Wanderungen Jesu während seiner Leiden. 371
schlagen würde. Denn seine Widersacher traten immer keckerihm entgegen, zeigten ihre feindlichen Absichten immer deut-licher und dachten um so ernstlicher daran, ihn in ihre Ge-walt zu bringen, und ihn vor ein Gericht zu stellen, das ihmschon im voraus das Todesurtheil gesprochen hatte. Jetztkamen die Stunden, in denen das gefühlvolle Herz des er-habenen Gottgesandten auf das schmerzlichste verwundet wurde,in denen er aber auch sich in einer Größe zeigte, wie sie beidem gewöhnlichen Menschen nicht gefunden wird. GottesWille war sein Leitstern in den düstern Tagen der Trübsal;festes, kindliches Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, derAlles wohl macht, war der Stab, an welchem er sich auf-recht erhielt unter der schwersten Bürde der Leiden. Dabeiversäumte er die nöthige Vorsicht nicht, um nicht sich selbstseinen Feinden in die Hände zu liefern und so zum Selbst-mörder zu werden. Deshalb blieb er auch nicht des Nachtsin Jerusalem, wo Gefahr ihm drohte, sondern nachdem erin dem Tempel gelehrt und sein Tagewerk vollbracht hatte,kehrte er nach Bethanien zurück, wo treue Freundschaft einensichern und ruhigen Aufenthalt ihm bot.
Wir benutzen aber hier die sich darbietende Gelegenheitum uns mit der nächsten Umgebung von Jerusalem bekanntzu machen, von welcher bisher noch nicht die Rede gewe-sen ist.
Wenn man von Jerusalem morgcnwärts sich wendet,um nach Bethanien zu gehn, so steigt man in das ThalJosaphat hinab, das sich von Mitternacht nach Mittaglängs der Morgcnseite der Stadt hinzieht und den BergMoriah von dem Oelberge trennt. Es ist ohngefähr einekleine Stunde lang und 200 Schritte breit. Durch die Zer-störung der Stadt und des Tempels hat der mitternächtlicheTheil dieses Thales von seiner frühern Tiefe, Breite undFruchtbarkeit viel verloren, weil die Trümmer in dasselbehinabgeworfen wurden; daher erscheint es hier auch öde; abergegen Mittag erweitert es sich und gewährt da einen ange-nehmen Anblick, weil es hier Weinberge und Baumgärtenenthält. Nach der Vorstellung der Juden soll in diesem Thaledas jüngste Gericht gehalten werden (Jocl 3, 17.), wozu
24 *