Reisen Jesu der ersten Periode rc. 151
werden mußten. Das Blöcken des Viehes und das Gctösder mit Kauf und Verkauf beschäftigten Leute, welches einemJahrmarktsgetöfe gleichen mochte, schallte leicht auch in dieinnern Vorhüfe hinüber, wo der eigentliche Gottesdienst »er-richtet wurde, und konnte die Andacht stören und entheiligen.Schon in heidnischen Tempeln drang man auf Stille und ge-stattete kein Geschwätz oder andern Lärm. Auch erlaubten sichdie Krämer und vorzüglich die Wechsler manche Vervorthei-lung derer, die bei ihnen Geschäfte machten, was an sich schonunrecht, hier am wenigsten statt finden sollte. Daher geriethJesus in Unwillen und trieb mit Stricken, die er aufgerafftund zusammengefaßt hatte, alle Krämer und Wechsler ausdem Vorhofe des Tempels hinaus. Ein jeder fromme Judehatte nämlich das Recht, für die Heilighaltung des Tempelszu eifern; dem Messias aber maß man dieses Recht um somehr bei, und da Viele schon Jesum als den Messias betrach-teten, so fiel seine Handlung um so weniger auf. Auch hat-ten die Juden vor jedem ihrer Religionslehrer überhaupt diegrößte Ehrerbietung; so daß sie also dem, was Jesus that,nicht zu widerstreben wagten. Einigen mochte aber doch JesuHandlung aufgefallen seyn; sie mochten von ihm Nachtheilfür ihre bisherige Religionsverfassung fürchten und daher eineErklärung von ihm gefordert haben; worauf JesuS in einemGleichnisse ihnen erwiedert, daß, wenn die alte Religionsver-fassung der Juden aufgehoben würde, er in Kurzem ihneneine neue und bessere geben wolle; was aber selbst von seinenJüngern mißverstanden wurde.
Während seines Aufenthaltes in Jerusalem bekam Jesusauch einen Besuch von -Nikodemus, einem Beisitzer des ho-hen Rathes, welcher der pharisäischen Sekte zugethan undRabbine war. Er hatte keine böse Absicht, als er Jesumaufsuchte, sondern wurde von dem Dränge seines Herzens undaus Wißbegierde zu ihm geführt; daher kam er auch bei Nacht,um wegen seines Standes und Amtes nicht als Jesu Anhän-ger zu erscheinen. Wahrscheinlich hatte er von dem Gottes-reiche gehört, das Jesus gründen wollte, und dieses wünschteer näher kennen zu lernen. Daher spricht Jesus auch haupt-sächlich mit ihm über die innere, geistige Umgestaltung und