Reisen Jesu der zweiten Periode rc. 207
ländischer Sitte, ihre Dankbarkeit. Sie hatte nämlich früherkein sittlich reines Leben geführt und wahrscheinlich dadurcheine Krankheit sich zugezogen, von welcher sie durch Jesum ge-heilt worden war. Zugleich war aber mit ihrer Heilung auchdas Sehnen nach einem reinern Leben in ihr erwacht, undi durch Jesu Belehrungen und Ermunterungen war sie der Tu-gend wieder zugeführt worden. Daher fühlte sie sich nunihrem edlen Wohlthäter doppelt verpflichtet, und deshalb eiltesie, als sie von dessen Anwesenheit Kunde bekommen hatte,hin mit einem Gefäß voll wohlriechender Salbe, die bei denJuden sehr beliebt war und zu der man verschiedene gewürz-hafte Kräuter und Pflanzentheile/als Narben, Safran, Zimmt,Aloe, Myrrhen verwendete, trat hinten zu seinen Füßen, be-netzte diese mit ihren Thränen, die Reue und Dankbarkeit ihrauspreßten, trocknete sie mit ihren Haaren ab; bedeckte sie mitKüssen und salbte sie hierauf mit der herbeigebrachten Salbe.Dieses konnte sie um so leichter, weil die bei der Mahlzeitauf dem Polster Sitzenden sich auf den linken Arm stützten,die rechte Hand hingegen zum Essen frei behielten, und dieFüße im Knie zurückgebogen hinter sich hinausstreckten, umdem Nachbar desto mehr Raum zu gewähren, der nun mitseinem Kopfe in die Nähe der Brust seines Vormannes kam.Auch pflegte man die Sandalen abzulegen, ehe man sich zuTische setzte.
Da die Pharisäer die Nähe übel berüchtigter Personensorgsam vermieden und dieselbe für verunreinigend hielten, sofiel es iem Pharisäer Simon auf, daß Jesus das Verfahrender Frau sich so ruhig gefallen ließ und meinte spöttisch: derscheint mir der rechte Prophet, da er nicht einmal weiß, wasdas für eine Frauensperson ist. Jesus aber beeilte sich, des»sen Urtheil zu berichtigen, und erklärte, daß sie aus Dankbar-keit ihm das erzeige, was jener als Wirth ihm nicht erwiesenhabe. Denn es war gewöhnlich, daß der Hauswirth seinenGästen nach ihrem Eintritte in das Haus, durch einen Dienerdie Füße waschen, auch wohl salben ließ, und daß er seineFreunde küßte. Simon hatte jenes wahrscheinlich nicht ge-than, weil er sich als einen Vornehmer» betrachtete und alsein solcher meinte, daß die Geringern, die zu ihm kamen, sich