27.) die glänzendste Beschreibung von ihrem Reichthums macht. Auch Reisen Jesu der dritten Periode rc. L4j blühten in ihr die Gewerbe und Künste, denn Salomo ließ von dort Zimmerleute und Stcinhauer kommen. Man fand in ihr prächtige marmorne Säulen, Pyramiden und viele schöne Gebäude. Auch stand ein Tempel des Melkarths oder des Lyrischen Herkules darin. Frühzeitig wurde aber auch schon Neu-Tyrus erbaut, auf einer nicht weit von M-Tyrus nördlich gelegenen Felsen- insel, und das erhob sich bald zu demselben Glänze, den die alte Stadt besaß. Als Salmanassar Samarien erobert hatte, bemächtigte er sich auch der Stadt Alt-Tyrus; Neu-Tyrus aber konnte er nicht in seine Gewalt bekommen. Ncbukadne- zac belagerte Tyrus 13 Jahre lang und machte es 680 Jahre vor Christus von sich abhängig. In diesen Kämpfen war Alt-Tyrus wahrscheinlich gänzlich zerstört worden, weil hinfort nicht mehr von ihm die Rede ist, und weil man auch jetzt keine Spur mehr davon findet. Als Alexander der Große Phönicien einnahm, und Tyrus sich ihm nicht unterwerfen wollte, so belagerte er dasselbe im Jahre 330 vor Christus» Er ließ die Meerenge zwischen der Jnselstadt und dem festen Lande mit den Trümmern von Alt-Tyrus ausfüllen, um die Insel mit dem festen Lande zu verbinden und der Stadt desto besser beikommen zu können. Allein er erreichte seine Absicht nicht ganz; denn die Einwohner von Tyrus zerstörten seine Arbeiten zunächst an der Stadt immer wieder, und Wind und Wellen waren ihm ebenfalls entgegen. Demohngeachtct eroberte er die Stadt nach siebenmonatlicher Belagerung durch Sturm, wobei 6000 streitbare Einwohner von Tyrus im Kämpfe sielen. Gegen 30000 Einwohner wurden als Sklaven fortgeführt, und die Stadt ward geplündert und auch theil- weis zerstört. Bald erholte sie sich jedoch wieder und blieb auch jetzt eine blühende Handelsstadt. Ihre Lage war aber auch sehr Vortheilhast; denn sie befand sich an einer schönen Meeresküste, fast mitten in der See und wurde durch Gebirge , gegen die rauhen Nordwinde geschützt. Sie hatte zwei große s Hafendämme, welche sie wie zwei Arme in das Meer ausstreckte, und die einen weiten Hafen bildeten, in welchen kein Sturm sich eindrängen konnte. Sie bestand aus großen und Uhr hohen Häusern, wie man sie damals nicht leicht in einer 16 242 Fünftes Buch. andern Stadt fand. Ihren Wohlstand verdankte sie vorzüglich dem Handel mit Tüchern, welche mit der in Phönicien erfundenen Purpurfarbe gefärbt waren. Unter den Makka- bäern und auch zu Jesu Zeiten war sie noch in voller Blüthe. Jesus betrat sie selbst wohl nicht, sondern kam wahrscheinlich nur an ihre Grenze. Das Christenthum wurde in ihr von Paulus gepredigt, der auf seiner Reise von Miletus nach Jerusalem sie besuchte und sieben Tage daselbst blieb, aber auch schon Christen vorfand (Apostelg. 21, 3. u. 4.). Später wurde sie der Sitz eines Erzbischofs. Auch in den Zeiten der Kreuzzüge war Tyrus noch wichtig durch seinen Handel, und lieferte vorzüglich Glas und Zucker. Im Jahre 636 fiel die Stadt in die Hände der Saracenen. Balduin I. wollte sie 1112 denselben entreißen, allein seine Bemühungen waren vergeblich. Erst unter Bal- duin II. wurde sie 1124 von den Christen eingenommen, welche über die Pracht, Festigkeit und den Reichthum der Stadt in das größte Erstaunen geriethen. Als Saladin 1198 Jerusalem erobert hatte, erschien er auch mit einer Flotte und Landarmee vor Tyrus. Er hatte viele christliche Gefangene I>ci sich, unter denen sich auch der Vater von Konrad von Mont- ferrat befand, durch welchen Saladin die Einnahme von Tyrus erzwingen wollte. Konrad von Montferrat führte nämlich den Oberbefehl in der Stadt, und daher ließ Saladin diesem ankündigen, wenn er ihm Tyrus nicht übergeben wollte, so sollte sein Vater hingerichtet werden. Allein der Graf Konrad von Montferrat ließ sich durch diese Drohung nicht einschüchtern; und als Saladin Gewalt brauchen wollte, war er ebenfalls nicht glücklicher und mußte die Belagerung aufgeben. Ohngefähr hundert Jahre später aber, nämlich 129h kam die Stadt wieder in die Gewalt der Mohamedaner. Dir Christen zogen mit Hab und Gut aus ihr fort; die Festungswerke wurden geschleift und von dieser Zeit an sank sie st herab, daß sie jetzt nur noch ein ziemlich unbedeutender Och eigentlich nur ein Dorf ist. Der Ort, der jetzt ihre Stelle einnimmt, wird Sur oder Sor genannt. Ein großer Theil der ehemaligen Stadt ist jetzt nur ein Steinhaufen, von Sand bedeckt, auf welchem Reisen Jesu der dritten Periode rc. 243 hie und da einiges Gesträuch steht. Von der ehemaligen Hauptkirche bemerkt man noch einige Trümmer, unter denen sich zwei schöne Säulen von Granit befinden. Der ehemals so treffliche Hafen ist jetzt ganz mit Sand angefüllt, so daß Kinder leicht ihn durchwaten können. Die Häuser, welche man jetzt dort findet, sind in Vergleich mit den ehemaligen Palästen nur armselige Hütten. Die Zahl der Einwohner soll gegen 2000 betragen, unter denen sich auch Christen befinden. Die Europäischen Handelsleute haben einen Agenten daselbst, der den Einkauf des Getreides besorgt, welches von dort ausgeführt wird. Wenn man von Sur morgenwärts geht, so trifft man in einiger Entfernung von dem Orte die Ruinen einer Kirche an, welche auf der Stelle erbaut worden seyn soll, wo Jesus stand, als ein Weib ihm zurief: „Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast (Luk. 11, 27.)," was aber ohnstreitig in einer ganz andern Gegend vorfiel. Ohngefähr 800 Schritte davon weiter nordwärts zeigt man ein Grabmal, das nach der Versicherung der dort befindlichen Christen dem Kirchenvater Origenes errichtet worden seyn soll, der 254 zu Tyrus starb. Nicht weit von Tyrus, in der Nähe des Meeres befindet sich eine Stelle, die man Skaudaron oder Skandalion, auch das Feld des Löwen nennt, auf welcher sonst ein Kastell gestanden hat, von dem man noch einige Ueber- reste bemerkt. Alexander der Große hatte es während der Belagerung von Tyrus erbauen lassen, um dadurch einen festen Anhaltepunkt zu bekommen, und nach ihm wurde es anfangs Alexandrion genannt, woraus man hierauf die obigen Namen bildete. Von Pompejus wurde das Kastell zerstört, von Balduinl. aber wiederaufgebaut, als dieser Tyrus belagerte; und seitdem blieb es in dem Besitze der Christen, so lange sie sich in Palästina hielten. Jetzt aber erblickt man nur Ruinen davon, die in einer angenehmen, von Quellen bewässerten Gegend liegen. 16 * 244 Fünftes Buch. XXXII. J>s»s geht in die Gegend von Sidon. iMa!t!i> 1g. 21-28. Mark. 7, 21 -W.> Als Jesus in die Gegend von Sidon wanderte, mußte sich die Nachricht seiner Ankunft in Syrophönicien verbreitet haben; denn eine Frau aus diesem Lande, welches noch von den Nachkommen der Kanaanitcr bewohnt wurde, weshalb jene Frau von den Evangelisten auch ein Kananäischcs Weib genannt wird, eilte zu ihm und bat ihn, sich ihrer Tochter zu erbarmen, die an einer schweren Krankheit litt. Jesus hörte anfangs nicht auf sie, entweder weil er sich nicht gern zu erkennen geben wollte, oder um ihr Vertrauen zu ihm zu prüfen. Die Frau aber ließ nicht ab, ihn anzuflehen und zwar auf das kläglichste. Daher wendeten sich seine Jünger mit der Bitte zu Jesu, doch den Wunsch der Frau zu erfüllen und sie von sich zu lassen, damit sie nicht mehr ihnen so nachschreien möchte. Hierauf erklärte er aber, wahrscheinlich um seine Jünger zu prüfen und ihre Meinung zu vernehmen, er als Messias habe vor Allen für die Juden zu sorgen, und könne also sich nicht um die Heiden bekümmern. Selbst dieser Ausspruch bewog das Weib nicht, sich zu entfernen; sondern sie bat nur noch flehentlicher um Hülfe. Hierauf entgegnen Jesus, ganz im Geiste der ächten Juden, die sich allein für Gottes Kinder hielten, die Heiden aber als Hunde betrachteten: „Es geziemt sich nicht, daß man den Kindern das Brod wegnimmt und es den Hunden gibt." Das that er ohne Zweifel zur Belehrung seiner Jünger, um diese von dem allgemeinen Vorurtheile der Juden, von welchen die Heiden ganz verworfen wurden, zu heilen. Darauf erwiederte die Frau, der es nicht an Geistesgegenwart fehlte: „Herr, das ist wohl wahr; aber die Hunde bekommen doch dasjenige, was von der Speise ihrer Herren übrig bleibt." Auf diese Antwort, die von großer Demuth und zugleich von starkem Vertrauen zu Jesu zeugte, versicherte ihr dieser die Genesung ihrer Tochter. Sie eilte nun freudig nach Hause und fand ihre Tochter ruhig auf dem Lager liegen und von ihrem Uebel befreit. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 245 Wenn Jesus aus der Nähe von Tyrus hinauf nach Si- don ging, so mußte er über einen Fluß setzen, den man früher fälschlich für den Eleutherus hielt, den Manche Leontes nennen, der aber von den Einwohnern der dortigen Gegend jetzt Leitane oder Lietani genannt wird. Er kommt aus einem wilden Gebirgsthals in dem nordöstlichen Theile des Libanon, vereinigt sich mit dem Flüßchen Kasmieh und schlangelt sich in verschiedenen Windungen durch blumige Wiesen, bis er endlich, ohngefähr 2 Stunden oberhalb der Stadt Tyrus in das Meer fällt. Auf dem Wege von Tyrus nach Sidon, ohngefähr 3 Stunden südlich von dieser Stadt, lag Sarcpta, von den Juden Zarpath (1. König. 17, 9.) genannt und bei Jo- . sephuö Sarephtha, eine Stadt, die sich nicht weit von dem Meere befand und deren Gebiet an das des Stammes Ässer grenzte. Sie war sehr alt, hatte einen bedeutenden Umfang und besaß auch einen Hafen. In ihrer Umgegend wurde ein trefflicher Wein gewonnen, dessen Güte im Alterthume allgemein gerühmt wird. In ihrer Nähe befanden sich Eisenbergwerke und berühmte Schmelzhütten, wovon sie auch ihren Namen haben soll. Jetzt findet man aber weder Weinstöcke noch Bergwerke in ihrer Umgegend. In der biblischen Geschichte ist sie merkwürdig, weil der Prophet Elias (1. König. 17, 9—24) sich wahrend einer Hungersnot!) daselbst aufhielt und einer armen Wittwe und deren Sohne nicht allein Unterhakt verschaffte, sondern auch den Sohn wieder in das Leben zurückrief. In der Geschichte der Kreuzzüge kommt sie unter dem Namen Atsareb vor. Im Jahre 1111 wurde sie von Tankrcd nach einer dreimonatlichen Belagerung erobert, und von demselben starker befestigt. Während es die Christen in Besitz hatten, war es eine Zeitlang der Sitz eines Bischofs; hernach aber kam es unter den Bischof von Sidon zu stehn. Die Meeresküste in jener Gegend besteht aus einer Reihe anmuthiger Hügel, die ziemlich fruchtbar sind. An dem nördlichen Abhänge dieser Höhen trifft man noch jetzt ein kleines Dorf an, das die Araber Sarphand nennen, und welches auf der Stelle des alten Sarepca sich befindet. Es besteht aus einigen Häusern, die zerstreut auf den Hügeln, eine halbe 246 Fünftes Buch. Stunde vom Meere entfernt liegen. Zwischen diesem Dorfe und dem Meere sieht man viele Ruinen, die Ueberreste des alten Sarepta. Darunter sind die Trümmer der ehemaligen Hauptkirche noch bemerkbar. Die Kapelle aber, welche auf der Stelle des Hauses der Wittwe, bei welcher Ellas sich aufhielt, erbaut wurde, ist von den Türken in eine Moschee verwandelt worden, die sie sehr in Ehren halten. Unter den Trümmern liegen auch zwei schöne Säulen von grauem Marmor, die eine bedeutende Größe haben. Ohngefähr zwei Stunden von Sarepta ostwärts zeigt man eine Kapelle, die auf der Stelle stehn soll, wo das Ka- nanäische Weib Jesum um Hülfe für ihre Tochter anflehte. Diese Frau soll nach der Meinung Einiger aus Kana, der Großen gewesen seyn; allein wahrscheinlich wurde sie, wie schon erwähnt ist, blos deshalb, weil sie eine Heidin war, eine Kananäerin genannt. Nach einer andern Sage soll die Frau nicht weit von dem Thore der Stadt Sidon zu Jesu gekommen seyn. Sidon, 5 Meilen nördlich von Tyrus, ist eine sehr alte Stadt, die in der heiligen Schrift oft genannt wird und bei den Juden Zidon hieß. Ihr Gründer soll der älteste Sohn Kanaans seyn (1. Mos. 10, 15.). In dem Buche Josua wird sie die Große (Fos. 11, 8.) genannt, welchen Beinamen sie sowohl wegen ihres Umfanges, als auch wegen ihrer Macht verdiente. Auch sie war dem Stamme Ässer zugetheilt, aber nie von ihm wirklich in Besitz genommen worden (Jos. 19, 28. Richt. 1, 31.). In den frühern Zeiten hatte Sidon seinen eignen König (Jcrem. 27, 3.), und Jsebel, die Gemahlin des Israelitischen Königs Achab, war die Tochter eines Königs jener Stadt (1. König. 16, 31.). Sidon lag in einer Ebene, welche von den Syrischen Gebirgen begrenzt wird und kaum 2 Stunden breit ist. In der frühern Zeit war sie die Hauptstadt Phöniciens, und daher werden die Phönicier zuweilen auch Sidonier genannt. Von ihr gingen jene Kolonien aus, die nachher selbst ansehnliche Staaten bildeten, wie dieses mit Karthago der Fall war. Als aber Ty« rus, ebensialls eine Kolonie von ihr, mächtig sich erhob, ver- Reisen Jesu der dritten Periode rc. 247 lor Sidon viel von seiner Größe und wurde endlich von dieser Stadt abhängig, bis Tyrus seine Macht verlor. Sidon wurde ebenfalls mehreremale erobert, und zwar leichter als Tyrus, weil es eine weniger feste Lage hatte. AIS der Assyrische König Salmanassar mit einem Heere in Phöni- cini, 720 Jahre vor Christus, einfiel, ergaben sich die Eidotter demselben. Nebukadnezar, der König von Babylon, bekam Sidon zugleich mit Tyrus in seine Gewalt. Cyrus, der das persische Reich gründete, nahm es den Aegyptern ab, die sich Sidons bemächtigt hatten. Die Persischen Könige gestatteten zwar den Sidoniern, ihren eignen König zu haben, allein sie mußten doch ihnen Hülfstruppen stellen, und mir Schissen ihnen dienen. Als aber ein allgemeiner Aufstand in Phönicien durch einen Perser, Namens Achas, erregt worden war, so rückte der König Artaxcrxes Ochus, um das Jahr 350 ver Christus, herbei und eroberte und zerstörte Sidon, das damals eine dreifache Mauer und tiefe Gräben hatte. Obgleich die Stadt bald darauf wieder hergestellt wurde, so war doch ihrk Blüthe gebrochen und ihre Selbstständigkeit ganz dahin. Alcrander der Große vertrieb den Persischen Statthalter Stra- ton daraus und machte einen armen Mann, Namens Abdolo- nimus, der zwar von königlicher Abkunft war, aber sich mit Gartncrarbeit ernährte, zum Könige von Sidon, unter dessen Regierung die Stadt wieder in einen blühenden Zustand gelangte. Nach Alexanders Tode kam sie unter die Herrschaft der Syrischen Könige; hernach bemächtigten sich die Aegypter ihrer, und im Jahre 66 vor Christus wurden die Römer ihre Oberherrn. Während der Kreuzzüge kam sie abwechselnd in die Hände der Christen und Saracenen. Im Jahre 1250 nahm sie Ludwig IX. oder der Heilige ein und ließ die verfallene Stadt wieder herstellen. Hierauf übergab er sie den Tempelherrn, die sie bis gegen 1291 behaupteten. Der König Ludwig IX. soll auch das Kastell erbaut haben, das noch jetzt auf einem Felsen im Meere liegt und den Eingang des Hafens von Sidon beschützt, dessen Mauern aber ziemlich verfallen sind. Die Sidonier verehrten eine der Venus und Juno ähnliche Göttin, Namens A starte. Uebrigens waren sie sehr 248 Fünftes Buch. erfindungsreich; denn sie sollen das Glas erfunden haben, dessen Verfertigung sie lange Zeit allein betrieben; auch sollm sie zuerst feine Leinwand gewebt haben. Außerdem wurden in Sidon künstliche Arbeiten aus Holz, Stein und Metallm verfertigt. Obgleich Sidon an Glanz und Berühmtheit von Tyrus übertreffen wurde, so hat es sich doch besser erhalten als dieses; denn Sidon ist auch jetzt noch eine Stadt von ansehili- cher Größe, wenn auch etwas kleiner als die alte war. Sie liegt auf einer Anhöhe, welche sich etwas in das Meer hinaus erstreckt, am Ende einer schönen Ebene, die von Bergen umschlossen ist. Von dem alten Sidon sind noch viele Ruinen vorhanden, die einen bedeutenden Raum einnehmen und unter denen man noch manche Ueberreste sieht, die von der eherne ligen Pracht der Stadt Zeugniß ablegen. So findet men z. B. noch Mosaikboden. Die jetzige Stadt wird Sei da, Saida und Seid genannt. Sie ist ziemlich hübsch gebeut und von der Landseite mit einer Mauer umgeben. Ihr Hasen ober ist leider versandet und verschüttet; denn der Drusenfiicst Fakhreddin zerstörte auch ihn, wie die meisten Häfen an der Phönicischen Küste. Das Kastell, welches am Eingänge des Hafens auf einem Felsen im Meere steht, ist mit der Stadt und dem festen Lande durch eine schöne Brücke verbunden. Die Umgegend gewährt einen reizenden Anblick; denn sie enthält sehr fruchtreiche Gärten und Felder mit Gewächsen aller Art. Pomeranzen, Citronen, Aprikosen und Feigen werden in Fülle da gewonnen. In der Stadt herrscht noch immer viel Verkehr; denn ein Theil des Handels der Drusen auf dem Libanon wird über Scida betrieben, und Leinwand, Seide, Kattun, Thierhaute, Sennesblätter, Rosinen, Baumöl und Soda werden dort ausgeführt. Die Stadt soll jetzt gegen 8000 Einwohner haben, die in Arabern, Türken, Maroniten, Armeniern, Juden, Griechen und Europäern besteh». Die Zahl der dort wohnenden Christen soll sich aus 1350 belaufen. Das Christenthum wurde in Sidon frühzeitig bekannt. Nach einer Sage soll Petrus das Evangelium dort verkündigt und vieke Einwohner der Stadt zum Christenthume bekehrt haben. Der Apostel Paulus wmde auf seiner Reise nach Zta- Reisen Jesu der dritten Periode rc. 249 lien freundlich daselbst aufgenommen (Apostelg. 27, 3.) und ^ von den dort befindlichen Christen gepflegt. Später hatte ein ^ Bischof seinen Wohnsitz in Sidon. Jetzt hat jede der christlichen Sekten eine Kapelle daselbst, auch gibt es mehrere Mönchs- : klöstcr dort; die Franziskaner aber hab,en das ihrige verlassen und es an die armenischen Christen vermiethet. Die Moha- medaner besitzen in Sidon 14 Moscheen. Auf der Morgenseite der Stadt befindet sich eine Mo- ^ schee in einem Garten, die früher eine christliche Kirche war und auf der Stelle stehn soll, wo das Kananäische Weib zu Jesu kam und seine Hülfe für ihre Tochter erflehte. Die Türken nennen sie Zalusa, die Christen aber La Cananaa. Nahe bei der Stadtmauer, in einem Garten an der Mittagsseite der Stadt steht eine kleine Moschee, die Nebi Sidon genannt wird und in welcher das Grab des Patriarchen Sebulon seyn soll, dessen Gebeine mit denen des Patriarchen Joseph und der übrigen Stammväter der Juden, wie man aus der Rede des Stephanus (Apostelg. 7, 16.) schließen will, aus Aegypten nach Palästina gebracht wurden, was aber nicht wahrscheinlich ist. Auf einem Berge, eine halbe Stunde von der Stadt, haben die Christen eine Art von Kapelle, die dem Propheten Elias geweiht ist und aus einem viereckigen Mauerstocke besteht, dessen Höhe nur 7 Fuß beträgt. In ihrer Mitte befindet sich ein Altar, aber sie hat nur den freien Himmel zur Decke. Diese Kapelle soll auf dem Orte stehn, wo Jesus, wie man sagt, ausruhte, als er in jene Gegend gekommen sey. In der Nähe von Sidon, in dem Gebiete, welches dem ^ Stamme Ässer zugetheilt wurde, befindet sich eine Höhle, welche im alten Testamente (Jos. 13, 4.) Mearah der Sidonier genannt wird. Während der Kreuzzüge wurde diese Höhle in ein Kastell verwandelt, das fast unüberwindlich war. Manche setzen eine Stadt desselben Namens in jene Gegend; da man aber keine Spur einer solchen daselbst findet, so hat wohl auch nie eine dort gelegen. Ohngefähr Z Meilen über Sidon nordwärts lag Be- eylus, eine sehr alte Stadt mit einem Hafen, die unter der Nahen-schaft der Römer von dem Kaiser AugustM zu Ehren 250 Fünftes Buch. seiner Tochter Felix Julia genannt wurde. Manche halten sie für das in der Bibel angeführte Bcrothai oder Be- rotha (2. Sam. 8, 8. Ezech. 47, 16.), allein ohne hinlänglichen Grund. In späterer Zeit wurde sie durch eine Art von hoher Schule berühmt, die sich dort gebildet hatte. Jetzt heißt sie Beiruth oder Baruth, und befindet sich in einem noch blühenderem Zustande als Seida. Sie liegt auf einer Landzunge, bei welcher sich der Nähr Beiruth, der vor Alters Magoras hieß, ein breiter und tiefer Fluß, in das Meer ergießt. Der Hafen dabei ist klein und ziemlich versandet. Die Stadt hat einen weiten Umfang, enthält ansehnliche Basars, hat aber enge Straßen und gegen 10000 Einwohner, die aus Maroniten, Griechen, Juden, Türken und Franken bestehn. Die Umgegend der Stadt ist eine der reizendsten und fruchtbarsten, und wird fleißig angebaut, weil die Drusen Beiruth besitzen, die weit thätiger als die Türken sind. Von der Landseite wird die Stadt von einem Berge, der Wein- und Maulbecrbaumpflanzungen und viele Landhäu- häuser trägt, verdeckt, so daß man sie nicht eher zu Gcsichie bekommt, als bis man auf dem Gipfel desselben steht. Die I Ebene, in welcher Beiruth liegt, ist ein großer Garten, voll ^ weißer Maulbeerbäume, zwischen denen hie und da kleine Pal- t menwälder sich befinden. Man gewinnt daselbst treffliche Seid! und Baumwolle, und hat auch guten Wein. Der Haridrl, der dort getrieben wird, ist sehr blühend und übertrifft a« Lebhaftigkeit jeden in den andern Städten an der Syrische« Küste. Hauptsächlich ist Beiruth der Mittelpunkt des Handels von Damaskus und Kesserwan nach Europa und umgekehrt, Die vorzüglichsten Handelsartikel, die aus- und eingeführt werden, sind Seide, Baumwolle, Wein, Reis, Tabak B Kaffee. Die christlichen Reisenden finden in dem Kapuciner- kloster daselbst eine gastfreie Aufnahme. Von der alten SB sind noch mehrere Ueberreste vorhanden; und aus der später« Zeit erblickt man einen schönen halbverfallenen Palast des Dr«-, senfürsten Fakhreddin daselbst. Einige Stunden von Beirnth zeigt man ein Paar Kapellen, von denen die eine da stehn soll, wo der ProplM Jonas von dem Fische, der ihn verschlungen hatte, a» dE ! Reisen Jesu der dritten Periode ro. 251 Land geworfen worden war, und die andere den Ort einnehmen soll, wo der heilige Georg den Drachen tödtete. Abermals 5 Meilen weiter nördlich lag die Stadt Byblos, welche von den Hebräern Gebul genannt wurde, und die Dschebile oder Dschobail, auch Dschibleh heißt. Sie war eine äußerst alte Stadt Phöniciens und durch die Verehrung des Adonis berühmt. Der Verordnung gemäß sollten die Jsraeliten das Land bis zu dieser Stadt in Besitz nehmen; allein sie dehnten ihre Eroberungen nie bis dahin aus. Die Stadt lag nicht weit von dem Meere, auf einer Anhöhe. Lhre Einwohner, die Giblim (1. König. 5, 18.) waren ^ als Bauleute berühmt (Ezech. 27, 9.). Jetzt liegt die Stadt zum Theil in Trümmern, unter denen sich die Ruinen der Hauptkirche auszeichnen. Sie hat gegen 6000 Einwohner, und ihr Umfang, wie ihn die alte Ringmauer bezeichnet, beträgt eine halbe Stunde. Den höchsten Punkt der Stadt . nimmt das Schloß ein, das von seltsamer Bauart ist. Die ^ christliche Kirche, welche in Dschebile steht, ist sehr geschmacklos und plump erbaut, die Umgegend ist angenehm und enthält viele Gärten. Eine Stunde unterhalb Dschebile ergießt sich der Nähr Ibrahim, der ehemalige Fluß Adonis in das Meer. Tripolis liegt 4 Meilen von Dschebile nordwärts. Der Name dieser Stadt bedeutet Dreistadt, und rührt da- L von her, daß Kolonien von den drei ansehnlichsten Städten L Phöniciens, Tyrus, Sidon und Aradus, neben einander, jede r «ine besondere, mit Mauern umgebene Stadt anlegten, die ^ alle drei zusammen ein Ganzes bildeten, das zu einem Versammlungsorte der Gesandten jener drei Staaten dienen sollte. Diese Bestimmung hörte in spätern Zelten auf und die drei »eben einander angelegten Städte schmolzen in eine einzige zusammen. Diese Stadt trieb einen ansehnlichen Handel und j hatte einen trefflichen Hafen, der durch zwei Inseln, die an seinem Eingänge liegen, gegen die meisten Stürme gesichert ,! >var. Im Jahre 162 vor Christus wurde Tripolis von De- ,^'metnus, dem Sohne des Seleukus, eingenommen (2. Mak- ,4 kab. 14 , i.). Während der Kreuzzüge eroberte sie der Körnig von Jerusalem Balduin I. im Jahre 1109, und machte 252 Fünftes Buch. sie zur Hauptstadt einer Grafschaft, welche Bertrand, cl» Sohn des Grafen Raimund von Toulouse bekam; allein 1289 wurde sie von dem Aegyptischen Sultane Malek-el-Mache gänzlich zerstört. Bald darauf erbaute man eine neue Stadt, die den Namen der zerstörten bekam, aber sich in einiger Entfernung von der alten befand. Die Lage der alten Stadt erkennt man noch jetzt an manchen Trümmern, die man i» den Garten, welche nach der See zu liegen, findet. Das^ - neue Tripolis wird von den Arabern Tarabolos genannt und hat eine Stunde im Umfange. Es liegt an dem 'Abhänge ' der Hügel, die es auf der Landseite umschließen, 1^-Stunden > vom Meere entfernt. Mitten durch die Stadt fließt der seichte i und reißende Nähr Kadischa oder der heilige Fluß, an i dessen südlichem Ufer, da wo er die Stadt zuerst berührt, ein i Kastell liegt, das während der Kreuzzüge erbaut wurde und i ! in neuerer Zeit wieder hergestellt worden ist. Die Stadt iß ! eine der reinlichsten Städte Syriens und im Ganzen gut gebaut; sie hat zierliche aus Steinen errichtete Häuser und viele > Gärten, die viel zu ihrer Verschönerung beitragen. Die Zahl - ihrer Einwohner, die meistens Maroniten sind, belauft sich ^ auf 8000. Die Griechen haben hier einen Bischof. I» der I Stadt hat ein Pascha seinen Sitz. Der Hafen von Tripolis l ist anderthalb Stunden von der Stadt entfernt, und bildet ^ selbst eine kleine Stadt, die El-Mina heißt. Der Zwischen- ^ räum, der eine dreieckige Ebene bildet, ist mit Gärten bedeckt. ^ Von dem Hafen aus bis zur Mündung des Kadischa steh» ^ am Mceresstrande, zur Vertheidigung des Hafens, in Zm-' > schenräumen von je 10 Minuten 6 einzelne viereckige Thürme. > Der Handel besteht hauptsächlich in Seide, die dort gebaut i wird, in Schwämmen, die an der Meeresküste gesammelt wer- ^ den, und in Seife, Galläpfeln, Wachs und Krapp. Leider ^ ist die schöne Gegend, wegen der starken Bewässerung, nicht ^ frei von nachtheiligem Einflüsse auf die Gesundheit. > ^ Ueber Trivolis befand sich die Stadt Orthosias odech Orthosia, eine kleinere Seestadt an der Mündung desFlusii ses Eleutherus. Nach Einigen soll sie südlich, nach Andern,. nördlich von der Mündung des Eleutherus gelegen haben-R' Für das Letztere scheinen die Ueberreste einer Stadt auf den>> ' Reisen Jesu der dritten Periode rc. 253 nördlichen Ufer des Flusses, in einer Gegend, die noch jetzt Orthosa heißt, zu sprechen. Nach Orthosia zog sich Try- Hon zurück, nachdem er von Antiochus Sidctes geschlagen worden war (1. Makk. 15, 37.). Der Eleutherus, jetzt Nahr-el-Kebir, d. i. der große Fluß, entspringt auf dem oberen Libanon und fließt in verschiedenen Krümmungen mit reißender Schnelle von dem Ge» biege herab. Er ist in der Nahe seiner Mündung 60 Schritte breit, auch sehr tief; aber im Sommer hat er nur wenig Wasser. Im Frühjahre dagegen schwillt er bedeutend an und ist dann so reißend, daß Karavanen oft lange Zeit an seinem > llfer liegen bleiben müssen, ehe sie übersetzen können. Bis zu diesem Flusse begleitete der Makkabäer Jonathas den Ägyptischen König Philometor (1. Makk. 11, 7.); und bis dahin »erfolgte er den Feldherrn des Königs Demctrius von Syrien sl. Makk. 12, 30.). An der nördlichen Grenze Phöniciens lag die Stadt An- taradus, die jetzt Tortosa heißt, und die einen kleinen s Hafen hatte, der auch jetzt noch vorhanden ist. In dieser Stadt soll Petrus das Evangelium verkündigt haben. Man fand sonst die Ueberreste einer alten Kirche daselbst, die der Maria geweiht war, und die, nach einer offenbar falschen Sage, durch den Apostel Petrus erbaut worden seyn sollte. Cie bestand aus zwei gewölbten Stockwerken und hatte 30 Schritte im Quadrat. Von den Kreuzfahrern war nahe dabei eine schöne Kirche erbaut worden, die jetzt aber ebenfalls ,i» Trümmern liegt, auf denen die Heerden weiden. Da der ^aijer Konstantin der Große die Stadt aus ihrem Verfalle j» erheben suchte, so wurde sie eine kurze Zeit lang nach sei- mi Namen Konstantia genannt, und damals war sie der s,Eih eines Bischofs. i Der Stadt Antaradus etwas südwestlich gegenüber lag auf einer Insel im Meere, die ohngefähr 2 Stunden vom festen Lande entfernt war, Aradus, eine Stadt, welche fast ^ ganze Insel einnahm und die bei den Hebräern Arvad hfeß (1. Mos. 10, 18.). Sie hatte sehr hohe Häuser, weil 1 ,bie Einwohnerzahl groß war, und man den Umfang der Stadt erweitern konnte. Da die Insel kein trinkbares Wasser 254 Fünftes Buch. enthielt, so mußte man sich mit Cisternenwasser behelfen, odkr dasselbe von dem festen Lande herbeiholen. Später entdeckt! man nicht weit von der Stadt im Meere eine Quelle süße» Wassers, das man durch eine bleierne Glocke und eine daran befestigte Röhre sich zu verschaffen suchte. Ihren Ursprung soll die Stadt einigen vertriebenen Einwohnern von Sidon zn verdanken haben; sie gelangte aber bald zu einem solchen Ansehen, daß sie als die dritte Hauptstadt Phöniciens galt. Sie hatte, wie die übrigen ansehnlichen Städte Phöniciens ihm eigenen König und besaß auch auf dem festen Lande einen Strich mit mehreren Städten, die ihrer Oberherrschaft unter, morsen waren. Diese Herrschaft besaß sie bis zu der Zeit,; wo die Römer jene Gegenden ihrer Macht unterwarfen. Uebri- gens lieferte sie für die Schiffe der Phönicier Soldaten und Ruderer; insbesondere scheinen Aradier im Solde der Lyra gestanden zu haben (Ezech. 27, 8. u. 11.). Sonst soll dir Stadt, vom festen Lande aus gesehn, einen sehr schönen Anblick gewährt haben; jetzt aber sieht man nichts als eine wußt und öde Insel und von den ehemaligen hohen Häusern sind kaum noch einige unbedeutende Mauerstücke übrig. Heutig Tages heißt die Insel Ruad oder Rowada. In der Nähe von Syrophönicicn, an der Grenze des Stammes Ässer lag wahrscheinlich eine Stadt Cabul M 19, 27.), nach welcher ein ganzer Landstrich benannt wurdk, der 20 Städte enthielt und sich bis hinab in die Nähe m Ptolemais erstreckte; der aber nicht viel werth gewesen sky>p muß, weil der König Hiram, als er ihn von dem Köchi Salomo zum Geschenke bekam, keinen Wohlgefallen d»j hatte (1. König. 9, 11—13.). Josephus spricht auch einer Stadt Chabolo in der Nähe von Ptolemais, wW wahrscheinlich eine und dieselbe mit Cabul war. Jetzt D! man keine Spur mehr davon. Das Hauptgebirge, welches Syrophönicien auf der W-i genscite begrenzt und zugleich an der nördlichen Grenze von Galiläa und von ganz Palästina sich erhebt, ist der Lil"' non oder Libanus, der in der heiligen Schrift sehr gerüP! wird. Man erblickt den Libanon schon aus weiter Ferne, er die übrigen Berge Syriens und des gelobten Landes i Reisen Jesu der dritten Periode rc. 255 ! an Höhe übertrifft. Seinen Namen hat er von seiner weißen Farbe, die er nicht allein durch den Schnee bekommt, der seinen Gipfel bedeckt, sondern auch überhaupt an sich trägt, weil er aus Kalkstein besteht. Obschon er unter dem 35. Grade der nördlichen Breite, also in einem warmen Klima liegt, so macht doch seine Höhe, daß der Schnee auf seinem Gipfel nicht schmilzt. In den Thälern aber ist oft eine fast unerträgliche Hitze. Der Umfang dieses Gebirges soll gegen 100 Stunden betragen. Gegen Morgen erstreckt es sich nach Mesopotamien, gegen Mittag läuft es nach dem gelobten Lande, gegen Abend tritt es an das mittelländische Meer, und gegen Mitternacht geht es nach Armenien. Es besteht eigentlich aus zwei Gebirgsketten, die parallel neben einander von Norden nach Süden laufen und auf der Mittagsseite sich beinahe vereinigen. Die westliche Gebirgskette, welche an Phönicier, hinläuft und das mittelländische Meer fast berührt, ist der eigentliche -Libanon; die westliche aber, welche nach Arabien zu sich erstreckt und das Gebiet von Damaskus umschließt, heißt der Antilibanon oder der dem eigentlichen entgegenstehende Libanon. Da wo beide gegen Mittag an einander grenzen, sind sie nur durch einen engen Paß getrennt, welcher der Paß von Emath hieß, weil er nach der Stadt dieses Namens führte. Auf der Mitternachtsseite aber gehen die beiden Gebirgsketten weiter aus einander; jedoch ist das Thal, das zwischen ihnen liegt, in seiner größten Weite nur zwei Stunden breit. Dieses Thal ist sehr angenehm und fruchtbar, weil es von mehreren Bächen und Flüssen bewässert wird, die von dem Gebirge herab kommen. Man nennt es Cölesyrien oder Hohlsyrien, weil es ziemlich tief und beinahe auf allen Seiten von Bergen eingeschlossen ist. - Die Stadt Emath, auch Hemath und Chamat - Mannt, lag am Flusse Orontes und war dem Stamme Naph- ^ thali zugetheilt worden (Jos. 19, 35.); allein die Kanaani- 'i tec blieben in ihrem Besitze und hatten daselbst eigene Könige s bis auf David (2. Sam. 8, 8. 1. Chron. 19 (18), 9.). t :-Erst Salomo scheint sie unter seine Herrschaft gebracht zu '.Hhabe»; denn er befestigte sie (2. Chron. 8, 3.). Ihren Na- 256 Fünftes Buch. wen bekam sie, wie man sagt, von Hemath, einem Sohn- Kanaans, der als ihr Erbauer genannt wird. Später geriet!) sie unter die Herrschaft der Assyrer, die aus ihr eine Kolonie nach Samaricn schickten, um die in die Gefangenschaft abgeführten Zsraeliten zu ersetzen. Zur Zeit des Propheten Amos (Amos 6, 2.) war sie eine ansehnliche Stadt. Später bekam sie den Namen Epiphania von dem Syrischen Könige An- tiochus Epiphanes, der sie wahrscheinlich wieder erobert hatte. Nach der Stadt Hemath scheint auch die ganze umliegende Gegend benannt worden zu seyn (2. Chron. 8, 4.). In dem Mittelalter gewann die Stadt Hemath eine besondere Wichtigkeit, weil sie der Sitz einer arabischen Hcrrscherfamilie wurde. Sie hat ihren Namen bis jetzt erhalten und ist noch die wichtigste Stadt unter den umliegenden Ortschaften, weil sie der Mittelpunkt des Handels ist, den die Araber der benachbarten Wüste treiben. Man soll noch Wasserleitungen bei ihr antreffen, die ansehnlich sind und aus einer frühern Zeit her- stammcn. Das Gebirge Libanon erhebt sich in vier verschiedenen Abstufungen. Der unterste Theil ist mit Maulbeerbaumpslan- zungen und Weingarten bedeckt; auch findet man Pomeranzen-, Oel- und Granatäpfelbäume daselbst und trifft fruchtbare Getreidefelder da an. Der folgende höhere Theil besteht größtentheils aus nackten und zackigen Felsen und unangebau- ten Strecken, die von Schluchten durchschnitten sind, in dem Bäche herabstürzen. Die dritte Stufe ist mit Blumen und Kräutern bekleidet, und immergrüne Bäume und Sträucher gewähren da einen angenehmen Schatten, auch fehlt es nicht an anmuthigcn Bäche» und Quellen, welche an den Abhänge» herabrieseln. Hier herrscht ein immerwährender Frühling. Die höchsten Höhen endlich sind, wie schon oben erwähnt wurde, immerwährend mit Schnee bedeckt (Jercm. 18, 14.), und können wegen der dort herrschenden Kälte nicht bewohnt werden. An dem Rande dieser vierten Abstufung finden sich die Cedern, zwischen denen im Winter ebenfalls hoher Schnee liegt, der jedoch im Sommer wegthaut. Wegen dieser verschiedenen Beschaffenheit des Libanon sagen die arabischen Dichter von ihm, der Winter ruhe auf seinem Haupte, der Früh- Reisen Jesu der dritten Periode rc. 257 ling auf seinen Schultern und der Sommer zu seinen Füßen- - Im Allgemeinen ist das Gebirge nicht sehr steil, daher kann ^ man es weit leichter ersteigen als die Alpen in der Schweiz. Von seinen verschiedenen Höhen hat man die herrlichsten Aussichten; deshalb legte der König Salomo auch mehrere Lusthäuser auf dem Libanon an (1. König. 9, 19.). Von dem Gebirge Libanon kommen eine Menge Bache s und Flüsse herab, von denen aber keiner sehr beträchtlich wird; sdeim diejenigen, welche auf der Abendseite desselben hcrab- ' fließen, enden bald ihren Lauf im Meere; und diejenigen die sich nach den innern Theilen des Landes wenden, verlieren sich in den sandigen Steppen. Die vorzüglichsten dieser Flüsse i süid der Chrysorrhoas, der die Ebene von Damaskus i bewässert und fruchtbar macht, und der Orontes, der seinen Laus, erst nördlich nimmt, und alsdann gegen Westen nach dem Meere zu sich wendet. In dem Alterthume war der Libanon vorzüglich durch seine Ccdern berühmt, weil diese Bäume auf ihm eine ausgezeichnete Höhe und Stärke erreichten. Aus ihnen erbauten die Könige David und Salomo, auch Nebukadnezar ihre Paläste; sie waren zu den Prachtgebauden in Persepolis und Ninive verwendet worden; der erste und zweite Tempel zu Jerusalem waren aus ihnen errichtet, desgleichen wurden der Tempel der Diana zu Ephesus, und die Schiffe der Phönicier aus Cedern des Libanons gebaut. Von den großen und schattigen Cedernwaldungen aber, die ehemals die Zierde und den Ruhm jenes Gebirges ausmachten, trifft man heutiges Tages nur wenige Ueberreste noch an. Derjenige Cedernhain, welcher gewöhnlich von den Reisenden besucht wird, befindet sich 5 Viertelstunden von dem Dorfe Bschirrai an dem westlichen Abhänge des eigentlichen Libanon. Burckhardt fand >>n Jahre 1810 ohngefähr 12 Cedern von außerordentlicher Größe, 24 sehr große, 60 mittlere und über 300 kleine. Die ältesten sind so dick, daß sechs Personen eine kaum um- klaftern können und der Stamm 24 bis 36 Fuß im Um- sange hat. Die Krone der alten Bäume bildet eine Art von schirm; die jüngern Cedern aber erheben sich pyramidenförmig und haben einige Ähnlichkeit mit den Cypressen. Die 17 258 Fünftes Buch. Nadeln, denn die Ceder gehört zu den Nadelholzbäumen, gleichen denen des Wachholderstrauches und stehen Büschcl- weis, indem mehr als zwanzig aus einer Scheide hervorkommen. Sie sind das ganze Jahr hindurch grün. Die Frucht ist dem Tannenzapfen ähnlich; nur hat sie eine dunklerbramn Farbe, und ihre Schuppen sind enger an einander geschlossen. Sie ist eirund, fünf Zoll lang, sitzt an dem Ende der Zweige und richtet die Spitze nach oben. Das Holz des Baumes ist rothstreifigt, hart und spröde, es soll dem Wurmfraß und der Fäulniß weniger unterworfen seyn, als andere Holzarten, und hat einen lieblichen Wohlgeruch. Auch das Harz, das aus den Zapfen und dem Stamme herausfließt, ist wohlriechend und wird daher sehr geschätzt, ja sogar als Arznei gebraucht. Die Cedcrn des Libanons waren es hauptsächlich, welche die Aegyptischen Könige, die Ptolemäer, veranlaßten, nach dem Besitze von Syrien zu streben. Die Cedern findet man nur auf dem eigentlichen Libanon; der Antilibanon hak Fichten und Tannenwälder. Außerdem findet man auf dem Libanon überhaupt auch Cypressen, Wachholbercedern, Eichen, ^ Pinien und andere Bäume und Pflanzen. Ein anderes vorzügliches Erzeugniß des Libanons ist der Wein, der schon zu den Zeiten des Propheten Hoseas in großem Ruhme stand (Hos. 14, 8.). Die Weinreben werde» nicht an Pfählen in die Höhe gezogen, sondern man läßt sä auf der Erde hinkriechen. Sie -habe» sehr große Trauben und große Beere. Der Wein ist süß, hochgelb und von belebendem und lieblich erwärmendem Feuer. Das Gebirge Libanon ist sehr bevölkert; denn man zählt auf ihm 62 und in der nächsten Umgebung 400 Dörfer, welche von Armeniern, Griechen, Juden, Maroniten und Druse» bewohnt sind. Die Dörfer bestchn meistens nur aus elenden Hütten und Höhlen. Die Maroniten sind sehr zahlreichst denn man will auf dem Libanon und in der Umgegend M 100000 zählen, und sie sollen ein bewaffnetes Heer von 800l> Mann stellen können. Es sind Christen, die zwar im Iah" 1450 unter dem Papste Kalixtus III. sich mit der Römischen Kirche vereinigten, aber in so manchen Gebräuchen doch von dieser abweichen, auch lesen sie die Messe in syrisch" Reisen Jesu der dritten Periode rc. 229 Sprache. Sie haben einen Patriarchen, der sich Patriarch von Antiochicn nennt. Er ist unumschränkter Richter der Maroniten und legt nur von Zeit zu Zeit dem Papste Rechenschaft ab. Seinen Wohnsitz hat er in dem Kloster Canu- bin, das in einer rauhen Schlucht unter dem Cedernwalde liegt und eine Kirche zur Verkündigung der Jungfrau Maria hat. Der Patriarch hat acht Bischöfe unter sich und viele Geistliche, die verehelicht seyn können. Sie dürfen aber nicht im Pricsterstande erst heirathen, sondern die Verehelichung kann mir zuvor bei ihnen statt finden; und stirbt ihnen die Frau, so ist ihnen nicht gestattet, eine andere zu nehmen. Die Maroniten leben von Feld-, Wein-, und Seidenbau, sie treiben Viehzucht und haben Eisen- und Kupferbergwerke. Sie nähren sich nur durch den Fleiß ihrer Hände und sind sehr fromm. Ihre Kleidung besteht in einem langen Kittel von Ziegenhaaren; um den Kopf haben sie ein langes weißes Tuch in Form eines Turbans gewunden, oder sie tragen eine spitzige Mütze auf dem Haupte. Ihre Lebensweise ist ziemlich roh; sie sind aber mit ihrer Lage sehr zufrieden. Klöster sind auf dem Libanon in großer Menge vorhanden. Fast an jedem Felsen sieht man eins derselben, oder doch Ruinen eines verfallenen hängen. Selbst in den tiefsten Schluchten stecken Klöster verborgen. Meistens haben sie die Maroniten inne. Die Franziskaner haben ein Kloster Namens Karissa an der Straße nach Saida. Eine besondere Völkerschaft am Libanon bilden die Drusen, die ihre Herkunft, aber ohne gehörigen Grund, von Christen herleiten wollen, welche in der Zeit der Kreuzzüge im Gebirge Libanon ihre Zuflucht gesucht haben sollen. Ihrer Religion nach scheinen sie wenigstens keine eigentlichen Christen zu seyn; denn dieselbe ist ein Gemisch von christlichen, mohamedanischen, samaritanischen und sadducäischen Glaubenslehren und Grundsätzen. Sie haben keine Priester und Kirchen, sondern sie besuchen die Moscheen der Mohamcdaner und die Kirchen der Christen. Ihre Gcbetsformeln sind blos folgende Ausrufungen: „Gott ist groß. Gott sey gelobt! s Gott behüte uns." Sie sind kriegerisch und roh, aber fleißig nd bieder, und man kann ihnen mehr trauen als den Ara- 17 * 260 Fünftes Buch. bcrn und Mauren; auch leben sie sehr einträchtig unter einander. Ihre Anzahl auf dem Libanon und in dessen Umgegend soll sich auf 120000 belaufen. Sie suchten fortwährend die Obermacht der Türken zu schwächen und traten vorzüglich mächtig unter ihrem Fürsten Fakhreddin zu Anfange des 17. Jahrhunderts auf. Dieser hatte die Drusen zu guten Kriegern gebildet und wollte sich zum Herrn von -Palä- I stina machen. Er rückte in Galiläa vor, nahm Phömcicn ! weg und eroberte die Städte Beiruth und Saida und mch- I rere andere Orte. Er regierte auch über die unterworfenen Völker mit Weisheit, und gewährte den Christen seinen Schutz; allein er fiel endlich in die Gewalt des grausamen Sultans Amurad, und dieser ließ ihn 1631 in Konstantinopel erdrosseln. Seitdem haben die Drusen nie wieder die frühere Macht errungen; doch leben sie gegen Erlegung eines Tributs an die Türken ziemlich selbstständig. Sie werden von einem Großemir regiert, der in Gamar wohnt und mehrere Emire unter sich hat. Sie sollen auch jetzt noch nöthigcnfalls 20000 ! Mann in das Feld stellen können. In ihrer Lebensweise und Tracht gleichen sie den Maroniten und zeichnen sich von diesen nur durch ein schwarzes, oder rothes Tuch aus, das sie um den Kopf gewunden tragen. In den unbewohnten Gegenden des Libanon und in den öden Schluchten desselben Hausen viele wilde Thiere, als Bäre, Wölfe, Schakale, wilde Schweine, auch Panther und andere, welche das Gebirge schon in den frühsten Zeiten bewohnt haben müssen, da von ihnen in der heiligen Schrift die Rede ist (Hohes Lied 4, 8.). XXXIII. Jesus kehrt aus Sprophönicien an den See Gcnesarcth zurück. !Matt». 15. W- 2 S. Mark. 7, 31-37. 3. 1-U.I Als Jesus sahe, daß er an der Grenze von Syrophö- m'cien die gesuchte Verborgenheit nicht fand, sondern auch hier erkannt worden war, so begab er sich vielleicht auf einem Umwege, den er ziemlich nördlich durch Palästina wachs', um sich weniger den Verfolgungen der Pharisäer auszusetzen, Reisen Jesu der dritten Periode .>c. 261 7 5 . an den See Genesareth zurück. Hier durchwandelle er jetzt vorzüglich die Gegend der zehn Städte und begab sich alsdann . wahrscheinlich nach Kapernaum. » Die Gegend der zehn Städte, oder mit einem griechischen Namen, die Landschaft Dekapolis umfaßte zehn verschiedene Städte, die wenigstens größtenteils, wenn nicht s alte an der östlichen Seite des Sees Genesareth lagen. Sie machten aber nicht ein geschlossenes Ganze aus, sondern sie lagen zerstreut in verschiedenen Landschaften umher und jede hatte ihr eignes Gebiet. Sie genossen besondere Vorrechte, welche die Römer ihnen einräumten, unter deren unmittelbarer Herrschaft sie standen. Ihre Einwohner waren meistentheils Griechen und Syrer. Juden befanden sich wenige in ihnen. Schon die Alten sind nicht recht darüber einstimmig, welche Städte zu Dekapolis gehörten; doch scheinen folgende sechs vorzüglich zu den zehn Städten gezählt worden zu seyn: Gadara, Gcrasa, Hippos, Pella, Philadelphia und Scythopolis. Drei von diesen haben wir schon früher naher kennen gelernt, und zwei davon werden später noch beschrieben werden. Hier soll daher nur von Hippos die Rede seyn. Hippos war eine alte Stadt in dem östlichen Gebiete des Stammes Manasse, an der Morgenseite des Sees Gcnc- sareth, nicht weit von der Stadt Magcdan. Sie lag ziemlich gerade der Stadt Tiberias gegenüber; man weiß aber nichts weiter von ihrer Beschaffenheit; denn sie wurde gänzlich zerstört, und man findet jetzt nur wenige Ueberreste von ihr, unter denen einige Arabische Familien wohnen. Nicht gar weit von Hippos lag Gamala, die Manche ebenfalls als eine der zehn Städte nennen. Sie befand sich nicht fern von dem östlichen Ufer des Sees Genesareth »nd zwar auf einem Berge, welcher die Gestalt eines liegenden Kameels hatte, wovon die Stadt Gamala hieß. Ihre Lage schon machte sie ziemlich fest; denn von drei Seiten war sie von tiefen Thälern umgeben, und auf der Morgenscite schob sich dicht an ihr ein hoher steiler Fels, der sie gegen jeden Angriff von dieser Seite sicher stellte und anstatt einer festen Mauer diente. Keine Straße in ihr war eben, weil 262 Fünftes Buch. die Häuser an dem Abhänge des Berges standen. Dieser Abhang war vorzüglich auf der Mittagsseite desselben sehr jäh, so daß man bei dem Anblick der daran liegenden Häuser fürchtete, diese möchten herabstürzen. Den Römern kostete es in dem letzten Kriege gegen die Juden große Anstrengung und viel Mühe, um Gamala in ihre Gewalt zu bringen; denn Josephus, der Geschichtschreiber, der in jenem Kriege ein Anführer der Juden war, hatte noch viel zur Befestigung der Stadt thun lassen und vertheidigte sie selbst mit der größten Tapferkeit, so daß Vespasianuö, der sie erstürmen wollte, mit großem Verluste zurückgeschlagen wurde. Erst später nahm sie Titus mit Sturm ein, wobei 9000 Juden umkamen und die Stadt größthentheils zerstört wurde. Der Ort, welcher jetzt ihre Stelle einnimmt, heißt El-Hosn. Als Jesus am See Genesareth angekommen war, wurde auch sogleich seine Hülfe wieder in Anspruch genommen. Ma» brachte nämlich einen Menschen zu ihm, der taub war und daher auch nicht viel zu reden vermochte, und bat den göttlichen Menschenfreund, den Gebrechlichen von seinem Uebel zu befreien. Jesus erfüllte die Bitte, gab dem Taubstumme,, es zu verstehen, daß er ihm helfen wollte, und vollbrachte unter Gebet zu seinem himmlischen Vater die Heilung. Gern hätte Jesus es gesehn, wenn seine That verschwiegen geblieben wäre; allein obgleich er seinen Wunsch zu erkennen gab, so rühmte man doch überall das, was er abermals vollbracht hatte. Hierauf begab sich Jesus auf einen Berg, um daselbst i zu ruhen. Kaum war aber der Ort seines Aufenthaltes bc- ! kannt geworden, so sammelte sich eine große Menge Volks ^ um ihn, und man brachte Kranke und Gebrechliche herbei, die man vor ihm niederlegte, damit er sich ihrer erbarmen und ihnen helfen sollte. Jesus unterließ auch nicht, sich ihrer anzunehmen und sie zu heilen, wodurch er von neuem allgemeine Verwunderung erregte. Drei Tage gingen auf diese Weise hin. Während dieser Zeit hatte das Volk die mitgebrachten Nahrungsmittel aufgezehrt; Jesus befand sich aber mit denen, die um ihn versammelt waren, in einer eiu- ! samen Gegend, in deren nächster Umgebung man keine Le- Reisen Jesu der dritten Periode er. 26,4 bensmittel bekommen konnte. Daher entschloß sich der edle Menschenfreund aus Mitleid mit dem Volke, das bei ihm verweilte, abermals für dessen Sättigung zu sorgen, wie er dieses schon einmal früher gethan hatte. Auch jetzt sprachen die Jünger ihre Bedenklichkeit dabei aus, weil nur sieben Brode und einige Fische vorhanden waren; allein Jesus ließ die Menschen sich lagern und reichte ihnen das, was er darreichen konnte. Und was früher geschehn war, geschahe auch jetzt. Alle wurden gesättigt, obgleich 4000 Menschen anwesend waren, und es blieben sogar noch so viele Brocken übrig, daß sieben Körbe damit angefüllt werden konnten. Der Ort, wo diese Speisung geschah, wird in den Evangelien nicht genau bestimmt; wahrscheinlich aber befand er sich auf der östlichen Seite am See Genesareth, vielleicht eben daselbst, wo die erste Speisung vorgefallen war. Eine Sage dagegen will ihn auf die westliche Seite am See Ge- »csareth versetzen, in ein Thal, das sich zwischen Bethsaida in Galiläa und Tiberias, jedoch der letzter» Stadt näher als der erstem, von Süd- nach Nordwest erstreckt. Ein Berg, der sich dort befindet, und auf welchem Jesus damals verweilt haben soll, wird von den Christen noch der Tisch der Vervielfältigung des Brodes genannt. Dieser Berg ist weniger hoch, als die umliegenden Berge, und von ihm aus konnten Jesus und die Apostel das Volk recht gut übersetzn, wenn dieses sich in dem dabei befindlichen Thäte gelagert hatte. Auch jetzt noch ist, nach dem Berichte der Reisenden, jenes Thal grasreich. In jener Gegend lag auch die Bcrgfestung Jotapa oder Jotapa ta, eine Stadt in Galiläa, nicht weit von dem westlichen Ufer des Sees Genesareth, die von Manchen auch mit zu den zehn Städten gerechnet wird, wie wohl ohne hinlänglichen Grund. Sie stand auf einem steilen Felsen, der auf drei Seiten von so tiefen Schluchten umgeben war, daß man nicht ohne Schwindel und Grausen in sie hinab zu blicken vermochte. Auf der Mitternachtsseite allein war er zugänglich, und hier hatte man starke Befestigungswerke errichtet, so daß die Stadt nicht leicht eingenommen werden konnte. Sie wurde auch durch ihren langen und hel- 264 Fünftes Buch. demüthigen Widerstand, den sie den Römern in dem letzter Kriege gegen dieselben leistete, berühmt. Als nämlich Vcs- pasicirius im Jahre 62 nach Christus mit einem ansehnlichen Heere nach Galiläa kam, warf sich Josephus mit den streitbaren Juden, die er anführte, in die Bergfeste Jotapata und leistete den wiederhohlten Angriffen des Römischen Feldherrn lange tapfern Widerstand, wobei die Römer viel litten. End- » lieh aber bemeistertcn sich diese, jedoch nur durch den Verrath I eines Juden, der Festung und machten alle Menschen, die sie II in derselben fanden und in ihre Hände bekamen, nieder, um ^ für den bei der langwierigen Belagerung erlittenen Verlust Rache zu nehmen. Während der Belagerung und bei der Einnahme der Festung Jotapata sollen 40000 Juden um- gekommen und 1200 gefangen worden seyn. Josephus hatte sich mit 40 seiner Streiter in eine Cisterne versteckt, und diese faßten den Entschluß, einander lieber selbst zu todten, als sich den Römern zu ergeben. Man ließ das Loos entscheiden über die Reihenfolge, in welcher sie sich ermorden wollten und so geschah es, daß Josephus nebst einem seiner Leute zuletzt allein noch übrig blieb. Diese beide entschlossen ! sich, sich den Römern zu übergeben, und da Josephus dem f Feldherrn Vespasianus vorhersagte, daß derselbe den Kaiser- « thron zu Rom besteigen würde, so wurde ihm das Leben geschenkt. s In der Nähe von Jotapa lag damals auch ein bcfc- > stigtes Städtchen, welches Josephus Japha nennt; das aber eben so wie Jotapa gänzlich zerstört wurde. XXX lV. Jesus begibt sich nach Dalmanutha. (Mattt). 1S, 39. u. 16, 1—4. Mark. 8, 10 — 12.) Nachdem Jesus das Volk gesättigt und entlassen hatte, entfernte er sich aus jener Gegend, wahrscheinlich um a»ch jetzt der Menge sich zu entziehen, damit sie ihn nicht etwim als König ausriefe. Er bestieg ein Fischerboot, schW mit seinen Jüngern auf dem See Genesareth nach dessen si>^ lichcm Ufer hinab und begab sich alsdann in die Gegend vo» Reisen Jesu der dritten Periode rc. 265 Dalmanutha und Magedan, die in dem Lande jenseit des Sees Genesareth lag. Die genannten beiden Orte gehörten in das östliche Gebiet des Stammes Manasse, das einen bedeutenden Umfang hatte, da es das ganze ehemalige Königreich Basan in-sich schloß (5. Moses 3.), und zu Jesu Zeiten in die Landschaften Batanäa, Auranitis, Gaulonitis und Tracho- „itis nebst Jturäa getheilt war. Das Königreich Basan wurde bis zu Mops Zeiten von den Rephäern, einem Riesenvolke bewohnt, welches damals der König Og, ebenfalls ein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße, beherrschte (5. Mos. Z, 11.). Dieses Königreich grenzte gegen Norden an den Antilibanon, gegen Morgen an den Berg Hermon und das Gebirge Gilead, die beide Zweige des Libanons sind, gegen Mittag an den Bach Jabok und gegen Abend an den Jordan. Es enthielt 60 feste Städte und eine große Menge Flecken (Jos. 13, 30.). Jenseit des Gebirges Gilead ist das wüste Arabien, in welchem das Land Hus gewesen seyn soll, wo Hiob wohnte, dessen Grab man noch daselbst zeigte. Der Theil des Gebirges Gilead, der in dem Königreiche Basan sich befand, hieß ebenfalls das Gebirge Basan, jetzt aber wird dieses El-Botthin genannt. Es besteht mehr aus Hügeln als aus eigentlichen Bergen, ist aber von vielen tiefen Thalern durchschnitten. Sein Hauptbestandtheil ist Kalkstein, der sehr zerklüftet und voller Höhlen ist. Berühmt waren seine Eichenwaldungen (Jos. 2, 13.) und seine trefflichen Viehweiden, die ausgezeichnete Heerden von Rindern und Schaafen ernährten. Unter den Landschaften, in welche zu Jesu Zeiten das ehemalige Königreich Basan und das östliche Gebiet des Stammes Manasse getheilt war, lag Trachonitis am nördlichsten; denn diese erstreckte sich von dem Fuße des Antilibanon und von dem Gebiete der Stadt Damaskus bis in die Nähe des Sees Genesareth und bis an das Gebiet der Stadt Bo- stra. Die Landschaft Trachonitis soll ihren Namen von zwei Bergreihen, welche Track) ones hießen, bekommen haben. Sie ist voller Felsenhöhlen und Klüfte und besteht auS mehreren Reihen steiler, unfruchtbarer Berge, welche von Sand- 266 Fünftes Buch. wüsten durchschnitten werden. Die Einwohner waren Araber, Syrer und Griechen, die, weil ihr Boden sie nicht hinlänglich nährte, größtentheils von der Beraubung und Plünderung der Karavanen lebten, wobei ihnen die Höhlen ihres Landes sehr gut zu statten kamen, die mcistentheils enge Eingänge haben, aber inwendig sehr geräumig sind. Als nun darüber Beschwerden erhoben wurden, gab der Kaiser Augustus diese Landschaft dem Könige Herodcs dem Großen mit der Bedingung, daß er das Land von den Räubern befreien sollte. So sehr aber auch Herodes sich bemühte, diesem Befehle nach zu kommen, so gelangte er doch nicht völlig zum Ziele. Eigentlich gehörte nur ein kleiner Theil von Trachonitis zu Palästina; es wird aber in der heiligen Schrift genannt (Luk. Z, 1.), weil es der Tetrarch Philippus von seinem Vater Herodes geerbt hatte. Manche lassen Jturäa den südlichen Theil von Trachonitis seyn; Andere aber behaupten es sey der Strich voller Berge, der Syrien von dem wüsten Arabien trennt, und alsdann wäre Trachonitis ein Theil von Jturäa. Die Ztu- räer sollen von Jetur einem Sohne Jsmaels abstamme» (1. Mos. 26, 16. 1. Chronik. 1, 31.). Sie waren als gute Bogenschützen bekannt, trieben aber auch Räuberei. Gaulonitis oder Gaulanitis, von welchem schon früher die Rede war (Seite 229), lag zunächst an der Ostküste des Sees Genesarcth. Auranitis oder die Landschaft C hau ran oder Chav- ran, jetzt Hauran, lag südlich von Trachonitis und östlich von Gaulonitis. Das jetzige Hauran umfaßt mehr als die alte Landschaft Auranitis. Batanäa war der südlichste Theil von dem alten Ba- san und der Haupttheil des östlichen Gebietes Manasse. Diese Landschaft erstreckte sich von dem wüsten Arabien bis an die Jordansebene, und von Gaulonitis bis an den Bach Jabok. Der südliche Theil dieser Landschaft heißt noch jetzt El-Bottcin. In ihr lagen die meisten der zehn Städte. Dalmanutha war eine Stadt in dem östlichen Gebiete des Stammes Manasse in einer Gegend, welche denselben Namen führte, der elende Wohnung bedeuten soll. Man- l Reisen Jesu der dritten Periode rc. 267 - che halten Dalmanutha blos für ein Dorf, oder einen Mcier- . Hof. Man kann jetzt darüber nicht entscheiden, weil der Ort - von den Römern gänzlich zerstört wurde und weil jetzt gar " keine Ueberreste mehr von ihm vorhanden sind. Magedan oder Magdala soll ein kleines Städtchen mit einem festen Schlosse gewesen seyn und nicht weit von Dalmanutha, südlich von diesem Orte gelegen haben. Manche meinen auch, Magedan sey ein und derselbe Ort mit Dal- manutha. Wahrscheinlicher jedoch ist es, daß beide nicht weit von einander lagen. In die Nähe dieser beiden Orte hatte Jesus sich jetzt begeben, und hier traten Pharisäer und Sadducäer zu ihm, die ihn aufforderten, ihnen doch ein Wunder sehn zu lassen. Dieses begehrten sie aber nicht etwa, um selbst die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Jesus der verheißne Messias sey; sondern sie wollten nur sehn, was er wirklich vermöchte, und ihn alsdann, wenn, wie sie hofften, Jesus ihr Verlangen nicht würde erfüllen können, in der Meinung des Volkes herabsetzen. Allein Jesus kannte ihre hämische Absicht wohl und gab ihnen zu versteh», daß wenn sie die obwaltenden Zeit- umstande und die wahren Bedürfnisse des Menschengeschlechts, so wie auch sein Wirken und Streben eben so zu beurtheilen verständen, als die Beschaffenheit und das Wechselverhältniß des Himmels und der Witterung, so würden sie auch ohne weiteres Wunder ihn als den Gesandten Gottes und als den verheißnen Messias anerkennen müssen. In den oben genannten Landschaften und in dem ehemaligen östlichen Gebiete des Stammes Manaffe und in dessen Nähe befanden sich noch folgende Städte. Pella war eine der zehn Städte und zwar die südlichste. Sie lag am Bache Jabok, in einer wasserreichen Gegend und soll ihre Entstehung dem Könige Seleukus Ni- kanor von Syrien zu verdanken haben, der ihr den Namen der Stadt Pella in Macedonien gab, in welcher Alexander der Große geboren war. Diese Stadt wurde dadurch merkwürdig, daß bei der Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch die Römer die Christen Zuflucht in ihr suchten und 268 Fünftes Buch. ihren Aufenthalt darin nahmen. Auch wurde sie hierauf der Sitz eines Bischofs. Der Bach oder Fluß Jabok, dessen Name der Aus- leerer bedeutet und der jetzt Wadi Zerka, der blaue Bach heißt, entspringt bei Nabbath, der Hauptstadt der Ammoni- ter, und fällt in den Jordan. Er fließt in einem tiefe» Lhale, ist nicht sehr wasserreich und hat an seinen Ufer» vieles Schilfrohr. Er machte sonst die Grenze zwischen den Ammonitcrn und Amoritern (Jos. 12, 2.). Als Jakob aus Mesopotamien nach Kanaan zurückkehrte, ging er über dc» Jabok (I.Mos. 32, 22 u. 23.) und hatte daselbst den merkwürdigen Traum, in welchem er mit Gott rang. Kamon war eine Stadt in Jturaa, in dem ehemaligen östlichen Gebiete des Stammes Manasse, nicht weit von Astaroth. In ihr war der Richter Jair, nach welchem ei» ganzer Landesstrich genannt wurde (Siehe Seite 193), begraben worden. Zu Hieronymus Zeiten hieß sie Cimana. Emath oder' Amathus die festeste Stadt in Peru» lag zwischen den Bächen Hicromax und Jabok. Sie wurde von dem Könige Alexander Jannäus erorbert und zerstört In ihr befand sich eins der fünf Synedrien der Jude» und in der Folge war sie der Sitz eines Bischofs. Astharoth, eine alte Stadt in dem östlichen Gebiete des Stammes Manasse, die auch Astharoth - Karnaim (1. Mos. 14, 5.) hieß, hatte ihren Namen ohnstrcitig von der Göttin Astarte, der 'Assyrischen Juno, welcher daselbst ein Tempel errichtet worden war. Sie diente zur Residenz der Könige von Basan (5. Mos. 1, 4. Jos. 9, 10.). Bei ihr schlug Kedorlaomor, der König von Elam, das Riesenvolk. Auf ihrer Stelle liegt jetzt wahrscheinlich das Dorf Mezaraib oder Meserib, welches ein Kastell hat. Dieses ist ein großes viereckiges Schloß von schwarzen Steinen mit mehreren viereckigen Thürmen und liegt an dem Rande einer steinigen Schlucht. Durch die Schlucht fließt ein Bach, der aus mehreren Duellen entsteht und unterhalb des Schlosses eine» ziemlich großen Teich bildet, in dessen Mitte sich eine Insel befindet. Das Wasser des Teiches und Baches ist sehr rci» Reisen Jesu der drittem Periode w. 269 und hell; daher sammeln sich hier im Sommer immer eine große Menge Menschen mit ihrem Vieh. Eine andere, in der Nähe befindliche Stadt, in welcher die Könige von Basan ebenfalls wie in Astharoth ihreMoh- nung hatten, war Edrai oder Edrei (5. Mos. 1, 4.). Als Moses Kundschafter nach Jassir ausgesendet hatte und die Israelitin in jener Gegend mehrere Flecken eroberten und ihre Einwohner gefangen nahmen, kam ihnen der König Og von Basan bis Edrei entgegen und lieferte daselbst eine Schlacht gegen die Israelitin, in welcher 'er aber besiegt wurde (4. Mos. 21, 32—95.). Zu Hieronymus Zeiten bestand diese Stadt noch unter dem Namen Adar. Jetzt liegt unter den Ruinen der alten Stadt, auf deren Stelle, das Dorf Draa. Es befindet sich auf einer langen felsigen Anhöhe. Man erblickt dabei Trümmer von Säulen nach der Ionischen und Dorischen Ordnung und Ueberreste eines alten Kaufhofes, der mit gewölbten Buden umgeben war. Auch Arg ob war eine Hauptstadt des Königreichs Basan. Nach ihr hieß die ganze Umgegend Arg ob, die mit dem Gebiete Jair (Siehe Seite 193) eine und dieselbe Landschaft gewesen zu seyn scheint (5. Mos. 3, 13 u. 14.). Zur Zeit des Kirchenvaters Hieronymus war Argob noch ein Flecken westlich von Gerasa. Jabesch oder Jabes, mit dem Beinamen in Gilead, war eine alte Stadt, welche die Jsraeliten damals, als sie gegen den Stamm Benjamin einen Vcrtilgungskricg geführt hatten, ebenfalls bekriegten, weil die Einwohner derselben ihnen dabei nicht die erbetene Hülfe geleistet, und deren männliche Bewohner sie sämmtlich niedermachten bis auf 400 Mädchen, welche sie an eben so viele Männer aus dem Stamme Benjamin verheirathcten, damit derselbe nicht gänzlich erlöschen sollte (Richt. 21, 8—14). Auch Jabes mußte bald darauf wieder bevölkert worden seyn; denn zur Zeit des Königs Saul befreite dieser die Stadt von der Belagerung des Königs der Ammoniter, Nahas, der den Einwohnern von Jabes gedroht hatte, einem jeden von ihnen bei der Ue- bergabe der Stadt das rechte Auge ausstechcn zu lassen (1. Sam. 11.). Dafür fühlten sich die Einwohner von Jabes 270 Fünftes Buch. dem Könige Sau! so verpflichtet, daß einige von ihnen, als die Philistäer die Leichname Sauls und seiner Söhne an den Mauern von Bethsean aufgehängt hatten, mit Lebensgefahr die entseelten Körper von dort holten und bei sich bestatteten (1. Sam. 31, 8 —13.). Wahrscheinlich lag die Stadt an einem kleinen Flusse, der noch jetzt Jabes heißt und sich nicht weit von Baisan in den Jordan ergießt. Zur Zeit des Kirchenhistorikers Eusebius war Jabes noch ein ansehnlicher Flecke». Jetzt scheinen aber keine Spuren mehr von dieser Stadt vorhanden zu seyn. l Wahrscheinlich lag in der Nahe von Jabes die Stadt Ephron, die als eine ansehnliche und feste Stadt bei einem Paffe genannt wird. Sie wurde von Judas Makkabäus erobert und zerstört, als er nach Bethsean vorrückte und die Einwohner von Ephron ihm den Durchzug verwehrten (l. Makk. 5, 46 — 52. u. 2. Makk. 12, 27 u. 28.). Ihre Stelle nimmt vielleicht jetzt die Bergfestung Kalat-er-Rab- bad ein. Gaulan oder Golan war die Hauptstadt der Landschaft, die nach ihr Gaulanitis genannt wurde. Von dieser Stadt wissen wir aber weiter nichts, als daß sie zu den Lc- vitcnstädten (Jos. 21, 27. 1. Chron. 6, 71.) und zu den Freistädten gehörte, wo Diejenigen, die einen «»vorsätzlichen Mord begangen hatten, Zuflucht fanden (5. Mos. 4, 43. Jos. 20, 8.). Eusebius nennt sie als einen noch zu seiner Zeit vorhandenen Flecken, von welchem man aber jetzt keine Spuren mehr vorfindet, so daß es fast unmöglich ist, die rechte Lage der Stadt zu bestimmen. Bozra oder Bosra, auch Bazra, von den Griechen und Römern aber Bostra genannt, wird als die Hauptstadt der Edomiter aufgeführt (1. Mos. 36, 33.) in welcher der König Jabab, ein Nachkomme Esaus, herrschte. Sie heißt aber auch eine Stadt der Moabiter (Jerem. 48, 24.). Da die Edomiter südlicher wohnten, als die Stadt Bosrn liegt, und da ihre Hauptstadt Sela oder Petra (2. König. 14, 7.) genannt wird, so war jene.wahrscheinlich von den Edomitern erobert und diesen hierauf von den Moabitcrn wieder abgenommen worden. Manche nehmen auch ein Ob' Reisen Jesu der dritten Periode:c. 271 Jdumäa mit der Hauptstadt Bosra, und ein Süd-Jdu- mäa mit der Hauptstadt Petra oder Sela an. Zu Jesu Zeiten gehörte Bosra zu der Hauptstadt Auranitis, von den Römern aber wurde sie zu Arabien gerechnet. Dex Kaiser Trajanus that viel zu ihrer Verschönerung, und von dem Kaiser Alexander Severus wurde sie zu einer Römischen Kolonie ernannt. Aus ihr war der Kaiser Philippus, der Nachfolger des Gordianus gebürtig. Auch war sie der Sitz eines Bischofs. Noch jetzt ist Bostra eine-- ansehnliche Stadt in Hciuran. Ihr Umfang bildet ein Oval, dessen größere Ausdehnung sich von Osten nach Westen erstreckt. Auf der Südseite findet man noch viele Ruinen von der alten Stadt; auch trifft man noch Ueberreste der dicken Mauer an, von welcher sie in alten Zeiten umgeben war. Aus den noch vorhandenen Trümmern von Tempeln, Theatern und Palästen sieht man, daß Bostra ehemals eine schöne Stadt gewesen seyn muß. Abendwärts befinden sich in und außerhalb der Stadt mehrere .Quellen, die sich in einen kleinen Bach El- Dschehir vereinigen, der sich aber einige Stunden von Bostra in der Ebene verliert. Kenath oder Knath, eine sehr alte Stadt im östlichen Gebiete des Stammes Manaffe, wurde, als die Jsrae- liten in Gilcad einrückten, von einem gewissen Nobach eingenommen, nach welchem sie hierauf auch Nobach hieß (4. Mos. 32, 42.). In ihrer Nähe schlug Gideon die Fürsten der Midianiter, Sebach und Zalmuna, und nahm sie gefangen (Richt. 8, 11 u. 12.). Später wird sie als eine der zehn Städte genannt und auch zu der Landschaft Trachonitis gerechnet. Jetzt nimmt ihre Stelle das Dorf Kannst ein, das in Hauran, nicht weit von Bostra, auf dem Abhänge einer Anhöhe liegt. Durch dasselbe fließt der tiefe Bach Kanuat. Man findet daselbst noch mehrere Ruinen von ansehnlichen Palästen der alten Stadt; das jetzige Dorf selbst aber ist halb verfallen und wird nur von wenigen Druscn- familien bewohnt, die sich mit dem Anbau einiger Tabaksfelder beschäftigen. Als eine Grenzstadt des Königreichs Basan wird Sal- chah genannt (5. Mos. 3, 10.), die südlich von Kenath lag. 272 Fünftes Buch. Sie besteht noch jetzt unter dem Namen Salkhat an der südöstlichen Grenze von Hauran, und liegt an dem südlichen und westlichen Abhänge eines Hügels, auf dessen Gipfel ein kreisrundes Kastell steht. Die Stadt enthält über 800 Häuser, ist aber jetzt nicht bewohnt. Gessur oder Geschur wird als Line Stadt an der Grenze des östlichen Gebietes vom Stamme Manasse genannt, welche'aber die Jsraeliten niemals in Besitz nahmen (5. Mos. 3, 14. Jos. 13, 11 —13.). Sie war die Hauptstadt eines kleinen unabhängigen Staates, der zwischen dem Berge Hermon und dem Königreiche Basan lag und .seine eigenen Könige besaß. Denn David hatte eine Tochter des Königs Tholmai von Gessur, Namens Maachah zur Gemahlin (2. Sam. 3, 3.), die ihm den Absalom gebar. Da der Name Geschur eine Brücke bedeutet, so nimmt man an, daß Gessur in der Gegend gelegen habe, wo sich noch jetzt eine Brücke über den obern Jordan befindet, die von Basaltsteinen erbaut ist und von den Arabern Dschisser Beni-Jakub, d.i. Brücke der Söhne Jakobs genannt wird. Sie hat vier Bogen, und auf der Morgenseite derselben steht ein Gebäude, in welchem die Reisenden einkehren können. Auch hat der Pascha von Damaskus eine Besatzung von einigen Mann daselbst, welche den Zoll einnehmen, den die Christen beim Uebergange über die Brücke entrichten müssen. Es ist aber freilich noch die Frage, ob Gessur hier wirklich lag. Wenigstens wollen es Manche am Flusse Orontes, und Andere weiter östlich an der Grenze des wüsten Arabiens haben liegen lassen. XXXV. Jesus reist von Dalmanutha nach Bethsaida. iMatth. 10. 5-12. Mark. 8, 13-26.) Da Jesus bei Dalmanutha sich abermals den Nachstellungen der Pharisäer ausgesetzt sahe, so verweilte er nicht in jener Gegend, sondern schiffte sich mit seinen Jüngern alsbald wieder ein und begab sich nach Bethsaida, wahrscheinlich in dasjenige, welches an dem westlichen Ufer des Sees Reisen Jesu der dritten Periode rc. L7Z Gencsareth in Galiläa lag. In diesem Falle mußte er den See in seiner größten Länge von Süden nach Norden durchschiffen. Während der Uederfahrt sprach Jesus mit seinen Jüngern von den Pharisäern und Sadducäern, welche ja die Veranlassung geworden waren, daß er seht schon die Rückreise unternahm, und ermähnte seine Begleiter, sich vor den Lehren derselben zu hüten, die er mit Sauerteige verglich, weil sie die ganze Denk- und Handelsweise der Menschen umänderten, und zwar nicht etwa zum Bessern, sondern vielmehr zum Schlechter» führten. Die Jünger verstanden ihren Lehrer nicht sogleich, und meinten, er wolle sie tadeln, weil sie sich nicht reichlich mit Brode versehn hatten. Hierauf aber tadelte sie Jesus erst ernstlich, weil ihre vorzügliche Sorge immer noch das Irdische betraf, und sie ihrem Geiste noch nicht die höhere Richtung gaben, die sie demselben bei so langem Umgänge mit dem göttlichen Lehrer und bei dessen vielen Beweisen einer höhern Wirksamkeit wohl endlich hätten geben sollen. Als Jesus in Bethsaida*) angelangt war, brachte man einen Blinden zu ihm mit der Bitte, denselben zu heilen. Jesus zeigte sich auch sogleich willfährig, die Bitte zu erfüllen; führte aber den Blinden aus dem Orte hinaus, wahrscheinlich um durch seine Handlung weniger Aufsetzn zu erregen. Als er nun den Blinden an einem einsamen Orte hatte, bestrich er dessen Augen mit seinem Speichel und fragte ihn alsdann, ob er Etwas sähe? Hierauf entgegnete der Gefragte: „Ich sehe, aber noch nicht recht deutlich, denn ich kann die Menschen noch nicht von den Bäumen unterscheiden." Da legte Jesus nochmals seine Hände an die Augen des Kranken, und nun hatte derselbe seine Sehkraft wieder vollkommen empfangen. Als Jesus ihn von sich nach Hause ließ, empfahl er demselben, von dem Ereignisse nicht zu spre- ! *) Anstatt Bethsaida steht in einigen Handschriften Bethania; daher nehmen Manche an, daß das obige Ereigniß z» einer andern, spätern Zeit >» dem Flecken -Bethanien in der Nähe von Jerusalem vorgefallen sey, und Ulchen dieses dadurch zu bekräftigen, daß Markus von einem Flecken spreche. Allem Bethsaida in Galiläa konnte recht wohl ein Flecken heiße», wenn auch Bethsaida Julias eine Stadt genannt werden mußte. 18 L74 Fünftes Buch. chen, weil er theils sich selbst, theils auch den Geheilten vor den Nachstellungen der Pharisäer sichern wollte. XXXVI. Jesus geht von Bethsaida nach Casarea Phi'lippi. tMatth. Iö, 13-28. Mark. 8, 27-38. 9, I. Luk. 9. 18-27.» Wahrscheinlich um sich der Nähe der Pharisäer und dcu Nachstellungen derselben zu entziehn, besuchte Jesus die nördliche Grenze von Palästina oder die Umgegend von Cäsarer Philippi, welche morgenwärts von Phönicien lag und den nördlichen Theil von Galiläa und dem östlichen Gebiete des Stammes Manasse ausmachte, aber südlich von Syrien und dem Fürstenthume Abilene sich befand. In Begleitung seiner Jünger unternahm er die Reise in die Nahe der Quellen des Jordans und begab sich in die Flecken und Dörfer, die auf seinem Wege lagen *). Auf dieser Reise fragte er seine Jünger, was die Leute von ihm sagten und für wen sie ihn hielten, nicht sowohl um die Meinungen Anderer über ihn zu vernehmen, die ihm nicht unbekannt seyn konnten; sondern vielmehr um seine Jünger selbst zu einer bestimmten Erklärung ihrer Ansichten von ihm zu veranlassen. Die Jünger erwiederten darauf, daß die Meinungen der Leute von ihm sehr verschieden wären. Einige, sagten sie, hielten ihn für den wiederbelebten Johannes den Täufer, da man eine Seelen- wanderung gelten ließ; Andere glaubten, daß er Ellas sey, den man, nach einem Ausspruche des Propheten Maleachi l (4, 5.) vor der Ankunft des Messias erwartete; Andere meinten, er sey Jeremias, oder sonst einer der Propheten» Hierauf sprach Jesus: „Für wen haltet ihr mich denn?" Auf diese Frage nahm der eifrige Petrus für alle seine Mitjünger das Wort und entgegnetc: „Du bist Christus, der Messias, der Sohn des einen, wahren Gottes." Diese Antwort erfreute den gött- *) Mehrere meinen, diese Reise, so wie auch die Verklarung Jesu sey erst nach dessen Anwesenheit zu Jerusalem am Laubhiittenfeste vorgefallen, wofür auch Vieles spricht; doch scheint auch aus dem Evangclio Zo- hannis hervorzugehn, daß Jesus nach jenem Feste vor seiner Auferstehung nicht wieder nach Galiläa gekommen ist. Reisen Jesu der dritten Periode rc. L7Z lichen Lehrer und er erwiederte: „Heil dir, Simon; denn aus dir spricht ein höherer Geist! das hat Gott selbst dir geoffenbart. Und ich sage dir, so wie du Petrus, Fels, heißest, so sollst du auch wirklich der Fels werden, auf welchem ich meine Kirche erbauen will, oder, so sollst du auch wirklich einer der festen Begründer des Gottesreichs werden, das die ganze Macht der Hölle, alle feindliche Widerstrebungen, nicht vernichten sollen. Und was du den göttlichen Gesetzen gemäß für verboten oder erlaubt erklärst, das soll auch dafür gelten." Hierauf gebot Jesus seinen Jüngern, ihre Ueberzeugung, daß er der Messias sey, ja geheim zu halten, um sie keiner Gefahr auszusetzen, und zugleich um keine Bewegung unter dem Wolke zu verursachen und sich selbst nicht zu schaden. Alsdann machte er sie näher mit seinem zukünftigen Schicksale bekannt, und eröffnete ihnen, daß seine Bestimmung ihn nach Jerusalem rufe, und daß dort die Acltesten des Volkes, die Schriftgelehrten und Priester Alles thun würden, um ihn dem Tode zu überliefern; doch w^rde Gott ihn und sein Werk nicht verlassen, sondern vielmehr bewirken, daß selbst der Tod ihm nicht schaden könne, daß er neues Leben gewinne, und daß das Gottesreich ewig bestehe. Allein seine Jünger begriffen ihn nicht recht und Petrus nahm abermals für Alle das Wort und suchte ihn auf andere Gedanken zu bringen. Jesus aber nahm es übel auf, daß Petrus seine Standhaftigkeit erschüttern wollte, und sagte: „Geh, Verführer, du ärgerst mich, da du nur menschliche Rücksichten nimmst, aber nicht einsiehst, was ein göttlicher Beruf erheischt!" denn Jesus erkannte nur zu wohl, daß, wenn er seinem Berufe treu dienen und wirklich für die geistige Veredelung der Menschen wirken und ein Reich der Wahrheit und Tugend gründen wollte, er auch jeder Gefahr standhaft entgegen gehn müsse und selbst den Tod nicht scheuen dürfe. Wollte er diesem jetzt entgehn, so hätte er entweder Zuflucht im Aus- lande suchen, oder erklären müssen, daß er nicht der verheißne Messias sey. Beides aber stritt gegen seine Würde und seine Gottergebenheit; auch mußte beides seinem Werke schaden; und so war er fest entschlossen das Aeußerste zu erdulden. Dabei sagte ihm aber auch sein gottergebenes Herz 18 * L76 Fünftes Buch. und daö Gefühl seiner Würde, daß Gott ihn nicht verlassm, sondern vielmehr seine Wirksamkeit segnen werde; und das war es nun, was ihn so ruhig von seinem bevorstehenden traurigen Schicksale reden ließ, und was frohe Blicke in eine heitere Zukunft hinter Trübsal und Tod ihm eröffnete. Als nach jener Unterhaltung mehrere Menschen zu Jesu kamen, so erklärte er, daß wer ihm nachfolgen und in nähere Verbindung mit ihm treten wolle, ruf irdisches Glück verzichten und bereit seyn muffe, jedes Ungemach zu erdulden. Denn wer nur darauf ausgehe, irdisches Glück zu genießen, der werde die ewige Glückseligkeit verscherzen; wer aber im Dienste der Wahrheit und des Rechtes selbst das Leben zu opfern, bereit sey, der werde sich bleibend beglücken. Was sey aber wohl wirklich für den Menschen wünschenswerther, als ein bleibendes Glück? Um in die Gegend von Cäsarea Philippi zu gelangen, konnte Jesus längs dem Jordan hinaufgehn. Auf diesem Wege traf er zwei Stunden oberhalb des Sees Genesene!!) die früher erwähnte (Seite 272) Brücke der Söhne Jakobs, über welche noch jetzt die Straße von Damaskus nach Ae- gypten geht. Der Jordan hat hier eine Breite von ohnge- fähr 25 Schritten, und die Liefe seines Wassers beträgt gewöhnlich 2 Ellen; im Frühjahre aber schwillt er bedeutend an. Er stießt hier zwischen felsigen Ufern dahin, an manchen Stellen mit so reißender Schnelle, daß man ihn nicht leicht durchschwimmen kann. Ohngefähr eine Stunde weiter nördlich befindet sich der See Merom (Vergleiche Seite 12) oder Samochonitis, der erste, welcher von dem Jordan gebildet wird, eigentlich nur ein großer Sumpf voll Schlamm, der allein im Frühjahre, wenn der Schnee schmilzt, als See sich zeigt; dem nur in dieser Jahreszeit bietet er eine Wasserfläche dar, die gegen drei Stunden lang und über eine Stunde breit ist. Im Sommer ober trocknet er aus und bildet eine schlammige Fläche, die hie und da mit Gesträuch bedeckt ist, md Schwerdtlilien und Rohr enthält, aus welchem Schreibfederu und Pfeile verfertigt werden. Nur mitten durch diese Fläche windet sich alsdann der Fluß als ein schmaler Wasserstms/ Reisen Jesu der dritten Periode rc. L77 dcssen zuvor Helles Wasser hier verunreinigt wird und erst eine ziemliche Strecke unterhalb des Sees seine frühere Helle wieder gewinnt, nachdem es den mitgenommenen Schlamm in dem felsigen Bette abgesetzt hat. Das Wasser des Sees wird für ungesund gehalten, ist aber reich an Fischen; daher beschäftigen sich auch einige Leute daselbst mit der Fischerei, die sie von dem türkischen Gouverneur oder Mutsellim, in Szaffad gepachtet haben. Im Sommer halten sich in dem Gebüsche und Rohre des Sees wilde Thiere, vorzüglich wilde Schweine auf, die von dem Libanon Herabkommen. Auch will man große Schlangen daselbst gefunden haben. Nur an dem östlichen User des Sees findet man Bewohner, weil hier die Gegend fruchtbar ist; der Boden am südwestlichen Ufer aber ist mit einer Salzrinde überzogen, daher wird diese Gegend Melacha genannt. Bei der Einnahme Palästinas durch die Jsraeliten lieferte Josua an dem See Merom eine Schlacht gegen den König von Chazor, Jabin, und dessen Verbündete, und trug in derselben einen vollständigen Sieg über seine Gegner davon (Jos. 11, 1—8.). Drei Stunden oberhalb des Sees Merom gelangt man in die Nahe der Quellen des Jordans, von denen Burckhardt in neuerer Zeit zuverlässige Kunde gegeben hat. Nach Hie- ronymus sollte der Jordan von zwei Quellen gebildet werden, von denen die eine Jor und die andere Dan heiße, von denen der Fluß seinen Namen bekommen habe. Allein dieses findet sich nirgends bestätigt; und Burckhardt hat gefunden, daß drei Bache den Jordan bilden. Der nördlichste und wasserreichste derselben heißt Mojet-Hasbeya oder auch Hasbani und entspringt eine halbe Stunde abendwärts von dem Dorfe Hasbeya, das am Fuße des Hermon liegt und von Drusen und Christen bewohnt wird. Er fließt in gerader Richtung südwärts. Südöstlich von dessen Quelle, bei Tel el Kadi, entspringt der zweite Bach, welcher Dan heißt und sich nach kurzem Laufe mit dem dritten verbindet, der noch weiter östlich seinen Ursprung hat und von jeher als die wahre Quelle des Jordans betrachtet wurde. Der Name dieses dritten Baches ist Banias, auch wird er von Manchen der kleine Jordan genannt, wie wohl dieser Name dem 278 Fünftes Buch. Fluße erst nach der Vereinigung der drei Quellen bis zum See Merom eigentlich beigelegt wird. Er kommt aus einer großen Felsengrotte hervor, welche an der nordöstlichen Seite des Dorfes Banias, der ehemaligen Stadt Cäsarea Philipp,', in einer schönen Gegend liegt. Diese Grotte nebst der umliegenden Gegend war in dem heidnischen Alterthume dem Wald- und Hirtengotte, Pan geweiht, und wurde deshalb Pa- neum genannt. Noch jetzt findet man Spuren davon, daß hier einst ein Götzentempel war; denn in der Felswand über der Quelle erblickt man einige Nischen, in denen ohne Zweifel früher Bildsäulen standen, und dabei griechische Inschriften. In der Nähe der Quelle liegen auch noch eine Menge behauener Steine umher, die wahrscheinlich Trümmer des Tempels sind, den Herodes der Große hier aus weißem Marmor zu Ehren des Kaisers Augustus hatte erbauen lassen. Manche wollen den Ursprung des Jordans noch höher im Gebirge suchen. Zwei Stunden nordöstlich von Cäsarea Philipp! nämlich befindet sich auf einem Berge ein kleiner runder See, der wegen seiner Gestalt von den Griechen Phiala, Schaale, genannt wurde und jetzt Birket-el-Ram heißt. Er hat ohngefähr 120 Schritte im Umfange und sein Wasser verringert sich nie und fließt auch nie über. Nach dem Berichte des Josephus ließ der Tetrarch Philippus einst Spreu in diesen See werfen, welche hierauf in der Quelle des Banias wieder zum Vorscheine gekommen seyn soll; deshalb wollte man nun den See Phiala, der von zwei- Quellen mit Wasser versorgt wird, als die wahre Quelle des Jordans annehmen. Allein wenn man dafür weiter keinen Beweis, als den eben angeführten hat, so erheben sich noch manche Zweifel gegen die Zuverlässigkeit dieser Annahme. Wie dem aber auch seyn mag, so bleibt doch der Bach Banias die Hauptquelle des Jordans. Er fließt südwestlich, nimmt bald den Bach Dan in sich auf und vereinigt sich anderthalb Stunden von seinem Ursprünge, unten in der Ebene, mit dem Bache Hasbani. Erst nach ihrer Vereinigung bilden diese Bäche den Fluß, welcher Jordan heißt und der nun in einem engen Bette dem See Merom zuströmt. Cäsarea Philippi war eine alte Stadt in dem N- Reisen Jesu der dritten Periode rc. L79 biete des Stammes Naphthali, am Fuße des Hermon. Früher hieß sie Paneas und Pane ade, weil die schöne und fruchtbare Gegend, in welcher sie lag, dem Pan geweiht war, der auch dort verehrt ward. Erst wurde sie zu Obergalilaa gerechnet; zu Jesu Zeiten aber gehörte sie zu Peräa und L stand unter der Herrschaft des Tetrarchen Philippus. Dieser ? erneuerte und verschönerte das ziemlich verfallene Paneas und » nannte es dem Kaiser Augustus zu Ehren Cäsarsa, die Kaiserstadt; um es aber von der Stadt Cäsarea am mittelländischen Meere zu unterscheiden, wurde des Philippus Name noch hinzugefügt, und nun hieß es Cäsarea Philipp i. Später nannte Herodes Agrippa II. diese Stadt, um dem Kaiser Nero zu schmeicheln, nach demselben Neronias, welcher Name jedoch niemals recht gebräuchlich wurde. Ueber- haupt behielten die Einwohner der Stadt selbst fortwährend den alten Namen Paneas bei. Die Stadt lag nicht weit von der Hauptguelle des Jor- . bans und war die Hauptstadt von Trachonitis, das den größ- ! ten Theil der Tetrarchie des Philippus ausmachte. Als das i Christenthum herrschend wurde entstand auch in Cäsarea eine ansehnliche christliche Gemeinde und nun ward die Stadt der Sitz eines Bischofs, welcher unter dem Patriarchen von An- tiochien stand. In den Kreuzzügen hatte Cäsarea einerlei Schicksal mit den meisten Städten Palästinas; denn auch sie wurde abwechselnd, bald von den Christen, bald von den Saracenen erobert, bis sie 1167 für immer den Mohamedanern verblieb. Jetzt sind nur noch Trümmer von ihr vorhanden und auf ihrer Stelle befindet sich ein Dorf, das den Namen Banias führt, nach welchem auch die umliegende Ebene Ardh Banias, die Landschaft Banias, heißt. Das Dorf besteht etwa aus 150 Häusern, die meistentheils von Türken ^ bewohnt werden, unter denen sich einige Griechen und Drusen i angesiedelt haben. Jesus ging wohl nicht in die Stadt selbst hinein, sondern besuchte nur die Umgegend *). *) Einer alten Sage nach soll die Frau, welche durch die Berührung det Gewandes Jesu von einem zwölfjährigen Blutflusse geheilt wurde (Match. 8, 20- 22. Wergl. Seite 196.) aus Cäsarea Philipp! gebürtig ge- L80 Fünftes Buch. Westlich von Paneas oder Casarea Philipp! lag die Stadt Dan, welche als die äußerste nördliche Grenzstadt des jüdischen Landes angesehn wurde, so wie Berseba für die südlichste desselben galt, weshalb man in der heiligen Schrift, wenn das ganze jüdische Land umfaßt werden soll, zuweilen die Redensart: „von Dan bis Berseba" (2. Chron. 30, 5.) findet. Manche wollen behaupten, die Stadt Cäsa- rea Phiiippi sey auf der Stelle des alten Dan erbaut worden; allein dafür ist kein hinlänglicher Grund vorhanden. In den frühesten Zeiten hieß die Stadt Lais (Richt. 1k, 29.) oder Laisch, Lesem oder auch Le schein; den Namen Dan bekam sie erst später als ein Theil der Daniten, die in dem Gebiets ihres eignen Stammes nicht hinlänglichen Raum hatten,, die friedlichen Bewohner der Stadt Lais vertrieben und in derselben ihren Wohnsitz nahmen (Ios. 19, Wesen seyn und Verein ce geheißen haben. Bon ,'hr erzählt Eusebius folgende Sage. Aus Dankbarkeit gegen Jesum habe sie von ihrem Vermögen mit großem Aufwand« vor ihrem Hause ein Denkmal, das ihre eigene Geschichte darstellte, errichten lassen, das noch lange hernach vorhanden gewesen sey. Das Denkmal soll aus zwei bronzenen Bildsäulen bestanden haben, die auf einem hohen Fufigestclle sich befanden. Die eine habe eine auf den Knieen liegende, ihre Hände flehentlich bittend erhebende Frau, die andere aber einen aufrechtstehenden Mann in einem langen Gewände und von majestätischem Ansetzn vorgestellt, der seine Hand nach der Frau ausstreckte. Dabei sey eine Pflanze, als Sinnbild der Heilung, dargestellt gewesen, die von dem Fußgestelle bis zu dem Saume des Kleides der männliche» Figur gereicht habe. Eusebius versichert, er habe dieses Denkmal selbst gesehn. Einige Zeit hindurch soll man nicht gewußt haben, was das Denkmal bedeute; hernach aber habe man den Schutt um das Fußgestell hinweggeräumt und an demselben eine Inschrift gefunden, welche das Nähere berichtete. Auch soll an dem Fußgcstelle eine Pflanze gewachsen seyn, der man Heilkräfte bcigemcssen hat. Ein späterer Schriftsteller, TheophanrS, erzählt, der Kaiser Julianus Apostata oder der Abtrünnige, der i» der zweiten Hälfte LeS 4. Jahrhunderts regierte und Alles that, um das Christenthum zu unterdrücken, habe Jesu Bildsäule von dem Fußgestelle herabstürzen und seine dafür aufstellen lassen; aber bald darauf sey ein Blitz mit solcher Heftigkeit vom Himmel gefalle», daß er der Bildsäule des Kaisers Julianus den Kopf abgeschlagen und den Rumpf mitte» von einander gespalten habe, so daß nur ein Theil stehn geblieben sey, der ganz schwär?» wie verbrannt, ausgesehn. Der abgeschlagene Kopf aber sey mit dem Gesichte zu Unterst, tief in die Erde gefahren. Weiter wird erzählt, die Heiden hätte» Jesu Bildsäule in der Stadt herum geschleift, so daß sie in Stücke zerbrochen sey; diese aber wäre» von den Christen gesammelt und i» der Sacristei ihrer Kirche aufbewahrt worden. Manche meinen, Eusebius Habs sich in der Bedeutung LeS Standbildes geirrt, und dieses sey vielmehr einem Kaiser zu Ehre» errichtet worden; die knieende Frau aber sey das Sinnbild einer Stadt gewesen. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 281 47. Richt. 18.). Die Stadt lag in einem fruchtbaren Thale am Fuße des Antilibanon, welches jetzt Ardh-el-Hule heißt. Sie wurde durch den Götzendienst übelberüchtigt, den man in ihr trieb; denn die Dankten stellten schon bei ihrem Einrücken ein Götzenbild daselbst auf, und der König Ierobeam ließ ein goldnes Rind dort errichten und dasselbe anbeten (1. König. 12, 28—30.), um die Jsraeliten von dem Besuche des Tempels zu Jerusalem abzuhalten. Der Kirchenvater Hieronymus fand in jener Gegend noch einen Flecken Namens Dan, jetzt aber trifft man Nichts mehr von der alten Stadt daselbst an. Vielleicht liegt das Dorf s Hasbeya, welches 700 Häufte enthält und von Drusen, Griechen und einigen Türken bewohnt wird, in der Gegend, > wo sonst Dan sich befand. Man hat bei diesem Dorfe ansehnliche Pflanzungen von Oelbäumen; auch gibt es in der ^ Nahe desselben, am Abhänge eines Kreidehügels zahlreiche ' Gruben, welche Erdpech in reichlicher Menge enthalten. , In der Nähe von Dan lag ein Ort, Namens Rech ob ! (Richt. 18, 28.), bis zu welchem schon die Kundschafter, die ! Moses von Kadesch Barnea ausgesendet hatte, vorgedrungen waren (4. Mos. 13, 22.). Diese Stadt war bei der Theilung des Landes dem Stamme Ässer zu gefallen (Jos. 19, s 28.), aber von demselben nicht wirklich in Besitz genommen ^ worden (Nicht. 1, 31.). An der nördlichen Grenze von Palästina befanden sich auch die Städte Berotha (Ezech. 47, 16.), und Kedesch oder Kadesch, auch Kedes (Jos. 20, 7.) genannt, welche, s um sie von andern Städten desselben Namens in Palästina zu unterscheiden, Kedes in Galiläa, oder inNaphthali ! heißt, weil sie in dem Gebiete dieses Stammes lag. Diese ^ Stadt war früher die Residenz eines Kanaanitischen Königs; » später aber wurde sie eine Levitenstadt und auch eine der Freistädte. Aus ihr stammte der Richter Barak (Nicht. 4, 6.), der als Kriegesheld berühmt wurde. Sie war eine von den Städten, die der Assyrische König Tiglath Pileftr i unter der Herrschaft des Israelitischen Königs Pekah eroberte i (2. König. 15, 29.), und bis zu ihr verfolgte der Makka- s bäcr Jonathas das Heer des Syrischen Königs Demetrius L8L Fünftes Buch. Nikator, das er in die Flucht geschlagen hatte. Weder von Kedes noch von Berotha sind jetzt Spuren vorhanden, daher läßt sich ihre Lage auch nicht genau bestimmen; doch ist Be- rolha wohl nicht das heutige Beiruth. In der Nähe von Kedes mußte sich auch Chazor oder Hazor (2. König.-15- 29.) befinden- da es gewöhnlich mit jener Stadt zusammen genannt wird. Nach Josephus lag es oberhalb' des Sees Merom. In dieser Stadt wohnte in den frühesten Zeiten ein Kanaanitischer König, Namens Jabin, welcher eine Art von Oberherrschaft über die ander» Könige jener Gegend ausgeübt zu haben scheint, da er sie zum Kampfe gegen die Jsraeliten berief (Jos. 11.). Er wurde aber sammt seinen Verbündeten von Josua geschlagen, die Stadt Hazor wurde verbrannt und deren Einwohner größtenthcils getödtet. Später jedoch herrschte abermals ein Kanaanitischer König daselbst, der die Jsraeliten unter seine Oberherrschaft brachte, und dessen Kriegsheer unter der Anführung des Feldherrn Sisera von dem Richter Barak und der tapfern Debora geschlagen wurde (Richt. 4.). Später scheint Hazor den Jsraeliten gehört zu haben, denn der Kö. nig Salomo befestigte diese Stadt (1. König. 9, 13.); aber demohngeachtet nahm sie Tiglath Pileser ein. Auch von ihr ist heutiges Tages keine Spur mehr vorhanden. In dem Gebirge an der nördlichen Grenze Palästinas lag wahrscheinlich auch Thisbe eine Stadt, in welcher der Prophet Elias seinen Aufenthalt genommen hatte, weshalb er der Lhisbit genannt wird (1. König. 17, 1. 2. König. 1 , 8 .). Endlich muß auch die Stadt Haroseth oder Charo schet, der Wohnort Siseras (Richt. 4, 2.) in jener Gegend sich befunden haben. Sie wird gewöhnlich Charoseth der Heiden genannt, weil in ihr Götzendienst getrieben wurde. , Morgenwärts von Paneas lag die Stadt Abila, die ^ von Josephus auch Abella genannt wird, die wohl niemals recht ansehnlich, sondern nur eine Bergfestung war, aber doch als die Hauptstadt eines Fürstenthumes, der Tetrarchie Abi- lcne (Luk. 3, 1.) im Ansetzn stand. Dieses Fürstenthuni hatte ein gewisser Lysanias gegründet, der seine Herrschaft Reisen Jesu der dritten Periode rc: L83 beinahe über den ganzen Libanon verbreitete und vorzüglich die Landschaft Trachonitis besaß. Den südlichen Theil derselben aber trat er für einen gewissen Tribut an Zenodorus, einem andern unabhängigen Fürsten jener Gegend ab, dessen Gebiet Josephus das Haus des Zenodorus nennt. Da jedoch Zenodorus die Räuber jener Gegend begünstigte, und deshalb Klagen über ihn vor den Kaiser Augustus kamen, so nahm dieser ihm sein Gebiet ab und gab es an Herodes den Großen. Lysanias aber blieb in dem Besitze des nördlichen Theiles und seiner Hauptstadt Abila bis zu seinem Tode, worauf seine Tctrarchie dem Könige Herodes Agrippa übergeben wurde. Noch jetzt findet man Ueberrcste der alten Stadt Abila und ihres Schlosses, auch schöne Ruinen eines Tempels auf dem Gipfel eines Berges, und Säulen nebst den Trümmern eines großen Gebäudes im Thals. Diese Ruinen werden noch Nebi Abel genannt und man sagt, Kam habe daselbst seinen Bruder Abel begraben; auch zeigt man in der Nähe die Stelle, wo er ihn erschlagen haben soll. Weiter östlich liegt Damaskus, eine der ältesten Städte der Erde*). Bei den Hebräern hieß sie Dammesek, die Araber nannten sie Dimaschk und die Syrer Darmsuk; von den heutigen Arabern aber wird sie El-Scham, Syrien, genannt, weil sie der Hauptstadt gern den Namen des Landes geben. Nach Josephus soll Damaskus von Uz einem Enkel Sems, gegründet worden seyn. Zu Abrahams Zeiten war diese Stadt schon vorhanden (1. Mos. 14, 15.); denn Elieser, der Haushofmeister des Abraham, war aus ihr gebürtig (1. Mos. 15, 2.). Bis zu Davids Zeiten scheint Damaskus einen unabhängigen Staat ausgemacht zu haben, der dem Könige von Zobah, Hadad Eser, Hülfstruppen sendete und mit gegen David kriegte; allein David besiegte seine Gegner und besetzte Damaskus (2. Sam. 8, 5 u. 6.). Gegen das Ende der Regierung Salomos jedoch entriß der Sy- ,*) Einer Sage nach, soll Adam nach seiner Werbannung aus dem Paradiese in der Gegend gelebt haben, wo spater Damaskus erbaut wurde. Eine halbe Tagereise westlich von Damaskus, wahrscheinlich in der Nähe von Abila zeigt man einen ziemlich hohen -Berg mit einem ebenen Gipfel, "r mit schönen Bäumen besetzt ist und in welchem sich eine Hohle befindet, H>cr sollen Kai» und Abel ihre Opfer dem Herrn dargebracht haben. L84 Fünftes Buch. rer Rcson Cölesyrien der Oberherrschaft der Juden (1. König. 11, 23—-25.), und nun wurde Damaskus die Hauptstadt eines neuen Reichs, das bald eine bedeutende Macht erlangte und den Reichen Juda und Israel Gefahr brachte. Zwar eroberte Jerobcam II. Damaskus (2. König. 14, 28.) und unterwarf diese Stadt wieder der Oberherrschaft der Jsrae- liten; allein nach dessen Tode gewann sie von neuem ihre Unabhängigkeit und Rezin machte sich in ihr zum Könige. Dieser verband sich mit Pekah, dem Könige von Israel gegen Las Reich Juda; dessen Beherrscher Ahas aber bat den König von Assyrien, Tiglath Pilescr um Hülse, und dieser unterwarf sich Damaskus und zerstörte die Stadt. Von nun an theilte sie die Schicksale der Reiche, unter deren Oberherrschaft sie kam. Nach dem Sturze des Assyrischen Reichs ge- rieth sie unter die Gewalt der Babylonier. Hierauf wurde sie den Persern Unterthan, unter deren Oberherrschaft sie vorzüglich blühte. Nach dem Tode Alexander des Großen, der sich das Persische Reich unterworfen hatte, kam Damaskus zu dem Syrischen Königreiche, das von den Seleucidcn beherrscht wurde. Unter diesen verlor sie von ihrer frühern Blüthe, weil die Könige Damaskus vernachlässigten und dagegen neue Städte, in dem nördlichen Theile ihres Reichs anlegten; da die Könige von Aegypten fortwährend sich alle Mühe gaben, Cölesyrien in ihren Besitz zu bringen. In dein Kampfe der Makkabäer gegen die Könige von Syrien wurde Damaskus wahrscheinlich von Jonathas erobert (1. Makk. 12, 32.). Um das Jahr 64 vor Christus brachten es die Römer unter ihre Herrschaft; später aber scheint der König Aretas von Arabien Herr von Damaskus gewesen zu seyn, denn dieser hatte einen Statthalter darin, welcher den Apostel Paulus auf Verlangen der Juden festnehmen wollte (2. Korinth. 11, 32.). Hierauf finden wir Damaskus wieder unter s Römischer Herrschaft; und unter dem Römischen Kaiser Dio- kletianus wurde es zu der Blüthe erhgbcn, in welcher es noch jetzt steht. Dieser erkannte nämlich Damaskus als eine Stadt, durch welche der wachsenden Macht der Seracenen der beste Widerstand geleistet werden konnte; daher versah er sie nicht allein mit einer ansehnlichen Besatzung und mit reichen M- Reisen Jesu der dritten Periode rc. 285 gazinsn, sondern legte auch Waffenfabriken daselbst an, so daß vielleicht schon von jener Zeit der Ruhm ihrer Stahlarbeiten ausging, den sie bis auf die neuesten Zeiten bewahrt hat-. Der Kaiser Julianus zog Damaskus allen andern Städten vor, weil sie sich durch ihre Größe und Schönheit und durch die Pracht ihrer Tempel und anderer öffentlichen Gebäude auszeichnete. Deshalb nahmen auch im 7. Jahrhunderte die Khalifcn einige Zeit hindurch ihren Wohnsitz in Damaskus. Im Jahre 1517 wurde sie vom Sultan Selim erobert und ist seitdem unter der Herrschaft der Türken geblieben, die einen Pascha dort haben; aber auch jetzt noch befindet sie sich in einem blühenden Zustande, weil der Hauptweg der Kara- vanen nach Mekka durch sie geht. Die Lage der Stadt Damaskus ist sehr angenehm; denn sie befindet sich in einer schönen großen Ebene, die gegen Morgen und Mittag offen ist, auf der Abend- und Mitternachtsseite aber von Bergen eingeschlossen wird. Diese Ebene wird von dem Flusse Barada, dem alten Chry- sorrhoas, bewässert, der in viele Kanäle sich theilt, und mit welchem sich viele Bäche und kleinere Flüsse vereinigen, die von den benachbarten Bergen hcrabkommen. Dadurch wird die Gegend sehr fruchtbar und blühend, weshalb sie auch von den Mohamedanern eins der vier Paradiese des Morgen- landes genannt wird. Ueberhaupt gilt Damaskus bei den Mohamedanern für eine heilige Stadt, weil Mohamed bei ihr aus dem neunten Himmel wieder herabgekommen seyn soll, in welchen er zu Jerusalem erhoben worden war, um in demselben den Koran zu empfangen. Auch soll, wie sie glauben, in Damaskus dereinst das allgemeine Gericht gehalten werden und darin das ewige Reich seinen Anfang nehmen, dessen Hauptstadt sie seyn werde. Damaskus ist eine der bedeutendsten Städte in Syrien und hat gegen 80000 Einwohner, unter denen 15000 Christen sind. Die übrigen besteh» in Türken, Arabern und Juden. Die Juden bewohnen ein besonderes Quartier. Aeußer- lich haben die Häuser der Stadt kein viel versprechendes An- sehn; aber in ihrem Innern sind sie größtentheils schön verziert und prächtig ausgeschmückt. Die öffentlichen Gebäude 286 Fünftes Buch. sind meistentheils prächtig. Unter ihnen befindet sich die Kirche des Klosters der Bekehrung Pauli, die den Spaniern des heiligen Landes gehört. Auch zeichnet sich das Paulsthor aus, welches die Mohamedaner das Ostthor nennen. Auf zwei großen und starken Pfeilern ruht ein Bogen, auf dem man in der Folge einen Thurm, mit einem Kreuzgewölbe erbaut hat. In der Nähe desselben befindet sich ein anderer Thurm, an welchem man das Fenster zeigt, aus dem der Apostel Paulus von seinen Freunden herabgelassen worden seyn soll (Apostelgesch. 9, 25. 2. Korinth. 11, 33.), wahrscheinlich aber ist der Thurm erst zur Zeit der Kreuz, züge erbaut worden. Sonst zeigte man auch in Damaskus und zwar in der sogenannten geraden Straße, welche von Ost nach West geht und die Stadt und Vorstadt in gerader Richtung durchschneidet, das Haus, in welchem Paulus nach seiner Bekehrung sich aufgehalten und die Taufe empfangen haben soll. Es befand sich nicht weit von dem Ostthore. In der Nähe soll das Haus des Ananias und vor demselben ein Brunnen gestanden haben, aus welchem das Wasser zur Laufe des Apostel Paulus geschöpft worden sey. Die Kirche des heiligen Johannes von Damaskus haben die Türken in eine Moschee verwandelt. Die Stadt ist mit einer, an den meisten Stellen doppelten Mauer, die viereckige und runde Thürme von schlechter Bauart hat, und mit einem, größtentheils trockenen Graben umgeben. Der nordwestliche Theil der Ebene, in welcher Damaskus liegt, wird El-Gutah oder El-Mardsch, die Wiese genannt; er besteht in einer sehr fruchtbaren Thalebene an dem Flusse Barada, die mehr als 80 Dörfer enthält. Die Garten um Damaskus liefern viele Arten von edlen Früchten, vorzüglich auch treffliche Weinbeere, die sehr gute Rosinen geben. Auf dem Wege von Damaskus nach Jerusalem trifft man ohngefähr 4 Stunden von der erster» Stadt eine Grotte an, die so niedrig ist, daß ein Mensch kaum aufrecht in ihr stehn kann. In dieser soll Paulus sich verborgen haben, als er von Damaskus flüchtete. Sie befindet sich in der Mitte eines kleinen Gebirges, das von dem Libanon ausläuft rch Reisen Jesu der dritten Periode rc. 287 -s > einen Kreis bildet. Hier soll auch die Gegend seyn, wo Paulus, als er zur Verfolgung der Christen nach Damaskus reiste, plötzlich von einem Lichtglanze umbuchtet und geblendet wurde, und die Stimme vernahm, die ihm zurief: „Sank, Saul, was verfolgst du mich (Apostelgesch. 9, Z u. 4.)?" In der Nähe jener Grotte findet man noch die Ueberreste eines Klosters. Weiter östlich von Damaskus trifft man noch jetzt die Ruinen der Stadt Palmyra an, welche von dem Könige Salomo erbaut wurde und in den frühesten Zeiten Lhad- iii or oder Thamar hieß (1. König. 9, 18. 2. Chron. 8, 4.), welchen Namen sie auch noch jetzt bei den Arabern führt. Alle drei Namen heißen ein und dasselbe, nämlich: Palmen- stadt. Palmyra lag in der syrischen Wüste, jedoch auf einer fruchtbaren Stelle, wo Palmen wuchsen, von denen sie ihren Namen bekam. Diese fruchtbare Gegend war aber ringsum theils mit rauhen Bergen, theils von der dürren Sandwüste eingeschlossen. Wahrscheinlich erbaute Salomo diese Stadt, damit sie eine Vormauer des jüdischen Staates gegen die Einfälle der auf der Morgenscite wohnenden räuberischen Völkerschaften seyn sollte. Die Geschichte schweigt von dem Schicksale, welches Palmyra nach Salomos Tode bis in das erste Jahrhundert nach Christus gehabt hat. Erst zu dieser Zeit wird sie als eine bedeutende Stadt genannt, die einen unabhängigen Staat für sich bildete und deren Einwohner vorzüglich mit Handel sich beschäftigten, indem sie die Erzeugnisse Indiens und Arabiens nach Syrien führten. Unter dem Kaiser Trajanus kam sie zu dem Römischen Gebiete, mußte aber in irgend einem der Kämpfe, die damals geführt wurden, bedeutend gelitten haben; denn durch den Kaiser Hadrianus wurde sie wieder hergestellt und nach ihm Hadrianopolis genannt. Von Caracalla wurde sie zu einer Römischen Kolonie erhoben. Später machte sich der Eyrer Odenathus zum Herrn von Palmyra und gewann eine solche Macht, daß er das ganze Mesopotamien und Palästina seiner Herrschaft unterwarf. Als ihn ein frühzeitiger Tod seinem Reiche entriß, übernahm seine Gemahlin Zenobia die Regierung; und sie vollendete nun was ihr Gemahl begonnen 288 Fünftes Buch. hatte, eroberte Aegypten, und erweiterte ihre Herrschaft im nördlichen Syrien und in Kleinasien. Sie nannte sich die Königin der Morgenländer, wohnte aber in Palmyra, daS jetzt seine höchste Blüthe erreichte und durch großen Reichthum sich auszeichnete, welchen der Handel herbeiführte. Allein jetzt trat auch Palmyras Fall ein; denn Zenobia wurde von dem Kaiser Aurelianus besiegt und gefangen genommen, die Stadt zerstört und deren Einwohner größtentheils gctödtet. Zwar wurde Palmyra hernach zum Theil wieder aufgebaut, und einige der Römischen Kaiser thaten sogar Manches zu ihrer Verschönerung, allein sie gelangte nie wieder zur alten Blüthe, und als sie unter die Herrschaft der Mohamedaner kam, verfiel sie ganz, so daß man lange Zeit gar nichts mehr von ihr hörte. Erst in neuerer Zeit haben Reisende ihre Ruinen gefunden, die man nicht prächtig genug beschreiben kann. Vorzüglich zeichnen sich die Ueberreste des Somien- tempels aus. In dem Hofe dieses Tempels stehn die Hütten einiger arabischen Familien, die hier ihre Wohnung aufgeschlagen haben. Unter den Städten, welche der König Salomo erbaute, wird auch Baelath oder Baalath genannt <1. König. 9, 18. 2. Chron. 8, 6.), welche wahrscheinlich auf der Stelle der alten Stadt Baal-Gad (Jos. 11, 17. 12, 7. 13, 5.), die in Verfall gerathen oder zerstört worden seyn konnte, lag, und dieselbe Stadt war, die von den Griechen Heliopolis und von den Arabern noch jetzt Baalbek genannt wird, welche beide Namen Sonnenstadt bedeuten. Sie lag an dem Abhänge eines Berges, an dem Fuße des Antilibanon, nordwestlich von Damaskus, und war durch einen Tempel des Jupiter berühmt. Noch jetzt heißt sie Baalbek, und besteht aus mehreren schlechten Hütten, die aus rohen Steine» erbaut sind, und unter denen einige halb verfallene Moschee» sich befinden. Sie hat einige hundert Einwohner, die i», Maroniten, Türken, Griechen und Juden besteh». Das Thal,. in welchem sie liegt, wird von einem Bache durchflosscn, der j sich in viele Arme vertheilt und die Umgegend der Stadt bewässert und fruchtbar macht. An der niedrigsten Stelle des Thals befindet sich ein Kastell, das von dem Bache uiu- Reisen Jesu der dritten Periode rc. L89 flössen wird. Das Merkwürdigste der Stadt aber sind die Ruinen des alten Hcliopolis, vorzüglich die deS Jupiter- tempels, welchen der Kaiser Antoninus Plus hatte erbauen lassen. Dieser Tempel bildete ein längliches Viereck, das 138 Fuß lang und 96 Fuß breit war. Säulen von >64 Fuß Höhe und 6 Fuß, 3 Zoll Durchmesser, die der korinthischen Ordnung angehörten, umgaben ihn. Dabei befinden sich auch die Ueberreste des Sonnentempels, der noch nicht völlig aufgebaut war, als er wieder verfiel. Merkwürdig ist auch die Mauer des alten Schlosses, die aus ungeheuer großen Quadersteinen besteht und in dieser Hinsicht der Mauer ähnlich ist, welche Salomo an dem Tempel zu Jerusalem aus dem Lhale Josaphat aufbauen ließ. Daher geht auch unter dem Volke die Sage, Salomo habe Baalbek mit Hülfe von Engeln und Dämonen erbaut. XXXVIl. Jesus begibt sich von Casarea Philipp! auf den Berg der Vor« klärung. < Matty. 17. 1—13. Mark. 9. L-13. Luk. g. 23-36.> Nachdem Jesus eine Woche hindurch in der Nähe von Cäsarea Philippi umhergewandert war, begab er sich mit den drei vertrautesten seiner Jünger, mit Petrus und den beiden Söhnen des Zebedäus, Jokobus und Johannes, des Abends auf einen hohen Berg und betete daselbst. Während er mit Gebet sich beschäftigte, waren seine Jünger eingeschlafen, und als sie, wahrscheinlich bei Tagesanbruch, wieder erwachten, erblickten sie ihren Lehrer von einem ungewöhnlichen Lichtglanze umstrahlt, und bei ihm zwei fremde Männer, die sie für Moses und Ellas hielten, und die sie mit Jesus über dessen l bevorstehende Leiden sprechen hörten. Ueber diesen Anblick gerieth Petrus so außer sich, daß er, ohne seiner selbst recht s bewußt zu seyn, ausrief: „Meister, hier ist es schön! hier ! wollen wir, wenn du es wünschest, drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Moses und eine für Ellas." Während er ^ dieses sprach, zog eine lichthelle Wolke heran und umhüllete ' ! ste, und sie vernahmen eine Stimme, welche rief: „Das ist 19 L90 Fünftes Buch. mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören!" Diese neue Erscheinung versetzte die Jünger i„ einen solchen Schrecken, daß sie auf die Erde niederfielen. Als sie sich von ihrer Bestürzung wieder erhohlt hatten, sahen sie ihren Lehrer allein bei sich, der sie zu beruhigen suchte. Die Evangelisten nennen den Berg nicht, auf welchem dieses Ereigniß vor sich ging; die Sage aber gibt den Tha« bor als den Berg der Verklärung an. Der Thabor, welcher bei den Griechen Atabyrium und Jtabyrium hieß, und von den Arabern jetzt Dsche- bcl Tor genannt wird, liegt in Nicder-Galiläa, an der nördlichen Seite der großen Ebene Esdrelon und an der südliche» Grenze des Stammes Sebulon, 2 Stunden östlich von Na- zareth, 6 Stunden nordöstlich vom Gebirge Karmel, 1 Stunde nördlich von Nain und gegen 5 Stunden westlich vom Jordan. Er erhebt sich abgesondert von allen andern Berge» aus der Ebene zu einer ansehnlichen Höhe empor und hat die regelmäßige Gestalt eines abgestutzten Kegels oder Zuckerhutes. Daher fallen seine Seitenflächen ziemlich steil ab. Seine» Namen übersetzen Manche durch Klarbcrg, den er deshalb bekommen haben soll, weil sein Gipfel in der Umgegend am ersten erleuchtet erscheint, so bald die Sonne aufgeht; Andere aber lassen Thabor eine runde erhabene Stelle bedeuten. Die Reisenden schildern den Thabor als einen der schönsten und anmuthigsten Berge der Erde. Sein Gipfel ragt über alle benachbarte Berge empor und kann aus weiter Ferne gesehn werden. An seinem Fuße soll er über 3 Stunden im Umfange haben; und eine Stunde braucht man um auf seine» Gipfel empor zu steigen. Auf der Mittcrnachtsseite ist er unzugänglich; auf den drei übrigen Seiten aber kann man Hinaufreiten oder gehn, wie wohl mit manchen Beschwerden, vorzüglich im Sommer. Die Wege führen in verschiedenen Windungen hinauf und sind eng und steinigt. Vorzüglich werden sie von der Mitte des Berges bis zum Gipfel sehr beschwer- i lich. Die Seiten des Thabors sind mit Eichen, wilden Pista- f zien- und Johannisbrodbäumen bewachsen. Sein Gipfel besteht aus einer ovalen Ebene, die beinahe eine Stunde ini Umfange hat und mit verschiedenem immer grünen BnsclMk Reisen Jesu der dritten Periode rc. L91 und mit Fenchel bewachsen ist. Von ihr aus hat man eine sehr schöne Aussicht auf die umliegende Gegend. Man übersieht von da die ganze Ebene Esdrelon und erblickt gegen Morgen den See Genesareth und den Jordan, gegen Mittag die Gebirge Gilboa und Ephraim, gegen Abend den Karmel und das mittelländische Meer, und gegen Mitternacht die Gc- ^ birge in Ober-Galilaa. Ringsum am Rande des Gipfels , bemerkt man die Uebcrreste einer dicken, von großen Steinen erbauten Mauer, welche vermuthen lassen, daß ehemals eine große Burg oben sich befunden habe. Auch lehrt die Geschichte, daß der Berg Thabor in mehreren Kriegen als ein fester Ort betrachtet und behauptet wurde. Schon der Richter Barak versammelte nach dem Rathe der Debora ein Heer von 10000 Jsraeliten auf dem Berge Thabor und schlug sein Lager dort auf, um gegen die Uebermacht des Sisera desto sicherer zu seyn und dessen Bewegungen um so besser beobachten zu können. In dem letzten Kriege, den die Juden gegen die Römer führten, verschanzte sich der jüdische Heer^ sichrer Josephus auf dem Thabor; und in den Zeiten der Kreuzzüge sollen die Tempelherrn eine Burg Maledoin auf dessen Gipfel gehabt haben. Man findet auch noch Trümmer von Privatwohnungen auf dem Gipfel, die sehr fest gewesen seyn müssen. Die Kaiserin Helena soll zum Andenken an die Verklarung Jesu drei Kirchen auf dem Thabor haben erbauen lassen, von denen die eine Jesu, die andere dem Moses, und die dritte dem Propheten Elias geweiht war. Zur Zeit der Kreuzzüge soll Tankred eine dieser Kirchen wieder hergestellt haben, von welcher aber jetzt ebenfalls keine Spuren mehr vorhanden sind. An der Südwcstseite des Berges findet man noch jetzt die Trümmer eines christlichen Klosters, I welches der Sultan Saladin im Jahre 1187 einnahm und i zerstörte, und auf dessen Stelle die Saracenen 1214 ein Kastell errichteten, das jetzt ebenfalls in Trümmern liegt. Noch jetzt wird der Berg Thabor von den Christen als s ein heiliger Ort in Ehren gehalten. Die römisch katholischen s Christen haben in einer Höhle eine Kapelle errichtet, in welcher zwei Mönche des Frankenklosters zu Nazareth alle Jahre am St. Peterstage eine Messe feiern. Sie kommen des Mor- 19 * L92 Fünftes Buch. gens dort an, und nachdem sie ihr Geschäft vollendet haben, begeben sie sich nach Liberias, um auch da in der Kirche des heiligen Petrus eine Messe zu lesen. Nicht weit von jener Kapelle auf dem Thabor haben die griechischen Christen eine niedrige Mauer, die einen Kreis bildet, und innerhalb derselben einen Altar errichtet. Hier halten die griechischen Priester vom Berge Thabor alljährlich an dem Feste der heilige» Jungfrau Gottesdienst, wobei mehrere Tausende Pilgrime versammelt sind, welche hierauf die Nacht unter Zelten in lauter Jubel zubringen. Im Sommer ist der Berg Thabor größtentheils des Morgens in dichte Wolken gehüllt, die sich erst um die Zeit des Mittags zertheilen. Am Tage weht ein starker Wind auf dem Berge, und während der Nacht fällt auf ihm der Thau weit stärker, als sonst irgendwo in der Umgegend. Man findet in den Waldungen, die den Thabor bedecken, verschiedenes Wild, auch Unzen. Daß an ihm in den frühesten Zeiten Vogelfang getrieben worden seyn muß, ergibt sich aus Hos. 5, 1. Als Burckhardt den Thabor 1812 besuchte, traf er auf dem Gipfel desselben eine Familie griechischer Christen an, welche die oberste Ebene gepachtet hatte und durch deren Anbau ihren Lebensunterhalt gewann. Am Fuße des Thabor schlug Napoleon im Jahre 1799 mit 6000 Franzosen ein türkisches Heer von 60000 Man». Obgleich die Sage den Thabor als den Berg nennt, auf welchem die Verklärung Jesu sich ereignet habe,, so wellen doch Mehrere dieses nicht für wahrscheinlich erkennen und glauben viel mehr, daß Jesus, weil er sich kurz vor der Verklärung in der Nähe von Cäsarea Philippi befand, mit seine» 1 Jüngern auf.den Berg Hermon gegangen sey, der in jener > Gegend sich erhebt. Dieser Berg oder vielmehr dieses Ge- > birge (Vergl. Seite 11.) ist ein östlicher Zweig des Antili- ' Kanons und weit höher als der Thabor; denn sein Gipst! i > ist immerwährend mit Schnee bedeckt. Von ihm gilt ganz s ! dasselbe, was früher vom Libanon gesagt worden ist, mit dem > er eine und dieselbe Beschaffenheit hat. Wenn der Hcrmo» ! der Berg der Verklärung ist, so war es jedenfalls nur eine! Reisen Jesu der dritten Periode rc. 292 Anhöhe an einer seiner Seiten, auf welcher jenes Ereigniß vor sich ging. Als Jesus nach Anbruch des Tages mit seinen drei Jüngern von dem Berge Herabstieg, gebot er ihnen, von dem Ereignisse, dessen Zeugen sie gewesen waren, gegen Andere so lange zu schweigen, bis er von den Todten auferstanden sehn würde, weil er jede Veranlassung zu falschen Urtheilen über sich vermelden wollte. Die Jünger befolgten auch die Vorschrift ihres göttlichen Lehrers; aber sie konnten nicht begrei- I sen, was er mit seiner Auferstehung von den Todten meinte, ! weil sie einen so frühen Tod bei ihm gar nicht für möglich hielten. Doch sie schwiegen davon, und fragten vielmehr, warum wohl die Schriftgelehrten behaupteten, daß der Prophet Elias vor der Ankunft des Messias erscheinen müsse. Hierauf erwiederte Jesus: „Ein Mann wie Elias muß kommen, um auf den Messias vorzubereiten; übrigens ist ein solcher schon erschienen; allein die Menschen haben ihn nicht seiner Würde gemäß anerkannt, sondern sind nach ihrem Belieben mit ihm verfahren; und so werden sie es auch mit mir selbst machen." Da merkten die Jünger,, daß Jesuö von Johannes dem Täufer redete. XXXVIII. Jesus reist nach Kapcrnaum zurück. Naher kam die Zeit herbei, wo Jesus von hinnen genommen werden sollte; da machte er sich auf den Weg, um auf der kürzesten Straße nach Jerusalem zu wandern, wahrscheinlich um dort der Feier eines Festes beizuwohnen. Demi obschon er ahnete, daß in Jerusalem das Schmerzlichste ihm begegnen würde, so scheuete er doch bei seinem hohen Muthe, bei seinem regen Eifer für die gute Sache und bei seinem felsenfesten Gottvertrauen keine Gefahr, und gab keiner feige» Furcht Raum, die ihn von Jerusalem hätte fern halten könne». Man ist noch nicht recht einig, welchem Feste Jesus jetzt in Jerusalem beiwohnen wollte, weil der Evangelist es nicht nennt und auch keine näheren Umstände angibt. Manche meinen, das Psingsifest habe ihn in die Hauptstadt gerufen, allein dieses mußte wohl längst schon vorüber seyn, als Jesus jetzt sich auf den Weg machte. Eher konnte es das Laub- hüttenfest seyn, das ihn zu dieser Reise veranlaßte und das in dem September gefeiert wurde; doch nimmt man jetzt ziemlich bestimmt an, daß Jesus zu dem Feste der Tempel- j weihe reisen wollte, weil von der Nähe seines Todes die Rede ' ist und das letztgenannte Fest in dem Monate December fiel. Da von dem Laubhütten- und Tempelweihfeste später - ausführlicher die Rede seyn wird, so soll hier Gelegenheit f genommen werden, das Pfingstfest zu beschreiben. Dieses, eins der drei Hauptfeste, welche die Juden feierten, war auf den fünfzigsten Tag nach dem zweiten Oster- tage, an welchem die erste Gerstengarbe dargebracht wurde, festgesetzt und siel am 6. Tage des Monats Sivan, daher wurde es auch mit einem griechischen Namen Pentckosle genannt. Da zwischen ihm und dem Passahfeste gerade 7 Reisen Jesu der dritten Periode rc. 299 Wochen vergingen, so hieß es auch das Fest der Wochen (2. Mos. 34, 22.). An ihm feierte man das Erntedankfest; denn bei seinem Eintritte war die Ernte wenigstens größtentheils vollendet, da sogleich nach dem Paffahfeste die Gerstenernte und mit dem zweiten Monate nach Ostern die Weizenernte begann. Als Erntefest hieß es das Fest-der Erstlinge (2. Mos. 23, 16.). Uebrigens feierte man eS auch zur Erinnerung an die Gesetzgebung durch Moses, welche am fünfzigsten Tage nach dem Auszuge der Jsraeliten aus ^ Aegypten am Sinai erfolgt seyn sollte. Jeden Abend bei der Mahlzeit zählten die Juden die Tage, welche von dem zweiten Ostertage an verflossen waren. Nach einem kurzen Gebete, das der Hausvater stehend vortrug, sprach er nämlich: „Heute ist der zweite Tag", oder: „Heute ist eine Woche und der fünfte Tag u. s. w.". Also glaubten sie sey es in dem Mosaischen Gesetze geboten (3. Mos. 23, 15 u. 16 ). Die Feier des PsingstfestcS war im Ganzen so ziemlich der des Passahfestes ähnlich; es dauerte aber nur Einen Tag, der als heilig galt und an welchem alle Geschäfte unterbleiben mußten (4. Mos. 28, 26.). Auch zur Feier dieses Fe- ! stes mußten alle männlichen Jsraeliten in Jerusalem erscheinen; daher kam es, daß bei der Mittheilung des göttlichen Geistes an die Apostel (Apostelg. 2, 9 —11.) Juden und ! Proselyten aus allen Ländern zugegen waren. Am Rüsttage reinigten und putzten sich die Juden; man schaffte das Nöthige für das Fest herbei und bereitete die Speisen für dasselbe zu; auch wurde es auf gleiche Weise wie das Passah- fest eingeblasen. Um Mitternacht wurden die Tempelthore geöffnet, und mit Anbruch des Tages waren die Dorhöfe von den festlich gekleideten Jsraeliten angefüllt. Nach den gewöhnlichen täglichen und Fest-Opfern wurden zwei Brode, welche aus dem eben eingeernteten Getreide gebacken worden waren, dem Herrn dargebracht. Ehe diese Gabe gespendet worden war, durfte kein Jsraelit von dem Getreide essen, das wan in die Scheuern gebracht hatte. Hierauf opferte man 7 Schaafe, die Ein Jahr alt waren, einen jungen Stier und ^ 2 Widder zum Vrandopfer, nebst dem dazu gehörigen Mehl- 300 Fünftes Buch. und Trankopfer, schlachtete einen Ziegenbock als Sündopfer und brachte noch zwei jährige Schaafe als Dank- und Freu- denopfer dar (Z. Mos. 23, 15—21.). Während der Opfer wurden -Psalmen gesungen und nach vollbrachtem Opfer sprach der Priester den Segen, worauf die versammelten Juden beteten.. Auch an diesem Feste zogen die Opfernden in bestimmten Abtheilungen in den Vorhof, wo geopfert wurde, wie es am Passahfeste geschah (Siehe Seite 122-). Als Jesus sich auf den Weg machte, um nach Jerusa- ! lcm zu wandern, sendete er einige seiner Jünger voraus in « die Provinz Samaria, um in einem Marktflecken daselbst für ihn Herberge zn bestellen. Allein die Samariter weigerte» sich, ihm aufzunehmen, weil er nach Jerusalem zum Feste geh» wollte.. Sie glaubten nämlich, daß auf dem Berge Garizim j der Ort sey, wo Gott angebetet werden müsse; wenn nu» ! Juden durch ihr Land nach Jerusalem reisten, um daselbst ihre Opfer darzubringen und ihr Gebet zu verrichten, so hielten sie das für Verachtung ihres heiligen Ortes und für Beschimpfung. ihrer selbst. Deshalb waren sie ungehalten gege» diejenigen, die durch ihr Land zu den Festen nach Jerusalem reisen wollten, und Josephus erzählt, daß sie einst viele Juden, die auf einer Festrcise nach ihrer Hauptstadt begriffe» waren, getödtet hätten. Zu andern Zeiten nahmen sie die Juden freundlich auf, obgleich sie von diesen gewöhnlich sehr verächtlich behandelt wurden. Das unfreundliche Benehmen der Samariter brachte die beiden Söhne Zebedäi, die Jünger Jakobus und Johannes, . so auf, daß sie voller Zorn zu Jesu sagten: „Herr, wenn du willst, so wollen wir rufen, daß der Blitz sie verderbe!" und eben wegen dieses Umstandes wurden wahrscheinlich beide die Donnerskinder genannt. Jesus aber, der keine Rache kannte und nur von dem Geiste der Liebe beseelt wurde, verwies ihnen ihr Ungestüm und ihre Härte und sprach: „W wisset nicht, daß der Geist des Evangeliums, zu dessen Verkündigung ihr berufen seyd, ein Geist der Liebe ist; denn des Menschen Sohn ist nickt gekommen, um die Menschen zu verderben, sondern um sie zu retten und zu beglücken." Hieraus ging Jesus mit seinen Jüngern in einen andern Flecken. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 301 Auf dem Wege von Sichem nach Scythopolis lag Lhebez oder The des, eine kleine Stadt im Gebirge des Stammes Ephraim, die dadurch berühmt wurde, daß Abi. melech nachdem er Sichem erobert und zerstört hatte, sie belagerte und in ihr seinen Tod fand (Richt. 9, SO — 64.). Als er nämlich die Stadt größtentheils eingenommen hatte, waren die Einwohner in das darin befindliche Kastell geflüchtet, und vertheidigten sich alsdann aus demselben. Abi- mclcch rückte daher gegen dasselbe vor und wollte es in Brand stecken lassen; allein da wurde er durch das Stück eines Mühlsteins, welches ein Weib von den Zinnen des Kastells auf ihn herab warf, tödtlich verwundet. Damit es nun nicht heißen sollte, ein Weib habe ihn getödtet, so forderte Abimelech seinen Waffenträger auf, ihm das Schwcrdt durch den Leib zu stoßen. Zu Hieronymus und Eusebius Zeiten war noch ein Flecken jenes Namens vorhanden. Als Jesus weiter wanderte kamen Mehrere zu ihm, die sich erboten, ihm nachzufolgen und seine Jünger zu werden; allein theils wollte er jetzt keine neuen Schüler mehr annehmen, weil er wußte, daß er bald abgerufen werden würde von seinem Tagewerke und er also nicht hinreichende Zeit mehr hatte, die neuen Jünger gehörig auszubilden; theils verlangte er auch Selbstverleugnung, Hintansetzung aller irdischen Rücksichten und ein gänzliches Losreißen von den Gütern und Freuden der Erde. Wer sich ihm weihen wollte, der sollte auch ungetheilt ihm angehören, der sollte nicht durch Liebe und Hinneigung zu dem Irdischen Gefahr laufen, ihm untreu zu werden, sondern ihm und dem Gottesreiche Alles opfern. Das machten die damaligen Verhältnisse und die feste Begründung des Gottesreichcs nöthig. Eine solche Entsagung aber fiel den Meisten zu schwer, und daher unterließen sie auch, wieder zu kommen und mit Jesu zu wandeln. Sie hatten vielmehr erwartet, durch Jesum, als den Messias, irdische Vortheile zu gewinnen; die Aussicht darauf verschloß ihnen jedoch Jesus sogleich, da er ihnen bekannt machte, daß sie in seiner Gesellschaft und Verbindung auf die Erduldung von Ungemach und Leiden gefaßt seyn müßten; und dazu sollten sie noch Opfer bringen und auch das aufgeben, was bis- 302 Fünftes Buch. her ihre Freude und ihr Glück gewesen war; das schien ihnen zu viel verlangt, zu hart zu seyn; und so blieben sie von Jesu fern, wodurch aber das Gottesreich nichts verlieren konnte, weil solche Menschen ihm doch nicht mit ganzer Seele angehört hätten. xxxx. Jesus wandert aus Galilaa nach Judäa und zurück an den See Genesareth. (Luk. 10. 1-42. U. II. 1-13.) Zurückgewiesen aus Samaria wendete sich Jesus wahrscheinlich an den Jordan und ging jenseit desselben nach Judäa hinab. Auf dieser Wanderung geschahe es wohl, daß Jesus Christus neben jenen zwölf Aposteln noch 70 Jünger aus denen auswählte, welche bisher ihm nachgefolgt waren. Der Evangelist berichtet nicht, wo die Auswahl geschah; Manche meinen aber, daß Jesus dieselbe ebenfalls auf dein Berge der sieben Seligkeiten getroffen habe, auf welchem er seine zwölf Hauptapostel erwählt hatte, und der auf der Straße von Kapernaum nach Jerusalem lag. Die Namen dieser 70 Jünger werden von dem Evangelisten ebenfalls nicht angegeben; Eusebius aber und Epi- phanus rechnen darunter den Matthias, welcher an des Verräthers Judas Stelle zum Apostel ernannt wurde (Apostclg. 1, 23.), den Joseph Barsabas, welcher den Beinamen Justus führte, den Adai oder Thadai, der ein Bruder des Thomas gewesen und den König Abgarus zu Edessa geheilt nnd bekehrt haben soll, die Begleiter des Apostel Paulus, Sosthenes, Markus, Lukas und Barnabas, die sieben ersten Almosenpfleger, Stephanus, Philippus, j Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus (Apostelg. 6, 6.); ferner den Andronikus und Junkers, zwei Verwandte des Paulus, den Judas mit dem Beinamen Barsabas, den Silas, den Ananias, welcher den Apostel Paulus taufte, und mehrere Andere. Vielleicht ^ § nahm Jesus bei der Wahl der zwölf Apostel auf die Zahl i ! der Hauptstämme des Israelitischen Volkes Rücksicht, bei der , Reisen Jesu der dritten Periode rc. 303 Zahl dieser 70 Jünger aber auf die 70 weitesten, welche Mo- ftö dereinst in der Wüste zu seinem Beistande erwählte (4. Mos. 11, 16.), oder auf die Zahl der 70 Mitglieder des hohen Rathes zu Jerusalem. Diese 70 Jünger sendete Jesus ebenfalls, je zwei und zwei in die Städte und Oerter, wohin er selbst noch kommen wollte, damit sie auf ihn vorbereiten und zugleich an Selbstständigkeit sich gewöhnen sollten. Diesen 70 Jüngern ertheilte Jesus, ehe er sie von sich ließ, denselben Unterricht, den er seinen zwölf Aposteln früher gegeben hatte; auch lehrte er sie Kranke heilen, und rüstete sie überhaupt mit Allem aus, was zu ihrer Wirksamkeit nothwendig war. Er verlangte von ihnen, daß sie ohne allen' Aufenthalt dem Orte ihrer Bestimmung zueilen und daher sich nicht unnöthig belästigen sollten. Damit sie sich unterwegs nicht aufhielten, rieth er ihnen auch, Niemanden auf der Straße zu grüßen; denn die Morgenländer sind bei ihrer Begrüßung sehr umständlich und begnügen sich nicht mit einigen an die Begegnenden gerichteten freundlichen Worten, sondern die Geringern stehn so lange still und verbeugen sich so lange, bis die Bornehmern vorüber gegangen sind. Auch empfahl er ihnen, nicht etwa von Haus zu Haus zu gehn und da nur zu bleiben, wo man ihnen das beste Essen und Trinken reichen würde, nicht als Weichlinge sich zu zeigen, » welche nur sinnlichen Genuß suchen; sondern sie sollten da, wo sie Leute fänden, welche Sinn für das Bessere hätten und der wahren Glückseligkeit werth und fähig wären, sich begnügen mit dem, was ihnen dargereicht würde. Er machte sie darauf aufmerksam, daß sie durch Heilung der Kranken am leichtesten sich Eingang schaffen und Zutrauen erwerben könnten, und daß sie alsdann um so erfolgreicher die Lehre f dem Gottesreiche vortragen würden. Endlich belehrte er sie , auch darüber, wie sie sich zu verhalten hätten, wenn sie irgendwo keine freundliche Aufnahme fänden. Alsdann sollten sie durch das Abschütteln des Staubes von den Füßen zu erkennen geben, daß es ihnen nicht um irdischen Gewinn zu thun gewesen sey, sondern daß sie den Menschen Gelegenheit ihätten verschaffen wollen, eines höhern Glücks theilhaftig zu werden. Zugleich bemerkte Jesus, daß ein solcher Ort, wo sie Z04 Fünftes Buch. keine gute Aufnahme finden würden, eine schwere Verantwortung auf sich laden werde. Dabei stiegen trübe Erinnerungen in seiner Seele auf, und mit inniger Trauer gedachte er, daß gerade an den Orten, wo er sich am meisten aufgehalten hatte, seine Belehrungen nicht sehr zu Herzen genommen wor- W den waren. Daher spricht er auch über Chorazin, Bethsaida A und Kapernaum bittern Tadel aus (Vergl. Matth. II,» 20 — 24.). Indem er hierauf seine 70 Jünger entließ erklärte er ihnen noch, daß sie ganz seine Stelle verträten, und daß daher dasjenige was ihnen widerfahren würde, eben so werde angesessn werden, als sey es ihm selbst widerfahren. Nachdem seine Jünger sich von ihm entfernt hatten reiste Jesus wahrscheinlich bald darauf ihnen nach und kam nach Judäa. Hier kehrte er in einem Flecken Bethanien ! ein, der ohngefähr eine Stunde östlich von Jerusalem in der Nähe des Oelbergs lag. Den Namen Bethania, Ort der Datteln, führte der Flecken mit Recht; denn in seiner Umgegend wurden viele Dattelpalmen mit Sorgfalt gezogen und gepflegt. Er befand sich in dem Gebiete des Stammes Benjamin und war der Ort, wo Jesus in der letzten Zeit seines Erdenlebens öfter weilte und unter liebevollen Freunden Er- hohlung und Erheiterung fand, als ein unfreundliches Geschick ihm begegnete. Da Johannes (11, 1.) Bethanien den Flecken der Maria und Martha nennt, so entstand die Sage, daß- dieser Ort dem Lazarus und seiner Familie gehört habe. Noch heutiges Tages hat Bethanien eine schöne Lage südöst- lich am Fuße des Oelberges; aber man findet keine Spar ' von Wohlhabenheit daselbst mehr; denn das Dorf besteh! größtenteils aus Ruinen, und in erbärmlichen Hütten wohnen einige arme türkische Familien, unter denen der Vornehmste die Abgabe einnimmt, welche die Christen entrichte» müssen, wenn sie die sogenannten heiligen Oerter besehn wollen, denn man zeigt noch daselbst die Ruinen von dem Hau>e des aussätzigen Simons, von dem Hause des Lazarus, drr Martha und Maria und die Begräbnißhöhle des Lazarus. In Bethanien kehrte Jesus in dem Hause der War- > tha ein, deren nähere Bekanntschaft er vielleicht jetzt erst > machte, und die wahrscheinlich die hinterlassene Wittwe vo»! Reisen Jesu der dritten Periode rc. 305 dem aussätzigen Simon war. Sie scheint sehr begütert gewesen zu seyn und soll später einen gewissen Jesus Gamala gehcirathet haben, der Beisitzer des Synedriums zu Jerusalem war und noch während des letzten Krieges der Juden gegen die Römer und bei der Belagerung Jerusalems lebte. Da es damals noch keine Herbergen und Wirthshäuser gab, so mußten die Reisenden, wenn sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollten, bei irgend Jemandem einsprechen, und konnten auch darauf rechnen, daß sie höflich und freundlich aufgenommen wurden; denn die Gastfreiheit war sehr groß und Gastfreundschaft wurde heilig gehalten. Jesus nun, der mit tiefem Blicke die. Herzen der Menschen durchschaute, vermochte um so eher eine solche Auswahl zu treffen, wenn er wo einsprechen wollte, daß er schon im Voraus einer liebreichen Ausnahme versichert seyn konnte. Diese fand er bei der Martha im höchsten Maße. Denn mit der größten Geschäftigkeit machte sie die Hauswirthin und bot Alles auf, um Jesum auf das beste zu bewirthen. Damals lebten die Frauen der Morgenländer, vorzüglich der mittleren und niedrigen Stände, noch nicht so abgeschlossen wie heutiges Tages. Nur die Frauen der vornehmsten Juden wohnten in einem abgesonderten, gewöhnlich dem hintersten Theile des Hauses, dessen Fenster nicht auf die Straße sondern in den Hof gingen. Die Frauen der andern Juden besorgten die häuslichen Geschäfte sogar ohne verschleiert zu seyn. Hauptsächlich lag ihnen das Kochen der Speisen und »die Zubereitung des Backwcrks ob; nur das Schlachten der Thiere, welche gegessen werden sollten, besorgten gewöhnlich männliche Personen, entweder die Sklaven, oder der Hausherr selbst. Während Martha für die Bcwirthung Jesu sorgte und geschäftig ab und zu ging, um ihm bei der Mahlzeit die ^ nöthigen Handreichungen zu leisten, saß ihre Schwester, Ma- : ua, zu Jesu Füßen, wahrscheinlich zur rechten Seite desselben, da der Speisende auf den linken Arm sich stützte und - die Füße im Kniee gebogen hinter sich hinaus ragen ließ, t und hörte aufmerksam auf die Worte des göttlichen Lehrers, , die von großem Werthe für sie waren. Da trat Martha zu s 20 306 Fünftes Buch. Jesu und sagte vertraulich zu ihm: „Herr, billigst du es denn, daß meine Schwester mich die Arbeit allein thun läßt? Heiße ihr doch, mir bcizustehn." Darauf erwiederte Jesus: „Martha, du bist gar zu geschäftig und bereitest zu Vieles. Für Eins ist hauptsächlich Sorge zu tragen und Maria weiß, was ihr vorzüglich heilsam ist; davon darf sie nicht abgebracht werden." Ein Gast, der wie Jesus mit Wenigem zufrieden war und so überaus freundlich und liebreich sich bot, auch durch seine Belehrungen und Reden überhaupt Geist und Herz zu fesseln vermochte, mußte nun zu jeder Zeit bei solchen gutmüthigen und biedern Leuten, wie Martha und Maria und deren Bruder Lazarus oder Eleasar waren, willkommen seyn, und es konnte nicht fehlen, daß Jesus bei ihnen sich wohl fühlte. Da Jesus gern auf Anhöhen sein Herz zu seinem himmlischen Vater erhob und sein Gebet vor denselben brachte, so begab er sich jetzt von Bethanien wahrscheinlich auf den nahe liegenden Oelberg und betete daselbst. Als er das heilige Geschäft beendigt hatte, bat ihn einer seiner Jünger, ihn und seine Mitjünger beten zu lehren, wie dieses Johannes der Täufer seinen Schülern gethan habe. Hierauf trug er ihnen abermals jenes einfache und doch äußerst inhaltsreiche und würdige Gebet vor, das er ihnen schon in der Bergpredigt bekannt gemacht hatte, bei welcher vielleicht jener Jünger nicht zugegen gewesen war. Zugleich theilte er noch einige Belehrungen über das Wesen des Gebetes mit. Da, wo Jesus das Vaterunser jetzt seinen Jüngern vorgetragen haben soll, an dem Abhänge des Oelberges, wurde in der Folge eine Kapelle erbaut, von welcher man noch jetzt die Trümmer zeigt. Zu jener Zeit geschahe es auch, daß ein Schriftgelehrter zu Jesu kam und ihn fragte^ was er thun müsse, um ewig selig zu werden? Wahrscheinlich hielt er diese Frage für verfänglich und schwer zu beantworten. Allein Jesus durchschaute dessen Falschheit und ließ sich nicht in Verlegenheit bringen. Er vcrwieß jenen auf das Mosaische Gesetz und fragte, ob er nicht wisse, was dasselbe vorschreibe? M hierauf der Schriftgelehrte die rechte Antwort ertheilte, so ein- ^ Reisen Jesu der dritten Periode rc. 807 pfähl ihm Jesus, es nicht allein beim Wissen bewenden zu lassen, sondern jenes Gebot auch in Ausübung zu bringen- Doch der Schriftgelehrte ließ sich damit nicht abweißen, sondern fragte von neuem, wer sein Nächster sey, und gegen wen er Menschenliebe üben solle? Nun erzählte Jesus jenes schöne Gleichniß von dem barmherzigen Samariter, durch welches die Frage des Schriftgelehrten vollständig und deutlich beantwortet wurde. Als Jesus in Galiläa, vielleicht in Kapernaum, wieder angelangt war, kamen auch die 70 ausgesendeten Jünger nach und nach zu ihm zurück und erzählten ihm voller Freude, was sie vollbracht hatten, und daß sie sogar im Stande gewesen wären, die Besessenen zu heilen, deren Heilung man für sehr schwer hielt. Hierauf erklärte ihnen Jesus, er wisse es, daß durch sie dem Bösen Abbruch geschehn sey, und daß sie in der Folge noch mehr zur Vertilgung desselben wirken würden; aber sie sollten sich nicht sowohl darüber freuen, daß sie schwierige Heilungen verrichtet hätten, sondern vielmehr darüber, daß sie Gott nun als seine Arbeiter kenne. Jetzt empfand auch Jesus selbst eine innige Freude, weil er seine Bemühungen nicht ganz fruchtlos sahe und er in seinen Jüngern Leute erblickte, die nach seinem Scheiden von der Erde sein Werk fördern würden Daher sagte er den innigsten Dank seinem himmlischen Vater, daß dieser seine Mühe, die er auf die Bildung seiner Jünger gewendet, gesegnet hatte.. Endlich pries er seine Schüler glücklich, daß sie gewürdigt worden wären, seiner Nähe sich zu erfreuen und durch ihn Theil an dem Glück zu gewinnen, wornach so Viele sich umsonst gesehnt hätten. XXXXI. Jesus geht nach Jerusalem zum Laubhüttenfeste. «Loh. 7-10. 1-21., Als Jesus in Galiläa weilte, kam die Zeit herbei, wo das Laubhüttenfest gefeiert wurde. Da redeten einige seiner > nahen Anverwandten ihm zu, daß er nach Jerusalem zur ^ Feier des Festes gehn sollte, um seinen dort befindlichen An- 20 * 308 Fünftes Buch. Hängern seine außerordentlichen Thaten zu zeigen; denn wer Großes vollbringen wolle, dürfe nicht verborgen sich halten. Dieses sagten sie wahrscheinlich, um selbst über seine Würde mehr Gewißheit zu erlangen, da sie ihn noch nicht als den Messias anerkannten und vielleicht meinten, wenn er es wirklich sey, so werde dieses zu Jerusalem während des Festes kund werden. Auf ihre Mahnung erwiederte Jesus: „Für mich ist es noch nicht an der Zeit, diese Reise anzutreten; ihr hingegen könnt zu jeder Zeit gehn. Ihr habt keine Gefahr zu fürchten; mich aber feindet man an, weil ich unvcr- holcn das Unrecht tadle. Daher geht ihr jetzt hin zum Feste; ich muß noch hier bleiben; denn noch stehe ich nicht am Ziele meiner irdischen Laufbahn." Auch ging Jesus wirklich nicht mit seinen Verwandten nach Jerusalem, sondern blieb noch einige Zeit in Galiläa, weil er erst dann in Jerusalem auftreten wollte, wenn das Volk schon zahlreich versammelt war, um nicht unbemerkt von seinen Feinden aufgegriffen zu werden. Das Laub Hütte »fest war eins der jüdischen drei Hauptfcste, zu deren Feier alle Mannspersonen der Juden in Jerusalem erscheinen mußten. Es wurde um die Zeit der Herbsttag.- und Nachtgleiche gefeiert und begann am 13. Tage des Monats Tisri, welcher der erste Monat in dem bürgerlichen Jahre und der siebente im Kirchenjahre der Juden war, und zum Theil mit unserem September zusammen traf, und wurde acht Tage lang gefeiert. Während dieser Zeit mußten die Juden in Hütten, die aus grünen Zweigen errichtet worden waren, wohnen zum Andenken an den vierzigjährigen Aufenthalt ihrer Vorältern in der Wüste, wo jene ebenfalls nur in Hütten gewohnt hatten (3. Mos. 23, 34 u. ff). Zugleich feierte man es zum Danke für die Obsternte und Weinlese, die nun beendigt war; daher hieß es das Fest j der Einsammlung (2. Mos. 23, 16.). Zuweilen wird es auch blos das Fest genannt. Es wurde vorzüglich feierlich begangen; deshalb nennt es Josephus das größte, heiligste ^ und herrlichste Fest. Man versah sich mit grünen Vaumzweigen von dreierlei Art (3. Mos. 23, 40.). Jeder Jude nahm einen Palmen- zweig, drei Myrtenzweige und zwei Weidenäste und band diese Reisen Jesu der dritten Periode rc. 309 - alle zusammen, so daß sie einen Büschel ausmachten, in wel- l chem der Palmzwcig am weitesten hervorragte; weshalb dieser Büschel auch Lulab, Palmenbusch, genannt wurde. Die- ' scn Büschel trug man in der rechten Hand, und in' der linken hielt man einen Zweig mit Früchten von einem Obst- baume. Sobald ein Knabe so groß und stark war, daß er einen solchen Palmbusch tragen konnte, mußte er auch einen während des Laubhüttensestcs führen. Wer am Feste nicht einen Büschel der Art des Morgens trug, durfte des Mittags nicht essen. Des Nachmittags stellte man aber die Palmenbüsche in das Wasser, damit sie für die Dauer des Festes grün blieben. Dieser Büschel sollte ihnen zur Erinnerung dienen, daß Gott sie aus der Wüste in ein fruchtbares Land geführt hatte. Die Hütten wurden aus grünen Zweigen von verschiedenen Bäumen, unter freiem Himmel errichtet, und durften mit keiner dichten Decke versehn seyn; sondern man mußte durch dieselbe den Himmel sehn können. In diesen Hütten mußten die Juden wenigstens die 7 ersten Tage des Festes wohnen, schlafen, essen und alle ihre Geschäfte verrichten. Nur Kranken, welche die freie Lust nicht vertragen konnten^ war es vergönnt, in den Häusern zu bleiben; auch durste man bei einfallendem heftigen Platzregen Zuflucht unter den Dächern suchen. Uebrigens konnten die Hütten in den Garten, uur nicht unter Bäumen, oder auf den Straßen, oder auch auf den platten Dächern der Häuser errichtet werden. Die Priester und Leviten erbauten sich Hütten in den Vorhöfen ! des Tempels, denn in dieser Hinsicht fand keine Ausnahme I statt. Auch außerhalb der Stadt Jerusalem durfte man ! Hütten errichten, was bei der Menge der anwesenden Juden nothwendig wurde; nur mußte man sich auf den Bezirk einschränken, der nirgends über einen Sabbatherweg von der Stadt sich entfernte. Um die Hütten gehörig in den Stand zu setzen, fanden sich die Juden gewöhnlich einige Tage vordem Feste in Jerusalem ein. Auch dieses Fest hatte in seiner Feier manches Aehnliche ! mit dem Passahfeste. Am Rüsttage badete und reinigte man 310 Fünftes Buch. sich und legte die Feierkleider an; im Tempel aber wurden die Mauern der Vorhöfe mit schönen Teppichen behängt. Der erste Festtag wurde sehr heilig gehalten; denn an ihm durfte durchaus keine Arbeit verrichtet werden. Um Mitternacht öffnete man die Thore des Tempels und bei Anbruch des Morgens waren die Vorhöfe mit Juden angefüllt, die in ihren Feierkleidern prangten, ihr Haupt gesalbt hatten und den Palmenbusch in den Händen trugen. Jetzt begann das gewöhnliche Morgenopfer; aber während dieses Festes wurde dabei nicht allein Wein dargebracht, sondern auch Wasser. Dieses holte ein Priester in einer goldnen Kanne aus der Quelle Siloah und brachte es durch das Wasscrthor in den innern Vorhof. Hier übergab er es einem andern Priester, der es unter den Wein mischte und hernach die Mischung an dem Brandopferaltare ausschüttete. Während dieses Vorganges wurde mit Trompeten geblasen und das Volk sang die Worte des Propheten Jesaias (Jes. 12, 3.): „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen." Dieses geschah an jedem Tage des Laubhüttenfestes und zwar nicht allein bei dem Morgenopfcr, sondern auch bei dem Abendopfer. Dieser Gebrauch war übrigens nicht von Moses anbefohlen, sondern er soll erst durch die Propheten Haggai und Sacharja nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft eingeführt worden seyn, und zwar um von Gott einen gnädigen Regen für das Gedeihen der Saat zu erbitten. Nach dem Morgenopfer brachte man die Festopfer dar, die nicht an jedem Tage gleich waren. Am ersten Festtage wurden 13 junge Stiere, 2 Widder und 14 jährige Schaffe mit den dazu gehörigen Mehl- und Trankopfern als Brand- opfer dargebracht und ein Bock als Sündopfer. An den folgenden Tagen bis zum siebenten wurde jeden Tag ein Stier weniger geopfert, so daß am siebenten Festtage nur sieben Stiere geschlachtet wurden; die übrigen Opfer aber bliebe» dieselben. Während dieser Opfer ertönten die Trompeten und das Volk sang dieselben Psalmen, welche man am Passalffcste zu singen pflegte; auch gingen die versammelten Juden um den Brandopferaltar herum und schüttelten dabei die Palmen- büsche. Das geschah an den ersten sechs Tagen des Festes Reisen Jesu der dritten Periode rc. S11 täglich nur einmal; am siebenten aber gingen sie siebenmal „n, den Altar. Indem sie herumgingen riefen sie: „Hosianna," d. i. hilf doch! Hierauf konnten die Juden ihre besondern Opfer darbringen, die sie aus Dankbarkeit gegen Gott, oder zur Sühne ihrer Vergehungen spenden wollten; denn jene oben genannten Opfer wurden im Namen des ganzen Volkes geschlachtet. Nachdem die Opfer vollendet waren, besuchte man die Synagogen, in denen an dem Laubhüttenfeste die Vorlesung des Gesetzes und der Propheten beendigt wurde. Den nächsten Sabbath darauf begann man beide von neuem vorzulesen. Sobald das Abendopfcr dargebracht worden war, überließ man sich der Freude. Die Jsraelitcn begaben sich nun aus dem innern Vorhofe in den äußern. Hier wurden große goldne Leuchter aufgehängt, die angezündete Lampen trugen und einen solchen hellen Glanz verursachten, daß man ihn in ! allen Theilen der Stadt bemerkte. Im Schimmer der Lam- s pen tanzten nun die Vornehmsten der Priester und des Vol- ; kcs, indem sie brennende Fackeln in den Händen trugen und dabei Psalmen sangen. Auf den Stufen aber standen die Leviten und machten Musik, und das Volk sah zu. Diese Belustigung, bei welcher es zuweilen etwas ausgelassen zuging, währte beinahe die ganze Nacht hindurch, und wurde an jedem Abende der übrigen Festtage wiederholt. Der achte Tag, welcher auch das große Hosianna hieß, war wieder ein vorzüglich heiliger, an welchem keine Arbeit verrichtet werden durfte. An ihm wurden aber nur ein junger Stier, ein Widder und 7 jährige Schaafe als Brandopfer nebst den gewöhnlichen Mehl- und Trankopfern und ein Bock als Sündopfer dargebracht. An den übrigen ! Festtagen, die zwischen dem ersten und letzten lagen, den Sabbath ausgenommen, der darunter sich befinden konnte, durste man Geschäfte treiben. Nachdem Jesu Verwandte ihre Reise nach Jerusalem angetreten hatten, und die Festkaravanen überhaupt schon abgegangen waren, da machte Jesus sich ebenfalls auf den Weg ; denn wie hätte er gegen das Gesetz fehlen und das Fest versäumen sollen, da er stets als treuer Verehrer des Höchsten 312 Fünftes Buch. sich zeigte? Mochten auch Gefahren in Jerusalem seiner harren; muthig folgte er dem Rufe der Pflicht, und mit Vertrauen zu seinem himmlischen Vater erfüllt, fürchtete er seine Feinde nicht; denn ihm konnte ja nicht mehr geschehn, als Gott ihm widerfahren lassen wollte, und dessen Wille war ihm heilig. Ohne Aufsehn zu erregen, vollendete er seine Reise. Unterdessen hatte das Fest schon begonnen und man wunderte sich, daß Jesus nicht erschienen war. Verschiedene Meinungen wurden über ihn laut: Einige erklärten ihn für einen rechtlichen Mann, Andere aber, seine Feinde, vorzüglich die Mitglieder des hohen Rathes, nannten ihn einen Betrüger und Volksvcrführer. Seine Freunde und Anhänger aber wagten nicht offen und frei von ihm zu sprechen und ihn zu vertheidigen, weil das Synedrium ihnen mit dem Banne gedroht hatte. Als die erste Bewegung unter dem Volke vorüber war, erschien Jesus endlich um die Mitte des Festes in dem Tempelgebäude. Er trat in der Synagoge auf, die sich in der dreifachen Säulenhalle auf der Morgenseite des Tempels befand, und in welcher die Rabbincn mit ihren Schülern hauptsächlich über solche Stellen des Gesetzes, die eine verschiedene Auslegung zuließen, sich zu unterreden pflegten. Hier erklärte auch er die heiligen Schriften, obgleich er nie Schüler eines Nabbinen gewesen war, denen dieses Recht gewöhnlich nur eingeräumt wurde. Daher verwunderten sich auch die Juden, als Jesus hier auftrat und lehrte, und konnten nicht recht begreifen, woher er seine Kenntniß der heiligen Schriften hatte, weil er zu keinem Rabbinen in die Schule gegangen war. Als Jesus ihre Verwunderung bemerkte, versicherte er, seine Lehre sey nicht von ihm selbst, sondern von Gott, der ihn gesendet habe; auch würde Jeder dieses als wahr bestätigt finden, der seiner Lehre gemäß lebe. Ja die Wahrheit seiner Behauptung ergebe sich schon daraus, daß er nicht eitlen Selbstruhm suche, sondern nur Gott verherrlichen wolle. Hierauf erinnert er an das, was an dem letzten Passah- fcste geschehn war und tadelt das Verfahren des hohen Rathes, der ihn todten lassen wollte, weil er am Sabbathe einen Kranken geheilt hatte. Manche, wahrscheinlich Fremde, 313 j Reisen Jesu der dritten Periode rc. die von jenem Vorgänge keine Kunde hatten, wußten nicht, wovon Jesus sprach und meinten daher, er müsse nicht recht Lei Sinnen seyn; Andere aber erinnerten sich jenes Vorfalls und wunderten sich, daß Jesus so freimüthig sprach und daß man von Seiten des hohen Rathes dieses so hingehn ließ. : Sie sagten daher: „Hat ihn das Synedrium nun vielleicht ^ als den Messias erkannt?" fügten aber auch sogleich zweifelnd hinzu: „das kann nicht wohl seyn; denn wir kennen Jesum nach seiner Herkunft genau; des Messias Herkunft aber wird unbekannt seyn." Viele hegten nämlich die Meinung, der Messias werde in den Wolken des Himmels erscheinen und aus denselben sichtbar zur Erde hernieder schweben. Auf jene Rede erwiederte Jesus: „Mich kennt ihr wohl meinen äußern Verhältnissen nach, aber der, welcher mich gesandt hat, ist euch nicht bekannt. Ich aber kenne ihn, weil ich von ihm ausgegangen bin." Nach diesen Worten hätten seine Feinde ihn gern ergriffen; allein sie scheusten sich doch, jetzt Hand an ihn zu legen. Viele hingegen wurden durch die Kraft und den Freimuth seiner Rede bewogen, ihn für den Messias zu halten. Als die Pharisäer und Hohenpriester Kunde davon bekamen, schickten sie Gerichtsdiener ab, um Jesum gefangen zu nehmen. Doch diese wurden von Jesu Reden so bewegt, daß sie unverrichteter Sache zurückkehrten und denen, die sie ausgesendet hatten, erklärten, noch kein Mensch habe so wie Jesus gesprochen. Am letzten Tage des Festes, vielleicht eben da, als der ^ Priester das Wasser aus der Quelle Siloah herbeibrachte, ! um es unter den Wein zu mischen und mit demselben an den Altar zu gießen, rief Jesus in dem Vorhofe des Tempels i aus, um bei den Versammelten, die nun bald aus einander ! gingen, einen tiefen Eindruck zurückzulassen: „Wer Durst E hat, der komme zu mir und trinke; denn wer mir Vertrauen s schenkt, wird nicht nur selbst volle Befriedigung finden, son- ! dern auch Andere satt machen können." Diesen Ausspruch ! bezicht der Evangelist Johannes auf die Kraft des göttlichen ! Geistes, mit welcher die Apostel am Psingstfeste nach Jesu I Scheiden erfüllt wurden. Jesu Rede veranlaßte auch Viele, ^ >h» für einen göttlichen Lehrer, oder für den Messias zu hal- 314 Fünftes Buch. ^ ten; Andere hingegen bezweifelten, daß der Messias aus Ga- liläa kommen werde. Niemand aber wurde erbitterter gegen ihn, als die Pharisäer, vorzüglich als Diejenigen, welche sie ausgesendet hatten, um Jesum zu ergreifen, zurückkamen und selbst von dem göttlichen Lehrer eingenommen waren. Daher erklärten sie, wahrscheinlich in dem hohen Rathe, daß nur ^ aus Dummheit das Volk Jesu Beifall schenken könne. Hier konnte der rechtliche Nikodemus, der ein geheimer Freund Jesu war, sich nicht enthalten, ihnen zu Gemüthe zu führen, daß!s es nach dem Gesetze (Z. Mos. 19, 12.) nicht erlaubt sey, ^ einen Menschen ungehörr zu vcrurtheilen. Allein darauf mußte ^ er den Vorwurf hören, daß er wahrscheinlich auch ein Galiläer, ein Anhänger Jesu sey. Die Nacht hindurch blieb Jesus nicht in Jerusalem, sondern er begab sich an den Oelberg, wahrscheinlich zu seinen Freunden in Bethanien, wo er sicherer vor den Nach- ! stellungen seiner Feinde war und sich von den mannichfaltigen ! Kämpfen und traurigen Erfahrungen des Tages erholen konnte, i Am folgenden Tage fand er sich frühzeitig wieder in dem i Tempel ein und belehrte das Volk, das dem Morgenopfer beigewohnt und sich um ihn versammelt hatte. Als er hier saß, führten Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau herbei, ^ die man auf einem Ehebrüche ertappt hatte *). Wahrschein- ^ lieh trafen sie Jesum nur zufällig, indem sie die Ehebrecherin ^ vor ihre Richter führen wollten, und benutzten die Gelegenheit, um Jesu eine verfängliche Frage vorzulegen und vielleicht Veranlassung zu finden, ihn als einen solchen darzustellen, der das Mosaische Gesetz nicht achtete, oder sich unbefugt einen Richterspruch anmaßte. Der Ehebruch wurde auch bei den Juden, so wie bei den meisten Völkern, als ein großes Verbrechen angeschn und daher nach dem Gesetze mit dem Tode bestraft (3. Mos. 20, 10. 5. Mos. 22, 22.). Das Gesetz bestimmt die Todes- ! strafe nicht namentlich; der Talmud aber behauptet, es sey i die Erdrosselung für die Ehebrecher festgesetzt; doch will man ^ .*) Die Geschichte von der Ehebrecherin fehlt in mehreren alten Hand- , schriften und daher wirb sie für nnächt gehalten, obschon auch in ihr Asns auf das würdigste und seinem Charakter gemäß sich zeigt. s Reisen Jesu der dritten Periode rc. 315 in manchen Fällen auch die Steinigung, als die geringere Strafe gelten lassen, obschon diese von dem Gesetze nur für ' den Fall bestimmt ist, wenn eine Verlobte ihrem Bräutigam nicht unbefleckte Treue hielt (5. Mos. 22, 23. 24.), oder wenn die Ehebrecherin die Tochter eines Priesters war. ^ Auch in diesem verfänglichen Falle benahm sich Jesus mit der größten Würde. Durch Schweigen gab er zu ver- stehn, daß ihm die Sache nichts angehe, und sein Schreiben ^' in den Sand zeigte von tiefem Nachdenken. Als sie aber ^ nicht aufhörten auf eine Antwort zu dringen, so sprach er: ) „Wer unter euch frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." In diesen Worten wollte er ihnen ihre böse Absicht, die sie bei der Frage hatten, zu Gemüthe führen. Als Jesus nach diesen Worten sich weiter nicht um sie bekümmerte, sondern wieder in den Sand schrieb, schlichen sie ' sich beschämt nach einander hinweg, so daß Jesus sich endlich mit der Frau allein sah. Diese entließ der göttliche Menschenfreund mit der Mahnung, hinfort nicht mehr zu sündigen, da es ihm nicht zukam, das gesetzliche Richteramt hier zu verwalten. Hierauf fuhr Jesus fort, das Volk zu belehren. Er verglich sich mit einem Lichte, das überall Hellung verbreite und dadurch das Wandeln der Menschen erleichtere. Die Pharisäer machten da die Einwendung, sein eignes Zeugniß von sich, könne nicht gültig seyn. Dagegen sprach Jesus: „Ich kann das gültigste Zeugniß von mir ablegen, weil ich genau weiß, wer ich bin; ihr aber urtheilt nur nach dem äußern Scheine, doch deshalb verdamme ich euch nicht."' Als dann geht er auf sein Verhältniß zu Gott über und auf das Zeugniß, das Gott, den er seinen Vater nannte, für ihn ablege, weil derselbe durch ihn wirke. Da nun seine Gegner wissen wollten, wer sein Vater sey, so antwortete er: „Wenn ihr micht kenntet, so würdet ihr auch meinen Vater kennen." Das sprach Jesus an dem Vorhofe der Weiber, wo dreizehn ! Kisten standen, in welchen die jährlichen Beisteuern für den Tempclschatz gesammelt, und manche Kostbarkeiten des Tempels aufbewahrt wurden. Es war also an einer Stelle, wo s viele Menschen vorübergingen, um ihre Gaben einzulegen; . 516 Fünftes Buch. und daher wagten auch seine Feinde hier nicht, sich an ihm zu vergreifen. Nun sprach Jesus von seinem nahebevorstehcnden Scheiden und erklärte, daß die Juden alsdann erst, aber vergeblich ihn herbei wünschen und daher dem Verderben verfallen würden; denn dahin, wo er sey, könnten sie nicht kommen. Die Juden, die seine Worte nicht verstanden, meinten spöttisch, er denke wohl auf Selbstmord, der bei ihnen als eins der größten Verbrechen galt und, nach ihrer Ansicht, Jeden nach dem Tode an den Ort der Verdammniß brachte. Allein Jesus zeigte ihnen nun mit hohem Ernste den unendlichen Abstand, der zwischen ihnen und ihm statt fand, da er mit Gott in der innigsten Verbindung stehe und dem Reiche Gottes angehöre, sie aber Kinder dieser Welt wären. Dieses sein höheres Verhältniß suchte er hierauf noch ausführlicher darzulegen, und das that er mit solchem Nachdrucke, daß Viele Vertrauen zu ihm gewannen. Zu diesen sagte er nun: „Wenn ihr nicht augenblicklich nur mir Zutrauen schenkt, sondern weine Belehrungen fortwährend fest haltet und befolgt, alsdann seyd ihr meine ächten Jünger; alsdann werdet ihr auch zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen und durch diese die wahre Freiheit gewinnen." Das Letztere siel den Juden auf und beleidigte sie, weil sie nach diesen Worten noch nicht frei seyn sollten, und sie sich doch durch die Abstammung von Abraham für Freie hielten. Daß Jesus von Geistesfreiheit und Freiheit von Sünden sprach, fiel ihnen nicht ein; daher legte Jesus alsdann ihnen den Sinn seiner Worte deutlicher dar. Zugleich demüthigt er aber auch ihren Stolz, indem er ihnen erklärt, daß sie sich nicht als würdige Kinder oder Nachkommen Abrahams zeigten, sondern vielmehr als Kinder des Teufels sich bewiesen. Dadurch wurden sie aber so aufgebracht, daß sie Jesum schmäheten und einen Samariter und Wahnsinnigen nannten. Und als Jesus ruhig dagegen sich vertheidigte und sein Verhältniß zu Gott und Abraham ihnen aus einander zu setzen suchte, nahmen sie seine Worte für Lästerungen Gottes und Abrahams und hoben Steine aus um ihn damit zu werfen, denn die Steinigung war die gewöhnliche Strafe für Gotteslästerer. Jesus aber wußte sich Reisen Jesu der dritten Periode rc. 317 auch jetzt ein solches Ansetzn zu geben, daß er mitten durch sie hindurchgehn konnte, ohne von ihnen gemißhandelt zu i werden. > Bald darauf traf Jesus auf der Straße einen Bettler an, der von Jugend auf blind gewesen war. Da, wie schon ! früher erwähnt worden ist, die Juden jedes Körperleiden als Strafe für eine besondere Versündigung ansahn, so fragten die Jünger ihren Meister, ob dieser Blinde wohl wegen seiner eignen Sünden, oder um der Vergehungen seiner Eltern willen mit seinem körperlichen Gebrechen zur Welt gekommen sey? Hierauf erwiederte Jesus, daß weder der Blinde, noch dessen Eltern gesündigt hatten, sondern daß Gott jenen habe blind geboren werden lassen, um an demselben seine Macht und Gnade durch ihn (Jesum) zu verherrlichen. Er müsse Gottes Absichten ausführen, so lange er noch lebe, und Gelegenheit dazu sich ihm darbiete. Nach diesen Worten spuckte Jesus aus die Erde, bereitete aus dem Speichel und Staube eine Salbe und strich diese auf die Augen des Blinden. Alsdann befahl er demselben, an den Teich Siloah zu gehn und sich mit dem Wasser desselben die Augen abzuwaschen. Das that der Blinde, und ward sehend. Die Quelle Siloah, deren Name gesandt bedeutet, befindet sich an der Südostseite der Stadt Jerusalem, an dem Fuße des Berges Zion und ist die einzige lebendige Quelle der Stadt. Sie kommt aus einem Kalkfclsen hervor und hieß auch Gihon (2. Chron. 32, SO.). Mau steigt auf ohngefähr 20 steinern Stufen zu ihr hinab. Ihr Wasser soll ein milchartiges Ansetzn haben, aber krystallhell seyn und ! sehr angenehm, wenn schon etwas salzig schmecken. Es fließt in einen Teich, der sich am Fuße des Berges Moriah befindet, nicht groß ist und mit Bogen überwölbt war, wie einige noch vorhandene Säulen zeigen. Dieser Teich hieß der Kö- nigsteich (Nehem. 2, 14.), weil aus ihm die königlichen ^ Garten gewässert wurden; auch nannte man ihn den obern - Teich. Noch jetzt wird das Wasser aus diesem Teiche vermittelst eines Kanals in die Gärten von Jerusalem geleitet, die dadurch reichlich gewässert und sehr fruchtbar gemacht werden. Aus diesem Teiche fließt das Wasser unter einem ! 318 Fünftes Buch. überhängenden Felsen in einen mit Steinen ausgesetzten Behälter, welcher der untere Teich hieß (Jes. 22, 9.). Von da ergießt es sich in den Bach Kidron. Die Quelle Siloah soll eine Art von Ebbe und Fluth haben, nämlich sechs Stunden hindurch reichlich fließen und sechs Stunden lang versiegen ^). Auch soll sie mit dem Marienbrunnen (Siehe Seite 163.) in Verbindung stehn, mit dem sie aber nicht verwechselt werden darf. Auf der entgegengesetzten Seite des Felsens, nach der Stadt zu, hat die Quelle Siloah einen andern Ausfluß. Daher ließ der König Hiskia, bei der Belagerung Jerusalems durch Sanherib, die Quelle außen verstopfen, so daß das Wasser nur in die Stadt floß, die Belagerer aber Mangel daran litten (2. Chron. 32, 3. u. 4.). Dasselbe ließ der Emir Jfthikhcr El-Daulah thun, als die Kreuzfahrer im Jahre 1099 das erstemal Jerusalem belagerten. Und als Richard Löwenherz, der König von England, Jerusalem belagern wollte, wurde er davon durch dasselbe Verfahren abgehalten, das damals Saladin anwenden ließ. Einige Schritte abendwärts von der Quelle Siloah befand sich der Thurm Siloah (Luk. 13, 4.). Er gehörte zur Stadtmauer und soll von dem Könige Hiskia erbaut worden seyn, um von ihm die Quelle gegen die Unternehmungen der Feinde besser vertheidigen zu können. Als der Blinde sehend geworden war, wunderten sich Alle, die ihn als blinden Bettler gekannt hatten und waren ungewiß, ob es der alte Bekannte sey, oder nicht, bis er selbst erklärte, daß er jener Blinde gewesen wäre. Nun fragte man ihn, woher er seine Sehkraft bekommen habe; da erzählte er den Hergang der Sache. Bei der Erzählung ergab es sich, daß die Heilung an einem Sabbathe geschehn war; deshalb führten die Leute den Geheilten vor das Sy- > nedrium, damit dieses den Fall näher untersuchen sollte, weil *) Nach einer Sage, welche Epiphanus erzählt, soll die Quelle wahrend der Belagerung Jerusalems durch Sanherib auf das Gebet des Propheten Jesaias entsprungen seyn und jedesmal, wenn die Juden zu ihr kamen, reichliches Wasser gegeben, den Feinden hingegen ihr Wasser versagt habe». Josephus berichtet aber, während der Belagerung durch Litus hake die Quelle Siloah den Einwohnern von Jerusalem kein Wasser gespendet und dasselbe den Römern reichlich gegeben. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 319 das SabbalhsgcseH verletzt worden zu seyn schien. Der Geheilte mußte den Hergang vor dem Synedrium erzählen, und nun erklärten die Pharisäer, Jesus könne kein Gottgesandter seyn, weil er den Sabbath nicht in Ehren halte. Dagegen meinten Andere, daß ein Sünder wohl nicht so ausgezeichnete Thaten verrichten könne, als Jesus vollbringe. Der Geheilte wurde nun gefragt, wofür er seinen Arzt halte; und dieser erklärte ihn ohne Scheu für einen Propheten. Die Pharisäer 'fürchteten einen Betrug und ließen daher die Eltern des j! Menschen kommen, damit diese nähere Auskunft über ihren ^ Sohn geben sollten. Die Eltern berichteten die Wahrheit; s aber die Pharisäer wurden dadurch nicht zufrieden gestellt, und da der Geheilte Jesum durchaus für einen Gottgesandten er- u klärte, so ließen sie ihren Unwillen an demselben aus und ! thaten ihn in den Bann. - Dieses erfuhr Jesus, und als er hierauf den Geheilten ! antraf, fragte er denselben, ob er ihn als den Messias anerkenne? Da siel der Dankbare ihm zu Füßen und bejahte Jesu Frage. Während dieses geschah hatten sich mehrere Menschen um Jesum gesammelt, unter denen sich auch Pharisäer befanden. Jesus von jenem Vorfalle veranlaßt, sprach daher: „Durch meine Erscheinung unter den Menschen wird es kund, daß die leiblich Blinden und bisher Unwissenden mit der Wiedererlangung ihres Gesichts auch geistig sehend oder verständig werden; die leiblich Sehenden aber und die sich klug Dünkenden geistig blind bleiben und die bessern Belehrun- i gen nicht annehmen." Die Pharisäer, die dieses hörten, merkten wohl, was Jesus sagen wollte und fragten daher: .»„Hältst du uns auch für blind?" Darauf erwiederte Jesus: M„Wenn ihr euch für so blind hieltet, als ihr wirklich es seyd, 8 so wäre es gut, denn dann würdet ihr euch belehren lassen ^»»d ihr machtet euch frei von Sünde; da ihr euch aber nicht Usür blind haltet, sondern schon Alles zu wissen vermeint, so H bleibet ihr in eurem mangelhaften und verderbten Zustande D und werdet alfo auch nicht frei von Sünde." Hierauf vergleicht sich Jesus mit andern Lehrern, wie bie gewöhnlichen Schriftgelehrten und die Pharisäer waren, 1 denen nicht sowohl das wahre Heil des Volkes, als vielmehr 320 Fünftes Buch. ihr eigner Vortheil am Herzen lag. In dieser Vergleichung stellt er sich unter dem schönen Bilde eines wahren Hirten, und den selbstsüchtigen, falschen Lehrer unter dem eines Diebes dar. Der Hirt führte nämlich im Morgenlande die Hcerden mit Einbruch der Nacht in einen unbedeckten Raum, der mit einer niedrigen, aus Steinen errichteten Mauer umschlossen war. An die Thür, durch welche man in dessen Raum ging, stellte er einen bewaffneten Knecht, damit derselbe die Nacht hindurch Wache halten und keinen Dieb durch die Thür zu den Schaafen einlassen sollte. Wenn also Räuber kamen, so suchten sie nicht die Thür auf, sondern stiegen irgendwo über die Mauer. Mit Anbruch des Morgens aber kam der Hirt und wurde von dem wachthabenden Knechte durch die Thür zu den Schaafen eingelassen; er lockte nun den Leithammel nach sich, dem die ganze Heerde folgte, welche der Hirt auf diese Weise, indem er voranging, nach der Weide führte. Die Juden jedoch faßten den Sinn des Gleichnisses nicht. Daher vergleicht sich Jesus nun mit der Thür, die zu den Schaafen führt, und sagt mit diesem Bilde, daß mn» allein durch ihn in das Gottesreich und zur achten, dauernden Glückseligkeit gelangen könne. Endlich vergleicht er sich mit einem sorgsamen und liebevollen Hirten, der Alles uneigennützig für seine Schaafe thut, sie in keiner Gefahr verläßt und sogar sein Leben für ihr Wohl zum Opfer bringt. Deshalb aber werde er auch von Gott geliebt, weil er bereitwillig sey, ohne Zwang und ohne Murren, sein Leben zu opfern. Allein auch jetzt wurde er nicht verstanden, und daher erklärten ihn Viele für wahnsinnig; Andere hingegen meinten, ein Wahnsinniger könne nicht so sprechen und solche Thaten verrichten, wie Jesus vollbracht habe. , XXXXII. Jesus geht von Jerusalem über den Jordan nach Peraa in dn Gegend von Belhabara. (Matth. 19, 1—12. Mark. 10, 1—12.) Da Jesus bei seinem Aufenthalte in Jerusalem mancherlei Anfechtungen fand und bemerkte, daß die Pharisäer und Reisen Jesu der dritten Periode rc. 321 Schriftgelehrten beharrlich ihm entgegen waren, so eilte er „ach Beendigung des Festes hinaus aus der Stadt an die Grenzen der Provinz Judäa und begab sich jenseit des Jordans in das eigentliche Peräa, wo er sich beim Beginn seines Lehramtes schon aufgehalten hatte. Eine Menge Menschen folgte ihm nach, die von dem Feste zurückkehrten; und da es unter ihnen nicht an Kranken und Gebrechlichen fehlte, sa wurde Jesu Hülfe auf mannichfaltige Weise in Anspruch genommen; und Jesus bewährte sich auch jetzt als den lieb- - reichen Menschenfreund, der seine Freude daran fand, das ^ Elend der Brüder zu mindern. Aber auch hier suchten ihn seine Feinde, die Pharisäer, auf und ließen ihn nicht unangefochten. Abermals war es eine verfängliche Frage, die sie ihm vorlegten, und zwar über die Rechtmäßigkeit der Ehescheidung, die bei den Juden so leicht statt finden konnte. Doch Jesus ließ auch durch diese .Frage sich nicht in Verlegenheit setzen; und da er den Menschen nach seinem edleren Wesen auffaßte und in einer hohem Würde darstellen wollte, so erklärte er den Ehebund, s cls wohlgemeinte und weise Anordnung Gottes, für heilig, ^unverletzlich und unauflöslich, und wollte eine Scheidung nur in dem äußersten Nothfalle gelten lassen. Dabei ließ er nicht unbemerkt, daß Moses die Ehescheidung nur gedultet habe, um größeres Unheil zu verhüten, das bei einem feindlichen und lieblosen Benehmen der Eheleute gegen einander leicht eintreten konnte. Jetzt war es wohl auch, wo er der Menge, die um E ihn sich versammelt hatte, manche von den Gleichnissen vor- s trug, welche die Evangelisten uns aufbewahrt haben, und die ' in einfacher Erzählung die wichtigsten und heilsamsten Wahrheiten und Lehren enthalten und eindringlich an das Herz * >!M. Das eigentliche Peräa oder Peräa im engern Sinne >unr der südliche Theil des jüdischen Landes jenseit des Jor- dnns, das sonstige Gilead, zunächst an und über dem todten Meere. Es umfaßte den größten Theil von dem Gebiete des Stammes Gad und den ganzen Stamm Rüben »»d wird jetzt El Belka genannt. Gegen Norden grenzte 21 322 Fünftes Buch. es au Batanaa, von dem es durch den Bach Jabok getrennt wurde; gegen Osten stieß es an das wüste Arabien oder an das alte Gebiet der Ammoniter und Moabiter; gegen Süden reichte es bis an den Fluß Arnon, den heutigen Wadi Mudscheb, der aus dem wüsten Arabien kommt und sich in das todte Meer ergießt; und gegen Westen wurde es durch das todte Meer und den Jordan von Judäa und Samaria geschieden. Josephus schildert diese Provinz als ziemlich fruchtbar, in welcher Obstbäume, Wein und Palmen sich befanden , und die von mehreren, nicht versiegenden Bächen bewässert wurde. Noch jetzt sprechen die Beduinen: „Du kannst kein Land finden wie Belka"; und Burckardt traf daselbst schöne'Eichen und wilde Pistacienbäume, auch gute Viehweiden an. Vorzüglich sotten die dort wohnenden Araber treffliche Kühe, Schaafe und Ziegen haben. Zu Ich Zeiten befanden sich noch viele Städte daselbst, von dem» jetzt kaum noch Spuren vorhanden sind. Folgende wann die vorzüglichsten in dem Gebiete des Stammes Gad. Suchoth oder Succoth war ursprünglich der Ort, wo Jakob, als er aus Mesopotamien zurückkehrte, sein Lager aufschlug (1. Mos. 33, 17.), wovon auch der Ort da, Namen hatte, da Suchoth Hütten oder Zelte bedeutet. Von hier aus begab sich Jakob nach Salem, das auf dem westlichen Ufer des Jordans sich befand. Später wurde anj dieser Stätte, wo Jakob einige Zeit sich aufgehalten hatte, eine Stadt erbaut, die ebenfalls den Namen Suchoth behielt und die bei der Vertheilung des Landes an den Stam Gad kam (Jos. 13, 27.). Sie lag nicht weit von dein östlichen Ufer des Jordans, und Manche meinen, daß die Jsraeliten in der Gegend von Suchoth durch den Jordan gingen. Da die Einwohner von Suchoth dem jüdisch^ Feldherrn Gideon und dessen Kriegern, als er mit seines Heere gegen die Könige der Midianiter Sebah und Za!- muna zog, Nahrungsmittel zu reichen verweigert hatten, stt ließ Gideon, nach errungenem Siege über die beiden genam-( ten Könige, die Vornehmsten aus Suchoth umbringen? (Richt. 8.). Reisen Jesu der dritten Periode rc. In der Nähe von Suchoth lag Zarthan, eine Stadt, die Manche an das westliche Ufer des Jordans, Andere aber auf das östliche Ufer des Flusses, ohnweit der Mündung des Jabok und zwar an das südliche Ufer desselben setzen. Bis zu dieser Stadt soll das Wasser des Jordans, als die Js- raeliten durch den Fluß gingen (Jos. Z, 16.), zurückgetreten seyn. Zwischen Suchoth und Zarthan ließ in der Folge der König Salomo mehrere eherne Tempelgeräthe durch einen geschickten Künstler, der ihm von dem Könige Hieram gesendet worden war, gießen, weil dort sich ein thoniger Boden befand (1. König 7, 46.). Phanuel, Pnuel oder Pniel, war eine alte Stadt an der nördlichen Grenze des Gebietes vom Stamme Gad, nicht weit von dem linken Ufer des Jordan und am südlichen Ufer des Jabok, die aber wahrscheinlich erst nach der Abtheilung des gelobte» Landes unter die Stämme der Js- raeliten erbaut worden ist. Den Namen jedoch, der Gottes Angesicht bedeutet, hatte die Gegend schon früher, denn Jakob soll ihr denselben gegeben haben, weil er sagte, daß er dort Gott von Angesicht gesehen habe (1. Mos. 32, 30.). Auch die Einwohner dieser Stadt verweigerten dem Feldherrn Gideon und dessen Leuten Lebensmittel; daher ließ dieser, nachdem er die beiden Könige Sebah und Zalmuna besiegt hatte, das Kastell von Pnuel zerstören und die männlichen Bewohner der Stadt tödten (Richt. 8.). Erst Jero- beam stellte Pnuel wieder her und befestigte die Stadt (1. König. 12, 25.), auch soll er sich daselbst einen Palast haben erbauen lassen. Machanaim oder Mahanaim, auch Manann, war eine alte Stadt im Gebiete des Stammes Gad an der Grenze des östlichen Gebietes vom Stamme Manaffe (Jos. 13,26 u. 30.), an dem nördlichen Ufer des Jabok. Ihr Name bedeutet Doppellager oder Doppelheer und wurde dem 1 Drte gegeben, wo die Stadt stand, weil daselbst Jakob bei ^ seiner Rückkehr aus Mesopotamien Engel gesehen haben (wollte (1. Mos. 32, 2.). Sie war eine Levitcnstadt (Jos. 21,39. 1. Chrom 7 (6), 80») und wurde später der Wohn- Hch des Jsboseth, der nach seines Vaters Sanl Tode A„- 21 * 324 Fünftes Buch. spruch an die Königswürde machte und auch daselbst von Mörderhand siel (2. Sam. 2, 8.). Als David vor seinem Sohne Absalom flüchtete, begab er sich nach Mahanaim (2. Sam. 17, 24 u. 27. 1. König. 2, 8.), und Salomo hatte einen seiner zwölf Rentmeister daselbst (1. König. 4, 14 ). Jetzt findet man, wie von den meisten alten Städten in Pe- räa, keine Spur Mehr davon. Dasselbe ist mit Atad der Fall, einem Orte, wohin Joseph den Leichnam seines Vaters Jakob brachte und wo er zu Ehren desselben eine Trauerfeier hielt (1. Mos. 60, 10 u. 11.). Nach Hicronymus lag Atad am östlichen Ufer bcs Jordans nach dem Nordcnde des todten Meeres zu und wurde zu seiner Zeit Bethagla, Ort des Umgangs oder Umzugs, weil dort Joseph einen Trauerumzug gehalten haben soll, genannt. Andere wollen aber Atad auf das westliche Ufer des Jordans verlegen, weil dieses für die Jsraeli- tcn, als sie nach Kanaan kamen, jenseit des Jordans war. Auch von Roglim ist keine Spur mehr vorhanden, das ohnstreitig ebenfalls eine Stadt in dem Gebiete des Stammes Gad war. Sie war die Vaterstadt des Barsillai (2. Sam. 17, 27.), der dem Könige David, wahrend derselbe in Machanaim sich aufhielt, manche Dienste leistete, weshalb ihn auch David bei seiner Rückkehr nach Jerusalem mit dahin nehmen wollte, was Barsillai aber ausschlug (2. Sam. 19,31 — 37.). Ramoth in Gilead war eine der ansehnlichste» Städte in dem Gebiete deS Stammes Gad und eine der Freistädte (5. Mos. 4, 43. Jos. 20, 8.); auch gehörtest! zu den Levitenstädten (Jos. 21, 38. 1. Chron. 6, 80.) Als die Syrer sich dieser Stadt bemächtigt hatten, bemühten sich die Könige Achab und Josaphat vergeblich, sie wie-§ der zu erobern, und Achab wurde sogar daselbst durch eine» Pfeilschuß tödtlich verwundet (1. König. 22.). Auf der Stelle dieser Stadt soll jetzt Szalt liegen, der einzige Ort in der Provinz Belka, der noch ganz unabhängige Einwohner hat. Er liegt an dem Abhänge eines Hügels, auf dessen Höhe ein Kastell steht, und ist überall von steilen Bergen umgeben. Die Seiten des Hügels sind terrassenförmig Reisen Jesu der dritten Periode rc. 325 angebaut und tragen Weinstöcke, Oelbäume und andere Frucht- bäume. Auch das Thal um den Hügel enthält Gärten, die von zwei Quellen bewässert werden, von denen sich die eine nicht weit von der Stadt in dem Thale, die andere aber mitten in der Stadt befindet. Zu der letztem führt von dem Kastelle aus ein unterirdischer Gang. Rabbath Ammon (5. Mos. 3, 11.), oder schlechthin Rabbah (Jos. 13, 25.), auch Rabbat - Amana, Rabbatha und Ammon genannt, war die Hauptstadt der Ammoniter, die ihren eigenen König hatten, und wurde erst von dem Könige David erobert und zum jüdischen Lande hinzugefügt (2. Sam. 12, 29.). Während der Belagerung dieser Stadt durch Joab kam Uria, der Mann der Bath- seba um (2. Sam. 11, 17.). Spater muß sie wieder unabhängig von Israel geworden seyn, wie aus der Drohung, die Jeremias (49, 1 — 6.) gegen sie ergehen läßt, hervorleuchtet. In Rabbath befand sich ein Tempel der Astarte. Später wurde diese Stadt nach dem Aegyptischen Könige Ptolemäus Philadelphus, Philadelphia genannt. Unter diesem Namen rechnen sie Manche zu den zehn Städten; auch wurde sie in der Folge der Sitz eines Bischofs, der unter dem Erzbischofe von Bostra stand. Die Stadt lag größtcntheils auf einem Berge und zum Theil im Thale an dem Bache Amman, der ohngefähr 200 Schritte vom südwestlichen Ende der Stadt aus einem Teiche hervorgeht. Eine Stunde unterhalb des Teiches soll sich der Bach unter die Erde verbergen, aber bald wieder zum Vorscheine kommen, worauf er Ain Ghasale, Gazellenguelle genannt wird. Nachdem er sich noch zweimal unter der Erde verloren hat und zweimal wieder aus derselben hervorgekommen ist, ergießt er sich in den Jabok. Der Bach Amman fließt durch ein Thal, das zwischen öden und unfruchtbaren Hügeln, die aus Feuerstein besteh», hinläuft. Er enthält viele kleine Fische und sein Bette ist gepflastert, doch ist das Pflaster an manchen Stellen durch das Wasser, das vorzüglich im Frühjahre stark wird, aufgerissen. In der Stadt geht eine Brücke, die auf einigen hohen Bogen ruht, über den Bach. Ander Südseite desselben steht noch jetzt ein großes und schönes 326 Fünftes Buch. Amphitheater, das vierzig Reihen Sitze enthalt und vor der Fronte einen Säulengang von wenigstens fünfzig Säulen gehabt haben muß. Uebrigens sieht man auch noch Trümmer von prächtigen Tempeln und Palästen und einer großen, aus ansehnlichen Steinen erbauten Kirche mit einem Thurme. Auf einem der Hügel befinden sich noch bedeutende Uebcrreste eines Kastells, das starke Mauern hat und in seinem Innern mehrere tiefe Cisternen enthält. Südlich von dem Bache Jazer im Gebiete des Stammes Gab soll der Wald Ephraim gewesen seyn, in welchem Absalom an einem Baume hängen blieb und getödket wurde (2. Sam. 18.). Allein wahrscheinlich befand sich dieser Wald auf dem Gebirge Ephraim diefseit des Jordans, obschon man annehmen will, daß jener Wald, den man jenseit des Flusses setzt, seinen Namen daher haben könne, weil dort die Ephraimiten von Jephtah geschlagen worden waren (Richt. 12, 1 — 6.). Mizpah, auch Ramath Mizpah (Jos. 13, 26.) genannt, wurde zuweilen mit der Stadt Mizpah (Siehe Seite 90.) in dem Gebiete des Stammes Juda, oder mit Ramoth in Gilead verwechselt, von welcher sie aber verschieden gewesen zu seyn scheint. In dieser Stadt wohnte der Richter Jephtah (Nicht. 11, 11 u. 34.), welcher die Ammoniter bekriegte und überwand. Bethharan, war eine Stadt in dem Gebiete des Stammes Gad (4. Mos. 32, 36.), die in einem Thale lag, welches von ihr den Namen bekam, oder nach welchem die Stadt benannt wurde, die man darin erbaut hatte. Die Syrer sollen diese Stadt Beth-Aramphta genannt haben. Eusebius und Hieronymus erzählen, Herodes habe he befestigt und ihr den Namen Livias zu Ehren der Gemahlin des Kaisers Augustus gegeben; dagegen berichtet Joje- phus, Bethharan sey von dem Könige Herodes Antipas Julias nach der Gemahlin des Kaisers Tiberius genannt worden. Sie lag in der Nähe des Jordans und wurde in der Folge der Wohnsitz eines Bischofs. Minnith war eine Stadt der Ammoniter an dem Bache Jazer zwischen Heöbon und Philadelphia, die jpäter Reisen Jesu der dritten Periode rc. 327 zu dem Gebiete des Stammes Gad gehörte. Jephtah schlug die Ammoniter bis zu dieser Stadt (Richt. 11, 33.). Die Umgegend war sehr fruchtbar an Weizen, so daß man ihn »ach Tyrus ausführte (Ezech. 27, 17.). In der Folge war Minnith der Sitz eines Bischofs. Abcl Keramim war ein Ort der Ammoniter, in der Nähe des Baches Jabok, nicht weit von Philadelphia, bis zu welchem Jephtah die Ammoniter schlug (Richt. 11,33.)*). Noch zu Eusebius und Hieronymus Zeiten lag ein Flecken Namens Adel daselbst, in dessen Umgegend vieler und trefflicher Wein gebaut wurde. Dibon war eine Stadt, welche die Jsraeliten den Amoritern abgenommen, und die Gaditen wieder hergestellt hatten (4. Mos. 32, 34.); daher hieß sie auch in der Folge Dibon-Gad (4. Mos. 33, 45 u. 46.); später aber wurde sie zu dem Gebiete des Stammes Rüben gerechnet (Jos. 13, 17.). Jesaias, zu dessen Zeiten sie den Moa- birern gehörte, nennt sie Dimon (Jes. 19, 9.). Sie lag m einer schönen Ebene, ohngefähr eine Stunde nördlich vom Ariion, wo mehrere Reisende noch jetzt Ucberreste von Dibon gefunden haben. Jaeser oder Jaser war eine östliche Grenzstadt im Gebiete des Stammes Gad (4. Mos. 32,35. Jos. 13,25.) und eine Levitenstadt (Jos. 21, 39.). Sie lag südwestlich von Philadelphia am Bache Jazer, der jetzt Wadi Szyr heißt und in den Jordan fällt. Neuere Reisende haben am Abhänge einer Anhöhe über der Quelle des Wadi Szyr Ruinen eines Ortes Szyr gefunden, der wahrscheinlich die Stelle des alten Jaeser einnahm. Beth-Nimra war ebenfalls eine alte Stadt in dem Gebiete des Stammes Gad (4. Mos. 32, 36.), die in einem Thale lag (Jos. 13, 27.). Zu Eusebius und Hieronymus Zeiten soll auf der Stelle dieser Stadt ein Flecken Namens Beth-Nabran gelegen haben, nicht weit von Nvias. Jetzt findet man in jener Gegend die Trümmer eines Ortes, den man Nim rein nennt. Luther hat Abcl Keramim in der angeführten Stelle durch „Plan der Weinberge" übersetzt. Z28 Fünftes Buch. Casbon war eine feste Stadt am Jabok, welche von JudaS Makkabäus durch Sturm eingenommen wurde (1. Makk. 5,26 u. 36.). ! Carnaim war ebenfalls eine durch ihre Lage sehr feste Stadt am Jabok, zu welcher ein beschwerlicher Engpaß führte. Sie wurde vom Judas Makkabäus erstürmt und zerstört (1. Makk. 5,26 u. 44.). Dasselbe war mit Alima der Fall, einer festen Stadt (1. Makk. 5, 26.) am Bache Jazer nicht weit von der Stelle, wo er sich in den Jordan ergießt. Lodabar, eine Stadt in dem Gebiete des Stammes Gad, lag zwischen den Bächen Jabok und Jazer. In ihr wohnte Mephiboseth, der Sohn Jonarhans und Enkel des Königs Saul, in dem Hause Machirs, woher ihn David zu sich holen ließ, um ihn in eine bessere Lage zu versetzen (2. Sam. 9,4 u. 5.). Als David sich nach Mahanaim zurückgezogen hatte, versorgten ihn die Einwohner von Lodabar mit Lebensmitteln (2. Sam. 17, 27.); folglich konnte diese Stadt nicht weit von Mahanaim liegen. XXXXIII. Jesus begibt sich vom Jordan nach Jerusalem zum Feste der Tempelwei'he. (Luk. 13-13, 1 -1j. Zoll. 10, W-SS.» Ohngefähr zwei Monate hindurch mochte Jesus sich jenseit des Jordans aufgehalten haben, da nahete das Fest der Tempelwei'he, das er in Jerusalem feiern wollte, und daher brach er auf, um seinen Weg dahin durch einen Theil von Galiläa und durch Samaria zu nehmen. Wahrscheinlich geschahe es zu jener Zeit, daß Einige ihm die Nachricht brachten, Pilatus, der römische Landpfleger, habe mehrere Galiläer im Tempel, während sie ihre Opfer darbrachten, umbringen lassen, so daß ihr Blut mit dem der Opferthiere vermischt worden sey. Von dieser Begebenheit ist uns nichts Näheres bekannt und wir wissen nicht zuverlässig, ob die Ermordeten überhaupt Leute aus Galiläa, oder Anhänger (Vergl. Seite 36.) des Judas, welcher der ^ Reisen Jesu der dritten Periode rc. 3L9 Galiläer hieß (Apostelg. 5, 37.), gewesen sind. Jesus aber ^ nahm davon Gelegenheit, seine Zuhörer zu belehren, daß man , unglückliche Ereignisse nicht immer als Strafe für diejenigen i anzusehen habe, welche davon betroffen würden; und fand zugleich Veranlassung, sie zu ermähnen, daß sie ihre Besserung beschleunigen sollten, wenn sie nicht Unglücksfalle, die ihnen ebensowohl wie jenen Galiläern begegnen könnten, als verdiente Strafe erleiden wollten. Um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu geben, erzählt er seinen Zuhörern selbst einen andern Unglücksfall, der achtzehn Männer betroffen hatte, auf welche der Thurm Siloah gefallen war und die dabei ihren Tod gefunden hatten. Hierauf legt er in einem Gleichnisse dar, daß Gott lange Zeit mit den Sündern Geduld habe, auch mancherlei Versuche mache, um sie zur Besserung zu führen, und erst alsdann, wenn Alles vergeblich von ihm versucht worden sey, mit seinem Strafgerichte hereinbreche; wobei Jesus, als göttlicher Gesandter zugleich auf seine Bemühungen, die Juden zu bessern, hinzielte. Als Jesus bald darauf in einer Synagoge am Sabbathe lehrte, erblickte er daselbst eine Frau, die seit 18 Jahren an einer schweren Krankheit litt, bei welcher sie so gekrümmt war, daß sie nicht aufrecht zu stehn vermochte. Der elende Zustand derselben erregte das Mitleid des göttlichen Menschenfreundes; daher rief er die Kranke zu sich, legte seine Hände auf sie und erklärte, daß sie von ihrer Krankheit befreit seyn sollte. Auf Jesu Erklärung richtete sie sich empor, und erfreut darüber, daß sie dieses zu thun vermochte, pries sie Gott. Allein der Vorsteher der Synagoge war über Jesu Handlung ungehalten und erklärte sie für eine Verletzung der Heiligkeit des Sabbathes. Jesus aber wußte ^ seinen Vorwürfen und seinem Tadel zu begegnen, indem er darauf hinwies, daß Jeder am Sabbathe sich erlaube, für sein Vieh zu sorgen, und daß es also keine Sünde seyn könnte, wenn man einem elenden und unglücklichen Menschen Gutes erzeige. Dadurch beschämte er seine Gegner und zog die Bewunderung des Volkes um so mehr auf sich. In seinen weitem Belehrungen verglich Jesus das Got- n tcßrcich und sein Wirken überhaupt mit einem Senfkorne, Fünftes Buch. das bei den Juden allgemein sinnbildlich und sprüchwörtlich zur Bezeichnung kleiner Gegenstände genannt wurde; und gab in dem Gleichnisse, das er vortrug, zu verstehen, wenn auch sein Wirken und der Erfolg seiner Bemühungen jetzt unbedeutend und gering erschienen, so werde doch dereinst eine große Veränderung in der Menschenwelt dadurch hervorgehn und sein Werk groß und herrlich hervortreten. Dasselbe deutete er auch in dem folgenden Gleichnisse von der Wirkung des Sauerteigs an. Als Jesus seine Reise weiter fortsetzte und überall in den Städten und Marktflecken, durch welche er wanderte, lehrte, trat einstmals ein Mann zu ihm und fragte, ob vielleicht nur Wenige Antheil an den Segnungen des Gottcs- reichs nehmen könnten? Auf diese Frage erwiederte Jesus, es würden viele derselben theilhaftig zu werden wünschen, aber nicht dazu gelangen, weil sie nicht die erforderlichen Maßregeln ergriffen und auch nicht die rechte Gelegenheit, die ihnen vorzüglich durch ihn dargeboten würde, benutzte». In diesen Worten deutete er vorzüglich auf die Juden hin, welche nach der Ankunft des Messias sich sehnten und ihn doch nicht als solchen anerkannten, daher seinen Belehrungen nicht folgten und also auch keinen Theil an dem Mcs- siasreiche, das er gründen wollte, gewinnen konnten. Deshalb fährt Jesus fort, würden die von den Juden verachteten Heiden die Stelle einnehmen, welche den Juden, die sich selbst hohe Vorzüge beilegten, vor Allen bestimmt gewesen wäre. Da Jesus auf seiner Reise das Gebiet des Königs Hcrodes Antipas, betreten hatte, kamen einige Pharisäer zu ihm und riethcn ihm, entweder um Jesum in Verlegenheit zu setzen, oder von dem Könige beauftragt, dasselbe zu verlassen, weil Herodes damit umgehe, ihn zu tödten. Allein Jesus ließ sich dadurch nicht schrecken, sondern erwiederte, sie möchten nur hingehn und dem arglistigen Herodes sagen, deß er seinem Berufe gemäß unerschrocken noch eine Zeit lang wirken werde. Er wisse wohl, daß man ihm das Leben nehmen werde, doch dieses könne nur in Jerusalem geschehen. Dabei faßte ihn herbe Betrübniß, daß gerade die Reisen Jesu der dritten Periode rc. 331 wohner Jerusalems vorzüglich feindlich gegen ihn gesinnt wäre» und seine Bemühungen für ihr Wohl verwarfen, dafür aber auch schwer büßen würden. Bald darauf nahm Jesus bei dem Eintritte des Sabbathes an der Abendmahlzeit eines Oberrabbinen, der zu den Pharisäern gehörte, Theil; denn er scheuete sich nicht, seinen Widersachern unter die Augen zu treten, obschon er im Voraus wissen konnte, daß sie ihn nur deshalb zu sich luden, um in seinem Benehmen irgend Etwas zu finden, das ihn vor dem Gesetz straffällig machen könnte. So war es auch bier, denn man gab genau auf ihn acht. Desto mehr suchte aber Jesus jeden Anstoß zu vermeiden. Denn als ein Wassersüchtiger ihn hier aufgesucht hatte, so heilte der göttlicke Menschenfreund denselben nicht sogleich, wie er es wohl sonst gethan, sondern fragte erst die Pharisäer und Schristgelehr- ten, ob es recht sey, am Sabbathe zu heilen? und erst alsdann, da Alle schwiegen, leistete er dem Kranken die gewünschte Hülfe; rechtfertigte aber zugleich auch seine Handlung auf dieselbe Weise, wie es schon einigemal von ihm geschehen war. Bei diesem Gastmahle war der Wetteifer vorzüglich bemerklich, in welchem die Pharisäer stets sich bestrebten, die obersten Plätze einzunehmen; deshalb ermähnte Jesus zur Demuth und Bescheidenheit. Auch rieth er dem Wirthe, lieber Arme und Elende zu Tische zu laden, als Vornehme und Reiche, die ihn wieder einladen könnten; denn durch Wohlthätigkeit gegen Dürftige und Nothleidende würde er sich größere Verdienste und einen schönern Lohn erwerben, als bei einem eigennützigen Verfahren. Während der Mahlzeit erwähnte Einer die große Glückseligkeit, die man in dem Messiasreiche genießen würde. Da > nun Jesus wußte, daß die meisten Juden dieselbe sich sehr sinnlich dachten, so suchte er in einem Gleichnisse darzulegen, daß gerade die meisten Juden keinen Theil an dem Gottesteiche gewinnen würden, weil sie unter mancherlei Vorwän- den Jesu Einladung nicht annähmen; daß aber dagegen Andern, den von den Juden verachteten Heiden, der selige Genuß, welcher die Aufnahme in das Gottesreich gewahre, zukommen würde. 332 Fünftes Buch. Als er weiter ging und eine große Menge Mensche« ihm nachfolgte, that er seinen Begleitern die Anforderungen kund, die er an diejenigen machte, welche seine Jünger seyn wollten; daß sie in diesem Fall Allem entsagen, ja selbst die Ihrigen verlassen und die Liebe zu denselben einer höher» Liebe nachsehen, und sich bereitwillig zeigen müßten, Leiden und Ungemach zu erdulden. Daher sollten sie Alles erst wohl überlegen, ehe sie ihm folgten. Hierauf belehrte er das Volk durch verschiedene Gleichnisse, wozu ihm besondere Veranlassungen gegeben um- l den waren. Nachdem Jesus die Provinz Samaria betreten lM und in einen Marktflecken gekommen war, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die aus der Ferne ihn um Erbnr- rnung anflehten. Jesus sahe sie und befahl ihnen, sich den Priestern zu zeigen, die allein dergleichen Kranke für rein erklären konnten (Vergl. Seite 200.) und in deren Rechte Jesus keinen Eingriff thun wollte. Während die zehn Männer auf dem Wege zu den Priestern waren, sahen sie sich von dem Aussatze völlig befreit; aber nur Einer von ihm fühlte die Verbindlichkeit, die er gegen Jesum hatte, kehrte zu seinem Wohlthäter zurück und dankte ihm auf das herzlichste; und dieser Eine war ein Samariter. Die Sage nennt das heutige Dschennin oder D schinne das alte Ginäa, wie es bei Josephus heißt, als den Flek- ken, in welchem die zehn Aussätzigen Jesum anriefen. Dieser Flecken soll ehemals ein ansehnlicher Ort in dem westlichen Gebiete des Stammes Manasse gewesen seyn, und man will noch alte Mauerüberreste daselbst finden. Es war ein Grenzort an der Nordostseite von Samaria, und von ihm aus erstreckt sich das Gebirge Ephraim südwärts. Dschennin liegt an dem Abhänge und an dem Fuße eines Hügels auf dem Wege von Damaskus nach Jerusalem, ohngefahr vier Stunden nordostwärts von Samaria. Es befindet sich ein Kastell und ein türkischer Kommandant daselbst, und bis jetzt mußten Juden und Christen, wenn sie durchreisten, dort Tribut entrichten. Ganz neuerlich aber ließ Mehemcd Ali, der Vicekönig von Aegyptcn, der Palästina erobert hat, dm Reisen Jesu der dritten Periode rc. 333 Befehl ergehen, daß man von den Christen, welche die heiligen Stätten des Landes besuchen wollen, keinen Zoll mehr nehmen soll. Ohngefähr einen Büchsenschuß von Dschennin bemerkt man die Ueberreste eines alten Schlosses, in welches Jesus auf seiner Reise durch Galiläa und Samaria nach Jerusalem eingekehrt seyn soll. Auf dem Wege von Dschennin nach Jerusalem soll in dem Gebiete des Stammes Ephraim ein Flecken Namens Jskarioth gelegen haben, nach welchem, wie man meint, der Verräther Judas Jscharioth genannt worden sey. Allein es gibt kein zuverlässiges Zeugniß für das ehemalige Borhandenseyn jenes Fleckens, und Judas Jscharioth war wahrscheinlich aus Karioth, einer Stadt in dem Gebiete des Stammes Benjamin, nördlich von dem Bache Kidron. Während der Fortsetzung seiner Reise fragten einige Pharisäer Jesum, wann die Zeit käme, wo er das Messias- reich ausrichten würde? Diesen erklärte Jesus, das Gottesreich werde keinen in die Augen fallenden Anfang haben, wie sie es erwarteten; denn die meisten Juden glaubten der Messias werde sie an ihren Unterdrückern rächen und ihre Feinde demüthigen, ja alle Völker ihrer Macht unterwerfen; und in seinem Reiche und unter seiner Herrschaft würden sie im Frieden, herrlich und im Ueberfluffe leben. Ein solches irdisches Reich zu gründen, war aber Jesus nicht beauftragt; sondern sein Reich sollte nicht von dieser Welt seyn, und alle erleuchtete und verständige, veredelte und tugendhafte und in Liebe verbundene Geister sollten dessen Bürger werden. Daher erklärte Jesus auch, das Gottesreich habe schon seinen Anfang unter ihnen genommen, nämlich in den Herzen derer, die ihm zugethan waren. Hierauf gab er seinen Jüngern verschiedene heilsame Lehren und ermunterte sie zur Wachsamkeit und zum Eifer im Gebete. Unter solcher edlen Beschäftigung gelangte der göttliche Menschenfreund nach Jerusalem zur Feier des Tem- pelweihfestes. Das Tempelweih fest wurde zum Andenken an die neue Einweihung des Tempels durch Judas Makkabäus (1. Makk. 4, 38 — 60.) gefeiert. Da nämlich der Tempel zu 354 Fünftes Buch. Jerusalem von dem Syrischen Könige Antiochus Epiphams durch Götzendienst entweiht worden war, so ließ Judas Mak- kabäus, nach dem errungenen Siege über die Syrer, den Tempel reinigen, den entweihten Altar abreißen und dafür einen neuen erbauen. Das Tempelweihfest begann am 25. Tage des Kisleu, des neunten Monates im Kirchenjahre, in der Mitte unsers Decembers, und siel also im Winter, da dieser bei den Juden am 15. Kisleu seinen Anfang nahm. Es hieß auch das Fest des neuen Altars und das Fest der Lichter, weil den Juden durch die Wiedereinweihung ihres ' Tempels gleichsam ein unverhofftes neues Licht aufgegange» war. Seine Dauer währte acht Tage, und jeder Jude mußte in dieser Zeit während der Nacht wenigstens ein Licht in seinem Hause brennend erhalten. Jeder konnte übrigens das Fest in seiner Behausung feiern und brauchte nicht nach Jerusalem zu gehn; man mußte aber alle Trauer zu verbanne» suchen und sich ganz der Freude weihn. Während des Festes wandelte Jesus einst, vielleicht wegen der unfreundlichen Winterwitterung, in einer der äußer» Hatten des Tempels umher, die an dem Vorhofe der Heide» sich befand und die Halle Salomons hieß, weil sie wahr-, scheinlich noch von dem alten Salomonischen Tempel, wenigstens zum Theil, stehen geblieben war. Hier sammelten sich Juden um ihn und sprachen unwillig zu ihm: „Wie lauge zögerst du mit der offnen Erklärung, daß du der Messias seyst und lässest uns darüber in Ungewißheit? Bist du es wirklich, so sage es uns offen." Darauf erwiederte Jesus! „Ich habe es euch schon mehrmals zu versteh» gegeben, daß ich der Messias sey, ihr schenktet mir aber bis jetzt keinen Glauben. Auch legen meine Thaten, die ich durch Gottes Mitwirkung vollbringe, deutliches Zeugniß von meiner Mes- siaswürde ab. Allein ihr laßt dadurch euch nicht zum Glauben bewegen; denn Vorurthcile halten euch fern von mir und bewirken, daß ihr nicht zu den mir Ergebenen gehört. Diese achten auf meine Reden und folgen meiner Weis»»-, e dafür gewinnen sie aber auch von mir ein unvergänglich^ - Glück und stehn fortdauernd unter meiner Obhut. Gott selb, i hat sie mir zugeführt, und da sie mir gehören, so gehören si ' Reisen Jesu der dritten Periode w. 885 auch Gott an; Gott aber ist das höchste Wesen und daber sind sie auch vollkommen geborgen. Ich stehe mit Gott, meinem Vater, in der innigsten Verbindung." In diesen Aeußerungen glaubten die Juden Lästerungen gegen Gott zu vernehmen und daher wurden sie gegen den göttlichen Lehrer, der die lauterste Wahrheit verkündigt hatte, aufgebracht, und griffen nach Steinen, um ihn damit zu werfen. Doch Jesus suchte sie zu beruhigen, indem er auf seine ungewöhnlichen Thaten verwies, die offenbar von seiner innigen Verbindung mit Gott Zeugniß ablegten. Allein die 5 erbitterten Juden ließen sich dadurch nicht besänftigen und erklärten, daß sie ihn nicht um seiner Thaten willen, sondern seiner Gotteslästerung wegen, da er, als ein Mensch, sich Gott gleich stelle, steinigen wollten. Hierauf suchte Jesus dadurch sich zu rechtfertigen, daß, wenn die obrigkeitlichen Personen in der heiligen Schrift (Psalm 82, 6.) Götter genannt würden, er, als Gottes Gesandter, sich wohl auch Gottes Sohn nennen könnte. Da er nun vollends göttliche Thaten verrichte, so müßten sie doch cinsehn und annehmen, daß er mit Gott auf das innigste verbunden sey. Allein auch diese Erklärung stellte sie nicht zufrieden. Sie suchten > vielmehr Jesum fest zu nehmen, um ihn vor den hohen Rath zu stellen; Jesus wußte sich aber auch diescsmal ihrer Gewalt zu entziehen. XXXXIV. Jesus geht von Jerusalem nach Bcthabara an den Jordan. 10, 40-Le. Matth. 1«, 1J-M. Mark. 10, I3-ZI. Luk. 18, 15 -M., Nach der unfreundlichen Begegnung, die Jesus abermals in Jerusalem erfahren hatte, verließ er nicht allein diese Stadt, sondern auch die Provinz Judäa und begab sich über den Jordan in die Nähe von Bethabara, wo Johannes der Täufer früher hauptsächlich verweilte. Hier, in Peräa, verlebte Jesus die Zeit des Winters, indem er fortgesetzt seinen s Jeruf erfüllte, nämlich lehrte und heilte. Viele wurden damals durch seine Thaten in Staune» und Verwunderung ver- ht, so daß sie unter sich sagten: „Wenn auch Johannes 336 Fünftes Buch. der Täufer keine wundervollen Thaten verrichtete, so trifft doch Alles ein, was er von diesem voraus verkündigt hat." Da» durch wurden Viele bewogen, Jesu sich zuzuwenden. Da man bemerkte, wie heilsam das Auflegen seiner Hände den Kranken wurde, so gericthen Manche auf den Gedanken, dasselbe müßte auch ihren Kindern heilsam werden. Daher brachten Mehrere ihre Kinder zu Jesu, damit er seine Hände auf sie legen, sie segnen und der Obhut und Gnade Gottes empfehlen sollte. Die Jünger aber, in der Meinung, daß dieses unnöthig, oder ihrem Meister lästig sey, wiesen die Leute mit ihren Kindern etwas unfreundlich zurück. Da das Jesus hörte, tadelte er seine Jünger darüber und erklärte, daß gerade die Kinder am fähigsten zum Eintritt in das Gottesreich wären, und daß man sie daher nicht von ihm zurückhalten sollte, und nun legte er die Hände liebreich aus sie und sprach Segenswünsche über sie aus. Nachdem dieses geschehn war, begab sich Jesus mit seinen Jüngern an einen andern Ort jenseit des Jordans. Unterwegs kam ein vornehmer und reicher junger Mann zu ihm und bat um Rath, was er thun solle, um wahrhaft und bleibend glücklich zu werden. Als Jesus hierauf erklärte, ^ daß er die zehn Gebote befolgen müsse, um jenes Ziel zu erreichen, so entgegnete der junge Mann, er habe von früher ^ Jugend an sich bestrebt, den Geboten nachzukommen, und . fragte, was er also noch außerdem thun solle? Es schien dem jungen Manne wirklich Ernst mit seinem Wunsche zu , seyn, und daher mißfiel er Jesu nicht; aber die pharisäische Selbstgefälligkeit des Jünglings konnte der göttliche Lehrer nicht billigen, auch forderte dieser nicht allein Unterlassung , des Bösen, sondern Uebung edler Thaten und Selbstverleugnung, und deshalb verlangte Jesus von dem Fragenden, daß er seine Güter den Armen geben und ihm alsdann nachfolgen sollte. Das war für den reichen jungen Mann zu schwer und bitter, denn sein Herz hing an seinen irdischen Gütern; daher ging er traurig fort und kam nicht wieder. Dieser Fall veranlaßte Jesum zu der Erklärung, daß es einem Reichen sehr schwer fallen werde, Antheil an dem Reiche Gottes zu nehmen und sich zu einem würdigen Bürger desselben zu Reisen Jesu der dritten Periode rc. 337 bilden. Dieser Ausspruch Jesu machte die Jünger bestürzt, und sie fragten nun: „Wer kann denn selig werden?" Da ihr Benehmen und ihre Frage zeigte, daß sie noch immer nicht frei von Vornrtheilen waren, so sah sie Jesus an und äußerte, daß Gott, der Alles zu vollbringen vermöchte, schon ausführen würde, was ihnen jetzt noch nicht recht begreiflich sey. Hierauf nahm Petrus das Wort und fragte seinen Lehrer, was ihm selbst und seinen Mitjüngern, da sie Alles verlassen hätten und ihm nachgefolgt wären, für eine Belohnung zu Theil werden würde. Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Ihr seyd in der rechten Umänderung eurer selbst begriffen, und daher werdet ihr auch bei der Gründung meines Reichs die zwölf Hauptstützen desselben seyn und dereinst an meiner Herrlichkeit Theil nehmen. Ueberhaupt aber wird Zeder, der sein Herz von dem Irdischen abwendet und sich mir ganz hingibt, für das Opfer, das er bringt, reiche Belohnung empfangen und dauernd beglückt werden." Endlich legte Jesus seinen Jüngern noch in einem Gleichnisse dar, auf welche Weise Gott dereinst denen, die nach seinen Absichten und in seinem Dienste wirken, lohnen werde. Wir wissen nicht, welches die Städte und Flecken waren, die Jesus jetzt während seines Aufenthaltes jenseit des Jordans besuchte; wir nehmen daher blos von der Gegend, in welcher er sich befand, Veranlassung, uns noch mit mehreren Städten und Gegenden in dem ehemaligen Gebiete des Stammes Rüben näher bekannt zu machen. Dieses Gebiet machte den südlichsten Theil von Peräa aus und hatte einen bedeutenden Umfang, da der Stamm Rüben der zahlreichste war. An der südlichen und zum Theil auch an der östlichen Grenze dieses Gebietes fließt der Ar- »on, der jetzt Wadi Mudscheb heißt, ein Fluß, welcher hier mit seiner Umgebung einen interessanten Anblick gewährt »nd einst die Grenze zwischen den Moabitern und Amoritern machte (4. Mos. 21, 13.). Sein felsiges Bette ist hier vhngefähr 40 Ellen breit und läuft durch eine schmale, grüne Ebene, von welcher sich steile Felsen zu einer beträchtlichen Höhe erheben. Diese Felsen sind zerklüftet und unten mit 22 Fünftes Buch. 338 einzelnen Steinblöcken bedeckt, die im Verlaufe der Zeit von den höhcrn Theilen losgerissen wurden und herabstürzten; daher gewähren sie den Räubern bequeme Schlupfwinkel. I», Sommer ist der Flusi beinahe völlig ausgetrocknet; in der Regenzeit aber ist er desto wasserreicher. Er nimmt mehrere Bäche auf; es gehn einige Brücken über ihn und hie und da findet man Trümmer von Mühlen an seinen Ufern, an dem man nur einzelne Weidenbäume zerstreut erblickt. Bethjesimoth, eine Stadt, deren Name Haus der Wüste bedeutet, lag an dem Flusse Arnon in der Nähe des todten Meeres (Jos. 12, 3.) und war später von den 9!oa- bitern eingenommen worden (Ezcch. 26, 9.). Bezer war eine Levitenstadt (Jos. 21, 36.) und eine der Freistädte (5. Mos. 4, 43. Jos. 20, 8.), deren Lage nicht genau bestimmt werden kann und von welcher mir so viel gesagt wird, daß sie in einer wüsten Gegend des Stammes Rüben sich befand. Kiriathaim war eine sehr alte Stadt, welche dir Emäer besaßen (1. Mos 14, 6.), denen sie von den Moa- bitern abgenommen wurde, als diese sich in jener Gegend festsetzten (5. Mos. 2, 9 u. 10.). Sie lag an der großen Krümmung, welche der Fluß Arnon an der südöstlichen Grenze von dem Gebiete des Stammes Rüben macht, und in ihm Nahe schlug Kedorlaomor die Raphäer. Als die Jsraeliten in jene Gegend vorgerückt waren, wurde Kiriathaim eben ss wie die übrigen dort befindlichen Städte von Moses erobert (4. Mos. 21, 23 u. 24.). Dabei war es wahrscheinlich zerstört worden; denn in der Folge wurde es von den Rubciiike»' neu aufgebaut (4. Mos. 32, Z7.). Später aber muß es wieder in den Besitz der Moabiter gekommen seyn, da es von- , den Propheten unter den Moabitischen Städten genannt wird (Jcrem. 48, 23. Ezech. 26, 9.). Während des letzten Kriegs! der Juden gegen die Römer begaben sich viele Christen a»sj ^ Jerusalem nach Kiriathaim, und Hieronymus fand noch zu seiner Zeit eine ansehnliche christliche Gemeinde daselbst. Wahr-' , scheinlich nimmt jetzt El Teym, in welchem man eine»; , großen in Felsen gehauenen Wasserbehälter findet, die Stelle; des alten Kiriathaim ein. ; > Reisen Jesu der dritten Periode rc. 339 In der Nähe der vorgenannten Stadt muß sich Jazah oder Jahaz (Jos. 13, 18.) befunden haben, wo Schon, der König der Amoriter von den Juden geschlagen wurde, als er ihnen den Durchzug durch sein Gebiet verweigerte und ihnen entgegen gerückt war (4. Mos. 21, 23. Z. Mos. 2, 32.). Später wurde Jahaz eine Levitenstadt (Jos. 21, 36.). Zu den südlichen Grenzstädten von dem Gebiete des Stammes Rüben gehörte Madebah oder Medba (4. Mos. 21, 30. Jos. 13, 16.), eine Stadt welche den Moabitern gehört hatte und von denselben, während die Juden in der Babylonischen Gefangenschaft waren, auch wieder in Besitz genommen wurde (Jcs. 16, 2.). Wahrscheinlich war Madaba zur Zeit der Makkabäer eine und dieselbe Stadt mit Medba (1. Makk. 9, 36.). Jetzt heißt sie Madeba. Dieser Ort liegt auf einem runden Hügel und hat ohngcfähr eine halbe Stunde im Umfange. Man trifft viele Ueberrcste von Mauern dort an, aber keine ganzen Gebäude. Unter den vorhandenen Trümmern zeichnet sich an der Abendseite der Stadt der Grund eines großen alten Tempels aus; denn in einem seiner Höfe stehn noch zwei Säulen von Dorischer Ordnung. Auch findet man einen großen Wasserbehälter daselbst. Mephaath (Jos. 13,18.) oder Mephet lag am Fluße Arnon und war eine Levitcnstadt (Jos. 21, 37.). In der Folge war sie von den Moabitern in Besitz genommen worden (Jerem. 48, 21.). Zu Hieronymus Zeiten hielten die Römer eine Besatzung in dieser Stadt, um das Land gegen die Einfälle der Araber zu sichern. Kedemoth oder Kademoth war eine Grenzstadt von dem Gebiete des Stammes Rüben (Jos. 13, 18.), die nicht ^ weit von der vorigen liegen konnte, da beide gewöhnlich zu- i sammen genannt werden. Sie wurde von den Nubcniten an die Leviten abgegeben (Jos. 21, 57.). Sie lag an einer Wüste, in welcher sich die Jsraeliten gelagert hatten, als sie i aus Acgypten nach Kanaan kamen, und aus welcher Moses s Gesandte an den König zu Hcsbon schickte (6. Mos. 2, 26.). ^ In der Folge soll diese Stadt den Namen Jethson be- ! kommen haben. Einige vermuthen auch, daß sie spater der ! 22 * 340 Fünftes Buch. Wohnsitz des Fürsten der Assassinen war, und daß sie zu der Zeit Kormos geheißen habe. Datheman war eine Festung, in welcher die Juden zur Zeit der Makkabäcr Zuflucht und Schutz gegen die Verfolgungen der Heiden suchten (1. Makk. 5, 9.). Elealeh, eine nordöstliche Grenzstadt von dem Gebiete des Stammes Rüben, die ihren Namen, der Höhe bedeutet, von ihrer Lage hatte, wurde von den Jsraeliten den Moa- bitern entrissen (4. Mos. 32, 3.), und da sie dabei wahr- ' scheinlich gelitten hatte, von den Rubcniten wieder hergestellt (4. Mos. 32, 37.). Spater aber muß sie wieder in den Besitz der Moabiter gekommen seyn, da sie von den Propheten unter den Moabitischen Städten genannt wird (Jes. 15, 4. 16, 9. Jercm. 48, 34.). Nach den Ruinen, die noch von ihr vorhanden sind und die jetzt den Namen El-Aal führen, zu urtheilen, muß sie eine beträchtliche Stadt gewesen seyn. Die Ruinen befinden sich auf einem Hügel, von welchem man eine weite Aussicht auf das südliche Belka hak. Man bemerkt noch die Ueberreste der Mauer, mit welcher die Stadt umgeben war. Auch sind Trümmer einzelner Häuser und Cisternen noch vorhanden. Aroör war die südlichste Grenzstadt von dem Gebiete des Stammes Rüben und lag am Rande einer Felswand am Fluß- Arnon (5. Mos. 2, 36. Jos. 12, 2. 13, 9 u. 16.). Jetzt findet man unter dem Namen Araayr noch Ruinen von ihr. Mit dieser Stadt darf nicht ein anderes Aroör im Gebiete des Stammes Gad, in der Nähe von Rabbath Ammon (Jos. 13, 25.), verwechselt werden, das die Gaditcn wieder hergestellt hatten (4. Mos. 32, 34.), und wo Jcphthah die Ammoniter schlug (Richt. 11, 33.). Auch muß man von Aroer das alte Ar (4. Mos. 21, 15. 5. Mos. 2, 18.) wohl unterscheiden, die Hauptstadt der Moabiter, welche auch Rabbath Moab hieß und von den Griechen Areopolis genannt wurde, unter welchem Namen sie der Sitz eines Bischofs war. Früher waren die Eniim oder Emaer im Besitze von Ar gewesen (5. Mos. 2, 9—11-), welche den Moabiter», den Nachkommen Loths, hatten weiche» Reisen Jesu der dritten Periode rc. 341 müssen. Von dieser Stadt sind jetzt noch Ruinen unter dem Namen Rabba vorhanden, die eine halbe Stunde im Umfange haben und auf einem niedrigen Hügel liegen, von welchem man die ganze umliegende Ebene übersehen kann. Auf der Abendseite erblickt man die wenigen Trümmer eines Tempels, die hauptsächlich in einigen Nischen bestehn. Nahe dabei befindet sich das Thor eines andern Gebäudes, das an dem Rande eines Wasserbehälters gestanden hat. Nicht weit von diesen Ruinen sind zwei korinthische Säulen von ungleicher, nicht beträchtlicher Höhe. Abendwärts von jenem Wasserbehälter steht in der Ebene ein einzelner Altar. Außerdem trifft man noch viele Ueberreste von Häusern, aber kein. vollständiges mehr an. Da es bei der Stadt an Quellen fehlte, so hatte man zwei größere Wasserbehälter und mehrere Cister- nen angelegt. Hesbon auch Chesbon war der Wohnsitz von den Königen der Amoriter (4. Mos. 21, 26.) und wurde von Moses erobert, worauf diese Stadt von den Rubeniten wieder hergestellt wurde (4. Mos. 32, 36.). ttebrigens wird sie bald zu dem Gebiete des Stammes Gab, bald zu dem des Stammes Rüben gerechnet (Jos. 13, 17 u. 26.) und lag also wahrscheinlich auf der Grenze von beiden. Später wurde sie an die Leviten abgetreten (Jos. 21, 39.) Sie lag auf einer Anhöhe und hatte schöne Teiche, die im hohen Liede (7, 4.) gerühmt werden. In der Folge bemächtigten sich die Moa- biter ihrer (Jes. 15, 4. Jerem. 48, 2.). Später, im ersten christlichen Jahrhunderte, war sie der Sitz eines Bischofs und gehörte zu dem peträischen Arabien. Zu Hieronymus Zeiten war sie noch eine ansehnliche Stadt und hieß Esbus. Noch jetzt trifft man die Trümmer der großen allen Stadt südwestlich von El-Aal auf einem Hügel an, die den Namen Hesban führen. Es gibt mehrere in Felsen gehauene tiefe Brunnen daselbst, und man findet auch noch einen großen ausgemauerten Wasserbehälter dort. Die Umgegend enthält schöne Felder, Gärten und Weinberge. Abel-Sittim, auch Abel- Hasch - Schittim und blos Sittim, d. i. Akazicnplatz, war eine Stadt Ls Stunde vom östlichen Ufer des Jordans, Jericho gegenüber. In der 342 Fünftes Buch. Nähe von Sittim hatten die Jsraeliten eine Zeit lang ihr Lager, ehe sie über den Jordan gingen (4. Mos. 33, 48 u. 49.) und von hier aus sendete Josua Kundschafter nach Jericho (Jos. 2, 1.). Auch Sittim war eine Stadt der Moabiter. Baal-Meon oder Beth-Baal-Meon (Jos. 13, 17.) war eine Stadt der Moabiter, die von den Rubcnitcn wieder hergestellt wurde (4. Mos. 32, 38.). Jetzt findet man noch Ruinen der alten Stadt unter dem Namen Myun dreiviertel Stunden südöstlich von Hesbon. Kallirhoe, eine Stadt, die früher Lasa (1. Mos. 10, 19.) hieß, lag ohngefähr 2 Stunden von dem nördlichen Ufer des todten Meeres ostwärts und war durch die heißen Schwefelquellen berühmt, die in ihrer Nähe sich befanden und von denen sie ihren Namen hatte, da Kallirhoö Schönbrunnen bedeutet. Die warmen Quellen sollen von einem gewissen Ana, als er seines Vaters Esel in der Wüste hütete, entdeckt worden seyn (1. Mos. 36, 24.*)). Sie entspringen an einem Felscnabhange, bei einem Dickigt von Rohr, Dornsträuchern und Palmen. Auf der einen Seite stürzt sich ein starker Strom von einem senkrechten Felsen herab, dessen Wände von dem Schwefel, der sich aus dem Wasser absetzt, eine gelbe Farbe haben. Dieser Strom bildet alsdann unten im Grunde einen reißenden Bach warmen Wassers, der in seinem Laufe durch die übrigen warmen Quellen Zuwachs bekommt und sich endlich in das todte Meer ergießt. Josephus nennt das Wasser trinkbar. Herodes der Große ließ sich nach Kallirhos schaffen, um dort die Heilung seiner Krankheit zu bewirken. Nach Eusebius und Hieronymus soll nordwärts vo» Klallirhoch Jericho gegenüber, der Bach Krith gewesen seyn, in dessen Nähe der Prophet Elias seine Speise durch Raben empfing (1. König. 17, 3—7.). Allein wahrscheinlicher ist es, daß dieser Bach in der Nähe von Samaria und zwar morgenwärts von dieser Stadt seinen Lauf nach dem Jordan *) Luther hat in der angeführten Stelle das hebräische Wort, welches warme Quellen bedeutet, irrthümlich durch Maulpferde übersetzt. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 3^3 nahm. Nach einigen soll er in der Nähe der Stadt Pha- saclis, die in der Ebene nordwestlich von Jericho lag, auf dem benachbarten Gebirge seinen Ursprung genommen haöen und von da dem Jordan zugeflossen seyn. Er trocknete im Sommer ganz aus, und von dieser Beschaffenheit hatte er vielleicht seinen Namen, da Krith Aufreibung bedeutet. Nicht weit von Hesbon lag die Stadt Sibama oder Sibma (Jos. 13, 19.), die nach der Einnahme durch die Jsraeliten von den Rubeniten wieder hergestellt worden WM (4. Mos. 32, 68.). Später hatten sie die Moabiter in Besitz genommen (Jes. 1ö, 8 u. 9. Jerem. 48, 32.). In ihrer Umgegend wuchs trefflicher Wein. Manche setzen in das Gebiet des Stammes Rüben, zwischen dem Gebirge Abacim und dem Jordan auch eine Stadt Abila, bei welcher nach Josephus, Moses kurz vor seinem Tode das Israelitische Volk um sich versammelte und ihm die Belehrungen ertheilte, welche in dem fünften Buche Mo- sis enthalten sind. Auch berichtet Josephus, dasi ihre Umgegend reich an Palmen gewesen sey. Durch das Gebiet des Stammes Rüben streichen mehrere Gebirgsreihen, von denen die Felsenkctte am Flusse Ar- non und die Gebirge Abarim und Peor die beträchtlichsten sind. Das Gebirge Abarim, dessen Name Uebergänge bedeutet und das wirklich mehrere Pässe, die nach dem Jordan führen, enthält, streicht von dem Fluße Arnon an nordwärts längs dem östlichen Ufer des todten Meeres hin. Am nördlichen Ende desselben, Jericho gegenüber, erhob sich der Berg Nebo (5. Mos. 32, 49.), dessen höchste Spitze Pisga hieß (5. Mos. 34, 1.). Wahrscheinlich ist der jetzige Dsche- bcl Attarus der alte Berg Nebo, denn er macht den höchsten Punkt der ganzen Gegend aus, und von ihm kann man den größten Theil von Palästina übersetzn. Auf seinem. Gipfel findet man einen Steinhaufen, der von einem sehr großen wilden Pistaci'enbaume überschattet wird. An dem Fuße des Berges Nebo lag die Stadt Nebo, die nicht mit einer Stadt gleichen Namens in dem Gebiete des Stammes Benjamin verwechselt werden darf (Esra 2, 29. Nehem. 7, 33.). Jenes Nebo jenseit des Jordans war 344 Fünftes Buch. von den Jsraeliten den Moabilern abgenommen, und von den Rubeniten wieder hergestellt worden (4. Mos. 32, 38.); allein später hatten es die Moabiter wieder gewonnen (Zes. 15, 2. Jerem. 48, 1 u. 22.). Wahrscheinlich hatten die Stadt und der Berg ihren Namen von dem chaldäischen Götzen Nebo und vielleicht befand sich in der Stadt ein Tempel desselben. Auf den Berg Nebo begab sich Moses kurz vor seinem Tode, um das gelobte Land zu überschauen, in welches er nicht selbst hinein gehn sollte (4. Mos. 27, 12. 5. Mos. 32, 49. 34, 1.). Dort starb Moses auch in einem Alter von 120 Jahren und wurde am Fuße des Berges in dem Lhale begraben (5. Mos. 34, 5 — 7.), aber so, wie die heilige Schrift berichtet, daß Niemand sein Grab entdecken konnte *). Auch soll der Prophet Jeremias in eine Höhle dieses Berges die Bundeölade und den Näucheraltac bei der Zerstörung des Salomonischen Tempels verborgen haben, und zwar so, daß die Juden, als sie aus der Babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren, jene heiligen Geräthe nicht wieder finden konnten. Seitdem die Saracenen und Türken jene Gegend eingenommen haben, ist das Gebirge Abarim ein Aufenthaltsund Zufluchtsort der Arabischen Räuber geworden. Um das Land vor deren Einfällen und Plünderungen zu schützen, erbaute der König Balduin von Jerusalem, ohngefähr eine halbe Stunde von dem todten Meere eine Festung, welche in der Folge ein Arabischer Füst besaß, so wie auch den befestigten Flecken Agelon, der zwei Stunden von dem Gebirge Abarim entfernt war. In der Nähe des Berges Nebo befand sich das Gebirge Peor (4. Mos. 23, 28.), von dessen höchster Höhe man die Wüste überblickte. Wahrscheinlich befand sich auf demselben eine Bildsäule des Moabitischen Götzen Baal Peor (4. Mos. 25, 3. Hos. 9, 10.), bei dessen Verehrung *) Die Türken rühmen sich zwar das Grab des MoseS gefunden zn haben und verehren am Berge Nebo eine Stelle als dasselbe, aber ohne allen hinlänglichen Grund. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 345 Unzucht getrieben wurde. Auch lag in der Nähe dieses Gebirges vielleicht ein Ort Namens Beth Peor., xxxxv. Jesus begibt sich aus Peraa nach Bethanien. iJoh. 11, 1-SZ.I Während Jesus sich in Peraa aufhielt und daselbst seine Jünger und Alle, die um ihn sich sammelten, belehrte, war in dem nicht weit von Jerusalem entfernten Flecken Bethanien sein Freund Lazarus gefährlich krank geworden, wodurch dessen Schwestern, Martha und Maria in große Bestürzung geriethen. Doch sie setzten ihre Hoffnung auf ihren Freund Jesus und sendeten einen Boten an denselben ab, der ihm sagen mußte, daß sein Freund Lazarus krank sey. Als Jesus diese Nachricht vernahm erklärte er, die Krankheit würde nicht den Tod zur Folge haben, sondern vielmehr zur Verherrlichung Gottes und seiner selbst gereichen. Er liebte jene drei Geschwister in Bethanien und sein Entschluß war, seinem Freunde zu Hülfe zu kommen. Allein er führte diesen Vorsatz nicht sogleich aus, weil uns unbekannte Umstände ihn noch zwei Tage in Peräa zurück hielten. Erst nach Verlauf derselben kündigte er seinen Jüngern an, daß er mit ihnen wieder in die Provinz Judäa wandern wollte. Seine Jünger aber widerriethcn ihm dieses, indem sie ihn auf die Gefahr aufmerksam machten, welcher er sich dabei aussetzen würde. Doch Jesus erklärte ihnen, daß Alles seine Zeit habe und zur rechten Zeit geschehn müsse, und fügte hinzu, daß ihr Freund Lazarus schlafe und daß er denselben aufwecken wolle. Da meinten die Jünger, ihr Meister spreche von dem gewöhnlichen, natürlichen Schlafe, und sagten daher: „Wenn Lazarus schläft, so wird es besser mit ihm werden." Hierauf erklärte ihnen Jesus offen, daß Lazarus gestorben sey, daß aber dieses Ereigniß dazu dienen werde, ihr Vertrauen zu >hm zu erhöhen. Als nun Jesus seine Jünger nochmals aufforderte, mit ihm die Reise nach Bethanien anzutreten, äußerte Thomas, der Zwilling, gegen seine Mitjünger: „Wir wollen ihn begleiten, wenn wir auch mit ihm in den Tod 346 Fünftes Buch. gehn.sollten." Hierauf traten sie mit ihrem Meister die Reise nach Bethanien an. Der Evangelist berichtet nicht, wo Jesus eben sich aufhielt, als ihm die Krankheit seines Freundes durch dessen Schwestern gemeldet wurde; wahrscheinlich aber weilte er damals an einem Orte, der weiter von Bethanien 'entfernt lag, als Bethadara es war, weil Lazarus schon vier Tage in. Grabe geruht hatte, da Jesus in Bethanien ankam. Wie dem aber-auch seyn mag, wir nehmen hier Gelegenheit noch mit einigen Ortschaften näher bekannt zu werden, die in jener Gegend lagen, durch welche Jesus damals reisen konnte. Ai oder Haai, an der Nordgrenze von dem Gebiete des Stammes Benjamin, war eine alte Kanaanitische Königsstadt, in deren Nähe Abraham sein Lager aufschlug, als er aus Mesopotamien nach Kanaan kam (1. Mos. 12, 8. 13, 3.). Sie lag morgenwärts von Bethel, (Jos. 8, 9 u. 12.) auf einer Anhöhe, wovon sie ihren Namen zu haben scheint, der Anhöhe-oder Hügel bedeutet. Nordwärts von ihr erstreckte sich ein Thal (Jos. 8, 11.). Als Josua, gegen Ai 3000 s Mann aussendete, wurden diese von den Einwohnern der Stadt ' geschlagen; allein Josua rächte die empfangene Niederlage durch einen neuen Angriff, bei welchem er Hinterlist zu Hülfe nahm, die ihm auch so wohl glückte, daß er sich der Stadt bemächtigte. Dabei wurde sie aber zerstört und 12000 Cui- ! wohner von Ai verloren ihr Leben (Jos. 7 u. 8.). Sie ! erhob sich jedoch bald von neuem und hieß zur Zeit der Pro- i pheten Ajath (Jes. 10, 28.). Damals war sie der Ort, " wo das Assyrische Heer die Grenze des Reichs Juda betrat. Nachdem die Juden aus der Babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren, nahmen wieder Benjaminiten in Ai ihren Wohnsitz, das jetzt unter dem Namen Aja vorkommt (Nehem. 11, 31.). Zu Hieronymus Zeiten fanden sich nur wenige Spuren noch von dieser Stadt. Cyprus war nur ein Kastell, welches Herodes erbaut - und nach seiner Mutter benannt hatte. Es wird von Jo- sephus als ein Ort genannt, der schöne Gebäude enthielt und i durch Kunst befestigt war. Man traf es abendwärts von Jericho. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 647 Alexander'on war ein festes Schloß zwischen Ai und Jericho, auf einem Berge, nahe bei der Stadt Korea. Man kennt nicht genau die Stelle, wo Korea lag, sondern weiß nur, daß es die erste Stadt in Judäa, wenn man aus Samaria kam, auf dem Wege nach Jericho, an der Grenze von Ephraim und Benjamin war. Jenes feste Schloß soll nach Einigen von Alexander dem Großen, nach Andern von Mexander Janäus, was wahrscheinlicher ist, erbaut worden seyn. Gablnius zerstörte es; Herodes der Große aber stellte ^ks wieder her, und wahrend der Kriege, welche dieser König führte, wurde es ziemlich berühmt. Mehrere Fürsten aus der Familie des Jannäus waren dort beerdigt, und Herodes der Große ließ die Leichname seiner beiden Söhne Alexander und Äristobulus, die zu Sebaste oder Samaria auf sein Geheiß getödtet worden waren, ebenfalls dahin bringen. Gilgal oder Galgala, südöstlich von Jericho, war der. erste Lagerplatz der Jsraeliten diesseit des Jordans, ohn- Uahr zwei Stunden von diesem Flusse. In der Nähe jenes Lrtes richteten die Juden die zwölf Steine auf, die sie aus dem Jordan mit sich genommen hatten (Jos. 4, 20.). Hier wurde die allgemeine Beschneidung an denen vorgenommen, welche in der Wüste geboren worden waren und sie noch nicht empfangen hatten. Auch feierten die Jsraeliten hier das lffah, und hier begannen sie, sich mit den Früchten des igelobten Landes zu sättigen (Jos. 5.). So lange die Juden mit der Eroberung des größten Theils von Kanaan beschäftigt waren, was ohngefähr sechs bis sieben Jahre dauerte, hatten sie zu Gilgal ihren Hauptlagerplatz. Hier befand sich während dieser Zeit die Stiftshütte mit der Bundeölade, die erst spater nach Siloh versetzt wurde (Jos. 18, 1.), wo sie jedoch nur eine Zeitlang blieb; denn später muß sie wieder i» Gilgal gewesen seyn, weil man hier Opfer darbrachte (1. Sam. 10, 8.). Einige erklären das Wort Gilgal durch Freiheit und sagen, der Ort habe diesen Namen deshalb bekommen, weil die Juden nach ihrem Uebergange über den Jordan erst völlig auö der Acgyptischen Knechtschaft befreit und nun zugleich auch von dem Ungemachs frei gewesen waren, das sie in der 348 Fünftes Buch. Wüste hatten erdulden müssen. Andere erklären den Name» durch Abwälzen, indem sie auf die Stelle, Jos. 6, 9., Rücksicht nehmen, wo es heißt, daß durch die Beschneidung die Schande Aegyptens von den Jsraeliten hinweggenommen oder abgewälzt worden sey. Als die Jsraeliten hier anlangten, war Gilgal noch keine Stadt, sondern diese wurde erst später dort erbaut; es iß aber nicht bekannt, zu welcher Zeit das geschah. Wahrscheinlich muß sie jedoch bald nach Josua erbaut worden seyn,! weil Gilgal zu Samuels Zeiten schon eine ansehnliche Stadt war. Denn in ihr versammelte jener Richter das Volk, m daselbst Saul von neuem zum Könige bestätigen zu lassen (1. Sam. 11, 14 u. 15.). Ueberhaupt hielt sich Samuel öfter in Gilgal auf und stellte alljährlich Gerichtstage daselbst an (1. Sam. 7, 16.). Auch die Propheten Elias und Elisa ! scheinen oft ihren Aufenthalt in Gilgal genommen zu haben ^ (2. König. 2, 1. 4, 38.). Uebrigens war diese Stadt meh- ( ^ reremale ein Sitz der Abgötterei. Zur Zeit der Richter hat- ^ ten sich die Moabitcr der Stadt bemächtigt und Götzen daselbst . aufgestellt (Richt. 3, 19.); und der Prophet Hosea (4, 15.) warnt die Juden, nicht nach Gilgal zu gehn, um nicht zur ^ Abgötterei verleitet zu werden. Aehnlichc Warnungen findet man auch bei Amos (4, 4.). Die Stadt Gilgal muß schon frühzeitig zerstört worden seyn, da sie nicht weiter erwähnt wird und man auch jetzt nur wenig Spuren von ihr findet. Ein Dörfchen, das aus etwa 30 elenden Hütten besteht, ( soll auf der Stelle des alten, berühmten Gilgal liegen, i Dabei befinden sich einige Ruinen, unter denen die einer ! Kirche sind. Nördlich von Jerusalem und Bethanien lag Adasar ^ oder Ada so, ein Kastell im Gebiete des Stammes Juda bei ^ welchem Judas Makkabäus den Syrischen Feldherrn Nikanor schlug (1. Makk. 7, 40 —45.). Als Jesus in die Nähe von Bethanien gelangt war, kam Martha, die von seiner Ankunft Nachricht empfangen hatte, ihm entgegen und meldete ihm den Tod ihres Bruders; äußerte aber auch zugleich, daß derselbe wohl nicht gestorben seyn würde, wenn Jesus zugegen gewesen wäre. Voll Äer- i Reisen Jesu der dritten Periode rc. S49 trauen zu ihrem edlen Freunde und in dem Bewußtseyn, daß er schon Todte in das Leben zurückgerufen hatte, setzte sie och hinzu; „Ich weiß jedoch, daß dein Gebet von Gott ird erhört werden." Hierauf versicherte ihr Jesus, daß hr Bruder auferstehn werde; allein Martha glaubte, er spreche on der Auferstehung am jüngsten Tage; daher sagte Jesus nun: „Durch mich erfolgt die Auferstehung und ein neues beglücktes Leben. Wer mir mit ganzem Vertrauen sich hingibt, der wird selbst, wenn er stirbt, zu einem seligen Leben gelangen; ja wer in seinem Leben mir vertraut, der hat den Lod durchaus nicht zu fürchten. Glaubst du dieses?" — Diese feierlichen Worte begeisterten die Martha, so daß sie Jesum für den Messias erklärte und einer frohen Hoffnung sich hingab. Von ihr erfüllt eilte sie zu ihrer Schwester ; Maria, die zu Hause saß, wo nach Gewohnheit viele Freunde Bekannte aus der Nachbarschaft sich versammelt hatten, die beiden Schwestern in ihrer Trauer zu trösten. Sie theilte der Schwester insgeheim die Nachricht mit, daß der Freund vor dem Flecken sey und sie erwarte. Denn um hin Aufschn zu erregen war Jesus nicht in den Flecken selbst hineingegangen. Kaum hatte Maria die Kunde vernommen, 'daß Jesus vor dem Orte sich befinde, so eilte sie hin zu n Lehrer und Freunde, siel zu dessen Füßen und von /herbem Schmerz ergriffen, konnte sie nur die Worte ausspre- : „Wärst du hier gewesen, er wäre nicht gestorben." Unterdessen waren auch die Juden herbeigekommen, die jetzt bei Martha und Maria weilten; denn als Maria plötzlich aufgestiegen und fortgeeilt war, hatten sie geglaubt, sie wolle M Grabe ihres Bruders sich begeben und dort ihren Schmerz Äiöweincn; daher waren sie ihr nachgeeilt; und vergossen Wn mit der tiefbelrübteu Maria die bittersten Thränen über dm geliebten Entschlafenen. Das erregte bei Jesu die in- igste Wehmuth und rührte auch ihn zu Thränen, so daß e anwesenden Juden auf ihn aufmerksam wurden und zu »rüder sagten: „Da sieht man, wie lieb er den Lazarus gehabt hat." Einige aber äußerten, da er den Blinden das Gesicht wiedergegeben habe, so hätte er ja auch wohl seinen 8>eu»d von dem Tode retten können. Diese Aeußerungen bc- wegten das gefühlvolle Herz des göttlichen Menschenfreundes noch mehr. Er fragte nun nach dem Grabe des Lazarus, und wurde alsdann zu demselben hingeführt, das wie gewöhnlich in einer Felsengrotte bestand, die man mit einem Steine verschlossen hatte. Als Jesus dabei angekommen war, gebol er, den Stein hinwegzunehmen. Martha wollte dieses verhindern, denn sie meinte, weil der Leichnam schon vier Tage gelegen hatte, werde er in Fäulniß übergegangen seyn und daher stinken. Allein Jesus cntgcgnete: „Habe ich dir »ich!« gesagt, wenn du volles Vertrauen zu mir hättest, so würdest! du sehn, was Gott Herrliches zu vollführen vermag?" Hierauf öffnete man das Grab, und Jesus wendete sich mit inbrünstigem Gebet HU seinem himmlischen Vater, daß dieser ihn auch jetzt als seinen Gesandten verherrlichen möchte. Durch das Gebet gewann er freudige Zuversicht zu Gottes gnädiger Mitwirkung, und rief alsdann mit lauter Stimme in das Grab hinein. „Lazarus komm heraus." Nach diesem Rufe kam Lazarus wirklich zum größten Staunen aller Anwesende» hervor, eingehüllt in die Binden und Tücher, mit denen »nur die Leichname und zwar jedes Glied besonders zu umgebe»/ pflegte. Diese ließ Jesus dem Ncubelebten abnehmen unds denselben hierauf nach seiner Wohnung gehn. Dieses Ercig- niß bewirkte bei Vielen, daß sie Vertrauen zu Jesu gewannen; Andere aber eilten zu den Pharisäern und machten sie mit der Begebenheit bekannt. Noch jetzt zeigt man ohngefähr 60 Schritte von Be- thanien das Grab des Lazarus, das in der Mitte einer gewöhnlichen, niedrigen Felsenhöhle sich befindet, in welche man auf 21 schmalen verfallenen Stufen hinabsteigt, die ohngefähr 18 Fuß lang und Z Fuß breit ist und in der ein kleiner ärmlicher Altar steht. Dieser Altar soll aus dem Steine aufgerichtet seyn, mit welchem ehemals der Eingang der Gm- beshöhle verschlossen war. Der Stein ist 6 Fuß lang, ^ Fuß breit und eine Handbreite dick. Alljährlich wird a» dem Altare am Magdalenentage Messe gelesen. Bei dieser Grabeshöhle hat sonst ein Kloster gestanden, das die Königin Melisenda, die Tochter Balduin 11. und die Gemahlin des Königs Foulques von Jerusalem soll haben erbauen lassen. 351 Reisen Jesu der dritten Periode rc. Man bemerkt noch einige Ueberreste davon, vorzüglich von der Kirche, aus welcher sonst die Stufen hinab in das Grab führten. Die Türken hatten aus ihr eine Moschee gemacht und da in diese den Christen der Eintritt verwehrt wurde, so hatten sie sich einen Gang durch den Berg in das Grab gebrochen. Ohngefähr eine halbe Viertelstunde nordwärts von der Grabeshöhle zeigt man auf freiem Felde einen eirunden Stein, auf welchem Jesus gesessen und ausgeruht haben soll, als Uartha ihm entgegen kam und ihm die Nachricht von dem «folgten Tode ihres Bruders brachte, und bei welchem ihn auch die Maria traf. Die Nachricht von der Auferweckung des Lazarus durch Jesus versetzte die Feinde des göttlichen Lehrers in die größte Bestürzung. Sogleich versammelte sich der Hoherath und man berathschlagte, was man zu thun habe, da Jesus so ausgezeichnete Thaten verrichte. Alle von Neid und Haß gegen Jesum erfüllt, meinten, man dürfe denselben nicht ferner so wie bisher frei und ungehindert handeln lassen, denn s i sonst würde ein Aufruhr entsteh« unter dem Volke und als- i! dann würden die Römer dem Lande noch größern Schaden dringen, als es bisher der Fall gewesen sey. Als nun die ; Mitglieder des Hohenrathes nicht sogleich über die anzuwen- ? denden Mittel einig werden konnte», nahm der Hohepriester si Kaiphas das Wort und sagte: „Ihr trefft nicht das Rechte. - Hier muß der Grundsatz geltend gemacht werden, es ist für § uns besser, daß ein Mensch zum Wohle des Volkes geopfert H werde, als daß das ganze Volk ins Verderben gerathe." ß Dieser Rath wurde auch für gut befunden, und seitdem suchte ma» Jesum fest zu nehmen und ihn dem Tode zu überliefern. XXXXVI. i Jesus begibt sich von Bcthanien nach Ephrem. iLoii. ir. si-n Als Jesus diesen Beschluß des Hohenrathes erfuhr, seine Stunde aber noch nicht herbei gekommen war, so trat er jetzt >»cht weiter öffentlich auf, um sich der Verfolgung der Pha- ZZZ Fünftes Buch. risaer nicht preis zu geben, sondern verließ Bethanien und begab sich in die Stadt Ephrem, die in einer einsamen Gegend lag. Dort blieb er bis das Passahfest herannahet. Da Bethanien morgenwärts von Jerusalem und südlich von Ephrem sich befand, so brauchte Jesus auf seinem Wege die Hauptstadt nicht zu berühren, sondern richtete sich gerade nordwärts. Auf seiner Reise konnte er in die Nähe von Najoth, einem Orte in dem Gebiete des Stammes Ephraim kommen, wo David als er vor Saul geflohen war, sich eine - Zeitlang mit Samuel aufgehalten hatte (1. Sam. 19, 18— 23.). Dieser Ort lag an der südlichen Grenze des Stammes Ephraim zwischen Ephron und Atharoth, nicht weit von Ramah. In jener Gegend, nördlich von Jericho, befand sich auch das feste Schloß Dok oder Doch, in welchem zur Zeit der Makkabäer der Syrische Befehlshaber Ptolemäus lag, der seinen Schwiegervater, den Fürsten und Hohenpriester Simon und dessen beide Söhne, Judas und Matathias, nebst einigen Dienern daselbst durch schändlichen Verrath umbringen ließ (1. Makk. 16, 11 — 17.). Kibzaim war eine alte Stadt im Gebiete des Stammes Ephraim, welche den Leviten abgetreten wurde (Jos. L1, 22.). Adida oder Chadida war eine feste Stadt im Gebiete des Stammes Ephraim, die auf einem Berge lag und für unbezwinglich galt. Sie wurde von dem Makkabäerfür- sten Simon befestigt (1. Makk. 12, 38.); und später ließ Vespasian bei ihr Schanzen anlegen, um von dieser Seite die Zufuhr der Stadt Jerusalem abzuschneiden. Nach Jose- phus scheint sie nicht gar weit von Jericho gelegen zu haben. Zwei Meilen nördlich von Jerusalem, zwischen dieser Stadt und Jericho, nicht weit von Bcthcl lag Ephrem, eine kleine Stadt im Gebiete des Stammes Ephraim an der Grenze des Stammes Benjamin. Wahrscheinlich ist die Stadt Ephraim (2. Sam. 13, 23.) mit ihr eine und dieselbe. Sie befand sich an dem Gebirge Ephraim, wahrscheinlich an der Wüste Beth-Aven, muß aber wohl eine fruchtbare Umgegend gehabt haben, da ihr Name „fruchtbar" heißt. *'4 Reisen Jesu der dritten Periode rc. 353 Janoha war ebenfalls eine Stadt in dem Gebiete des Stammes Ephraim, morgenwärts von Sichem. Sie wurde unter der Regierung des Israelitischen Königs Pc- kah von Thiglath-Pilesser eingenommen. In der Nahe der Stadt Ephraim befand sich Baal- hazor oder Baal-Chazor, ein Landgut Absaloms (2. Sam. 13.23.), der daselbst seinen Bruder Ammon umbringen ließ. An der Grenze der Gebiete Ephraim und Manasse lag die Stadt Ophra oder Ephra, aus welcher der Richter Gideon gebürtig war (Nicht. 6, 11.), der die Midiam'ter besiegte; und in welcher dessen Sohn Abimelech seine Bruder ermordete (Richt. 9, 5.). Während Jesus noch in der Gegend von Ephrem sich aufhielt, hatten sich schon mehrere Juden in Jerusalem kurz vor dem Beginne des Passahfestes eingefunden, um sich rein 1 erklären zu lassen und überhaupt die nöthigen Vorbereitun- T gen für das Fest zu treffen. Diese sprachen von Jesu, Mund wunderten sich, daß er noch nicht in Jerusalem angekommen wäre. Der Hoherath aber hatte seine Maßregeln getroffen, um den göttlichen Menschenfreund fest zu nehmen, und deshalb das Gebot ergehen lassen, daß Jeder, der Jesu Aufenthalt kannte, denselben anzeigen sollte. XXXXVII. , Jesus reist von Ephrem nach Jericho. lMatttz. 20, 17-23. Mark. 10, 32—46. Luk. 18, 31—43. 19, 1—10.> Als das Passahfest nahe herbei gekommen war und ^ie Juden schon von allen Seiten her in Karavanen nach i Jerusalem zogen, verließ Jesus die Gegend von Ephrem und schloß sich an die Festkaravanen an. Nicht ohne Verwunderung sahen ihn die Juden, die ihn kannten und wußten, daß er in Jerusalem bedeutende Feinde hatte, seinen Weg ebenfalls nach der Hauptstadt nehmen, wo sie Gefahr für ihn fürchteten. Jesus aber ging muthvoll und gottergeben seinem Schicksale entgegen und war so ruhig in sich selbst, daß er auf dem Wege gefaßt mit seinen Jüngern von 23 354 Fünftes Buch. dem sprechen konnte, was ihm bevorstand. Aber auch jetzt verstanden ihn seine Schüler noch nicht, so fest hielten sie die Vorstellung von einem irdischen Reiche, das Jesus gründen werde. Dieses Vorurtheil hegte auch die Mutter *) der beiden Söhne des Zebedäus, des Jakobus und Johannes; denn sie kam zu Jesu auf seiner jetzigen Reise und bat ihn inständigst, er möchte doch, wenn er sein Reich aufrichte, ihre Söhne in demselben zu hohen Würden erheben. Als nun ihre Söhne ihre Bitte selbst mit unterstützten, da wendete sich Jesus an dieselben und sagte: „Ihr wißt nicht, was ihr bittet!" Hierauf fragte er sie, ob sie wohl mit ihm Trübsal und Ungemach im Dienste der guten Sache erdulden wollten und könnten? Und da sie dieses bejahten, so erklärte er, sie würden wohl in seinem Dienste von Trübsal und Leiden heimgesucht werden; welche Stufe aber sie im Gottesreiche einnehmen würden, das hinge allein von Gott, seinem himmlischen Vater ab. Die übrigen Jünger nahmen es übel auf, das; Jakebus und Johannes sich über sie eiche- i ben wollten; damit es aber nicht unter ihnen zu Zwist und s Streit kommen sollte, so erklärte ihnen Jesus, daß nur bei weltliche!: Gebietern vom Herrschen die Rede seyn könnte;» in dem Gottesreiche aber erwerbe sich der den größten Werth I und die höchste Würde, der Andern die meisten Dienste leiste. » Daher sey er selbst auch erschienen, nicht um sich dienen z» lassen, sondern vielmehr um seinen Mitmenschen Dienste zu ! erweisen und für ihr Bestes sogar sein Leben aufzuopfern. ! Während Jesus weiter wanderte, schlössen sich im« > mehrere Menschen an seinen Zug an, die alle auch nach Jerusalem sich begaben. Als er in die Nähe von Jericho kam, saß ein Bettler am Wege, der blind war. Dieser vcc- Sie soll Salame geheißen und sich in dem Gefolge Jesu, da ihr: Gälte Zebedaus vielleicht gestorben war, befunden haben. Als eine Wer- ^ wandte der Maria, der Mutter Jesu, glaubte sie wahrscheinlich misst mehr ein Recht zu jener Bitte zu haben und hielt es für billig, daß suß ihre Söhne, als seine Verwandte, den andern Jüngern vorzöge. Da sus zuvor von seiner bald erfolgenden Auferstehung gesprochen hatte, st meinte sie vielleicht, er deute damit die Errichtung des Messtasreichst . an, und eilte daher, ihre Bitte anzubringen, damit ihre Söhne dabei UM, verge»en würden. ' i Reisen Jesu der dritten Periode rc. 355 nahm, daß eine Menge'Menschen heranzog, und erkundigte sich daher, was das wäre? Man gab ihm darauf zur Antwort, Jesus von Nazareth ginge vorüber. Kaum hatte er dieses vernommen, so rief er laut: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" denn ohnstreitig hatte er früher schon Nachricht von Jesu außerordentlichen Thaten und wundervollen Heilungen empfangen. Diejenigen, welche im Zuge vorangingen, geboten ihm Schweigen; allein er achtete nicht auf sie und schrie nur noch lauter um Hülfe, so daß Jesus ihn hörte. Da hielt der göttliche Menschenfreund an und ließ den Blinden zu sich bringen. Hierauf fragte er ihn: „Was begehrst du von mir?" und als der Gefragte erwiederte, er wünsche sehend zu werden, so entgegnen Jesus: .„Sey sehend! dein Vertrauen zu mir hat dich der Heilung fähig gemacht." Nach diesen Worten ^ bekam der Bettler auch wirklich seine Sehkraft wieder und ging nun, freudig Gott dankend, mit Jesu. Aber auch das ^Bolk, welches Augenzeuge der Heilung gewesen war, pries ^ Colt wegen dieses Ereignisses. Als Jesus hierauf in die Stadt Jericho einzog, so eilte Zachäus, ein Oberzolleinnehmer, ein sehr reicher Mann, hierbei, um Jesum, von dem er so vieles Außerordentliche vernommen hatte, zu sehen und näher kennen zu lernen. ßDa er aber klein von Person war und vor dem Andränge ides Volkes weder zu Jesu kommen., noch ihn sehen konnte, so lief er dem Zuge voraus und stieg auf einen Maulbeer- seigcnbaum, der am Wege stand, und vor welchem Jesus vorbei mußte. Die Maulbcerfeigenbäume oder wilden Feigenbäume, die in Palästina, vorzüglich in der Ebene am mittelländischen Meere (1. König. 10, 27.), häufig gefunden wurden, gehören zu den größten und höchsten Bäumen und lassen ihre Aeste, die sich weit umher erstrecken, ziemlich niedrig am Stamme ausgehen, so daß sie leicht erstiegen wer- dn> können. Die Blätter sind denen des weißen Maulbeer- daums ähnlich; die Früchte aber gleichen den Feigen, sitzen in einer Art von Traube und kommen aus dem Stamme selbst hervor. Sie sind jedoch nicht so wohlschmeckend als 23 * Z66 Fünftes Buch. die eigentlichen Feigen und dienen daher hauptsächlich nur den Armen zur Nahrung, für welche sie eine um so größere Wohlthat werden, da sie in Menge sich vorfinden, weil die Bäume mehreremale des Jahres reife Früchte tragen. Das Holz des Baumes ist sehr fest und dauerhaft und daher zum Bauen und zu verschiedenen Gerüchen sehr brauchbar. Da Jesus in die Nähe des Baumes kam, erblickte er den Zolleinnehmer Zachäus darauf, und sein Scharfblick und seine Menscheukenntniß sagten ihm sogleich, daß derselbe gern näher mit ihm bekannt werden wollte. Daher rief er ihm zu: „Zachäus komme sogleich herab, denn ich will bei dir einkehren!" Der Zolleinnehmer folgte dem Rufe und nahm Jesum mit der größten Freude bei sich auf. Die Juden aber, die gegen alle Zolleinnehmer großen Abscheu hegten, weil sie dieselben für schlechte Menschen hielten, nahmen es Jesu übel, daß er bei einem solchen einsprach. Za- chaus *) jedoch wurde durch Jesu Nahe ganz umgewandelt und erklärte, daß er gern die Halste seiner Güter den Ar-: wen geben und denen, die er auf irgend eine Weise vervor- theilt habe, ihren Verlust vierfach ersetzen wollte. Diese Aeußerung gewährte Jesu große Freude, in welcher er sagte: „Durch meine Einkehr ist diesem Hause großes Heil wieder- fahren, an welchem Zachäus an sich, als ein Nachkomme^ Abrahams, Antheil hat. Ueberhaupt bin ich ja erschienen,; um die von dem rechten Wege Abgewichenen und.Verirrte»- zurecht zu weisen und zu beglücken. Jericho oder Hiericho war eine sehr alte Kanaaui-! tische Königsstadt (Jos. 12, 9.), deren Namen Manche durch Mond übersetzen wollen, weil sie in der Gestalt eines hal-l den Mondes gebaut gewesen, oder weil in ihr dieses Ge-N stirn früher verehrt worden seyn soll. Wahrscheinlicher aber bedeutet ihr Name die Wohlriechende; denn in ihrer Umgegend wurde sonst die Balsamstaude sehr häufig gezogen. Darauf scheint auch ihr jetziger Name Richa, den ihr die Araber geben, hinzudeuten. Ein früherer Beiname von ihr *) Nach der Sage soll Zachäus ein Schüler des Apostel Petrus und. später Bischof von Cäsarca Palestina geworden seyn. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 35^7 - war die Palmenstadt (5t Mos. 34, 3. Richt. 3, 13.), den sie daher hatte, weil sie von vielen Palmen, vorzüglich von Dattelbäumen umgeben war *). Sie lag in dem Gebiete des Stammes Benjamin, ohngefähr 8 Stunden nordöstlich von Jerusalem und 2 Stunden westlich vom Jordan. Diese Stadt war die erste, welche die Jsraeliten diesseit des Jordans eroberten. Um die Lage und Beschaffenheit derselben näher kennen zu lernen, schickte Josua, als er noch jenseit des Flusses sich befand, Kundschafter ab, die in Jericho » von einer Frauensperson Namens Rahab **) aufgenommen und verborgen wurden (Jos. 2.). Die Stadt hatte einen ansehnlichen Umfang und viele Einwohner, war stark befestigt und der Wohnsitz eines Königs; daher konnte sie nicht leicht eingenommen werden. Allein die Jsraeliten bemächtigten sich ihrer doch, brannten die Gebäude derselben nieder und brachten ihre Einwohner um; nur die Rahab mit ; ihren Verwandten und mit ihrem Eigenthume blieb unverletzt (Jos. 6.). Josua belegte sogar denjenigen, der Jericho wieder aufbauen würde, mit dem Fluche. Demohngeachtet I »ahmen bald darauf Mehrere unter den Trümmern der I zerstörten Stadt ihre Wohnung, namentlich die Kinder des »Keniters, eines Schwagers von Moses (Richt. 1, 16.). r Bald nach Josuas Tode bemächtigten sich die Moabiter Jerichos (Richt. 3, 13.) und behielten diese Stadt eine Zeit lang unter ihrer Botmäßigkeit. Unter David scheint sie je- z! doch wieder in dem Besitze der Jsraeliten gewesen zu seyn; ° r denn er schickte seine Gesandten, welche von den Ammonitern l eine entehrende Mißhandlung erfahren hatten, dahin und i ließ sie dort so lange verweilen, bis ihnen ihre abgeschnittenen Bärte wieder gewachsen waren (2. Sam. 10, 6.). ? Wahrscheinlich blieb Jericho seit der Zerstörung durch Josua *) Auf Münzen findet man Palästina stets unter dem Wilde einer Muensperson dargestellt, die unter einem Palmbaume sitzt, was davon i saigniß ablegt, daß jenes Land sonst reich an Palmen war. i ") Rahab verheirathete sich in der Folge mit einem Juden Sal- ' >l»a oder Salmon, der vielleicht einer der Kundschafter gewesen war, ^nd daher die Erhaltung seines Lebens ihr verdankte. Durch diese Ber- ! l mratlmng gelangte sie zu der Ehre, daß sie in dem Geschlcchtsregister >Ks>i mit aufgeführt wurde (Match. 1, 5.). 358 Fünftes Buch. größtenteils in Trümmern liegen, und nur Wenige hatten daselbst ihre Wohnung genommen; aber an eine vollständige Wiederherstellung der Stadt hatte noch Niemand gedacht. Diese unternahm erst ein gewisser Hiel von Bethel, zur Zeit des Königs Ahab. Da aber während des Baues seine Kinder, eins nach dem andern, starben, so maß man dieses dem Fluche bei, den Josua gegen die Wiederherstellung der Stadt ausgesprochen hatte (1. König. 16, 34.). Seit dieser Zeit gelangte Jericho wieder zu einem bedeutenden Ansehn. Die Propheten Ellas und Ellsa hielten sich V oft daselbst auf, und es gab dort Prophetenschulen, in denen junge Leute zu Lehrern des Volkes gebildet wurden (2. ' König 2, 4 — 7. u. 15 —18.). Als der König von Israel, Pekah, die Juden unter ihrem Könige Ahas geschlagen und 200000 derselben gefangen genommen hatte, schickte er diese auf den Rath des Propheten Obed nach Jericho (2. Chrom 28, 8—15.). Nach der Babylonischen Gefangenschaft blühete Jericho i von neuem auf, nachdem aus jener 345 ehemalige Einwohner dieser Stadt in sie zurückgekehrt waren. Zur Zeit der Makkabäer wurde sie von Bacchides, einem Feldherrn des Syrischen Königs Demetrius, eingenommen und stark befestigt (1. Makk. 9, 50.). Die letzten Könige der Juden thaten Vieles zur Verschönerung der Stadt, vorzüglich der !' König Herodes der Große. Dieser hatte sich einen prächtigen Palast darin bauen lassen, in welchem er den größten - Theil seiner letzten Lebenszeit zubrachte, und in welchem er i auch starb. Ihm hatten wahrscheinlich auch die Rennbahn und das Amphitheater, die daselbst sich befanden, ihre Entstehung zu danken. Ueberhaupt war Jericho damals nach Jerusalem die wichtigste Stadt in Palastina. Sie hatte einen Umfang von 1-^- Stunden, und es sollen allein 12000 . Priester zu jener Zeit in ihr gewohnt haben. Auch herrschte in ihr ein sehr lebhafter Verkehr, denn es ging nicht allein die Hauptstraße von Galiläa nach Jerusalem, sondern auch der Hauptweg des Handels zwischen Arabien und Phönicieii durch sie hindurch; daher waren in ihr mehrere Zollein- nchmer angestellt. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 359 Die Stadt lag in einer schönen Ebene, die 3^ Stunden lang und 1 Stunde breit ist, sich auf dem westlichen Ufer des Jordans von dem todten Meere an nordwärts erstreckt und ringsum von Bergen umgeben wird. Diese Ebene zeichnete sich durch Anmuth und Fruchtbarkeit aus und wurde von mehreren Bächen und Kanälen, die von dem Jordan ausgingen, bewässert. Vorzüglich schlängelt sich durch sie der Bach des Elisa hin (vergl. Seite 138.). Sie enthielt Anpflanzungen von Oelbäumen und Weinreben, Pal- menhaine, ja sogar einen ansehnlichen Palmenwald und Gärten, in denen die vorzüglichste Balsamstande gezogen wurde. Auch fand man auf ihr die schönsten Rosen *), (Sir. 24, 18 .). Wegen des Reichthums blühender Gewächse war sie der Bienenzucht sehr günstig, die man dort vorzüglich trieb. In dieser Ebene wurde der König Zedekia von den Chaldaern, vor denen er geflohen war, eingeholt, und von ihnen gefangen genommen (2. König. 23, 3.). Während des letzten Kriegs der Juden gegen die Römer, vorzüglich während der Belagerung Jerusalems, wurde Jericho gänzlich zerstört und blieb bis zur Zeit des Kaisers Hadrianus in Trümmern liegen. Dieser aber ließ die Stadt zum drittenmale wieder ausbauen, so daß Hieronymus, als er dahin kam, sie von ansehnlicher Größe fand. Aber auch jetzt stand sie nur einige Jahrhunderte hindurch; denn zur Zeit der Kreuzzüge wurde sie abermals gänzlich zerstört und Diejenige Pflanze, welche man gewöhnlich Rose von Jericho iänaswtical>i«i-oo!>„m>'oi> I-.) nennt, ist keine eigentliche Rosenart, sondern sie gleicht, wenn sie völlig aufgeblüht ist der Blüthe des schwarzen Hollun- dcrß, die man gewöhnlich als Schweißtreibendes Mittel anwendet. Sie ist ei» unansehnlicher Strauch, nur 5 Zoll hoch und theilt sich gleich über der Wurzel in mehrere Zweige, welche wenige, kleine Blatter, aber viele kleine Blüthen tragen, deren Farbe anfangs riithlich und später weist ist. Nach der Blüthezeit fallen die Blätter und -Blüthen ab und es bleiben nur einige kleine Samenkapseln an den Zweigen übrig. Nun krummen sich in der Connenwärme die Zweige einwärts und ziehen sich in eine Art von Knäuel Msammen, an welchem die Wurzel als Stiel sich befindet. In dieser Gestalt hat die Pflanze den Namen Rose bekommen, und in diesem Zustande hält sie sich eine lange Reihe von Jahren, ohne zu verderben. Auch besitzt Ist die Eigenschaft, daß wenn sie in das Wasser gestellt, oder feucht wird, sie ihre Zweige von einander breitet. Sobald sie aber wieder trocken wird, rieht sie ihre'Zweigc auch wieder zusammen. Sie ist in dem wüsten Arabien s» Hause, um Jericho aber findet man sie nur selten, oder gar nicht. zwar so, daß man jetzt fast keine Spur mehr von ihr findet. Auf ihrer Stelle liegt ein elendes Dorf Namens Ri- cha, das aus ohngefähr 50 Hütten besteht, die aus Erde und Schilf aufgerichtet und mit dürrem Heidekrauts bedeckt sind. Unter denselben erhebt sich ein alter viereckiger Thurm, der auf der Stelle, wo das Haus des Zachäus stand, erbaut worden und in dessen unterem Theile eine Kirche gewesen seyn soll. Unter den wenigen noch vorhandenen Trümmern zeichnen sich die von einer Kirche aus; von den Stadtmauern aber bemerkt man kaum eine Spur. Früher zeigte man noch den Maulbeerfeigcnbaum, auf welchen Zachaus bei der Ankunft Jesu gestiegen war. In den erbärmlichen Hütten wohnen ohngefähr 200 Einwohner, die in Arabern und Mauren bestehen; auch liegen 50 sogenannte Soldaten daselbst, welche die Umgegend vor den Räubern sicher stellen sollen. Die Ebene, in welcher Jericho lag, ist jetzt ziemlich wüste, da sie wenig angebaut wird, und trägt nicht mehr als sie von freien Stücken gibt. In der Nähe des todten Meeres aber trifft man viele umgestürzte Palmenstämme an, ! die mit einer Salzrinde überzogen sind, und noch Zeugniß ^ für den ehemaligen Reichthum der Gegend an Palmen ablegen. XXXXVIII. Jesus begibt sich von Jericho nach Bethanlen. cMattl). 20 , W-A. Mark. 10, 48-52. Luk. 1!', 11-28. Loh. 12, Da Jesus jetzt auf dem Wege nach Jerusalem sich be- - fand und die Verhältnisse überhaupt so sich gestaltet hatte», daß man ein entscheidendes Ereigniß in Jesu Leben erwarten konnte, so gericthen Mehrere auf die Meinung, daß Jesus nun nicht länger säumen werde, sich entschieden als den Messias zu erklären und das Messiasreich aufzurichten. Da man aber immer noch die Errichtung eines irdischen Reichs von ihm erwartete, so suchte er abermals durch ein Gleichniß die- sem Vorurtheile zu begegnen und seinen Zuhörern darzulegen, > daß sein Reich nur ein geistiges sey. Zugleich gibt er in seinem Gleichnisse zu versteh», daß seine Diener uyd Stellvertreter nach seinem Scheiden mit allen ihren Kräften für Reisen Jesu der dritten Periode rc. 361 kl die festere Begründung und den Bestand dieses Reichs wir- II ken müßten. ^ Hierauf verließ er Jericho und eine große Menge Volks E begleitete ihn auf seiner weitem Wanderung nach Jerusalem-. A Nicht weit von Jericho traf er auf zwei Blinde, die seine 8 Hülfe begehrten und von denen der eine Bartimäus, Sohn des A Timäus, hieß. Jesu Begleiter wollten sie zum Schweigen > bringen; allein die Blinden ließen sich durch keine Drohungen I einschüchtern und riefen noch lauter um Erbarmen. Als Je- » sus ihren Ruf vernahm, stand er still, und mitleidig und V menschenfreundlich gewahrte er ihnen, was sie wünschten *), dafür schloffen sie sich auch an diejenigen an, die ihn begleiteten. Wenn man von Jericho aus nach Jerusalem zu die um jene Stadt befindliche Ebene durchschritten hat, so geht alsdann der Weg eine steile Anhöhe hinauf und man kommt nun in die sogenannte Wüste von Jericho, welche auch ^ Quarantania heißt (vergl. Seite 135.), und durch welche 'i der Weg zwei bis drei Stunden lang führt. Sie besteht aus kahlen, steinigten Bergen und öden unfruchtbaren Thälern, in denen kein Baum grünt und keine Hütte zu finden ist. Hier hatte Jesus jetzt Gelegenheit, die Gegend selbst kennen , zu lernen, die er in seinem Gleichnisse von dem barmherzigen Samariter, das Manche für eine wahre Begebenheit halten, 1 erwähnt (Luk. 10, 30.). Vier Stunden von Jericho besin- det sich die grausenvollste Stelle, welche (Jos. 15, 7.) Adu- 1 mim, der Aufgang der Blutigen, oder der Blutweg genannt wurde, weil die dort hausenden Räuber daselbst viele Mordthaten verübt hatten. Sie besteht aus einer zerklüfteten Anhöhe und aus einer tiefen, düstern und schauerlichen Schlucht, *) Da Liese Heilung der sehr ähnlich ist, welche Lukas (19, 35—43 vergl. Seite 355.) erzählt, so ist sie vielleicht nur einmal erfolgt und von den Evangelisten durch einen Gcdä'chtnißfehler in verschiedene Zeiten verlegt wrden. Auch spricht Matthäus von zwei Blinden, während Markus nur einen nennt. Waren es wirklich zwei, so war vielleicht Bartimäus der dreistere, der vorzüglich um Hülfe rief, so daß er nun deshalb von Markus >md Lukas allein hervorgehoben wird. Hatte aber Jesus bei seinem Ein- 1 Mge in Jericho einen Blinden, und noch einen bei seinem Auszuge aus der - Stadt geheilt, so könnte es leicht seyn, daß Matthäus beide Fälle in einer l Erzählung zusammengefaßt hätte. l 362 Fünftes Buch. die noch jetzt ein Aufenthalt für Räuber ist. Nicht weit von dieser Stelle bemerkt man noch die Ueberreste einer Karavan- serai, welche die Herberge des Samariters genannt wird, weil man annimmt, daß sie auf der Stelle erbaut worden sey, wohin der barmherzige Samariter den verwundeten Juden gebracht habe. Dieses Gebäude war aus Quadersteinen errichtet und bot den Reisenden, auch wie die heutigen Karavanserais, nur Obdach und sonst weiter nichts dar. Denn sie mußten in derselben auf dem Erdboden schlafen und sich von dem sättigen, was sie selbst mit sich führten. In der Nähe davon befand sich in den frühern Zeiten ein Dorf, das ebenfalls Adumim genannt wurde und von welchem Hicco- nymus noch Ueberreste vorfand. Dort hatten auch die Römer ein Kastell erbaut, das mit in den Felsen gehauene» Gräben umgeben war und das zur Sicherung des Weges dienen sollte. Jetzt erblickt man noch, wenn man von Jericho nach Jerusalem geht, rechts auf einer Anhöhe die Ruinen davon, die unter der Benennung „das Kastell des Samariters" bekannt sind. Auf der Grenze der Stämme Benjamin und Juda soll sonst ein Ort Namens Ensemes (Jos. 15, 7.) sich befunden haben, der durch eine Quelle gleiches Namens berühmt ^ war, die sich in den Jordan ergoß, und die Manche mit dem Apostelbrunnen (Siehe Seite 164.) verwechseln, weil dieser ebenfalls in jener Gegend sich befindet. Sechs Tage vor dem Passahfeste langte Jesus in Be- thanien an, wo er von treuer Freundschaft empfangen und bewirthet wurde; denn Lazarus und dessen Schwestern kehrten sich nicht an den Bannspeuch der Phärisäer, Priester und Schriftgelchrten, sondern folgten nur dem Triebe der Dankbarkeit und Freundschaft. In dem Hause Simons des Aussätzigen (Matth. 26,6—13. Mark. 14 , 3—9. *)), dessen hinterlassene Wittwe Martha wahrscheinlich war, wurde jetzt Jesu Nach den beiden Evangelisten Matthäus und Markus scheint dieses Gastmahl nur zwei Tage vor dem PaMhfeste angestellt worden zu scn»> allein jene zwei Evangelisten erzählen diese Begebenheit nicht in der rechten Zcitfolge, sondern nur gelegentlich, als sie den Werrath des Judas erwähnen, zu welchem derselbe eben bei jenem Gastmahle sich erst bestimmt entschloß. Reisen Jesu der dritten Periode rc. 363 zu Ehren ein Gastmahl angestellt, welchem der von dem göttlichen Menschenfreunde in das Leben zurückgerufene Lazarus als Gast beiwohnte, und bei welchem Martha als Wirthin den Tisch besorgte» i Während der Mahlzeit kam Maria, die andere Schwester des Laza- ! rus, herbei und brachte ein alabasternes Gefäß, in welchem sich f ein Pfund köstliche unverfälschte Nardensalbe befand, die viel- f leicht zum Begräbniß und zur Einbalsamirung des Lazarus > bestimmt gewesen war und einen Werth von ohngefähr 30 Thalern nach unserem Gelde hatte. Mit dieser Salbe wollte Maria ihrem edlen Freunde einen Dienst erweisen, den Vor- , nehme und Reiche in dem Morgenlande ihren Gästen zu leisten pflegten, und damit zugleich dem, welcher ihr durch die Erweckung ihres Bruders und durch seine Belehrungen die größten Freundschaftsdienste erwiesen hatte, ihre dankbare Ergebenheit und Liebe an den Tag legen. Sie zerbrach das Gefäß, goß von der Salbe, die das ganze Gemach mit Wohlgeruch erfüllte, auf Jesu Haupt und Füße und trocknete diese mit ihren langen Haupthaaren ab, die als eine vorzügliche > Zierde der Frauen galten und sehr in Ehren gehalten wurden» Daher gab Maria durch dieses ihr Verfahren um so mehr zu erkennen, wie hoch sie ihren göttlichen Freund ehrte. Ihre Handlung fand aber bei Jesu Jüngern nicht die rechte Anerkennung und vorzüglich äußerte sich Judas Jscharioth mißbilligend darüber und meinte, es sey besser gewesen, wenn man die Salbe verkauft und das Geld dafür den Armen gegeben hätte. Nach der Aeußerung des Evangelisten Johannes ging jene Mißbilligung des Judas nicht aus wirklicher Vorsorge für die Armen, sondern aus dessen Eigennutz und Habsucht hervor. Denn er führte die gemeinschaftliche Kasse, in welcher die Beiträge der Freunde Jesu gesammelt, und aus welcher die nothwendigen Bedürfnisse der Gesellschaft, die ^ Jesus mit seinen zwölf Jüngern bildete, angeschafft wurden. Aus dieser Kasse scheint Judas so Manches zu seinem eignen Vortheile verwendet zu haben, weshalb er von Johannes ein Dieb genannt wird. Wahrscheinlich war aber damals die Gesellschaftskasse ziemlich erschöpft, da Jesus die letzte Zeit über größtentheils in Pcräa gewesen, wo er weniger ihm ergebene Freunde besessen zu haben scheint, und lange nicht nach 364 Fünftes Buch. Galiläa gekommen war, wo mehrere der Jünger einiges Be° sitzthum hatten. Bei der Erschöpfung der Kasse aber konnte Judas weniger seine Selbstsucht befriedigen, und so wünschte rr, jene wieder gefüllt zu sehn, was durch den Erlös für die köstliche Nardensalbe reichlich hätte geschehn können. Als Jesus die Unzufriedenheit seiner Jünger mit der Handlung der Maria merkte, tadelte er jene und lobte dagegen die That seiner Freundin, deren edle Absicht dabei er wohl kannte. „Sie hat ein gutes Werk an mir vollbracht," sagte Jesus zu seinen Jüngern und zur Beruhigung der Mann, die sich durch die unfreundliche Aeußerung des Judas gekränkt fühlen mußte. „Sie hat jetzt im Woraus das an mir gethan, was sie bei meinem Begräbnisse hätte thun können. Arme sind stets vorhanden, denen Wohlthaten erwiesen werden können; aber ich bin nicht stets bei euch. Uebrigens sage ich euch, daß wo man meiner gedenken wird, man zugleich auch stets von dem sprechen wird, was Maria jetzt an mir gethan hat." Nachdem Jesu Anwesenheit zu Bcthanien in der Umgegend bekannt geworden war, so kamen viele Juden dahin, nicht allein um Jesum, sondern auch um den vom Tode erweckten Lazarus zu sehn. Da dieses aber die Priester mid t die Mitglieder des Hohcnrathes überhaupt erfuhren, so hielten sie es für gut, auch den Lazarus, zu tödten, damit sein Leben nicht ferner Zeugniß von Jesu außerordentlicher Wirksamkeit ablegen sollte, weil eben dadurch Viele bewogen wurden, dem göttlichen Lehrer ihr Vertrauen zuzuwenden. XXXXIX. Jesu feierlicher Einzug in Jerusalem. t An dem folgenden Tage, welches nach der gewöhnlichen Annahme der Sonntag vor dem Passahfeste war, verließ Jesus in Begleitung der Juden, die nach Bethanien gekommen waren, um ihn und den Lazarus zu sehn, diesen Flecken, um seine Reise nach Jerusalem fortzusetzen. Er nahm seinen Weg über Bethphage, einen andern Flecken, der am südlichen Reisen Jesu der dritten Periode rc. 665 Abhänge des Oelbergs und zwar links von der Straße, die von Bethanien nach Jerusalem führte, lag. Den Name» Bethphage erklären Einige durch Haus der Thalmündung, weil jener Flecken auf einer Stelle an dem Fuße des Oel- bergs gelegen haben soll, wo zwei Thäler ausliefen. Allein richtiger erklärt man Bethphage durch Haus oder Ort der Feigen, weil in der Umgegend viele Feigenbäume gezogen wurden, die vorzüglich milde und süße Früchte trugen. Bethphage soll aus zwei Reihen Häuser zu beiden Seiten der - Straße bestanden haben. Es war nicht ganz eine volle halbe i Stunde von Jerusalem entfernt und gehörte zu dem Gebiete ! des Stammes Benjamin. In seiner Nähe scheint eine Art von Landgut gewesen zu seyn, auf welchem vorzüglich die zu ' den Opfern bestimmten Thiere gehalten wurden. Auch sollen die Priester, die den Dienst im Tempel hatten, in Bethphage Ruhe und Erholung gesucht haben. Jetzt findet man aus ^ der Stelle dieses Fleckens nur noch einige Steinhaufen. ^ Als Jesus in die Nähe von Bethphage gekommen war, ^ schickte er zwei von seinen Jüngern nach einem Landgute mit ! dem Befehle, von dort das Füllen einer Eselin herbei zu holen, das noch nicht zum Reiten gebraucht worden war. Man bediente sich nämlich in Palästina gewöhnlich der Esel zum Reiten, da sie einen sehr sicheren Gang haben und daher in gebirgigen Ländern besser zu gebrauchen sind als die Pferde. Die Esel jener Gegend zeichnen sich aber auch vor denen unserer Länder durch Größe und Schönheit aus, was theils eine Folge des mildern Klimas ist, theils auch daher rührt, daß man dort die Eselfüllen länger an dem Mutteresel saugen läßt. Nach einem alten Herkommen hielt man ungebrauchte Thiere zu einem heiligen Zwecke für würdiger als die schon gebrauchten; daher ließ Jesus das Eselfüllen herbei holen, um ^ auf demselben seinen Einzug in Jerusalem zu halten. Wahrscheinlich war er mit dem Besitzer dieses Thieres befreundet, oder rechnete darauf, daß man dem, welcher durch die Er- weckung des Lazarus in der ganzen Umgegend rühmlich bekannt geworden war, gern das Thier auf kurze Zeit zum Gebrauche überlassen werde. Daher sagte er auch zu seinen Lungern: „Wenn man etwa Anstand nehmen will, euch den 366 Fünftes Buch. Esel zu verabfolgen, so sprecht nur, der Herr bedarf desselben; alsdann wird man ihn euch gern überlassen." Jesus wollte aber wohl deshalb reitend in Jerusalem einziehn, damit man nicht von ihm sagen sollte, er habe sich aus Furcht unbemerkt eingeschlichcn. Die beiden Jünger vollbrachten Jesu Auftrag und führten das Eselfüllen, dem auch der Mutteresel folgte, herbei. Sie legten ihre Oberkleider auf das Thier, um dadurch eine Art von Sattel zu bilden; und hierauf bestieg Jesus den Esel und setzte nun reitend seinen Weg fort, so daß jetzt ein Ausspruch des Propheten Sacharja (9, 9.) auf ihn angewendet werden konnte, in welchem von einem Könige, der auf einem Esel reitend seinen Einzug in Jerusalem hält, die Rede ist. Auf der Stelle, wo Jesus den Esel bestiegen haben soll, hatten die Christen in der Folge eine Kirche errichtet, von welcher jetzt aber keine Spuren mehr vorhanden sind. Unterdessen hatte sich die Nachricht in Jerusalem verbreitet, daß Jesus im Anzüge sey; daher machten sich Viele von den in der Hauptstadt schon versammelten Juden auf den Weg, um den göttlichen Lehrer feierlich einzuholen und zu empfangen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß Jesus jetzt als Messias sich erklären werde; vielleicht auch, um ihn zu dieser Erklärung desto mehr Veranlassung zu geben. Daher erwiesen sie ihm auch ganz dieselben Ehrenbezeigungen, die man morgenländischcn Königen und Siegern bei ihrem Empfange zu erweisen pflegte (1. Makk. 13, 51. 2. Makk. 10, 7.). Sie brachen von den am Wege stehenden Palmen Blüthcnbüschel, und von andern .Bäumen Zweige ab und ftreueten sie auf den steinigten Weg, ja breiteten sogar ihre Oberklcider auf denselben, um ihn sanfter zu machen; auch trugen sie wie am Laubhüttenfeste Zweige in den Händen, sangen Lobgesänge, die an den hohen Festen angestimmt wurden und riefen jauchzend: „Hosianna, dem Sohne Davids! Gelobt sey der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe (Psalm 118, 25 u. 26.)!" Jesus ließ dem Volke dabei freien Lauf; denn alle seine bisherigen Andeutungen und Versicherungen, daß er kein irdischer König sey, Reisen Jesu der dritten Periode rc. 367 waren vergeblich gewesen, und so sah er wohl ein, daß nur ^ die Erfahrung die Menge von ihrem Vorurtheile heilen konnte. Als der Zug über die höchste Stelle des Weges hinweg war und nun von dem Oelbergc hinab nach der Stadt ging ^ singen auch die Jünger Jesu aus Freude über die außerordentlichen Thaten, die sie ihren Meister hatten verrichten gesehn, an in dem Jubclruf des Volkes mit einzustimmen, so daß nun vor und hinter Jesu und zu dessen Seiten lauter Jubel tönte. Nur die Pharisäer, die auch hier nicht fehlten und wie gewöhnlich die Auflauerer machten, schwiegen und I aus Unwillen über die Ehre, die man dem von ihnen Ge- ' haßten erwies, traten sie zu Jesu und forderten ihn auf, seinen Jüngern doch zu befehlen, daß sie von dem Jubelgeschrei ablassen sollten. Allein Jesus, in dem Gefühle seiner ächten Messi'aswürde, erklärte ihnen, daß wenn auch seine Begleiter ! jetzt schwiegen, es doch kund werden müsse, daß er der sey, welcher im Namen des Herrn komme. Das Freudengeschrer j dauerte also fort und mit großem Aerger sprachen die Pha- j risäer unter einander: „Man kann jetzt nichts ausrichten, denn Alle wenden sich zu ihm." Unterdessen war Jesus auf die Stelle des Weges gekommen, von wo aus man die Stadt in ihrer ganzen Größe und Herrlichkeit überschauen konnte. Daher sielen die Blicke des edlen Menschenfreundes jetzt auf sie hin, und düstre Ahnungen von dem künftigen traurigen Schicksale Jerusalems und der Einwohner desselben bemächtigten sich seiner Seele und lockten Thränen in seine Augen. Schwer siel ihm die jetzige Verblendung der Juden auf das Herz, und deshalb rief er wehmüthig aus: „Unglückliche Stadt, wüßtest du doch, was für ein Schicksal dir bevorsteht; dann würdest du auch bedenken, was dir heilsam ist, jetzt, wo noch Zeit zur Rettung dir gelassen wird!" Und nun sprach er von ihrer Belagerung und Zerstörung, wie sie auch wirklich beinahe 40 Jahre nach seinem Kreuzestode erfolgte. Auch auf der Stelle, wo Jesus Thränen über das kommende traurige Schicksal Jerusalems vergossen haben soll, hatten die Christen in der Folge eine Kapelle erbaut, von 368 Fünftes Buch. welcher aber keine Spuren mehr vorhanden sind. Die Türken sollen jedoch eine kleine Moschee in jener Gegend besitzen. Nachdem Jesus die Brücke, welche über den Bach Ki- dron führte, überschritten hatte, hielt er, wie man glaubt, durch das goldne Thor seinen Einzug in Jerusalem. Da er in großer Begleitung und unter dem lauten Jubeln.se der Menge einzog, so gerieth dadurch die ganze Stadt in Bewegung. Viele, die ihn noch nicht kannten, fragten: „Wer ist der?" Darauf erwiederte man ihnen: „Es ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa." Der feierliche Zug begab sich nach dem Tempelgebäude, und hier sah sich Jesus abermals (Vergl. Seite 150.) veranlaßt, den Vorhof des Tempels von den Viehhändlern und Wechslern zu säubern, welche die Heiligkeit des Ortes nicht achteten und durch ihr Treiben die Andacht der Betenden störten. Bald darauf wurde auch sein Mitleid und seine Hülfe in Anspruch genommen; denn man brachte Blinde und Lahme zu ihm, denen er die erbetene Heilung gewährte. Der Jubclruf der Menge, die mit Jesu herbeigekommen wer, reizte Kinder, die in dem Tcmpelgebäude sich befanden, zur Nachahmung; denn sie begannen jetzt ebenfalls zu rufen: „Hosianna, dem Sohne Davids!" Als dieses die Ober- ^ Priester und Schriftgelehrten vernahmen, welche über den ganzen Vorgang und über die wundervollen Heilungen Zesn unwillig geworden waren, sprachen sie spöttisch zu dem göttlichen Lehrer und Wohlthäter der Menschen: „Hörst du denn ! was diese Kinder sagen und gefällt dir das?" Darauf er- I wiederte Jesus: „O ja; denn wisset ihr nicht, daß geschrie- ! bcn steht (Psalm 8, 3.): „Aus dem Munde der Unmündigen , und Säuglinge hast du dir Lob zubereitet?" , Unter den zur Feier des Passahfcstcs herbcigekommenen < Fremden befanden sich auch mehrere Proselytcn des Thores, > die Jesum gern näher kennen zu lernen wünschten. Daher , wendeten sie sich an den Jünger Philippns, um durch diesen, , Zutritt zu Jesu zu bekommen. Philippus, welcher wußte, i daß Jesus nicht gern blose Neugierde befriedigte, besprach die § Sache erst mit Andreas; und da beide vielleicht erkannte», > f daß die Fremden wirklich Belehrung suchten, so trugen ße den Wunsch derselben ihrem Meister vor. Jesus war dem Verlangen der Proselyten nicht entgegen, äußerte aber, daß sie nicht lange seiner Nahe genießen würden, da die Zeit herbei gekommen sey, wo er heim zu seinem Vater gehn werde. Hierauf spricht er in dem schönen Gleichnisse von dem Weizenkorne aus, daß sein Tod zu seiner Verherrlichung gereichen und die heilsamste Wirkung hervorbringen werde. Alsdann sagte er, daß Diejenigen, die in seinem Dienste wirken wollten, ebenfalls bereit seyn müßten, das Leben zum Opfer der guten Sache darzubringen; daß sie aber alsdann auch von Gott geehrt und mit ihm selbst gleicher Seligkeit theilhaftig würden. Wohl sey ihm sein bevorstehendes Leiden nicht gleich- I gültig, und er möchte wohl von demselben befreit bleiben; ! allein er sey ja dazu erschienen, um Alles zu erdulden. Hier- bei rief er zu Gott: „Vater, gib nur, daß mein Opfer zu I deiner Verherrlichung gereicht!" Als Jesus dieß gesagt hatte, i donnerte es, und die Umstehenden meinten, ein Engel habe ^ jetzt mit ihm gesprochen. „Nicht zu mir, sprach Jesus wei- j ter, hat diese Stimme geredet, sondern sie erschallte um euret l willen, damit ihr mir mehr Vertrauen schenken sollt. Es wird jetzt eine große Umwandelung in der Menschheit beginnen und das Böse wird bedeutenden Abbruch erleiden. Wann ich heimgegangen seyn werde, wird eine innigere Verbindung der Menschen mit mir hervorgehn." Hier machten Einige den Einwarf, wie er sagen könne, daß des Menschen Sohn hiniveggenommen werden müsse, da doch die heilige Schrift versichre, der Messias werde ewig bleiben? und fragten, wen er unter dem Menschen Sohne »erstehe? Darauf sprach Jesus in bildlicher Rede: „Ich, euer Lehrer, werde nicht lange mehr bei euch weilen; benutzt j also noch meinen Unterricht, wenn ihr nicht in Unwissenheit '»nd Irrthum verbleiben und dadurch euch Schaden zufügen wollt. Schenket mir euer Vertrauen, damit ihr kenntnißrei- cher und weiser werdet." So liebreich und eindringlich aber Jesus auch sprach, ^so blieben doch die Meisten gegen ihn eingenommen, oder folgten nicht seinen Mahnungen. Manche hingegen, unter jdencn auch angesehne und vornehme Juden sich befanden, 24 370 Sechstes Buch. fühlten sich zu ihm hingezogen; allein aus Furcht vor den. Banne, mit welchem der Hoherath gedroht hatte, gaben sie sich nicht öffentlich als seine Anhänger und Verehrer zu erkennen. Um das Vertrauen zu ihm noch mehr zu befestigen, erklärte Jesus endlich, daß wer ihm Zutrauen schenke, eigentlich Gott vertraue, der ihn gesendet habe. Ueberhaupt gewinne mau durch ihn nähere Kenntniß von Gott; und deshalb sey er unter den Menschen erschienen, um denselben zu dieser Erkenntniß zu verhelfen. Uebrigcns spreche er über diejenigen, welche ihm jetzt ihr Vertrauen nicht schenken wollten, kein Verdammungsurtheil aus; denn er wolle die Menschen nicht unglücklich, sondern vielmehr glücklich machen. Jeder strafe sich schon selbst dadurch, das er seine (Jesu) beseligende Lehre nicht annehme und befolge. Er lehre nicht unbefugt, sondern sein Vater im Himmel habe ihn dazu Auftrag ertheilt; und er wisse, daß das, was er auf Gottes Geheiß vollbringen solle, die Menschen bleibend beglücke. Sechstes Buch. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. Jesus begibt sich von Jerusalem nach Bethanien. iMatkh. II, 17. Mark. II, I1.> Die höchste äußere und öffentliche Ehrenbezeigung war Jesu bei seinem feierlichen Einzüge in Jerusalem geworden, sie war aber auch die erste und letzte und ihm hatte sie nicht die höchste Freude bringen können, da er die Unbeständigkeit der großen Menge nur zu wohl kannte, da er wußte, daß jene Aufregung des Volkes, in welcher es jubelnd ihn in der Hauptstadt einführte, aus einer irdischen Erwartung hervorgegangen war, die er nicht erfüllen konnte und wollte, und da er immer deutlicher einsah, daß seine Todesstunde bald Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 371 schlagen würde. Denn seine Widersacher traten immer kecker ihm entgegen, zeigten ihre feindlichen Absichten immer deutlicher und dachten um so ernstlicher daran, ihn in ihre Gewalt zu bringen, und ihn vor ein Gericht zu stellen, das ihm schon im voraus das Todesurtheil gesprochen hatte. Jetzt kamen die Stunden, in denen das gefühlvolle Herz des erhabenen Gottgesandten auf das schmerzlichste verwundet wurde, in denen er aber auch sich in einer Größe zeigte, wie sie bei dem gewöhnlichen Menschen nicht gefunden wird. Gottes Wille war sein Leitstern in den düstern Tagen der Trübsal; festes, kindliches Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, der Alles wohl macht, war der Stab, an welchem er sich aufrecht erhielt unter der schwersten Bürde der Leiden. Dabei versäumte er die nöthige Vorsicht nicht, um nicht sich selbst seinen Feinden in die Hände zu liefern und so zum Selbstmörder zu werden. Deshalb blieb er auch nicht des Nachts in Jerusalem, wo Gefahr ihm drohte, sondern nachdem er in dem Tempel gelehrt und sein Tagewerk vollbracht hatte, kehrte er nach Bethanien zurück, wo treue Freundschaft einen sichern und ruhigen Aufenthalt ihm bot. Wir benutzen aber hier die sich darbietende Gelegenheit um uns mit der nächsten Umgebung von Jerusalem bekannt zu machen, von welcher bisher noch nicht die Rede gewesen ist. Wenn man von Jerusalem morgcnwärts sich wendet, um nach Bethanien zu gehn, so steigt man in das Thal Josaphat hinab, das sich von Mitternacht nach Mittag längs der Morgcnseite der Stadt hinzieht und den Berg Moriah von dem Oelberge trennt. Es ist ohngefähr eine kleine Stunde lang und 200 Schritte breit. Durch die Zerstörung der Stadt und des Tempels hat der mitternächtliche Theil dieses Thales von seiner frühern Tiefe, Breite und Fruchtbarkeit viel verloren, weil die Trümmer in dasselbe hinabgeworfen wurden; daher erscheint es hier auch öde; aber gegen Mittag erweitert es sich und gewährt da einen angenehmen Anblick, weil es hier Weinberge und Baumgärten enthält. Nach der Vorstellung der Juden soll in diesem Thale das jüngste Gericht gehalten werden (Jocl 3, 17.), wozu 24 * 372 Sechstes Buch. wohl der Name Josaphat Veranlassung gegeben haben mag, da dieser: „Gott richtet," heißt. Auch die Mohamedaner glauben, Mohamed werde am jüngsten Tage in diesem Thals an einer Säule sitzend Gericht halten. Längs durch das Thal Josaphat stießt der Bach Ki- dron oder Cedron, dessen Name nach Einigen von den Cedern herkommen soll, die zur Zeit der Jebusiter an seinen Ufern gestanden hätten, wahrscheinlicher aber durch Dunkel zu erklären ist, weil sein Bett in Verhältniß zu der Umgegend sehr tief liegt und weil er auch von Bäumen beschattet wird. Er nimmt seinen Ursprung auf der Nordseite von Jerusalem, trocknet im Sommer ganz aus, schwillt aber zur Regenzeit durch die von den umliegenden Bergen herabkommen- den Gewässer sehr an, so daß man an mehreren Stellen Brücken über ihn bauen mußte, damit die Reisenden ihren Weg über ihn fortsetzen können. In diesen Bach wurde das Blut der Opferthiere, die man im Tempel schlachtete, geleitet, und der Unrath aus der Stadt durch Kanäle geführt. Nach vielen und verschiedenen Windungen ergießt er sich bei dem Kloster St. Saba in das todte Meer (Vergl. Seite 88.). Auf der Morgenseite des Thales Josaphat, dem Teiii« pelberge gegenüber, befindet sich das Grabmal des Josaphat, nach welchem das Thal benannt worden ist. Es besteht aus einer in Felsen gehauenen viereckigen Grotte, die jetzt zu einem Schaafstalle benutzt wird. Dem Jüdischen Könige Josaphat kann es wohl nicht gehören, da dieser in der königlichen Gruft auf dem Berge Zion begraben wurde (1. König. 22, 51.), wo man auch noch jetzt sein Grab zeigt. Ein zweites Grabmal daselbst ist das des Zacharias, das ebenfalls in den Felsen gehauen ist; man weiß aber nicht, welchem Zacharias es angehört. Es hat die Gestalt einer Pyramide, die auf einem viereckigen Unterstocke steht, an dessen Wänden sich halb erhabene Dorische Säulen, an jeder Wand zwei, befinden. Das Ganze ist von außen glatt be- hauen und zeigt nirgends einen Eingang. Es wird auf drei Seiten von dem Felsen umgeben, doch so, daß zwischen diesem und dem Grabmal ein Gang ist. Daneben erblickt man eine Grotte mit einem Portale, das vier Dorische Säulen .4 Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 373 und ein geschmackvolles Gesimse enthält. Das Ganze scheint jetzt etwas baufällig zu seyn. Noch beträchtlicher als die beiden vorgenannten ist das nahebei ihnen befindliche Grabmal des Absalom. Dieses ist aus einer großen steilen Felswand ausgehallet,, und bildet ein viereckiges Untcrstock, das an der Vorderseite mit zwölf halb erhabenen Säulen von Ionischer Ordnung verziert ist. In diesem ist eine Grotte ausgehauen, in deren Seitenwänden sich mehrere Nischen befinden. Der Eingang, durch welchen man jetzt hineingelangt, scheint erst in neuerer Zeit verfertigt worden zu seyn. Dieses Unterstock trägt eine große Pyramide von Granit, auf deren Spitze ein glockenförmiger Stein ruht, auf welchem eine Krone von der Gestalt einer Lotusblume steht. Das Ganze ist ohngefähr 30 Fuß hoch und so weit von der übrigen Felsenmasse getrennt, daß ein gegen 7 Fuß breiter Weg rund um dasselbe führt. Einer alten Sage zufolge soll dieses Gebäude das Denkmal sey», das Absalom selbst in dem Königsthale zu seinem Gedächtnisse hatte errichten lassen (2. Sam. 18, 18.). Allein es scheint offenbar jüngern Ursprungs zu seyn; auch nennt Ioscphus jenes Denkmal, das Absalom selbst errichtet hatte, eine marmorne Säule. Manche Reisende versichern, daß kein Christ, Jude oder Mohamedaner vor dem sogenannten Grabmale des Absalom vorbei gehe, ohne einen Stein daran zu werfen, um seine Verachtung gegen den ungerathenen Sohn auszudrücken, und daß dadurch an dem Gebäude ein großer Steinhaufen entstanden sey. Neuere schweigen davon und Iahn berichtet, daß einige Juden darin ihren Aufenthalt genommen haben und das Gebäude vor dem Einstürze zu sichern suchen, der sonst schon lange erfolgt seyn würde. Zwischen dem Grabmale des Zacharias und des Absalom befindet sich die Grotte des Apostel Jakobus, die ebenfalls in den Felsen gehauen ist und vier Schritte inS Gevierte hat. In ihr soll sich der Apostel Jakobus bei der Gefangennehmung Jesu verborgen haben, und später auch darin begraben worden seyn. Jetzt wird sie zu einem Stalle benutzt. 374 Sechstes Buch. Das Thal Josaphat diente von jeher den Juden zum Vegräbnißplatze; denn man findet daselbst Grabmäler aus der frühern und aus der neuern Zeit. Noch jetzt reisen viele Juden in ihren spätern Lebenstagen nach Jerusalem und kaufen sich im Thale Josaphat eine Stelle, wo ihr Leichnam nach ihrem Tode unter ihren Vätern ruhen soll. Der südliche Theil des Thales Josaphat, an der Morgenseite des Berges Zion, heißt das Thal Siloah, von der Quelle gleiches Namens, die dort an der Stadtmauer ^ entspringt. Dort befindet sich auch der Marien brun neu, oder die Quelle der heiligen Jungfrau, die früher mit der Quelle Siloah durch einen unterirdischen Kanal in Verbindung gestanden haben soll. Man steigt auf 20 Stufen zu ihr hinab und findet unten einen Kanal, der tief unter der Erde weg geht. Sie hat ein trinkbares Wasser, dessen sich die Maria bedient haben sott, weshalb jene auch nach dieser genannt worden ist. Christen und Mohamedaner halten sie in Ehren, und früher stand auch eine kleine Kapelle dabei. Unterhalb der Quelle und der Teiche Siloah, morgcn- wärts liegt das kleine Dorf Siloah am Fuße des Berges s des Aergernisses. Die Wohnungen dieses Dorfes sind mei- stenthcils in Felsen gehauen. Nahe dabei soll Salomo einen Palast und einen Garten gehabt haben. Westlich vom Bache Kidron, am Fuße des Berges Zion, zeigt man den Brunnen oder das Grab des Prop he- ! ten Jesaias, eine in den Felsen gehauene tiefe Grube, ohne alle Verzierung. Daselbst soll der Prophet Jesaias auf Le- s fehl des Königs Manaffe mit einer hölzernen Säge zersägt l worden seyn. Weiter westlich, südlich vom Berge Zion befindet sich ! der Brunnen des Nehemias, der sehr regelmäßig in ^ den Felsen gehauen ist und eine außerordentliche Tiefe hat. j Nach Pococke beträgt seine Tiefe 122 Fuß und das Wasser steht in ihm gewöhnlich 80 Fuß hoch. Oben ist er mit ^ einer festen Mauer umgeben. Sein Wasser ist vortrefflich. ; Im Herbste wächst es bedeutend an und zwar zuweilen so i stark, daß es überfließt und die umliegende Gegend bewässert, s Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 376 Dieses sehn die dort wohnenden Mohamedanec gern, weil darauf eine fruchtreiche Ernte folgt. Gewöhnlich schöpfen sie das Wasser vermittelst eines Rades daraus, um ihre Gärten damit zu wässern. Sie nennen ihn auch den Brunnen des Hiob, weil sie behaupten, Hiob habe sich mit dem Wasser desselben gewaschen und sey dadurch von seinem Uebel befreit worden. Die Juden nennen ihn auch den Feuerbrunnen. In demselben sollen nämlich die Priester auf den Rath des Pro- / pheten Jeremias (2. Makk. 1, 19. u. 2, 1.) das heilige Feuer verborgen haben, als Nebukadnezar Jerusalem zerstörte, und die Juden in die babylonische Gefangenschaft abgeführt wurden. Das heilige Feuer hatte man seit jener Zeit, wo es in der Wüste nach Errichtung der Stiftshütte durch einen Blitz vom Himmel gekommen war und das Opfer angezündet hatte (3. Mos. 9, 24.), sorgsam unterhalten. Als es in den Nehemiasbrunnen verborgen wurde, soll dieser eine tiefe trockne Grube gewesen seyn. Weiter erzählt die Sage, nach der babylonischen Gefangenschaft habe man kein Feuer mehr in dem Brunnen gefunden, sondern an dessen Stelle ein schlammiges Wasser herausgezogen. Mit diesem habe man das Opferholz besprengt und als die Sonne darauf geschienen, sey das Holz in Brand gerathen. Als nun Nehemias das klebrige des schlammigen Wassers auf die steinerne Platte des Altars habe schütten lassen, sey sogleich eine Flamme daraus hervorgegangen, welche von der des Opfers angezogen und verzehrt worden sey. In jener Gegend soll sich früher auch der Drachenbrunnen befunden haben (Nehem. 2, 13.), von welchem man jetzt keine Spur mehr antrifft. Wenn man weiter westlich von dem Nehemiasbrunnen e geht, so sieht man, der Mittagsseite des Berges Zion gegen- 1 über, den Berg der üblenjBerathung oder des bösen U Rathes, der deshalb so heißt, weil auf ihm die versam- e weiten Priester und Pharisäer den Rathschluß gefaßt haben ) sollen, Jesum zu tödten. Man sieht noch die Ueberreste eines 1 alten viereckigen Gebäudes daselbst, welches man für dasje- ?! mge halt, in welchem sich die Feinde Jesu versammelt hatten. 376 Sechstes Buch. Dieser Berg des bösen Rathes ist ein Theil des Berges Hinnon, der sich südlich vorn Berge Zion, von Morgen nach I Abend erstreckt. An dem mitternächtlichen Abhänge dieses -! Berges, dem Berge Zion gerade gegenüber, befinden sich eine große Anzahl Grotten, die mit vieler Mühe und Kunst in den Felsen cingehauen sind und wahrscheinlich zu Gräbern M gedient haben; denn ihre Eingänge sind meistens enge, so W daß man nur durchkriechen kann, und so eingerichtet, daß sie » mit großen Quadersteinen verschlossen werden können. In ' den innern Seitenwänden dieser Grotten sind Nischen angebracht, in welche die Leichname gelegt wurden. Manche enthalten mehrere Kammern mit vielen Nischen. Mehrere haben an den Eingängen Inschriften in verschiedenen Sprachen. Zn einer dieser Grotten, die zwei Kammern hat, sollen sich die meisten Apostel in der Nacht, in welcher Jesus gefangen genommen wurde, verborgen haben. In der einen Kammer befand sich sonst eine Kapelle, die mit Mahlereien verziert war. Zwischen jenen Grotten befinden sich Gärten. Auf der Höhe des Berges Hinnon trifft man den Töpfersacker oder das Blutseld, eigentlich Rothfeld, Hakeldama an, das seinen Namen von dem dort befind- lichen rothen Thone, den die Töpfer verarbeiten, bekommen - hat, und das die Hohenpriester für die 30 Silberlinge kauften, für welche Judas seinen Meister verrathen und die er zurückgegeben hatte (Matth. 27, 3 — 8.). Dieses Feld ist ^ klein; denn es mißt ohngefähr 30 Schritte in der Länge und 20 in der Breite. Die Kaiserin Helena ließ es mit einer ! Mauer umgeben und mit einer Decke überwölben, in welcher sich sechs Oeffnungen befanden, durch welche man die Leichname hinabsenkte. Denn es behielt zu jeder Zeit seine frühere Bestimmung und diente stets zu einem Begräbnißplatze für die Fremden, welche in Jerusalem starben. Jetzt trifft ^ man nur noch Ueberrcste der Mauer und des Gewölbes an, > aber auch jetzt werden noch die Fremden und Pilgrime, die ! in Jerusalem ihren Tod finden, auf dem Töpfersacker begra- ben, welchen die dort wohnenden Christen auch das heilige j Feld nennen. Die Armenier sind für einen ziemlich star- 'f ken Tribut, den sie an die Türken entrichten, in dem Besitze f Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 377 s desselben, und lassen sich das Recht, darauf begraben zu wer- i de», theuer bezahlen. Sonst maß man der Erde dieses Fel- L des eine besondere verzehrende Kraft bei und behauptete, die '! Leichname würden durch dieselbe innerhalb vier und zwanzig Z > Stunden in Staub verwandelt; allein dieses Vorgeben hat in sich als unwahr bestätigt. W Nahe bei dem Blutacker zeigt man auch noch die Stelle, M wo der Baum gestanden haben soll, an welchem Judas sein « Leben durch Selbstmord endete; und die Juden glauben, daß ^ er selbst zuerst auf jenem Acker begraben worden sey. Das Thal, welches sich an der Südseite des BergeS Zion von Morgen nach Abend erstreckt und den Berg Hin- s non von dem Zion trennt, ist das Thal Ben- oder Ge- Hinnon, das durch den schrecklichen Molochsdienst übel berüchtigt wurde, den der König Manasse und mehrere seiner Nachfolger dort anstellten (Jerem. 7, 31 u. 32.). Der Moloch oder Molek, auch Milkom und Malkom genannt, war ein Götze der Ammoniter und in seiner Bedeutung ^ dem Kronos der Griechen oder dem Saturn der Römer ähn- « lich. Man opferte ihm Kinder und zwar aus den angesehen- L sten Familien. Das Götzenbild war aus Erz verfertigt und '! hatte eine menschliche Gestalt. Seine ausgestreckten Arme neigten sich herabwärts; auf diese wurden die Kinder gelegt, ^ die alsdann von denselben in eine darunter befindliche Grube ^ herabrollten, in welcher Feuer brannte. Während die Kindee ! auf diese Weise geopfert wurden, machte man eine lärmende ! Musik mit Trommeln und andern geräuschvollen Instrumenten, damit das Jammergeschrei der Kinder nicht gehört werden sollte. Von dieser Trommelmusik hatte der Theil des Thales Hinnon, wo der Molochsdienst getrieben wurde, den Namen Lhopheth bekommen, wiewohl Manche dieses Wort ) auch durch Abscheu erklären. Nach der babylonischen Gefan- E genschaft hatten die Juden einen solchen Abscheu vor jener 4 Stelle, wo der Molochsdienst getrieben worden war, daß sie 1 dieselbe Gehenna, Hölle nannten (Matth. 5, 22. Mark. 1 9, 43. Luk. 12, 3.). Der König Josias schaffte diesen 1 Götzendienst ab (2. König. 23, 10.), indem er die Stelle ,j verunreinigte, wahrscheinlich dadurch, daß er Aas dahin schaff 378 Sechstes Buch. fen ließ. Hieronymus erzählt, daß das Thal Hinnon sonst sehr anmuthig gewesen sey und viel Buschwerk und Gruppen von Cyprcssen und andern Bäumen enthalten habe, wovon man jetzt wenig mehr vorfindet. Wenigstens ist der südliche Abhang des Berges Zion öde und unfruchtbar und hat ein dlaßgelbes und steinigtes Ansehn. Wenn man in dem Thals Hinnon weiter abendwärts vorschrcitet und sich von der Südseite des Berges Zion auf besten Abendseite wendet, so gelangt man in das Thal Gi- st hon, das sich von Mittag nach Mitternacht erstreckt und ^ die Stadt von dem Berge Gihon trennt. In diesem Thale 1 trifft man einen großen und schönen Wasserbehälter an, welcher der Teich dcrBathseba heißt, jetzt aber immer trocken ist. Er ist 115 Schritte lang, 77 Schritte breit und 8 Fuß tief. Auf zwei Seiten führen Treppen in ihn hinab. Wahrscheinlich war früher eine Badeanstalt hier, zu deren Verschönerung vielleicht Bathseba, die Gemahlin des Königs David, etwas that, weshalb jene nach derselben benannt wurde. ^ In der Nähe dieses Teichs befinden sich auch gut gebaute ^ (Zisternen, die jetzt aber ebenfalls kein Wasser mehr enthalten. Manche wollen eine Quelle Gihon, oder sogar die Quelle Siloah in diesem Thale entspringen lassen, allein man findet jetzt keine Spur einer Quelle daselbst. In dem Thale Gihon ließ der König David seinen Sohn Salomo zum Könige ausrufen, und von da zog derselbe feierlich in Jerusalem ein (1. König. 1, 33 u. 38.). Wenn man in dem Thale Gihon nach Mitternacht zu wandert, so gelangt man in die Gegend des Calvarienberges. In der Nähe desselben zeigt man an der Stadtmauer das Gefängniß des Apostel Petrus, welches ein alter verfallener Thurm ist, bei dem sonst eine Kirche zu Ehren die- t ses Jüngers Jesu stand, von welcher noch ein Theil des Chors und das Portal zu sehn ist, das mehrere Verzierungen ^ gehabt zu haben scheint. Das eigentliche Gefängniß ist ein dunkles Loch, in das man nicht ohne Licht gehn kann, und hat einen so niedrigen Eingang, daß man sich sehr bücke» muß, um hinein zu kommen. Inwendig an der Mauer zeigt Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 379 man noch die Stelle, wo die Kette befestigt gewesen seyn soll, mit welcher der Apostel gefesselt war. Wenn man sich von hier aus nordwestlich richtet, so kommt man am Ende eines quellenrcichen Thales, in ziemlicher Entfernung von der Stadt, in der Nahe einiger Weinberge, an die sogenannten Gräber der Richter Israels, die in mehreren, neben und über einander befindlichen Be- gräbnißhöhlen bestehn, welche in den Felsen gehauen sind. Manche derselben haben einen bedeutenden Umfang, und einige sind mit großen Vorhallen versehn, in denen man noch Spuren ehemaliger Gemälde und anderer Verzierungen sieht. Merkwürdiger noch als diese Begräbnißhöhlen, sind die etwas weiter östlich befindlichen sogenannten Gräber der Könige, die aber eben so wenig als die Gräber der Richter ihren Ursprung in den frühern Zeiten der Jsraeliten genommen haben, sondern wahrscheinlich erst zur Zeit der Römer entstanden sind. Vielleicht gehörten sie den letzten Königen der Juden, den Herodianern. Sie werden mit Recht als ausgezeichnete Werke der Baukunst betrachtet. Man kommt in einen Hof, der ohngefähr 50 Schritte ins Gevierte hat und in den Marmorfelsen gehauen ist, der ihn als eine 10 Fuß hohe Mauer umgibt. In diesem Hofe steht auf der Seite gegen Mittag ein ebenfalls aus dem Felsen ausgehauenes Gebäude, das 12 Schritte lang, 6 breit und ohngefähr 15 Fuß hoch ist und schöne Bildhauerarbeiten, z. B. Weinlaub, Blumen und Früchte enthält, die freilich durch die Länge der Zeit etwas gelitten haben. Durch dieses Gebäude, das einen bedeckten Gang bildet, gelangt man in die eigentlichen Begräb- nißhöhlen. Man kriecht nämlich aus ihm durch einen, ohn- gcfähr 8 Schritte langen finstern Gang hinab und kommt alsdann durch ein Loch, das 3 Fuß ins Gevierte hat, in ein schönes, großes Gemach, das viereckig und etwa 18 Fuß lang, breit und hoch ist. Früher war der Eingang in diese Grotte jedenfalls bequemer, und ist nur durch herabgerollten Schutt verengt worden. An dem großen Gemache befinden sich sieben sehr große Kammern, in denen man eben so viele Nischen antrifft, welche die Särge enthielten. Von den steinen, Särgen erblickt man noch einzelne Bruchstücke, aus de- nen man abnehmen kann, daß die Särge schön gearbeitet und mit trefflicher Bildhaucrarbeit verziert waren. Einer dieser Särge hat auf jeder Seite fünf Rosen von erhabener Arbeit und an den Enden eine Art von Lilien. Die Deckel der Särge waren gewölbt, wie die noch vorhandenen Bruchstücke zeigen. Das Merkwürdigste in diesen Gräbern ist, daß selbst die Thüren, welche die Eingänge zu den Kammern verschlossen, die eine dieser soll 8 Zoll haben und in ihrer ganzen Größe ziemlich den gewöhnlichen Thüren gleich kommen, aus dem Felsen gehauen sind, aus welchem das Ganze besteht I und der ein weißlicher Marmor zu seyn scheint. Die meisten i dieser Thüren liegen zertrümmert auf dem Boden; aber eine ^ hängt noch in ihren Angeln, und an der sieht man, daß auch die steinern Angeln mit ihr aus einem Stück sind und sich in Höhlungen der unbeweglichen Felsenpfosten bewegen. Da in diesen Begräbnißhöhlen beständig Wasser von der Decke ^ herabtröpfelt, so sind unten auf dem Boden kleine Rimmi eingehauen, in welchen es ablaufen kann. Wer diese Gräber , besuchen will, muß sich mit Fackeln versehn. ^ Ohngefähr 100 Schritte von diesen Gräbern weiter ostwärts, etwa 300 Schritte nördlich von der Stadt, befindet sich die Grotte des Jeremias, eine rohe, finstere Höhle, die ohngefähr 15 Schritte lang und breit ist und eine ansehnliche Höhe hat. Die Decke derselben wird in der Mitte durch einen großen und starken Felfenpfeiler unterstützt. Man findet in der Höhle eine ohngefähr 8 bis 10 Fuß über dem Boden erhöhte Stelle mit einer Vertiefung, welche das Bett des Jeremias genannt wird. In dieser Grotte soll der Prophet Jeremias seine berühmten Klagelieder verfertigt und unter Thränen laut hergesagt haben. Nicht weit davon , ist eine andere, aber sumpfige Höhle, die das Gefängniß des Jeremias genannt wird; denn in diese soll der Pro- * phet geworfen worden seyn und darin bis an die Brust im Sumpfe gestanden haben, weil er die Zerstörung Jerusalems ! verkündigt hatte. Der Kaiser Konstantin der Große soll über dieser Höhle eine Kirche haben erbauen lassen, von welcher . man aber keine Spur mehr antrifft. In dem hinterste» Theile jener Grotte des Jeremias will man auch eine tiefe Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 381 Grube bemerken, die der Prophet zu seinem Grabe bestimmt haben soll*). An dem Eingänge der Grotte hatte die Kaiserin Helena eine Kirche errichten lassen, von welcher man noch die Grundmauern bemerkt. Noch weiter nördlich am Wege nach Damaskus findet man auf dem Felde eine Cisterne und behauptet, daß hier einst das Grabmal der Adiabenischen Königin Helena gestanden habe, die mit ihrem Sohne Jzates die jüdische Religion angenommen haben soll. Wie Josephus erzählt, kam sie nach Jerusalem und als daselbst eine Hungersnoth um das Jahr 44 nach Christus ausbrach, ließ sie Getreide aus Aegyptcn kommen und theilte dieses unter die Armen aus. Nach ihrem und ihres Sohnes Tode wurden beider Gebeine nach Jerusalem gebracht und daselbst unter dem Grabmale, das sie selbst hatte errichten lassen und das aus drei marmornen Spitzsäulen bestand, beigesetzt. Zur Zeit des Euse- bius und Hieronymus stand ihr Grabmal noch, jetzt aber ist es nicht mehr vorhanden. Wenn man von der Grotte des Jeremias ostwärts sich wendet, so gelangt man an den Bach Kidron; geht man alsdann südwärts bis zum Vieh- oder Stephansthore herab, so trifft man ohügefähr 120 Schritte von diesem Thore gegen Morgen einen weißlichen glatten Felsen, der von den dort wohnenden Christen in Ehren gehalten wird, weil er mit dem Blute des Stephanus benetzt worden seyn soll. Nahe dabei zeigt man einen Graben, in welchen, wie man sagt, der Leichnam dieses ersten christlichen Märtyrers geworfen wurde **). Die Kaiserin Eudoxia soll eine Kirche auf der Stelle, wo Stephanus gesteinigt worden war, haben cr- *) Der Sage nach soll der Prophet Jeremias in Aegypten gestorben seyn, und zwar behauptet man, er sey gesteinigt worden. Weiter berichtet die Sage, Alexander der Große habe die Gebeine des Propheten von Lanis »ach Alexandrien bringen und ihm daselbst ein prächtiges Grabmal errichten lasse», welches die Kaiserin Helena in der Folge noch verschönert habe. **) Der Sage nach wurde der Leichnam des Stephanus von dessen Lehrer Gamaliel, aus jenem Graben hinweggenvmmen und an einen Ort gebracht, den Gamaliel besaß und der ü bis 7 Stunden von Jerusalem entfernt war. Dort fand man die Gebeine des Märtyrers im Jahre 415 und schaffte sie in die Kirche auf dem Berge Zion in Jerusalem. Bon da brachte man sie später nach Konstantinopel, und schaffte sie hierauf nach Nvm, wo sie mit denen des heiligen Laurentins in ein Grab gelegt wurden. Z82 Sechstes Buch. bauen lassen, von welcher aber jetzt nicht die geringste Spur mehr vorhanden ist. Weiter südlich befindet sich zwischen dem Bache Kidron und dem Oelberge das Grabmal der Maria, zu welchem man über eine steinerne Brücke, die einen einzigen Bogen enthält und über den Bach Kidron geht, gelangt. Es besteht aus einer Kirche, welche die Kaiserin Helena auf der Stelle erbauen ließ, wo die Mutter Jesu begraben worden seyn soll. Ueber der Erde steht ein viereckiges Gebäude aus gehauenen Steinen, das ohngefähr 25 Schritte ins Gevierte hat. Auf der Mittagsseite desselben befindet sich eine Thür, die mit kleinen marmornen Säulen verziert ist. Sobald man durch diese Thür eingetreten ist, erblickt man eine Treppe, die aus 60 schön gehauenen Marmorstufen, welche 30 Schuhe breit sind, besteht und hinab in eine unterirdische Kirche führt. Bei der sechsten Stufe ist eine zugemauerte Thür, durch welche man sonst in ein Kloster gelangte, das gänzlich zerstört worden ist. Auf der Mitte der Treppe befindet sich rechts in der Mauer eine kleine beleuchtete Kapelle mit zwei Altären, die über den Gebeinen des heiligen Joachim und der heiligen Anna, der Eltern von der Maria stehn sollen. Gegenüber, auf der linken Seite erblickt man eine ähnliche Kapelle, deren beide Altäre, wie man sagt, die Gebeine des Joseph, des Gatten der Maria *), und die des alten Simeon bedecken. Alle vier Altäre sind von Marmor. Die Treppe, welche hinab in die unterirdische Kirche führt, bekommt kein anderes Tageslicht als durch die Eingangspforte oben. Unten in der Kirche aber ist noch ein kleines Luftloch in dem Gewölbe derselben hinter dem Grabe der Maria angebracht. Die Kirche selbst hat ringsum Mauern von bestaunen Steinen, das Gewölbe aber besteht aus dem natürlichen Felsen. Sie mißt 40 Schritte in der Länge von Morgen nach Abend, und 12 bis 13 Schritte in der Breite von Mitternacht nach Mittag. Mitten in der Kirche, rechts von den untersten *) Eine Sage erzählt, Joseph sey in Jerusalem gestorben, als er daselbst zur Feier eines Festes verweilt habe. Maria und Jesus hätten hierauf sei» Begräbniß besorgt, dem auch Jesu Jünger beigewohnt. Zu Perugia in Italien will man den Wermählungsring des Joseph besitzen. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 383 Stufen steht eine kleine in den Felsen gehauene Kapelle, die 6 Fuß ins Gevierte hat und 8 bis 9 Fuß hoch ist, deren Wände von innen und außen mit weißem Marmor bekleidet sind. In dieser Kapelle befindet sich das eigentliche Grabmal der Maria, das in einem Altare besteht, über welchem stets 18 Lampen brennen und an welchem Messe gelesen wird. Die Unterhaltung dieser Kirche bestreiten die Christen und Mohamedaner, denn auch diese verehren das Grab der Maria und haben eine besondere Kapelle in der Kirche. Ihre f Kapelle ist eine Art von Nische, gegen welche sie sich wen- , den, wenn sie daselbst beten. Ehe sie die Kirche betreten, ziehen sie ihre Sandalen aus, und ehe sie zum Grabe der Maria gehn, waschen sie ihre Füße in einem Waffertroge, der vor einem Springbrunnen steht. Denn die Kirche enthält auch Quellen mit gutem trinkbaren Wasser. Diese ' Kirche soll von dem Persischen Könige Kosroes zerstört worden seyn und bis zu den Zeiten Gottfrieds ^von Bouillon, des ersten christlichen Königs von Jerusalem, in Trümmern , gelegen haben *). Nicht weit von dem Grabmale der Maria, näher an i dem Dorfe Gethsemane, zeigt man noch den Ort, wo sie ihren Gürtel soll haben fallen lassen, als sie gen Himmel ge- : holt worden sey. Nahe dabei befindet sich ein kleiner Felsen, bei welchem, wie man sagt, Maria an dem Tage, an wel- ! chem Stephanus gesteinigt wurde, sich befand und für den edlen Märtyrer betete. Endlich zeigt man noch etwas weiter nördlich bei einer umgestürzten Säule die Stelle, wo der Maria ein Engel erschienen seyn, ihren nahe bevorstehenden *) Der Sage nach soll Maria, die Mutter Jesu den Apostel Johan- f »es nach Ephesus begleitet haben und dort gestorben seyn. Ihr Leichnam , sey aber auf eine wunderbare Weise nach Jerusalem geschafft und daselbst ! in dem oben beschriebenen Grabe von den Aposteln beigesetzt worden. Diese wären damals auf der Erde zerstreut gewesen, um das Evangelium zu predigen, aber ei» Wunder habe sie zu jenem Begräbniß bei Gethsemane ^ vereinigt. Thomas nur sey drei Tage später gekommen, und da er dc» Leichnam der Maria gern habe sehn wollen, so habe er bei Eröffnung des ! Grabes denselben nicht mehr vorgefunden, sondern nur die Kleidung der Maria noch erblickt. Die Maria selbst aber hätten die Engel in den Him» f mel geholt unter den schönsten himmlischen Harmonien, die man drei Tage H hindurch vernommen habe. 384 Sechstes Buch. Tod ihr verkündigt und ihr einen -Palmenzweig von ihrem Sohne überreicht haben soll. Jesus geht von Bethanien nach Jerusalem uud kehrt von da nach Bethanien zurück. cMatth. 21. 18 u. 18. Mark. II. 12-19.) Nur die Nacht hindurch blieb Jesus in Bethanien bei seinen Freunden, denn nach Anbruch des Tages machte er sich wieder auf den Weg nach Jerusalem, wo Menschen aus allen Gegenden versammelt waren und wo er also noch manches Gute theils durch Belehrung, theils durch thätige Hülfe- leistung stiften konnte, ehe er von seinem Tagewerke abgerufen wurde. Wahrscheinlich war Jesus von Bethanien weggegangen ohne Etwas gegessen zu haben; denn die Juden pflegten vor der Gebetszeit keine Speise zu sich zu nehmen. Daher empfand er unterwegs Hunger; und als er einen Feigenbaum an der Straße erblickte, der Blätter hatte, so näherte er sich demselben, in Hoffnung, vielleicht einige Früchte daran ^ zu finden, die seinen Hunger hätten stillen können; denn es war nach dem Gesetze vergönnt (Vergl. Seite 216.), im Worbeigehn einige Früchte von den an dem Wege befindlichen Bäumen zu nehmen. Der Feigenbaum wächst in Palästina im Freien und wird ein ansehnlicher Baum, der gewöhnlich einen krummen, mit einer glatten grauen Rinde überzogenen Stamm hat. ^ Seine Blätter sind herzförmig, gelappt und etwas rauh. Er , treibt keine Blüthen, wie andere Bäume, sondern die Früchte kommen bei ihm geradezu aus den Zweigen hervor, und die , eigentlichen Blüthen sitzen im Innern der Frucht. Man fin- § det dreierlei Arten von Feigen in Palästina. Die Früh- < § feigen oder Boccoren kommen im März zum Vorschein, l noch ehe der Baum Blätter getrieben hat, und reifen im Junius § (Hohes Lied 2, 12 u. 13.); zuweilen findet man auch schon j früher einzelne reife unter ihnen. Die Sommerfeigen oder Karmusen setzen sich im Junius an und kommen im z August zur Reife. Die Winterfeigen endlich erscheinen im j I Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 385 » August und reifen erst dann, wann der Baum schon die ff Blätter verloren hat. Sie sind meistens größer als die an- ^ dem und bleiben, wenn der Winter nicht streng ist, wohl !, bis zum Frühjahre am Baume hangen, so daß sie alsdann ! noch eingesammelt werden können. Die Feigen zeichnen sich / durch eine große Süßigkeit aus, wenn sie vollkommen reif , geworden sind; aber auch minder reif können sie genossen R werden, um den Hunger zu stillen; nur haben sie alsdann ^ noch nicht die gehörige Süße. Man ißt sie entweder frisch, oder trocknet sie, und in diesem Zustande machen sie einen nicht unbedeutenden Handelsartikel aus. Man pflanzt im Morgenlande die Feigenbäume gern an Wege, weil man glaubt, daß der Straßenstaub zum frühern Reifen der Früchte beitrage. Uebrigens ist der Feigenbaum etwas zärtlich und leidet leicht Schaden in einem strengen Winter. Jesus mochte also den Feigenbaum, zu dem er ging, für einen solchen halten, der Frühfeigen tragt, und um so j eher Früchte an ihm zu finden erwarten, da der Baum schon ^ Blätter besaß; oder er hielt ihn für einen Baum mit Win- > terfeigen und meinte, noch Früchte vom vorigen Jahre daran zu finden. Allein er sahe nichts als Blätter an demselben, j Vielleicht war ein strenger Winter vorhergegangen, der dem j Baume geschadet, so daß derselbe höchstens nur noch Blätter hatte treiben können. Daher sagte Jesus als er sich getäuscht sah: „Von dir mag wohl nimmermehr Jemand wieder eine Frucht essen." Hierauf sehte er mit seinen Jüngern seine Wanderung fort und langte bald darauf in Jerusalem an, wo er sich sogleich in den Tempel begab. Nach der Erzählung des Evangelisten Markus scheint ^ es, als wenn Jesus auch diesesmal die Viehhändler und Wechsler aus dem Vorhofe des Tempels herausgetrieben hätte; al» t lein diese Handlung war wohl nur an dem vorhergehenden Tage, nach Jesu feierlichem Einzüge, vorgefallen; und Markus holt wahrscheinlich jetzt erst die Erzählung jener Begebenheit nach. Auch an diesem Tage lehrte Jesus und heilte Kranke, die man zu ihm brachte, wodurch er von neuem die Bewunderung des Volkes auf sich zog. Aber desto mehr entzündete 25 S86 Sechstes Buch. sich auch der Haß der Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester gegen ihn, und um so eher meinten sie nun eilen zu müssen, um den Gefürchteten und Gehaßten in ihre Gewalt zu bekommen und vor ihr Gericht zu stellen. Jedoch wagten sie es nicht, ihn zu greifen, wenn er unter dem Volke stand und dieses belehrte; denn da fürchteten sie, das Volk möchte sich auf seine Seite wenden und ihn schützen und vertheidigen. Jesus wußte es wohl, daß seine Feinde immer ernstlichere Anstalten zu seinem Verderben trafen; daher blieb er auch ^ nicht die Nacht hindurch in Jerusalem, sondern begab sich bei rechter Zeit hinaus, um an dem Oelberge im Kreise vertrauter Freunde entweder zu Bethanien, oder in Gethsemanc einen ruhigen Aufenthalt zu suchen. Ja er, der tiefblickende Menschenkenner, mußte sich selbst wohl sagen, daß er nicht einmal sicher auf das Volk rechnen könne, da dieses bei seinen irdischen Erwartungen leicht irre an ihm werden mußte, weil er nicht einmal nach dem feierlichen Einzüge den Erwartungen der Menge entsprochen und nicht ihren Wünschen gemäß als der längst ersehnte König der Juden hervorge- s treten war. I.II. JrsuS geht von Bethanien nach Jerusalem und kehrt von da nach Bethanien zurück. «Matth. 21, 20-48. u. 22-28, l—s. Mark. II. 20-32. u. 12-14, 1 u. 2. Uuk. 20-22, >-§> Am folgenden Tage begab sich Jesus mit seinen Jün- gern wieder nach Jerusalem zurück, weil er nicht säumen wollte, die Zeit zur Begründung des Gottesreichs zu benutzen, die ihm dazu noch gelassen wurde. Sein Weg führte ihn ! wieder an dem Feigenbäume vorüber, an welchem er den Tag zuvor vergebens Früchte gesucht hatte; da bemerkten ( seine Jünger daß der Baum abgestorben war. Dies hielten sie für eine Folge der Aeußerung, die Jesus hatte laut werden lassen, als er sich in seiner Erwartung getäuscht gesehn; und Petrus machte seinen Meister darauf aufmerksam und ^ sagte zu ihm: „Rabbi, siehe der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt". Jesus, der nicht einmal an den > Wanderungen Jesu während seiner Leiden. S87 Samaritern, die ihn bei sich zu beherbergen verweigert hatten, Rache geübt wissen wollte (Luk. 9, 52 — 56. Vergl. Seite ZOO.), hatte ohnmöglich an dem schuldlosen Feigenbäume sich rächen wollen, der auch auf natürlichem Wege schnell verdorrt seyn konnte, wie es an Bäumen, die im Winter gelitten haben, wenn sie auch noch einige Blätter trieben, an einem folgenden sehr warmen Tage zuweilen geschieht. Daher ermähnt er seine Jünger zwar, Vertrauen zu Gott zu haben; denn der, welcher festes Vertrauen zu Gott ' habe, werde ohnmöglich scheinende Dinge möglich machen können und sein Gebet von Gott erhört sehn; fügt aber auch hinzu, daß dieses letztere jedoch nicht der Fall seyn werde, wenn sie Gott ersuchen wollten, Rache an ihrem Widersacher zu üben; sondern man müsse diesem verzeichn, wenn man selbst Vergebung von Gott erlangen wolle. Als Jesus in Jerusalem angekommen war, begab er sich seiner Gewohnheit gemäß in das Tempelgebäude und ! lehrte daselbst. Hier kamen Abgeordnete des Hohenrathes . zu ihm, und fragten ihn, aus welcher Machtvollkommenheit 1 er so lehre und handle, wie er es thue? Jesus antwortete , ihnen nicht geradezu, sondern begegnete ihrer Frage durch eine ' andere Frage. „Taufte denn Johannes, sprach er, von Gott dazu beauftragt oder aus eignem Antriebe?" Diese Frage erschien den Oberpriestern und Aeltcsten verfänglich; daher gaben sie keine entscheidende Antwort und erwiederten: „Wir wissen es nicht." Darauf entgegnete Jesus: „So kann ich euch auch auf eure Frage keine Antwort ertheilen." Deutlich ^ leuchtet es aber hervor, daß Jesus sagen wollte, wie Johannes von Gott beauftragt worden sey, zu taufen, so handle I auch er nur dem Auftrage Gottes gemäß. H Um ihnen die Verwerflichkeit und Schändlichkeit ihres ^ Verfahrens eindringlich zu Gemüthe zu führen, erzählte er ^ den Oberpriestern und Aeltesten einige Gleichnisse, in welchen er sie darauf hinwies, wie wenig sie darnach strebten, den Willen Gottes zu vollbringen, und wie sie darauf ausgingen j ihn zu todten; zeigte aber auch in einem andern, daß sie s keinen Theil an dem Gottcsreiche gewinnen, und Andere, s Heiden, anstatt ihrer in dasselbe aufgenommen werden würden. 25 * 388 Sechstes Buch. Dadurch aber wurden sie keineswegs zur Aenderung ihres Verfahrens bewogen, sondern vielmehr um so heftiger gegen Jesum erbittert. Gern hatten sie den göttlichen Lehrer so. gleich festnehmen lassen; allein sie fürchteten sich vor dem Wolke und sahen sich also genöthigt, die Ausübung ihrer Rache noch zu verschieben. Neue Anschläge wurden jedoch von ihnen gegen Jesum ersonnen. Einige Pharisäer und Herodianer kamen wahrscheinlich als Abgeordnete des Hohenrathes zu ihm und legten ihm die verfängliche Frage vor, ob es recht sey, daß die Juden dem Römischen Kaiser Steuern zahlten? Hätte Jesus dieses verneint, so würden sie ihn als einen Empörer bei dem Römischen Landpfleger verklagt haben, hätte es Jesus hingegen bejaht, so würde er leicht die Gunst des Volkes haben verlieren können, da die Juden nur mit Unwillen und Verdruß den Römern Steuern entrichteten. Allein auch in diesem schwierigen Falle wußte Jesus sich so vorsichtig und weise zu benehmen, daß seine Widersacher selbst ihre Bewunderung ihm nicht versagen konnten. Uebrigens hatte Jesus auch jetzt noch keine Ruhe vor seinen Widersachern; denn bald darauf traten Sadducäcr zu ihm und suchten ihn in Verlegenheit zu setzen, indem sie ihm eine, nach ihrer Meinung, unauflösliche Frage über die Auferstehung der Todten, die sie bezweifelten, vorlegten. Jesus aber ließ sich dadurch nicht in Verlegenheit bringen, sondern mit hoher Geistesgegenwart und der größten Verstandesschärfe zeigte er ihnen das Ungereimte und Lächerliche ihrer Frage, und bewicß die Gewißheit der Auferstehung durch einen so starken Grund, daß die Fragenden beschämt davon gehn mußten, und seine Zuhörer die größte Bewunderung ihm zollten. Selbst die Pharisäer freuten sich, daß Jesus die Sad- ducäer, deren Gegner sie waren, so abgefertigt hatte; aber nun unternahm es einer von ihnen, Jesum in Verlegenheit zu bringen, indem er ihn fragte, welches das wichtigste Gebot im Mosaischen Gesetz sey? Allein auch darauf wußte Jesus eine genügende Antwort zu ertheilen. Dagegen legte er nun selbst den Pharisäern eine Frage in Beziehung auf den Messias vor, welche sie nicht gehörig beantworten konn- i Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 289 ten. Hierauf begann Jesus eine Rede vorzüglich an seine Jünger zu halten, in welcher er den Stolz und die Anmaßung, die Selbstsucht und die Heuchelei der Pharisäer auf das lebhafteste und deutlichste darstellte und vor ihnen-^ als vor Verführern, warnte. Indern Jesus diese Rede hielt, befand er sich in der Nähe des Vorhofs der Weiber, wo die Kisten standen, in welche die Juden freiwillige Beiträge zur Unterhaltung des Tempels einzulegen pflegten, und wo sowohl die Männer als auch die Frauen der Juden vorüber gehn mußten, wenn sie ihre Plätze in dem Tempelgebäude einnehmen wollten. Nahe dabei war auch das Gemach, in welchem der Tempelschatz aufbewahrt wurde, zu dem das in die Kisten eingelegte Geld ebenfalls kam. Nachdem Jesus seine Rede vollendet hatte saß er eine Zeit lang ruhig daselbst und beobachtete die Juden, welche ihre Gaben in die Kisten einlegten. Er bemerkte daß die Reichen viel spendeten; aber er sahe auch eine arme Wittwe herbeikommen, die zwei Stück der kleinsten Scheidemünze einlegte und bei ihrer geringen Spende ächte Frömmigkeit verrieth, während die meisten Reichen ihre großen Gaben wohl nur deshalb einlegten, um damit zu prunken. Die Handlung der armen Wittwe rührte das gefühlvolle Herz des göttlichen Menschenfreundes; er machte daher seine Jünger mit derselben bekannt und sagte zu ihnen: „Diese arme Wittwe hat wirklich in Verhältniß zu ihrer Lage und vor Gott eine größere Gabe dargebracht als jene Reichen; denn diese spendeten nur von ihrem Ucberflusse, die arme Wittwe aber gab ihr Alles hin." Zum letztenmale hatte Jesus jetzt den Tempel betreten und es auch ausgesprochen, daß er nicht eher wieder in demselben erscheinen werde, als bis man ihn als den Messias anerkannt habe, was leider von den Juden nichts geschah. Als er daher am Abende den Tempel verließ, um nach Be- thanien zu gehn, machten ihn seine Jünger noch auf die Größe und Schönheit des Gebäudes aufmerksam. Allein Jesus, der mit Hellem Blicke in die Zukunft schaute, sagte ihnen dagegen, daß dieses schöne und große Bauwerk bald in einen wüsten Steinhaufen werde umgewandelt werden. Die- §90 Sechstes Buch. ser Gedanke mochte ihn während des Gehens fortwährend beschäftigt haben; denn als er an dem Oelberge angelangt war, setzte er sich da nieder, wo man den Tempel in seiner ganzen Herrlichkeit überschauen konnte und richtete seine Blicke nach ihm hin. Dasselbe thaten seine Jünger, und eingedenk dessen, was Jesus kurz vorher von der Zerstörung des Tempels gesagt hatte, fragten Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas ihren Meister, wann diese Zerstörung, so wie überhaupt die große Umwandelung der bestehenden Verhältnisse erfolgen werde. Hierauf machte sie Jesus theils in bildlicher Rede, theils durch Gleichnisse mit den Anzeigen bekannt, welche die Annäherung jener Ereignisse kund thun würden; schildert auf dieselbe Weise die damals nahe bevorstehende Zerstörung Jerusalems, die große Umgestaltung der damaligen Verhältnisse überhaupt, bei welcher Jesu Lehre siegreich hervortreten und das Gottesrcich für ewige Zeiten fest begründet erscheinen werde, und das über die Menschen ergehende Gericht. Zugleich ermähnt er dabei seine Jünger zur Wachsamkeit, damit nicht auch sie von den hereinbrechenden Stürmen mit in den Untergang fortgerissen würden; räth ihnen bei Zeiten aus Jerusalem zu fliehen, weil nur durch ihre Auswanderung in andere Länder das Christenthum weiter verbreitet werden konnte; warnt sie vor solchen Menschen, die fälschlich als den verheißenen Messias sich ankündigen würden, und macht sie mit den Gefahren bekannt, die ihrer in seinem Dienste, bei der Verkündigung seiner Lehre warteten, aber auch nicht minder mit der Belohnung, welche die ihm treu Ergebenen empfangen würden. Was Jesus in Beziehung auf Jerusalems Schicksal voraus verkündigt hatte, ging bald nach seinem Scheiden von der Erden auf das schrecklichste in Erfüllung. Die Römischen Landpflegvr brachten nämlich durch ihre Grausamkeit und Raubsucht die Juden immer mehr gegen sich auf; die Juden selbst versanken immer tiefer kn Sittcnlosigkeit und wurden daher zu Empörungen um so geneigter; Jerusalem aber und die Umgegend der Hauptstadt füllte sich zugleich immer mehr mit Räubern. Auch traten unter den Juden so manche Betrüger avf^ die, sich für Propheten ausgaben, oder sich wohl Wanderungen Jesu während seiner Leiden.* 391 sogar als den vedheißnen Messias geltend machen wollten, unv welche die Gemüther noch stärker gegen die Römer zu erbittern wußten. Daher brachen die Juden mehrere Male nach einander in Empörungen aus, die zwar bald wieder gedämpft wurden, bei denen aber die Juden viel litten, weil dabei nicht allein eine große Anzahl derselben den Tod fand, sondern auch ihr Land zum Theil verwüstet wurde. Dazu kamen im Jahre 6,4 nach Christus noch Erdbeben und eine Hungersnoth; allein durch alle die mannichfaltigen erlittenen Unglücksfälle wurden die Juden nicht klüger. Denn als sie im Jahre 66 wegen der Verunehrung einer Judensynagoge zu Casarca bei dem damaligen Römischen Landpfleger Gessius Florus keine Gerechtigkeit fanden, so brach in Jerusalem eine neue Empörung aus, die um so heftiger wurde, als FloruS 3600 Juden deshalb ermorden ließ. Die Verständigern der Juden sahen zwar die schrecklichen Folgen eines Aufruhrs voraus und thaten Alles um die erhitzten Gemüther zu besänftigen; allein ihre Bemühungen waren vergeblich. Wüthende Rotten bemächtigten sich durch Sturm der Burg Antonia und ermordeten die darin liegende Römische Besatzung. Hierauf griffen sie die königliche Burg auf dem Berge Zion an, und als die Römer, welche diese besetzt hielten, sie übergeben wollten, wenn man ihnen freien Abzug vergönnte, und man ihnen denselben auch zugesichert hatte, wurden sie bei ihrem Abzüge dennoch von den Juden niedergemacht. Alsdann brachen die Empörer in die umliegende Gegend ein und mor« detcn alle Heiden, die sie in ihre Gewalt bekamen, .und plünderten und verheerten Städte und Dörfer. Dagegen übten die Römer, wo sie es vermochten, blutige Rache an den Juden und mordeten allein zu Scythopolis 30000 derselben. Als die empörten Juden immer weiter um sich griffen, rückte der Römische Statthalter Cestius Gallus, der in Antiochicn seinen Sitz hatte, mit einem starken Heere in Ga- liläa ein und verheerte bei seinem Vordringen Alles mit Feuer und Schwcrdt. Die Juden wiedersetztcn sich ihm zwar mit aller Macht; allein sie wurden nach Jerusalem zurück getrieben und Cestius Gallus rückte ihnen nach. Während dieser Kämpfe hatten die in Jerusalem und der Umgegend wohnen« den Christen, eingedenk der Mahnung ihres göttlichen Lehrers, t» sich fortbegeben und waren jenseit des Jordans theils in die > Gebirge, theils in das Städtchen Pella geflohn, wo sie vor - den Kriegsstürmen sicher blieben. Schon hatte Cestius Gallus zu Ende des Jahres 66 nach Christus sich der Unterstadt von Jerusalem bemächtigt, als er durch die von neuem wachsende Macht der Juden und ! durch Verrätherci in seinem eignen Heere sich genöthigt sah, ^ abzuziehn. Sein Rückzug erfolgte in so großer Eile, daß « der größte Theil der Waffen und Kriegsgeräthe der Römer i den Juden in die Hände siel, die dadurch um so mächtiger wurden. Jetzt glaubte der Kaiser Nero die Sache ernstlicher angreifen zu müssen und sendete daher den Feldherrn Vcs- pasianus im Jahre 67 nach Palästina. Dieser rückte nun mit seinem Sohne Titus und mit 60000 Mann in Galiläa ein und eroberte nach und nach die festen Platze, welche auf seinem Wege lagen, und von denen einige durch den Jüdischen Feldherrn Flavius Josephus auf das tapferste vertheidigt wurden, weshalb auch die Römer bedeutenden Verlust an Mannschaft bei ihren Siegen erlitten. Der ' Kampf war langwierig, aber Vespasianus trieb die Juden dennoch immer mehr in die Enge und rückte nach Jerusalem vor, während die Römer auf diesem Zuge furchtbar gegen die Juden wütheten, um Rache an ihnen zu nehmen. In Jerusalem herrschte unter den Juden selbst der größte Zwiespalt; denn ein Theil derselben wünschte sich den Rö- , mern zu unterwerfen; ein anderer Theil aber wollte nichts davon wissen. Diese Parthei nannte man die Zeloten oder Eiferer und zu ihr gehörten die schlechtesten und verworfensten Menschen. Beide Partheien wütheten gegen einander und es entstand so ein innerer Kampf, in welchem allein zwei Hohepriester und 12000 vornehmere Juden ihren Tod sau- ( den. Die Zeloten setzten sich nämlich in dem Tempel fest ^ und verwandelten diesen in eine starke Festung; als sie aber ^ darin eingeschlossen gehalten wurden, brachen sie in einer ! furchtbaren Nacht, in welcher Stürme und Gewitter tobten, aus dem Tempel heraus und richteten ein gräßliches Blutbad in der Stadt an. Die andere Parthei, welche den Zeloten '! Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 393 I gegenüberstand, ließ, um diese zu beschränken, einen neuen > Haufen Räuber in die Stadt; allein dadurch wurde die Sache ' noch schlimmer, denn nun wütheten drei Partheien gegen ! einander. Im Jahre 69 nach Christus drang Vespasianus in die Provinz Judäa vor und eroberte Hebron, verbrannte diese ^ Stadt und ließ die Einwohner derselben niedermachen. Als er Jerusalem selbst näher rücken wollte, wurde er zum Kaiser I ausgerufen. Daher mußte er Palästina verlassen, um sich nach Rom zu begeben. Dieses brachte aber den Juden kei- s ncn Vortheil; denn er übertrug den Oberbefehl des HeereS j seinem Sohne Titus, und dieser schickte sich nun, im Jahre 70, an, Jerusalem selbst anzugreifen. Als er vor der Hauptstadt erschien, wollte er erst den Weg der Güte versuchen und trat deshalb mit den Juden in Unterhandlungen; allein seine Bemühungen, die Juden zu einer freiwilligen Unterwerfung zu vermögen, waren fruchtlos. Jetzt vereinigten sich zwar die verschiedenen Partheien in Jerusalem gegen die Römer, aber nur für kurze Zeit. Sie schlugen die Römer wirklich zurück; doch nach diesem errungenen Siege zerfielen auch die drei Partheien wieder. Die Römer rückten von neuem vor, schlössen um die Zeit des Passahfestes die Hauptstadt völlig ein und bemächtigten sich der Neustadt und der Unterstadt. > Da das Passahfest eben gefeiert worden war, so befand sich eine ungeheure Menschenmenge in Jerusalem, die sich jetzt in der Oberstadt und auf dem Berge Moriah zusammen drängen mußte. Daher war es kein Wunder, daß bald eine schreckliche Hungersnoth einfiel, zu welcher sich auch die Pest gesellte. Die verschiedenen Partheicn stritten sich jetzt vorzüglich um die noch vorhandenen Lebensmittel, wobei ebenfalls z kine große Anzahl Menschen getödtet wurde. Die Stadt i war so voller Leichen, daß man die Todten nicht mehr beerdigen konnte und daß man eine Menge Leichname über die Mauern warf. Alle Gräben und alle leer stehende Häuser waren mit Leichen angefüllt; dadurch wurde aber die Luft ! »och mehr verpestet und die Lage der unglücklichen Juden ! immer schlimmer. Daher suchten Viele aus der Stadt zu , entkommen, und wollten sich lieber in die Gewalt ihrer Feinde 394 Sechstes Buch. begeben, als länger in dem elendesten Zustande verharren. Aber auch hier fanden Viele ihren Tod, da die Römischen Soldaten oft sehr grausam gegen die Unglücklichen verfuhren. Diejenigen, welche als Gefangene den Römern in die Hände fielen, wurden meistens im Angesichts der Stadt gekreuzigt. Unterdessen wurde die Hungersnot!) in Jerusalem immer größer; man verzehrte Kuhdünger, Leder, Heu, und andere Dinge, die sich einigermaßen kauen ließen; ja man stritt sich sogar auf Leben und Tod um solche Dinge, und beachtete dabei weder Verwandschafts - noch alle Freundschaftsverhältnisse. Eine vornehme Frau kochte sogar ihr Kind und aß davon, um dem schrecklichen Hungertode zu entgeh». Um die Eroberung Jerusalems zu beschleunigen, ließ Titus die Stadt mit einem großen Erdwalle umgeben, damit sie von allen Seiten gänzlich abgeschlossen würde, und ihr von Außen keine Hülfe kommen, auch keiner ihrer Bewohner entflieh» könnte. Bald darauf erstürmten die Römer die Burg Antonia und rissen sie nieder. Nun zogen sich die Zeloten in den Tempel zurück und vertheidigten sich darin. ^ Titus knüpfte abermals Unterhandlungen mit ihnen an und ! forderte sie zur freiwilligen Uebergabe auf; allein auch jetzt Leharrten sie hartnäckig in ihrem Widerstände, und Titus griff zu neuen gewaltsamen Maßregeln. In kurzer Zeit hatte er Den Vorhof der Heiden in Besitz genommen; die Zeloten aber zogen sich in die innern Vorhöfe zurück und leisteten da den hartnäckigsten Widerstand. Gern hätte Titus den Tempel erhalten und erließ deshalb auch an seine Soldaten die nöthigen Befehle; allein seine Vorsicht war vergeblich; denn einige Soldaten warfen Brände in die Gebäude, welche den eigentlichen Tempel umgaben, und hierauf gerieth Alles in Brand. Die Römer drangen- nun in den Tempel ein und machten alle Juden nieder, die sie darin in ihre Gewalt be- ; kamend Titlis selbst ging in das Heilige, als es noch nicht 'von den Flammen ergriffen war und ließ den goldnen Leuchter, den Schaubrodtisch und Räucheralter, die ebenfalls von Golde waren, nebst dem Gesetzbuchs retten. Aber das eigentliche Tempelgcbäude selbst konnte nicht gerettet werden, «nd so wurde der ganze Tempel am 10. lMgust-des Iah- ^ Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 395 rcs 70 bis auf wenige Ueberreste gänzlich und für immer zerstört *). Damit die Unterstadt den aus den Tempelgebäude- entwichenen Zeloten keinen Haltepunkt gewähren sollte, so ließ sie Titus in Brand stecken und sie wurde also zugleich mit dem Tempel zerstört. Die Zeloten, welche dem Blutbade entronnen waren, das die Römer nach der Einnahme des Tempelgebäudes angestellt hatten, warfen sich nun in die Oberstadt auf dem Berge Zion und mordeten daselbst über 8000 ihrer Glaubensgenossen, um deren Befitzthum sich zuzueignen. Die Römer aber säumten nicht, ihre Macht jetzt gegen die Oberstadt zu wenden; allein sie brauchten doch einen vollen Monat Zeit, um diese einzunehmen; denn die völlige Eroberung derselben erfolgte erst am 11. September im Jahre 70. Jetzt aber wurde auch Alles, was Jude hieß von den Römern ermordet und die ganze Stadt in Flammen gesetzt. Während der ganzen Belagerung Jerusalems waren in dieser Stadt 1100000 Juden umgekommen, die Weiber, Kinder und Greise, welche der Hunger, oder das- Feuer, oder andere Unfälle getödtet hatten, nicht mit gerechnet; 238460 Juden fanden in der Umgebung von Jerusalem ihren Tod, und 97000 wurden von den Römern zu Gefangenen gemacht und theils zu harten Arbeiten gebraucht, theils zu Thier- hetzen verwendet, theils auch als Sklaven verkauft. Dieses Loos traf diejenigen jungen Leute vorzüglich, welche noch nicht das 17. Jahr ihres Alters erreicht hatten, und die Weiber. Da Jerusalem theils durch seine Lage, theils durch Kunst überaus fest für die damalige Zeit war, so staunten die Römer selbst über ihren errungenen Sieg/'.und Titus äußerte, daß er nur unter Beistand des Gottes der Juden Jerusalem habe erobern können. In kurzer Zeit wurden *) Der Kaiser Julianus trieb zwar, wie der Römische Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus berichtet, selbst die Jude» im Jahre 362 aus Haß gegen die Christen an, den zerstörten Tempel wieder"aufzubauen, und ließ ihnen durch den Statthalter in Syrien dazu alle mögliche Beihülfe leisten; allein das Wevk kam nicht zu Stande;, den» tes fallen Erdbeben entstanden und schreckliche Feuerklumpcn aus dem aufgegraben«; S96 Sechstes Buch. hierauf noch einige andere Festungen in der Nahe von Jerusalem, welche noch von den Juden besetzt waren, eingenommen; alsdann aber glich auch ganz Palästina einer grausen Einöde, denn seine Städte waren zerstört und seine Felder mit Leichen bedeckt. Nach beendigtem Kriege gebot der Kaiser, daß keine der zerstörten Städte wieder hergestellt, werden sollte; die Lände- reien wurden verkauft, und die noch vorhandenen Juden erlangten nur für eine hohe Abgabe die Erlaubniß, ihre Gottesverehrung üben zu dürfen. Von jetzt an lebten die Unglücklichen unter dem härtesten Drucke bis zur Zeit des Kaisers Nerva. Dieser begünstigte sie, und unter seiner Regierung sammelten sie sich vorzüglich in Liberias und stifteten Schulen daselbst.7 Der Kaiser Trajan aber war wieder härter gegen sie; daher brachen sie im Jahre 115 nach Christus in eine Empörung aus, bei welcher sie fürchterliche Rache an ihren.-Unterdrückern nahmen; allein sie mußten bald wieder unterliegen. Noch härter mit ihnen verfuhr darauf der Kaiser Hadrian. Deshalb erfolgte ein neuer Aufruhr der Juden im Jahre 134, an dessen Spitze der Räuber Coziba stand, ,der sich Bar-Cochab, Sternensohn, nannte und sich für ,den von Bileam (4. Mos. 24, 17.) verheißenen Messias ausgab. Die Juden erkannten ihn auch zum Theil als Messias an, weil er ihnen versprach, sie von der Oberherrschaft der Römer zu befreien und ihnen ihren alten Glanz wieder zu verschaffen. Er wurde von dem berühmten Nabbincn Akibha begünstigt, der ihm eine goldene Krone aufsetzte und auch Geld in des Betrügers Namen prägen ließ. So .geschah es, daß sich bald ein großes Heer von Juden um .Bar-Cochab sammelte, mit dem er nicht allein gegen die Römer, sondern auch gegen die Juden, die sich nicht mit ihm verbanden,„und gegen die Christen wüthete. Er begab sich mit seinem Heere nach Bither, das man für das alte Bethoron hält, und das er zu seiner Hauptstadt erklärte. Anfangs kämpfte er glücklich gegen die Römer; aber als der Grunde des Tempels herausgefahren seyn und einige Arbeiter getödtet, auch den Ort unzugänglich gemacht habe». Daher wagte man nicht weiter zu bauen. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 397 Römische Feldherr Julius Severus gegen ihn zu Felde zog wurde er besiegt und in Bither belagert, das jedoch erst nach drei Jahren erobert werden konnte. Bar-Cochab selbst, der falsche Messias, kam während der Belagerung von Bithcr um, und in dem ganzen Kampfe hatten 585000 Juden ihren Tod gefunden, ohne diejenigen mit zu zählen, welche durch Hunger oder andere Unglücksfälle umgekommen waren. Nach beendigtem Kriege wurden abermals viele Juden als Sklaven verkauft; auch waren wieder viele Städte und Dörfer verwüstet worden. Der Kaiser Hadrian ließ darauf bei Todesstrafe befehlen, daß kein Jude nach Jerusalem kommen sollte, welches er wieder hatte aufbauen lassen. Jetzt war die Zeit herbei gekommen, wo die Juden aufhörten ein Volk zu seyn, das einen eignen Staat bildete, und wo sie sich über die ganze Erde zerstreuten. So war Jesu Vorausverkündigung fast buchstäblich in Erfüllung gegangen, und nun sah man die schrecklichen Folgen der Verblendung, in welcher die Juden den Belehrungen und Ermahnungen Jesu nicht gehorchten und denjenigen dem Tode überlieferten, der zu ihrer Rettung erschienen war. Auf der Stelle, wo JesuS mit seinen Jüngern verweilt und die Zerstörung Jerusalems voraus verkündigt haben soll, wurde der Sage nach eine Kirche erbaut, von der aber jetzt auch nicht die mindeste Spur mehr zu sehn ist. Uebrigens zeigt man diese Stelle sehr nahe bei derjenigen, wo er Thränen über das kommende traurige Schicksal Jerusalems vergossen haben soll (Siehe Seite 367.). In einiger Entfernung von jener Stelle südwärts befinden sich die Gräber der Propheten, die aus zwei oder drei tiefen und langen, in Felsen gehauenen Höhlen bestehn, in denen man in verschiedenen Zwischenräumen, große viereckige Löcher von verschiedener Tiefe bemerkt, welche die Gestalt von Gräbern haben. Wenn man diese Grabhöhlcn besuchen will, muß man sich mit brennenden Kerzen versehn. Nahe bei diesen Gräbern, aber etwas weiter nördlich, trifft man eine Art von Grotte an, in welcher sich die Apostel, ehe sie ausgingen, um das Evangelium zu predigen, versammelt und das sogenannte apostolische Glaubensbekenntniß 398 Sechstes Buch. verfertigt haben sollen. Diese Grotte ist ohngefähr 20 Schritte lang und ihre Decke wird von zwölf Bogenpfeilern unterstützt. Man glaubt, daß sie sonst als eine Kirche benutzt wurde, welche dem Evangelisten Markus geweiht war. jl Oberhalb der vorigen Grotte, ohngefähr 20 Schritte » vom Wege, bemerkt man mitten unter vielen Trümmern ein n sehr altes Gebäude von behauenen Steinen, in welchem sich ^ eine Grotte befindet, die einst der Pelagia, einer reichen i und berühmten Schauspielerin aus Antiochien, zur Wohnung I gedient haben soll. Man erzählt nämlich von dieser Pelagia, > daß sie nach ihrer Bekehrung zum Christenthume den Ent- ^ schluß gefaßt habe, in Nonncnkleidung ein zurückgezogenes ^ und einsames Leben zu führen, und daß sie in jener Grotte äußerst streng gegen sich gewesen sey. Manche behaupten auch, daß Jesus selbst mit seinen Aposteln sich in diese Grotte zuweilen zurückgezogen habe, um darin zu ruhen. Nachdem Jesus jene Reden vollendet hatte, sehte er ^ seine Wanderung weiter fort und sprach mit seinen Jüngern § noch von der Nähe deS Passahfestes und von seinem Tode, . der an diesem Feste erfolgen würde. An demselben Abende ! versammelten sich die Mitglieder des Hohenrathes, wie es in besondern Fällen von Wichtigkeit oder dringender Nothwendigkeit zu geschehn pflegte, in der Wohnung des Hohenpriesters Kaiphas und berathschlagten mit einander, auf welche Weise sie Jesum am schicklichsten in ihre Gewalt bekommen und todten könnten. Alle waren der Meinung, daß man erst das Fest vorübergehn lassen müßte, um keinen Aufruhr unter dem Volke zu erregen; allein dieser Entschluß erlitt eine Abänderung, als einer der Jünger Jesu selbst dem Hohenrathe seinen Meister zu überliefern sich erbot. Dieser Jünger war Judas Jscharioth, der wohl nicht aus Bosheit das schändliche Verbrechen beging, sondern wahrscheinlich in seinem Leicht- * sinn meinte, Jesum dadurch zu veranlassen, daß derselbe als Messias offen hcrvorträt und sein Reich aufrichtete, und zugleich von seiner Habsucht verleitet dabei einen Gewinn sich schaffen wollte. Daher sagte er auch zu den Mitgliedern des Hohenrathes. „Was wollt ihr mir geben, wenn ich Jesum euch überliefere?" und deshalb zeigte er sich zum Wanderungen Jesu während seiner Leiden. Z9S Verrathe bereit, als man ihm 30 Silberlinge oder Seckel bot, die nach unserem Gelde etwa 15 Thaler betragen. Daß aber Judas nicht den Tod seines Lehrers wollte, das zeigte seine nachherige Verzweifelung und sein Selbstmord. Jesus begibt sich nach Jerusalem, um das Passahlamm zu essen. Als der Lag herbei kam, an welchem das Passahlamm gegessen zu werden pflegte, fragten die Jünger Jesum, der nicht wie an den vorhergehenden Tagen mit Anbruch des Morgens nach Jerusalem gegangen, sondern in Bethanien oder Gethsemane am Oelberge geblieben war, wo er das Passahmahl zubereiten lassen wollte. Nach dem Gesetze mußte das Passahlamm in Jerusalem verzehrt werden, und jeder Hausbesitzer der Hauptstadt war verpflichtet, die Gemächer, die er nicht sehr nothwendig für sich selbst brauchte, Fremden zur Feier des Passahmahles einzuräumen. Die Fremden aber mußten sich frühzeitig schon um ihr Unterkommen bemühen, weil sie sonst leicht kein Speisezimmer mehr hätten finden können, wenn sie ein solches erst am Abende, wo das Passahlamm gegessen wurde, hätten suchen wollen. Daher hatte Jesus wahrscheinlich auch schon Abrede mit einem Bekannten in Jerusalem genommen und diesen gebeten, daß er einen Diener am Wasserthore auf seine Jünger warten lassen sollte, damit diese zu ihm geführt würden und die nöthigen Anstalten treffen könnten. Denn da seine Feinde jetzt auf jeden seiner Schritte lauerten, so mußte Jesus um so vorsichtiger handeln und zu verhüten suchen, daß man seinen Aufenthalt auskundschaftete. Auch mußte dem Hauswirthe selbst daran liegen, daß Jesu Aufenthalt bei ihm nicht bekannt würde, weil der Hoherath den Anhängern des göttlichen Lehrers mit dem Banne gedroht hatte. Hätten aber die Jünger, die wahrscheinlich das Haus nicht kannten, in welchem Jesus das Passahlamm speisen wollte, den Hauswirth erst durch Fragen an die Einwohner Jerusalems herausfinden sollen, so wäre Jesu Aufenthalt kund geworden, was er nicht 400 Sechstes Buch. wünschte. Deshalb, und vielleicht auch, damit der Verrather Judas das Haus nicht vorher wissen sollte, in welchem Jesus die Passahmahlzeit halten wollte, trug Jesus den beiden Jüngern Petrus und Johannes, denen er das größte Vertrauen geschenkt zu haben scheint, blos auf, nach Jerusalem zu gehn und dort dem Diener, welcher Wasser geschöpft haben würde, zu folgen und dem Hausbesitzer, zu dem sie alsdann gelangen würden, zu melden, daß der Meister bei I ihm das Passahlamm speisen wolle. Diesen Auftrag voll- f zogen die Jünger Petrus und Johannes genau und trafen alsdann die nöthigen Anstalten zur Passahmahlzeit. Diese Mahlzeit wurde am Abende des 14. Nisan gehalten (3. Mos. 23, 5.); und die Hauptspcise dabei war ein fehlerfreies, männliches Lamm von Schaafen oder Ziegen, das noch nicht ein volles Jahr alt seyn durfte. Schon am 10. Nisan sonderte man diejenigen Lämmer aus, welche zum Passahmahle geschlachtet werden sollten, deren Tauglichkeit aber für den heiligen Zweck erst die Priester bestätigen mußten. Am 14. Nisan, nachdem man alles Gesäuerte aus dem , Hause entfernt hatte, brachte man die Lämmer von 3 Uhr ! Nachmittags an in das Tempelgcbäude, wo sie mit Hülfe der Priester geschlachtet und ausgeweidet wurden; dabei durste aber kcins ihrer Gebeine gebrochen werden. Da die Zahl der Lämmer, die geschlachtet wurden, sehr groß war, denn Josephus rechnet sie zu 255600, so gingen die Juden in drei Haufen nach einander in den Vorhof der Priester. Das Blut der Lämmer ließ man an den Opferaltar fließen, da§ Fett bekamen die Priester, und das eigentliche Lamm nahm alsdann der Hausvater, oder wer sonst das.Schlachten besorgt hatte mit nach Hause. Hier wurde es an einen höl- > zernen Bratspieß gesteckt und über dem Feuer gebraten. Zugleich bereitete man bittere Kräuter nebst Essig und einer < dicken Brühe zu. Am späten Abende versammelten sich hierauf so viele Personen, als nöthig waren, um das Lamm aufzuzehren; denn es durste nichts von demselben übrig bleiben, als nur die Knochen, die verbrannt werden mußten. War , daher eine Familie nicht zahlreich genug, so traten einige Familien zusammen. Es dursten nämlich nicht weniger als i Wanderungen Jesu während seiner Leide»/ 401 zehn Personen, aber auch nicht mehr als zwanzig von einem ^ Paffahlamm essen. Sobald die Gesellschaft sich versammelt hatte und die Lampen angezündet worden waren, füllte der Hausvater einen Kelch mit Wein an, der gewöhnlich von rother Farbe war, und segnete denselben, indem er sprach: „Gelobt seyst du, Herr, unser Gott, du König der Welt, der du die Frucht I des Weinstockes geschaffen hast!" Hierauf trank er daraus I und ließ den Kelch alsdann bei den Andern umhergehn, wenn l nicht etwa jede Person ihren besondern Becher voll Wein vor sich hatte. Alle tranken aus dem Kelche der Reihe nach. ^ Nun sprach der Hausvater ferner: „Gelobt seyst du, Herr, unser Gott, du König der Welt, der du uns durch deine Gebote gchciliget und uns befohlen hast, die Hände zu waschen". Hierauf wufch er sich die Hände und die Andern folgten seinem Beispiele. Nachdem dieses geschehn war, wurde der Tisch zugerichtet und mit dem gebratenen Passahlamme, mit ungesäuerten Broden, welche In kleinen runden Kuchen bestanden, mit den bittern Kräutern und mit der Brühe bc- setzt. Hierauf erhob der Hausvater abermals die Stimme ^ und sagte: „Gelobt seyst du, Herr, unser Gott, du König ! der Welt, der du die Frucht der Erde erschaffen hast!" Nach diesen Worten nahm er Etwas von den bittern Kräutern, tauchte sie in die Brühe und verzehrte sie, und die Andern thaten desgleichen. Alsdann wurde der Lobgesang angestimmt, der in dem 113. u. 114. Psalm bestand. Wenn der Lobgesang beendigt war, wurde von dem Hausvater ein zweiter Kelch voll Wein gesegnet und herum- ^ gereicht; man wusch sich die Hände abermals, und hierauf ! nahm der Hausvater zwei von den ungesäuerten Brodkuchen, brach den einen davon in Stücke, legte diese auf den andern , ganzen und sagte: „Gelobet seyst du, Herr, unser Gott, du König der Welt, der du das Brod aus der Erde hervorbringst!" Alsdann brach er ein Stückchen Brod ab, nahm bittere Kräuter dazu und tauchte beides in die Brühe, indem - er abermals einen Segensspruch dabei sagte. Wenn etwas Fleisch von dem Dankopfer, das man in dem Tempel dargebracht hatte, mit ausgesetzt worden war, so wurde jetzt 402 Sechstes Buch. von diesem, ebenfalls nach einem Segensspruche, gegessen. Hierauf aber segnete der Hausvater das Passahlamm, indem er sprach: „Gelobet seyst du, Herr, unser Gott, du König der Welt, der du uns durch deine Gebote geheiligt und uns befohlen hast, das Passahlamm zu essen!" Nachdem er Etwas von dem Passahlamme genossen hatte, begann erst die eigentliche Mahlzeit. Alle ließen sich auf die Polster nieder 8 und aßen und tranken nach Belieben. I Der Tisch war ein niedriger Schemel von der Gestalt eines länglichen Viereckes. Auf drei Seiten neben demselben lagen Polster, einer an der einen Längenseite und zwei an den beiden Querseiten des Tisches; die zweite Längenseite desselben aber blieb frei, damit man die Speisen bequem auftragen und abnehmen konnte. Auf die Polster setzte man sich, indem man, wie schon früher erwähnt wurde, die Füße in dem Knie eingebogen hintenaus streckte, und sich mit dem linken Arm auf den Polster stützte, um den rechten völlig frei zu haben. Daher geschahe es, daß der Kopf der einen Person in die Nähe der Brust von derjenigen kam, welche jener zur linken Hand saß. Zuweilen saß man aber auch ^ völlig aufrecht, dagegen legte man sich manchmal beinahe ' völlig nieder. Wenn der Tisch klein war und sich nur einige Personen an demselben befanden, so galt die erste Stelle auf dem ersten Polster als Ehrenplatz; bei einer großen Tischgesellschaft aber war dieses die mittelste Stelle an der Längenseite des Tisches. Unter einer Familie nahm der Hausvater jedesmal den Ehrenplatz ein, daher saß auch Jesus auf demselben, wenn er mit seinen Jüngern zusammen speiste. , Während der Passahmahlzeit wurden mehrere Stellen aus dem 2. Buche Mosis vorgelesen, die sich auf die Be- ^ freiung der Kinder Israel aus Aegypten bezogen, auch sprach man über dieses Ereigniß. Zuletzt wurde das Passahlamm ^ aufgezehrt, und wenn ja Etwas davon übrig blieb, so wurde es mit den Knochen verbrannt. Nachher aß man weiter Nichts. Der Hausvater wusch seine Hände, dankte Gott i für die genossenen Speisen, segnete den dritten Becher voll > Wein, trank daraus und reichte ihn umher. Nachdem Alle ^ daraus getrunken und ihn geleert hatten, wurde der vierte Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 403 Becher vollgeschenkt und nun stimmte man den Lobgesang, nämlich den 115. bis 118. Psalm, an, und ließ darauf das große Halleluja folgen, das nach Einigen in den Psalmen 120 bis 136, oder nach Andern nur in dem 135. und 136. Psalm bestand. Nach beendigtem Gesänge wurde der vierte Becher voll Wein gesegnet, herumgereicht und geleert. Uebrigens pflegten die Morgenländer überhaupt auch bei andern Mahlzeiten, am Ende derselben, einen Becher voll Wein herumzugeben, welcher der Becher des Lebewohls hieß. Als der Abend hereinbrach kam Jesus mit den übrigen Jüngern ebenfalls nach Jerusalem und begab sich in das Haus, wo Petrus und Johannes das Passahmahl bereitet hatten. Er ließ sich in dem Speisesaale mit seinen Jüngern nieder. Vielleicht erhob sich da der Streit unter den Jüngern, den Lukas (22, 24.) erzählt, wahrscheinlich über den Vorrang beim Sitzen, indem jeder sich als den Vorzüglichern dünkte und daher den ehrcnvollern Sitz einnehmen wollte. Da aber Jesus wünschte, daß nach seinem Scheiden volle Eintracht unter seinen Jüngern herrschte, so suchte er jenen Streit sogleich zu dämpfen, wie er es auch schon einige- male bei ähnlichen Fällen gethan hatte. Er erklärte ihnen, daß bei ihnen von keinem solchen Vorränge die Rede seyn könne, der nur bei weltlichen Herrschern geltend gemacht würde. Von ihnen werde nur der den größten Vorzug haben, welcher Andern die meisten Dienste geleistet habe. Deshalb sey er selbst auch stets beflissen gewesen, ihnen und Andern Dienste zu erweisen. Jesus ließ es aber nicht blos bei seinen Worten bewenden, sondern wollte ihnen auch sogleich ein Beispiel geben, wie sie gegen einander verfahren und Liebe sich beweisen müßten. Denn er stieg auf *), legte sein Oberkleid ab, das ihm bei seinem Geschäfte hinderlich geworden seyn würde und das er leicht ablegen konnte, da es blos aus einem großen viereckigen Tuche bestand, band einen Schurz sich um, nahm hierauf ein Becken, goß Wasser hinein und begann mit diesem seinen Jüngern die Füße zu waschen. Luther hat übersetzt (Ioh. 13, 2.): „nach dem Abendessen"; im griechischen Texte aber heißt es: „als das Abendessen zubereitet war"; oder: „bei'der Mahlzeit". 26 * 404 Sechstes Buch. Bei den Morgenländern machte die damalige Bekleidung der Füße das Waschen derselben nothwendig, da man nur Sohlen oder Sandalen trug, die mit Riemen an den Füßen befestigt wurden, diese aber übrigens blos waren. Daher mußten sie beim Gehen stäubig werden. Wenn man nun in das Haus kam und sich niederlassen wollte, so würden die Polster von den mit Staub bedeckten Füßen schmutzig geworden seyn, wenn man diese nicht zuvor gewaschen hatte; auch würde der Staub, wenn er nicht von der Haut entfernt worden wäre, der Gesundheit geschadet haben. Daher war es auch der erste Dienst, den man seinen Gästen erwies, daß man ihnen nach ihrer Ankunft die Füße waschen ließ. Gewöhnlich geschahe dieses durch Sklaven (1. Sani. 25, 41); bei vornehmen Gästen aber und bei solchen, die er vorzüglich ehren wollte, verrichtete der Hauswirth selbst diesen Dienst. Als Jesus seinem Jünger Petrus diesen Dienst erweisen wollte, weigerte sich derselbe ihn anzunehmen, weil er es nicht für schicklich hielt, sich von feinem Lehrer die Füße waschen zu lassen. Nachdem aber Jesus erklärt hatte, daß Petrus den Zweck dieses Verfahrens noch kennen lernen sollte, und sogar keinen Theil an ihm haben oder nicht in innigere Verbindung mit ihm treten würde, wenn er sich nicht die Füße von ihm waschen ließe, so rief der Jünger rasch aus: „In diesem Falle, Herr, wasche mir nicht allein die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!" Die Juden pfleg- ten nämlich vor der Mahlzeit sich die Hände und das Haupt zu waschen, daher wurde zu diesem Zwecke Wasser vor dem Essen herumgereicht. Da nun Petrus wahrscheinlich sich selbst schon das Haupt und die Hände gewaschen hatte, so erwiederte Jesus: „Jetzt ist nichts weiter nöthig, als daß euch die Füße gewaschen werden; wenn das geschehn ist, so seyd ihr rein." Bei dem Worte rein dachte er aber zugleich an die Seelenreinheit, die er nur bei Judas unter seinen Jüngern vermißte; deshalb fügte er hinzu: „Ja ihr seyd rein; jedoch nicht alle." Als Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte legte er sein Oberkleid wieder an, setzte sich abermals nieder und erklärte nun seinen Schülern, daß er Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 40o ihnen jetzt ein Beispiel gegeben habe, damit sie ebenfalls sich demüthig zeigen und stets dienstfertig gegen einander beweisen sollten. Hierauf begann Jesus mit seinen Jüngern die Passah- mahlzeit. Während derselben gab er seine Freude darüber zu erkennen, daß ihm der heiße Wunsch seines Herzens erfüllt worden sey, mit ihnen noch einmal das Passahlamm zu genießen, und erklärte seinen Jüngern offen, daß er jetzt zum letztcnmale mit ihnen vor seinem Tode esse. Um daher ^ eine starke Erinnerung an dieses Mahl und an seine Person bei seinen Jüngern zurückzulassen, wich er von der übliche» Gewohnheit bei der Pafsahmahlzcit in etwas ab und gab dem Brechen des Brodes und dem Umherreichen des Kelchs eine neue, eine höhere Bedeutung, die' auf sein Schicksal und auf den Zweck seines Wirkens, Leidens und Sterbens Beziehung hatte. Denn indem er das Brod brach und dasselbe seinen Jüngern darreichte, sprach er: „Sehet hier meinen Leib, der bald gebrochen (getödtet) werden wird, wie dieses i Brod gebrochen wurde. Daher denket meiner, so oft ihr z das Brod brecht." Als er aber den vierten Kelch gesegnet ^ hatte und ihn umherreichte, wurde er beim Anblicke des ro- ^ then Weins abermals an seinen Tod erinnert und an die ! Vergießung seines Blutes, das er gleichsam im Becher vor ! sich sah; daher sagte er: „Sehet hier mein Blut, das für ^ die neue Religionsverfassung, durch welche die Menschen Vergebung ihrer Sünden von Gott erlangen, vergossen werden i wird, deshalb gedenket meiner stets, so oft ihr den Kelch umherreicht und daraus trinket." Als Jesus während der Mahlzeit seine Jünger überblickte, siel es ihm schwer auf das Herz, das einer unter denselben an ihm zum Vcrräther werden würde; denn das 'i Vorhaben des Judas Jscharioth war ihm nicht verborgen geblieben. Um vielleicht noch ein besseres Gefühl in dem j Herzen des Verräthers zu wecken und ihn auf andere Gesinnung noch zu bringen, erklärte daher Jesus seinen Jüngern, aber mit der größten Schonung des Schuldigen, daß ihn einer unter ihnen verrathen würde. Diese Nachricht versetzte , die eils übrigen in die größte Betrübniß, und jeder wünschte i 406 Sechstes Buch. zu wissen, ob er gemeint sey. Da Jesus sich nicht deutlicher erklärte, so wendete sich Petrus an Johannes, der Jesu zunächst saß und von seinem Meister vorzüglich geliebt wurde, mit der Bitte, doch den Lehrer zu fragen, welchen von den Jüngern er meine? Johannes that dieses, und Jesus erwiederte ihm leise: „Derjenige ist es, dem ich jetzt den eingetauchten Bissen reichen werde." Nach diesen Worten gab er den Bissen dem Judas. Dieser mochte wohl merken, warum das Jesus that, und fragte daher jetzt ebenfalls: „Bin ich es?" Darauf entgcgnetc Jesus: „du sagst es." '' Diese Antwort erregte den Unwillen des Verräthers, und erbitterte ihn gegen den liebevollen Lehrer, der ihm doch sehr schonend geantwortet hatte. Als Jesus die Bewegung des Judas merkte und daraus sahe, daß er wohl zu keinem andern Entschluß zu bringen seyn würde, so sagte er noch zu ihm: „Was du thust, das thue bald!" mit welchen Worten, die seinen Jüngern unverständlich waren, er vielleicht sagen wollte: „Nun so gehe hin und vollbringe den Verrath, aber bald!" Uebrigens konnte darin auch die Mäh- / nung enthalten seyn: „Wenn du einen andern Entschluß l fassen willst, so thue es schnell!" Judas entfernte sich hier- auf sogleich, weil er sein Vorhaben entdeckt sahe, und schloß ! nun mit dem Hohenrathe einen festen Vertrag wegen der Ueberlieferung seines Meisters in die Gewalt der Feinde desselben. Man zeigt noch jetzt ein Gebäude in der Oberstadt von Jerusalem als dasjenige, in welchem Jesus die letzte Passah- mahlzeit gehalten haben soll und das daher das Speisehaus und der Speisesaal, das Cönaculum, genannt wird *). Es besteht aus zwei Stockwerken. Dos Erdgeschoß enthält zwei Gemächer, von denen das eine 24 Schritte ^ lang und 16 Schritte breit ist. Das steinerne Gewölbe des- ^ selben wird von zwei viereckigen Pfeilern unterstützt. In *) Der Besitzer dieses Gebäudes zu Jesu Zeiten soll Johannes j Markus gewesen seyn, der später mit dem Apostel Paulus einige Zeit !> hindurch reiste und wahrscheinlich mit dem Evangelisten Markus eine und j dieselbe Person ist. In der Folge soll er Bischof zu Byölos in Phönicien j (siehe L. 2ät) geworden seyn. i Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 407 diesem Gemache soll Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen haben und ihnen nach seiner Auferstehung erschienen seyn. Das zweite Gemach des Erdgeschosses ist 22 Schritte lang und 14 Schritte breit und hat ebenfalls ein steinernes Gemälde, welches wie das des vorigen Gemachs unterstützt ist. In diesem soll sich Davids Grab befinden, denn man behauptet, daß das Gebäude auf der Stelle der alten Königs- burg errichtet worden sey; daher wird jenes Gemach auch von den Türken in Ehren gehalten. Das obere Stockwerk enthält ebenfalls zwei Gemächer, welche mit den untern von gleicher Größe sind. In dem einen derselben soll Jesus daS Abendmahl eingesetzt haben, und in dem andern sollen die Jünger versammelt gewesen seyn, als ihnen der göttliche Geist mitgetheilt wurde. Vor der Thür des Gebäudes soll Petrus das Evangelium zuerst gepredigt haben. Die Kaiserin Helena ließ, wie man sagt, eine prächtige Kirche erbauen, in deren Bezirk das Speisehaus mit eingeschlossen wurde. Sie soll an dieser Kirche auch die Marmorsäule haben anbringen lassen, die sonst vor dem Hause des Landpflegcrs Pilatus stand und an welche, wie man sagt, Jesus angebunden wurde, als man ihn geißelte. Hierony- mus erzählt, diese Säule habe zu seiner Zeit die Vorhalle der Kirche gestützt. Die Türken, die seit langer Zeit in dem Besitze des Spcisehauses sind, haben eine Moschee darin eingerichtet. In der Nähe dieses Gebäudes zeigt man noch die Ueberreste des Hauses, in welchem Maria von der Zeit an, wo Jesus von der Erde schied, bis zu ihrem Tode, der nach der Sage im 72. Jahre ihres Alters erfolgte, gewohnt haben soll, und das eigentlich dem Jünger Johannes gehörte. H Jesus geht von Jerusalem nach Gethsemane. Wallh, W, 30-Sö. Mark. 14, rs - sr. Luk.A, 31-S3. Loh. 13, 31-33. u. 14-13, 1-II.I Nachdem Judas sich entfernt hatte begann Jesus traulicher mit den übrigen Jüngern zu reden und zwar über 408 Sechstes Buch. seine nächste Zukunft. „Die Zeit ist nun herbeigekommen, sagte er, wo ich höher verherrlicht werde, und wo Gott durch mich höher verherrlicht wird; denn eben deshalb, weil ich zur Verherrlichung Gottes beitrage, wird Gott auch mich verherrlichen. Nicht lange werde ich mehr bei euch seyn; ihr werdet mich wohl alsdann vermissen; aber sogleich könnt ihr noch nicht wieder zu mir kommen. Aber habt euch nur so unter einander lieb, wie ich euch geliebt habe; denn durch die gegenseitige Liebe zu einander könnt ihr euch am deutlichsten als meine Jünger bewahren." Die Jünger verstanden ihren Meister nicht gehörig und Petrus, der darüber sich betrübte, daß sein Lehrer von ihnen scheiden wollte, fragte ihn, wohin er gehe? Als Jesus darauf entgegnen, Petrus könne ihm jetzt nicht folgen, werde aber dereinst wieder mit ihm vereinigt werden, so erwiederte der Jünger: „Herr, warum sollte ich dir nicht folgen können? Ich will ja gern mein Leben für dich opfern und mit dir in den Tod gehn." Allein hier versicherte ihm Jesus, der das leicht bewegliche Gemüth des Petrus, das dem ersten Eindrucke nachgab, nur zu wohl kannte, daß derselbe noch vor dem ersten Hahnenschrei oder dem dritten Viertel der Nacht, also kurz vor - Anbruch des Tages ihn dreimal verläugncn werde. Denn ? es werde eine schwere Prüfung ihm zu Theil werden. Aber Jesus habe für ihn gebeten, daß er nicht völlig unterliegen solle. Deshalb ermunterte ihn auch der göttliche Menschenfreund noch, hernach, wenn er zur Einsicht seines Vergehens gekommen sey und sich gebessert habe, seine Mitjüngcr und Mitchristen überhaupt im Glauben zu befestigen. ^ Nachdem Jesus dieses gesprochen hatte und der Lobge- l sang beendigt war, stieg der göttliche Lehrer mit seinen Jüngern vom Mahle auf, um Jerusalem zu verlassen und hin- ! aus an den Oelberg zu gehn. Entweder noch im Speise- > saale oder unterwegs sprach er noch Vieles mit ihnen, was theils zu ihrer Belehrung, theils zu ihrer Beruhigung diene» sollte. Er versicherte ihnen, daß er heim zum Vater gehe, j um dort Wohnungen auch für sie zu bereiten; daß sie aber j auch nach seiner Entfernung, so lange sie auf der Erde wem- ! dclten, nicht verlassen seyn würden; sondern daß er ihnen Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 409 den göttlichen Geist zum Tröster senden wolle, der ihnen hellere Erkenntniß verleihen und sie zu edler Wirksamkeit fähig machen werde, und daß sie dann große Freude haben würden, obschon sie nicht frei von Leiden blieben; auch würde Gott ihr Gebet stets erhören, daß sie in den Angelegenheiten seines Reiches vor ihn bringen würden. Uebrigens ermuntert er sie zu treuer Ergebenheit gegen ihn und zu freudigem Gehorsam gegen seine Vorschriften; auch bittet er sie nochmals, sich unter einander innig zu lieben. Endlich macht er sie noch darauf aufmerksam, daß sie an ihn irre werden und ihn auf einige Zeit verlassen würden, und versichert zuletzt, er habe sich nun von allem Irdischen gelöst. Hierauf betete er auf das innigste und rührendste zu seinem himmlischen Vater für sich, für seine Jünger und für alle seine Bekenner, und legte in diesem Gebete die größte Gottergebenheit, das höchste Vertrauen zu seinem himmlischen Vater und die wärmste Liebe gegen die Seinen dar. Sein Weg ging über den Bach Kidron nach Geth- semane, welches ein Meierhof war, in dessen Umgebung sich liebliche Gärten befanden, die hauptsächlich Oclbäume enthielten. Wahrscheinlich wurden hier die Oliven ausgepreßt, die man in der Umgegend gewann, denn Gethsemane heißt Oelprcsse. In diesem Meierhofe war Jesus öfter ge- ! Wesen, daher kannte auch Judas den Ort und wußte seinen Lehrer um so leichter aufzufinden. Jetzt erblickt man nur einige geringe Steinhaufen auf der Stelle, wo einst Gcth- scmane stand, für welches heutiges Tages der Name Dsehes- manije bei den Arabern gewöhnlich ist. Als -Jesus in Gethsemane angekommen war begab er sich nicht in die Wohnung, sondern da er stets gern in der ^ freien Natur seinen Aufenthalt genommen hatte, so blieb er j auch jetzt im Freien, wo sein sorgenvolles Herz weniger ! beengt sich fühlen mußte. Er ging in einen dort befindlichen ! Garten. Am Eingänge desselben ließ er seine Jünger zurück ! und nahm nur seine drei vertrautesten Schüler, Petrus, Ja- ^ kobus und Johannes, weiter mit sich, um nicht völlig ein- - sam zu seyn in der ernsten Stunde, wo sein Schicksal sich z entschied. Als er mit ihnen allein war, bekannte er ihnen, 410 Sechstes Buch. daß die größte Betrübniß sein Herz erfülle, und daß sie deshalb mit ihm wach bleiben möchten. Hierauf entfernte er sich ohngefähr einen Steinwurf weit von ihnen, siel auf seine Knie, ja sogar auf sein Angesicht nieder, wie es die Morgenländer beim Gebet zu thun pflegen, und wodurch sie Ehrfurcht vor Gott und Demuth zu erkennen geben, und bat seinen himmlischen Vater, ihn aus der angstvollen Lage zu befreien. Aber damit wollte er Gott keine Vorschrift machen, sondern wie der ächte Gottergebene es thut, fügte er sogleich zu jenem Wunsche die Worte: „doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Die Bewegung seines menschlich fühlenden Herzens war jedoch dabei so stark, und der innere Kampf, welchen die Aussicht auf sein nahe bevorstehendes herbes Geschick in ihm erregte, so heftig, daß ein starker Schweiß an ihm ausbrach, dessen Tropfen dicht und schwer wie Blutstropfen herabrannen. Zweimal noch wiederholte er jenes Gebet, ging aber jedesmal, nachdem er gebetet hatte, zu seinen Jüngern, und fand sie schlafend. Daher ermähnte er sie freundlich zur Wachsamkeit, und da Petrus erst kurz vorher versprochen hatte, mit ihm in den Tod zu gehn, so wendete er sich vorzüglich zu diesem und sagte: „Nicht einmal eine Stunde hindurch könnt ihr mit mir wachen! Euer Wille ist wohl gut, aber ihr seyd noch schwach in der Ausführung, daher müßt ihr Gott um Kraft bitten." Nachdem Jesus das drittcmal sein Gebet vollendet hatte, empfand er die Stärkung, die durch würdiges und inbrünstiges Gebet dem Menschen zu Theil wird: seine Beängstigung war verschwunden, und entschlossen und muthig fühlte er sich nun, Alles zu dulden, was Gott über ihn verfügen würde. Jetzt hatte er in Wahrheit die Welt überwunden. Er trat hierauf zu seinen Jüngern und sprach: „Wolltet ihr jetzt wohl noch schlafen, da der Verrather naht und ich gefangen genommen werden soll? -Kommt laßt uns von hier weggehn!" Kaum hatte Jesus das gesagt, so kam Judas, der öfter mit seinem Lehrer an diesem Aufenthaltsorte gewesen war, und führte die Gerichtsdiener des Hohenrathes herbei, welche von einem Theile der Lempelwache begleitet wurden, den man wahrscheinlich aus Vorsorge mitgenommen hatte, Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 411 um die Gerichtsdiener zu schützen, wenn sich Jesus etwa in Lerem mit seinen Anhängern widersetzen sollte. Deshalb hatte sich die Schaar auch mit Schwerdtern und Lanzen bewaffnet; und überdies hatte sie sich mit brennenden Fackeln' versehn. Judas hatte den Gcrichtsvienern zuvor gesagt, daß sie den greisen sollten, den er küssen würde, damit sie nicht etwa, weil Jesus ihnen wohl unbekannt seyn mochte, einen Andern ergriffen. Daher ging Judas auf seinen Meister zu, grüßte ihn und gab ihm einen Kuß. Diese Entweihung des heiligen Zeichens der Freundschaft und Liebe rügte der edle Menschenfreund nur mit einem sanften Vorwürfe, wel- e! eher den Verräther tief beschämen mußte. Hieraus fragte Jesus die herbeikommenden Gerichtsdiener und Soldaten: ^ „Wen sucht ihr?" und als sie erwiederten: „Jesum von ! Nazarcth," so sagte er, indem er ihnen entgegentrat; „der ! bin ich." Sein muthiges Hervortreten machte sie bestürzt, besonders da sie Jesum ohne Zweifel als einen Wundertha- ter fürchteten; sie wichen daher zurück und in dem Gedränge, , das dadurch entstand, sielen mehrere von ihnen zu Boden. § Nachdem sie sich von ihrer Bestürzung erholt hatten fragte s sie Jesus nochmals, wen sie suchten? und als sie die vorige !! Antwort gaben, so erwiederte er: „Ich habe es ja euch ^ schon gesagt, daß ich derjenige bin, den ihr sucht. Wollt ihr mich also greifen, so lasset meine Begleiter gehn!" Hierauf legten die Gerichtsdiener Hand an ihn; seine Jünger aber fragten ihn, ob sie sich nicht zur Wehr setzen sollten, und Petrus schlug in seinem Eifer, ohne die Antwort seines ^ Lehrers abzuwarten, sogleich mit dem Schwerdte zu, das er bei sich hatte, und verwundete einen Diener des Hohenprie- ^ stcrs am Ohr. Jesus, der sich dem Verfahren seiner Obrig- ! keit durchaus nicht widersetzen wollte, tadelte das Unterfan- ' gen seines Jüngers ernstlich und befahl ihm das Schwerdt an seinen Ort zu stecken. Zugleich erklärte er, daß wenn er aus den Händen seiner Feinde befreit seyn wollte, er nur Gott um Hülfe bitten dürfe, der ihn nicht ohne Beistand ! lassen werde; allein seine Gefangennehmung sey zur Ausführung des großen Werkes der Menschenerlösung nothwendig. Nachdem er das gesagt hatte, wendete er sich zu dem ver- 412 Sechstes Buch. wundsten Diener, welcher Malchus hieß, und sorgte für dessen Heilung. Als Jesus bei der Schaar auch Oberpriester und Aelteste, also Mitglieder des Hohenrathes selbst, bemerkte, konnte er sich nicht enthalten, ihnen wegen ihres unrechtlichen Verfahrens Vorwürfe zu machen; er that es aber ebenfalls mit der größten Schonung, und äußerte auch da, daß sie nur durch Gottes Zulassung also handeln könnten. Daher übergab er sich nun auch willig den Gerichtsdicnern; seine Jünger aber entflohen, um nicht mit ergriffen zu werden. Wahrend das vorging war ein junger Mensch, wahrscheinlich aus dem nahen Meierhofe und durch das Geräusch aus dem Schlafe aufgeweckt, in seinem Nachtgewande, denn man schlief in einem leichten Gewände aus Leinwand, herbeigekommen, um zu sehn, was da vorging. Da aber die Gc- richtsdiener ihn für einen Anhänger Jesu hielten und vermutheten, er sey aus übler Absicht gegen sie herbeigekommen, so wollten sie ihn fest nehmen. Sie erfaßten ihn jedoch nur bei seinem Gewände, und als er dieses von sich warf, so entkam er ungefährdet. Jener Garten, in welchem Jesus gefangen genommen wurde, und welcher damals wahrscheinlich viele Oelbaume enthielt, in deren Schatten man spazieren gehn und ruhen konnte, wird auch jetzt noch gezeigt; allein er sieht nicht mehr einem Garten gleich; denn es befinden sich höchstens nur neun Oclbäume noch darin, die der Sage nach aus Jesu Zeiten herstammen sollen, höchstens aber nur ein drei- hundertjähriges Alter haben. Dieser Garten befindet sich auf der Abendsiitc des Oelberges, an dessen Fuße; er ist mit einer 3 Fuß hohen Mauer umgeben, mißt ohngefähr 200 Schritte in der Länge und 140 Schritte in der Breite und seine ganze Größe beträgt kaum einen halben Acker. Die Oelbäunv darin sollen unten am Stamme mit Steinhaufen umgeben seyn, und zwischen ihnen baut man einiges Getreide, auch soll man für die Erhaltung der Bäume dadurch Sorge tragen, daß man sie mit guter Erde verficht. Das Franziskanerkloster St. Salvator ist in dem Besitze deS Gartens. Dieses läßt die Oliven der dort befindlichen Bäume sorgfältig sammeln und einmachen; die Kerne der Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 413 Oliven benutzt man zu Rosenkränzen, die nebst den eingemachten Oliven vorzüglich in Spanien Absatz finden. In dem Garten zeigt man einen röthlichen Felsen mit einer 2 Fuß hohen und ziemlich breiten Höhlung. Hier soll der Ort seyn, wo die drei Jünger, Petrus, Jakobus und Johannes ruhten, wahrend Jesus betete. Ohngefahr 60 Schritte davon entfernt befindet sich eine andere Grotte von rundlicher, aber unregelmäßiger Gestalt, in die man auf '12 steinern Stufen hinabsteigt. Sie hat gegen 16 Fuß im Durchmesser und ihr Gewölbe, welches der Decke eines gewöhnlichen Steinbruchs gleicht, ruht auf drei roh aus dem Felsen gehauenen Pfeilern. Ihr Licht bekommt sie durch den Eingang und durch eine Oeffnung, welche der Mündung einer Cisterne gleicht. Zu Hieronymus Zeiten befand sich eine Kirche daselbst, von der aber jetzt keine Spuren mehr vorhanden sind. Uebrigens wird diese Grotte von den Christen noch sehr in Ehren gehalten und von ihnen als ein Betört benutzt, denn es sind darin einige Altäre errichtet worden, an welchen zuweilen Messe gelesen wird. In der Grotte soll nämlich Jesus jenes dreimalige Gebet um Befreiung aus seiner angstvollen Lage verrichtet haben, was aber gar nicht wahrscheinlich ist, da Jesus gewiß lieber im Freien sein Gebet vor seinem himmlischen Vater brachte. iEV. Jesus wird nach Jerusalem vor den Hohenrath geführt. Mattb. 2L, 57 — 75 . 27, 1. Mark. 14, SZ —72. 15, I. Luk. 22, 54 —71. Joh. 1g, 12-27., Bis dahin war Jesus nach freiem Belieben umherge- wandcrt, jetzt aber, nachdem ihn die Gerichtsdiener ergriffen »ud sogar gefesselt hatten, mußte er als Gefangener seinen Führern nach Jerusalem folgen. Die Evangelisten berichten nicht, auf welchem Wege Jesus nach der Hauptstadt geführt wurde, die Sage hingegen bezeichnet jenen Weg genau. Ihr zu Folge führte man den göttlichen Lehrer nach der Brücke über den Bach Kidron; da aber der Haufe, welcher ihn geleitete, sehr groß gewesen sey, so habe man Jesum südlich 414 Sechstes Buch. von der Brücke durch den Bach selbst geschleppt. Hierauf sey er durch das Wafserthor den Berg Zi'on hinauf, an der südlichen Mauer des Vorhofs vom Tempel vorbei, nach der Wohnung des Hohenpriesters Hannas geführt worden, so daß er einen Weg von mehr als 12000 Schritten habe machen müssen. Hannas oder Channas, von Josephus auch Ana- » nus genannt, war von dem Römischen Statthalter Quirl- I nins bald nach der Schätzung des jüdischen Landes und nach l einem Volksaufruhre gegen den Hohenpriester Joazar, an dessen Stelle zum Hohenpriester erhoben worden. Er hatte sein Amt gegen 15 Jahre verwaltet, und war von dem Römischen Landpfleger Valerius Gratus abgesetzt worden. Nach der Bestimmung des Mosaischen Gesetzes sollte eigentlich nur Ein Hohenpriester seyn und diese Würde bis an seinen Tod behalten; allein seitdem die Römer ihre Oberherrschaft über die Juden ausübten, setzten sie nach ihrem Belieben die Hohenpriester ein und ab, daher lebten oft mehrere derselben neben einander, die den Titel fortbehielten. ^ So hatten die Römer zwischen Hannas und dessen Schwiegersöhne Kaiphas oder Kajaphas, in einem Zeitraume von etwa vier Jahren drei Hohepriester abgesetzt. Gratus erhob nämlich nach Hannas den Jsmael, und bald darauf des Hannas Sohn Eleazar zur hohcnpriesterlichen Würde. Ein Jahr darauf wurde Simon Kamiths Sohn zum Hohenpriester gemacht, auf dem im nächsten Jahre Josephus Kaiphas, der Schwiegersohn des Hannas folgte. Dieser blieb 10 Jahre hindurch Hohenpriester, so lange Pontius Pilatus, der Nachfolger des Gratus, Landpflegec war. Während Kaiphas das hohepriesterliche Amt verwaltete besaß auch Hannas einen bedeutenden Einfluß, da er überhaupt bei dem Volke noch in großem Ansehn stand. Vielleicht war er da- s mals sogar Präsident des Hohcnrathes oder Fürst des Sy- i nedriums. Als man daher Jesum zuerst zu Hannas führte wollte man entweder diesem Greise eine Ehre erzeigen und ihm zugleich den Beweis geben, daß der langst entworfene Plan des Synedriums nun ausgeführt und Jesus in dessen Gewalt Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 416 gekommen sey; oder man wollte sein Urtheil vernehmen, da er vielleicht wegen seines Alters der Versammlung des Ho- henrathes, besonders da diese sehr früh' gehalten wurde, nicht beiwohnen konnte. Hannas stellte auch ein vorläufiges Verhör mit Jesu an, den man vor ihm gebracht hatte, und - fragte ihn über seine Lehre und seine Jünger. Darauf erwiederte ihm Jesus der Wahrheit gemäß mit der größten Freimüthigkeit, er habe Nichts im Geheim gethan, sondern ! stets öffentlich, sogar in Jerusalem, in dem Tempelgebäude gelehrt, so daß Alle, die ihn gehört hätten, Zeugniß davon - ablegen könnte». Hannas möchte sich also bei diesen darnach 1 erkundigen. Diese Antwort, so würdig und angemessen sie auch war, erschien doch einem der anwesenden Diener so wenig ehrerbietig gegen seinen Herrn, daß er Jesu deshalb ' einen Backenstreich versetzte. Der edle Dulder ertrug diese Mißhandlung mit großer Sanftmuth und erwiederte nur: j „Sollte ich unrecht geredet haben, so hast du das erst zu be- ^ weisen; habe ich aber recht gesprochen, so hast du gar keine Ursach, mich zu schlagen." ' Das Haus des Hannas soll sich auf dem Berge Zion und zwar außerhalb der Stadt befunden haben. Dasjenige, welches man noch jetzt dafür ausgibt, ist gut gebaut und liegt innerhalb der Stadt nicht weit von der Mauer. In dem Hofe desselben zeigt man einen sehr alten Oelbaum, welcher von den Christen in Ehren gehalten wird, weil man behauptet, Jesus sey an denselben angebunden worden, ehe man ihn dem Hohenpriester Hannas vorgestellt habe. Man hat ihn mit einer Mauer umgeben. Von den Kernen' der Früchte, welche der Oelbaum trägt, verfertigt man Rosenkränze. Das Haus selbst ist in eine Kirche umgestaltet wor- ^ den, die man den heiligen Engeln gewidmet hat. Früher j gehörte sie den griechischen Mönchen, jetzt aber sind die Armenier in ihrem Besitze. In der Nähe davon befindet sich ein reiches armenisches Kloster, in welchem einige geistliche Wittwen die dürftigen Armenischen Pilger, welche nach Jerusalem kommen, aufnehmen und pflegen. Von Hannas wurde Jesus durch die Gerichtsdiencr in das Haus des Hohenpriesters Kaiphas geführt, das man 416 Sechstes Buch. jetzt außerhalb der Stadtmauer auf dem Berge Zion zeigt, das aber wahrscheinlicher auf dem Berge Akra lag. Die Paläste der Vornehmen waren gewöhnlich so gebaut, daß sie ein großes Viereck bildeten und in der Mitte einen großen viereckigen, oben offenen Raum umschlossen, welcher gepflastert war und der Hof hieß, und den die Morgenlander oft für große, feierliche Gesellschaften und Ver- sammclungen als Saal benutzten. Der Zugang dahin führte durch den Vorhof, der von der Vorderseite des Gebäudes überdeckt und durch eine Thür verschlossen war. Zu beiden Seiten des Vorhoss befanden sich verschiedene Gemacher. Die Hausthüren wurden bei den Juden gewöhnlich verschlossen gehalten, und die Vornehmen stellten daher Pförtner oder Pförtnerinnen an. Als die Gerichtsdiencr Jesum aus dem Garten zu Gethsemane hinwcggeführt hatten, waren ihnen Petrus und noch ein anderer Jünger *) von ferne nachgefolgt, um zu sehn, was mit ihrem Lehrer geschehn würde. Da der andere Jünger in dem Hause des Hohenpriesters, ob bei Hannas, oder Kaiphaö, laßt sich nicht mit Gewißheit entscheiden, bekannt war, so wurde er ebenfalls mit eingelassen, als man Jesum hineinführte; Petrus aber blieb außerhalb der Thür stehn und gelangte erst hinein, nachdem der andere Jünger mit der Thürhüterin seinetwegen gesprochen hatte. Da m dem Morgenlands die Nachte desto kalter zu seyn pflegen, je wärmer die Tage sind, so hatten sich die Gerichtsdiencr und die andern Diener des Hohenpriesters ein Feuer angezündet, um sich daran zu wärmen. Dahin begab sich auch Petrus, allein da trat die Pförtnerin zu ihm und sagte: „Du bist einer von den Anhängern Jesu." Petrus aber *) Diesen andern Junger hält man gemeiniglich für den Johanns, da dieser in seinem Gvangclinm sich selbst niemals nennt. Allein es kau» auch ein anderer Anhänger Jesu gewesen seyn, der nicht zu der Zahl der Zwölfe gehörte. Die Alten vermuthen, Johannes sey mit Kaiphas bekannt geworben, weil er seine Wohnung in Galiläa an Kaixhas verkauft, oder. gegen ein Haus in Jerusalem vertauscht habe. Hieronymus hält den Johannes sogar für einen Berwandten des Hohenpriesters und läßt ihn daher aus einem vornehmen Geschlecht abstammen. Uebrigens braucht Johannes nicht mit dem Hohenpriester selbst in Bekanntschaft gewesen zu seyn, sonder» er konnte auch mir unter dessen Dienern Bekannte haben. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 417 j läugnete es, und versicherte, daß er Jesum nicht kenne, und also gar nicht wisse, was sie wolle; denn er fürchtete Nachtheil für sich, wenn er als Jünger Jesu erkannt würde, z Bald darauf behauptete eine andere Magd, daß er mit Jesu f gewesen sey; allein Petrus läugnete es jetzt, wie zuvor, ss Nach einiger Zeit, nachdem er wahrscheinlich Mehreres ge- s sprachen hatte, sagten Einige zu ihm, er müsse zu den Jün- ! gern Jesu gehören, denn seine Sprache verrathe es deutlich, s daß er aus Galiläa sey. Die Galiläer sprachen nämlich ^ mehrere einander verwandte Buchstaben nicht so scharf unter- schieden aus, wie dieses die Einwohner der Provinz Judäa ^ und vorzüglich Jerusalems thaten. Da nun vollends ein ! Anverwandter des Malchus, den Petrus am Ohre verwundet ! hatte, behauptete, er habe ihn in dem Garten bei Gethse- ! mane gesehn, so gericth Petrus desto mehr in Furcht und j betheuerte nun unter Schwüren, daß er Jesum nicht kenne und nicht wisse, wer derselbe sey. So war also Jesu Vor- ! Herverkündigung genau in Erfüllung gegangen. Nachdem j aber Petrus das drittem«! seinen Lehrer verläugnct hatte, s erschrak er über sich selbst, sey es nun, daß ihm das wirkliche Krähen eines Hahnes, oder der anbrechende Morgen zur Besinnung brachte; und als Jesus, der in der Nähe war, mitleidsvoll ihn anblickte, siel ihm sein Bergehn desto ! schwerer auf sein Herz. Daher brach er in Thränen aus und verließ das Haus des Hohenpriesters. In dem Hofe von dem Hause des Kaiphas zeigt man noch jetzt ein Stück von der Säule, auf welcher ein Hahn gesessen und gekräht haben soll, als Petrus seinen Meister ^ verläugnete. Und an dem Abhänge des Berges Zion zeigt ^ man eine Grotte, in welche Petrus sich zurückgezogen und s in der er sich ausgeweint und sein Vergehn betrauert haben ^ soll. Sonst befand sich eine Kapelle daselbst, welche zum I Hahnenschrei genannt würde. Jetzt ist die Grotte zugemauert. ! Während Jesus sich in den Händen der rohen Gerichts- j diener befand, erlaubten sich diese die größten Ungerechtigkeiten gegen den edlen Dulder und mißhandelten ihn auf das abscheulichste. Sie trieben ihren Spott mit ihm, spuckten ihn an, schlugen ihn mit Fäusten und schmäheten ihn auf i 27 418 Sechstes Buch. alle Weise. Jesus aber ertrug Alles still und gelassen von denen, die nicht wußten, was sie thaten. Mit Anbruch des Morgens versammelte sich der Höhe- rath, nicht an seinem gewöhnlichen Versammlungsorte, in dem Saale Gezith im Tempelgebäude, sondern wie es in außerordentlichen Fällen von besonderer Wichtigkeit geschah, in dem Palaste des Hohenpriesters, um über Jesum Gericht zu halten. Der Schuldlose wurde vorgesührt. Man hatte ! falsche Zeugen gedungen, um den Schein einer Schuld auf r ihn zu bringen, die ihn des Todes würdig machen könnte, dem man ihn überliefern wollte; allein die Aussagen der Zeugen waren von einer solchen Beschaffenheit, daß sie ein Todesurtheil nicht rechtfertigten. Daher trat der Hohepriester selbst auf und suchte Jesum zu veranlassen, sein eigner ! Ankläger zu werden. Er fragte den schuldlosen Dulder, ob ^ er auf die Anklagen der Zeugen nichts zu entgegnen habe? , Allein Jesus schwieg, weil er wohl wußte, daß alle Ver- ! antwortung ihm nichts helfen würde. Da Kaiphas keine j Antwort bekam, so sagte er: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du Christus, der Sohn Gottes seyst?" Die Juden hatten nämlich die Ge. wohnheit bei dem Namen Gottes zu schwören; und vor Gericht pflegte man unter Anrufung Gottes diejenigen, deren Vergeh» nicht durch Zeugen, oder andere Mittel erhärtet worden war, aufzufordern, die Wahrheit zu bekennen. Diejenigen aber, die auf solche Weise beschworen worden waren, mußten alsdann reden und von sich Zeugniß, der Wahrheit gemäß, geben; und ihre Aussage war entscheidend; denn nach ihr wurden sie entweder freigesprochen, oder zur Strafe verurtheilt. Daher schwieg auch Jesus jetzt nicht länger, nachdem ihn der Hohepriester auf jene Weise beschworen hatte, und erwiederte: „Du sagst es. Ja von nun an ^ wird man sehn, daß ich Gott selbst näher gestellt werde i und Theil an seiner Regierung gewinne." Das war es ^ aber, was Kaiphas und die Feinde Jesu überhaupt hatten ^ hören wollen, und was das Todesurtheil, das sie schon längst über ihn gesprochen hatten, scheinbar rechtfertigen konnte. Kaum hatte Kaiphas daher die Aussage Jesu ver- Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 419 nommen, so zerriß er seine Kleider; denn das Zerreißen der Kleider, vorzüglich an der Brust, war unter den Juden entweder bei großer Betrübniß, oder im höchsten Unwillen üblich; und rief aus: „Nun bedarf es weiter keines Zeugnisses, daß er ein Gotteslästerer ist! Jetzt habt ihr ja die Gotteslästerung aus seinem eigenen Munde vernommen! Was fället ihr nun für ein Urtheil über ihn?" Alle riefen sogleich: Er ist des Todes schuldig!" — So war denn dem Schuldlosesten das Todesurthcil gesprochen, das nur noch seiner Vollziehung harrete. Bei den Juden waren vier Todesstrafen üblich, nämlich die Steinigung, die Verbrennung, die Hinrichtung durchs Schwerdt und die Erdrosselung. Diejenigen, welche Gott gelästert, dem Götzendienste gestöhnt, den Sabbath entheiligt und zur Ketzerei Andere verleitet, auch der Zauberei sich hingegeben, oder einige andere Verbrechen begangen hatten, wurden zur Steinigung verur- thcilt. Diese Todesstrafe wurde außerhalb der Stadt vollzogen. Man führte die Vcrurtheilten in langsamem Zuge vor die Stadt, damit diejenigen, welche noch Etwas zum Besten derselben zu sagen wußten, Zeit dazu gewinnen könnten. Bei der Vollziehung dieser Todesstrafe warfen die Zeugen die ersten Steine auf den Vcrurtheilten (5. Mos. 17, 7.). Die Verbrennung wurde bei solchen in Ausübung gebracht, welche mit ihrer Tochter, Enkelin, oder Schwiegermutter, oder der Tochter eines Priesters verbotenen Umgang gehabt hatten. Die Hinrichtung durchs Schwerdt erfolgte bei vorsätzlichen Mördern; und erdrosselt wurden die Kinder, welche ihre Eltern hart geschlagen, die Aeltesten, welche sich gegen die Befehle des Hohenrathes widerspenstig gezeigt hatten, und die Ehebrecher. Alle Todesstrafen wurden nur in Jerusalem vollzogen und man bewahrte die dazu Verurtheilten gern bis zu einem der hohen Feste auf, damit i ganz Israel die Hinrichtung sehn und ein Beispiel daran ! nehmen sollte (5. Mos. 17, 13.). Da Jesus der Gotteslästerung beschuldigt worden war ! und verderbliche Lehren verbreitet haben sollte, so würde, wenn die Juden selbst die Todesstrafe an ihm vollzogen hat- -l 27* tcn, die Steinigung ihm zu Theil geworden seyn; allein da er in die Hände der Römer überliefert wurde, so richteten ihn diese nach ihrer Weise hin. I.VI. Jesus wird vor den Römischen Landpfleger gebracht. (Matth. 27, 2-1L. Mark. 15, 1-5. Luk. 23, 1-5. Joh. 13 , 23 - 53., Nachdem der Hoherath Jesu das Todcsurtheil gesprochen hatte, wurde der edle Dulder am frühen Morgen gebunden zum Römischen Landpfleger geführt. Denn seitdem die Juden der Oberherrschaft der Römer unterworfen waren, hatte auch das Synedrium die ausübende Gewalt bei Todesstrafen verloren und mußte nach gefälltem Todesurtheil erst die Bestätigung desselben von dem Römischen Landpflegec einholen, ehe es vollzogen werden konnte. So unangenehm nun dieses auch dem Hohenrathe seyn mochte, so unterwarf er sich doch wohl in diesem Falle nicht ungern jener Anordnung; denn wenn der Römische Landpfleger das gefällte Urtheil bestätigte und durch Römische Soldaten vollzieh» ließ, so war dieses um so beschimpfender für Jesum, und zugleich hatte man alsdann desto weniger einen Aufstand des Volkes zu fürchten, weil dieses durch die Macht der Römer zurückgeschreckt wurde. Da Palästina eine kleine Provinz war, so hatten die Römer nur einen Unterstatthalter, Prokurator, oder wie Luther ihn nennt, einen Landpfleger eingesetzt, welcher dem Proprätor oder Statthalter der Provinz Syrien untergeordnet war. Dieser Landpfleger mußte die Abgaben erheben, welche der Römische Kaiser bekam; er hatte für die Ruhe und Sicherheit der Provinz Sorge zu tragen, die Gerechtigkeitspflcge zu handhaben, Verbrecher in Verhaft nehmen zu lassen und die Hinrichtung der Verurteilten zu besorgen. Sein Wohnsitz war eigentlich in Cäsarea Palästina; zur Zeit der hohen Feste aber begab er sich nach Jerusalem, weil da unter einer so großen versammelten Volksmenge leicht Unordnungen und Unruhen entsteh» konnten. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 421 Zu jener Zeit, als Jesus zum Tode verurtheilt wurde, war der Römische Ritter Pontius Pilatus Landpfleger in Palästina, der im 13. Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius sein Amt angetreten hatte und dasselbe ohngefähr 10 Jahre verwaltete. Er war stolz, eigensinnig, hart, grausam, heftig und schwer zu besänftigen; er ließ sich bestechen, krankte die Juden auf vielfache Weise, ließ sich manchen Raub zu Schulden kommen, mißhandelte oft Leute, die nichts Unrechtes begangen hatten und nicht verurtheilt worden waren und übte mehrere Schandthaten. Dabei fürchtete er sich sehr vor des Kaisers Ungenade. Zu diesem wurde Jesus geführt. Sein Palast soll in der Neustadt gelegen haben, so daß also Jesus fast von einem Ende der Stadt bis zum andern, in der längsten Ausdehnung derselben, geführt wurde und einen Weg von wenigstens 1200 Schritten machen mußte. Als der Verräther Judas sahe, daß Jesus von seinen Feinden den Römern übergeben wurde, und nun wohl merkte, daß sein edler Lehrer eines schmachvollen Todes würde sterben müssen, weil derselbe nichts that, um sich aus der Gewalt seiner Feinde zu befreien; da faßte ihn herbe Reue wegen seiner Uebelthat. Das von dem Hohenrathe empfangene Geld erschien ihm jetzt als Sündengeld, das er los zu seyn wünschte; und daher eilte er zu den Oberpriestern und Aelte- sten, brachte denselben die 30 Silbcrlinge zurück und bekannte ihnen, daß er schwer gesündigt, weil er ihnen einen Schuldlosen verrathen habe. Allein er fand kein Mitleid und kein Gehör. „Was geht uns das an? Das ist deine Sache!" war die Antwort. Das brachte ihn zur Verzweiflung, denn ihm fehlte die sittliche Kraft, durch welche Petrus von seinem Falle sich aufrichtete. Er lief nach dem Tempel, warf das Geld in eine der dort befindlichen Kisten, in welche man Almosen einzulegen pflegte, und ging hierauf in seiner Verzweiflung hin und erhängte sich, wie man glaubt, in dem Thale Hinnon. Entweder riß alsdann der Strick, so daß der Leichnam herabfiel und von einander borst, oder dieser wurde auf Befehl der Obrigkeit herabgestürzt, weil kein Gehenkter über Nacht hängen bleiben durfte; und so geschah 422 Sechstes Buch. es, daß er zerriß und die Eingeweide verschüttet wurden (Apostelg. 1, 18.). Die Priester aber hielten es für sündlich, das Blutgeld in den Tempelschatz zu legen; daher kauften sie in der Folge den Töpfersacker dafür, den sie zum Begräbnißplatze für Fremde bestimmten. Dieser Acker führte alsdann den Namen Hakeldama, Blutacker. (Vergl. S. 376.) Nachdem der Zug, der Jesum geleitete und unter welchem sich auch mehrere Mitglieder des Hohenrathes befanden, an dem Pratorium oder dem Palaste, den der Landpfleger bei seiner Anwesenheit in Jerusalem bewohnte, angekommen war, wurde Jesus wahrscheinlich allein von den Römischen Soldaten hineingeführt; die Juden aber, die mit ihm gekommen waren, blieben vor dem Pratorium stehn, um sich nicht durch die Betrctung einer heidnischen Wohnung zu verunreinigen und nicht gehindert zu werden, von den Festopfern zu essen. Pilatus, der sich in die Gewohnheiten der Juden zu fügen wußte, kam deshalb heraus zu ihnen, um ihr Anbringen zu vernehmen. Auch pflegten die Römer überhaupt unter freiem Himmel Gericht zu halten; daher befand sich vor dem Prärorium ein erhöhter Platz, der mit bunten Steinplatten belegt war und auf welchem der Richterstuhl stand. Pilatus fragte die Mitglieder des Hohenrathes,' welche mit Jesu herbeigekommen waren, was sie für eine Beschwerde gegen den Mann, den sie zu ihm gebracht, zu führen hätten. Auf diese Frage gaben sie keine bestimmte Antwort, denn sie wußten wohl, daß ihre Beschuldigung, Jesus habe sich Gottessohn genannt und dadurch Gott gelästert, bei einem Heiden wenig Gewicht haben würde, da die Heiden ausgezeichnete Männer als Söhne ihrer Götter zu bezeichnen pflegten. Sie erwiederten also im Allgemeinen, wenn er kein Uebelthäter wäre, so würden sie denselben nicht vor das Gericht des Landpflegers gestellt haben, und hofften, damit würde sich Pilatus begnügen lassen. Allein dieser mochte von Jesu schon Manches vernommen haben und wissen, daß die Sache blos die Religion der Juden betraf; deshalb sagte er zu Jesu Feinden, sie möchten den Angeklagten nach ihrem Gesetze richten. Die Juden sahen also, daß sie ohne eine Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 423 bestimmte Anklage nicht zu ihrem Zwecke kommen würden und beschuldigten nun den edlen Gottgesandten, der erst kurz zuvor noch erklärt hatte, daß man dem Kaiser entrichten solle, was ihm gebühre, daß er das Volk zum Aufruhre gereizt und ihm gewehrt habe, dem Kaiser Steuern zu entrichten, und daß er sage, er sey ein König. Durch diese falsche Anklage bekam die Sache größere Wichtigkeit für den Landpfleger, weil dieser die Rechte seines Gebieters schützen mußte, und nun ward er genöthigt, eine Untersuchung anzustellen. Pilatus ging daher in seinen Palast, ließ Jesum vor sich bringen und fragte ihn: „Bist du ein König der Juden?" Dagegen erwiederte Jesus, das könne Pilatus wohl nicht aus eignem Antriebe fragen, weil ihm gewiß nichts von einem durch ihn erregten Aufruhr bekannt geworden sey; sondern des Landpflcgers Frage könne nur die Folge der Anklage seiner Feinde seyn. Hierauf sagte Pilatus, er sey kein Jude und wisse also nicht, was Jesus für Händel mit seinem Volke habe; - aber irgend Etwas müsse er doch verbrochen haben, weil er von seinen Vorgesetzten bei ihm verklagt worden sey. Er möchte ihm also sagen, was er gethan? Nun erklärte der erhabene Gottgesandte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wollte ich ein irdisches Reich errichten, so würden meine Anhänger für mich kämpfen und mich vor meinen Feinden zu schützen suchen; allein das ist nicht der Fall, weil mein Reich nicht von dieser Welt ist." — „Also bist du doch ein König?" sagte darauf Pilatus. — „Ja, erwiederte Jesus, ich bin ein König, aber nicht ein irdischer. Ich bin dazu geboren und deshalb unter den Menschen erschienen, daß ich die Wahrheit bekannt machen soll. Wer ein Freund der Wahrheit ist, der leistet mir Gehorsam und ist mir Unterthan." Aus diesen Worten merkte Pilatus wohl, daß von Jesu nichts'für seinen Kaiser zu fürchten wäre; deshalb sagte er: „Was geht mich die Wahrheit an'." ging alsdann hinaus zu den Anklägern und erklärte ihnen, daß er keine Schuld an Jesu finde. Allein die Erklärung des Landpflegers fruchtete nichts. Jesu Feinde bestanden auf der Hinrichtung des Schuldlosen und brachten 424 Sechstes Buch. noch eine Menge Klagen gegen ihn vor, bei denen allen Jesus sich schweigend verhielt. Pilatus wunderte sich über das Schweigen des Verklagten und forderte selbst Jesum auf, sich zu vertheidigen; denn nach den Römischen Gesetzen wurde es einem Jeden vergönnt, sich selbst zu verantworten. Allein Jesus schwieg fortwährend, weil er es unter seiner Würde hielt, sich gegen Anschuldigungen zu vertheidigen, die ohne allen Grund waren und die Zeichen ihrer Unwahrheit in sich selbst trugen. Unterdessen fuhren die Oberpriester und Aeltestcn fort, Klagen auf Klagen gegen Jesum zu häufen und beschuldigten ihn hauptsächlich, daß er durch seine Lehre das Volk von Galiläa an bis nach Jerusalem zum Aufruhre gereizt habe. Die Feinde Jesu erwähnten nicht ohne Absicht, daß der Angeklagte ein Galiläer sey, denn die Galiläer waren als unruhige Leute berüchtigt, da es schon einigemale aufrührerische Bewegungen unter ihnen gegeben hatte und das Beispiel von Judas dem Gauloniten noch in frischem Andenken war. Durch jene Erwähnung hofften also die Juden den Römischen Landpfleger gegen Jesum desto mehr einzunehmen. Allein als Pilatus vernahm, daß Jesus ein Galiläer sey, so glaubte er ein schickliches Mittel gefunden zu haben, sich selbst von dieser ihm verdrießlichen Sache zu befreien, indem er die Entscheidung dem Könige Herodes An- tipas, der in Jerusalem zur Feier des Festes anwesend war, überlassen wollte. Der Palast des Pilatus oder das Prätorium, welches jetzt größtcntheils nur eine Ruine ist, hat zum Eingang einen gewölbten Thorweg, zu welchem von der Straße aus eine Treppe von eilf Stufen führt, die an der Stelle der Treppe, welche die Christen nach Rom geschafft haben sollen, errichtet wurde. Die jetzt in Rom befindliche Treppe besteht aus 28 Stufen von weißem Marmor; sie wird in einer Kapelle in hohen Ehren gehalten und ist unter dem Namen der heiligen Treppe bekannt. Man verehrt sie deshalb, weil Jesus mehrercmale auf ihr auf- und abgestiegen seyn soll. Man will sogar noch Blutspuren darauf bemerken, weil Blutstropfen aus den Wunden Jesu auf sie gefallen seyn sollen, als der edle Dulder nach der Geißelung Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 425 sie betrat. Gewöhnlich rutschen diejenigen, welche Ablaß zu haben wünschen, auf den Knien auf ihr empor. Durch den Thorweg tritt man in einen Hof, der 20 Schritte ins Gevierte hat und voller Ruinen ist. Wenn man sich hier rechts wendet, so sieht man durch zwei Fenster oder Luftlöcher in zwei große und lange Gewölbe, die von mehreren Pfeilern unterstützt werden, unter welchen man sonst aus dem Prätorium in den Tystus oder bedeckten Bogengang ging, der jetzt noch von den Christen der Schwibbogen des Pilatus genannt wird. Wenn man guec durch den Hof geht, so gelangt man links zu dem Gerichtssaale, der 40 Schritte lang und 30 Schritte breit ist. Man behauptet, das Prätorium sey bei der Zerstörung Jerusalems durch Titus unversehrt geblieben und was davon noch stehe, sey also noch völlig in dem Zustande vorhanden, in welchem es sich zu Jesu Zeiten befand. Es diente bisher dem Türkischen Kommandanten der Stadt zur Wohnung. LVII. Jesus wird zu dem Könige Herodcs und von da zurück vor Pilatus gesührt. tMakth. 27, 15 — 30. Mark. 15, 6 - 1 S. Lttk. 23. 6-25. Joh. 18, 3g u. 1V. u. Iv, 1 —1L.> Pilatus befand sich wegen Jesu in keiner, geringen Verlegenheit; denn er erkannte dessen Unschuld und sah wohl ein, daß die Juden ihn nur aus Haß verklagten; aber er wollte auch den Hohenrath sich nicht zum Feinde machen, damit dieser nicht etwa Beschwerde über ihn beim Kaiser Tiberius führte, der keine Erpressungen und Unterdrückungen, wie sie Pilatus sich mehreremale hatte zu Schulden kommen lassen, in den Provinzen duldete. Daher ergriff der Römische Landpfleger begierig die sich ihm darbietende Gelegenheit, um die Sache von sich zu entfernen. Als er nämlich hörte, daß Jesus ein Galiläer sey, so wollte er die Entscheidung dem Tctrarchen von Galiläa übertragen, mit dem er keineswegs in Freundschaft lebte, da Herodes Antipas die Macht, die er in Galiläa besaß, gern auch in Judäa ausgeübt hätte, 426 Sechstes Buch. und PilatuS seine Gewalt auch über Galiläa erweitert zu sehn wünschte. Pilatus jedoch wollte jetzt nur aus einer großen Verlegenheit sich befreien und sendete Jesum daher zu dem Könige Herodes Antipas, ohne den Zwiespalt zu berücksichtigen, der zwischen ihnen herrschte. Der eitle Herodes aber nahm das Verfahren des Landpflegers als eine Anerkennung seiner Macht in Galiläa auf und wurde dadurch ? mit ihm versöhnt. Zugleich freute er sich Jesum zu sehn, I was er schon längst gewünscht hatte, und hoffte, daß Jesus ^ einige Wunder in seiner Gegenwart thun sollte. Allein der edle Dulder gab auf alle Fragen, die Herodes an ihn that, keine Antwort, weil der Tetrarch blos seine Neugierde befriedigen wollte, wozu Jesus nie willfährig sich zeigte. Selbst als die Abgeordneten des Hohenrathes ihn vor Herodes verklagten, sagte Jesus nichts zu seiner Vertheidigung, weil er im voraus wußte, daß jedes Wort von seiner Seite fruchtlos bleiben würde. Dieses Benehmen Jesu verdroß den Telrarchen, und nun trieben er und seine Hofleute ihre Kurz- , weil mit dem erhabenen Gottgesandten, indem sie denselben i verspotteten und mißhandelten. Zuletzt ließ Herodes zum ^ Spott Jesu einen verblichnen rothen Königsmantel umhängen und sendete den edlen Dulder in diesem Auszuge zu -Pilatus zurück. Der Palast des Herodes Antipas, von welchem j man noch bedeutende Ueberreste zeigt, ist ohngefahr 100 ! Schritte von dem Prätorium entfernt. Er ist zwei Stock ! hoch, sieht einem großen Kloster ähnlich und zeichnet sich j vorzüglich durch seine Vorderseite vor allen Gebäuden des ^ heutigen Jerusalems aus. Er soll auf der Stelle des alten Palastes wieder aufgebaut worden seyn. In einem außerhalb des Palastes befindlichen Saale erblickt man in der Mauer eine Marmorplatte mit einer Inschrift, nach welcher Jesus , hier mit jenem Mantel bekleidet worden seyn soll. Dieser Saal hat 25 Fuß ins Gevierte. Sein Gewölbe wird von vier Pfeilern unterstützt. Er war in der letzten Zeit in dem Besitze des Türkischen Kommandanten. Als Jesus zu dem Römischen Landpfleger zurückgebracht worden war und dieser also sah, daß ihm sein Anschlag nichts Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 427 gefruchtet hatte, so erklärte er den anwesenden Priestern und weitesten und dem versammelten Volke nochmals, daß er Jesum nach angestellter Untersuchung für schuldlos erkennen müsse und daß auch Herodes nichts an demselben habe finden können, was ihn des Todes würdig machen könnte. Hierauf that er ihnen den Vorschlag, er wolle Jesum einigermaßen züchtigen lassen und ihn alsdann in Freiheit setzen. Allein auch dieser Vorschlag stellte die Feinde Jesu nicht zufrieden, die fortwährend und hartnäckig auf dessen Tod bestanden. Nun versuchte Pilatus noch ein Mittel, um Jesu zur Freiheit zu verhelfen. Um die Gunst der Juden sich mehr zuzuwenden, hatte nämlich der Kaiser Augustus dem Jüdischen Volke das Recht zugestanden, am Passahfeste einen Gefangenen loszubitten. Damals aber war außer Jesu nur ein Gefangener vorhanden, dem man das Urtheil noch nicht gesprochen hatte und der wahrscheinlich Jesus Barabbas hieß. Dieser war bei einem Aufruhre, von welchem uns nichts Näheres bekannt ist, ergriffen worden und hatte sich eines Mordes schuldig gemacht. Daher sagte Pilatus zu den Juden: „Ihr pflegt am Passahfeste einen der Gefangenen los- zubitten; welchen soll ich euch also losgeben: den Jesus Barabbas, oder Jesum, den ihr Christus nennt?" Er glaubte dabei, daß die Juden ohnmöglich einen Mörder Jesu vorziehn würden; allein er irrte sich; denn die Juden, die wahrscheinlich durch die Pharisäer, Priester und Aeltesten gestimmt worden waren, baten den Mörder Barabbas los. Und als Pilatus sie fragte, was er mit Jesu machen sollte, so schrien Alle: „Laß ihn kreuzigen!" Bei dieser Forderung beharrten sie auch, nachdem Pilatus ihnen nochmals vorgestellt hatte, daß Jesus den Tod nicht verdiene. Während dieses geschah wurde Pilatus von Seiten seiner Gemahlin *) ersucht, daß er doch den schuldlosen Jesus nicht zum Tode verurtheilen möchte, denn sie sey in einem Traume viel mit ihm beschäftigt gewesen. Da nun die Heiden, eben so wie die Juden, die Träume für göttliche Ckn- *) Mehrere alte Schriftsteller nenne» die Gemahlin des Pilatus Claudia Procula oder Proscnla, auch Procle. Manche machen sie nicht allein zu einer Christin, sondern sogar zu einer Heiligen. gedungen hielten, so wünschte Pilatus um so mehr, Jesum vom Tode zu retten. Als daher seine Worte nichts fruchteten, so meinte er zum Ziele zu gelangen, wenn er den Forderungen der Ankläger Jesu einige Genüge leistete und dem Angeklagten eine Züchtigung ertheilen ließ. Deshalb übergab er Jesum den Soldaten, damit diese ihn geißeln sollten. Die Geißelung war auch eine Jüdische Strafe, welche von den Vorstehern der Synagoge (vergl. S. 180) denen " zuerkannt wurde, die ein Aergerniß gegeben hatten; bei den ! Juden aber war sie viel milder als bei den Römern. Bei j jenen durften nicht über 40 Hiebe ertheilt werden; damit ! man aber ja diese Zahl nicht übersteige, so gab man gewöhn- ! lich nur 09 Streiche mit der Geißel (2. Corinth. 11, 24.); ^ auch wurde man bei den Juden durch diese Strafe nicht der bürgerlichen Ehre beraubt, und selbst Priester empfingen sie. Bei den Römern aber war sie schimpflich; daher wurde sie auch keinem Römischen Bürger, sondern nur Sklaven ertheilt. Sobald dem Missethäter sein Strafurtheil gesprochen worden , war, wurde er den Soldaten übergeben; diese zogen ihn hierauf nackt aus, banden ihn an eine niedrige Säule und geißelten ihn oft so schrecklich und unbarmherzig, daß der Unglückliche dabei seinen Geist aufgab *). Die Geißel bestand aus zusammengedrehten Riemen, an welche man zuweilen kleine würfelförmige Knochenstücke, auch wohl bleierne, oder eiserne Häkchen befestigt hatte. Als Pilatus Jesum den Soldaten zur Geißelung übergeben hatte, führten ihn diese, wie die Sage erzählt, in einen zu jenem Zwecke bestimmten viereckigen Saal, der ohn- gefähr 20 Schritte von der Treppe an dem Prätorium entfernt war und in dessen Mitte eine kurze dicke Säule mit *) Nach einer offenbar falschen Sage soll Jesus mehr als 6000 Geißel- > hiebe bekommen haben. Welcher Mensch vermochte wohl eine so große Anzahl Streiche auszuhalten? Vielleicht stellte man diese Sage auf, um dadurch die Lehre von Jesu übermenschlicher Natur zu bekräftigen. Allein wenn Jesus auch in Hinsicht der Natur seines Körpers nicht uns Menschen gleich gewesen wäre, wie könnte er alsdann in Geduld und Standhaftig- ! seit bei seinen Leiden ein Vorbild für uns seyn? -Vielmehr geht aus sei- ^ nem Leiden hervor, daß er in Hinsicht seines Körpers nicht zu den Starken ! gehörte. ! Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 429 einem eisernen Ringe gestanden haben soll *). An diese Säule wurde Jesus, der Sage nach, angebunden und hierauf von den Soldaten gegeißelt. Später hat man aus diesem Saale eine Kapelle gemacht. Nachdem die Geißelung an Jesu vollzogen worden war, hingen die Soldaten dem edlen Dulder jenen alten Königsmantel wieder um, mir wel- z chem Herodes ihn hatte bekleiden lassen, und setzten ihm einen Kranz, welcher von einem dornigen Strauche **), deren es um Jerusalem mehrere Arten gibt, geflochten war, auf das Haupt. Sie ließen ihn sich niedersetzen und gaben ihm ! alsdann ein Rohr in die rechte Hand, das ein Scepter vorstellen sollte. Nun beugten sie aus Hohn die Knie vor ihm, nannten ihn König der Juden, nahmen ihm das Rohr aus der Hand und schlugen ihn damit, spuckten ihm sogar in das Angesicht und mißhandelten ihn überhaupt auf das unbarmherzigste, während Jesus Alles gelassen erduldete. Nachdem die Soldaten der Mißhandlungen müde waren § führten sie Jesum in jenem beklagenswcrthen Zustande zu / dem Römischen Landpfleger zurück. Dieser hoffte jetzt die Juden zum Mitleid zu bewegen und stellte daher den edlen Dulder ihnen mit den Worten vor: „Sehet da diesen Menschen!" Allein auch jetzt erreichte er seine Absicht nicht, denn - die Juden blieben auch bei diesem Anblicke ungerührt. Viel- i leicht waren es hauptsächlich Juden aus Jerusalem, die Je- ^ sum weniger kannten, welche sich vor dem Prätorium ver- i sammelt hatten und sich von den Priestern, Pharisäern und Diese Saute soll nach Rom geschafft worden seyn, wo man sie noch in einer Kirche zeigt. Diese Säule besteht aus einem grauen Marmor, sie ist nicht über 2 Fuß hoch und hat am Grunde iz Fuß, oben aber nur b Zoll im Durchmesser. I» jenem Säale soll auch noch eine andere, höhere Säule gestanden haben, an welche Jesus ebenfalls, einer Sage nach, nach- l dem er von jener losgebunden worden sey, angebunden wurde, und die später auf dem Berge Zivn an einer Kirche angebracht wurde (vcrgl. S. 407). **) Manche meinen, die Dornenkrone sey aus Blättern der Bärenklane, rtcantlius .ino«us I,., verfertigt gewesen. Diese Pflanze wächst ^ nämlich in Palästina und blüht dort im März. Die Lappen der großen > halbgefiederte» Wurzelblätter dieser Pflanze endigen sich in stechende Spitzen. ' Andere meinen die Dornenkrone habe aus Zweigen von UInwinus -pln» ^ Obrktl I,. bestanden. Wenigstens sind die Dornen, die mau hie und da ! als Reliquien von der Dornenkrone Jesu zeigt, von diesem Strauche genommen. 430 Sechstes Buch. Aeltestcn immer mehr gegen den göttlichen Lehrer einnehmen ließen. Daher erschallte auch von neuem, als sie Jesum erblickten, der Ruf aus ihrem Munde: „Kreuzige ihn! kreuzige ihn!" Unwillig darüber, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren, entgegnete Pilatus: „So nehmt ihr selbst ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm, die ihn dieser Strafe werth machte!" Doch die Juden erwiederten: „Nach unserem Gesetze hat er den Tod verdient, weil er sich für Gottes Sohn ausgegeben hat." Diese Worte versetzten den abergläubischen Heiden in Unruhe und Furcht. Ohne Zweifel hatte er von Jesu Wundern gehört; dessen heldenmütige Standhaftigkeit und Geduld bei allen Mißhandlungen mußte seine Verwunderung erregt haben; dazu kam noch der Traum seiner Gattin: alles dieses brachte ihn jetzt nach jener Aeußerung der Juden auf den Gedanken, daß Jesus wirklich der Sohn einer Gottheit seyn und sich also in der Folge schwer rächen könnte an allen denen, die jetzt ihm zuwider handelten. Er fürchtete also auch für sich die Rache der Gottheit, und eilte daher hin zu Jesu, um über dessen Abkunft Gewißheit zu erlangen. Er fragte den edlen Dulder, wer sein Vater sey? Allein Jesus beantwortete diese Frage nicht, weil er sein Verhältniß zu Gott dem abergläubischen Heiden doch nicht in wenig Worten hätte aus einander setzen können. Pilatus aber nahm Jesu Schweigen übel und sagte unwillig zu ihm: „Weißt du nicht, daß es in meiner Macht steht, dich kreuzigen zu lassen, oder dich los zu geben?" Dagegen erwiederte Jesus: „Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht erst von einem Hähern verliehen worden wäre;" womit Jesus ohnstreitig sagen wollte, daß Pilatus nur durch Gottes Zulassung Macht über ihn habe. Hierauf fügte er noch hinzu, daß Pilatus bei seinem Verfahren gegen ihn weniger Schuld habe als der Hoherath, der ihn dem Gericht des Römischen Landpflegers überliefert hätte. Diese Worte blieben nicht ohne Eindruck auf Pilatus; denn er sann von neuem auf Mittel, wie er Jesu zur Freiheit verhelfen könne. Noch jetzt zeigt man die Stelle, auf welcher Pilatus Jesum, als dieser den alten rothen Königsmantel um hatte -1 1 Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 431 und die Dornenkrone auf dem Haupte trug, den Juden vorführte. Es scheint eine Art von Altan gewesen zu seyn, der bedeckt war und mehrere Schwibbogen enthielt, in denen sich große Fenster befanden. I» der Mitte desselben soll eine kleine Marmorsäule gestanden haben, die ihn in zwei Theile schied, so daß Jesus auf der einen und Pilatus auf der andern Seite gestanden hätte. Da jetzt das Ganze ziemlich verfallen ist und nur noch zwei Fensterpfeiler davon ohne alle ^ Bedeckung stehn, so läßt sich die ehemalige Beschaffenheit und Einrichtung dieses Ortes nicht genau bestimmen. An der Seite gegen Abend bemerkt man einen 2 Fuß langen, in der Mauer befestigten Stein von weißem Marmor, auf dem Jesus gestanden haben soll. Neben demselben waren mehrere lateinische Buchstaben eingegraben, von denen jetzt , nur noch diese viere: 10 ... 10 ... lesbar sind; die übrigen ! sind verlöscht *). Dieser Altan hatte eine solche Stellung und Höhe, daß man von ihm einen großen Theil des Tempels und der Stadt übersetzn konnte. Wahrscheinlich sprachen ! die Landpfleger von ihm aus zu dem Volke, wenn Unruhen unter demselben ausgebrochen waren. Da Pilatus Jesum von dem Tode zu befreien wünschte, so machte er einen neuen Versuch, dieses bei den Juden zu ^ bewirken. Allein sie sagten: „Wenn du ihn loslässest, so bist du nicht für das Beste des Kaisers besorgt; denn da er sich zum Könige macht, so ist er wider den Kaiser." In diesen Worten vernahm Pilatus eine Drohung, daß er bei seinem Kaiser als der Beschützer eines Empörers verklagt werden könnte; und da er kein gutes Gewissen hatte, so wünschte er die Juden nicht gegen sich aufzubringen, und faßte den Entschluß, lieber ihnen willfährig zu seyn als sich selbst Nach- ! theil zu bereiten. Daher setzte er sich nun auf seinen Rich- teestuhl und ließ Jesum vor sich führen, um demselben in > gehöriger Form das Todesurtheil zu sprechen. Dabei erklärte er aber noch öffentlich, daß er keine Schuld an dem Tode i Jesu habe, und wusch sich zugleich die Hände, um dadurch ! *) Nach der Behauptung Einiger soll sonst folgende Inschrift dagestanden haben: „l^oos liom». 'volle! tolle! tb-uciliZe e„m. (Sehet diesen Menschen! Hinweg, hinweg mit ihm! Kreuzige ihn!)" 432 Sechstes Buch. auch den Entferntstehenden, die seine Worte nicht wohl vernehmen konnten, sinnbildlich zu vcrstehn zu geben, was er eben gesagt hatte. Die Juden aber schrieen in ihrer Verblendung: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" was in der Folge nur zu schrecklich in Erfüllung ging. Hierauf that Pilatus den Ausspruch, daß Jesus zur Kreuzigung abgeführt werden sollte; den Mörder Barabbas aber gab er nach dem Wunsche der Juden los. Dieses geschah am Rüsttage des Sabbathes während des Paffahsestes, also an einem Freitage, um die Zeit des Mittags *). I.VIII. Jesus wird zur Kreuzigung abgeführt, gekreuzigt und begrab°n. tMatth. 27, 31-6S. Mark. 1S, 20 - 47. Lok. 23, 2S-5S. Joh.M, 1S-42.) Die Kreuzigung wurde von den Römischen Soldaten vollzogen; daher geriet!) Jesus abermals in die Hände der rohen Kriegsknechte, die ihn in das Nichthaus zurückführten, ihn daselbst von neuem mißhandelten und ihm alsdann den abgetragenen Königsmantel abnahmen und ihm dagegen seine Kleider wieder anlegten; denn nur in diesen war er dem Volke hinlänglich kenntlich, und diese fielen nach der Kreuzigung den Soldaten zu, welche die Hinrichtung vollzogen und deren gewöhnlich viere waren. Hierauf wurde Jesus nach dem Platze abgeführt, wo die Hinrichtungen zu geschehn pflegten und den die Juden Golgatha oder die Schädelstätte nannten. Man glaubt, daß dieser Ort seinen Namen von seiner Gestalt hatte; es soll nämlich ein Hügel gewesen *) Einer alten Sage nach war das Wcrdammungsurtheil des Pilatus über Jesum in folgenden Worten abgefaßt: „.lesum NaEenuin, s»bvor- svrom goiitis, »uutemgtorom llaosaris ot kulsui» lrlessium, ut migorum snoo gontis testnnvnia swobutum »üi, kluoito sä cvmmuuis 5u^>Uci> locum, et »um luüibeiu regise majcsiatiZ in meclio clunrum lur-onum sl'ligito. I, licwe, rxpoäi »>'»» 05 ." Das heißt: „Führt Jesum von Nazareth, der von den Vornehmsten seiner Nation als Aufwiegler des Volkes, Verächter des Kaisers und falscher Messias dargestellt worden ist, auf den gewöhnlichen NiichtxlaH, und kreuzigt ihn seiner vorgeblichen Königswürde zum Höhne zwischen zwei Räubern. Geh, Liktor, und rüste die Kreuze zu!" Wie eine alte Sage berichtet soll Pilatus drei Jahre nach Jesu Kreuzigung von dem Kaiser nach Wienne in Frankreich verbannt worden seyn und sich dort in einem Anfalle von Verzweifelung selbst ermordet haben. .L ^ »S,»M MW u -s^/-^ zu?«- /// ^x X^><^ ^/^i^---/^>// /»^»/5 zum Besten der Menschheit thätig gewesen war, preis gegeben ; und zu um so größerer Schmach wurde er in der Mitte von zwei Räubern gekreuzigt, als wenn er der größte Verbrecher und gleichsam ihr Anführer gewesen wäre. Jesus aber ließ Alles ruhig mit sich geschehn, was man mit ihm vornahm, und da er wohl wußte, daß die Soldaten, die < ihn kreuzigten und die Martern ihm verursachten, keine Schuld dabei hatten, sondern als Untergebene thun mußten, was ^ ihnen aufgetragen worden war, so sprach er, sein Herz zu 1 Gott erhebend: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, i was sie thun." j Nachdem Jesus an dem Kreuze erhöhet worden war, ! nahmen die vier Soldaten, welche die Kreuzigung vollzogen ! hatten, seine Kleider, um dieselben unter sich zu theilen. Das Oberklcid, welches aus einem großen viereckigen Stücke Tuch bestand, konnte leicht in vier Theile zerschnitten werden; allein das ging bei dem Unterkleide nicht; denn dieses bestand ; bei den Rabbincn und Priestern der Juden aus einem Rocke, ^ der keine Naht hatte, sondern ein ganzes Gewebe ausmachte *). Darum ließen die Soldaten über dasselbe das Loos entscheiden. ! Die Römer hatten die Gewohnheit bei der Hinrichtung eines Verbrechers am Kreuze die Ursache seiner Todesstrafe entweder durch einen Herold ausrufen zu lassen, oder schriftlich anzuzeigen, indem sie eine Tafel, auf welche sie geschrieben war, vor dem Vcrurthciltcn Hertragen ließen, oder oben an das Kreuz hefteten. Das letzte that man auch bei Jesu, den man gleich dem größten Verbrecher behandelte; denn Pilatus ließ eine Tafel mit der Aufschrift: „Jesus von Na- zarcth, König der Juden", oben an das Kreuz des edlen Dulders heften. Die Aufschrift war in drei verschiedenen ' Sprachen, in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache ^ *) Nach einer alten Sage soll Maria, Jesu Mutter, dieses Unterkleid ihres Sohnes selbst verfertigt haben. Sonst zeigte mau dasselbe in dem Dome zu Trier. Es hatte keine Naht, war 5 Fuß lang, unter den Aer- meln enger und erweiterte sich nach unten. Jeder Äermel war einen halben Fuß lang und einen Fuß weit. In der Laterankirchc zu Rom zeigt man auch einen Stein, auf dem die Soldaten die Theilung der Kleider Jesu vorgenommen haben sollen. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 441 «gefaßt, weil dieses damals die drei bekanntesten Sprachen Palästina waren und nun Alle, welche aus verschiedenen rändern zur Feier des Pafsahfcstes in Jerusalem sich befanden, die Aufschrift verstehn konnten. Jene Worte.aber erregten den Unwillen der Mitglieder des Hohenrathes, weil sie darin, eine Beschimpfung ihres Volkes sahen. Deshalb ließen sie an Pilatus die Bitte ergehn, daß er in der Aufschrift eine Aenderung vornehmen und schreiben lasten möchte, Jesus habe sich für einen König der Juden ausgegeben. Allein Pilatus, der einmal unwillig über den Hohenrath war, weil dieser durchaus aus Jesu Tod bestanden hatte, erklärte kurz, was geschrieben worden sey, solle unverändert stehen, bleiben *). Von der Zeit an, wo Jesus zur Kreuzigung abgeführt wurde, erfüllte sich die Luft mit dicken Dünsten, wie eS gewöhnlich vor Erdbeben zu geschehn pflegt. , Diese Dünste häuften sich immer mehr an, so daß endlich die Sonne dadurch verdunkelt wurde und eine völlige Finsterniß eintrat, welche bis gegen drei Uhr Nachmittags anhielt, wo Jesus am ^ Kreuze verschied. Die ganze Natur schien also über den Tod ^ dieses Gerechten zu trauern. Eine Sonnensinsterniß konnte I nicht die Ursache der Dunkelheit seyn, weil die Sonnenfinsternisse nur zur Zeit des Neumondes eintreten können, das Passahfcst aber kurz nach dem Vollmonde fiel. Während Jesus am Kreuze hing.stießen nicht allein Viele von dem gemeinen Volke, das sich auf Golgatha versammelt hatte, sondern sogar auch die anwesenden Obexpriester, Aelte- sten und Schriftgelehrten Lästerungen und beißende Spottredeii gegen den erhabenen Dulder aus. So schrecklich aber dieses dem Leidenden seyn mußte, so blieb er doch dabei gelassen, und in seinem Innern betete er gewiß auch für sie um Ver- § zeihung von Gott. Als einer der mit Jesu gekreuzigten *) Jene Tafel mit der genannten Aufschrift soll zugleich mit Jesu Kreuze wieder aufgefunden worden seyn. Lange Zeit bewahrte man sie in Jerusalem; später aber wurde sie »ach Rom geschafft, wo sie in der Kirche zum heiligen Kreuze in einem reich geschmückten Koffer aufbewahrt wird. Sie ist vhngefähr Fuß lang und besteht aus Buchsbaumholz. Die Buchstaben darauf sind roth und auch in der griechischen und lateinischen Aufschrift nach Art der hehräischen Achhift von der Rechten zur Linke» geschrieben. 442 Sechstes Buch. Räuber' die Schmähungen hörte, welche sich Viele gegen den göttlichen Menschenfreund erlaubten, stimmte auch er mit ein in die Lästerungen und zeigte dadurch sein völlig verderbtes Gemüth; allein der andere mitgekreuzigte Räuber, den die Sage zur Rechten Jesu stellt *), und der durch die an ihm vollzogene Strafe zur Erkenntniß seiner Vergehungen gekommen war, auch Jesu höhere Würde anerkannte, tadelte das Verfahren seines Mitschuldigen ernstlich und wendete sich hernach mit der Bitte an Jesum: „Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!" Diese Bitte mußte dem göttlichen Menschenfreunde in seinen größten Schmerzen eine freudige Empfindung verursache»; und er, der Niemanden jemals ohne Trost gelassen hatte, gab dem reuevollen Sünder in bildlichen Worten die Versicherung, daß er noch heute mit ihm zum Frieden gelangen werde. Wahrend der Pöbel den heiligen Gottgesandtcn lästerte und verspottete, standen in tiefen Schmerz versunken Jesu Mutter und seine frommen Freundinnen nebst seinem Jünger Johannes, den er vorzüglich liebte, in der Nähe seines Kreuzes, und ein schmerzliches Gefühl mußte den edlen Sohn ergreifen, als sein Blick auf seine tief betrübte Mutter siel, die an ihm ihre einzige Stütze verlor, da ihr Gatte ohne Zweifel schon zu seinen Vätern gegangen war und sie wahrscheinlich keine Kinder weiter hatte. Sie in ihren spätern Lcbenstagen sicher gestellt und versorgt zu sehn, war noch der Wunsch seines Herzens, und dem edlen Sinne seines Jüngers Johannes vertrauend, der vermögend gewesen zu seyn scheint, sprach er zu seiner Mutter, indem er auf Johannes deutete: „Siehe, dies ist dein Sohn!" und alsdann auf. seine Mutter deutend sagte er zu seinem Jünger: „Siehe, dies ist deine Mutter!" So empfahl er sie dem Schutze und der liebevollen Vorsorge des Freundes, und dieser ehrte *) Nach der Sage standen die drei Kreuze nicht in einer geraden Linie, sondern bildeten in ihrer Stellung ein Dreieck, dessen Spitze das Kreuz Jesu ausmachte, so daß dieser die beiden Räuber, die mit ihm gekreuzigt wurden, bequem ansetzn konnte. Die Sage berichtet, Jesus sey so gekreuzigt gewesen, daß sein Angesicht gegen Abend gewendet war und er die Mor- gcngegend im Rücken, Mitternacht also zur Rechten und Mittag zur Linken hatte. Der bußfertige Räuber soll Dimas geheißen haben. (Bergl. S. 82). 's Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 443 I den Auftrag seines edlen Lehrers, nahm dessen Mutter zu I sich in seine Wohnung, und war ihr ein liebevoller Sohn. I Auch die Pflicht eines guten Sohnes hatte Jesus also noch I erfüllt, und ruhig konnte er seinem letzten Lebensaugenblicke ! entgegensetzn. ' Je länger Jesus am Kreuze hing, desto mehr mußten s auch seine Schmerzen und Qualen zunehmen, wie oben angegeben worden ist; desto größere Standh^tigkeit war also j auch nöthig, um nicht in Klagen und Jammergeschrei aus- zubrechen. Diese Standhaftigkeit wußte Jesus sich durch Gebet zu Gott zu verschaffen und zu erhalten. Bekannt und vertraut mit den Schriften des alten Testamentes kam ihm wahrscheinlich der 22. Psalm in das Gedächtniß,, der auf seine Lage vorzüglich paßte und kindliches Vertrauen und innige Ergebenheit gegen Gott ausspricht. Vom Schmerz gedrängt begann er denselben laut zu beten und sagte: „Eli , Eli, lama asabthani," das ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" allein da er hörte, daß man * mit seinen Worten Spott trieb, so schwieg er und betete ohne Zweifel in seinem Herzen weiter. Als die Kreuzesqualen auch bei Jesu den brennenden Durst erzeugten, den die Gekreuzigten gewöhnlich empfanden, so rief der edle Dulder: „Mich dürstet!" Auf diese Aeußerung tauchten die an dem Kreuze Wache haltenden Soldaten einen Schwamm in den sauren Wein, den sie als gewöhnliches Getränke bei sich führten, steckten alsdann den mit Wein angefüllten Schwamm auf ein Rohr, umgaben denselben mit Jsop und führten ihn hierauf an Jesu Mund, , damit ck>er Gepeinigte den Wein aus dem Schwämme zur ! Stillung seines Durstes aussaugen und durch den gewürzhaf- ^ ten Duft des Jsops gestärkt werden sollte. Jesus nahm den Labetrunk zu sich und bald darauf fühlte er die Nähe des Todes, denn er rief: „Es ist vollbracht!" und nicht lange hernach sprach er noch seine letzten Worte am Kreuze: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!" Hierauf sank sein Haupt nieder und er verschied. Dieses geschah ^ um drei Uhr Nachmittags. 444 Sechstes Buch. Bei seinem Verscheiden entstand ein furchtbarer Aufruhr in der Natur. Die sich sammelnden Dünste waren immer dichter geworden und hatten eine völlige Finsterniß herbeigeführt. Ein schreckliches Erdbeben trat ein, bei welchem Felsen zerspalteten; der Vorhang im Tempel*) bekam von oben bis unten einen Riß, Gräber stürzten zusammen und wurden aufgedeckt, und nach Jesu Auferstehung ging sogar die Sage, daß verstorbene Fromme aus den Gräbern hervorgekommen wären und sich io Jerusalem hätten sehn lassen. Durch das furchtbare Naturereigniß wurden Alle, die noch um Jesu Kreuz versammelt waren, in Schrecken gesetzt; tief bewegt schlugen sie an ihre Brust und gingen in ihre Behausung zurück, indem wohl Manchem jetzt der Gedanke kommen mochte, daß Jesu Unrecht geschehn war und daß man sich an ihm versündigt hatte. Auch die Römischen Soldaten, welche die Wache bei den Gekreuzigten hatten, und vorzüglich der anwesende Römische Hauptmann, wurden durch das Ercigniß tief bewegt, und als der letztere Jesu ungewöhnlich ^ frühes Verscheiden am Kreuze bemerkte, so meinte er, dieses , könne nur mit Hülfe einer Gottheit geschehn und erklärte Jesum daher auch für den Sohn eines Gottes. Nach Sitte der Römer blieben die Leichname der Gekreuzigten so lange an dem Kreuze hängen bis sie bei vorschüttender Verwesung von selbst abfielen, oder eine Beute der Raubthiere, vorzüglich der Raubvögel, wurden. Allein nach den Gesetzen der Juden (5. Mos. 21, 23.) durfte kein Leichnam eines Gehängten über Nacht am Galgen, also auch keiner an dem Kreuze bleiben, weil die Jsracliten sonst ihr Land verunreinigt glaubten. Da nun vollends damals, als Jesus gekreuzigt worden war, mit dem Abende der Sabbath begann, so suchten die Juden es um so mehr zu bewirken, daß die Leichname der drei Hingerichteten von den Kreuzen ^ hinweggenommcn würden. Sie begaben sich daher zu Pila- *) Da der Vorhang, welcher das Allerheiligste von dem Heiligen im Tempel schied, Finger dick und 30 Ellen von oben nach unten lang war, so meinen Manche, er habe wohl nicht bei dem Erdbeben zerreißen können, und nehmen an, in dem Urtexte sey nicht von dem Vorhänge, sondern von dem Mauerwerks, welches das Allerheiligste umgab, die Rede; dieses sey : durch das Erdbeben geborsten. Diese Ansicht hat auch viel für sich. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 445 tus und baten ihn, den Befehl zu ertheilen,, daß den Gekreuzigten die Gebeine zerschlagen würden, denn dieses that man gewöhnlich, wen» man ihren Tod beschleunigen wollte, und die Leichname alsdann hinwegschaffcn zu lassen. Pilatus gewährte auch die Bitte, und auf seinen Befehl zerschlugen die Soldaten den beiden mit Jesu gekreuzigten Räubern die , Gebeine. Da sie aber Jesum schon verschieden sahen, so A hielten sie jenes Verfahren bei ihm nicht für nöthig; um ' aber zu erkennen, ob Jesus wirklich todt sey, so fließ einer derselben *) ihm eine Lanze in die Seite, worauf Blut mit Wasser vermischt aus der Wunde floß, was man für ein Zeichen des Todes hielt. Um dieselbe Zeit begab sich Joseph, ein Mitglied des Hohenrathes und ein heimlicher Freund Jesu, aus Arimathia oder Ramathajim-Zophim (s. S. 83.) gebürtig, zu Pilatus, und bat denselben, daß man ihm Jesu Leichnam überlassen möchte. Jesu edle Selbstaufopferung hatte auch ihn ermu- l thigt, sich über Vorurtheilc und Furcht hinwegzusetzen und ^ keine Gefahr zu scheuen, um seinem edlen Freunde noch den letzten Liebesdienst zu erweisen und ihm ein würdiges Begräbnis zu gewähren; denn sonst würde Jesu Leichnam eben so wie die der andern Hingerichteten in irgend eine Schlucht geworfen worden seyn. Uebrigens war es nicht ungewöhnlich, daß Verwandte und Freunde die Obrigkeit ersuchten, ihnen die Leichname derer, welche eine Todesstrafe erlitten hatten, zu überlassen, was ihnen auch nicht leicht abgeschlagen wurde. Pilatus wollte es kaum glauben, daß Jesus schon verschieden wäre; daher ließ er den Hauptmann, welcher bei der Kreuzigung die Aufsicht geführt hatte, zu sich ^ kommen, und zog von diesem erst Erkundigung ein, ob Jesus > wirklich todt sey; und nachdem ihm dieses bestätigt worden *) Man nennt diesen Soldaten Longinns oder LongiS. Manche halten ihn für eine nnd dieselbe Person mit jenem Hauptmanne, der Jesum für Gottes Sohn erklärte; die Römisch-katholische Kirche aber unterscheidet beide. Er soll Christ geworden seyn und in Kappadocien das Evangelium gepredigt und den Märtyrertod erlitten haben. Einen Theil des Eisens von der Lanze, mit welchem der Soldat Jesum verwundet haben soll, bewahrt man in Rom auf, den andern zeigte man sonst i» dem Schatze zu Samt Denis bei Paris. 446 Sechstes Buch. war, so ertheilte er die erbetene Erlaubniß. Hierauf begab sich Joseph mit Aegyptischer feiner kostbarer Leinwand, in welche die Aegypter ihre Todten wickelten, die aber auch von den Juden verfertigt wurde, versehn, zu dem Kreuze, ließ den Leichnam seines edlen Freundes Herabnehmen, und balsamirte denselben mit Hülfe eines andern Freundes Jesu, des Nikodemus, vorläufig ein. Zu einer vollständigen Ein- L balsamirung des Leichnams war nicht hinreichende Zeit vor- » Handen, weil der Eintritt des Sabbathes nahe bevorstand, ^ daher wurde der Leichnam nur mit gewürzhaften Kräutern umgeben und mit den Tüchern umwickelt, welche Joseph herbeigebracht hatte. Da sich in der Nähe von Golgatha in einem Garten eine Grabhöhle befand, welche wahrscheinlich Joseph selbst erst vor Kurzem in dem Felsen als sein Familienbegräbniß hatte aushauen lassen, und in der noch kein Leichnam lag, so brachten die beiden Freunde Jesu den Leichnam desselben da hinein und verschlossen den Eingang der Begräbnißhöhle, ^ wie man zu thun pflegte, mit einem großen Steine. Die Begräbnißhöhle» in Palästina, welche die vornehmen Juden sich in den Felsen aushauen ließen, haben nämlich ^ einen engen Eingang, der leicht mit einer einzigen großen Steinplatte verschlossen werden kann. Inwendig aber erweitern sie sich und bilden gewöhnlich viereckige geräumige Gemächer, in deren Seitenwänden mcistentheils sechs bis sieben Fuß lange Löcher oder Nischen eingehauen sind, in welche die Leichname gelegt wurden. In Grabhöhlen, welche keine dergleichen Nischen enthalten, sind sechs bis sieben Fuß lange steinerne Platten an den Wänden der Länge nach angebracht, zuweilen in m-hreren Reihen über einander, aus welche die Leichname gebettet wurden. Diejenigen Grabhöhlen, welche ! an dem Abhänge eines Berges sich befinden, gehen horizon- ! tal in den Felsen hinein; an andern Stellen aber gehn sie in die Tiefe hinab, und alsdann führt eine Treppe hinunter. ^ Zuweilen sind mehrere Felsenkammern durch Gänge verbunden, und die Hintern liegen tiefer als die vorder», so daß j abermals Treppen in jene führen. Einige neuere Reisende , machen es sehr wahrscheinlich, daß die Begräbnißhöhle, in i Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 447 welche Jesu Leichnam gelegt wurde, sich an dem nördlichen Abhänge des Berges Hinnon befand; und die meisten stimmen darin übcrein, daß er wohl nicht in der, welche man gewöhnlich als Jesu Grabhöhle nennt und die sich in der Grabeskirche befindet, geruht hat. Während Joseph und Nikodemus Jesu Leichnam ein- balsamitten und in die Begräbnißhöhle brachten, standen die oben genannten Freundinnen des göttlichen Lehrers von ferne und beobachteten genau, was jene beiden Männer mit dem Leichname ihres edlen Freundes vornahmen und wohin sie denselben schafften. Alsdann begaben sie sich in die Stadt zurück und versahen sich mit Salben und Spezereien, um nach Beendigung des Sabbathes die völlige Einbalsamirung des geliebten Todten zu besorgen und ihm dadurch die letzte Ehre äußerlich zu beweisen. Die Oberpriestcr und Pharisäer aber ersuchten den Römischen Landpfleger, einen Wachposten an Jesu Grab zu stellen, damit nicht etwa die Jünger des Gekreuzigten den Leichnam ihres Lehrers hinwegschafften und alsdann sagten, Jesus sey auferstanden. Diese Bitte bewilligte ihnen Pilatus und sie verwahrten den Stein, welcher den Eingang des Grabes verschloß, noch durch Siegel, welche damals aus Thon oder Siegelerde gebildet wurden. Alle diejenigen Stätten, welche durch Jesu Kreuzigung für die Christen merkwürdig geworden sind, zeigt man jetzt in der Kirche des heiligen Grabes zu Jerusalem vereint; allein da diese Kirche ziemlich mitten in der Stadt liegt, so läßt sich schon daraus schließen, daß jene Stätten, welche man in ihr den Pilgern zeigt, nicht die eigentlichen und wahren seyn können, da nach der Erzählung der Evangelisten Golgatha und Jesu Grab außerhalb der Stadt Jerusalem sich befanden. Die Kirche des heiligen Grabes oder die Grabe skirche ist ohnstreitig eins der merkwürdigsten Gebäude des heutigen Jerusalems. Sie liegt auf dem sogenannten Calvart enb erge, der das alte Golgatha seyn soll, und ist ein großes unregelmäßiges Gebäude, das nicht auf einmal entstand. Vielleicht hatte man schon früh eine Kirche in Jerusalem erbaut und in derselben das Sinnbild des Grabes Jesu errichtet. Als nun die Kaiserin Helena um das Jahr Z30 nach Christus nach Jerusalem gekommen war, so ließ sie wahrscheinlich nicht allein die alte Kirche erneuern und erweitern, sondern auch die andern Haupttheile hinzu bauen, zu denen andere christliche Fürsten in der Folge noch einzelne Kapellen fügen ließen. Mehrere Theile der Kirche, vorzüglich ihr Eingang, zeigen deutlich, daß ihre Erbauung unter der Regierung des Kaisers Konstantin erfolgt seyn muß; denn man findet die damals gewöhnliche Ueberladung in den Verzierungen, in Blättern und Schnitzwerk, schwache Säulen und schweres Gebälke, das mit Figuren überfüllt ist. Sie litt zwar seit der Zeit ihrer Entstehung bis jetzt manche Zerstörung, aber nur theilweis, und so ist sie auch ziemlich die alte geblieben. Sie besteht eigentlich aus drei Hauptkirchen, nämlich: aus der Kirche des heiligen Grabes, aus der des Calvarien- berges und aus der der Kreuzesauffindung, welche durch Mauern und gewölbte Treppen zusammenhängen. Die erste bildet das Hauptschiff der ganzen Kirche. Das ganze Gebäude ist ohngefähr 120 Schritte lang und 70 Schritte breit, und obgleich es aus mehrern Theilen besteht und unregelmäßig ist, so bildet es in seinem Innern doch ziemlich die Gestalt eines Kreuzes. Früher soll sie viele Kunstwerke enthalten haben, welche von den Türken hinweggenommen wurden; auch sollen diese sie größtentheils des kostbaren Marmors beraubt haben, mit welchem sie sonst ausgeschmückt war. Der dazu gehörige Thurm enthält keine Glocken und hat durch Erdbeben sehr gelitten. Sonst hatte die Kirche drei Eingänge, jetzt aber kann man nur durch eine Thür in sie gelangen, welche von den Türken bisher verschlossen gehalten und nur für eine Abgabe von ohngefähr 8 Thalern den Pilgern geöffnet wurde. In dieser Thür befinden sich einige Löcher, über deren Mitte eine eiserne Stange läuft. Durch diese Löcher reicht man den in der Kirche befindlichen Geistlichen, welche den Gottesdienst darin besorgen, ihre Nahrungsmittel. Nicht weit vom Eingänge ist die Kapelle der Franziskaner mit einer Sakristei Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 449 und einem Zimmer, in welchem sich die diensthabenden Mönche aufhalten. Von da aus werden die Pilger und Reisenden gewöhnlich zum Beschauen der heiligen Stätten in der Kirche umhergeführt. Diese Stätten sind folgende. Zunächst kommt man in die Hohnkapelle, welche vier Schritte im Quadrat hat und mit einem vier Fuß hohen Stacket verschlossen ist. In ihr befindet sich die sogenannte 'ij Schmäh faule, eine zwei Fuß hohe und im Durchmesser einen Fuß dicke Säule von grauem schwarzgefleckten Marmor, auf welcher Jesus gesessen haben soll, als man ihn mit dem alten Königsmantel bekleidet und mit der Dornenkrone geschmückt hatte und alsdann verhöhnte. Auch erblickt man diese Scene in der Kapelle durch ausgehauene Figuren dargestellt. Nahe dabei befindet sich die Kapelle der Kleider- vertheilung, die 6 Schritte lang und 3 Schritte breit ist und sich auf der Stelle befinden soll, wo die Soldaten vor der Kreuzigung Jesum entkleideten und dessen Kleider i alsdann unter sich theilten. Diese Gruppe ist in ihr bild- ^ lich dargestellt. Gegenüber erblickt man eine andere kleine gewölbte Kapelle, die ohngefähr 7 Fuß lang und 6 Fuß breit ist, und die man das Gefängniß Jesu nennt, weil er dort einstweilen verwahrt worden seyn soll, während man das Loch zur Aufstellung des Kreuzes grub. Es ist ein sehr dunkler Ort. Nicht weit davon trifft man die Kreuze skapelle, die da stehn soll, wo das Kreuz Jesu, ehe es aufgerichtet wurde, einstweilen lag. l Ferner zeigt man die Longinuskapelle, wo der Soldat Longinus, welcher mit der Lanze Jesum in die Seite ! stach, nach dieser That Thränen vergossen und sich zum christlichen Glauben bekannt haben soll. , In der Nähe des Chors der Kirche liegt der Calva- rienberg, der sich nur wenig über den Boden des Gebäudes erhebt. Er soll abgeplattet worden seyn bis auf den ' Gipfel, welcher eine Kapelle trägt, zu der man auf 18 Stufen, wovon eine jede 8 Zoll hoch ist, emporsteigt. Diese Kapelle '! hat ohngefähr 18 Schritte ins Gevierte und 12 Fuß Höhe, ' 29 450 Sechstes Buch. und ist inwendig mit weißem Marmor ausgelegt. In der ^ Mitte steht ein dicker Pfeiler, welcher das Gewölbe trägt i und die Kapelle in zwei Hälften theilt, von denen die eine, welche gegen Norden liegt, die Kapelle der Kreuzhef- tung, und die andere, südwärts gelegene, die der Kreuzerhöhung heißt. Jene besitzen die Franziskaner, diese aber gehört den Griechen. In jeder steht ein Altar mit einem ' schönen Gemälde. An dem Altare der erstem Kapelle hängen ^ neun Lampen, welche von den Franziskanern unterhalten wer- den, die hier auch täglich Messe lesen. Auf dem Boden ! befindet sich in dem Pflaster eine Art von Rose, welche die Stelle bezeichnen soll, die von Jesu Blut benetzt wurde, als ! man seine Hände mit den Nageln durchbohrte; denn man ! nimmt gewöhnlich, gegen die zuverlässigen Nachrichten der j Alten an, daß Jesus vor der Aufrichtung des Kreuzes an ! dasselbe genagelt worden sey. In der Kapelle der Kreuzerhöhung wird das Loch gezeigt, in welchem Jesu Kreuz gestanden haben soll. Es ist ^ ohngefähr 1^- Fuß tief und hat beinahe einen halben Fuß > im Durchmesser. Um das Loch herum ist aus dem Felsen ein Altar gebildet, der 2 Fuß Höhe, 10 Fuß Länge und 7 Fuß Breite hat, und an welchem 13 Lampen hängen. Die Mündung des Loches ist mit einer Kupferplatte umgeben. Sonst war das Loch mit Gold- und Silber-platten ausgelegt, und auf einem silbernen Kreise, der die Mündung umgab, sah man die Marterwerkzeuge abgebildet. Nahe dabei sind durch kleine kreuzartige Steine von Marmor die ' Stellen bezeichnet, wo die Kreuze der beiden Räuber gestanden haben sollen, die mit Jesu hingerichtet wurden; demnach ! stand das Kreuz des guten Räubers nur 4^- Fuß, das des bösen aber 6 Fuß von Jesu Kreuze entfernt. Ohngefähr , einen Schritt von Jesu Kreuze, zwischen diesem und dem ! des bösen Räubers, gewahrt man eine Spalte in dem Felsen, welche durch das Erdbeben entstanden seyn soll, das bei Jesu Verscheiden sich ereignete. Sie ist 1 Fuß weit und 4 Fuß ^ lang, geht im Zickzack quer durch die Adern des Gesteins ^ und hat scharfe Kanten. Die Stelle, wo sie sich befindet, > hat man nicht mit Marmor belegt, um die Spalte deutlich § , Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 451 sehn zu lassen, die übrigens mit einem Gitter von Eisendraht ^ bedeckt ist. j Die Wände der ganzen Kapelle auf dem Calvarienbcrge I sind inwendig mit Gemälden verziert, welche sich auf Stellen ^ der heiligen Schrift beziehn. An dem Gewölbe ist Jesu Himmelfahrt abgebildet. Neben dieser Kapelle befindet sich ^ eine kleinere, welche auf der Stelle stehn soll, wo Jesu Mutter und Johannes, der Jünger Jesu, standen, als der edle Dulder am Kreuze hing. : In der Nähe der Calvarienkapelle, ohngefähr 20 Schritte vom Kreuzesloche, sieht man einen Stein, der 6 Zoll hoch I über dem Fußboden emporragt, auf welchem Jesus von Jo- i seph und Nikodemus cinbalsamirt worden seyn soll, und den ^ man daher den Salbungsstein nennt. Er ist ohngefähr 8 Fuß lang und 2 Fuß breit. Manche meinen, der Stein ^ sey ein Stück des Calvarienberges selbst, Andere aber be- > Häupten, er sey von Joseph und Nikodemus, auf diese Stelle > gebracht worden und sehe grünlich aus. Da die Reisenden oft Stücke von diesem Steine abschlugen und mitnahmen, so ! hat man ihn, um ihn zu erhalten, mit weißem Marmor belegt und mit einem eisernen Gitter umgeben. Um ihn stehn sechs große Leuchter mit immer brennenden Lichtern. Nicht ! weit davon zeigt man einen Stein von weißem Marmor, der die Stelle bezeichnen soll, wo Maria, Jesu Mutter, ge- , festen habe, während ihr Sohn einbalsainirt wurde. ! Unter der Calvarienkapelle befindet sich die Adams- z kapclle, die eine Höhle ausmacht, welche 16 Schritte lang ! und 12 Schritte breit ist. Sie soll Adams, des ersten ! Menschen, Gebeine enthalten, welche Noäs Sohn nach der ^ Sündfluth hierher gebracht habe. In dem Gewölbe dieser , Kapelle, hinter dem Altare derselben zeigt man jene oben ! erwähnte Spalte, welche bei Jesu Verscheiden durch das - Erdbeben in dem Felsen entstanden, und durch welche Jesu , Blut auf Adams Gebeine herabgcflosscn seyn soll, um auch ! diesen der Gnade Gottes und der Auferstehung theilhaftig ^ zu machen. In dieser Kapelle soll Maria den Leichnam ih- ! tcs Sohnes mit ihren Annen umfaßt haben, nachdem er 29 * 452 Sechstes Buch. von dem Kreuze abgenommen worden war; daher nennt man jene auch die Kapelle der Kreuzabnahme. * In der Nähe dieser Kapelle steht an der Mauer das Grabmal Gottfrieds von Bouillon, welcher 1099 Jerusalem eroberte und der erste christliche König darin wurde. Gegenüber befindet sich das Grabmal seines Bruders Bal- duin III. Beide Denkmäler zeichnen sich aber nicht durch Kunst aus. Auch zeigt man in dieser Gegend das Grab ? des Melchisedech. Das Grab Jesu befindet sich am Fuße des Calva- ricnberges, ohngefähr 30 Schritte von dem Solbungssteine entfernt, unter der Hauptkuppel der ganzen Grabcökirche. i Diese Kuppel hat 80 Fuß im Durchmesser und ist 160 Fuß hoch. In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1808 brannte sie ab, denn sie bestand aus Holz und war mit Blei gedeckt. Sie ist aber auf dieselbe Weise wieder ausgebaut. Sie besteht nicht aus einem eigentlichen Gewölbe, sondern sie ist mit dazu gehauenem Bauholze, das auf den j starken, meistens aus großen Quadersteinen bestehenden Mauern s ruht, trichterförmig zugestellt, aber so, daß oben eine große ! runde Oeffnung geblieben ist, durch welche das Tageslicht hinab in die Kirche fällt und die mit einem eisernen Draht- gitter verwahrt wird, damit kein Vogel hindurchflicgcn kann. , Unter dieser Kuppel befinden sich zwei große Gallerten, welche von 18 Pfeilern getragen werden, zwischen denen man in die verschiedenen Gemächer der Geistlichen geht, die unter den Gallericn wohnen. Mitten unter der Kuppel steht das heilige Grab, das in den Felsen gearbeitet zu seyn scheint und das von außen mit gothischen Säulen und Bogen bekleidet ist. Mit ihm ist die sogenannte Engelskapelle verbunden, welche eine Art von Vorhalle desselben bildet. Der Boden des Grabes und der Kapelle steht mit dem Boden der Kirche ziemlich gleich. Der Eingang ist niedrig und unverschlossen. Zuerst gelangt man in die Engelskapelle, welche 4 Schritte ins Geviert hat und mit schönen alabasternen Basreliefs an den Wänden verziert ist. In der Mitte steht ein 3 Fuß i hoher Marmorstein, welcher 1^ Fuß lang und breit ist. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 453 Auf diesem soll der Engel gesessen haben, der den Freundinnen Jesu die Auferstehung des Gekreuzigten verkündigte. Ueber diesem Steine hängen 15 große Lampen, welche fortwährend brennen; daher sind auch in der Decke der Kapelle einige Oeffnungen angebracht, damit der Rauch abziehn kann. Von hier aus kommt man durch eine Oeffnung, welche etwas über 3 Fuß hoch und 2^ Fuß breit ist, in das eigentliche Grab. Dieses besteht aus einer Grotte, welche ohngefähr 6 Fuß lang, beinahe 5 Fuß breit und 8 Fuß hoch ist. Auf der rechten Seite der Grotte befindet sich eine Art von Altar, der beinahe die Hälfte des innern Raumes einnimmt und etwas über 3 Fuß hoch ist. Auf diesem soll Jesu Leichnam gelegen haben. Ueber ihm hängen 36 große brennende Lampen, deren Rauch durch drei in der Decke befindliche Oeffnungen abzieht. Die Lampen sind mcistentheils von gediegenem Silber, einige sogar von Gold, andere sind vergoldet und manche mit Edelsteinen verziert. Das Innere der Grotte ist mit Marmor ausgekleidet und mit blauseidcnen Gardinen behängt, welche von Goldstickerei strotzen. Von außen ist das heilige Grab ebenfalls mit Marmor bekleidet und hat nebst der Engelskapelle einen Umfang von 70 Schritten und eine Höhe von ohngefähr 25 Fuß. Oben darauf befindet sich eine kleine Gallerie, in deren Mitte sich ein kleiner, 10 Fuß hoher Dom erhebt, welcher eine Kuppel enthält, die von 12 kleinen Säulen getragen wird und mit Blei gedeckt ist. Diese Kuppel verhütet, daß der Regen, welcher durch die Oeffnung der darüber befindlichen großen Kuppel hereinfällt, in das heilige Grab eindringt; denn er wird von derselben ausgenommen und von da durch Röhren fortgeleget. Hinter dem heiligen Grabe zeigt man das Grab Josephs von Arimathia und des Nikodemus, das ebenfalls in einer Grotte besteht, welche in den Felsen gehauen zu seyn scheint. Zwölf bis fünfzehn Schritte von dem heiligen Grabe zeigt man den Ort, wo Jesu Mutter und Freundinnen sich befunden und zugesehn haben sollen, was mit Jesu geschah; daher nennt man diese Stelle die Stätte der drei Marien. Nicht weit davon gewahrt man einen - 454 Sechstes Buch. großen grauen Marmorstein, der ohngefähr 4 Fuß im Durchmesser hat und der die Stelle bezeichnen soll, wo Jesus nach seiner Auferstehung der Maria Magdalena erschien, die ihn anfangs für den Gärtner hielt. Daneben steht eine Kapelle, welche daher die Magdale nenkapelle heißt. Eine Sage erzählt, Maria, die Mutter Jesu, habe sich nach dem Begräbnisse ihres Sohnes einstweilen bei dem Gärtner Josephs von Arimathia ausgehalten, und da sey Jesus zuerst seiner Mutter erschienen. Auf der Stelle, wo das statt gesunden haben soll, hat man eine Kapelle errichtet, welche die Kapelle der Erscheinung genannt wird. In ihr befinden sich drei Altäre, von denen der Hauptaltar der Maria geweiht ist und ein Gemälde enthält, welches jene Erscheinung vorstellt. Der zweite ist dem Andenken an Jesu Geißelung geweiht, und an ihm soll sich ein Stück der Säule befinden, an welcher Jesus gegeißelt worden sey, und woran man noch Spuren von dem Blute des edlen Dulders zeigen will. Der dritte Altar ist dem Kreuze Jesu gewidmet; denn hier soll die Kaiserin Helena die aufgefundenen drei Kreuze haben prüfen lassen, um Jesu Kreuz darunter zu erkennen, wovon weiter unten in einer Anmerkung die Rede seyn soll. Morgcnwärts zur Seite des Hauptschiffes der Grabeskirche, in welchem das heilige Grab steht, befindet sich der Ehor, welcher den zweiten Haupttheil der Kirche ausmacht und der drei sehr schöne Gitterthüren hat. Er enthält einen äußern Raum, in welchem die Betstühle der Geistlichen stehn, und einen innern, weiter zurückstehenden, der um zwei Stufen höher, als der andere ist und das Sanktuarium bildet. Um diesen doppelten Chor ziehen sich zwei Seitengänge herum. In der Mitte desselben zeigt man einen zwei Quadratfuß großen Marmorstein und behauptet, daß dieser auf dem Mittelpunkte der Erde liege. Ueber ihm hängen sechs brennende Lampen. Der untere Chor enthält einen kleinen und der obere einen großen Altar. Dabei stehn drei schöne große Sessel, wovon der eine dem Papste, der andere dem Patriarchen zu Konstantinopcl und der dritte dem Patriarchen zu Alerandrien gewidmet seyn soll. Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 455 In dem Gange rechts hinter dem Chöre trifft man zwei Treppen an, von denen die eine auf den Calvarienberg führt, die andere aber Hinabwarts nach der Kirche der heiligen Helena und der Kreuzaufsindung geht. Der Gang zu dieser Kirche gleicht dem in einen Keller. Die Treppe, welche dahin führt, enthält 28 steinerne Stufen, die vier Schritte breit sind, und wird durch Lampen erleuchtet. Zuerst gelangt man in die Kapelle der heiligen Helena, die 22 Schritte lang und 16 Schritte breit ist. Sie ist zum Theil in den Felsen gehauen, hat aber auch eine hohe, gewölbte Kuppel, die von vier dicken Säulen getragen wird und drei Fenster enthält, durch welche das Tageslicht eindringt. In ihr stehn zwei Altäre, an denen 9 Lampen brennen. Diese Kapelle hatte die Kaiserin Helena zu ihrem Begräbniß bestimmt; allein da sie in Rom von dem Tode überrascht wurde, so ward sie auch daselbst begraben. Der eine der beiden Altäre ist jedoch ihr gewidmet. Den andern aber hat man dem guten Räuber geweiht. Aus dieser Kapelle steigt man alsdann auf 13 in den Felsen gehauenen Stufen in die Kapelle der Kreuz auf- findung hinab. Ehe man zu jener Treppe kommt, bemerkt man links in der Felsenwand eine Vertiefung und davor einen Stein. Hier soll die Kaiserin Helena gesessen und zugesehn haben, als sie Jesu Kreuz aufsuchen ließ. Die Kapelle der Kreuzaufsindung ist kaum ein Dritttheil so groß als die vorige. Hier will man Jesu Kreuz, die Aufschrift desselben, die Dornenkrone, die Nägcl, das Eisen der Lanze und auch die Kreuze der beiden Räuber gefunden haben. Dieser Ort soll nämlich sonst eine offene Schlucht am Fuße des Calvarien- berges gewesen seyn, in welche man die Leichname der Hingerichteten nebst den Marterwerkzeugen geworfen habe, weshalb diese Schlucht auch das Todesthal genannt worden seyn soll. In dieser Kapelle befinden sich zwei kleine Altäre, von denen der links auf der Stelle stehn soll, wo Jesu Kreuz gefunden wurde. Sie wird von 25 Lampen erleuchtet *). *) Die Sage erzählt, die Kaiser!» Helena habe Alles gethan, um Jesu Kreuz aufzufinden und Makarius, der Patriarch von Jerusalem, habe ihr dabei geholfen. Nachdem man in jener Schlucht die Erde entfernt 4Z6 Sechstes Buch Noch ist zu bemerken, daß sich nahe bei dem Calvarien- berge eine Kapelle befindet, welche der Opferung Isaaks geweiht ist. Man steigt auf 25 Stufen zu ihr hinauf und trifft in ihr Mosaik. In der Mitte des Fußbodens ist ein Marmorstein ein wenig eingesenkt, der die Stelle bezeichnen soll, wo Jsaak stand, als ihn sein Vater Abraham opfern wollte. Einige Schritte von dieser Kapelle unterhält man mit Sorgfalt einen kleinen Oelbaum, der auf der Stelle stehn soll, wo der Widder, welchen Abraham anstatt seines Sohnes opferte, mit den Hörnern in einer Hecke hing. Die Grabeskirche ist mehreren christlichen Confessionen gemeinschaftlich, aber so, daß jede derselben einige Statten in ihr ausschließlich besitzt, und daß die dienstthuenden Geistlichen eines jeden Glaubensbekenntnisses ihre besondern Gemächer darin haben und ihre Geschäfte so verrichten, daß keiner die Geistlichen einer andern Confessioä weder bei Tage, noch bei Nacht zu sehn bekommt. Die Römisch-katholischen Christen, welche durch die Franziskaner vertreten werden, sind in dem Besitze des heiligen Grabes, des Sal- bnngssteins, der Kapelle der Krcuzheftung, der Kapelle der Erscheinung und der Kreuzausfindung. halte, lautet die Sage, so fand mau die drei Kreuze; da aber die Aufschrift nicht mehr an dem Kreuze angeheftet war, sondern abgesondert gefunden wurde, so konnte man Jesu Kreuz nicht von den beiden andern unterscheiden. Man suchte es daher durch seine Wirkung herauszufinden. Man brachte nämlich eine todtkranke Frau mit den drei Kreuzen nach einander in Berührung. Zwei derselben äußerten keine Wirkung aus die Kranke; bei der Berührung des dritten aber wurde diese völlig hergestellt. Auch soll Lurch die -Berührung dieses Kreuzes ein Todter auferwcckt worden sehn. Das kostbare Holz wurde nun aufbewahrt und die Kaiserin Helena schickte einen Theil davon ihrem Sohne Konstantin nach Konstantinopel. Dieser ließ es in eine eherne Bildsäule einschließen, die ihn selbst darstellte und die in der rechten Hand eine goldene Kugel mit einen! Kreuze trug. Jesu Kreuz wurde hierauf so hoch geehrt, daß, als der Kaiser He- rakiius es im siebenten Jahrhunderte von dem Persischen Könige Kosrocs wieder erobert hatte, er es selbst denselben ganzen-Weg tragen wollte, den Jesus unter der Bürde desselben zurückgelegt hatte. Allein da der Kaiser dieses, mit seinen kostbarsten Kleidern angethan, vollbringen wollte, so kam er nicht von der Stelle damit und schien von einer unsichtbaren Gewalt gehalten zu werden. Erst als er auf den Rath des Patriarchen einfache Kleider angezogen hatte, konnte er seinen Borsatz ausführen und es bis auf den Ealvaricnberg tragen. -Bon daher schreibt sich das Fest der Kreuzerhöhung, daß man den 14. September i» der katholische» Kirche feiert. andecungen Jesu während seiner Leiden. 457 Die Griechen haben die Hohnkapelle, die Longinus- kapelle, die Gefangnißkapelle, die Adamskapelle, die Kapelle der Kreuzaufrichtung'und den Chor der Kirche, in welchem sie gewöhnlich Gottesdienst halten. Die Armenier besitzen die Kapelle der Kleiderverthei- lung, die Kapelle der heiligen Helena und das Grab Josephs von Arimathia. Die Kopten sind im Besitze der Magdalenenkapelle. Außerdem haben noch einige andere christliche Religionspartheien, als die Nestorianer oder Jakobiten, die Abyssinier, Georgier und Maroni ten in den Gewölben und Ecken der Grabcskirche besondere Stellen, wo sie ihren Gottesdienst verrichten. Jede Religionsparthei verrichtet ihren Gottesdienst auf die ihr eigenthümliche Weise; sie halten ihn aber nicht alle zu gleicher Zeit, sondern lösen sich ab. Des Nachts um zwei Uhr beginnen die Römisch- katholischen Christen ihren Gottesdienst. Die dienstthuenden Geistlichen bleiben gewöhnlich einen Monat in der Kirche und verlassen sie nicht eher, als bis sie von andern abgelöst werden, die aus den Klöstern in der Stadt dahin kommen. Won den Franziskanern haben jedesmal sieben Geistliche zugleich den Dienst zu verrichten, unter denen einer von dem Superior des Klosters zum Kirchenprasidenten ernannt wird. Wenn einer davon länger als einen Monat in der Kirche bleiben will, so kann er dieses, jedoch nur mit Bewilligung des Superiors. Der große Brunnen, der sich in der Kirche befindet, wird von allen Neligionspartheien gemeinschaftlich benutzt. 458 Siebentes Buch. Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. n Jesus, der Auferstandene, erscheint seinen Freundinnen. tMattl,. 28, 1-IZ. Mark. 1S, 1-11. Luk. 21, 1 —12. Joh. 20, 1-18.) Kaum war der Sabbath vorüber und der Morgen des darauf folgenden Tages, des Sonntags, der eben so wie jeder der andern Tage während des Pafsahfestes Sabbath genannt wurde, im Anbrechen, so machten sich auck schon Jesu Freundinnen, die mit treuer Ergebenheit ihm zugethan waren, nämlich Maria Magdalena, Maria Jakobi, Salome und Johanna auf den Weg nach dem Grabe, wo der Leichnam ihres edlen Freundes ruhte, theils um dort, nach Gewohnheit der Juden, zu weinen und den geliebten Todten zu betrauern, theils um die Einbalsamirung desselben zu vollenden, weshalb sie sich auch mit den erforderlichen Specereien versehn hatten. Da das Grab mit einem Steine verschlossen war, so gaben sie schon im Voraus der Besorgniß Raum, wie sie wohl den Stein entfernen und in das Grab gelangen möchten. Weil aber die Liebe zu dem Entschlafenen jene Besorgniß überwand, so eilten sie ihrem Ziele nichts desto weniger zu. Während sie dem Grabe sich nahcten, vernahmen sie ein starkes Geräusch, das durch eine Erdcrschütterung cntstehn mochte; denn wenn ein Erdbeben statt gefunden hat, so folgen gewöhnlich oft mehrere Tage hinter einander noch einzelne Erdstöße nach. Dieselbe Erderschütterung hatte auch die Wächter am Grabe erschreckt; noch mehr aber waren diese durch eine blitzähnliche Lichterscheinung in Schrecken versetzt worden. Diese brachte sie so außer Fassung, daß sie zu Boden stürzten und daß sie, nachdem sie sich wieder aufgerafft hatten, davon liefen. Wahrscheinlich waren Jesu Freundinnen nicht zu gleicher Zeit und nicht in Gesellschaft zusammen, auch wohl nicht Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 459 auf demselben Wege nach Jesu Grabe von Jerusalem ausgegangen; sondern hatten blos mit einander verabredet, am Grabe ihres Freundes sich zu treffen; daher gelangten sie auch nicht zu gleicher Zeit dort an. Am frühesten scheint Maria Magdalena, die stets eine vorzügliche Ergebenheit gegen Jesum an den Tag gelegt hatte, sich auf den Weg gemacht zu haben; denn sie langte in der ersten Morgendämmerung am Grabe des geliebten Todten an. Wie groß war aber ihr Schrecken, als sie das Grab offen fand und keinen Leichnam in demselben bemerkte! In der Meinung, daß dieser hinweggenommcn worden sey, eilte sie zurück nach Jerusalem, um die Jünger aufzusuchen und diesen die traurige Nachricht zu hinterbringen. Sie traf die Jünger Simon Petrus und Johannes, rüste diesen zu: ,,Man hat den Herrn hinweggenommen aus dem Grabe, und ich weiß nicht, wo er hingeschafft worden ist," und eilte wieder zu dem Grabe zurück, um eine genauere Untersuchung anzustellen. Unterdessen waren die übrigen Frauen bei dem Grabe angelangt. Da sie, dasselbe offen fanden, so gingen sie hinein; aber Schrecken ergriff sie, als sie einen Mann in einem langen weißen Kleide darin sitzen sahen. Allein dieser redete sie freundlich an und sprach: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß ihr sucht Jesum von Nazareth, den Gekreuzigten. Dieser ist aber nicht mehr hier, sondern auferstanden. Sehet da die Stelle, wo er gelegen hat. Habt ihr denn vergessen, was er zu euch sagte, als er noch in Galiläa weilte? Damals sprach er ja: Des Menschen Sohn muß überantwortet werden in die Hände der Sünder, und gekreuzigt werden, und am dritten Tage aufcrstehn. Gehet aber jetzt hin und sagts seinen Jüngern, vorzüglich dem Petrus, daß er vor ihnen voraus nach Galiläa gehn wolle, und daß sie dort ihn wiedersehn würden." Mit Schrecken und Freude erfüllt eilten sie nach dieser Rede aus dem Grabe fort, nach der Stadt zurück. Die unerwartete Erscheinung hatte sie so bewegt, daß sie weder unter sich über das Ereigniß sprachen, noch Andern etwas davon sagten. 460 Siebentes Buch. Als sie auf dem Rückwege nach Jerusalem begriffen waren, begegnete ihnen Jesus, der Auferstandene, selbst und grüßte sie. Von Staunen und Freude zugleich bewegt wußten sie nicht, ob sie ihren Augen trauen sollten und ob sie wirklich Jesum selbst, oder nur ein Trugbild schauten. Daher betasteten sie seine Füße, und da sie sich nun überzeugt hatte», daß Jesus wirklich vor ihnen stand und wieder lebte, so sielen sie vor ihm nieder, um ihm ihre 'Verehrung darzubringen; denn jetzt, da mit ihm das Außerordentlichste geschehn und er dem Tode entrissen worden war, sahen sie in ihm ein höheres Wesen. Jesus aber sprach liebreich zu ihnen: „Seyd ohne alle Furcht und geht jetzt hin zu meinen Brudern (Jüngern) und verkündigt ihnen, daß ich wieder lebe, damit sie sich nach Galilaa begeben; denn dort werden sie mich wieder sehn." Diesen Auftrag ihres geliebten Freundes erfüllten hierauf die Frauen treulich. Wahrend diese nun nach der Stadt zurückkehrten, war Maria Magdalena wieder bei dem Grabe angelangt. Weinend stand sie vor demselben und tiefbetrübt, als sie nicht einmal den Leichnam des geliebten Freundes mehr fand, schaute sie in das Grab, um vielleicht Etwas zu entdecken, was ihr einigen Aufschluß über das Unbegreifliche zu geben vermöchte. Da sah sie zwei Männer in weißen Kleidern darin, die ihr als Engel.erschienen. Diese fragten sie, warum sie weine: „Ach, entgegnete sie, man hat meinen Herrn hier weggenommen, und ich weiß nicht, wohin er gelegt worden ist." Nach diesen Worten sahe sie sich um, wahrscheinlich durch ein Geräusch dazu veranlaßt. Da erblickte sie einen Mann hinter sich, den sie nicht sogleich als ihren Lehrer und Freund erkannte und den sie für den Gärtner hielt, weil er vielleicht Gärtnerkleidung trug. Auch dieser fragte sie, warum sie weine und wen sie suche? Maria, in ihren Schmerz versunken, erkannte auch die Stimme noch nicht und gerietst auf die Meinung, daß vielleicht der Gärtner den Leichnam ihres Freundes an einen andern Ort geschafft habe. Daher fragte sie den vermeinten Gärtner: „Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, dann will ich ihn holen." Hierauf sprach Jesus, der Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 461 Auferstandene, mit der liebreichen seelenvollen Stimme, mit welcher er die Herzen tief rührte: „Maria!" da erkannte sie den verehrten Freund, wendete sich ganz nach ihm um und rief mit freudigem Staunen: Rabbuni, mein Meister!" und mit diesen Worten eilte sie auf Jesum zu und wollte ihn umfassen. Allein Jesus wehrte ihr und sagte: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brudern (Jüngern), und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." Mit diesen Worten wollte Jesus vielleicht sagen: „Halte dich jetzt nicht bei mir auf, sondern gehe sogleich zu meinen Jüngern und benachrichtige diese von meiner Wiederbelebung. Ich bleibe noch einige Zeit bei euch, aber nicht lange; denn ich werde bald zu Gott, unser aller Vater, heim gehn." Oder Jesus wollte sich deshalb nicht umfassen lassen, um die Maria all- mahlig auf die gänzliche Trennung für dies?. Erde von ihm vorzubereiten, da er seinen nahe bevorstehenden Heimgang zum Vater kannte; und alsdann könnten seine Worte den Sinn enthalten: „Ich bin zwar jetzt noch nicht zu meinem Vater heimgegangen, aber das wird in kurzer Zeit geschehn." Noch meinen Manche, Maria habe den Auferstandenen als ein höheres Wesen angesehn und deshalb ihm ihre tiefe Verehrung darbringen wollen, indem .sie nach Art der Morgen- länder vor ihm niedergefallen sey, um seine Füße zu küssen. Dieses habe aber Jesus ihr verwehrt und dabei gesagt: > „Ich bin noch nicht in die höheren Räume eingegangen; aber bald werde ich zu höherer Herrlichkeit erhoben werden. Nachdem Jesus jene Worte gesagt hatte, entfernte er > sich, und Maria Magdalena eilte nach Jerusalem und ver- ! kündigte den Jüngern, daß sie den Herrn gesehn, und theilte ' ihnen die Worte mit, welche Jesus zu ihr gesprochen hatte. Nachdem sie sich von dem Grabe hinwegbegeben hatte, langten die Jünger Petrus und Johannes bei demselben an. Johannes war seinem Mitjüngcr vorausgeeilt, weil sein Herz, das ganz Jesu gehörte, ihn drängte, schnell nähere Kunde über ein Ereigniß, das seinen geliebten Freund betraf, und > das von der größten Wichtigkeit war, einzuziehn. Petrus 462 Siebentes Buch. aber folgte langsamer, weil das Bewußtseyn seiner Ver- gehung seine Schritte etwas hemmen mochte. Als Johannes zum Grabe gekommen war, blickte er hinein und sah die leinenen Tücher, in welche man Jesu Leichnam gewickelt hatte, darin liegen; er ging jedoch nicht in das Grab hinein. Petrus hingegen begnügte sich nicht allein mit dem Hineinschauen, sondern er stellte eine genauere Untersuchung an, begab sich in die Begrabnißhöhle und fand das Tuch, welches um Jesu Haupt geschlagen gewesen war, abseits von den andern Tüchern liegen. Wahrscheinlich machte Petrus seinen Mitjünger Johannes auf diesen Umstand aufmerksam; denn dieser ging nun ebenfalls in die Begräbniß- höhle und sah selbst nach. Erst hatten auch sie geglaubt, man habe Jesu Leichnam an einen andern Ort geschafft; allein als sie die Tücher vorfanden, in welche der Todte gehüllt gewesen war, da gewannen sie die Meinung, daß Jesus in das Leben zurückgekehrt seyn könne; und gingen nun ruhiger nach Jerusalem zurück, wo die Nachrichten der Frauen, die den Auferstandenen wirklich gesehn hatten, sie in jener Meinung befestigen mußten. Unterdessen kamen aber auch die Soldaten, welche am Grabe Wache gehalten hatten und aus Furcht von demselben hinweggeflohen waren, nach Jerusalem und verkündigten einigen Mitgliedern des Hohcnrathes das sonderbare Ereigniß, von welchem sie Augenzeuam gewesen. Diese Nachricht versetzte die Feinde Jesu i' -' ne geringe Verlegenheit. Daher versammelte sich auch sogle. , der Hoherath. Da dieser jedoch die Sache nicht abzuändern wußte, so gab er den Soldaten eine ansehnliche Summe Geld und befahl ihnen zu sagen, daß Jesu Jünger, während sie selbst geschlafen, den Leichnam ihres Lehrers gestohlen und fortgeschafft hätten. Zugleich machte er sich verbindlich, die Verantwortung, zu welcher sie durch jenes Vorgeben von dem Römischen Landpfleger gezogen werden könnten, auf sich zu nehmen. Die Soldaten ließen sich auch wirklich durch das Geld dazu bewegen, ein solches Gerücht zu verbreiten, das lange unter den Juden geherrscht haben soll, obschon es den Grund seiner Unwahrheit in sich Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 463 selbst trug, da die Soldaten während des Schlafs nicht wissen konnten, was in ihrer Nähe vorging. Leicht hätte Jesus dieses Gerücht vernichten können, wenn er nach seiner Auferstehung wieder öffentlich aufgetreten wäre; allein das wollte er nicht, weil er bei seiner weisen Einsicht wohl erkannte, daß dadurch der guten Sache kein Vortheil ersprießen konnte, ja daß sein öffentliches Auftreten leicht manchen Nachtheil hätte schaffen können. Denn durch seine öffentliche Erscheinung konnte leicht ein Aufruhr unter dem Volke und ein Bürgerkrieg entstehn, und wenn auch dieses nicht geschehn wäre, so würden seine Feinde doch nicht geruht, sondern ihn als einen Betrüger verschrieen haben, der sich fälschlich für den gekreuzigten Jesus ausgebe; und alsdann würde Jesus neuen Mißhandlungen ausgesetzt gewesen seyn; oder hätte wohl gar zum zweitenmale den Tod erleiden müssen. Daher zog er es vor, im Stillen die Ausbildung seiner Jünger zu würdigen Werkzeugen für die feste Begründung und weitere Verbreitung des Gottcsreichs zu vollenden; und eben diese Ausbildung seiner Jünger und die nachherige feste Begründung des Christenthums sind die sichersten Zeugnisse für Jesu wirkliche Rückkehr in das Leben. H Jesus, der Auferstandene, begibt sich nach Emmaus. (Mark. 15, 12 u. 13. Luk. 21, 13 — 35.) An demselben Lage, an w /em Jesus auferstanden und seinen Freundinnen erschienen gingen des Nachmittags zwei von den Jüngern des göttlichen Lehrers, wahrscheinlich aus der Zahl der Siebenzig, die er spater als die Zwölfe erwählt hatte, nach dem Flecken Emmaus, der ohngesähr Z Stunden nordwestlich von Jerusalem lag. Auf dem Wege unterhielten sich die beiden Wanderer von den Schicksalen ihres edlen Lehrers, vorzüglich von den Gerüchten, welche von Jesu Entfernung aus dem Grabe sich unter den Jüngern verbreitet hatten. Während sie dieses besprachen kam ein anderer Wanderer ihnen nach und folgte ihnen schweigend, indem er aus ihr Gespräch achtete. Dieser Wanderer 464 Siebentes Buch. war Jesus; aber seine Jünger erkannten ihn nicht, da sie in Trauer über das herbe Schicksal ihrcrs Lehrers versunken, ihn weniger in das Auge faßten, da Jesus höchst wahrscheinlich hinter ihnen ging und sie also ihn weniger genau ansehn konnten, da Jesus überhaupt durch die erduldeten Martern und den Aufenthalt im Grabe in seinen Gesichtszügen eine -Veränderung erlitten haben mochte, und da er nicht seine gewöhnliche Kleidung trug, weil diese bei der Kreuzigung den Soldaten anheimgefallen war. Nach einiger Zeit erst brach Jesus sein Schweigen und fragte die Jünger, wovon sie eigentlich mit einander redeten, und warum sie so traurig wären. Jetzt hörten die Jünger an der Aussprache ihres Begleiters, daß er nicht aus Jerusalem und der nächsten Umgebung dieser Stadt gebürtig war; daher sagte der eine von ihnen, welcher Kleophas hieß *), zu Jesu: „Bist du der Einzige unter den Fremden zu Jerusalem, der keine Kenntniß von dem hat, was in diesen Tagen darin vorgegangen ist?" Als Jesus hierauf weiter fragte, was denn geschehn sey? so erzählten ihm die beiden Jünger, daß Jesus von Nazarcth, der sich durch seine Lehre und seine ausgezeichneten Thaten als göttlichen Gesandten verherrlicht habe, von dem Hohenrathe dem Römischen Land- pfleger überliefert, von diesem zum Tode verurtheilt und alsdann gekreuzigt worden sey; daß sie dadurch in ihren Erwartungen getäuscht worden wären, weil sie gehofft hätten, Jesus werde als Messias auftreten und die Juden aus ihrer bedrängten Lage befreien. Zugleich bemerkten sie, daß es eben der dritte Tag sey, seitdem Jesus gekreuzigt worden wäre, und daß ihnen befreundete Frauen sie in neue Unruhe versetzt hätten durch die Nachricht, daß Jesu Leichnam nicht mehr im Grabe sich befinde, und daß durch eine Erscheinung von Engeln die Kunde ihnen geworden wäre, Jesus lebe. *) Manche halten diesen Kleophas für den Mann der Maria Kleophas» der es aber wohl nicht war. Wer der andere Junger gewesen sey, weiß man noch weniger. Gregorius, der Große, hält ihn für den nachherigen Evangelisten Lukas; Origcnes und Basüius nennen ihn Simon; Epiphanias meint, es seh Nathanael gewesen; und Ambrosius und Andere nenne» ihn sogar Emmaus. Wahrscheinlich aber haben Alle Unrecht. ' Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 465 ! 8 Auch hätten Einige der Jünger das Grab wirklich leer gefunden, aber Jesum selbst nicht gesehn. > Nach dieser Erzählung sprach Jesus zu ihnen: „Wie unwissend und wie trag im Geiste seyd ihr doch, da ihr den ! Aussprachen der Propheten keinen Glauben schenket! Es > mußte ja Alles so mit Jesu geschehn, und nur durch sein Leiben und Stehen konnte er zu seiner Verherrlichung gelan- gen." Hierauf erklärte er ihnen die Stellen des alten Testa- ?! mentes, die auf ihn bezogen werden konnten und zeigte, daß 1 in denselben mehr auf einen geistigen als auf einen irdischen Messias hingedeutet werde. Unter solchen Gesprächen waren sie in die Nahe des j Fleckens Emmaus gekommen, und da Jesus nicht diesen t zum Ziele seiner Wanderung gewählt hatte, sondern wahr- j scheinlich nach Galiläa wollte, wohin er seine Jünger bestellt ^ hatte, so nahm er nun von seinen beiden Begleitern Abschied; ! weil diese nach Emmaus sich wendeten. Allein die beiden ! Jünger waren von seinen Reden angezogen worden und wünsch- . ten ihn länger in ihrer Gesellschaft zu behalten. Daher baten sie ihn, doch mit ihnen zu gehn und bei ihnen zu bleiben; der Tag neige sich ja so schon dem Abende zu, bemerkten sie; er werde also überdies bald die Herberge aufsuchen müssen. Jesus ließ sich auch durch ihre Bitten bewegen, mit ihnen zu gehn, und änderte wahrscheinlich überhaupt seinen Plan ab. Da er nämlich von seinen Bsgleitern vernommen hatte, in welcher Ungewißheit seine Jünger in Jerusalem über sein Schicksal noch waren, so faßte er ohne Zweifel jetzt den Entschluß, erst nach Jerusalem zu gehn und sich seinen Jüngern daselbst zu zeigen, um diese zu beruhigen, und hierauf nach Galiläa zu reisen. , Vielleicht waren die beiden Jünger in Emmaus selbst zu Hause, oder hatten doch sehr nahe Verwandte oder genaue Bekannte dort, bei denen sie einkehrten und die Mahlzeit bereit fanden, zu welcher sie sich mit Jesu niedersetzten. Während der Mahlzeit aber, als Jesus das Brod brach und das Dankgebet verrichtete, erkannten die beiden Jünger ihren erhabenen Lehrer, den sie bisher für einen Fremden ! gehalten hatten. Dieses Erkennen des Todtgeglaubten ver- S 30 466 Siebentes Buch. setzte in solches Staunen und Schrecken, daß sie es nickt gewahr wurden, als Jesus sich entfernte. Erst als sie wie» der zu sich selbst gekommen waren, sahen sie, daß ihr edler Lehrer sich hinwegbegeben hatte. Wahrscheinlich aber entfernte sich Jesus so schnell, um kein Aufsehn zu erregen, was ohne Zweifel erfolgt seyn würde, wenn die Jünger, von ihrem Erstaunen zurückgekehrt, es bekannt gemacht hatten, daß ihr Begleiter der von dem Tode erstandene Jesus sey. Jetzt konnten sich die Jünger die Zuneigung erklären, die sie auf dem Wege, während Jesus sprack, zu ihrem Begleiter empfunden hatten, und wußten sich so Manches zu sagen, woran sie ihn schon hatten erkennen können. Dieses Ereigniß war zu wichtig, als daß sie die Mittheilung desselben an ihre Mitjünger hätten verschieben sollen. Daher eilten sie sogleich nach Jerusalem zurück, und begaben sich dahin, wo die Eilfe und mehrere andere Anhänger und Freunde Jesu versammelt waren. Bei ihrem Eintritte rief man ihnen entgegen: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden, denn er ist dem Simon erschienen." Die Evangelien berichten aber nicht, welcher Simon dieses war, und wo derselbe Jesum gesehn hatte. AIS »un die beiden von Emmaus kommenden Jünger erzählten, daß auch sie ihren Meister gesehn und mit ihm gegessen hätten, da mußte der Glaube an Jesu Auferstehung desto mehr in den Jüngern befestigt werden, obschon derselbe bei denen, die Jesum nicht selbst gesehn, noch mit manchen Zweifeln zu kämpfen hatte, da das Cr- eigniß zu außerordentlich war. Noch jetzt zeigt man, wenn man durch das Joppethor zu Jerusalem hinausgeht, nicht weit von der Stadt, rechts einen Weg, welchen man den Weg nach Emmaus nennt und der seine Richtung nordwestlich nimmt. Hat man denselben eingeschlagen, so gelangt man nach etwa zwei Stunden an eine Stelle, welche diejenige seyn soll, wo Jesus zu den beiden Jüngern kam. Auf dieser Stelle hatte man früher eine Kirche und ein Kloster errichtet, die aber beide jetzt fast ganz zerstört sind. Eine halbe Stunde weiter nach Emmaus zu, nicht weit von diesem Flecken, da wo die Straße sich theilt und ein Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 467 Weg nach Silo abgeht, befindet sich ein schöner Brunnen, der von den Christen in hohen Ehren gehalten wird und den sie den Apostelbrunnen nennen, weil Jesus auf seinen Wanderungen sich mehrmals mit seinen Jüngern an ihm erquickt haben soll. Auch soll der göttliche Lehrer in demselben seine müden Füße gebadet und dadurch dem Wasser eine vorzüglich heilsame Kraft mitgetheilt haben. Der Sage nach war hier auch die Stelle, wo Jesus, der Auferstandene, von den beiden Jüngern sich trennen wollte. Von da ist noch eine starke Viertelstunde nach Emmauö, wo Kleophas zu Hause gewesen seyn soll. Emmaus war zur Zeit Jesu ein kleiner Flecken, der nicht mit der Stadt Emmaus, welche später Nikopolis genannt wurde (vergl S. 126), verwechselt werden darf. Er befand sich ohngcführ 3 Stunden nordwestlich von Jerusalem und lag in dem Gebiete des Stammes Juda. Das Haus, in welchem Jesus mit den beiden Jüngern gespeist haben soll und das man für die Wohnung des Kleophas hält, wurde durch'die heilige Paula, als sie mit dem heiligen Hieronymus Palästina durchwanderte, in eine Kirche umgestaltet, welche sie ihrer Tochter Eustochium widmete. Von dieser Kirche steht jetzt nur noch ein Stück Mauer mit einer aus bchauencn Steinen errichteten Thür; das Uebrige liegt in Trümmern. I.XI. Jesus, der Auferstandene, besucht seine Jünger in Jerusalem. (Mark. 16, 14. Luk. 24, SS-49. Loh. 20, 1g- W.> Nach Jesu Kreuzigung hielten sich dessen eilf Jüilger und andere Anhänger des göttlichen Lehrers in stiller Verborgenheit in Jerusalem auf; denn sie fürchteten von Jesu Feinden auch Nachtheil für sich, und deshalb hatten sie sogar die Thüren verschlossen, um nicht überrascht zu werden, wenn die Feinde ihres Meisters etwa ihren Aufenthalt ausfindig machen sollten. Nur einzeln gingen sie hervor, wenn die Nothwendigkeit es erforderte, und bald begaben sie sich wieder in ihren verborgenen Aufenthalt zurück. Hierher eil- 30* 468 Siebentes Buch. ten auch die beiden Jünger, welche in Emmaus gewesen waren und daselbst ihren geliebten Lehrer erkannt hatten. Als sie aber kaum eingetreten waren, und während sie noch das erfreuliche Ereigniß mit großer Lebhaftigkeit den Andern erzählten, und diese mit der größten Theilnahme ihnen zuhörten und ihr Staunen über das wundervolle Ereigniß kund gaben, während sie also Alle einzig ihre Gedanken auf Jesu Wiederbelebung richteten und nicht bemerkten, was um ihnen vorging, trat Jesus selbst zu ihnen ein und begrüßte sie mit dem gewöhnlichen Gruße der Juden: „Friede sey mit euch!" den er aber jetzt wohl bedeutungsvoller als gewöhnlich sprach, indem er ihnen darin zugleich zurief, daß sie nun alle Be- sorgniß und Unruhe schwinden lassen und dagegen heiteren Gemüthes werden sollten. Jesu Erscheinung kam aber den in ihre Unterhaltung vertieften Jüngern höchst unerwartet und sie wurden dadurch so überrascht, daß sie erschraken und ein Gespenst unter sich zu sehn glaubten. Deshalb sagte Jesus, um sie zu beruhigen: „Erschreckt doch nicht vor mir und haltet mich nicht für ein Gespenst! Kommt her und betastet meine Hände und meine Füße und überzeugt euch, daß ich es wirklich bin; denn ein Gespenst hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr an mir wahrnehmen werdet." Mit diesen Worten reckte er ihnen seine Hände entgegen und ließ seine Füße von ihnen anfassen. Allein, wie es gewöhnlich dem Menschen geht, daß er, wenn etwas Unverhofftes und Ungewöhnliches geschieht, dessen Wirklichkeit er sehnlichst wünscht, doch an dieser anfangs noch zweifelt, um nicht etwa durch eine Täuschung sich desto schmerzlicher zu betrüben, so erging es auch den Jüngern. Verwunderung und Freude über die Erscheinung des geliebten Lehrers erfüllte sie; aber sie wagten noch nicht, dieser Freude sich ganz zu überlassen und völlig an Jesu wirkliche Gegenwart zu glauben. Um sie völlig zu überzeugen, daß kein Trugbild sie täusche, und daß er es wirklich sey, der früher mit ihnen gelebt und gegessen hatte, so fragte er sie: „Habt ihr Etwas zu essen in Bereitschaft?" Hierauf legten sie ihm ein Stück gerösteten Fisch und etwas ausgelassenen Honig vor. Fische, aber nur solche, welche, wie das Gesetz (3 Mos. 11, 9.) Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 469 genau vorschreibt, mit Schuppen und Floßfedern versehn sind, waren eine Lieblingsspeise der Juden, so wie sie auch jetzt noch von den Morgenländern gern gegessen werden; und Hv- ^ nig wurde ebenfalls gewöhnlich genossen. Jesus nahm die i ihm dargebotene Speise, aß davon und überzeugte seine Jünger 1 dadurch, daß er wirklich lebte, und daß sie sich nicht vor s ihm zu fürchten nöthig hätten. Hierauf erinnerte er sie an seine frühern Verkündigungen, die er ihnen vor seinen Leiden, als er noch fortwährend bei ihnen weilte und mit ihnen umher wanderte, mitgetheilt hatte, ; und zeigte ihnen, auf welche Weise dieselben durch seine letz- I ten Schicksale in Erfüllung gegangen wären. Ja, er legte > ihnen dar, daß Alles so mit ihm habe geschehn müssen, wie ! es schon in dem Gesetz, in den Propheten und in den Psal- ! rnen, also in den heiligen Schriften des alten Testaments l überhaupt geschrieben sey; denn die Juden unterschieden schon ^ vor Jesu Zeiten, wie sie es auch noch jetzt thun, drei Haupt- - theile der Schriften des alten Testaments, nämlich: das ! Gesetz, welches die fünf Bücher Mosis, umfaßte; die Pro- i pheten, zu denen nicht allein die eigentlichen prophetischen ! Schriften, sondern auch die Bücher Josuas, der Richter, j Samuels und der Könige gerechnet wurden; und die andern ! heiligen Schriften, zu denen die übrigen Bücher des ! alten Testaments, also auch die Psalmen gehörten. Zuletzt j sprach er nochmals zu seinen Jüngern: „Friede sey mit euch!" i und verkündigte ihnen, daß sie hinfort an seiner Stelle als j Gottesgesandte wirken und dazu auch durch den heiligen Geist ! gekräftigt werden sollten, den sie durch ihn empfangen wür- ^ den, wobei er sie anhauchte, um diese Mittheilung ihnen sinnbildlich darzustellen. Auch versicherte er ihnen, daß sie ^ das Vermögen, Kranke zu heilen, empfangen würden, und ! alsdann diejenigen von den Folgen der Sünde (nach der ' Ansicht der Juden, welche Krankheiten als Folgen der Versündigung ansahn) befreien würden, denen sie Heilung ihres ! Uebels angedeihen lassen wollten; Andere aber, welche sie l solcher Wohlthat nicht für werth hielten, in ihrem Zustande > lassen könnten. Nach diesen Mittheilungen entfernte sich Jesus. j I 470 Siebentes Buch. Als dieses Alles geschah, war Thomas, welcher den Beinamen Zwilling führte, nicht zugegen. Nachdem derselbe sich daher bei seinen Mitjüngern wieder eingefunden hatte, berichteten ihm diese, daß Jesus bei ihnen gewesen sey, und sich mit ihnen unterredet habe. Allein Thomas schenkte ihren Versicherungen kein volles Vertrauen, sondern erklärte, daß er erst dann Jesu Wiederbelebung glauben werde, wenn er selbst seinen Lehrer gesehn, die Nägclmale in Füßen und Händen betrachtet, und dessen Hände und Seite betastet habe. Dazu wurde ihm bald Gelegenheit gegeben; denn acht Tage darauf, als alle cilf Jünger bei einander waren, kam Jesus abermals zu ihnen und begrüßte sie auf die gewöhnliche Weise. Da er Kunde davon hatte, daß Thomas noch an seiner Wiederbelebung zweifelte, so wendete er sich vor Allen zu diesem und sagte zu ihm: ,,Da, betrachte meine Hände und betaste sie und meine Seite, damit du feste Ueberzeugung von meiner wirklichen Wiederbelebung gewinnest." Jesu Erscheinung und dessen an ihn gerichtete Anrede überraschte den ungläubigen Thomas so, daß er in seinem ersten Staunen ausrief: „Mein Herr und mein Gott!" und nichts weiter zu sagen vermochte. Dagegen erwiederte Jesus: „Nun, nachdem du selbst mich gesehn hast, glaubest du. Wohl aber denen, die meine Wiederbelebung glauben, ohne daß sie mich sehn!" Hierauf entfernte sich der Auferstandene und begab sich an seinen verborgenen Aufenthaltsort, den er vielleicht in Bethanien bei seinen Freunden hatte. m. Jesus kommt zu seinen Jüngern am See Genesarcth. 21 ., Nachdem das Passahfest vorüber war und die Jünger- Jesu die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß ihr geliebter Lehrer wirklich lebte, folgten sie der Weisung desselben und begaben sich nach Galiläa, in ihre Heimath, wo sie ihrem früheren Gewerbe, der Fischerei, auf dem See Gene- sareth, oblagen. Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 471 Der See Genesareth, der diesen Namen von seiner anmuthigen Umgebung empfangen zu haben scheint, hieß in den ältern Zeiten der See oder das Meer Kinnereth, welche Benennung einige durch Harfenmeer erklären, weil man seine Gestalt mit der einer Harfe vergleicht, der aber auch nach der an seinem Ufer liegenden alten Sradt Kinnereth also genannt werden konnte. I» der Folge wurde er das Galiläische Meer (vergl. S. 12), weil er an die Landschaft Galilaa grenzte, und der See oder das Meer bei Tiberias genannt, weil diese Stadt an seinem westlichen Uier lag. Auch heißt er zuweilen geradezu der See oder das Meer, und jetzt ist er unter dem Namen Bahr- Tabaria bekannt. Er wird von dem Jordan gebildet, der von Norden nach Süden durch ihn hindurch fließt; daher dehnt er sich auch in dieser Richtung zu einer Länge von ohngefahr 6 Stunden aus, während er in seiner größten Breite nur 2 Stunden hält. Den Lauf des Jordans unterscheidet man deutlich in ihm in seiner ganzen Ausdehnung. Dieser See ist größtenthcils, hauptsächlich auf der Morgen - und Abendseite, von Bergen und Hügeln umgeben; nur gegen Mitternacht und Mittag zeigt sieh einiges ebenes Land. Diese Beschaffenheit seiner Ufer bewirkt, daß sein Wasserspiegel meistens eben und ruhig bleibt; nur wenn Winde aus Sädwest hereinbrechen, die gewöhnlich sehr heftig sind, so werden seine Gewässer in eine ungestüme Bewegung versetzt, welche den Fischerbooten gefährlich wird, weil alsdann die Winde der starke» Strömung des durch den See fließenden Jordans entgegen kämpfen. Man findet in ihm keine seichten Stellen und er hat vorzüglich gegen das westliche Ufer eine beträchtliche Tiefe. Von Westen und Osten ergießen sich mehrere Bäche in ihn, z. B. der Bach Kapernaum und der Gerasenische Bach. Zur Regenzeit stürzen eine Menge Rcgenbäche von den ihn umgebenden Gebirgen in ihn; daher steigt auch sein Wasser zu dieser Zeit 3 bis 4 Fuß höher, als es gewöhnlich steht. Sein Wasser ist so klar, daß man den mit Kies bedeckten Grund überall hindurchschimmern sieht; es ist sehr kühl, von süßem Geschmack und trinkbar. Die Einwohner von Tiberias holen alle ihr Trink- 472 Siebentes Buch. Wasser aus dem See, weil sie keine Quellen süßen Wassers in der Nähe haben. Der See Genesarcth ist sehr reich an Fischen und zwar von mehreren Arten. Vorzüglich werden Karpfen in ihm gefunden. Hauptsächlich enthalt sein nördlicher Theil sehr viele Fische, während in dem südlichen sich nur wenige vorfinden, weil hier mehrere heiße Quellen in ihn sich ergießen. Sonst waren gegen 1500 Fischer auf ihm mit dem Fischfangs beschäftigt und gewannen dadurch ihren Unterhalt; jetzt aber trifft man nur wenige Fischer an ihm an; daher sind die Fische in ihm auch weit zahlreicher als ehemals, weil sie nicht hinweggefangen werden. Als Burkhardt den See besuchte, war auch der einzige Kahn, den einige Reisende kurz^ zuvor noch auf dem See gefunden hatten, zerfallen, und die Trägheit der dort wohnenden Menschen ist so groß, daß sie keinen neuen erbaueten. Sie treiben den Fischfang nur mit Wurfnehen am Gestade, indem sie hie und da bis zur Hälfte des Körpers in das Wassers gehn, wo dieses das flache Ufer gestattet. In dem Kriege der Juden gegen die Römer, welcher mit der Zerstörung Jerusalems endigte, brachte Josephus, der in Galiläa die Juden befehligte und in Tarichäa, einer Stadt am See, 5 Stunden nordöstlich von Scythopolis, lag, auf dem Galiläischen Meere 232 Fischerboote zusammen, und rückte damit vor Tiberias, das von ihm abgefallen war; und unterwarf sich diese Stadt wieder. So reich war damals der See an Fahrzeugen. Als Tarichäa von dem Römischen Feldherrn Vespasianus eingenommen wurde, wollte ein Theil der Einwohner jener Stadt über den See entstiehn; allein sie wurden eingeholt und alle nieder gemacht, so daß der See mit Menschenblut sich röthete und seine Ufer mit Todten bedeckt lagen. Damals kamen 6500 Menschen um. Die Umgebungen des Sees werden sonst als die reizendsten geschildert. Um ihn herum lagen eine Menge schöner und volkreicher Städte und Flecken, unter denen Tiberias, Tarichäa, Kapernaum, Chorazin, Hippos und die beiden Bethsaida die vorzüglichsten waren. Die ganze Umgegend glich einem reizenden Garten und wird von Josephus als Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 473 ein wahres Paradies geschildert. Der Boden war fett und sehr fruchtbar; Bäume der verschiedensten Arten und mit den herrlichsten Früchten fanden sich vor, als Oelbäume, Feigenbäume, Dattelpalmen, Nußbäumc, Pomeranzcnbäume und Weinstöcke. Bei einem sehr günstigen Klima, das weder zu heiß noch zu kühl war, wurde der Fleiß, welchen die Bewohner auf die Anpflanzung des Bodens verwendeten, reichlich belohnt, weil jedes Gewächs daselbst trefflich gedieh. Dabei erhielten sich dort die Früchte sehr lange und man konnte zehn Monate im Jahre hindurch ununterbrochen Feigen und Weintrauben ernten. Noch jetzt herrscht dasselbe Klima dort, und noch hat die Gegend viele Annehmlichkeiten; allein sie ist sehr verwildert und öde, weil der Fleiß der Anbauer mangelt, der eben so reichlich als früher belohnt werden würde, weil der Boden nicht minder als sonst fruchtbar ist. Die ehemals blühenden Städte und Flecken liegen jetzt alle in Trümmern, und von vielen sind fast keine Spuren mehr vorhanden. Nur Tiberias, das in seiner jetzigen Gestalt freilich nicht dem alten gleich kommt, schmückt noch das westliche Ufer des Sees, und daselbst findet man einige 'Anpflanzungen von Weizen, Gerste, Dhurra, Tabak, Melonen, Weinreben und einigen Gemüsearten. Die Melonen, welche hier wachsen, sind von vorzüglicher Güte und werden in Akka und in Damaskus sehr gesucht, wo diese Frucht beinahe einen Monat später reif wird. Auch wird jetzt hier noch die Balsamstaude gezogen, durch die schon in den frühesten Zeiten jene Gegend berühmt war. An dem südlichen Ende des Sees, beim Ausfluß des Jordans aus ihm, trifft man auf dem rechten und linken Ufer des Flusses ansehnliche Ruinen an, welche wahrscheinlich aus den Zeiten der Kreuzzüge hcrstammen; die beträchtlichen Ueberreste einer Brücke aber, scheinen aus den Zeiten der Römer zu seyn. An diesen See hatten nach Jesu Auferstehung sich die Jünger Simon Petrus, Thomas, Nathanael und die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes in einer Nacht begeben, um zu fischen. Da der Fischfang am besten bei Aufgang oder Untergang der Sonne betrieben wurde, so 474 Siebentes Buch. kann man sich leicht erklären, warum ihre Bemühungen während der Nacht fruchtlos blieben und sie keinen Fang thaten. Als der Morgen zu dämmern begann, trat Jesus an das Ufer des Sees; die Jünger aber konnten ihn bei der noch herrschenden Dunkelheit nicht deutlich erkennen und hielten ihn vielleicht für einen Fremden, welcher Fische zu kaufen wünschte. AIs JesuS ihnen daher zurief: „Habt ihr Nichts zu essen?" so erwiederten sie: „Nein!" Hierauf ricth er ihnen, das Netz zur Rechten des Schiffs auszuwerfen, wenn sie Fische fangen wollten. Auch an der Stimme erkannten sie ihren Lehrer noch nicht; aber sie folgten seinem Rathe, weil sie meinten, er könnte an irgend Etwas das Vorhandenseyn von Fischen bemerkt haben; und ihre Folgsamkeit brachte ihnen reichlichen Gewinn; denn sie fing-» eine solche Menge Fische, daß sie die Netze kaum herbeizuziehen vermochten. Dieser reiche Fischzug erinnerte den Jünger Johannes an einen frühern ähnlichen Fall, wo sie auf Jesu Rath einen reichen Fang gethan hatten; und nun gerietst er auf den Gedanken, den die Stimme des Sprechenden noch mehr bestärken mochte, daß auch diesesmal Jesus ihr Rath- geber seyn könnte. Diese Vermuthung theilte er dem Petrus mit, der in seinem Eifer und bei dem Streben, seine Ergebenheit Jesu wieder aus das deutlichste zu erkennen zu geben, eiligst, um desto leichter schwimmen zu können, sein Ober- kleid um seinen Leib gürtete, denn er hatte während der Arbeit nur sein Unterkleid anbehalten, sich in das Wasser stürzte und an das Ufer schwamm. Seine Gefährten kamen erst einige Zeit darauf auf dem Fischerboote und mit den volle» Netzen an das Land, von dem sie nicht fern gewesen waren. Als die Jünger an das Ufer kamen, fanden sie daselbst ein Kohlenfcuer und Fische darauf, auch lag Brod dabei. Diese Anstalten zu einer Mahlzeit konnte entweder Jesus, oder der vorausgeeilte Petrus getroffen haben; oder es waren andere Fischer da gewesen und hatten ein Mahl gehalten. Nun ließ Jesus noch mehr Fische von den so eben gefangenen Herbeibringen und auf dem Kohlenfeuer-rösten. Unterdessen half Petrus das Netz vollends an das Land zieh» und ausleeren. Dabei sahen die Jünger, daß sie einen über- Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 475 aus reichen Fang gethan hatten; denn sie fanden in dem Liehe 153 große Fische. Hierauf lud Jesus seine Jünger ein, das Mahl zu halten. Alle hatten ihn jetzt deutlich erkannt und folgten daher willig seiner Einladung. Jesus verrichtete wahrend der Mahlzeit, wie er früher es gethan hatte, das Geschäft des Hausvaters; er theilte das Brod aus und reichte die Fische umher.. Nach Beendigung der Mahlzeit wendete sich Jesus an den Jünger Petrus, um zu sehn, ob derselbe sich von seinem frühern Fehltritte wieder ganz erhoben hätte und etwas de- müthigcr geworden wäre, als er früher sich gezeigt hatte, wo er einem zu großen Selbstvertrauen sich hingab. Da Petrus so eilig zu ihm hcrbeigeschwommen war, so fragte ihn Jesus: „Simon Johanna, liebst du mich wirklich mehr als die Andern, wie du es früher versichertest?" Aus diese Frage antwortete Petrus weit bescheidener als sonst; denn er behauptete nicht mehr, daß er Jesum mehr liebte, als derselbe von den Andern geliebt würde, sondern er entgegnete nur: „Herr, du weißt es ja, daß ich dich lieb habe." Darauf erwiederte Jesus: „Nun so beweise es dadurch, daß du dich derer unter meinen Bekennen, annimmst, die noch schwach im Glauben sind, und sie leitest und darin befestigst." Da Petrus Jesum dreimal verläugnct hatte, so legte dieser seinem Jünger auch dreimal dieselbe Frage vor, um ihn auf das innigste zu bewegen und zu dem festesten Vorsah zu bringen, seinem Meister die treueste Liebe zu weihn. Auch verfehlte Jesus seinen Zweck nicht; denn Petrus fühlte sich innig gerührt und wehmüthig ergriffen, und berief sich endlich auf Jesu Kenntniß der Herzen, durch welche derselbe auch von seiner Liebe zu ihm überzeugt seyn müsse. Darauf sagte Jesus zu seinem Jünger Petrus: „Du bedarfst auch einer innigen und treuen Liebe gegen mich; denn du wirst in deinen spätern Lebenstagen noch Leiden um meinetwillen erdulden müssen und gefangen genommen, auch wohl zum Tode geführt werden." Nach diesen Worten wünschte Jesus seinen Jünger Petrus noch allein zu sprechen und forderte ihn daher auf, mit ihm abseits zu geben. Aber nicht Petrus allein folgte dem 476 Siebentes Buch. Rufe seines Meisters, sondern auch Johannes, der mit Jesu und mit seinem Mitjünger Petrus sehr vertraut war, ging mit, um weiter zu hören, was Jesus dem Petrus sagen würde. Da das Petrus aber bemerkte, so sprach er zu seinem Lehrer: „Herr, soll denn dieser auch mit gehn?" Darauf erwiederte Jesus: „Wenn ich haben wollte, daß dieser hier bleiben sollte, bis ich zurückkomme, so würde ich es ihm schon selbst sagen; daher brauchst du dich nicht darum zu kümmern. Komm du nur jetzt mit mir!" Jene Worte Jesu aber waren von den übrigen Jüngern mißverstanden worden; und daher war ein Gerücht entstanden, daß Johannes nie sterben würde. EXIII. Jesus versammelt seine Jünger auf einem Berge in Galilaa. (Mattt,. W, 16 —M. Mark. 16, 15-18.) Wahrscheinlich befand sich Jesus hierauf in Galiläa mit seinen Jüngern öfter beisammen und unterrichtete sie in den Angelegenheiten des Gottesrcichs; aber die Evangelien erzählen uns davon weiter nichts, sondern berichten nur noch, daß Jesus auf einem Berge in Galilaa seinen cilf Jüngern und 500 andern seiner Anhänger (1. Corinth. 15, 6.) erschienen sey. Der Berg wird nicht genannt, auf welchem dieses vorgefallen seyn soll, vielleicht aber geschahe es auf dem Gebirge Karmel. Das Gebirge Karmel, welches schon der Prophet Jesaias (Jes. Z5, 2.) rühmt, und dessen Name, welcher Fruchtgefilde bedeutet, seine Beschaffenheit angibt, besaß alle Annehmlichkeiten, die den Aufenthalt auf seinen Höhen und in seinen Thälern erfreulich machen konnten. Ein großer Theil von ihm glich den anmuthigsten Gärten, und von seinen Höhen hat man eine sehr weite Aussicht über das Meer und das umliegende Land; daher zeichnete es sich Vortheilhaft unter allen Gebirgen Palästinas aus. Es darf nicht mit dem südlichen Karmel, einem Gebirge in der Nähe des todten Meeres (s. S. 91) verwechselt werden; sondern es befindet sich an der nordwestlichen Küste von Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 477 Palästina, unterhalb des Busens, welchen das mittelländische Meer bei St. Jean d'Akre macht, und erstreckt sich von Norden nach Südosten in das Land hinein. Nordöstlich tritt es mit dem Antilibanon in Verbindung; südöstlich aber vereinigt es sich mit dem Gebirge Ephraim. Es besteht aus mehreren einzelnen unter sich verbundenen Bergen, die in dem nördlichen Theile des Gebirges am höchsten sind, gegen Süden aber in Hügel übergehn. Es hat ohngefähr eine Länge von 5 Stunden »nd sein ganzer Umfang soll gegen 1L Stunden betragen. Sein nördlichster Theil wird von dem Meere bespült, nach Süden z» aberx entfernt es sich immer weiter von demselben, so daß zwischen dem Meere und ihm eine Ebene sich bildet, die sonst zu den fruchtbarsten gehörte und auch jetzt noch Oelbäume und andere Fruchtbäume und Feldfrüchte trägt. Der nördlichste Theil bildet ein hohes Vorgebirge, dessen Höhe eine halbe Stunde beträgt und das sich vorzüglich durch Fruchtbarkeit auszeichnete, und noch jetzt an seinem untern Theile Oelbäume, Feigenbäume, Weinreben und andere Fruchtbäume enthält. Noch jetzt hat das Gebirge seinen alten Namen und wenn es auch nicht mehr so angebaut ist, als in den frühern Zeiten es war, und daher etwas verwildert erscheint, so zeichnet es sich doch noch durch seine Annehmlichkeit aus. Auf den Höhen stehen Wälder von Fichten und Eichen; in den Niederungen aber findet man die oben genannten Fruchtbäume und Lorbeerbäume; überall trifft man gcwürzhafte Kräuter und mancherlei Arzneipflanzen; auch wachsen die schönsten und wohlriechendsten Blumen daselbst, als Hyacinthen, Jonquillen, Tazetten, Anemonen u. a. m. Das ganze Gebirge wird von einer Menge kristallheller Bäche und Quellen bewässert, daher erscheint es auch überall mit dem schönsten Grün bekleidet. Dabei enthält es, vorzüglich auf der Abendseite, eine große Anzahl von Fclsengrotten und Höhlen, deren nach der Angabe Mancher gegen 2000 vorhanden seyn sollen, und die in frühern Zeiten von Einsiedlern und Mönchen bewohnt wurden, in denen aber jetzt hie und da Araber Hausen. Viele dieser Höhlen haben einen so engen Eingang, daß nur ein einzelner Mensch durch denselben hineinkriechen kann; und ihr Inneres ist in einer 478 Siebentes Buch. so krummen Richtung ausgehauen, daß der Vorangehende dem Nachfolgenden sogleich aus den Äugen kommt und man sich also darin leicht verbergen kann. Aus dieser Beschaffenheit der Höhlen läßt sich daher die Stelle Amos 9, 3. lcich- ! ter erklären. Häufig trifft man auch Ruinen von Klöstern, Kirchen und Kapellen auf dem Gebirge an; in der Umgegend aber findet man alle halbe Stunden einen Flecken oder ein ^ Dorf. Wild enthält das Gebirge in Menge; vorzüglich halten sich in seinen Waldungen viele wilde Schweine auf. Zu Josuas Zeiten wurde das Gebirge Karmel von einem ' Kanaanitischen Könige beherrscht, der seinen Wohnsitz in der Stadt Jokneam (Jos. 12, 22.) hatte und zu den letzten gehörte, welche von den Juden besiegt wurden. Auf dem Karmel findet man ein kleines Hospicium zur Aufnahme für Pilger, das in einer in den Fehen gehauenen Grotte besteht. Nicht weit davon, etwas höher hinauf, zeigt man eine andere Grotte, in welcher der Prophet Elias sich aufgehalten haben soll. Sie befindet sich in hartem Kalksteine, ist gegen 20 Fuß lang und gegen 15 Fuß breit und hat die merkwürdige Eigenschaft, daß jeder Ton darin ungewöhnlich laut schallt. Daß der Prophet Elias wirklich auf dem Karmel sich aufhielt, geht aus 1. König. 18, 19 — 46. hervor. Diese Grotte wird von den Christen und Moha- medanern auf gleiche Weise in Ehren gehalten; die letztem vorzüglich betrachten sie als einen heiligen Ort, und lassen sie von einem Derwische in Ordnung halten, der nahe dabei in einer Bauernhütte wohnt. Schon frühzeitig erbaute man auch bei derselben eine dem Elias geweihte Kapelle. Später wurde dabei ein Kloster errichtet, das noch bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts stand, jetzt aber in Trümmern liegt. Denn als Napoleon im Jahre 1799 nach Syrien vorgedrungen war, brachten die Franzosen ihre Pestkranken in jenes Kloster, daher wurde es hernach von den Türken zerstört. Es stehn aber noch Ueberreste von demselben; vorzüglich ist noch ein Theil der Klosterkirche vorhanden, in welcher zuweilen noch Gottesdienst gehalten wird; auch findet man noch gute Cisterncn und einen ziemlich wüsten Garten. Das Kloster war der Mutter Jesu und zwar unter dem Name»: Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 479 „unserer Frau vom Berge Karmel" geweiht. Die Mönche desselben, die zu den Barfüßern gehören, hießen von dem Berge Karmeliter. Wenn man noch etwas höher am Berge hinaus steigt, so gelangt man zur sogenannten Grotte des Propheten Elisa, der sich ebenfalls häufig auf dem Karmel aufhielt (2. König. 2, 25. 4, 25.). Sie ist, wie die übrigen, in den Felsen gehauen und ohngefähr 25 Fuß lang und 10 bis 12 Fuß breit. Sie ist sehr nahe bei der Grotte des Elias, und wenn beide Propheten in diesen Grotten wirklich weilten, so konnten sie mit einander sprechen, ohne aus ihren Ausenthalts- örtern heraus zu gehn. Ohngefähr 1^ Stunden von diesen Grotten sieht man die Ruinen von einem großen Kloster, das man für das erste hält, welches im Morgenlande erbaut wurde, um die Einsiedler in Klosterleute umzuwandeln. In ihm soll der Orden der Karmeliter entstanden seyn. Nahe bei diesem Kloster ist die sogenannte Quelle des Elias, welche aus einer Felsengrotte, die wie ein Backofen gestaltet ist, hervorquillt. Sie soll auf das Gebet des Propheten Ellas entsprungen seyn. Noch weiter oben kommt man zu dem M e l o n e n fel d e, das seinen Namen von Steinen hat, die dort liegen und an Gestalt Melonen ähnlich sind. Zum Theil sind sie an die Felsen angewachsen und von außen mit einer weißen kulkar- tigen Kruste überzogen. Wenn man sie von den Felsen abschlagt oder zertrümmert, w zeigen sie inwendig eine schwarze, dem Feuerstein ähnliche Masse. Eine Sage erzählt, diese Steine seyen durch eine Verwünschung des Propheten Elias entstanden, als ihm der Eigenthümer des Melonenfeldes einige der Früchte verweigert habe, die er zu seiner Erfrischung von demselben begehrt hatte. Man zeigt auch noch den Ort, wo der Prophet Elias geopfert haben soll, als er den Baalodienst zu nichte machte (1. König. 18, 19 — 40.). Als Vespasianus in Palästina Krieg führte, soll auf dem Karmel ein Orakel gewesen seyn, welches ihm voraus verkündigte, daß er auf den Römischen Kaiserthro» gelangen würde. Zu derselben Zeit besaßen die Juden, wie Josephus 480 Siebentes Buch. erzählt, mehrere feste Plätze am Karmcl, in welche sie sich zurückzogen. Am Fuße des Karmels gegen Norden, an dem Ufer des Meeres, zwei Stunden südlich von St. Jean d'Akre, dieser Stadt gegenüber,, lag die Stadt Kaipha, die sehr alt und ziemlich beträchtlich gewesen sey» soll. Sie soll in dem Laufe der Zeiten verschiedene Namen gehabt und Por- phyria, Porsena, Sykaminon und Hass« geheißen haben. Der Name Kaipha soll ihr beigelegt worden seyn, weil sie der Hohepriester Kaiphas habe von neuem aufbauen lassen. Zur Zeit der Kreuzzüge war diese Stadt, obschon sie damals nur eine mäßige Größe besaß, ziemlich fest und von Wichtigkeit. Beim Tode Gottfrieds von Bouillon wurde sie so lebhaft zu Lande und Wasser von dem Fürsten Tankred und den Venetianern angegriffen, daß sie die Mohamedaner übergeben mußten, obgleich diese den tapfersten Widerstand geleistet hatten. Der Besitz dieser Stadt war den Christen sehr vortheilhaft, weil der Hafen ihren Schiffen einen sichern Aufenthaltsort bot. Nach der Vertreibung der Christen aus Palästina wurde Kaipha, eben so wie Jaffa, Casarca und mehrere andere Seestädte von dem Sultan Saladin zerstört. In frühern Zeiten war sie auch der Wohnsitz eines Bischofs. Das heutige Kaipha ist nur ein Dorf, das von Juden, Griechen und Mohamedaner» bewohnt wird, und bei welchem man noch einige Ueberreste von Mauern und eines Schlosses findet. Der Hafen ist aber auch jetzt noch wichtig. Auf dem Gebirge Karmel oder auf einem andern Berge in Galilaa, denn mit Gewißheit läßt sich der Ort nicht bestimmen, versammelte Jesus nach seiner Auferstehung seine eilf Jünger und viele andere seiner Anhänger um sich. Die Meisten, die ihn wahrscheinlich schon wieder gesehn hatten, bezeigten ihm ihre Verehrung nach morgenländischer Sitte, indem sie sich vor ihm niederwarfen; Einige aber wollten es noch nicht recht glauben, daß Jesus wirklich wieder vor ihnen stehe und mit ihnen rede. Jesus aber sprach zu denen, die sich um ihn versammelt hatten: „Ich bin nun zum Herrn über Alles erhoben worden; darum ertheile ich euch jetzt den Auftrag: gehet hin und lehret alle Völker, und taufet sie Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 481 auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; und lehret sie halten Alles, was ich euch befohlen habe. Ich selbst werde dabei euch stets nahe seyn bis zum Ende aller irdischen Dinge." Dabei verkündigte er ihnen, daß, wer bei dem Empfange der Taufe ihm und seiner Lehre mit vollem Vertrauen sich weihe, selig werden würde; jeder aber, der nicht einem thätigen Glauben huldige, elend bleiben werde. Zuletzt versicherte er, daß diejenigen, die ihm mit vollem Vertrauen und ganzer Hingebung huldigen würden, Kraft empfangen sollten, außerordentliche Thaten zu verrichten und ohne Nachtheil manches Gefährliche zu erdulden. Das waren die Reden, die Jesus an seine Jünger und Anhänger ergehen ließ, als er sich auf einem Berge in Galiläa befand, und die von den Evangelisten uns berichtet werden. Wohin sich Jesus hierauf zunächst begab, wird uns nicht erzählt; nicht lange hernach aber muß er mit seinen Jüngern wieder nach Judäa gewandert seyn, da wir ihn kurz vor dem Psingstfeste wieder in der Nahe von Jerusalem finden. HV. Jesus begibt sich mit seinen Jüngern auf den Oelberg und verschwindet daselbst. iMark. 16. 1g u. 20. Luk. Si, 50 - 53. Apostelgesch. 1 , 1 - 1 I., Vierzig Tage lang zeigte sich Jesus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern und war öfter mit ihnen zusammen, um ihnen den großen Plan zur Menschen-Erlösung und Be- seligung, der nach Gottes Willen durch ihn und durch seine Schüler ausgeführt werden sollte, deutlicher darzulegen, um sie in dem, was sie zur festen Begründung des Gottesreichs thun sollten, vollends zu unterweisen, und sie zu einem freudigen Muthe für ihre künftige Wirksamkeit zu erheben, indem er ihnen nochmals die Verheißung gab, daß Gottes Geist sie erfüllen, erleuchten und kräftigen werde. An dem vierzigsten Tage aber nach seiner Auferstehung versammelte Jesus seine Jünger, zum letztenmale während seines Aufenthaltes auf der Erde, in der Nahe von Bethanien, auf dem Oel- 31 48L Siebentes Buch. berge, um sich, um von ihnen Abschied zu nehmen. Der Sage nach sollen da auch seine Mutter, sein Freund Lazarus, dessen beide Schwestern Martha und Maria und seine übrigen Freundinnen zugegen gewesen seyn. Der Oelberg ist der höchste Berg unter denen, welche sich in der Nähe von Jerusalem befinden. Er ist kaum eine Viertelstunde ostwärts von der Stadt entfernt und wird nur durch den Bach Kidron von dieser geschieden. Seinen Namen führte er von den Oelbäumen, die sonst in großer Anzahl auf ihm wuchsen. Uebrigens trug er auch andere Fruchtbäume, als Feigen-, Zitronen-, Pomeranzen, Palmen- bäumc und viele Wcmstöcke. Er erstreckt sich in bogenförmiger Krümmung von Norden nach Süden, so daß seine mittlere Höhe am weitesten von der Stadt absteht. Sein Nucken geht in drei Spitzen aus, die gleichsam besondere Berge bilden. Die mittelstc §der östliche Spitze wird der Berg der Himmelfahrt genannt, weil Jesus hier in den Wolken verschwunden seyn soll; doch zeigt man die Stelle, wo dieses geschehen sey, nicht ganz oben auf dem Gipfel, sondern 200 bis ZOO Schritte unterhalb desselben. Der Sage nach soll Jesus bei seiner Erhebung in die Wolken in dem Felsen, auf welchem er stand, den Abdruck seiner beiden Füße zurückgelassen haben. Man zeigt aber jetzt nur noch den Abdruck des linken Fußes daselbst, und behauptet, die Türken hätten den Stein, auf welchem der andere Fuß abgebildet gewesen sey, in ihre große Moschee auf dem Berge Moriah geschafft. Die noch vorhandene Fußstapfe ist nach der Versicherung der Reisenden drei Finger tief in den Stein eingedrückt. Die Ferse ist nach Mittag gerichtet, die Zehen aber befinden sich auf der Mitternachtsseitc mit einer geringen Abweichung nach Abend zu. Einige Reisende berichten, sie sey von ansehnlicher Größe, und wollen daher Jesu überhaupt eine mehr als gewöhnliche Körpergröße beimeffen, ohne zu bedenken, daß diese Fußstapfe wohl nicht von Jesu Füßen selbst herrühren mag, sondern nur zur Bezeichnung des Ortes, wo Jesus verschwand, aufgestellt wurde. Uebrigens hat man die Fußstapfe mit einer kleinen niedrigen Mauer umgeben, 1 ! k i Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 483 damit Niemand darauf treten soll, weil sie gewöhnlich von den frommen Pilgern geküßt wird. Auf dieser Stelle ließ die Kaiserin Helena zu Anfang des vierten Jahrhunderts eine prächtige Kirche nebst einem Kloster erbauen. Diese hieß die Kirche der Himmelfahrt Christi und hatte eine achtseitige Kuppel von 100 Fuß im Durchmesser. Eine Sage erzählt, daß, so viele Mühe auch die Baumeister sich gegeben hätten, um diese Kuppel oben völlig zuzuwölben, sie doch ihren Endzweck nicht hätten erreichen können, sondern es sey in derselben eine Ocffnung gerade über dem Steine mit der Fußstapfe geblieben und daher sey sie der Hauptkuppcl in der Grabeskirche zu Jerusalem ähnlich gewesen. In dem dabei befindlichen Kloster waren Mönche von dem Benediktinerordcn, welche auch Olivetaner genannt wurden, weil ihr Kloster auf dem Oel- oder Olivenberge sich befand. Beide Gebäude, Kirche und Kloster, wurden in der Folge von den Moha- medanern zerstört, und jetzt bemerkt man nur einige Spuren noch von den Grundmauern. Jetzt steht eine von den Türken erbaute kleine achtseitige Moschee dort, die 28 Schritte im Umfange und an jeder Ecke eine dorische Säule hat, welche eine schöne Kuppel tragen, in welcher sich ebenfalls oben eine Oeffnung befindet. Sonst standen die Säulen ganz frei, jetzt aber sind sie durch eine Mauer verbunden. In ihrem Innern, ohngefähr drei Schritte weit rechts von dem Eingänge, befindet sich der zwei Quadratfuß große schwärzliche Stein, welcher die oben beschriebene Fußstapfe enthält. Für eine bedeutende Geldsumme hatten die Christen in Palästina von den Türken die Erlaubniß bekommen, in dieser Kapelle am Himmelfahrtstage Gottesdienst halten zu dürfen; daher trifft man auch in derselben an der Mauer mehrere kleine Altäre an, welche den verschiedenen christlichen Sekten gehören. Am Tage vor dem Himmelfahrtsfeste wird die Kapelle jedesmal zur Festfcier von den Christen eingerichtet und vorbereitet. Ueber den Berg der Himmelfahrt geht die Straße nach Jericho, und am östlichen Abhänge desselben lag Bethanien. 31* 484 Siebentes Buch. Ohngefähr 300 Schritte nordwärts von dem Berge der Himmelfahrt befindet sich die nördliche Spitze des Del. bergcs, welche den höchsten und schönsten Theil des ganzen Berges bildet. Etwas weiter nördlich von ihr erhebt sich noch eine kleinere Spitze, die allenfalls als eine vierte des ganzen Berges gelten kann. Die nördliche, höchste Spitze des Oclbcrgs wird der Berg der Galiläischen Männer genannt. Auf ihr sollen nämlich die beiden Männer in weißen Kleidern gestanden haben, welche nach Jesu Verschwinden die Jünger Galilaische Männer nannten und ihnen verkündigten, daß iyr Lehrer in den Himmel aufgenommen worden sey. Allein jene Spitze ist etwas zu weit von dem Orte entfernt, wo die Himmelfahrt Jesu erfolgt seyn soll, als daß obige Annahme gegründet seyn könnte. Auf dem Gipfel des VergeS der Galiläischen Männer findet man noch Ruinen von einem ehemaligen großen Gebäude, das nach der Meinung Einiger den Galiläern zum Aufenthalte gedient habe, wenn sie nach Jerusalem zur Feier der Hauptfeste gereist wären. Andere aber halten jene Ruinen für Ueberreste einer Warte aus den Zeiten der Krcuzzüge. An der westlichen Seite des Berges, da wo ehemals Gethsemane gelegen hat, befindet sich der große und schöne Garten, in welchem Jesus gefangen genommen worden seyn soll und welcher jetzt den Franziskanern in Jerusalem gehört. Die dritte, südliche Spitze des Oelbergs heißt der Berg des Aergernisses oder des Verderbens, weil Salomo zuerst auf ihm fremden Göttern Altäre errichtete und weil alsdann der Götzendienst auf demselben fortgetrieben wurde bis zu den Zeiten des Königs Josias, der jenem Greuel ein Ende machte (2. König. 23, 13.). Die Araber nennen ihn Salomosberg. Von dem Oelbcrgc hat man eine weite Aussicht. Von ihm kann man die ganze Stadt Jerusalem überschauen. Gegen Norden erblickt man die Berge Samarias und sogar mehrere in Galiläa; gegen Osten sieht man den Jordan, das todte Meer und die Gebirge in Peräa; gegen Süden reichen die Blicke bis nach Bethlehem und Hebron und gegen Westen bemerkt man die Gegenden an der Küste des mittelländischen Wanderungen Jesu nach seiner Auferstehung. 485 Meeres. Der Blick in die nächste Umgebung, vorzüglich in die Gegend von Jerusalem ist aber nicht angenehm; denn überall ist, wenige Stellen ausgenommen, Alles todt, und man sieht nur öde kahle Berge und Thäler ohne Gebüsch und Bäume. Dabei herrscht Grabesstille; denn es zeigen sich nur wenig Menschen und selbst die Vogel sind selten. In den frühesten Zeiten zündete man jedesmal beim Einteilte des Neumondes auf den Höhen des OelbergS Feuer an, und sobald diese emporloderten, that man dasselbe aus den übrigen Bergen Palästinas, um auf diese Weise dem ganzen Lande den Mondeswechsel zu verkündigen. Sonst zeichnete sich der Oclberg durch große Fruchtbarkeit aus; jetzt aber ist er ziemlich verwildert. Neuere Reisende haben kaum 50 Oelbäume auf dem ganzen Berge vorgefunden und nur einzelne Weinstöcke, Feigen- und Mandelbaume auf ihm bemerkt. Außerdem zeigt sich hie und da elendes und dürres Buschwerk, so daß der ganze Berg bei seinem nackten Boden von gelblicher Farbe ein düsteres Att- sehn hat. Als Jesus seine Jünger und vielleicht auch noch andere seiner Anhänger und Freunde auf dem Oelberge um sich versammelt hatte, befahl er ihnen, daß sie so lange in Jerusalem verweilen sollten, bis seine Verheißung in Erfüllung gegangen und sie durch den göttlichen Geist mit höherer Kraft ausgerüstet worden seyn würden, was in Kurzem geschehn werde. Unter denen, die um ihn versammelt waren, befanden sich auch solche, die noch immer irdische Erwartungen von Jesu hegten und die ihn daher fragten, ob er nun bald das neue Reich Israel errichten werde. Diesen gab Jesus zur Antwort, da er ihnen den Zweck seiner Sendung und seines Wirkens jetzt nicht abermals umständlich auseinander zu setzen vermochte: „Ihr werdet in dieser Hinsicht schon sehn, was Gott thun wird. Was euch angeht ist, daß ihr, nachdem ihr mit der Kraft des göttlichen Geistes ausgerüstet worden seyd, mein Werk fortsetzt und meine Lehre zu Jerusalem, in Judäa, Samaria und überall verkündigt." 486 Siebentes Buch. Nachdem Jesus das gesagt hatte, wurde er von einer Wolke den Augen seiner Jünger entzogen. Als diese ihrem Lehrer nachschauten, erblickten sie zwei Männer in weißen Kleidern nicht fern von sich, die zu ihnen sprachen: „Ihr Männer aus Galiläa, warum sehet ihr verwundert zum Himmel empor? Euer Lehrer Jesus ist nun in den Himmel aufgenommen worden; dereinst aber wird er wieder erscheinen, wie er jetzt in den Himmel erhoben worden ist." So war Jesus aus dem Kreise der Seinen geschieden und in andere Räume, heim zu seinem himmlischen Vater gegangen. Er hatte sein Werk auf Erden vollbracht; er hatte für die Erde Stellvertreter seiner gebildet, welche hierauf das von ihm Begonnene unter Gottes und seinem Beistände weiter ausführten, und so das Gottcsrcich vollends gründeten, dessen Bestand nun für immer gesichert war, weil Jesus auch in den höhcrn Räumen, in welche er eingegangen ist, darüber wacht, fort und fort sein Werk fördert und so jene Verheißung bewährt, die er seinen Jüngern gab, als er zu ihnen sprach: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Alphabetisches Sachregister. Seite Seile A. Ak- 234 Akibha 3»4 Abarim 343 Akka 236 Ilbbcthdin 140 Akkaron 108 Abel 327 Akko 234 Zlbel - Hasch. Schittim 341 Akra 235 Abcl-Kcramim 327 Alra, Berg 62, 64 Abella 282 Akri 237 Zlbel-Mccholah 211 Alexandrion 243, 347 Abel-Mehulah — Alima 328 Abel - Sittim 341 Allerheiligstes des Tempels 70, 74 Abila 2S2, . 343 Alt Kairo 101 Abilene 282 Amalekiter 20 Abrahams Stadt 49 Amatha 13 Absaloms Grabmal 373 AmathuS AS Adam so Ämmao 125 Adar 269 Ammans 13. 222 Adasar 348 Ammon 325 Adas» 348 Anakäer 20 Ader, Thurm 58 Ananus 414 Adida 352 Anathoth 82 Adonis, Fluß 234 Anna 41 Adullam 92 Antaradus 253 Adnmiin 361 Anthedon 104 Aegypten 81 Antilibanon 10, 255 Aslia Capital«,a 62 , 152 rlntipatris 112 Aelteste 140 , 181 Antonia, Burg 67 Aenon 134 , 165 Apostel 198 Agelo» 344 Apostelbrunnen 164, 183 Ahaliba 62 Aposteltisch 183 Ahialon 121 Ar 340 Ai ' 119 , 346 Araayr -a Aja 346 Arad 97 Ajalon 121 'Aradus 253 Ajath 346 Aramäische Sprache 22 Ain 46 Archela-s 28 Ain Dschibbi 92 Archispnagogus 180 Ain Ghasale 325 Ardh - BaniaS 279 2lin Karem 47 Ardh-el-Hule 281 Ain Echams SS 2lrcopolis 340 488 Sachregister. Gcire Seite Arg ob 269 BatanLa 266 Arie! 62 Bathsebateich 378 Arimathia 83, 125 Bazra 270 Arnon 322, 337 Beelzebub 108 Aroer 340 Beer 127 Arvad 253 BegrLbniß 204 Ascheyr 96 Begräbnißhöhlcn 446 Asdod 108 Begrüßungen 24, 303 Askalon 107 Beiruth 250 Asphalt 93 -Belus, Fluß 238 Asphaltsee — Wen - Hinnon 377 AsphaltiteS 12 Berg der Galiläischen Männer 484 Astharoth 268 Berg der Himmelfahrt 482 Astaroth-Karnaim — Berg der sieben Seligkeiten 197 Atabyrium 290 Berg der Versuchung 135 Atad 324 Berg des Aergernisses 484 Atsarcb 245 Berg des bösen Rathes 375 Aufwärter Der Synagoge 181 Berg des Herren 62 Augusts 176 Berg des Verderbens 484 Auranitis 266 Berg Gihon 64 Aussatz 25, 200 Berg Hinnou 63 Aussätzige 200 Bergpredigt 199 Aviten 20 Berokha 250, 281 Avlon, Thg! 10 Berokhai 250 Azot 108 Bersava 9, 98 Berytus 249 Weschneidung 59 B» Besessene 185 Bethabara 139 Baalath 288 Bethagla 324 Baalbek — Bethania 139, 304 Waal-Berith 172 Bethanien 350 Waal - Chazor 353 Bethaven 119 Waal-Gab 288 Beth - Aramphta 326 Baalhazor 353 Beth-Baal-Meon 342 Waal - Meon 342 Wethbara 139 Baal -Peor 344 Bethbessen 164 Waalsebub 108 Bethchoron 120 Babylon 101 Wethel 118 Bach Aegyptens 104 Bethesda, Teich 213 Wach des Elisa 359 Bethharan 326 Wachor 164 Bethjesimoth 338 Baelath 288 Bethlehem Ephrata 53 Wahr - el-Houlei 12 Bethlehem im Stamme Sebulvn — Wahr-Luth — Beth-Nabran 327 Bahr-Tabaria 12, 471 Beth - Nimra — Wahurim 164 Bethoron 120, 396 Baid-el-MokeddeS 62 Beth - Peov 345 Baithsaida 184 Bethphaqe 364 Walsamstrauch 91, 100 Bethsaida in Galiläa 184 Banias 277, . 279 Bethsaida Julias 228 Barada 285 Bcth-Schehmes 99 Bar-Cochab 396 Bethsean 143 Baris 67 Bethsitta — Baruth 250 Bethulia 226 Wasan u, 265 Bethnlie» 53, 147 Sachregister. 489 Dethzachara Wethzur Betsoron Bett des JeremiaS Betur Bezech Bczer Bezctha, Berg Biene» Wirket-el-Ram Bither Wlutacker Wlutfeld Blutiger Weg Wlutweg Woccoren Wosra Wostra Wozra Breites Feld Brod Brücke der Sohne Jakobs Brunnen der Hagar Brunnen der neun Apostel Brunnen des Eides Brunnen des JesaiaS Brunnen des Nehemias Brunnen des Philippuö Brunnen Salomos Bücher Burg Antonia Burg der Juden -Burg Psephina Byblos Wysan C. Cabul Cäsarea Palästina Cäsarea Whilippi Caleb Calvarienberg Canubin Carnaim Casbon Cäsium Cedern Cedron Chabolo Chacam Chadida Chaldäische Sprache Chainat Channas Seite Seite 88 Charakter der Juden 21 86 Charoschet 282 87 Chauran 266 386 Chavvoth-Jair 193 87 Chavran 266 86 Chazazon Lhamar 9t 164 , 338 Chazor 282 63, 65 Chevron 48 17 Chernubi 47 278 Chesbon 341 396 Chommar 93 376 Chorazin 229 376 Choriter 20, 98 135 ChrysorrhoaS 257 , 285 361 Cimana 268 384 Cison 117, 202 276 Cisterne Davids 58 — Cisterne der heiligen drei Könige 78 — Colesyrien 10, 255 10 Cönaculum 406 23 Coziba 396 272 Cyprus 346 98 Cyrene 295 98 374 D 435 87 Dabury 294 238 Dächer 19, 193 181 Dalmanutha 266 67 Damaskus 283 162 Dammesek — 67 Dan 9, 277, 280 251 Darmsuk 283 143 Datheman 340 Dattelpalmen 15 Davids Cisterne 58 Debir 97 Debora 294 254 Dekapolis 18, 261 112 Denar 280 278 Denuni 118 48 Dibon 327 147 , 449 Dibon-Gab 327 259 Dimaschk 283 328 Dimon 327 — Diocäsarea 224 104 Dtvspolis 128 257 Doch 352 372 Dok 254 Doppelhöhle 49 140 Dor 114 352 Dorf der heiligen Jungfrau 92 21 Dorf der Hirten 57 255 Dorf Salomos 86 414 Dorf Siloah 3/4 490 S ach regi st r r. Dothaim Dothan Draa Lrachenbrunuen Drusen Dschebel Dschebel AttaruS Dschebel esch Scheikh Dschebel Tor Dschebile Dschennin Dscherascy Dschesmanije Dschibleh Dschimie Dschisser Beni Jakub Dschobail Dscholan Dta-el-Natur E. Ebal Ebene, die große Ebene von Jericho Edrai Edrei Ehe Ehebruch Ehefrau Ehescheidung Eintheilung der Nacht Eintheilung des TageS Eintheilung Palästinas Einwohnerzahl in Palästina Ekron El-Aal El-Arisch El-Belka Elbir El-Bottein El-Botthi» El-Dschchir Elcaleh Elephantiasis EleutheruS, Fluß El- Ghor El-Gutah El-Hvsn Elisabeth El-Khalil El-iKirmel El-Kods El-Madschde! 2l. Mardsch Veits 227 El-Mina — El-Scham 269 El-Scheriah 376 El-Teym 88, 269 Emath 98 EinmauS 343 Enakiter 11 Endor 290 Engeddi 251 En-Mischpath 332 Enon 192 EnsemeS »09 Ephra 261 Ephraim, Gebirge 332 Ephraim, Stadt 272 Ephraim, Wald 261 Ephrcm 229 Ephron 67 Epiphania Erdpech Erdrosselung Erntedankfest Esbus Eschkol, Wach und Esdracla Esdrelon Esdud Esel Essäcr Ethnarch 174 118 369 269 321 314 26 ül, 321 231 179 17 19 108 340 104 321 127 266 265 271 340 25 253 10 286 262 43 , 47 49 91 62 209 286 Veite '252 283 11 338 255, 268 ' 125,222, 466 20, 48 118 87, 91 97 165 362 363 44, 120 352 326 362 270 256 93 419 299 341 86 177 118 108 16, 365 35 28 Lhai 16 Falesthin Feigenbaum Feigenbaum, wilder Feld des Löwen Felix Julia Feromi Fest der Einsammelung Fest der Erstlinge Fest der Lichter- Fest der ungesäuerten Brode Fest der Wochen Feuerbrunnen Flavia Flavia NeapoliS Frankenberg Frauen Frauen, Gestalt derselben in Judäa 21 Frauenkleidung 23 Freistädte 48 Fruchtbarkeit Palästinas 15 Frühfeigcn 284 Frühregen 14 111 384 356 243 250 103 308 299 334 122 299 375 113 173 88 19, 305 > Sachreg i ste r. 491 Seite Seite Fürst der Synagoge 180 Geth 106 Fußbekleidung 404 Gethpher 178 Fußwaschen — Gethscniane 409 Gezith 418 Ghor-Szahyn 95 G» Ghowarene —- Gibea 121 Gabaa 121 Gibeon 120 Gabaon 120 Giblim 251 Gabinia 176 Giebelin 98 Gadara 191 Gihon §4, 317 , 378 Galgala 347 Gilboa 203 Galiiäa 18 , 38 Gilead 8, 11 , 321 Galiläer, L-ckte 36 Gilgal 212 , 347 Galiläisches Meer 12, 471 Ginäa 332 Gamala 261 Giskala 238 Gameat-el-Sakhra 160 Gitta 106 Garizim 32 , 168, 173 Gola» 270 Garten, verschlossener 83 Golgatha 432 Gath 106 Grab des Jesaiaö 374 Gath - Chepher 178 Grabeskirche 447 Gaulan 270 Grabmal der Helena 381 Gaulanitis 266 Grabmal der Maria 382 Ganlonitis 228, 266 Gräber- 204 Gavitcn 20 Gräber der Könige 379 Gaza L04 Gräber der Propheten 397 Geb 121 Gräber der Richter 379 Gcbal 251 Grenzen Palästinas 9 Gebiet der zehn Städte 261 Griechisch, hellenistisches 22 Gebirge Ephraim 44, 120 Grisül 173 Gebirge Israel 120 Größe Palästinas 9 Gebirge Juda 44 Grotte des Apostel JakobuS 373 Geburtsgrotte 56 Grotte des Jercmias 380 Geburtsjahr Jesu 53 Geburtstag Jesu — Gefängniß des Apostel WeLruö 378 H. Gefängniß des Jercmiaö 380 Gehenna 377 Haai 346 Ge-Hinnon 63, 377 HadrianopoliS 287 Geißel 428 Häuser 19 Geißelung — Hahnenschrei 408 Gelobtes Land 8 Hakcldama 376 Gemara 116 HannaS 414 Genesareth, See 12, 471 Haradell-Alahm 433 Gennesar 149 Haroseth 282 Eerar 98 Hasbani 277 Gcrasa 192 Hasbaya 277 , 281 Gcrgesa 190 Hanran 266 Gerrcner 104 Haus der Maria 41 Gerste 15 Hans des armen Lazarus 435 Geschästslose 180 Haus des reichen Prassers — Geschnr 272 Haus des Zenodorus 283 Gesetz 469 Haus Simcons 78 Gessur 272 Hazor 282 Gestalt der Morgenländer 20 Hebräer 8 Gestalt Jesu — Hebräische Sprache 21 492 Sachregister, Seite Seite Hebron 48 Jaeser 327 Heerden 320 Jaffa 110 Heilige, das, des Tempels 70, 73 Jahaz 339 Heilige Schriften 409 Jahreszeiten 13 Heiliges Land 9 Jair 193 Heilige Treppe 424 Jakneam 226 Heiße Quellen bei Liberias 222 Jakobsbrunnen 173 Heliopolis 99, 288 Jakobsfeld — Hellenistisch Griechisch 22 Jamnia 109 Hellenistische Juden — Janoha 353 Hemath 256 Japha 264 Herberge des Samariters 362 Japho 109 Hermen 11, 292 Jaser Hermen, der kleine 118, 202 Jazah 339 Herodes Agrippa l. 29 Inzer 159, 327 Hcrodes Agrippa II. — Jdumäa 18 Herodes Antipas 28, 166 JcbuS 62 Herodes der Große 27 Jedeaia 227 Herodes PhilippuS 28, 166 JercmiaS, Dorf 82 Herodianer 36 Jericho 356 Herodias 166 Jerusalem 60 , 62 Herodium 87 Jerusalem, das heutige 152 HeroopoliS 99 Jerusalems Zerstörung 392 Hesban 341 Jesreel 118, 177 Hesbon — Jethson 339 Hest 109 Joachim 41 Heuschrecken 17 Johannes der Täufer 130 Hhammam - ei - Schcikh 191 Johannes der Läufer, Dorf 46 Hiericho 356 Johannisbrodbaum 47 Hieromax 134, 191 Jokneam 226, 478 HieronymuS 56 Jonasbrunnen 178 Hierosolyma 62 Joppe 109 Hinnon 376 Jordan 11, 132, 276 Hinrichtung durchs Schwerdt 419 Jordanßthal 211 Hippikus, .Thurm des 66 Josaphat 64 Hippos 261 Josaphat, Thal 371 Hirt 320 Josaphats Grabmal 372 Hochzeitsfeier 144 Joseph, Gatte der Maria 42 !, 51 Hof 416 Josephsbrunnen 101 Höhlen 10, 17 Josephsfeld 173 Hohcrath, der 139 Jotapa 263 Hohlsyrien 10, 255 Jotapata 263 Hohnkapelle 449 Jskarioth 333 Hör 97 Israel, Gebirge 120 Hottein 197 Israel, Land 8 Hüte», das, der Heerden 22 Israel, Reich 18 Hunde 16 Jtabyrium 290 Jturäa 266 Juda, Reich 18 I. Juda, Wüste 87 Judäa 9, 18 > 44 JabeS 269 Judäisches Gebirge 45 Jabesch — Judas der Gaulöuite 86 Jabneel 109 Judengenossen 59 Jabneh 109 Judenpech 93 Jabok 134, 268 Jüdisches Land 9 Sachregister. 493 Seite Seile Julias 326 Kischon 118, 202 Jutta 45 Kleidung der Juden 23 Klein - Germ 177 K. Klima Palastinas 13 Kloster des Elias 79 Kademoth 339 Kloster St. Saba 88 Kades-Barnea 97 Kloster zum heil. Kreuze 78 Kadcsch N, 281 Knath 271 Käsemacherthal 64 Königsteich 317 Kajaphas 414 Konstantin 106, S53 Kaipha 480 Korea 847 Kaiphas 414 Kormos 340 Kairo 101 Körnn-al- Hottein 197 Kaisarie 114 Kreuz 76, 433 Kakham 171 Kreuzesweg 433 Kalat er NabSad 270 Kreuzigung 438 Kallirhoe 13, 342 Krith 342 Kameele 16 Kubebi 125 Kamon 268 Kyrene 435 Kana 144 Kanaan 8 Kanaaniter 20 L. Kana die Große 144 Kanuat 271 Lage, geographische Palästinas 9 Kapernaum 149 Lais 280 Kapharnaum — Laisch Kapharsaba 112 Land der Hebräer 8 Karavanserai 362 Land der Werheißung Karioth 333 Landpfleger 420 Karissa 259 Lasa 342 Karmel, Gebirge 1l, 476 Lasaron 112 Karinel, Stadt 91 Latroun 82 Karmel, südlicher — Laubhiittenfest 308 Karmusen 384 Lehrweise Jesu 187 Kasmieh 245 Leichenbegängnisse 203 Kastell der Pisaner 67 Leidtragende 204 Kastell des Samariters 362 Leitane 245 Kedemoth 339 Leontes 245 Kcdes 281 LeontopoliS 22, 102 Kedesch — Leschem 280 Kcfer Kanna 146 Lesem Kenäer 20 Levi, Stamm 17 Kenath 271 Libanon 10, 254 Kerasch 192 Libanus 254 Kibzaim 352 Vibnah 97 Kidron 64, 88, 372 Lichterscheinungen 57 Kinder 25 Lietani 245 Kindermord zu Bethlehem 102 Livias 326 Kinnereth 12, 185 Lod 134 Kirche des heiligen Grabes 447 Lodabar 328 Kiriathaim 338 Loretto 42 Kiriath-Arba 48 Loths Weib 96 Kiriath - Baal 107 Lulab 309 Kiriath - Jearim — Lus 119 Kiriath - Eannah 97 Lusthaus der Gespielinnen Sa« Kiriath-Sepher — lomos " 86 494 Sachregister Seite Seite Lyddcr' 127 Messias 37 rysaniaS 282 Messiasreich 333 Mezaraib 263 MichmaS 127 Milkom 377 Mills 64 Machäron 164 Mineralien 17. Machärus — Minnith 326 Machanaim 323 Mischn» 116 Machmas 127 Mittelländisches Meer 9 Machpelah 49 Mizxah 90, 328 Madaba 339 Mkaur 164 Madeb a 339 Modln 8? Madschdel 209 Mojet- Bysan 143 Magdala 209, 266 Mojet-Hasbeya 277 Magdalon 209 Mokatta 118 Magedan 266 Mole? 377 Magedbo 209 Moloch —- Magier 79 Mdrch 172 Magoras 250 Moriah 63 , 65 Mahauaim 323 Mosaische Religionsverfassung 30 Mahlzeit 24 Mitttcrgottesbaum 100 Majuma 105 Myrrhen 81 Makkabäcr 26 Myun 342 Maledoin 291 Malkom 377 Mambre 48 , 50 N. Manaim 323 Manna 15 Nablos 171 Mann, Wüste 87, 91 Nachtwachen 231 Marathis 97 Nahalal 227 Maria, Jesu Mutter 41 Nahal-el-Arden 11 Mariamne, Thurm der 67 Nähr - Beiruth 250 Mmienbrunnen 163, 374 Nahr-el- Kebir 253 Marienhöhle 84 N»hr-Ibrahim 234 Maroniten 258 Nahr-Kadisch»' 252 Maspha 90 Natn 205 Matarca 100 Najoth 352 Mauern Jerusalems 65 Naphtali 148 Maiilbeerfeigcndaum 15, 355 Raylusa 171 Maulesel 16 Rast 140 Mearah der Sidonicr 249 Nasiräer 131 Medba 339 Nasrat 40 Medebah — Nazarcth 40 Meer bei TiberiaL 471 Neayolis 171 Meer der Ebene 12 Ncbi-Abcl 283 Megiddo 209 Nebo 164, 343 Melacha 277 Nchemiasbrunnen 374 Melkarths 241 Neronias 279 Melonenfeld 479 Neustadt 65 Mcmphis 101 Niederägypten 98 Mephaath 339 Nikoxolis 12» Mephet —- Nimrcin 327 Merdsch-Jbn-Amer 118 Noahs sieben Gebote 59 Merom, See 12, 276 Nvb. Nobe 164 Meserib 266 Nobach 271 Sachregister. 46 < Seite O. Obadja Obervorsteber der Vynagogr Odollam Oelbcrg Omkeis On Ono Ophel M'-'a Oro 4e- Orrhosa Lrthosia, prtbostaS Osterfest Ostracine Paläste 19, Palästina Palästinas geographische Lage Palästinas Grenzen Palästinas Größe Palast des HerodeS Palast des PilatuS Palmenstadt Palmnra Paneadc Paneas Paneum Paß von Emath Passahfest Passahlamm Pagahmablzeit Panla Pella Pclusium Pentekoste Peor Peräa j Peräa, daZ eigentliche Pest Petra Pferde Pfingstfest Phanuel Pharisäer Phäsaelis Phasäel, Thurm des Phiala Philadelphia Philippus Philippus, Brunnen deS Pbilistaa Philistäer Phönicicn Pilatns Pilgerkastell Pisanerkastell Pisga Pistacien Pithom Pniel Pnuel Pontius PilatuS Prätorium Priester Pricsterklassen Prokurator Propheten Proprätor Proselyten der Gerechtigkeit Prosclyten des ThoreS Proseuchen Psephina, Burg ^ Ptolcmais «7 « 22 , —. Q. 68, 426 424 Quarantania 135, 361 357 Quelle der heil. Jungfrau 374 287 Quelle der Maria 115 279 Quelle des EliaS 479 — Quelle des Elisa 138 278 Quelle G>hon 317 255 Quelle Siloab — 122 399 399 N., 56 267 Rabba 325, 341 103 Rabbat-Ämana 325 298 Rabbatha 325 344 Rabbath -Ammon 18, 189 Rabbath-Moab 340 321 Rabbi 130 25 Räuchern im Tempel 75 270 Rahels Grab 58 16 Raina 83, 125 298 Ramatha 83 323 Ramathajim-Zophim —- 34 Namath-Mizpah 325 343 Ramleh 126 67 Ramoth in Gilcad 324 278 Staphäer 20, 265 325 Raphia 104 29 Raphidim — 87 Ras-cl-Ain 84, 2Z8 496 Sachregister, Seite Rechvb 281 Rechte der Erstgeburt 25 Refha , 104 Regaba 134 Reinerklärung der Aussätzigen 201 Reinigung der Wöchnerinnen 60 Rephaim, Thal 61 Rhinokorura 104 Richa 360 Riesenthal 61 Rinder 16 Rogel, Brunnen 163 Roggen 15 Roglim 324 Rosenkränze 90 Rose von Jericho 359 Rowada 254 Ruad — Rüsttag 219 S. Saba, Kloster Sabbath Sabbatherwcg Saddock Sadducäer Säughöhle Safüri Gaida Salchah Salem Salim Salkhat Salomosberg Salomosbrunnen Salomoshalle Ealomosteiche Salomostempel Salumias Salzmeer Salzthal Samaria, Provinz Samaria, Stadt Samariter Samochonitis, See Samuele Sanhedrin Saphet Sarcda Sarephtha Sarepta Saron Sarona Sarphand 88 2l8 290 33 84 224 248 271 62, 165 165 272 464 238 73 84 69 165 12, 93 93 18, 167 176 32, 167 12, 276 83 139 40, 147 139 245 245 112, 118 112 245 Sarra Schaafe Schädelstätte Schaubrode Scheriat-Manadhre Schiloh Schloß der Pisaner Schmähsäule Schmerzensstraße Schomron Schreibfedern < e> Türken Schwefelquellen Schweine Schwibbogen des Pilatus Scythopolis Sebaste Sebulon, Ebene Sebulon, Stadt See bei Liberias See Genesareth See Kinnereth See, Samochonitischer Segor Seida Seidenraupe Seir Sela Selbstmord Senfkorn Senir Sephela SephoriS Sesambre Sibama Sibma Sichem Siddim, Thal Sidon Sikeleg Silo, Berg Silo, Stadt Siloah, Quelle Siloah, Thal Siloah, Thurm Simeon Simeons Haus Simron-Meron Sin Sion Sirion Sittim Sitze» bei Tische Skandalion Skandaron Sodomeäpfcl Solyma Seite 240 16 432 216 191 212 153 449 433 167, 176 133 13 16 425 143 176 225 12, 471 12, 471 12, 471 12, 276 93 248 17 98 270 316 329 11 111 224 225 343 171 233, 246 106 213 212 «4, 317 374 317 61 78 226 103 63 11 341 207, 402 243 96 62 vs u cy r Seite Sommer 14 Sommerfeigen 384 Sor 242 Sorek, Thal 86 Spätregen 14 Speisehaus 406 Speisen der Juden 23 Sprache der Juden 21 Stadt Davids 53, 63 Städte 19 Stämme, 12, der Juoen 17 Stater 296 Statthalter 420 Steine der Christen 199 Steinigung 419 St. Jean d'Akre 235 St. Jeremias, Dorf 82 St. Johannes der Läufer, Dorf 46 St. Saba, Kloster 88 Stradela 177 Stratonsburg 112 Stunden des Tages 179 Succoth 322 Succothopolis 143 Suclioth 322 Sunem 177 Sur 242 Sychar 171 Sykaminon 227 , 480 Synagoge 179 Synagoge im Tempel 124 Synedrium 139 Syrbon, See 104 Syria-Palästina 9 Syrophönicien 9, 233 Szalt 324 Szyr 327 L. Tabaria 221 Talmud 116, 148 Tarabolos 252 Tarichäa 472 Tartura 114 Taufe 131 Teich Bethesda 213 Teiche Salomos 84 Tel-Hum 150 Tcllanihje 229 Tempel der Juden zu Leontopolis 102 Tempel des Herodes 72 Tcmpclgcräthe 71 Tempel nach der Wabyl. Gefangenschaft r g l st e r. 497 Tempel SalomoS Seite 69 Tempelsteuer 295 Kempelweihfest 333 Tempel zu Jerusalem 69 Tcrebinthe 50 Tetrarcti 28 Teufelsberg 135 Thabor 11, 290 Thadmor 287 Thal el-llraba 13 Thal Siloah 374 Thamar 287 Thau 1^: Thebes 301 Lhebez — Thekoa 87 Therapeuten 36 Khersa 212 Thirza — Thisbe 282 Thophet 377 Thore Jerusalems 76 Thurm Aber 58 Thurm der Mariamne 67 Thurm des guten Räubers 82 Thurm des Hippikus 66 Thurm des Phasacl 67 Thurm Siloah 317 Tiberias 220, 396 Tisch des Messias 183 Todesstrafen 419 Todtes Meer 12, 92 Töchler 25 Löpfcrsackcr 376 Tor 240 Tortosa 253 Trachonitis 265 Träume 427 Traubenbach 86 Trauer um Verstorbene 204 Kreppe, heilige 424 Tripolis 251 Lyrvpöon, Thal 64 Thrus 240 U. Ulu-Dcgnizi 12 Unterricht der Judcnki'nder 116 Unterstatthalter 420 Verbrennung 419 Wcrhcirathnng der Jude» la-t 32 498 Sachregister Seite Veronika 436 Verschlossener Brunnen 84 Verschlossener Garten 85 Versiegelte Erde 84 Versiegelter Brunnen — Viehzucht 22 Vorgebirge, weißes 240 Vorhang im Lempel 75 Worhof 416 Worhof der Heiden 72 Worhof der Jsraliten 73 Worhof der Priester und Leviten — Worhof der Weiber — Vorsänger 181 Vulkane 11 W. Wadr-Mudscheb 322, 337 Wadi-Szyr 327 Wadr-Zerka 268 Wälder 10 Wasser von Megiddo 202 Weg, blutiger 135 Wege aus Galiläa nach Judas 43 Weihrauch 80 Weinstock 13 Weißes Vorgebirge 240 Weizen ' 15 Winde 14 Winter 13 Winterfeigen 384 Wöchnerinnen 60, 61 Wüste Berseba 98 Sei." Wüste Engeddi 87, 91 Wüste Juda 87 Wüste Mao» 67, 91 Wüsten 15 Wüste von Bethsaida 229 Wüste von Jericho 361 Wüste Zivh 87,91 Zabulon 225 Zacharias 46 Zacharias, Grabmal desselben 372 Zahl der Einwohner in Palästina 19 Zalmon 213 Zarcda 139 Zarcdata — Zarpath 245 Aarthan 139, 323 Zehn Städte 261 Zeit der Geburt Jesu 53 Zeitrechnung der Christe» — Aenodorus , 283 Zerreißen der Kleider 419 Zerstörung Jerusalems 392 Zidon 233, 246 Ziegen 16 Ziklag 105 Zion 62 Ziph, Wüste 67, 91 Zoar 93 Zöllner 194 Zor 240 Zwölf Stämme der Juden 17 Berichtigungen. Seite 8 Zeile 14 von unten lies: i h n für ihm. o. I. Nakalal f. Nahabal. o. l. Gebal f. Gedul. 13 ' _ 12 von 83 — 16 v. > 148 4 v. 135 4 v. L27 1 v, 251 4 v. 2S5 18 v. 271 — 3 v. 273 9 v. > 320 7 v. 323 — 10 V. ! o. I. Landschaft f. Hauptstadt. Bei dem Verleger dieses ist erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben: R. I. Glearius christlicher Betaltar für fromme Schüler. Eine Sammlung von Gebeten, religiösen Betrachtungen, Herzenserhebungen und christlichen Gefangen an allen Morgen und Abenden im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, an den hohen Festtagen, bei de> Konfirmation, dein Abendmahl, bei Schulprüfui.^eu, Geburtstagen rc., so wie bei besonderen Veranlassungen, als bei Rrankheit, Genesung, Verlust der Eltern, Geschwister rc., Austritt aus der Schule, Eintritt ins weitere Leben rc. und auf viele andere specielle Falle, Beziehungen und Verhältnisse. Für die männliche evangelische Jugend. Mit 1 Titclkupfcr. 12. Schön gebunden und vergoldet 1 Rthl. oder 1 fl. 48 kr., roh Z Rthl. oder 1 fl. Zo kr. Dieses Andachtsbuch für die Jugend ist mit einer -Wärme und Innigkeit, mit einer Heiligung des Gemüths und mit einer Kräftigung für alles Gute im jugendlichen Herze» abgefaßt, daß ein fühlender Knabe und Jüngling keine Seite darin ohne rege Erweckung, ohne neue Stärkung zur Lugend und ohne Gewinn für Seele und Leib lesen wird. — Eltern! die Ihr bald an diesem, bald an jenem Uebel Eurer Söhne arbeitet und bessert, aber selten oder auch nur auf kurze Zeit helft — gebt ihnen dieses Heilmittel in die Hand und dringet auf dessen täglichen Gebrauch. Es gibt keines, wodurch Ihr sie radikaler vom Bösen abhalten und zum Güten führen könnet. Ll. I. S. Grobe (Gbcrpfarrer zu Taun), evangelischer Morgen- und Abendsegen auf alle Tage des ganzen Jahres. Ein christliches Haus- und Begleitungsbuch durchs Leben. Aus eignem Gemüth und aus dem Geiste der vorzüglichsten Andachtsbücher und Ran- zelrednev gezogen. Mit einem allegorischen Titel- kupfer. gr. 8. 2 Rthl. oder 3 fl. 36 kr. schön in schwarzem Einband, Goldschnitt und Soldvevzierung 2.^ Rthl. oder 4 fl. 30 kr. Auf weißes Velinpapier, rol) 2 ,^ Rthl. oder 4 fl. 30 kr. (Bocks Repertori'um 1829. 1. 6. sagt: „Die Gebete sind nicht lang, aber ihre Kürze sei mit Kraft und Ausdruck verbunden. Der Inhalt sei so mannigfaltig als die religiösen Gegenstände und Empfindungen selbst und das Ganze sei vorzüglich zu empfehlen". Die Leipziger Literaturzeitung 1830. Nr. 5. sagt: ,,Dieses Gebetbuch arbeitet mit Recht nur auf Beförderung eines praktischen Christengeistes hin und hält sich rein von allen mystischen Träumereien. Die Sprache ist einfach und verständlich und das Ganze sichtbar gut gemeint". In der Literatur- zeitung für Wolksschullehrer 1830. 3. Quartalhcst heißt es: „Dieses Ändachtsbuch nimmt unter unsern Gebetbüchern eine der vorzüglichsten Stellen ein und sollte in keiner Familie fehlen".). Das überall in Stadien und auf dem Lande» von Vornehmen und Armen im Volke laut ausgesprochene schöne Verlangen nach noch einem guten und täglichen Andachtsbuch wird allgemein vernommen. In der Ueberzeugung, daß jeder, wahre Erbauung suchende Christ in diesen Morgen- und Abendsegen gewiß das reichlich finden wird, was er sucht, können wir es nach folgenden wesentlichen Vorzügen besonders empfehlen: 11 Hat es einen höchst würdigen Mann zum Verfasser, der durch die hohe Weihe, welche seinen religiösen Vortragen inwobnt, in seinen Schriften längst rühmlich bekannt ist. 2) Athme» diese Gebete eine Jdecnfüllc, die so reich anderswo nicht wobl sich drängt, da sie nicht allein aus der lebendigen Gedankentiefe des ga.rr» Verfassers selbst, sondern auch aus dem Trefflichsten und Erhebendsten hervorgegangen und ^ e.„„melt sind, was die deutsche Literatur im Gebiete der Gottesverehrung »U" irg, td auszuweisen hat, so daß man hier gewissermaßen nur den Geist de. qesalbtesten Christnslchre ausgezogen und zusammen vereinigt findet, daß sich Idee auf Idee folgt, und eine Lebendigkeit des Stoffes entsteht, die den Leser stets rege und gcistesthätig erhält,'und ihn vor Gleichgültigkeit und Ermüdung bewahrt. Z) Der Erbauung suchende findet hier auf jeden Morgen und Abend des ganzen Jahres sein bestimmtes Gebet und wird daher bei seinen Erbauungen in einer steten Ordnung erhalten, die ihn nur zum Heile führen kann. 4) Findet der betende Christ hier nicht langgedehnten, leere» und wässerigen Bombast und Wortschwall, denn nicht nach Wort-, sondern nach Sach-Kcrn- und Jdeenreichthum war des Verfassers Streben, und selten ist — nach Matth. 6, 7. ,,Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern, wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen^' — der Raum einer Andacht länger als eine Octav- seite, wobei Poesie und Prosa stets angenehm wechseln. — Endlich wird dieses christliche Hausbuch in einem so anständigen und würdevollen Aeußer», dabei aber dennoch zu einem so unverhältnißmäßig niedrigen Preis geliefert, daß es auch von dieser Seite bei christlichen Familien leicht den wohlverdienten Eingang finden wird. Dr. I. A. Jacobi (Superirrteildcnt zu walteushausi'u), Geschichte Jesu, für denkende und gemüthvolle Leser. Erster Band. Mit S Bupfcrn und 1 Landkarte. Zweite Auflage gr. 8. 1 Rthl. oder 1 fl. 48 kr. Wenn das große und edle Leben, was einst zu Bethlehem begann und auf Golgatha endete, die bessere Natur des Menschen immer in sanften Tönen anspricht; wenn der unverzogene Verstand zugleich mit dem unent- weihtcn Gemüthe hier unter allen Umständen viel Anregendes, Begeisterndes und Erquickendes findet, so dürfte wohl eine Darstellung dieses Lebens, die recht eigentlich das Höhere in uns meint und begreift, auf eine freundliche Aufnähme in unserm, wie aus einem tiefen Schlafe erwachende» Zeitalter rechnen, wie sie auch die erste Auflage von 6000 Exemplaren, die sich in wenig Monaten vergriffen, gefunden hat. Ein so reißender Absatz konnte nur einem Werke von diesem Werthe zu Theil werden. Es drängt sich dasselbe weder unter die vielen ErbauungSbücher, die wir besitzen, noch unter die exegetischen Schriften ein, womit man uns ebenfalls schon reichlich beschenkte, eben so wenig vermehrt es die Summe trockener Erzählungen und frommer Dichtungen, sondern es enthält die Schicksale des unvergeßlichen Weisen, nmflossen von einem, in den Tiefen des menschlichen Wesens gegründeten Lichte und begleitet von minder bekannten Andeutungen und gewährt folglich jedem Menschen, der sich über das Gemeine zu erheben vcr -ig, besonders aber den edleren Töchter» unsers Vaterlandes eine wohlthuende Unterhaltung. Sechs Kupferstiche, welche die merkwürdigsten Gegenden, wo Jesus lebte und wirkte darstellen, dienen dem Inhalte der Schrift zur Erläuterung. wie glücklich dem umfassenden und großartige» Plane dieses schönen Werkes entsprochen worden ist, kann daraus abgenommen werden, daß es in wenigen Jahren drei Auflagen erlebte, obschon der preis der ersten doppelt so hoch war als der der obigen, n m- lieh 5 Rthl. M. Thiemc, der kleine deutsche Lornel.us Nepos, oder kurze Lebensbeschr ebuugen der berübintestenDeutsch.», neuester seit; der deutschen Jugend -n ' Belehrr ;, Unterhaltung und Belebung des historische- Ur.er- richts gewidmet. Erstes Bandchen. plit einen, Bupfer von Meno ^>aas, Friedrich Wilhelm III. an Blüchers Sterbebette darstellend. Elegant gebunden in groß Duodez, i Rthl. oder 1 fl. 48 kr. (Wird in der Literaturzeitung für Wolksschullehrer 1824» 1s als eines der besten Kinder-Lesebücher gerühmt, nicht minder auch in der Leipziger Litcraturzcitung 1824. Nr. 327 sehr empfohlen.) Muth» Waterlandsliebe und alle männliche Lugenden aufregend und befördernd werden hier folgende Heroen des letzten Jahrhunderts mit bunter» lebendiger Anschaulichkeit der deutschen Knabenwelt vor die Seele geführt: Joseph II.» Friedrich U.» Blücher, Schiller, Körner, Wilhelm Friedrich von Braunschweig-Oels, Mozart, Kant, Gcllert, Dalberg, Schilt und Schröder. Am hellsten tritt in jeder Schilderung der Mensch hervor, und die Form der Darstellung ist so gelungen, die Sprache so blühend und anziehend, daß auch Erwachsene dieses bleibende deutsche Heldenbuch bis zum Ende nicht aus der Hand legen werden. Das herrliche Litelkupfev aber» — nach der Zeichnung der Gebrüder Hentschcl — -der compendiöse Druck, ohne doch dem Auge wehe zu thu» und der möglichst niedrige Preis empfehlen es auch von dieser Seite als ein trautes liebes Handbuch in jeder deutschen Familie. H. Leng, allgemeine Naturgeschichte des Thier-, Pflanzen- und kNineralreichs für Rinder. Sowohl zum Selbst- als privat- und öffentlichen Unterricht. Mit 24 fein illunnnirten Rupfertafeln. gr. 12 . 2§ Rthl. oder 4 fl. 48 kr. Was Familienvater bis jetzt vergeblich suchten, eins gedrängte und doch vollständige Naturgeschichte, worin die mehrcsten Gegeitstände durch naturgetreue, wirklich gute Abbildungen veranschaulicht sind, das finden sie hier, und dieses Büchlein ist schon deshalb vor vielen andern zum Kindergeschenk geeignet, weil es bei so lehrreicher und nützlicher Tendenz durch sein überraschend ansprechendes Aeufiere unter dem Glänze der leuchtenden Christbäume, Pyramiden und Krippchen das Entzücken der glücklichen Kleinen sehr erhöhen wird. — Wo» dieser Naturgeschichte sagt ein'Recensent in Becks Repertorium 1830: „Höchst zweckmäßig in Text und Abbildungen verdient sie bei ihrem verhältnißmäßig so höchst billigen Preise ganz vorzügliche Empfehlung. Nach dem neuesten Zustand der Wissenschaft bearbeitet, ist sie vollständig und hat in ihren einzelnen Theilen richtige Verhältnisse. Der Wortrag ist klar und faßlich, die Darstellung systematisch ohne Zerstückelung. Auch die erwachsenere Jugend und höhere Schulen werden sie als Lehrbuch mit vielem Nutzen gebrauchen. , , A. Jacobr (Superintendent zu waltershausen), Apostelgeschichte für denkende und geinüthvolle Leser, ,nit 3 Rupfcrii. gr. 8. I 2kthl. oder 1 fl. 48 ke. Fuhrt Mich den Lite! eines zweiten Theils der vorher angezeigten Geschichte Jesu und spinnt den dort abgerissenen Laden der biblischen Geschichte fort. Die lieblichen, Geist und Gemüth erquickenden Amaranthcn, die dem Leben des göttlichen Meisters cntblüht waren, »ahmen seine, der Meisterschaft würdig geworden Jünger und trugen st in fester Hand über stürmische Meere und um wthbare Einöden, weit hinaus unter die Völker der Erde, pflanzten st. unter Schmerzen und Thränen auf fremden Boden, pflegten mit l. yristusmuth und Christuskraft der neuen Pflanzungen und befruchteten sie, nach dem Vorbilde des Gekreuzigten, mit ihrem Blute. Wohl sind also diese Männer es ebenfalls werth, baß sie wieder vor unserm inneren Auge voriibergeführt werden. Die hundert Wunder der Welt und der drei Naturreiche. Nach den besten und neuesten Llucllen beschrieben und durch Abbildungen versinnlicht von L. L. Llarke. Nach der 8. englischen (Driginalaustage herausgegeben von G. H. -Hauinann. Mit 6 feilten Rupfertafeln. Dritte verbesserte, abgekürzte und wohlfeilere Ausgabe. Gr. 8. Sauber gebunden. (Der Umschlag stellt den Lolof von Rhodos, den Herkules bei Lasse! und den Münster zu Lreiburg vor). 2.^ Rthl. oder 4 fl. 30 kr. Diese Jngendschrift, welche aber auch als Lesebuch in vielen Hähern Schulen eingeführt ist und gewiß auch von Erwachsenden mit großem Nutzen gelesen wird — ist in vieler Hinsicht der größten Empfehlung würdig. Erstens erweckt sie durch ihr schönes Aeußeres bei jungen Lesern einen guten Geschmack, denn ihre Kupfer habe» einen wirklich artistischen Werth, Druck und Papier lassen nichts zu wünschen übrig und schon der schöne Einband spricht mit seinem interessanten Umschlag freundlich an. Zweitens ist der Inhalt höchst belehrend und bildet, da er dem Leser eine so große Menge von Merkwürdigkeiten aus der Geographie, Länder-, Wölker- und Naturkunde vorführt, und seine bereits darin erlangten Kenntnisse auf eine eben so unterhaltende als belehrende Art erweitert und befestigt, und endlich werden in der anziehende» Beschreibung der großartigsten Kunstwundcr der Welt die Kräfte des Menschen in ihrer ganzen Große gezeigt. Um den großen Reichthum dieses Werkes darzulegen ist es genug, daß es die Beschreibung von 261 Natur- und Kunstwundern enthält, darunter: 26 Bergwunder, als Chimborasso, Wesuv, Montblanc, Montserrat rc.; 7 Felscnwunder; 54 Wasserwunder, als Nil, Amazonenfluß, Rhein, Donau, Elbe, Staubbach, Rheinfall, Niagara rc.; 48 Unterirdische Wunder, als 7 Erdbeben, 13 Höhlen, 8 Bergwerke lz. B. Wieliczka) rc.; 12 Meer- und Inselwunder, als Eisinscl, Mcerstrudel, Ebbe, Fluth rc.; 19 Wunder der Atmosphäre, als Meteore, Irrlichter, Stürme rc.; 47 Wunder des Thierreichs, als Elephant, Drang-Outang, Kolibri; 7 Pflanzenwunder, als Ba- niam-Kokusnußbaum; 19 Knnstwnnder der alten Zeit, als Pyramiden, Herkulanum, chinesische Mauer, Coliseum, Lrajanssäule, Porzellan- thurm; 27 Kunstwunder neuerer Zeit, als Pcterskirche, Straß, burger Münster, Casscler Riesenschlvß, Dampfmaschinen, Taucherglocken, Kriegsschiffe rc. rc.