Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 423
bestimmte Anklage nicht zu ihrem Zwecke kommen würdenund beschuldigten nun den edlen Gottgesandten, der erst kurzzuvor noch erklärt hatte, daß man dem Kaiser entrichtensolle, was ihm gebühre, daß er das Volk zum Aufruhregereizt und ihm gewehrt habe, dem Kaiser Steuern zu ent-richten, und daß er sage, er sey ein König. Durch diesefalsche Anklage bekam die Sache größere Wichtigkeit für denLandpfleger, weil dieser die Rechte seines Gebieters schützenmußte, und nun ward er genöthigt, eine Untersuchung an-zustellen.
Pilatus ging daher in seinen Palast, ließ Jesum vorsich bringen und fragte ihn: „Bist du ein König der Ju-
den?" Dagegen erwiederte Jesus, das könne Pilatus wohlnicht aus eignem Antriebe fragen, weil ihm gewiß nichtsvon einem durch ihn erregten Aufruhr bekannt geworden sey;sondern des Landpflcgers Frage könne nur die Folge derAnklage seiner Feinde seyn. Hierauf sagte Pilatus, er seykein Jude und wisse also nicht, was Jesus für Händel mitseinem Volke habe; - aber irgend Etwas müsse er doch ver-brochen haben, weil er von seinen Vorgesetzten bei ihm ver-klagt worden sey. Er möchte ihm also sagen, was er ge-than? Nun erklärte der erhabene Gottgesandte: „Mein Reichist nicht von dieser Welt. Wollte ich ein irdisches Reicherrichten, so würden meine Anhänger für mich kämpfen undmich vor meinen Feinden zu schützen suchen; allein das istnicht der Fall, weil mein Reich nicht von dieser Welt ist."— „Also bist du doch ein König?" sagte darauf Pilatus. —„Ja, erwiederte Jesus, ich bin ein König, aber nicht einirdischer. Ich bin dazu geboren und deshalb unter denMenschen erschienen, daß ich die Wahrheit bekannt machensoll. Wer ein Freund der Wahrheit ist, der leistet mir
Gehorsam und ist mir Unterthan." Aus diesen Wortenmerkte Pilatus wohl, daß von Jesu nichts'für seinen Kaiserzu fürchten wäre; deshalb sagte er: „Was geht mich die
Wahrheit an'." ging alsdann hinaus zu den Anklägern underklärte ihnen, daß er keine Schuld an Jesu finde. Alleindie Erklärung des Landpflegers fruchtete nichts. Jesu Feindebestanden auf der Hinrichtung des Schuldlosen und brachten